Text – Codamis Blur

Mein Name ist Nigel Waiters. Ich verbringe sehr viel Zeit mit meinem Job.
Ich bin Nachlassverwalter. Bei einem Todesfall kümmere ich mich um die Sachen der Verstorbenen.
Meistens geht die Hinterlassenschaft an irgendwelche Erben, aber in Fällen, in denen es keine Erben gibt, kümmere ich mich darum die Sachen loszuwerden.
Es ist sehr interessant. Ihr glaubt nicht, wie faszinierend es ist, in Kellern und Dachböden herumzustöbern. Ich fühle mich jedes Mal wie ein kleiner Junge, der auf dem Speicher seiner Großmutter nach einem verborgenen Schatz sucht.
Ich war gerade dabei, eine Anzeige für ein altes Schlafzimmer aufzugeben, als das Telefon klingelte.


„Wer stört?“ –
„Hey Nigel! Nicht so mürrisch! Heute mal wieder ein schlechter Tag?“ Pits Stimme schäumte mal wieder vor Fröhlichkeit.
„Schlecht ist gar kein Ausdruck! Der Tag läuft beschissen! Ich kriege dieses blöde Schlafzimmer nicht los! Wer steht heute noch auf elend schweres Kirschholz und Verzierungen ohne Ende?“ Bevor ich mich weiter aufregen konnte, plapperte Pit los.
„Hey, schalt mal kurz auf ‚zuhören‘! Ich hab‘ was Neues für dich.“ Pit war mein Agent für Todesfälle. Er hatte mir schon lange keinen Fall mehr gebracht. Irgendwie vergaß die Welt zurzeit, dass mal wieder ein paar Menschen sterben sollten! Schließlich lebte ich doch davon. Wenn das so weitergehen würde, wäre ich bald arbeitslos! Jetzt war ich neugierig.
„Red schon!“ –
„‚Kay, die Facts. Autounfall. 4 Tote, die Eltern und zwei Kinder. Der Mann hieß Joshua Leeds. Hat manchmal Artikel für die Times geschrieben. Aber eher aus Vergnügen. Die ganze Familie ist ziemlich reich.“
„Was heißt ‚ziemlich‘?“ unterbrach ich Pit.
„2 Villen, 3 Autos, und eine dicke Brieftasche, wenn du verstehst was ich meine.“ Wenn Pit ‚eine dicke Brieftasche‘ sagte, dann war es eine dicke Brieftasche, das war sicher.
„Keine Hinterbliebenen?“ fragte ich.
„Doch, der älteste Sohn Jérome Leeds, 21 Jahre alt. War zu dem Zeitpunkt bei seiner Freundin. Dem Testament nach ist er der Alleinerbe.“
„Hm, soweit, so gut. Was hab ich damit zu tun? Will er das Erbe nicht antreten?“
„Doch, doch! Aber das Testament hat noch einen Zusatz“
„Dacht‘ ich mir’s doch, da ist der Hacken, stimmt’s?“
„Ja, könnte man so sagen, aber lass dir erklären. Leeds Senior verfügte in seinem Testament, dass zwar seine engsten Verwandten, in diesem Falle nur der Sohn, alles bekommen solle, dass aber ein gewisser Benero deRe gesucht wird. Dieser hat dann das Recht, sich aus dem Besitz der Familie Leeds eine Sache, egal was es ist, aus zu suchen. Solang diese Forderung nicht erfüllt wird, darf niemand das Erbe antreten.“ Ich runzelte die Stirn. Was sollte das? Man soll Typen auch noch suchen?
„Ist das alles was da steht? Wie kommt der Mensch dazu?“
„Keine Ahnung! Da müsste man sich näher informieren. Ich kann ja mal mit dem Sohn reden. Soll ich das machen?“ Ich hörte Pit am anderen Ende kramen.
Wahrscheinlich suchte er gerade die Adresse. Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, sag mir die Adresse, ich mach das selber!“
„OK!“
Als ich später im Auto saß, fragte ich mich, warum ich darauf bestanden hatte, selbst mit dem Jungen zu reden. Ich machte das sonst nie.
Dementsprechend hatte Pit gestutzt, aber er stellte keine Fragen. Ich hätte auch keine beantworten können. Es war so ein Gefühl, das Gefühl, das mir auch sagt, wo ich suchen soll, um auf einem Speicher etwas Wertvolles zu finden. Intuition.
