Leere Postkarten. Aus aller Welt. Ein Fiktions-Realitäts-Verschränkmoment.

Es geht zwar um Postkarten, aber nicht um Straßenpoesie. Sondern um ein Fiktions-Realitäts-Verschränkmoment, wie damals in der Bahn. Es folgt das Hintergrundwissen:

  1. Ich habe einen sechs Jahre jüngeren Bruder. Der Welt tollster Bruder. Kam ne Zeitlang nach mir, was wohl normal sein wird, die Fußstapfen des großen Bruders zu nutzen, bevor man seine eigenen macht. Ich habe bisher einen ziemlich geradelinigen Lebensweg, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Abitur, Zivi, Praktikum, Ausbildung, Arbeit, Selbstständigkeit, Studium, Gegenwart. Und ich sagte meinem Bruder oft, das was mir echt gefehlt hat, war Zeit für’s Ausland. Das muss ich noch nachholen. Jetzt hat er sein Abitur und als einer der letzten den Zivildienstabgeleistet und ist momentan für ein halbes Jahr auf Weltreise. Hüpft über alle Kontinente, berichtet von seinen Reisen und schickt immer mal wieder Postkarten. An mich adressiert, ansonsten leer.
  2. Es folgt ein mindestens 8 Jahre alter Text von mir:

Schon wieder ist eine Postkarte angekommen. An mich adressiert, ansonsten leer. Aus Kuala Lumpur. Das sagen das Bild und der Poststempel. Ich gehe in mein Zimmer, stelle mich vor eine große Weltkarte und hefte die Postkarte an die Stelle, an der Kuala Lupur steht. 24 Karten hängen an verschiedenen Stellen der Welt. Wenn ich mich erinnere, wie es angefangen hat, dann habe ich noch den salzigen Geschmack des Meeres im Mund. Ich höre die Wellen und die Möven und die Gitarre. Und ich höre mich reden.

“Ich werde nie heiraten” sage ich.

“Und ich werde nie einen festen Job annehmen.” sage ich.

“Ich werde durch die ganze Welt reisen und von überall werde ich dir Postkarten schreiben.” sage ich.

Er nickt und schweigt.

Ein Jahr später habe ich einen festen Job angenommen. Kurz nach meiner Hochzeit kam die erste Postkarte. Ich vegetiere vor mich hin, und alles was mich von meinem Leben erreicht sind leere Postkarten.

Solche Fiktions-Realitäts-Verschränkmomente machen Gänsehaut. Und ja, ich habe gefragt, alle anderen bekommen auch Postkarten, aber die sind dann beschriftet.

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5 Gedanken zu „Leere Postkarten. Aus aller Welt. Ein Fiktions-Realitäts-Verschränkmoment.“

  1. Bin soeben via Facebook auf diesen Post gestoßen.
    Und ich finds cool.
    Du weißt also nicht, wer dir Karten schreibt, aber jemand schickt dir einfach unbeschrieben Postkarten aus aller Welt? 🙂
    Jedenfalls… Post auf altmodische Weise ist immer schön und das ist ja wohl eine spitzen Idee! 🙂
    Grüße,
    Meli von Maedchwunder.

  2. Wusste dein Bruder denn von diesem Text?
    Wenn nicht…is das echt ne Gänsehaut wert!
    Wenn doch…is das ziemlich süß von ihm.Und vor lauter „Kuscheligkeit“ ebenso Gänsehautwürdig 😉

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