Buch und Film: Nebel im August (und nebenbei: Der Anhalter)

Lesestoff: Nebel im August von Robert Domes. #cbt

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Das Buch:

Der erste Satz aus Nebel im August:

Die Tür zum Vorraum steht einen Spalt offen, dort brennt eine Glühbirne, doch ihr funzeliges Licht schafft es kaum bis ins Krankenzimmer.

Robert Domes hat so etwas wie einen Tatsachenroman geschrieben, über Ernst Lossa:

Ernst Lossa (* 1. November 1929 in Augsburg; † 9. August 1944 in Irsee) war eine Halbwaise aus der Minderheit der Jenischen, die in der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie, der Aktion Brandt, ermordet wurde und durch die Aufarbeitung dieses Mordes nach 1945 exemplarische Bekanntheit erlangte. Ernst wuchs in Kinderheimen auf und wurde in der Zweiganstalt Irsee der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee im Alter von 14 Jahren durch Injektion eines tödlichen Mittels ermordet.

Wikipedia-Artikel Über Ernst Lossa

Domes hat diese Geschichte weiter recherchiert und faktennah fiktionalisiert. Leider liest man dem Roman an, dass er an die Zielgruppe „Jugendliche, die in der Schule gerade Anne Frank durchgenommen haben“ gerichtet ist. Einerseits formal, einige Worte sind mit * versehen und werden im Glossar erklärt. Nur sind da Worte bei wie KZ, Rommel und die Braunen. Worte, bei denen ich mir vorkomme, wie ein dummer Junge, weil Domes denkt, er müsse sie mir erklären. Aber auch vom Sprachstil wird nicht nur über einen Jungen geredet sondern auch so, als würden junge Menschen angesprochen. Domas hat streckenweise einen Erzählton drauf, der an Großväter erinnert, die ihren Enkeln in einfachen Worten eine Geschichte erzählen. Ich hatte durch diese Kniffe oft das Gefühl, als Leser nicht ernst genommen zu werden, was ich sehr schade fand.

Inhaltlich ist es dennoch ein sehr spannendes Buch, in dem nicht nur über die Euthanasie der NS-Zeit berichtet wird, sondern auch über die Willkür, mit der Menschen in eine Irrenanstalt gesteckt werden, die dort überhaupt nichts zu suchen hatten.

Kurze Nebenempfehlung und Erklärung, warum mich besonders dieser Aspekt so angetriggert hat: Die Audiodokumentation „Der Anhalter“, die von Hörweiten für den WDR produziert wurde. Es geht um Heinrich, einen Anhalter auf dem letzten Weg zu Dignitas in der Schweiz, der eine grausame und erschütternde Lebensgeschichte hat, der auf den Grund gegangen wird. Zweieinhalb spannende und extrem gut gemachte Stunden Audiodokumentation, extrem hörenswert. Dort geht es unter anderem auch um eben jene Willkür, mit der Menschen auch nach 1945 in Irrenanstalten und Psychiatrien gesteckt worden sind, Heinrich ist dies nämlich passiert.

Ich hatte „Der Anhalter“ kurz vor lesen dieses Romanes gehört und dieser Aspekt des Romanes war für mich der große neue, der Teil, der bis heute aktuell ist: Dass jemand ganz Normales unter dem Deckmantel der Verrücktheit der Euthanasie zum Opfer fällt.

Insofern hat mich der Roman, obwohl ich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, berührt und zum Nachdenken gebracht. Dafür ein großes Lob.

Der Film:

An heute läuft die Verfilmung des Romanes im Kino. Gut produziert, mit großen Schauspielern wie Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt und Henriette Confurius, mit sehr gut ausgesuchten Jungschauspielern für Ernst (Ivo Pietzcker) und seiner ersten Liebe Nandl (Jule Hermann) und einer unglaublich berührenden Szene mit Karl Markovics als Ernsts Vater. Für mich die beste Szene im ganzen Film. Trotzdem hatte ich meine großen Probleme mit dem Film.

Damit der Film nach 1943 aussieht, ist er mit einem Sepiafilter überzogen, im Trailer sieht man das ganz gut bei den Ernteszenen. Das Problem mit Sepia in deutschem Film: Es sieht alles aus wie ein Film von Til Schweiger. Seit Barfuss hat jeder seiner tragikkomischen Filme diese Sepia-Ästhetik. Was dazu führt, dass ich die erste halbe Stunde bei Nebel im August darauf warte, dass es gleich witzig wird, dass gleich Til Schweiger oder seine Tochter zu sehen sind. Passiert natürlich nicht, aber dieses Gefühl ist da. Und das ist schade, denn das Thema hat mehr Ernsthaftigkeit verdient.

