Text: Warum ich schreibe

Manchmal helfe ich bei der Essensverteilung an die Obdachlosen, nur um ein ehrliches Danke von einem Menschen zu hören.
Anfangs hatten sie mich selbst für einen Autonomen gehalten, ich mit meinen langen Haaren, dem dauerndem Stoppelbart, und der schwarzen Kleidung. Doch mittlerweile wissen sie wer ich bin, wenn sie meinen schwarzen Hut durch die Tür schlendern sehen.
„Ach, da kommt der Schreiber.“
Ich glaube nicht, dass sie meinen richtigen Namen überhaupt wissen. Ich bin mir nicht mal sicher ob ich ihn selbst noch weiß.
Eines Tages gesellte sich ein junger Kerl zu mir. Einer, für den das Leben noch schön ist und die Sorgen ertragbar sind. Er stellte sich neben mich und wartete, bis ich ihn bemerkte und ansah.
„Du bist der Schreiber?“
Ich war nicht in der Stimmung, freundlich zu sein, doch manchmal muss man anders sein als man sein will. Also nickte ich und kaute weiter auf meinem Brot herum. Je länger man auf Brot herumkaut, desto süßer wird es. Wenn ich es lange genug gekaut habe, spucke ich es in meinen Kaffee und rühre es um. Nicht das ich kein Geld habe, aber das hat mir mein Vater beigebracht und der hatte keines. Und ein guter Sohn vergisst nie.
Das Greenhorn neben mir nickte wissend und sah mich wieder an. Kennen sie das Gefühl, beim Essen beobachtet zu werden? Das kann verdammt unangenehm werden. Aber ich hab meine Art zu essen und dieser Typ würde nichts dagegen tun können.
„Warum nennt man sie so?“
Ich sah ihn nicht mal mehr an. Solche Gespräche hatte ich schon zu oft geführt. Es war wie Schachspiel, bei dem ich alle Variationen und Züge kannte. Und somit war das Spiel langweilig.
„Weil ich es bin. Ich schreibe.“
„Warum schreiben sie?“
Ich hab es gewusst! Immer das Gleiche! Warum… Moment, er hat ja gar nicht gefragt was ich schreibe, sondern warum. Ich stutzte und sah ihn an. Was soll der Stuss? Ich frag’ ihn doch auch nicht, wieso er hier bei der Essensausgabe ist.
„Weil’s mir Spaß macht.“
Möööööp! Lüge! Aber wer Geschichten erfindet, kann auch Lügen ohne rot zu werden. Und genau genommen Lüge ich nicht, ich habe der Wahrheit ein schöneres Kleid angezogen. Der Junge schnallt endlich, dass ich weder Lust noch Bock hab, in diesem Moment über den Grund meines Schreibens zu reden. Er nickt noch mal, schaut betreten zu Boden und verschwindet in eine Ecke des Raumes.
Ich stehe immer noch da wie vor 5 Minuten, aber es hat sich etwas geändert. Jetzt muss ich mich mit etwas auseinandersetzen, das ich bis jetzt immer umgangen habe.
Warum schreibe ich? Weil ich etwas den Menschen geben will.
Hm… wäre mein Kopf eckig, müsste dieser Gedanke sich in die Ecke stellen und schämen, den er ist schlicht und einfach falsch. Ich schreibe aus verschiedenen Gründen. Aber das hier ist keiner davon.
Das Leben ist zu kurz um zu geben, man sollte nehmen soviel man bekommt. Hier bin ich um mir ein paar ernst gemeinte Danksagungen einzusammeln. Schreiben tue ich um Komplimente zu bekommen. Im Grunde genommen sind Schreiberlinge die größten Egoisten der Welt. Sie reden tausend Seiten lang über eine Welt in denen es nur um sie geht. Und sie kassieren auch noch Geld dafür. Das ist wie wenn ein Psychiater einem Patienten Geld geben würde damit er sich seine Probleme anhören darf. Nichts anderes ist schreiben. Nur dass es viele Psychiater und Gaffer sind, die deine Probleme lesen und analysieren.
Sagt mir, wozu haben wir Freunde? Freunde sind dazu da, dich für das zu loben was du tust. Der Mensch lebt in Selbstzweifel und deshalb holt er sich Freunde die ihn bestätigen. Und das ist einer der Gründe weshalb ich schreibe. Ich schreibe und zeige es Menschen, die mich dafür loben. Ich schaue ihnen zu, wenn sie es lesen und ich weiß wo sie sind wenn sie die Stirn runzeln oder grinsen oder den Kopf schütteln. Aber war das immer so?
Ich schaue zu dem Jungen rüber und dieser lächelt. Er steht  auf und kommt rüber. Drückt mir ein Magazin in die Hand, hebt seine Hand zum Gruß und verlässt den Raum. Das Magazin ist vergilbt, ca. 10 Jahre alt. Ein Zettel steckt zwischen zwei Seiten. Ich setze mich auf den Stuhl hinter mir, schlage die markierte Seite auf und fange an zu lesen:

