Exit-Game: Escape Dysturbia – Mörderischer Maskenball

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Dysturbia ist ein Moloch, eine Stadt voller Gangster und korrupter Polizisten, eine Stadt direkt aus einem Film Noir. Dyscover ist eine Detektei, die letzte Bastion des Guten – und euer Team. 

Mörderischer Maskenball ist der Auftakt einer hoffentlich ganzen Reihe von Exit Games, die in Dysturbia angesiedelt sind. Bisher habe ich die EXIT-Reihe von Kosmos gespielt und die auch sehr gerne, aber fast alle Fälle sind gleich aufgebaut: Du und deine Gruppe kommen irgendwie in eine Hütte / ein Schloß / eine Station / eine Burg und jemand / etwas sperrt euch ein. Du hast 60 Minuten, um wieder rauszukommen. Je mehr man davon spielt, desto schneller versteht man die Rätsel und die Möglichkeiten. Sie sind immer noch gut, aber es ist keine Geschichte, die erzählt wird.

Die Leute hinter Dysturbia sind Verlagsmenschen von homunculus, Geschichtenerzähler. Dysturbia baut genau darauf auf. Alle Rätsel sind um die Geschichte des Ermittlerteams gebaut und geben dem Spiel einen guten Rahmen und die Möglichkeit, mehr als einen Raum zu bespielen. Das erinnert mich immer wieder an T.I.M.E. Stories.

Das Film Noir Klischee samt passender Charaktere passt gut in das Spielerleben, wenn man sich darauf einlässt. Wir sind zu dritt und brauchen knapp 75 Minuten. Manche Rätsel sind fast beleidigend einfach, einige andere dagegen Machen uns staunen. Besonders das immer weiter fortführen der Handlung gibt dem Spiel einen neuen Dreh. Zusätzlich haben sich Leute von homunculus ein paar sehr schöne Kniffe einfallen lassen, sodass das Spiel über sich hinauswächst und auch schon vorausgreift auf den hoffentlich bald erscheinenden nächsten Teil.

Wir hatten Spaß und ein schönes Gemeinschaftsgefühl, aber ich glaube, man sollte nicht mehr als vier Leute sein, sonst könnte es für den ein oder anderen langweilig werden. Dazu gibt es in der App, aber auch im Spiel ein paar kleine Kinderkrankheiten, die sich hoffentlich bald ausmerzen. So fände ich es beispielsweise schön, wenn die App gleich auch einen Soundtrack liefert und uns als Spieler noch tiefer in die Welt holt. Aber es gibt eben ganz viel, das richtig gemacht wurde, unter anderem auch die Möglichkeit, alle Dinge, die während des Spiels zerstört werden, zu ersetzen, sodass andere Menschen noch Spaß am Spiel haben können.

Escape Dysturbia: Mörderischer Maskenball ist ein tolles Spiel, eine sehr schöne Abwechslung zu den existierenden Exit-Games, die kleinen Ungereimtheiten und Fehler sind verzeihbar, sofern sie gelöst werden.

Escape Dysturbia: Mörderischer Maskenball erschien beim homunculus verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexeplar zur Verfügung gestellt.

Was übrig bleibt: „Ohne dem nachsichtigen Lächeln meiner Eltern nahe treten zu wollen, war für mich das jedenfalls der…“

“Ohne dem nachsichtigen Lächeln meiner Eltern nahe treten zu wollen, war für mich das jedenfalls der wahre Grund, warum ich ein Nachtlicht brauchte: Es sorgte dafür, dass sich die Welt weiterdrehte.”

Hinter sich lassen, was man schon ganz schön weit hinter sich hat – David Foster Wallace
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Bericht: John Butler am 22.10 in München

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Etwa 2003 drückte mir eine Freundin ein paar CDs in die Hand. Seitdem begleitet John Butler mich, die ersten drei Platten höre ich bis heute gern. Machen mich Lächeln, drehen meine positive Seite auf. Damals habe ich John Butler auch zweimal live gesehen, einmal in einem 300 Mann Club, einmal auf einem Festival, auf dem ziemlich viele nichts mit ihm anfangen konnten. Unterschiedlicher konnten die Konzerte nicht sein.

Jetzt sind acht Jahre vergangen, ein paar Alben erschienen und als es hieß, John Butler kommt nach München, war ich mir nicht sicher, ob ich dort hinwollte. Weil ich die neuen Sachen nicht kenne und nicht das Gefühl aufkommen könnte, das ich beim Hören der alten Sachen habe. Dann schrieb eben jene alte Freundin, dass sie hingehen würde. Also gehen wir.

Zwei Tage vor dem Konzert geht die Nachricht rum, dass der Schlagzeuger der Band, Grant Gerathy, im Krankenhaus liegt.