Ungleich schlimmer ist aber die Verlagerung der Prioritäten. Denn während das Buch für seinen Reiz darin hatte, zu zeigen, wie brutal und willkürlich das System auch normalen Menschen gegenüber war (und das auch noch lange nach der NS-Zeit), legt der Film seinen Fokus wieder auf die Euthanasie und macht gleichzeitig aus Ernst ein Märtyrer, der sterben musste, weil er sich auflehnte.

Keine Frage, es ist gut, weiterhin über Euthanasie zu reden. Aber das spannende, erschütternde Neue war für mich etwas, was im Film komplett weggefallen, sogar ins Gegenteil verfälscht ist.

Damit wird aus dem Film zwar ein guter Film über die Euthanasie, schafft es aber nicht, die bis heute aktuellen Themen so aufzugreifen, wie sie im Buch noch angelegt sind.

Über dieses und noch ein paar andere Bücher habe ich auch mit Wolgang Tischer von literaturcafe.de seinem Podcast geredet.

Nebel im August von Robert Domes erschien bei cbt. Der Film ist seit. 29. November im Kino zu sehen. Ich habe ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt bekommen.

Film & Gewinnspiel: Tschick

Das also ist der Film zu Tschick. Ich bin begeistert vom Hörbuch, gelesen von Hanno Koffler. Ich bin begeistert vom Roman von Wolfgang Herrndorf und mag die Filme von Fatih Akin und war ziemlich gespannt auf diese Verfilmung.

Seit 15. September läuft sie im Kino, gestern waren wir drin. Und es war okay. Der Film ist nicht schlecht. Ich habe zusammen mit vielen anderen im Kino oft gelacht, war überrascht und war berührt.

Aber es gab auch viele Sachen, die für mich nicht funktionieren. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich drin war. Besonders am Anfang kam es mir manchmal vor, als ob Menschen vor einer Kamera Stellen aus dem Buch vorlesen. Gespielt, nicht erlebt. Besonders auffällig war, dass manche Pointen nicht wirklich zünden können, weil das Timing nicht stimmt. Kennt ihr das, wenn jemand zu schnell antwortet? So ging mir an Anfang durchgehend. Das wird im Laufe des Filmes besser. Aber er kann sich trotzdem nicht vom Buch lösen, wie er sollte. Im Making-of (sehr sehenswert) sagt Produzent Marco Mehlitz:

Tschick als Film hatte nie den Ansatz, dass wir den Roman bebildern wollten, sondern wir wollten einen Film machen, der als eigenständiges Werk funktioniert.

Der Film funktioniert zwar eigenständig, aber wenn man das Buch kennt, dann ist er genau das: Eine bebilderte Version. Großteile der Dialoge sind exakt übernommen. Was nicht verfilmbar ist, wird von Maik aus dem Off gesprochen, ähnlich wie bei Mängelexemplar. Und die meisten Lacher haben eben genau die Stellen bekommen, die Wort für Wort aus dem Roman stammen.

Zusätzlich gab es viele Stellen, in denen der Film eine Atmosphäre aufbaut oder aufbauen könnte, sich dafür aber nicht genug Zeit lässt. Viele Stellen, wo ich dachte, schade! Das hätte gleich geil werden können.

Im Interview mit der Morgenpost erzählt Regisseur Fatih Akin, dass er nur 7 Wochen Vorbereitungszeit hatte, weil er den Film kurzfristig übernommen hatte. In dieser Zeit wurde die Rolle des Maik nochmal umbesetzt, so ist Tristan Göbel dazugekommen. Auch das Casting von Tschick mit Anand Batbileg scheint nicht einfach gewesen zu sein.

Ich will gar nicht sagen, dass die beiden schlechte Schauspieler sind. Aber in vielen Momenten hätten sie, hätte der ganze Film mehr Zeit in der Vorbereitung und auch in den Szenen gebraucht, um sich richtig entfalten zu können. Man kann den beiden zusehen, wie sie sich nicht nur als Maik und Tschick, sondern auch als Tristan und Anand aneinander gewöhnen.

Überraschend war Mercedes Müller als Isa. Sie ist nicht die Isa aus dem Buch und das ist gut so. Hier schafft es der Film, sich von der Vorlage zu lösen und eigenständig ein eigenes Gefühl aufzubauen. Isa im Film ist um einiges älter als im Buch, was wahrscheinlich produktionstechnische Gründe hat. Sonst hätte man nicht die Szenen am Badesee drehen können. Aber sie ist eine passende Figur für diese Reise und bis zum Ende des Films habe ich mir gewünscht, dass sie nochmal auftaucht.

