Text – Requiem

Mit der Hand fegte sie sich ihre Haare aus dem Gesicht, doch der Wind trotzte ihr, sie nahm die zweite Hand zur Hilfe und band die Haare zu einem Zopf zusammen. Sie steckte sich die Kopfhörer ins Ohr und drückte auf Play. Sie konnte die Stille nicht ertragen, wenn sie auf dem Weg nach Hause war, Das Klavier stimmte ein und sie schloss die Augen. Schon tausende Male war sie diesen Weg gegangen, sie kannte ihn auswendig, hatte ihn schon zigmal gesehen.
Als sie die Augen wieder öffnete, bemerkte sie in den Augenwinkeln etwas, das neu war. Sie stoppte, ging ein paar Schritte zurück und betrachtete das offene Gatter zwischen den Hecken. Es war ihr noch nie aufgefallen. War es schon immer da gewesen?
Sie schritt durch das Tor und trat auf den Kiesweg, der unter den Bäumen verschwand. Sie ging weiter, gelangte unter die Bäume und sah die ersten Grabsteine. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Wurde ihr kalt, weil sie im Schatten der Bäume stand, oder weil sie realisiert hatte, dass sie auf einem Friedhof stand? Vielleicht hatte sie das Tor unbewusst nicht bemerkten wollen, weil sie instinktiv gewusst hatte, was sich dahinter verbarg. Oder war sie schon mal hier gewesen?
Sie war schon auf vielen Friedhöfen gewesen. Auf zu vielen Friedhöfen als zu junges Mädchen. Und immer stand eine Person weniger um das offene Grab herum. Sie bückte sich unter einem herunterhängenden Ast hindurch und trat in das Sonnenlicht. Auch wenn es das gleiche Sonnenlicht war wie auf dem Weg, so schien hier alles etwas düsterer zu sein. Eine kleine Kapelle am Ende der Lichtung. Viele der Gräber waren einfach und schmucklos. Oft standen nur Holzkreuze anstelle der Grabsteine. Zwei Bänke säumten den Rand der Lichtung.
Vor den Bänken flatterten ein paar Vögel, auf der Bank saß eine Frau. Weißes, lichtes Haar wehte im Wind, sie musste wohl schon fast 100 Sommer erlebt haben. Sie saß mit dem Rücken zu ihr und warf den Vögeln Brotkrumen zu. Die Alte musste sie bemerkt haben, denn sie winkte ihr zu ohne, von den fliegenden Geschöpfen aufzusehen. Langsamen Schrittes näherte sie sich der Bank. Der Kies knirschte unter ihren Füßen, die Vögel sahen zu ihr auf, doch kümmerten sich dann wieder um das Essen.
„Setz dich.“
Noch wandte sie ihr Gesicht nicht von den gefiederten Wesen ab.
„Wie nennt man dich?“
„Nala“
Nala hatte einen Kopfhörer aus dem Ohr genommen, um die Frau verstehen zu können. Jetzt sah die Alte sie an.
„Nala“
Ganz langsam ließ sie den Namen auf der Zunge zergehen.