Anstatt die Konzerte abzusagen und somit die Fans zu enttäuschen, hat John Butler beschlossen, lieber mit seinen deutschen Fans in Kontakt zu treten und diese drei Konzerte im Rahmen einer ganz besonderen Solo-Show zu spielen.
Wir wollten alle Ticketinhaber über diese Situation informieren und freuen uns darauf, sie in den kommenden Tagen zu sehen. Sollte ein Ticketinhaber eine Rückerstattung des Tickets bevorzugen, möchte dieser bitte nicht am Konzert teilnehmen, sondern sein Ticket behalten, so dass eine Rückerstattung durch die jeweilige Vorverkaufsstelle in der nächsten Woche erfolgen kann.
„Wir wünschen Grant eine schnelle Genesung, dennoch wollte ich die Konzerte auf die bestmögliche Art und Weise würdigen, indem ich komme und Songs aus Home, Ocean und Euren Lieblingssalben spielen werde. Ich hoffe, ihr werdet uns an diesen ganz besonderen Abenden begleiten“ John Butler

Natürlich gehen wir. Und ich wünsche Grant Gerathy die beste Genesung. Aber gerade durch die Umstände wird das Konzert besonders. John Butler ist normalerweise schweigsam, ganz allein auf der Bühne erzählt er aber immer wieder, macht Witze und improvisiert. Und er spielt ganz viele alte Lieder.

Ich weiß nicht, wie viele Karten zurückgegeben werden. Die Tonhalle scheint gut gefüllt und trotzdem fühlt es sich intim an. Wie eine kleine Runde von Freunden, die gemeinsam alte Song spielen. Geil.

Auch wenn der Sound nicht sauber ausgesteuert ist, die Feinheiten von John Butlers Spiel oft in einem zu lauten Klirren untergehen, die Stimmung ist gut, der Abend wunderschön und voller Erinnerungen. Gerne wieder.

Frankfurter Buchmesse 2018, was übrig bleibt

Die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt sind Literaturwurmlöcher. Für ein paar Tage kommen Menschen zusammen, die zwar alle ein Herz (und/oder einen Geldbeutel) für Geschichten haben, aber normalerweise so verteilt sind, dass ich sie kaum besuchen kann. Deshalb ist Buchmessezeit so voller Treffen, neuer Menschen, toller Bücher und schönen Begegnungen, dass ich nach ein paar Tagen schon nicht mehr weiß, was alles passiert ist.

Gleichzeitig ist Buchmesse auch immer lernen, demütig zu sein. Es gibt so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten. Wie suchen wir die Richtige aus? Was kann ich dazu beisteuern? Kann ich überhaupt?

Ganz viele Gespräche in diesen Fünf Tagen haben irgendwann einen Moment von ‚wir sollten zusammen‘. Ich sage, ja, ja! Und weiß, dass nie alles funktioniert. Was also übrig bleibt?

Ich habe fünf Tage lang gelesen, gelacht, umarmt, Menschen wiedergetroffen und neu kennengelernt und vier Mal Pizza gegessen, bin 56 Kilometer gelaufen und voller Bücher, Eindrücke, neuer Freundschaften und Erinnerungen nach Hause gekommen. Ich habe getanzt, gelächelt und umarmt, habe ganz viele Ideen und Möglichkeiten, von denen ich noch nicht weiß, welche irgendwann Realität werden. Und ich merke immer wieder neu, warum ich in dieser Branche bin. Warum ich Geschichten erzähle.

So schön. Danke, Bis zum nächsten Mal, Lächeln, Fabian.

Was übrig bleibt: „Ich liebte Carter mittendrin, anfangslos.“

“Ich liebte Carter mittendrin, anfangslos.”

Carter – Ally Klein
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Bilderbuch: Schieb den Wal zurück ins Meer! von Sophie Schoenwald und Lea Johanna Becker

Denn es war so: Ich stand am Strand und vor mir lag ein Wal.
Er lebte noch, ich war allein, es war so eine Qual.
Ich bin nicht der Stärkste, das Tier war tonnenschwer,
Und die Wellen haben gerufen
Schieb den Wal zurück ins Meer!

Aus „Walkampf“ von den Toten Hosen

Zuerst musste ich an die Toten Hosen denken. Dann an Frederick. Schieb den Wal zurück ins Meer ist eine Mischung aus beidem, die Geschichte einer kleinen Maus, die versucht, den Wal zurück ins Meer zu bekommen. Eine Geschichte über die Möglichkeit des Unmöglichen. Über Zusammenhalt und Respekt.

Sophie Schoenwald hat sich bei diesem Buch für gereimten Text entschieden. Ich habe meine großen Probleme mit Lyrik und es gibt nur wenige leuchtende Beispiele, die für mich funktionieren. In diesem Fall ist die Geschichte als Gedicht ganz nett, ich glaube, ohne den aufgesetzten Rahmen, dass sich alles reimen muss, hätte es noch feiner, noch passender werden können. Aber in diesem Buch ist der Text auch nur Nebensache.