Passiert nicht. Stattdessen wird die Handlung des Romans, die im Film teilweise weggelassen wurde, animiert angedeutet und Kenner der Grundlage können sich über die Visualisierung freuen.

Am Ende bleibe ich dann mit gemischten Gefühlen zurück. Auf der einen Seite hatte ich Spaß und habe mich gefreut. Andererseits ist mir der Film gleichzeitig zu nah und zu fern am Roman und er hätte eben mehr Zeit vertragen, mehr Reife. Vielleicht muss ich ihn mir in ein paar Wochen nochmal ansehen, mal sehen, wie er mir dann gefällt.

Was ich mir wünsche: Dass Mercedes Müller die Isa auch in der (zeitnahen) Verfilmung von „Bilder deiner großen Liebe“ spielt und jemand so weit vorgedacht hat, dass es alternative Versionen der Szenen mit Maik und Tschick gibt, damit diese dann dort eingebaut werden können. Das wär ziemlich geil.

Gewinnspiel:

Studiocanal hat mir zwei Tschick-Pakete zur Verfügung gestellt: Einmal Roman plus Filmplakat und einmal Hörbuch (die Hanno Koffler-Version) plus Filmplakat.

Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) mit eurer Adresse, der Angabe, ob ihr lieber Hörbuch oder Buch haben wollt und sagt mir, auf welche Buchverfilmung wartet ihr noch?

Der Zufall entscheidet dann. Einsendeschluss ist Donnerstag 29. September 12 Uhr. Dann gehen die Pakete direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

Ich kann zwei Minuten in die Zukunft sehen.

Das Leben ist eine Abfolge ungenutzter Möglichkeiten. Jedesmal, wenn wir uns entscheiden, haben wir mindestens eine andere Möglichkeit nicht genutzt. Wenn wir eine Routine haben, Dinge aus Gewohnheit tun, weil wir sie eben so tun, dann fallen uns diese Möglichkeiten gar nicht mehr auf. Manchmal dagegen denken wir, „Was wäre, wenn ich jetzt das und das tun würde?“. Aber größtenteils machen wir es dann doch nicht. Weil es immer Gründe gibt, etwas nicht zu tun.

2007 kam der Film „Next“ mit Nicolas Cage, Julianne Moore und Jessica Biel in die Kinos. Ich mag ihn, verstehe aber auch, wenn man ihn schrecklich findet. Spannend bleibt die Grundidee: Chris (Nicolas Cage) hat die Fähigkeit, zwei Minuten in die Zukunft zu sehen. Er weiß, dass er immer mehrere Möglichkeiten hat und sieht die Konsequenzen seiner Entscheidung, zumindest für zwei Minuten. Die Idee stammt aus einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick, „Der goldene Mann„. Die Story ist dort ganz anders, aber die Idee die gleiche:

In einem kurzen Abschnitt schildert Dick das Innenleben von Cris, wie er die sich verzweigenden Möglichkeiten der Zukunft fächerartig vor sich sieht, die nahe Zukunft deutlicher, die entfernte Zukunft schwächer.

In der Kurzgeschichte (die englische Fassung ist frei verfügbar) sind es sogar zehn Minuten, aber bleiben wir bei zwei. Hört sich wenig an, ist in vielen Fällen aber vollkommen ausreichend. Denkt drüber nach, wieviele Unfälle und Ungeschicke, Fettnäpfchen und komischen Situationen ihr hättet vermeiden können, hättet ihr die folgenden zwei Minuten gewusst. Oder wieviele Möglichkeiten ihr wahrgenommen hättet, welches Mädchen doch geküsst, welche Frage mit Ja beantwortet, welche Würfel doch nochmal geworfen, wenn ihr gewusst hättet, wie es kurzfristig weitergeht.

Ich mag diese Idee und wenn ich jemals mit einer Superheldenkraft ausgestattet werde, dann mit dieser. Aber je länger ich drüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass ich die Fähigkeit gar nicht brauche, um zumindest so zu handeln, als hätte ich sie.

Wie oft habt ihr schon gesagt, „Ich hab’s vorher noch gedacht!“? Die Tasse steht ganz schön nah an der Kante. Das Kabel liegt gefährlich. Hoffentlich kommt jetzt kein Auto um die Ecke, wenn ich da mit dem Fahrrad runterrase. Und wie oft dachtet ihr schon, „Ach hätte ich’s doch getan.“? Das Mädchen geküsst. Das Angebot angenommen. Das Risiko eingegangen.