Warum ich schreibe
Seit mehr als einem Jahrzehnt führe ich meine Feder und versetze Menschen in andere Welten. Und in dieser ganzen Zeit wurde ich oft gefragt, was ich schreibe und was ich damit bezwecke. Doch es scheint keinen zu interessieren, wieso ich das tue. Also habe ich zurückgefragt, warum denken sie, schreibe ich. Die Antworten waren oft ähnlich. Wegen des Geldes, oder weil es mir Spaß macht.
Aber das ist nicht wahr. Ich habe nicht angefangen zu schreiben, weil ich Geld brauchte, es gibt viele Möglichkeiten, schneller an Geld zu kommen. Und Spaß? Nein. Spaß macht das Schreiben auch nicht. Es ist anstrengend. Wenn ich einen guten Gedanken habe oder eine Idee, dann habe ich Spaß an der Idee, aber das Aufschreiben macht keinen Spaß, denn einen Gedanken aufzuschreiben dauert länger als ihn zu formulieren.
Aber diese Gedanken sprießen aus meinem Kopf, blühen auf und verdorren und alles was mir bleibt sind die Samen der Erinnerung.
Meine Muttersprache umfasst 26 Buchstaben, 10 Ziffern und ein paar Sonderzeichen. Kaum 50 Symbole, die zur Verfügung stehen. Und seit jeher versuchen Menschen, die gesamte Welt mit diesen Symbolen wiederzugeben. Doch das geschriebene Wort ist die niederste Form der Kommunikation. Beschreiben sie zwei Menschen eine bestimmte Blume, jeder von ihnen drei wird sich eine andere vorstellen. Warum also habe ich, der das Wort nicht mag, jenes Handwerk aufgegriffen, welches mit reinen Worten arbeitet?
Gerade deswegen. Alles was ich je geschrieben habe und was ich je schreiben werde ist nichts anderes als der Versuch die Worte so zu verwenden, dass sie getreu das wiedergeben was ich fühle. Ich schreibe tausende Variationen vom Verständnis der Welt, besonders der Liebe und biete sie meinen Lesern an, sie sollen sich ihre eigene passende Umschreibung heraussuchen. Ich schreibe nicht aus Spaß, sondern ich suche gewissenhaft und hart eine Möglichkeit, Worten Gewicht zu verleihen.
Es ist nicht leicht, glauben sie mir. Aber ich hege doch die Hoffnung, irgendwann die Buchstaben zu Worten zusammenzufassen, die in den Herzen der Menschen etwas öffnen und sie berühren. Deswegen schreibe ich.

Unter dem Artikel steht ein Name – und ich erinnere mich daran, dass es mein eigener ist.

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5 thoughts on “Text: Warum ich schreibe”

  1. *lach* ich merke gerade… wenn ich deine Texte lese, muss ich immer über irgendwelche Sachen nachdenken, die ich eigentlich schon längst gedanklich begraben habe… „wieso mache ich was ich tue?“ erinnert mich irgensie an sofies welt.

  2. Ci-Jou Kommentare:
    1. KaTo
    13. Mai 2009 um 08:15Uhr

    Ja, da steckt viel Wahres drin. Man schreibt, es ist Arbeit, macht eigentlich keinen Spaß, denn das Denken ist einfacher, aber zu flüchtig. Und spricht man es aus, hört es sich oft merkwürdig, hochgestochen, zu förmlich an.
    Schreiben macht aber auch glücklich. Ich persönlich bin glücklich, wenn mein Text Anklang findet. Aber es macht mich vor allem glücklich, wenn ich selbst mit der Formulierung zufrieden bin, wenn es genau das ausdrückt, was ich denke, fühle, aussagen möchte.
    2. FeinStaub
    13. Mai 2009 um 09:36Uhr

    schwermut dringt verdeckt aus den zeilen und macht nachdenklich,
    wenn das schreiben keinen spass macht und dies ohne wenn und aber,
    dann sollte man pausieren oder es ganz lassen…oder so

    bekanntes thema, gut interpretiert!
    3. awake…but still dreaming
    13. Mai 2009 um 11:09Uhr

    Ich habe mit großem Interesse deinen Artikel gelesen, da ich momentan selber in einer Phase bin, in der ich mich intensiv mit dem Schreiben auseinandersetze. Auch ich schreibe größtenteils aus persönlichen Gründen, weil ich auf diesem Wege meine Gefühle und Gedanken anderen Menschen mitteilen kann. Meine Motivation liegt hauptsächlich darin, anderen Menschen durch mein Geschriebenes einen kurzen Moment der Freude zu bereiten und das ist meiner Ansicht auch einer der vernünftigsten Gründe (Obwohl für jeden wohl die Motivation fürs Schreiben in etwas anderem liegt, was auch absolut wichtig ist!) Aber was ist schon Vernunft? Ich glaube das wir uns alle viel zu ernst nehmen und unsere Rolle in diesem wunderbaren und verrückten Universum einfach überbewerten. Schaue einmal an einer klaren Nacht für einige Minunten zu den Sternen und du wirst merken, wie winzig und unwichtig wir sind. Auch wenn es schwerfällt das zu akzeptieren.