Schieb den Wal zurück ins Meer ist das erste Ergebnis des Boje Förderprojektes für junge Illustratoren, bei dem Kommunikationsdesignstudierende der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin um den Text ihre Illustrationen bauen konnten. Die Version von Lea Johanna Becker wurde gedruckt, wie das Buch noch hätte werden können, sieht man auf der Seite.

Genauso spannend wie das Buch selbst ist, wie unterschiedliche Köpfe diese Geschichte bebildern. Auffällig bei Lea Johanna Becker finde ich die Lebendigkeit ihrer Scherenschnitte abfotografierter Oberflächen. Ich habe beim Betrachten der Bilder das Gefühl, ein Bild eines Filmes zu sehen, die Bewegung der Tiere, der ganzen Welt zwingt sich mir auf. Ich finde es noch nichtmal die schönsten Illustrationen, aber diese Form von Lebendigkeit finde ich extrem spannend. 

Eine nette Geschichte und faszinierende Illustrationen, ich würde gern wissen, wie ich als Kind darauf reagiert hätte. Und ich freue mich darauf, was durch dieses Förderprojekt sonst noch passiert.

Schieb den Wal zurück ins Meer von Sophie Schoenwald und Lea Johanna Becker erschien bei Boje. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

10 Jahre MacBook

2006 kaufte ich mir ein gebrauchtes iBook G4, mein zweiter Laptop überhaupt und mein Einstieg in die Applewelt. Leider ging der Rechner schon 2008 gut in die Knie, besonders mit einem externen Monitor und Audiointerfaces. Ich mochte das Betriebsystem und wollte nicht zurück zu Windows, aber die bis Mitte 2008 erschienenen Rechner von Apple empfand ich nicht als besser genug, um zu wechseln. Bis im Oktober 2008 dieses Macbook rauskam. Aluminium statt Plastik, LCD-Display und ein Touchpad ohne extra Maustasten, dieses MacBook machte einen großen Schritt nach vorne und hat Dinge in die Laptopwelt gebracht, die danach zum Standard wurden.

Ich sah damals die Ankündigungen, war begeistert und bestellte direkt. Der Rechner kam, ich war begeistert und gleichzeitig besorgt, vorschnell gehandelt zu haben. Vielleicht steckten noch Kinderkrankheiten in dieser ersten Generation der Aluminium-Unibodys oder ich hatte ein Montagsgerät erwischt. 

Zehn Jahre später sind diese Sorgen schon länger vergangen, die Begeisterung dagegen ist geblieben. Diese Baureihe war eine der letzten, die relativ einfach aufschraubbar und erweiterbar waren. In zehn Jahren habe ich einmal den Akku und das Netzteil ausgetauscht, musste einen der internen Lausprecher ‚reparieren‘, weil die Membran gerissen war, habe den Computer mit einer SSD und 8 GB Ram ausgestattet und ich verwende ihn bis heute jeden Tag.

Nicht mehr mit der aktuellen Version des Betriebsystems, nicht ewig ohne Strom und leider ohne Tastaturbeleuchtung – ich hätte damals nie gedacht, dass er so lange hält, sonst hätte ich den Mehrpreis dafür sofort bezahlt – aber so schnell und stabil, dass für meinen Alltag immer noch total ausreichend ist.

Ich habe Angst, dass irgendwann und vollkommen gerechtfertigt irgendein Teil kaputt geht, das ich nicht reparieren kann. Und dann weiß ich nicht, was als Nachfolger kommen könnte. Weil ich immer noch das Betriebsystem sehr mag, ich aber wie damals nicht finde, dass in diesen zehn Jahren irgendwas Großartiges hinsichtlich der Hardware passiert ist. Mehr noch, würde ich mir heute einen Laptop von Apple kaufen, wäre die Reparatur oder ein Upgrade ungleich schwerer bis unmöglich. Kein Rechner würde also so lange halten, wie der Aktuelle. 

Deshalb: Happy Birthday, liebes MacBook. Ich hoffe, du bleibst mir noch eine ganze Weile erhalten.

Buch: Scharfstellung von Heike Melzer

In meiner Praxis für Paar- und Sexualtherapie bekam ich vor ein paar Monaten einen Anruf mit unterdrückter Rufnummer.

Der erste Satz aus Scharfstellung

Heike Melzer tritt selbstsicher und imposant auf und sie braucht es mir nicht sagen, ich verstehe, dass sie weiß, wovon sie redet. Vor Kurzem hat sie bei TEDxStuttgart einen Talk gehalten, eine Kurzfassung dessen, was sie in ihrem Buch beschreibt: Die Abspaltung der Lust von der Liebe, angeheizt und ermöglicht durch Internet, Pornografie und Sexspielzeuge, samt der Gefahren, die damit einhergehen.