Seit ein paar Monaten also mache ich zwei Sachen.

  1. Wenn ich denke, da könnte etwas passieren, dann schiebe ich die Tasse weiter auf den Tisch. Stecke ich das Kabel um. Halte meine Hand zwischen den Kopf eines Freundes und die Kante des offenen Fensters. Ich weiß natürlich nicht, ob der Fall wirklich eingetreten wäre. Aber ich will die Möglichkeit ausschließen.
  2. Ich versuche, selbst in der Routine und dem gewohnten Ablauf die Möglichkeiten bewusst zu machen. Mich bewusst für einen Weg zu entscheiden. Meist die Wege, die ich sowieso gegangen wäre, manchmal ganz neue.

Ich weiß nicht, ob mein Leben dadurch besser geworden ist. Weiß noch nichtmal, ob irgendetwas Schlimmes verhindert habe. Aber in solchen Momenten fühle ich, dass ich entscheiden kann. Ich lebe bewusster. Dafür lohnt es sich, zwei Minuten in die Zukunft zu sehen.

 

 

Roman: Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati

Lesestoff: Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati #amreading #nautilus

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Der erste Satz aus Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte:

Die Kantonspolizei Basel-Stadt hatte Beat Marotti für die Überwachung der Schalterhalle eingeteilt.

Marie Malcovati erzählt einen Episodenroman mit drei Hauptpersonen. Da ist Marotti, der Polizist, der sich den Fuß verletzt hat und der deshalb vor den schwarzweißen Monitoren sitzt und Menschen beobachtet. Da ist Lucy, die Synchronübersetzerin, die gerade ihre Großmutter verloren hat und auf einer Bank in der Schalterhalle gestrandet ist. Und da ist Simon, der Milliardärssohn, der nichts mit seinem Leben anfangen kann und neben Lucy auf der Bank landet, wo Moretti sie beobachtet.

Es ist schwer, die Geschichte knapp zusammenzufassen, denn in der erzählten Zeit passiert gar nicht so viel. Zwei Personen sitzen auf einer Bank und werden von einer weiteren Person beobachtet. Und wir können die Gedanken und Erinnerungen der drei Personen lesen. Im Wortsinn. Und das macht Spaß.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/149749168452/es-gab-nichts-beruhigenderes-als-bewegung-als

Jeder der Figuren hat seinen Charakter. Manche mag ich, andere kann ich verstehen. Es ist schön, Gedanken zu lesen, dich ich selbst auch mal hatte. Schön, zu sehen, welche Kapriolen das Leben schlägt.

Marie Malcovati hat Drehbuch studiert und das liest man dem Buch an. Nicht nur sieht einer der drei Charaktere alles nur über Bildschirme, sondern auch wie die Szenen geschrieben sind und wie das Licht und das Setting beschrieben werden, alles ist sehr visuell.

Andererseits setzt sie auch Techniken aus dem Film- und Serienbereich ein, die mich eher abschrecken, Cliffhanger der ganz plumpen Art. So enden manche Szenen mit Sätzen wie „Und was er sah, änderte sein Leben.“ Marie Malcovati schreibt gut genug, sie hat solche Clickbaitsätze nicht nötig. Ich hätte auch so weitergelesen. Weil er aber da steht, hinterlässt er einen schalen Beigeschmack.

Eine andere Sache, dich ich schade fand, irgendwann ist sie nicht mehr ganz konsequent mit den Erzählperspektiven und führt neue Figuren ein. Natürlich, das gibt neue Einblicke, aber die konsequentere Variante hätte mir besser gefallen.

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte ist ein sehr kurzer, guter Episodenroman, der meistens Spaß macht. Ich bin gespannt, was noch von Marie Malcovati kommt.

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati erschien beim Nautilus Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Nachtrag: Der Z2X-Fragebogen und meine Antworten.

Das Team des Z2X-Festival hatte angekündigt, bald einen Fragebogen herumzuschicken. Ich hatte ihn in meinen Bericht mit einbinden wollen, zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht da. Nun ist er das. Hier sind meine Antworten. Teil 2 des Fragebogens habe ich nicht mit angehängt, da geht es Zeit Online und nicht mehr um das Festival. Und natürlich geht der Fragebogen bei ihnen anonym ein, sehr löblich. In diesem Fall entscheide ich mich bewusst dafür, dies zu veröffentlichen.