Als ich das Eingangstor zu dem Grundstück der Leeds durchfuhr, sah ich, dass Pit Recht hatte. Das Haus war nicht von schlechten Eltern. Als ich aus dem Wagen stieg, kam mir ein junger Mann entgegen. Er war groß und gut gebaut. Bestimmt trainierte er. Mit seinen kurzen hoch gegelten Haaren und braunen Augen war er der typische Highschoolschwarm der Mädchen. Und wie als Antwort auf meine Gedanken trat ein Mädchen aus der Tür des Hauses. Der Junge war Jérome Leeds, das Mädchen hieß Beth, sie war seine Freundin. Er schlenderte zu mir herüber und gab mir die Hand. Er hatte einen erstaunlich festen Händedruck. Und auch sonst sah man ihm nicht an, dass er vor ein paar Tagen seine Familie verloren hatte.
„Hi, ich bin Leeds Junior. Sie müssen Mister Waiters sein. Mister Lamor hat sie angekündigt.“ Tja, Pit war gewissenhaft.
„Kommen sie ins Haus. Ich habe Kaffee gekocht. Ich hoffe, sie trinken Kaffee.“ Ich nickte. Zu mehr war ich nicht fähig. Der Junge benahm sich überhaupt nicht so, wie ich es erwartet hatte. Er sah aus wie ein Mensch der seine eigenen Regeln hatte und von Erwachsenen nichts hielt. Aber er verhielt sich wie… es gibt keinen Ausdruck dafür. Noch nie hat mich ein Mensch so überrascht. Das Haus war sehr schön eingerichtet, man sah, dass Leeds Senior Geschmack hatte. Und dennoch war ich froh, dass ich mich nicht um das ganze Zeug kümmern musste. Das Anwesen war voll von exotischem Mobiliar, ich hätte Mühe es zu verkaufen. Beth führte mich durch einen Flur in ein Wohnzimmer. Auf den alten Holzdielen lag ein großer Teppich. Ein riesiger Kamin aus Stein beherrschte fast die ganze Wand. Vor diesem standen zwei große Sessel. In der Mitte des Raumes, auf dem Teppich, der nahezu jedes Geräusch schluckte, stand ein runder Tisch, sehr alt und sehr schön verziert.
Bevor ich mich setzen konnte, kam Jérome aus einer kleinen verdeckten Tür, die wahrscheinlich eine Verbindung zur Küche darstellte. Er trug ein Tablett, auf dem drei Tassen, eine Kanne, Zucker und Milch standen. Er balancierte es sehr geschickt auf einer Hand und ließ es mit einer gekonnten Bewegung auf den Tisch gleiten. Dann stellte er die Tassen auf und schenkte ein.
„Zucker?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Ich trinke meinen Kaffee immer schwarz, sonst schmeckt er nicht!“ Jérome zuckte die Schultern.
„Ich mag’s süß. Sie sind wahrscheinlich nicht hier um sich mit mir darüber zu unterhalten, wie man seinen Kaffee trinken sollte.“ Er setzte sich mir gegenüber.
„Sie wissen, um was es geht?“
„Mr. Lamor hat etwas erzählt, aber ich glaube, ich habe das nicht ganz verstanden.“ Der junge Leeds schaute mich ernst an.
„Ich verstehe auch nicht alles. Aber ich werde ihnen jetzt erst einmal erzählen was ich weiß!“ Ich nickte.
„Aber erst hole ich noch eine Kleinigkeit zu Essen.“
„Aber das ist doch nicht…“ Jérome machte eine abwehrende Bewegung.
„Es ist eine lange Geschichte. Und außerdem möchte ich selbst auch etwas essen.“ Ich machte eine Geste, die Bescheidenheit zeigen sollte.
„Machen sie sich wegen mir keine Mühe.“ Der Junge lächelte.
„Ich weiß, des Anstandes wegen soll man zurückhaltend sein, aber…“ Er machte eine wegwerfende Bewegung, dann grinste er.
„Sie können hier tun und lassen was sie wollen. Fühlen sie sich wie zu Hause.“ Mit diesen Worten verschwand er wieder in der Küche. Ich blickte zu Beth, die mich freundlich ansah.