Es geht um Sex und es geht uns alle an und die Infos, die Heike Melzer in ihrem Buch liefert, sind spannend, keine Frage. Es sind auch Dinge, über die wir reden sollten. Ich finde dieses Buch aber leider nicht den besten Weg dafür.

  • Heike Melzer schreibt zum ersten Mal ein Buch und ist unsicher darüber, wie man einen Leser anspricht. Ich verstehe, dass man dieses Thema weder beschämt, noch zu ernst angehen will und Humor mit reinnimmt. Über diesen stolpere ich in diesem Buch. Er nimmt mich immer wieder aus dem Thema. 
  • Heike Melzer sagt zwar immer wieder, dass sie die Entwicklungen und all die Themen, die sie anspricht, nicht bewerten will, sondern nur beobachtend beschreiben will, ihre Sprache ist aber durchweg wertend. So gibt es Sätze wie „Sinnvoll eingesetzt kann Pornografie auch eine Partnerschaft bereichern […]“ (S.49).
    Ich finde eine Wertung und die Sensibilisierung, die Heike Melzer vornehmen will, nicht problematisch. Dann brauche ich aber auch nicht lesen, dass sie nicht werten will.
  • Wie schon gesagt, Heike Melzer erzählt extrem spannende Dinge und wirft dabei auch sehr sehr viele Zahlen in den Raum. Manchmal wird die Quelle im Text erwähnt, aber ich hätte mehrmals gern ein Verzeichnis gehabt, eine Sammlung aller Belege. Es gibt einen kurzen Anhang mit weiterführenden Büchern und Seiten und dann gibt es eine ziemlich ausführliche Literaturliste online. Aber es gibt nicht ein ‚diese Zahl kommt daher‘.
  • Und als letztes: Das Buch hätte mindestens einen weiteren Korrekturdurchgang gebraucht. Neben dem unsicheren Stil sind ganz viele Textpatzer drin, sich viel zu oft wiederholende Wörter und Bilder, die nicht stimmig sind. Keine Rechtschreibfehler, aber Unsauberkeiten, die für mich einen ähnlichen Effekt haben. Sie verwässern den Inhalt des Buches.

Ich habe mich ein paar Mal mit Heike Melzer über ihr Thema unterhalten und ich finde es wichtig und erzählenswert. Aber dieses Buch ist für mich nicht so stark, wie es sein könnte und sollte. Und das finde ich schade. Tatsächlich sind viele Menschen anderer Meinung. Das ist ja das Schöne an Meinungen.

Scharfstellung von Heike Melzer erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bericht: TEDxStuttgart 2018

Diesen Samstag fand die diesjährige Ausgabe von TEDxStuttgart statt. Vor zwei Jahren durfte ich meinen eigenen Talk halten, letztes Jahr habe ich bei der Speakersuche und ihrem Coaching geholfen und dieses Jahr durfte ich das Event moderieren.

Neun Speaker, fünf Englischsprachige, vier Frauen. Knapp ein Jahr lang arbeitet ein Team an Ehrenamtlichen daran, diesen einen Abend großartig zu gestalten. Aber ein so komplexer Abend heißt in meiner Erfahrung immer, dass mehrere Dinge nicht laufen, wie geplant und vieles improvisiert werden muss. Das gehört bei solchen Veranstaltungen dazu.

Der Samstag aber funktionierte einfach. Natürlich klappten ein paar Dinge nicht. Aber in so einem geringen Maß, dass der Abend einfach gut durchlief. Alle Speaker waren da und waren überragend. Wir haben den Zeitplan mehr als eingehalten. Das Publikum war gutgelaunt, die Stimmung war großartig und wohlwollend.

All das hat meinen Job einfach gemacht. Zwischen großartigen Talks auf die Bühne zu gehen, die Leute einmal kurz zum lachen zu bringen und auf das nächste Thema einzustimmen, hat nicht nur funktioniert, sondern extrem viel Spaß gemacht.

Schade, dass ihr nicht dabei wart. 

Von mir gibt es keine Videoaufnahmen. Aber von den Speakern. Hier die gesamte Playlist.

Roman: Walkaway von Cory Doctorow

Hubert Vernon Rudolph Clayton Irving Alva Anton Jeff Harley Timothy Curtis Cleveland Cecil Ollie Edmund EliWiley Marvin Ellis Espinoza war zu alt, um auf einer kommunistischen Party zu sein.

Der erste Satz aus Walkaway

In einer Welt, in der man fast alles mit Sonnen- und Windenergie, einem 3D-Drucker und den richtigen Plänen ausdrucken kann, sind Programme, Pläne und Lizenzen das große Geschäft. Ein paar wenige verdienen daran richtig gut, alle anderen krebsen herum.

Hubert, Seth und Natalie beschließen, diese Gesellschaft hinter sich zu lassen und wegzugehen (‚Walkaways‘). Aber die Gesellschaft findet das gar nicht so cool.