Die Vielleicht-Ära: Das German Direktheit Bullshit Bingo zum runterladen

Irgendwann heute Abend stehe ich bei TEDxStuttgart auf der Bühne und halte einen Vortrag über „Die Vielleicht-Ära: Unverbindlichkeit im Alltag.“ Darin geht es unter anderem darum, dass die Sache mit der Generation Maybe Schwachsinn ist, dass früher alles direkter war und um dieses Bullshit Bingo. Ladet es euch runter, druckt es euch aus, macht damit was ihr wollt, aber achtet auf die Worte darauf.

Wie der Talk war, das Video davon sowie eine Abschrift dessen, was ich gesagt haben werde, folgt.

Bericht: Z2X-Festival 2016 in Berlin #jungevisionäre

https://www.instagram.com/p/BJ4oK1pAy4j/

Vor ein paar Monaten poppte plötzlich das Z2X-Festival auf meinem Radar auf, ein Festival der Zeit Online. Für Menschen, die die Welt besser machen wollen, für Menschen, die visionär denken. Für Menschen zwischen 20 und 29.

Ich bin seit diesem Jahr nicht mehr 2X, aber zum Visionär sein gehört, Regeln zu brechen. Also bewerbe ich mich und werde eingeladen, einer von 500 aus mehr als 5000 Bewerbungen. Zusätzlich kann jeder Teilnehmer Vorträge, Workshops und Fragerunden anbieten, zu seinen Themen. Das Festival-Team nimmt noch ein paar externe Speaker und Workshopleiter dazu und generiert daraus den Inhalt des Festivals. Ein großes Fest auf Augenhöhe, bei dem jeder seinen Beitrag leisten kann.

Letztes Wochenende war es dann soweit. Ich also zum ersten Mal seit Jahren wieder in Berlin, ich komme früher an und gehe später, sodass ich noch Zeit mit Freunden in Berlin verbringen kann.

Samstag dann das Festival, los geht es mit der Schlange vor der Registrierung, weiter geht es mit der Schlange für den Kaffee, an der ich vorbeilaufe und direkt zu den Croissants komme. Es fängt aber schon in der Schlange an. Wir sind schon ganz schön viele und verschiedene Menschen. Aber wir sind ausgewählt worden und wir haben einen gemeinsamen Nenner: Wir wollen die Welt verbessern, auf die ein oder die andere Weise. Deshalb kommen wir schon in der Schlange ins Gespräch, wer bist du und wo kommst du her? Zusätzlich ist auch Andi da, den ich schon viel zu lange nicht gesehen habe. Und Imre, den ich noch länger nicht gesehen habe.

Festival passt nicht ganz. Als ich meiner Mutter davon erzähle und Festival sage, fragt sie, und was für Bands kommen da? Es ist mehr ein Kongress. Es gibt fünfminütige Blitzvorträge, von unterschiedlichsten Menschen wie Ronja von Rönne, Julia Reda und Orna Donath. Danach gibt es Workshops, 16 parallel. Nachmittags geht es weiter mit Fragerunden (FMA – Frag mich alles) und noch mehr Workshops. So viele Themen und Ideen, so viele Menschen und Motivation. Irgendwann lerne ich Martin und Ini kennen und wir beschließen, die letzten Workshops sein zu lassen und uns lieber kennenzulernen.

Sonntag geht es weiter, wie es Samstag aufgehört hat. Und dann ist es viel zu schnell vorbei. Es ist ein großartiges Format, ein tolles Treffen, aber es ist zu viel und gleichzeitig zu wenig. Ich habe so viel mitgenommen und trotzdem das Gefühl, einige tolle Workshops und Menschen verpasst zu haben.

Bei der Verabschiedung heißt es, nächstes Jahr wieder. Ja, bitte! Vielleicht einen Tag länger? Oder gar eine Woche? Es muss gar nicht mehr Inhalt sein. Aber Zeit, diesen nachhallen zu lassen und zu verdauen. Ich werde dann 31 sein. Mal sehen, ob ich nochmal hin darf. Ich will.

Andi schrieb seine Erinnerungen. Die Festivalseite selbst hat einige Fotos, die eine Ahnung geben.

Was übrig bleibt: „Es gab nichts Beruhigenderes als Bewegung, als Menschen, die unterwegs waren zu Orten an denen man…“

“Es gab nichts Beruhigenderes als Bewegung, als Menschen, die unterwegs waren zu Orten an denen man sie erwartete, ob mit Freuden oder nicht, war nebensächlich, aber sie liefen, sie stürmten, sie schleppten sich vorwärts, um sich über Gleise, über Autobahnen oder durch die Luft ziehen zu lassen, und sie genossen es heimlich, auch wenn sie über die Hektik schimpften und jammerten, dass sie nie zur Ruhe kämen. Sie glaubte niemandem, der sich darüber beschwerte.”

Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte – Marie Malcovati

Originalpost auf „was übrig bleibt“

„was übrig bleibt“ ist eine Sammlung, sind unterstrichene Sätze, gefundene Worte & liegengebliebene Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Test: Beyerdynamic Custom One Pro vs. Custom Street

Dann testen wir mal, was die Custom Serie von Beyerdynamic so kann. #headphones #customonepro #customstreet

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Seit einiger Zeit mache ich mir Gedanken über das beste Equipment für’s Unterwegs sein. Hier sind meine bisherigen Erfahrungen, was Kopfhörer angeht.

Kopfhörer sind so eine Sache. Manchmal nutze ich monatelang keine, weil ich meine Zeit unterwegs mit lesen, schreiben, kommunizieren und denken fülle. Dann fällt mir ein Hörbuch oder ein Podcast in die Hände und dann laufe ich wieder mit den Dingern durch die Gegend. Lange Zeit hatte ich die AKG K518 LE, mehrmals und in verschiedenen Farben. Einerseits waren die Kopfhörer extrem gut, was die Soundqualität für den Preis anging. Andererseits waren es On Ear-Kopfhörer, die sich extrem eng an den Kopf gelegt haben und daher nach ein paar Stunden extrem weh getan haben. Und sie hatten eine Sollbruchstelle am Klinkenstecker, zweimal habe ich sie deshalb zurückgeschickt und neue bekommen, beim dritten Mal war ich knapp hinter der Garantiezeit und AKG kennt keine Kulanz, selbst bei diesem offensichtlich bekanntem Konstruktionsfehler. Also mussten neue Kopfhörer her. Mit In Ear Kopfhörern kann ich nichts anfangen, ich will welche, die meine Ohren umschließen. Nach den alten Erfahrungen wollte ich welche mit austauschbarem Kabel und warum nicht diesmal welche von einer deutschen Firma. Schnell war ich bei Beyerdynamic. Die Firma hat jahrzehntelange Erfahrung mit Mikrofonen und Kopfhörern, die größtenteils immer noch in Süddeutschland produziert werden.

Den Schritt von Studiokopfhörern zu portablen Kopfhörern hat die Firma erst vor kurzem vollzogen und in Sachen Stil holt sie gerade in großen Schritten auf, wobei sie einen gewissen Retrocharme beibehält.  Dafür ist fast jedes Teil der Kopfhörer nachbestellbar, hier geht es immer noch darum, nachhaltige Produkte zu produzieren.

Relativ neu ist die Custom-Serie, die auf die urbane, sehr auf das Aussehen bedachte Zielgruppe abzielt. Nun aber die Frage, will ich die On Ear „Street“ oder die Over Ear „One Pro“? Musste ich probieren.

Die One Pro sind Ohrensofas, die sich um die Ohren legen und die Außenwelt auf Distanz halten. Sie haben einen warmen Klang und eine mechanische Bassregulierung, die ich kaum verwende, weil fast nur Sprache darauf höre. Die Kopfhörer sind extrem bequem, mittlerweile benutze ich sie auch beim Radio und auch auf dem Heimweg und meine Ohren werden nicht eingeklemmt oder schmerzen. Das schaffen auch nicht die Sennheiser, die ich sonst verwende.
Aber die Größe ist auch das Manko. Wenn die Kopfhörer um den Hals liegen, kann ich den Kopf kaum drehen, weil sie so groß sind. Im Rucksack nehmen sie extrem viel Platz weg, faltbar sind sie auch nicht.

Die Custom Street sind für die Straße gedacht: Faltbar, mit beigeliefertem Case und der Möglichkeit, an die Kopfhörer per Klinkenstecker einen weiteren Kopfhörer anzustecken. Klangmäßig sind sie nicht ganz so warm wie der große Bruder, aber immer noch sehr gut. Dafür halten sie die Umwelt nicht ganz so ab.

Aber nach ein paar Tagen mit diesen muss ich sagen: Obwohl sie genau das eine Manko der One Pro ausgleichen und flexibler sind, ist mir der große Bruder lieber. Unter anderem spielt eine Rolle, dass die One Pro in Deutschland produziert werden und die Street in China.

Aber am besten testet ihr selbst aus, was euch lieber ist und welche euch mehr taugen. Beides sind gute Kopfhörer, die in vorbildlichen Kartonverpackungen kommen und für ihre Qualität preislich sehr fair sind. Ich nehme die Größe in Kauf, wenn ich dafür den Komfort bekomme. Achja, der Unterschied zwischen den Custom One Pro und den Custom One Pro Plus ist nur, dass bei letzterem mehr Zubehör dabei ist, hauptsächlich Individualisierungsmaterial.