„Für die Tatsache, dass er vor kurzem seine ganze Familie verstorben ist, ist er erstaunlich fröhlich.“ Beth schaute mich an und einen Augenblick dachte ich, es war falsch gewesen, das Thema anzusprechen. Dann nickte sie besorgt.
„Das ist seine Art, die Trauer zu überwinden. Er stürzt sich voll ins Leben, um nicht über seine Familie nachdenken zu müssen.“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Besser als wochenlang in einer Kammer zu sitzen und zu trauern.“ Bevor das Mädchen antworten konnte, kam Jérome mit einem klirrenden Servicewagen wieder zum Vorschein. Er schob den Wagen schwungvoll neben den Tisch und setze sich dann wieder mir gegenüber.
„Bedienen sie sich!“ Um nicht unhöflich zu wirken nahm ich ein Gebäckstückchen schob den Teller zu dem Mädchen. Dann sah ich den Jungen an. Ich muss wohl sehr neugierig geguckt haben, denn der junge Leeds schaute mich an und lachte.
„Ganz ruhig! Sie werden schon erfahren, was sie wissen wollen. Er nahm noch einen Schluck aus seiner Tasse und setzte sich bequem hin.
„Gut, fangen wir an. Vor ein paar Jahren, warten sie, vor fünf Jahren muss es gewesen sein. Ich war 16, July war acht und Jacky war fünf.“, „Das sind ihre Geschwister?“, Jérome nickte. „Ist es Zufall oder fangen alle Vornamen der Familienmitglieder mit ‚J‘ an?“ Jérome lachte.
„Ja, das ist so was wie Tradition. Mein Großvater hieß zum Beispiel Jason.
Die Initialen ‚J.L.‘ begleiten meine Familie seit mehr als 150 Jahren.“ Ich schüttelte fasziniert den Kopf.
„Genial!“ Der junge Leeds trank noch einen Schluck und erzählte dann weiter.
„Also in diesem Sommer vor fünf Jahren waren wir mit unserer Familie und ein paar Bekannten an einem See picknicken. Um den ganzen See herum waren Familien mit Kindern und die Luft war erfüllt von hellen Kinderstimmen.
July und Jacky spielten mit ein paar andern Kindern Ball. Plötzlich rollte der Ball Richtung See. Der kleine Jack rannte dem Ball hinterher und wollte ihn aufhalten bevor er ins Wasser rollte. Dabei stolperte er und fiel selbst ins Wasser. July und die anderen Kinder fingen an zu lachen, denn sie wussten das Jacky ein guter Schwimmer war. Doch Jack bewegte sich nicht im Wasser. Später erfuhren wir, dass er sich beim Sturz den Kopf angestoßen hatte und bewusstlos geworden war. Nachdem die Kinder merkten, dass etwas nicht in Ordnung war, liefen sie zu den Eltern um Hilfe zu holen. Doch die Eltern waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie nicht auf die Kinder reagierten. Unweit von uns stand ein Straßenkehrer, der auf seinem Besen gestützt die ganze Szenerie beobachtet hatte. Als er realisierte, was passiert war, rannte er los und sprang ins Wasser. Jacky trieb mit dem Gesicht nach unten an der Wasseroberfläche. Der Mann watete zu ihm hin und riss meinen kleinen Bruder aus dem Wasser. Er warf sich Jacky über die Schulter, watete durch den See und kletterte die Böschung hoch, die Jacky zuvor heruntergefallen war. Mittlerweile hatten auch wir mitbekommen, was passiert war. Die ganze Familie rannte zu dem Mann, der den kleinen Jack ins Gras gelegt hatte. Bald hatte sich eine Traube von Menschen um die beiden versammelt und schauten neugierig, was passiert war. Sie standen im Kreis, aber keiner machte Anstalten, meinem Bruder zu helfen, der noch immer bewusstlos auf dem Boden lag. Der Mann strich die nassen Haare aus dem Gesicht und schaute die Menschen in der Menge an. Er fragte, ob denn ein Arzt hier sei. Als sich niemand regte, fluchte er und begann mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Meine Eltern hatten sich währenddessen einen Weg durch die Menge gebahnt und knieten neben ihrem Sohn. Niemand wusste, was zu tun war. Alle waren wie gelähmt und schauten dem Mann zu. Dieser stoppte die Beatmung und begann mit der Herzmassage. Dabei schrie er, dass doch irgendjemand einen Krankenwagen rufen solle. Jemand warf meinem Vater ein Handy zu. Und während mein Vater telefonierte, fing der Körper des kleinen Jungen an zu zucken. Einen Augenblick später spuckte er eine ganze Menge Wasser aus und riss seine Augen auf. Meine Mutter nahm ihn in dem Arm und klopfte ihm auf den Rücken. Fünf Minuten später kam der Krankenwagen und brachte meine Mutter und meinen Bruder ins Krankenhaus.“
Jérome, der ununterbrochen erzählt hatte, nahm die Kanne und füllte seine Tasse. Dann trank er sie in großen Zügen leer.