Eigentlich ist es egal, worum es geht. Seit knapp zehn Jahren inspirieren und unterhalten mich Cory Doctorow und seine Romane. Er schreibt keine literarischen Meisterwerke, aber unterhaltsame, intelligente Geschichten, die sehr nah an unserer Realität liegen und oft sowas wie Bedienungsanleitungen für unser digital geprägtes Leben sind.

Homeland geht ein paar Jahre weiter in die Zukunft, eine Weiterentwicklung der Gedanken in Little Brother und besonders in Makers.

Doctorow schreibt einfach und spaßig, sodass ich schnell durch die 700 Seiten komme. Dennoch ist der Inhalt extrem komplex und regt zum Denken an. Wie wollen wir in Zukunft leben? Welche Möglichkeiten geben uns all die Dinge, die sich immer weiter in unseren Alltag drängen? Und wie gehen wir mit ihnen um? Zwischen zwei Serien kann man dieses Buch sehr gut konsumieren, sich Gedanken machen und sich unterhalten lassen.

Eigentlich schon genug gesagt über dieses Buch. Aber Doctorow macht in diesem nebenbei eine ziemlich spannende Sache: Der Aufbruch jeglicher Heteronormativität. Junge trifft auf Mädchen trifft auf Mädchen trifft auf Hermaphrodit und wieder zurück. Dass eine der Hauptfiguren schwarz ist, wird nach Dreiviertel des Romanes im Nebensatz erwähnt. All diese Vielfalt geschieht ohne Kommentar und ist so selbstverständlich, dass es mir – in unserem Alltag und unserer aktuellen Gesellschaft – auffällt. In einer ganz skurrilen Art. Weil ich nicht will, dass diese Vielfalt, diese Pannormativität irgendetwas anderes ist, als Normalität. Wir als Gesellschaft aber noch nicht so weit sind.

Ähnliches macht Doctorow auch mit Genussmitteln. Die Protagonisten des Buches rauchen immer mal wieder Meth und ich zucke beim Lesen zurück und warte auf irgendeine Erläuterung, irgendeine Erklärung oder Warnung oder sonst was, die aber nie kommt.

Noch eine andere Sache muss ich erwähnen, weil sie mich extrem, wirklich extrem genervt hat: Die deutsche Ausgabe des Romans hat einen riesigen Patzer im Klappentext. Es gibt drei oben genannte Hauptfiguren in diesem Roman: Natalie, Seth und Hubert. Hubert hat 20 Vornamen und wird deshalb Hubert Ecetera genannt. Im englischen Klappentext steht also:

In a world wrecked by climate change, in a society owned by the ultra-rich, in a city hollowed out by industrial flight, Hubert, Etc, Seth and Natalie have nowhere else to be and nothing better to do. (…)

Auf der deutschen Ausgabe steht:

(…) Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. (…)

Ich habe 700 Seiten gelesen, immer irritiert und in der Erwartung, wann endlich diese vierte Person auftaucht. Nur um danach zu verstehen, dass dies schlicht falsch ist. Das hat eigentlich nichts mit dem Roman zu tun, beeinflusst das Leseerlebnis aber extrem. Auf eine Art, die nicht sein muss. 

Walkaway ist eine spannende Zukunftsvision, utopisch und dystopisch zugleich, die leicht zu lesen und schwer zu verdauen ist. Ein Buch, dass seine Sache richtig gut macht, mal vom deutschen Klappentext abgesehen.

Walkaway von Cory Doctorow wurde übersetzt von Jürgen Langowski und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Buch der Zahlen von Joshua Cohen

Verpisst euch doch einfach, wenn ihr dies am Bildschirm lest!

Der erste Satz aus Buch der Zahlen

Joshua Cohen ist ein jüdischer und erfolgloser Schriftsteller, der sich irgendwie durchs Leben schlägt, bis er den geheimen Auftrag erhält, als Ghostwriter die Memoiren von Joshua Cohen zu schreiben, Internetmilliardär, Medienmogul und fiktionale Vereinigung von Steve Jobs und den Google Gründern Larry Page und Sergey Brin (glaube ich).

Darum geht’s in diesem Buch. Nun heißt der Typ, der das geschrieben hat, auch Joshua Cohen. Und das ist nicht das sonderlichste an diesem Werk. Das Buch setzt sich zusammen aus Blogbeiträgen, erzählter Prosa, Abschriften von Telefongesprächen, eine irre Mischung aus Sprachgewirr, inhaltlichen Verknüpfungen und Referenzen in unsere Welt, immer wieder so explizit, dass ich die Grenze zwischen Fakt und Fiktion nicht immer finden konnte. 

Das Buch ist kein Spaziergang, es ist eine Bergbesteigung. Es ist nicht leicht, reinzukommen und ich muss immer wieder Energie aufwenden, um die ersten 100 Seiten dranzubleiben, mich durch Absätze ohne Punkt und Komma, ohne Großschreibung und Grammatik kämpfen – Kudos an Robin Detje, den Übersetzer, dieses Ding in eine andere Sprache zu bringen, ist eine viel zu wenig beachtete Leistung – um letzten Endes die restlichen 650 Seiten in zwei Tagen durchzulesen.