Beyerdynamic hat mir für den Test die Custom Street leihweise zur Verfügung gestellt.

Roman und Hörbuch: Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann

Und jetzt: Thees Uhlmann und der Tod.

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Der erste Satz aus Sophia, der Tod und ich:

Es klingelte an der Tür und im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee.

Ich hatte die Lesung mit Thees gefeiert und war danach gespannt, wie das Buch weitergeht. Und weil die Lesung so gut funktioniert hat, habe ich mir die Lesung angehört. Wer bei Spotify angemeldet ist, kann das dort tun. Was ich bei der Lesung gesagt habe, gilt immer noch:

Er ist kein perfekter Sprecher, aber ein großartiger Performer. Und das zieht er durch. Es macht Spaß, ihm zuzuhören. Aber auch die Geschichte funktioniert. Ich weiß, dass Thees Uhlmann unterhaltsam ist. Aber in diesem Roman schafft er euch eine Tiefe, die ich nicht erwartet hatte.

Natürlich habe ich jetzt auch immer seine Stimme im Kopf, wenn ich im Roman lese. Deshalb kann ich nicht sagen, ob das Buch auch ohne diese Stimme im Kopf so gut ist. Schlecht ist es auf keinen Fall. Für dieses hatte Uhlmann 12 Jahre gebraucht. Ich hoffe, das nächste kommt schneller.

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann erschien als Roman bei KiWi und als Hörbuch bei Grand Hotel van Cleef.

Roman: Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Alter Lesestoff: Fahrenheit 451 von Ray Bradbury. Noch nie gelesen. Wird Zeit.

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Der erste Satz aus Fahrenheit 451:

Es war eine Lust, Feuer zu legen.

Eines der Bücher, die ich immer als „das sollte ich irgendwann noch lesen“ abgespeichert hatte, aber nie dazu gekommen bin. Dann auf einer der Fahrten, die länger dauern, als gedacht, war das Buch, das ich eigentlich dabei hatte, ausgelesen und in einem Bücherschrank fand ich dieses.

Also setzte ich mich in die Bahn und las es durch, in einem Zug. Haha.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/144494761014/nein-nein-es-sind-nicht-bücher-was-sie-suchen

Mehr als 50 Jahre alt, aber der Sog beginnt auf der ersten Seite und hört nicht mehr auf. Bradbury konnte schreiben, konnte in Worten die Faszination, die Begierde, die Probleme seiner Charaktere einfangen.

Heute würden wir die Geschichte anders bauen, manche Ereignisse verändern, um die Geschichte noch spannender zu bauen, wahrscheinlich auch das Ende eindeutiger machen.

Aber das ist nicht wichtig, die Geschichte ist auch so gut genug und die Sprache bleibt es sowieso. Ich bin, froh, es endlich gelesen zu haben. Ich sollte noch mehr alten Lesestoff konsumieren.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, wurde übersetzt von Fritz Güttinger und erschien bei Heyne.

 

Die besten Freunde

Ein Nachbar zieht um, nach sieben Jahren. Ans andere Ende der Stadt, näher an den Arbeitsplatz, näher an den Kindergarten. Für die Kleine ist es der erste Umzug.

Seit Wochen räumen sie den Keller aus, verschenken und verkaufen Sachen und fahren quer durch die Stadt. Immer, wenn ich im Treppenhaus bin, treffe ich ihn und wir reden über das Loslassen und das Sammeln und natürlich auch über das Wetter. In dieser Zeit haben wir mehr geredet, als in der ganzen Zeit zuvor.

Gestern dann ist alles fertig. Das Türschild ist abgeschraubt, Schlüssel sind abgegeben und der letzte Karton steht vor dem Auto. Die Kleine kommt vom Spielplatz hinterm Haus, mit ein paar Blättern und Zweigen in der Hand, durch die Bäume hören und sehen wir noch andere Kinder an den Schaukeln.

Die Kleine sagt, „So, ich habe mich von meinen besten Freunden verabschiedet.“

Der Vater geht in die Knie, um den letzten Karton hochzuwuchten und fragt, „Ja? Und wer ist das?“

Und die Kleine sieht ihn verwundert an und sagt ganz verständnislos, „Die Bäume und die Sträucher.“

Roman: Red Rising von Pierce Brown

Lesestoff: Red Rising von Pierce Brown. Geiles Cover, schlechter Klappentext. Aber wer glaubt schon Klappentexten…

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Der erste Absatz aus Red Rising:

Ich hätte in Frieden leben können. Aber meine Feinde brachten mir den Krieg.