„Bis jetzt ist noch alles klar oder?“, ich nickte.
„Eine interessante Geschichte, aber was hat das jetzt mit mir und zu tun?“
„Kommt noch.“
„O.K.“ Der jung Leeds beugte sich vor stütze sich mit den Ellbogen auf den Tisch und schaute mich wieder an.
„Nachdem der Krankenwagen weg war und die Menge sich wieder etwas verteilt hatte, ging mein Vater zu dem Retter, der nass und irgendwie verloren auf der Wiese stand. Er reichte ihm aufrichtig die Hand und fragte ihn, wie er sich für die Rettung bedanken könnte. Der Mann aber wehrte ab und meinte, dass es doch selbstverständlich gewesen sei. Aber mein Vater ließ keinen Widerspruch zu und bestand darauf, dass der Retter seines Sohnes wenigstens mit zu uns nach Hause kommen sollte, um die nassen Sachen loszuwerden und sich mit einem Kaffee zu wärmen. So fuhren wir mit dem Mann nach Hause. Das Gespräch, das sich im Auto entwickelte und das zu Hause weitergeführt wurde, ließ uns viel über den Mann erfahren. Er hieß…“
„Benero deRe“ Jérome nickte. Jetzt hatte ich verstanden, warum er mir diese Geschichte erzählte. Aber bevor ich noch etwas sagen konnte, erzählte Jérome weiter.
„Genauso hieß er, 57 Jahre alt. Er hatte keine Familie mehr und er stand am Rande der Gesellschaft. Er sprach es zwar nicht aus, aber er zählte fast schon als Bettler. Erst in der Woche zuvor hatte er seine Zimmer räumen müssen. Jetzt wusste mein Vater auch, wie er sich revanchieren konnte. Er nahm July und mich beiseite und fragte uns, was wir von dem Mann hielten.
July hatte den Mann mit dem 3-Tage-Bart und der Sturmfrisur, der insgesamt einen etwas chaotischen, aber sympathischen Eindruck machte, sofort ins Herz geschlossen. Auch ich war fasziniert von dem Mann, der viele Geschichten auf Lager hatte, die einen Jungen in meinem Alter interessierten. Auch mein Vater nickte und wir gingen wieder zurück an den Tisch. Dort machte er Benero das Angebot, dass er Gast bleiben könne, und im Gästezimmer wohnen könne, bis er wieder eine Bleibe gefunden habe.
Benero war sehr überrascht über das Angebot. So viel Nächstenliebe hatte er nicht erwartet. Stammelnd wollte er das Angebot ablehnen, aber man sah ihm an wie gern er geblieben wäre. Und so blieb er auch. Er aß mit uns zusammen zu Abend. Während wir aßen, kamen meine Mutter und Jacky wieder nach Hause.
Dem Jungen ging es wieder gut. Aber meine Mutter erzählte uns, dass der Arzt meinte, dass wir das Glück nur der schnellen Rettung zu verdanken hatten. So war die Sache endgültig entschieden. Benero blieb bei uns. Die Zeit, die der alte Mann bei uns verbrachte, war wunderbar. Nach kurzer Zeit war Benero so etwas wie ein Großvater für uns geworden. Oft saßen wir mit ihm am Kamin und hörten zu, wenn er eine seiner Geschichten erzählte.
Benero deRe plagte bald das schlechte Gewissen, hier kostenlos zu wohnen und so half er wo er konnte. Er war ein Freund der Familie geworden. Jeder hatte ihn gern.
Und dann geschah das, womit keiner gerechnet hatte. Mein Vater war im Besitz einer goldenen Taschenuhr, die seit Generationen in unserer Familie weitergegeben wurde. In ihr waren die Familieninitialen ‚J.L.‘ eingraviert.