Der Klappentext nennt das Buch „Autobiografie, Familiengeschichte, Ghostwriting für Anfänger, Silicon-Valley-Historie, internationaler Thriller, Sexkomödie“ und bis auf die Sexkomödie finde ich all das in diesem Roman wieder. Es ist ein Spiel mit der Sprache, mit der Geschichte und unserer Zeit, es verlangt viel, aber wenn du drin bist und durchkommst, ist es unglaublich geil. Wie übrigens auch das Cover, gestaltet von Suzanne Dean, ursprünglich für die britische Ausgabe.

Es ist mein erstes Buch von Joshua Cohen. Ein Glück gibt es mehr.

Buch der Zahlen von Joshua Cohen wurde übersetzt von Robin Detje und erschien bei Schöffling & Co. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wie Nina George und der VS unser Internet kaputt machen

Das EU-Parlament hat für eine dubiose Urheberrechtsreform gestimmt, und ich finde es ziemlich scheiße, weil es komplett gegen meine Vorstellung von einem freien Internet und von Kreativität geht. Noch viel schlimmer aber ist die Freude von Nina George und des Verbands der Schriftsteller (VS).

Vor zwei Jahren hielt Nina George eine Rede bei den Leipziger Buchtagen, die extrem polemisch und problematisch war und tatsächlich nur dazu diente, Menschen Angst zu machen. Seitdem wird Frau George in Schriftstellerkreisen als Sprachrohr der armen und ausgebeuteten Schriftsteller gesehen und ist in dieser Funktion Mitglied des Bundesvorstandes des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und Beauftragte für das Ressort Urheberrecht. Wie im oben verlinkten Artikel ausgeführt, finde ich ihre Argumentation sehr gefährlich.

»Seit siebzehn Jahren warten Europas Kreativschaffende und ihre Branchenpartner auf eine rechtliche Grundlage für gerechte Vergütungen bei der Nutzung ihrer Werke im Internet. Die Entscheidung des Parlaments ist ein dreifaches Ja: zur Verantwortung, zur Kulturvielfalt im Internet, aber auch zum Schutz und zur Freiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher«, so Nina George, Mitglied des Bundesvorstandes und Beauftragte für das Ressort Urheberrecht.

Aus der Pressemitteilung des VS

Die Urheberrechtsreform wird hier als große Neuerung und Verbesserung angepriesen, und scheinbar gibt es besonders unter den schreibenden Menschen die Hoffnung, endlich von ihren Werken leben zu können. Ich glaube, dass Nina George genau deshalb so viel Zustimmung erfährt. Jeder will endlich für seine Werke gerecht entlohnt werden, und diese Reform soll das richten. Aber das wird nicht passieren.

Wir brauchen nicht darüber reden, dass Diebstahl und Piraterie illegal sind und nicht passieren sollten und wir Wege finden müssen, diese zu unterbinden oder wenigstens für Nutzer unattraktiv zu machen. Aber die Lösungen, die in der aktuellen Reform angesprochen werden, werden nicht funktionieren.

Die „gerechte Vergütung“ soll einerseits über das Leistungsschutzrecht erreicht werden, andererseits über die Inpflichtnahme der sozialen Netzwerke und Plattformen, die von Usern hochgeladenen Dateien vorab auf Urheberrechtsverletzungen zu überprüfen und die Veröffentlichung zu unterbinden. Im folgenden Uploadfilter genannt.

Uploadfilter sollen also verhindern, dass illegale Dateien verbreitet werden. Ein Algorithmus entscheidet, ob die hochgeladene Datei eine Urheberrechtsverletzung darstellt. Ähnliche Filter setzen YouTube, Instagram und Facebook schon länger ein, um beispielsweise Bilder von weiblichen Nippel zu unterbinden. Problem ist: Bisher gibt es keinen Algorithmus, der das richtig kann. Stattdessen bremst YouTube eine Kampagne gegen Sexismus aus, und Facebook löscht nicht nur „echte“ Nippel, sondern weist auch Bilder von Kulturgütern wie alten Gemälden ab, sodass es Museen erschwert wird, sich in den sozialen Medien und nah an einer jungen Zielgruppe zu vermarkten.