„Hallo Nala, schön dich zu sehen.“
Bevor Nala ihr Misstrauen überwinden konnte oder gar antworten konnte, sprach die Frau wieder.
„Mich nennt man Rose, denn Rosalia findet jeder zu lang, ich auch.“
Sie betrachtete den herunterhängenden Kopfhörer.
„Hörst du immer Musik?“
Das Mädchen machte eine Kopfbewegung, die man als Nicken auslegen konnte.
„Ich mag es nicht, wenn es still ist.“
„Still? Wo ist es still?“
„Wenn ich nach Hause laufe, in der freien Natur…“
„Im Freien? In der Natur?“
Wieder ein Nicken.
„Aber es ist doch nicht still! Hör doch mal!“
Und Nala lauschte.
Erst hörte sie nichts. Dann zwitscherte ein Vogel irgendwo über ihren Köpfen. Sie sah hoch und Roses Mundwinkel zuckten. Hinter ihnen im Wald knackte es. Immer mehr Geräusche wurden laut und jedes Mal, wenn das Mädchen sich danach umdrehte, lächelte die Alte ein bisschen mehr. Die Luft war erfüllt von verschiedensten Geräuschen.
„Siehst du, es ist nicht still. Man nimmt die Geräusche oft nur nicht wahr. Weißt du, die Natur hat ihre eigene Musik, ihre harmonische Melodie. Hör dir einen Vogel an. Sein Gezwitscher ist schöner und melodischer als die vielen Lieder, die im Radio zu hören sind.“
Während sie lauschten, hörten sie ein Auto, das zum stehen kam, eine Tür schlug auf und zu und ein Mann erschien. Er trug zwei leere Gießkannen, in jeder Hand eine. Er schien die Frauen auf der Bank nicht zu sehen Er stellte sich vor ein Grab und setzte die Gießkannen ab.
„Er kommt mindestens einmal die Woche.“
„Was macht er?“
„Schau!“
Der Mann starrte auf das Grab hinab. Sein Gesicht war starr, aber Tränen flossen aus seinen Augen.
„Oh.“
Nala war bestürzt.
„Er trauert! Wer ist das? Seine Frau?“
„Nein es war nicht seine Frau, es war eine Freundin, so etwas wie seine Schwester im Geiste.“
„Haben Sie sie gekannt?“
Rose lächelte und bei diesem Lächeln fiel Nala auf, das die meisten Falten in ihrem Gesicht Lachfalten waren.
„Nun, ich habe sie nicht wirklich gekannt. Sagen wir mal ich habe gewusst, wer sie ist. Sie war aus meinem Jahrgang.“
„Wann ist sie gestorben?“
Die Frau zuckte mit den Schultern.
„Weiß ich nicht mehr, ist schon etwas länger her.“
Sie betrachtete den Mann.
Nala seufzte.
„Es ist wirklich schlimm, wenn ein Mensch stirbt.“
Rose sah sie an, ihre Augen blitzten und sie schmunzelte.
„Denkst du wirklich, dass es schlimm ist? Wenn das Himmelreich so schön ist, wieso soll es dann so schlimm sein zu sterben?“
Nala wiegte ihren Kopf hin und her.
„Für den der stirbt, ist es nicht schlimm, aber für die, die er zurücklässt. Sie bleiben mit ihrer Trauer zurück, dass sie einen Menschen, den sie lieben, verloren haben.“
Während das Mädchen redete, stiegen ihr die Tränen in die Augen. Es war das erste Mal, das sie die Gedanken, die bei jeder Beerdigung aufkamen, aussprach. Viele Erinnerungen hingen an diesen Gedanken. Sie senkte den Kopf, dann sah sie die Frau an. Rose lächelte sie mitfühlend an, dann wischte sie dem Mädchen die Tränen aus den Augen.
„Warum trauerst du um Menschen die du liebst? Schwärmen wir nicht immer von bedingungsloser Liebe? Und heißt bedingungslose Liebe nicht auch, dass man loslassen kann? Ich hatte einen Menschen, den ich liebte und er liebte mich genauso. Er sagte immer ich sei die Rose, die sein Leben blühen lässt. Wir wurden getrennt, aber ich wusste, dass ich weiterhin in seinem Leben blühen werde. Doch ich glaube, er selbst weiß es nicht mehr.“
Bei diesen Worten verschwand das Lächeln in ihrem Gesicht.
„Denkst du an jemanden, dann lebt er frei in deiner Erinnerung, trauerst du um ihn so bindest du ihn an seinen Tod.“
In Nala’s  Kopf hallten die Worte noch nach und etwas, was sich in langen Jahren voller Trauer festgesetzt hatte, löste sich. Wie Schmutz und Dreck von einer wunderschönen Skulptur, so löste sich die Trauer von ihrem Herzen, all die Erinnerungen an die düsteren Särge und Beerdigungen wurden angestrahlt und verblassten im Schein schöner Erinnerungen. Sie wollte ihre Lieben nicht an sich binden, sie wollte ihnen alle Freiheiten gewähren, die sie selbst verlangte. Sie wandte den Kopf und wollte sich bei der alten Frau bedanken, doch diese war nicht mehr da.
Sie saß allein auf der Bank, neben ihr lag eine weiße Rose. Nala hob die Rose auf und sah sich um. Es war niemand zu sehen, außer dem alten Mann vor dem Grab. Dieser blickte vom Grab auf und wischte sich die Tränen ab. Sein Blick erfasste sie und ein müdes Lächeln erschien. Dann packte er die beiden Gießkannen und verschwand wieder hinter der Kapelle. Nala wartete bis das Geräusch verklungen war, dann stand sie auf und ging zu dem Grab, vor dem der Mann gestanden hatte. Sie legte die Rose auf die Erde und betrachtete den Grabstein:

Hier ruht Rosalia Perro
Die Rose, die mein Leben hat blühen lassen.

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