Sie war für unsere Familie von unschätzbarem Wert.
Aber diese Uhr war eines Tages plötzlich weg. Mein Vater stellte das ganze Haus auf den Kopf. Aber er fand sie nicht. Es deutete darauf hin, das Benero sie genommen haben musste. Dieser stritt alles ab. Er schwor, dass er so etwas nie tun würde. Aber mein Vater war so in Rage, dass er den alten Mann verfluchte und aus dem Haus warf. Wenn er ihm jemals wieder unter die Augen treten würde, schwor er ihm, würde er den nächsten Tag nicht mehr erleben. Danach haben wir nie wieder etwas von Benero deRe gehört.
Deswegen habe ich mich auch sehr über den Zusatz im Testament gewundert. Um der Sache auf den Grund zu gehen habe ich das Arbeitszimmer meines Vaters durchstöbert. Und ich habe etwas gefunden. Warten sie hier.“
Jérome verschwand durch die große Tür. Ich schaute auf die Uhr. Die ganze Sache war zwar interessant, aber es war schon spät geworden. Ich wollte bald nach Hause. Der junge Mann kam mit einem Buch in der Hand wieder. Er setzte sich und suchte eine Seite in dem Buch. Als er anscheinend die Seite gefunden hatte, schob er das Buch zu mir.
„Das ist ein altes Tagebuch meines Vaters. Die Seite enthält Aufzeichnungen, die ein Jahr nach dem Verschwinden von deRe gemacht wurden.
Lesen sie.“
Ich beugte mich vor uns las.
<< Ich habe heute bemerkt, das ich einen riesigen Fehler begangen habe. Ich saß an meinem Schreibtisch im Büro und habe gearbeitet. Für diese Arbeit benötigte ich Unterlagen, die ich vor zwei Jahren in einer Schublade verstaut hatte. Seither hatte ich sie nicht mehr geöffnet. Als ich heute die Schublade herauszog, hörte ich ein Poltern in dem Schrank. Da nichts weiter passierte, beließ ich es dabei. Aber als ich die Schublade wieder schließen wollte, blockierte sie, sie ließ sich nicht ganz schließen.
Deshalb zog ich die Schublade ganz heraus. Als ich in das Fach schaute, konnte ich in der Ecke etwas liegen sehen. Wegen der Dunkelheit konnte ich aber nicht erkennen was es war. So fasste ich mit der Hand in das Fach.
Meine Finger trafen auf kühles Metall. Ich schloss meine Finger um den Gegenstand und holte ihn ans Licht. Erst als ich im Licht die Buchstaben ‚J.L.‘ erkannte, wusste ich, was ich in der Hand hielt. Ich kniete auf dem Boden und starrte die Uhr an. Und dann traf mich die Erkenntnis wie ein Hammerschlag. Ich hatte Unrecht gehabt. Ich habe Benero deRe ohne Grund rausgeworfen und verflucht. Die Uhr muss versehentlich vom Schrank gerutscht sein und sich verklemmt haben. Benero hatte wirklich nichts damit zu tun. Oh mein Gott, was habe ich getan? Nachdem ich meiner Fehler bewusst wurde, saß ich stundenlang an meinem Schreibtisch. Aber ich bringe es nicht über mich, diesen Mann aufzusuchen und ihm zu sagen, dass ich es war, der einen Fehler gemacht hat. Ich würde es wohl nie vor jemanden zugeben, aber es ist die Wahrheit: ich traue mich nicht. Ich bin zu feige. Aber ich habe einen Zusatz in meinem Testament gemacht. So kann ich wenigstens nach dem Tod meine Fehler begleichen.>> Ich atmete tief ein. Jetzt verstand ich alles. Ich blickte Jérome an.
„Ist jetzt alles klar?“ Ich nickte. Jetzt müssen wir wohl nur noch diesen Mann suchen. Wir können nur hoffen dass er überhaupt noch lebt. Der Junge seufzte.
„Hoffen wir’s mal.“ Er stemmte sich mit beiden Händen vom Tisch hoch. „Aber das können wir morgen machen. Es ist spät geworden.“ Er begleitete mich noch zur Tür und wir verabredeten uns für den nächsten Morgen, dann verschwand ich.