Darrow lebt unter der Oberfläche des Mars, er weiß, sein Volk muss in den Minen leben und sterben, damit der Mars irgendwann bewohnbar ist. Ein Dienst an die Menschheit. Bis er bemerkt, dass der Mars schon längst erschlossen ist und sein Volk, die Roten, durch diese Lüge unterdrückt gehalten werden. Darrows Auftrag wird es, die Oberschicht zu infiltrieren und eine Revolution anzuzetteln.

Red Rising steht in der Tradition zu den Hunger Games und der Divergent Serie, diesmal geht es um ganze Planeten und die Unterscheidungen werden über Farben getroffen. Dazu kommt eine gut geplottete Story, die aber leider extrem plump erzählt wird. Dafür finde ich auch die Schreibe nicht gut genug, um das zu überdecken. Zu offensichtlich gibt es die Stellen, die die Story legitimieren und vorantreiben. Der Roman ist ja knapp 600 Seiten lang und diese habe ich relativ schnell gelesen. Aber die beiden Fortsetzungen werde ich nicht mehr lesen.

Dann lese ich lieber nochmal die Sten-Chroniken, die sich um Sten drehen, der zu einem ausgebeuteten Volk gehört und ausgewählt wurde, um eine Revolution anzuzetteln … Ist schon mehr als 10 Jahre her, dass ich diese Reihe gelesen habe, ich musste sehr oft daran denken und zumindest in meiner Erinnerung war diese Reihe besser.

Red Rising von Pierce Brown wurde übersetzt von Bernhard Kempen und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsverlag zur Verfügung gestellt.

Konzert: Florian Ostertag & Nasim auf Gartentour

Florian Ostertag und Nasim in den Weinbergen über Stuttgart.

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Schon vor Wochen hatte ein Freund uns angesprochen und gefragt, ob wir Lust haben auf Florian Ostertag und Nasim, sie spielen irgendwo in einem Garten in Stuttgart, Teilnahme nur mit Anmeldung.

Ich kenne kaum Lieder der beiden, aber hej, wieso nicht? Dann ist es gestern soweit. Aber es regnet nicht nur, es schüttet. So sehr, dass wir die Aufnahmen für #incommunicado unterbrechen müssen, weil der Regen so laut ist. Nach Stunden im Studio bin ich auch nicht so motiviert, irgendwo ein Konzert zweier Musiker zu sehen, die ich kaum kenne, und ohne ein Dach über dem Kopf. Meine Begleiter aber sind motiviert genug, um mich mitzuziehen. Glücklicherweise.

Die Location stellt sich als die Bühne über Stuttgart heraus, ein Garten mit Natürbühne und Platz für etwa 100 Gäste. Wir sitzen mit Decken, holen und bezahlen Getränke auf Vertrauensbasis und beobachten Florian und Nasim, wie sie vor uns den Soundcheck machen. Langsam füllen sich die Reihen und obwohl wir uns nicht kennen, sind wir alle Teil dieser kleinen Veranstaltung, Teil einer exklusiven Gruppe. Und dann geht es los.

Florian und Nasim sind sympathisch, wissen, wie sie ihre Geschichten erzählen müssen. Sie sind nah und persönlich. Und sie machen gute Musik. Es ist egal, ob ich sie davor kenne. Sie setzt sich im Ohr und Herz fest und alle sind gut drauf.

Es ist ein großartiger Abend. In Decken eingemümmelt hören wir gute Musik und haben Stuttgart im Hintergrund. Sie singen auf Deutsch und Englisch und auf der Bühne stehen nicht nur Gitarren, ein Piano und ein Akkordeon, sondern auch ein alter Fernseher, ein Tonbandgerät und eine Schreibmaschine. Die beiden machen mit allem Musik, die sich trotz aller Elektronik handgemacht anfühlt.

Natürlich ist es viel zu schnell vorbei. Dann laufen die letzten Lieder und als der Hut rumgeht, bemerken wir, dass Philipp Poisel in der letzten Reihe sitzt, so dass man ihn kaum bemerkt. Florian war mit ihm auf Tour und jetzt kommt er vorbei, um sich ein gutes Konzert anzusehen und eine großartige Zeit zu haben. Genau wie wir.

Noch knapp eine Woche touren sie durch Deutschlands Gärten.  Wie gesagt, ihr braucht die beiden nicht kennen. Schaut sie euch einfach an. Es lohnt sich, versprochen.