Es wird noch lange keinen Algorithmus geben, der zwischen einem Zitat, eine Parodie, einem Remix oder eben einer wirklichen Verletzung unterscheiden kann. Angesichts der hohen Strafen für die Plattformen bei Verletzung des Gesetzes werden diese ihre Filter eher schärfer einstellen und lieber zu viel filtern. Das bedeutet vielleicht weniger illegale Kopien geschützter Werke in den sozialen Netzwerken. Das bedeutet aber auch, dass beispielsweise gifs nicht mehr hochgeladen werden können, wir im Zweifelsfall keine Bilder von schönen Buchcovern mehr machen können, mit denen wir unsere Instagramkanäle füllen und Frau George keine Werbung mehr für schreibende Kolleginnen unter dem Hashtag #Autorinnenzeit machen kann, weil diese Screenshots als Urheberrechtsverletzung gedeutet werden könnten.

Gewiss, auf einigen Plattformen könnten weniger illegale Kopien zu finden sein. Aber eben auch alles andere, das unsere Art, zeitgemäß zu kommunizieren ausmacht. Und es bedeutet nicht, dass es keinerlei Piraterie mehr gäbe. Weil die Verteilung über diese Plattformen nur einen Teil der Vertriebswege ausmacht. Die Portale, die schon jetzt nur für die illegalen Kopien existieren, werden sich nicht an dieses weitere Gesetz halten. Und wenn jemand etwas illegal und kostenlos haben will, wird er einen Weg finden.

Das Leistungsschutzrecht, welches nun EU-weit eingeführt werden soll, gibt es schon seit 2013 in Deutschland. Es sollte dazu führen, dass Verlage und Autoren besonders von Google an den Werbeeinnahmen beteiligt werden, die Google durch die Verwendung von Textabschnitten (Snippets) und Verlinkungen generiert. Schon damals wurde davor gewarnt. Es wurde dennoch durchgesetzt. Google drohte damit, keine Links mehr zu den Medienhäusern und Verlagen zu setzen. Dann:

Kurz vor Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts wurde am 30. Juli 2013 bekannt, dass viele der stärksten Befürworter des Gesetzes, darunter die Verlage Axel Springer, Burda und FAZ, durch Annahme des von Google geforderten „Opt-In“ einer weiteren unentgeltlichen Listung in Google News zugestimmt haben.

Aus dem Wikipediaartikel

Heißt: Der Schaden für die Verlage wäre größer, wenn sie gar nicht bei Google auftauchen würden, als dass sie es kostenlos tun. Und dieses neue Gesetz soll nun in der ganzen EU dafür sorgen, dass die Verlage und Autoren mehr Geld bekommen? Meine Vorhersage: Google bekommt wieder seine Gratislizenz der meisten Verlage, weil sie es sich nicht leisten können, nicht von Google gelistet zu werden. Aber die Verschärfung führt dazu, dass kleinere Anbieter nicht mehr auf die Verlage verlinken werden. Im schlimmsten Fall kann ich bei einer Buchbesprechung nicht mehr auf den Verlag verlinken, weil ich nicht dafür zahlen kann und möchte. In meinen Augen verlieren die Verlage dadurch mehr, als sie verdienen könnten. Und selbst, wenn sie etwas verdienen sollten, gingen knapp zwei Drittel aller Einnahmen im deutschen Raum an die Axel-Springer-Gruppe. Es sind also mitnichten die kleinen (Buch-)Verlage und Autoren, die durch diese Regelung besser bezahlt werden würden. Eine von der EU-Kommission zurückgehaltene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das bereits existierende Leistungsschutzrecht der deutschen Medienlandschaft schadet und die Ausweitung desselbigen all das nicht besser macht.

Seit Monaten versuchen mehrere Gruppen, unter anderem unter dem Begriff #savetheinternet, auf genau diese Probleme hinzuweisen und zu warnen.

Der VS und Nina George nennen diese Aufklärung „Desinformationskampagne“ und „von Techgiganten inszenierte Meinungsmache“ und stellen diese „als Gefahr für demokratische Prozesse“ dar. Dabei ist es genau andersherum! Vielleicht werden ein paar illegale Vertriebswege gesperrt. Die „Anbieter“ werden sich neue suchen. Gleichzeitig aber wird vieles kaputt gemacht, was Teil des Internets ist, in dem ich mich gerne aufhalte und einen signifikanten Teil meiner Art zu kommunizieren darstellt. Dieser demokratische Dialog wird gestört.

Nicht falsch verstehen: Auch ich bin für eine Veränderung des Urheberrechts, für eine Unterbindung illegaler Aktivitäten und sehe die Macht großer Firmen kritisch. Es gibt viele verbesserungswürdige Dinge, Dinge für und gegen die wir uns einsetzen müssen. Aber nicht auf die Art und mit dem Kollateralschaden, den diese Reform mit sich zu bringen droht.

Die Buchbranche hat seit Jahren Angst um ihre alten und eingefahrenen Vertriebswege, und sie wiederholt die Fehler der Musik- und Filmindustrie. Sie klammert sich an jeden Versuch, auf irgendeine Art noch mit alten Strukturen Geld zu verdienen, statt sich der Aufgabe zu stellen, in unserem neuen Alltag Wege zu finden, das Buch zu vermarkten.