Der Morgen war frisch, aber schön. Es sah nach einem guten Tag aus. Gerade als ich bei der Villa der Leeds ankam, öffnete sich die Tür und Beth kam heraus. Sie lächelte und winkte mir zu als sie zu einem Auto ging.
„Wohin geht’s denn so früh am Morgen?“ Das Mädchen öffnete die Tür des Wagens und sah mich an.
„Zu meinem Eltern. Ich muss mich mal wieder zu Hause blicken lassen. Ich war jetzt die ganze Zeit bei L.J.“ Sie sah meinen verdutzten Gesichtsausdruck und fügte hinzu: „Das ist der Spitzname von Jérome. Leeds Junior.“
„Ach so! Na dann, viel Spaß.“
„Danke.“ Sie nickte mir noch einmal zu, stieg in den Wagen und fuhr los.
Als ich mich wieder zur Tür drehte, stand dort Jérome.
„Guten Morgen! Ich habe sie durch das Fenster gesehen! Kommen sie herein!“
Er führte mich wieder in das Zimmer in dem wir am Tag zuvor schon gesessen hatten. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, dass mir der Junge zuschob.
„Das ist alles was ich zu Benero deRe gefunden habe. Vielleicht hilft es ihnen weiter.“
„Ich brauche ein Telefon – und ein Faxgerät, wenn es geht.“
„Kein Problem! Kommen sie mit, wir gehen in das Arbeitszimmer meines Vaters, dort finden sie alles was sie brauchen.“ Das Arbeitszimmer war ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte. Der Raum sah aus wie ein Salon oder wie ein Wohnzimmer. Es war alles vorhanden. Eine Bar, ein Sofa, ein großer Fernseher und auf der Seite stand ein großes Aquarium. Im hinteren Teil des Raumes stand ein Schreibtisch vor einer Bücherwand. Leeds Junior schob den Stuhl vor dem Schreibtisch ein Stück zurück und ließ mich Platz nehmen. Dann zeigte er mir, wie alles funktionierte.
„Wenn sie mich brauchen, drücken sie einfach auf den Knopf am Telefon, auf dem ‚Jérome‘ steht. Ich komme dann sofort.“ Ich nickte.
„Gut, danke!“ Der junge Leeds nickte noch einmal und verlies dann den Raum.
Ich machte mich an die Arbeit. Während ich Pit anrief, faxte ich ihm die Notizen, die Jérome mir gegeben hatte. Pits Stimme klang mal wieder unverschämt frisch.
„Guten Morgen! Pit Lamor am Apparat, was kann ich für sie tun?“
„Hey Pit! Ich bin es. Hör zu, du müsstest gleich ein Fax bekommen.“
„Kommt gerade, was ist das?“
„Das ist alles, was ich von einem gewissen Benero deRe weiß. Kannst du mir den Mann finden?“ Ich hörte ein Rascheln.
„Hmm… Gib mir eine Stunde und ich fax dir alles, was ich herausgefunden habe.“
„Ok, bis dann!“
„Bye!“ Ich legte den Hörer auf die Gabel. Nun hatte ich also eine Stunde Zeit. Ich stand auf und begann Jérome zu suchen. Schließlich fand ich ihn in der Küche. Er machte gerade Kaffee als ich hereinkam.
„Oh, haben Sie ihn etwa schon gefunden?“
„Nein, ich lasse gerade nach ihm suchen. Wir haben jetzt eine Stunde Zeit.“
„Hmm… Haben sie Lust auf eine Runde Billard? Wenn wir sowieso warten müssen?“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Warum nicht?“
„Gut, kommen sie mit.“ Leeds Junior führte mich eine Treppe hinauf und in ein großes Zimmer. Das Zimmer war mit Holz getafelt und bis auf eine Bar und einem riesigen Billardtisch leer. Jérome reichte mir einen Queue und Kreide. Er selbst bereitete mit geschickten Handbewegungen den Tisch vor.
Drei Spiele und eine Stunde später saßen wir wieder im Arbeitszimmer und betrachteten das Fax, das gerade angekommen war. Pit hatte tatsächlich die Adresse unseres Mannes herausgefunden. Benero wohnte jetzt in Natchez, eine Stadt, die ca. drei Autostunden von New Orleans, wo wir uns gerade befanden, entfernt lag. Pit hatte sogar eine Telefonnummer auf das Blatt gekritzelt.
