Text: Hinterland

Er führte die Coladose zum Mund und kippte sie, doch sie war leer.
Er drehte sie ganz um und schüttelte sie, die letzten paar Tropfen fielen auf den staubigen Boden. Er stellte sie auf den Tisch und machte über ihr ein Kreuzzeichen mit zwei Fingern, dann setzte er wieder an und ließ die kalte Flüssigkeit seinen Hals herunterlaufen. Mit dem Handrücken wischte er sich den Mund ab und reckte sich. Die Wirbel knackten und knirschten. Dann rückte er den Hut hoch und sah auf. Der Bahnhof war immer noch leer, kein Zug in Sicht. War ja auch kein Wunder, wenn die Woche gut lief, kamen hier zwei Züge pro Tag an und fuhren wieder weg. In den drei Tagen, die er schon hier wartete, hatte ihm noch kein Zug dass beschert auf das er wartete.
Klar war er unterwegs gewesen, hatte sich Menschen – von denen es hier sehr wenige gab – und Tiere, besonders Kühe – von denen es sehr viel gab – angeschaut, doch er war sich sicher, das er hier nicht gebraucht wurde. Das Warten machte Kopfschmerzen. Er fuhr sich mit der Hand über Augen und Stirn und wischte die Kopfschmerzen weg. Eine Zigarette wäre jetzt nicht schlecht. Aber hier an diesem Bahnhof gab es nicht mal einen Zigarettenautomaten. Würde sich auch nicht lohnen. Er fragte sich, wozu das hier überhaupt geschaffen wurde. War ja alles für die Menschen geschaffen. Nur gab es hier nicht viele. Die, die hier waren, könnte man auch woanders unterbringen. Aber nein, der werte Herr musste ja spendabel sein und noch Land hinter dem Land schaffen, damit auch ja alle den Freiraum haben, den ihr freier Wille benötigt, um glücklich zu sein. Und wo Menschen waren, so waren auch Wesen seiner Art nötig. Das war einer der großen ungeschriebenen goldenen Regeln.
Die Sehnsucht nach Rauch in der Lunge wurde stärker. Er schloss die Augen und sog die Luft stark durch die Zähne ein. Er hielt kurz, dann ließ er den Rauch durch die Nasenlöcher heraus fließen. Das war einer der Vorteile im Land hinter dem Land. Hier konnte er sich verhalten wie er wollte. In der Stadt musste man immer darauf achten, unerkannt zu bleiben. Wie sagt man doch so schön: Das größte Werk des Teufels war es, den Menschen weiszumachen, das er nicht existiere. So ähnlich war es auch mit seinesgleichen. Doch wusste er, dass er wirklich existierte, im Gegensatz zum Teufel. Anscheinend brauchen die Menschen etwas, dem sie das Böse zuschreiben konnten, sie merken nicht, oder wollen es nicht wahrhaben, das das Böse in ihnen steckt und man sie vor ihnen selbst schützen musste. Und dafür war er da.
Eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Wenn er schon nichts unternehmen konnte, wollte er wenigstens etwas braun werden. Das würde gut aussehen, zusammen mit der weißen Kleidung. Er blies die Wolke weiter, so das die Sonne wieder freie Bahn hatte.
Der Boden fing an zu vibrieren. Eine Rauchwolke näherte sich. Unter ihr fuhr der Zug. Dann verlangsamte er seine Fahrt, gab schnaubende Geräusche von sich und fuhr in den Bahnhof ein. Ein schwarzer Mantel stieg aus. Er lächelte und stand auf. Das Gesicht das auf dem Mantel saß erwiderte das Lächeln. „Ich verstehe nicht, was du an der Farbe findest, unser weiß ist doch viel schöner.“ – „Hallo Michael, danke der Nachfrage, mir geht’s gut und dir?“ Er umarmte den Mann in Schwarz und lächelte wieder. „Entschuldigung, hallo Gabriel. Weißt du, abgesehen von der Langweile hier geht’s mir auch ganz gut. Ich hoffe du hast gute Neuigkeiten für mich.“ Gabriel nickte. „Du wirst abgelöst. So ein Neuling tritt an deine Stelle, ist erst seit ein paar Jahrhunderten dabei, soll sich in Geduld üben. Michael schlug die Hände zusammen und betete zum Himmel „Danke, Herr!“ Ein Gesicht formte sich in der Wolke, die er weggeblasen hatte und zwinkerte ihm zu. „Weißt du, ich hätte es dir schon gestern Abend sagen können, aber ich wollte es mir nicht nehmen, wie ein normaler Mensch anzureisen.“ Michael sah ihn erst böse an, dann lächelte er. Können wir wenigstens unsere Heimreise normal antreten?“ Gabriel blickte sich um, konnte aber kein Wesen erblicken, deshalb nickte er und legte den Mantel ab. Michael grinste noch ein Stück breiter, dann legte er den Hut auf den Stuhl auf dem er gesessen hatte und breitete seine Flügel aus. „Wer als erstes oben ist!“ Und sprang ab. „Hey! Das ist unfair!“ Gabriel lachte und folgte ihm. Die Wolken teilten sich, ließen die beiden hindurch, dann schlossen sie sich wieder und was zurück blieb, waren ein Mantel und ein Hut auf einem Stuhl in einem Bahnhof.
Ein bärtiger Alter schlurfte aus dem Schatten in dem er gelegen hatte, nahm sich Mantel und Hut und setzte die Coladose an die Lippen, doch sie war leer. Er drehte sie ganz um und schüttelte sie, die letzten paar Tropfen fielen auf den staubigen Boden. Er zuckte die Schultern und stellte die Dose auf den Tisch und schlurfte er wieder zurück in den Schatten.

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Ein Gedanke zu „Text: Hinterland“

  1. Ci-Jou Kommentare:
    1. elixa
    23. September 2008 um 09:56Uhr

    Ich musste beim Lesen lustigerweise an den Film Michael mit John Travolte denken 😉
    Aber eine schöne Vorstellung, dass sie mitten unter uns sind.
    Die Engel, die uns beschützen sollen 😉
    2. Gummibroetchen
    23. September 2008 um 14:22Uhr

    Mir fiel auch John Travolta als Erzengel Michael ein. 🙂 War ein lustiger, sehr menschlicher Erzengel!
    Übrigens denke ich, dass Michael, Gabriel und wie sie sonst noch heßen mögen von relativ niedrigen Diensten befreit sind. Das sind Aufgaben für Engel-Azubis. :mrgreen: Wissen tu ich es natürlich nicht!
    3. Herr Beil
    29. September 2008 um 20:45Uhr

    …!

    John Travolta ist mir dabei aber nicht in den Sinn gekommen, der Film war nämlich grausig… 😉

    Schöner Text, wieder mal!

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