Die Freude von Nina George und des VS scheint mir ein Teil dieses Festklammerns zu sein. Das macht mich sehr traurig, weil ich mir von einem Verband schreibender Menschen mehr erhofft habe.

Was übrig bleibt: „Bei den meisten Menschen, die hoffen, wird die Hoffnung zerschmettert. Das ist realistisch. Aber…“

“Bei den meisten Menschen, die hoffen, wird die Hoffnung zerschmettert. Das ist realistisch. Aber jeder, dessen Hoffnung nicht zerschmettert wurde, begann als jemand, der Hoffnung hatte. Die Hoffnung ist der Eintrittspreis. Es ist und bleibt eine Lotterie mit beschissenen Gewinnaussichten, aber wenigstens ist es unsere eigene Lotterie.”

Walkaway – Cory Doctorow
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Bericht: Z2X18

Nach 2016, 2017 und dem Abstecher in Stuttgart bin ich zum vierten Mal auf dem Festival für neue Visionäre der Zeit. Es ist immer noch mehr Kongress als Festival, es werden jedes Mal mehr Menschen und immer noch, immer stärker fühlt es sich für mich an wie ein Familientreffen. 

Ich schaffe es dieses Jahr, nur am Samstag da zu sein. Also frage ich die Meeresbiologin Julia Duerschlag, wie der Müll ins Meer kommt und was wir dagegen tun können, arbeite mit Tizia und Michael von fairlanguage an einer gerechten Sprache und höre mir an, wie Vanessa und Minh Thu über ihren Rice and Shine Podcast reden und Fragen beantworten. 

Das ist schön, es macht alles Spaß und ich lerne viel. Aber 2 Stunden sind für solche Themen dann doch zu wenig, sodass oft dann immer noch das Gefühl bleibt, dass es – ob jetzt das Müllproblem oder die Sprache oder was auch immer – kompliziert ist.

Ist das der Mittelweg, damit wir mehr als einen Workshop mitnehmen können? Und trotzdem verpasse ich ja all die Sachen, die parallel passieren. Ich habe dafür keine Lösung, aber mir ist das aufgefallen. Und noch was anderes, ein Minderheiten-Mehrheitsdilemma, dass mir seit dem Wochenende nicht mehr aus dem Kopf geht. Kommt aber im extra Beitrag.

Trotzdem: Jedes Mal eine Freude. Dinge zu lernen, Menschen wiederzutreffen und neu kennenzulernen. Jedes Mal gerne wieder. Danke.

Roman: Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.

Der erste Satz aus Vom Ende der Einsamkeit

Jules wacht nach einem Unfall im Krankenhaus auf und rekapituliert sein Leben, seine Kindheit mit seinen Geschwistern und ohne Eltern, da sie früh ums Leben kommen. Beleuchtet Momente und holt Erinnerungen hoch, die sich verloren angefühlt haben. 

Dies ist mein erster Roman von Benedict Wells. Immer nur knapp zwei Jahre älter als ich, konnte ich an seinem Lebensweg den ablesen, den ich nicht eingeschlagen, aber immer beneidet habe. Weil ich mich nicht traute. Vielleicht auch, weil ich es nicht gekonnt hätte.

Deshalb wollte ich lange Zeit nicht in seine Bücher eintauchen, deshalb las ich dieses wohl auch mit einem überkritischem Blick, der mich im ersten Drittel des Romanes noch auf ein paar Kleinigkeiten aufmerksam machte. Zwei, drei Vorahnungen im Sinne von ‚wenn ich damals schon gewusst hätte, dann…‘, die unnötig sind. Auch gibt es ein Kapitel in dem die Erzählperspektive wechselt und für einen kurzen Moment nicht mehr ein Mann in Gedanken sein Leben abspielt und wir in seinem Kopf dabei sein, alles miterleben dürfen, schambefreit und unzensiert, sondern wir als existenter Leser angesprochen werden und für dieses Kapitel dem Erzähler klar ist, dass wir da sind und ich mir für diese Passage nicht mehr sicher bin, ob er mir vielleicht doch Dinge verschweigt.

Alles Kleinigkeiten, die mir nur auffielen, weil ich einerseits nach solchen Dingen gesucht habe und andererseits, weil die Geschichte sonst großartig erzählt ist.

Wells braucht keinen großen Plot erzählen, er schafft Atmosphäre und so ein Gefühl, dass ich in der Geschichte bin, in ihr bleiben will und von ihr berührt werde. Immer wieder neu identifiziere ich mich, vergleiche mein Leben, meine Gedanken, meine Träume und hänge auch nach dem Ende der Geschichte den Figuren nach. Vom Ende der Einsamkeit hat mich unterhalten, mich berührt, mich zum Nachdenken gebracht. Was will man von einem Roman mehr?

Für mich heißt das nun, ganz viele Romane nachholen. Ein Glück stehen schon alle im Bücherregal.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.