„Sollen wir anrufen?“ Jérome schüttelte den Kopf.
„Ich würde sagen wir fahren gleich dorthin.“
„Und was ist, wenn er nicht da ist“
„Dann warten wir auf ihn. Ich möchte nicht mit Benero am Telefon sprechen.
Ich möchte ihn persönlich sehen.“
Ich nickte. Das konnte ich verstehen. Wir zogen uns an und gingen in die Garage. Dort standen die drei Wagen von denen Pit gesprochen hatte. Jérome öffnete eine versteckte Klappe in der Wand und nahm einen Autoschlüssel heraus.
„Wir nehmen den BMW“ Der Junge öffnete die Türen des silberfarbenen 3er BMW.
Auf der Fahrt von New Orleans nach Natchez rätselten wir, was deRe sich wohl heraussuchen würde. Die Fahrt ging erstaunlich schnell. Die Adresse, die Pit uns gegeben hatte, führte uns zu einem Viertel, in dem ich nicht hätte wohnen wollen.
Als nach einiger Zeit die Tür geöffnet wurde, an der wir klingelten, standen wir Benero deRe gegenüber. Jérome zuckte zusammen, als er ihn sah.
Er hatte Benero wohl erkannt, aber er musste sich stark verändert haben.
Vor uns stand ein Mann, der aussah als hätte er schon lange aufgehört zu leben. Sein graues Haar hing ihm zerzaust und dreckig ins Gesicht.
„Was wollen sie?“
„Benero deRe?“ Jéromes Stimme war ganz heißer. Der Alte nickte.
„Ja, der bin ich. Und wer…“ deRe redete nicht mehr weiter. Er starrte den jungen Leeds an. Seine Augen wurden groß.
„Jérome? Jérome Leeds?“ Der Junge hatte Tränen in den Augen. Er nickte langsam. Benero strahlte plötzlich. Er trat auf Jérome zu und umarmte ihn.
Leeds Junior erwiderte die Umarmung. Er konnte sich nicht mehr halten. Die Tränen liefen ihm übers Gesicht. Ich wollte diesen Moment nicht zerstören, deshalb ging ich langsam rückwärts die Treppe herunter.
Ein kleiner Haufen Zigarettenstummel hatte sich vor meinen Füßen gebildet, als Benero und Jérome aus dem Haus traten. Der Junge stellte mich noch Benero vor, dann gingen wir zum Auto. Jérome hatte nichts von dem Zusatz erzählt und so war Benero sehr neugierig wohin wir fahren würden. In den drei Stunden Fahrt unterhielten sich die beiden ununterbrochen. Ich hatte das Steuer übernommen so dass die beiden zusammen hinten sitzen konnten.
Als deRe vom Tod der Familienmitglieder erfuhr, war er sehr betrübt. Wieder in New Orleans angekommen zeigte der junge Leeds Benero das Testament seines Vaters. Nachdem Benero das Testament gelesen hatte, schaute er Jérome an.
„Natürlich freut mich dieses Angebot, aber womit habe ich das verdient? Ich meine, dein Vater hat mich doch verflucht…“ Jérome lächelte, holte das Tagebuch und gab es Benero. Während des Lesens fing der alte Mann an zu zittern. Tränen liefen ihm über sein Gesicht. Dann sah er uns mit strahlenden Augen an.
„Ich habe immer gedacht, deine Familie hat mich nur aus Anstand bei euch wohnen lassen. Ich dachte immer, der Vorfall mit der Uhr war nur ein Vorwand um mich los zu werden. Aber ihr habt mich wirklich gern gehabt!“ Er stand auf und schloss den Jungen wieder in die Arme. Nachdem sich Benero wieder beruhigt hatte, führte Jérome ihn ins Bad und sagte ihm er solle sich rasieren, waschen und neue Kleider anziehen. Die Sachen von Leeds Senior müssten ihm passen. Während sich der alte Mann fertig machte, half ich Jérome das Abendessen zu bereiten.
Während des Essens entwickelte sich wieder ein Gefecht aus Erinnerungen.
Nach dem Essen fragte Jérome Benero, was er denn jetzt haben wolle. Benero lehnte sich zurück und schaute sich im Zimmer um. Der Junge machte ihm derweil Vorschläge.