    “Das Leben ist zu kurz um zu geben, man sollte nehmen soviel man bekommt.”
    Das sehe ich etwas anders. Denn auch wenn das Leben noch so kurz ist, sollte man auch dann mit seinen Menschen, seiner gesamten Umwelt im Einklang leben, sich ihr öffnen und ihr helfen. Warum sollte man denn sonst zur Obdachlosenhilfe gehen? Wenn wir noch nicht einmal bereit sind den Menschen die unsere Hilfe so nötig haben ein offenes Ohr anzubieten und ihnen vielleicht das einzige nette Wort an diesem Tag zu schenken. Für mich scheint es als ob wir alle nur dort hingehen um zu zeigen wie fürsorglich wir doch sind. Aber wir können anderen Menschen nur helfen wenn wir ihnen wirklich zuhören.

    “Sagt mir, wozu haben wir Freunde? Freunde sind dazu da, dich für das zu loben was du tust. Der Mensch lebt in Selbstzweifel und deshalb holt er sich Freunde die ihn bestätigen.”
    Sehe ich auch anders. Denn ich brauche keine anderen Menschen, die mir bestätigen wie toll ich bin oder mich dafür loben was ich tue. Wichtiger ist mir, das sie wissen wer ich bin und was ich für sie bedeute. Wichtig ist mir Vertrauen, Zuverlässlichkeit und ein offenes Ohr zu jeder Zeit, denn genau das ist in einer Freundschaft wirklich wichtig. Darin liegt auch das größte Problem, wir sprechen zu schnell von tiefer Freundschaft wenn wir doch nur flüchtige Bekanntschaft meinen. Wirklich gute Freunde zu finden ist tausendmal schwerer als einen Partner.

    Ich finde du hast einen schönen Artikel geschrieben auch wenn ich nicht in allen Dingen mit dir übereinstimmen kann. Aber das muss man ja auch nicht. Denn das ist auch ein Grund fürs Schreiben, zum Diskutieren und zum Nachdenken anzuregen. Danke dafür, mach weiter so und ich wünsche dir das du bald den Spaß am Schreiben wiederfindest. LG
    4. nightheart
    13. Mai 2009 um 12:39Uhr

    🙂 Vielen Dank für die vielen und auch extrem ausführlichen Kommentare! Ich will noch kurz etwas erläutern: Ich habe diesen Text, als ich ihn hier reingestellt habe, als Fiktion gekennzeichnet. Es ist eine Geschichte, vom Erzähler darf nicht mit mir gleichgesetzt werden. 🙂 Natürlich spiegeln sich manche meiner Ansichten wieder. Aber nicht alles, was der Schreiber sagt, ist meine Meinung.

    Und als letztes: Dieser Text ist knapp 5 Jahre alt. Ich habe ihn geschrieben, 2 Jahre nachdem ich überhaupt mit dem Schreiben begonnen habe (was man meiner Meinung nach auch an der Sprache erkennt). Heute wie damals bin ich für mich eigentlich zu jung und noch zu motiviert, als das ich solche Texte als eigene Erfahrung abstempeln könnte. Ich finde es aber schön, dass ich mit manchen Aussagen ein zustimmendes Nicken ernten konnte. sprad the smile – faby nightheart
    5. Flaschengeist
    13. Mai 2009 um 15:03Uhr

    der Wahrheit ein schöneres Kleid angezogen
    Ja. So ist das, die Formulierung gefällt mir ausgesprochen gut!
    Ich schließ mich da KaTo an: vor sich hindenken und rumzuformulieren ist natürlich erheblich einfacher, es so aufzuschreiben, dass es einen Sinn ergibt, das ist die Kunst. Und die kann eben sehr erfüllend sein. Ob nun für sich (oder an sich) selbst, in Tagebuch- oder Briefform oder eben für die Öffentlichkeit bestimmt.
    Gestern habe ich von Philo etwas gelesen, das ihr Verhältnis zu den Büchern und zum geschriebenen Wort wieder gibt. Da stand etwas von: zeige 5 Menschen ein und dasselbe Bild und lass sie drüber schreiben. Es werden 5 grundverschiedene Texte dabei heraus kommen. Ist das nicht schön? Warum soll man sich da noch fragen, warum man schreibt?

    Ein klasse Text von dir!

    Mit Grüßen
    der Flaschengeist
    6. anoli
    13. Mai 2009 um 18:02Uhr

    Auch wenn es kein authentischer Text ist, finde ich ihn sehr ehrlich, denn sicher kannst du dir manches nur deshalb so raumnehmend und ausgestaltet vorstellen, wenn du ein wenig selbst in die Situation gehst oder schon in ihr bist. Ich glaube der Text enthält viele Gründe für das Schreiben, obwohl die Anzahl dieser wohl schwer zählbar ist.
    7. anoli
    13. Mai 2009 um 18:10Uhr

    War gerade in deinem Blog, also, dass du so jung bist, hätte ich nicht gedacht, da ist meine Achtung vor deinem Text noch größer….

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