„Willst du Geld oder ein Auto? Oder das Haus?“ Benero sah den jungen Leeds an und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
„Du spinnst, davon habe ich doch weniger als du.“ Plötzlich schien er zu wissen was er wollte. Er stand auf und verlies das Zimmer. Jérome und ich folgten ihm. Obwohl er zuletzt vor fünf Jahren durch das Haus gegangen war, wusste er den Weg. Er ging geradewegs in July´s Kinderzimmer. Benero kniete vor dem Bett nieder und zog eine Holzkiste hervor. Auf dieser stand mit Kinderhand „PRIVAT! HÄNDE WEG!“ geschrieben. Benero schaute zu uns hoch.
„July hat mir mal ihre Schätze gezeigt. Ich hoffe…“ Er öffnete die Holzkiste und durchsuchte sie. Während er das tat, beobachtete ich sein Gesicht. Von dem Mann der uns in Natchez die Tür geöffnet hatte, war nichts mehr übrig. Abgesehen von dem Äußeren strahlte der Mann, der hier kniete so eine Lebensfreude aus, das hatte ich noch nie gesehen. Dieser Mann schaute einen an und man wusste, dass dieser Mensch Freude am Leben hatte.
Er schien gefunden zu haben wonach er gesucht hatte. Benero zog ein Blatt Papier heraus, betrachtete es kurz und hielt es dann hoch.
„Das möchte ich haben.“ Er strahlte uns an. Jérome nahm das Blatt in die Hand und betrachtet es. Es war ein Bild. Von einem Kind gemalt. Man sah die Erde als kleine Kugel, Wolken und die Sonne. Und mittendrin ein Mann mit Engelsflügeln. Ich weiß nicht warum oder woran, aber man sah dass der Mann
Benero deRe war. Über dem Bild stand mit Kinderhand geschrieben:
JACKY´S SCHUTZENGEL
Und unter dem Bild stand:
CODAMIS BLUR
Als Benero anfing zu sprechen, zuckte ich zusammen.
„July hat das gemalt. Sie hat es mir gezeigt, bevor sie es versteckte. Kann ich es haben, Jérome?“ Jérome blickte das Bild immer noch an.
„Sonst nichts? Aber willst du kein Geld oder…“ Benero unterbrach ihn.
„Kein Geld der Welt…“ Er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Nichts auf der Welt könnte mir so viel Glück und Zufriedenheit bescheren wie dieses Bild und die Gewissheit, dass ich geliebt wurde.“ Ich werde diese Worte nie vergessen.
Die Sache ist mittlerweile ein halbes Jahr her. Seitdem hat sich einiges verändert. Benero ist wieder nach New Orleans zu Jérome gezogen. Er hat wieder die Stelle des Großvaters eingenommen. In seinem Zimmer, er hat darauf bestanden, wieder ins Gästezimmer zu kommen, hängt July´s Bild jetzt eingerahmt an der Wand. Vor kurzem, als ich mal wieder zu Besuch kam, stand Benero vor dem Bild und betrachtete es. Ich stellte mich neben ihn.
„Codamis Blur“ Die langsam ausgesprochenen Worte hörten sich an wie ausgesprochene Gedanken. Ich sah Benero an.
„Was bedeutet das eigentlich?“ Benero deRe drehte den Kopf und lächelte.
„Kinder sind oft klüger als man glaubt. Sie verstehen die Welt schneller als Erwachsene. Sie haben nicht so viele Sorgen. An dem Abend, an dem mir July das Bild gezeigt hat, ich fragte sie genau das Gleiche.
Was sie geantwortet hat, werde ich nie vergessen. Diese Worte enthielten mehr Weisheit als alles, was ich je von Gelehrten gehört habe. Sie sagte:
„Ich habe nach einem Ausdruck gesucht, der unser Verhältnis beschreibt.“
Ich fragte:
„Welches Verhältnis?“ Sie lächelte und sagte:
„Ich LIEBE dich, wir VERTRAUEN einander und du gibst mir GEBORGENHEIT.“ Ich war verblüfft und fragte:
„Und, hast du einen Ausdruck gefunden?“ Sie nickte ernst und sagte:
„Ja, aber es gab kein Wort dafür in unserer Sprache. Ich musste es erfinden.
– Codamis Blur!“

Veröffentlich auf Online-Roman.de

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