Der richtige Zeitpunkt, um mit dem Helfen aufzuhören.

Nach einer gewissen Zeit in einer Stadt, die sich vielleicht danach richtet, wie lange man zuvor schon in Städten gewohnt hat, was bei mir persönlich wirklich nicht lange war, bin ich doch ein Dorfkind, wobei „Dorf“ ein Euphemismus für eine Gemeinde von 12000 Einwohnern ist, hat man den Dreh raus, wie man fremde Menschen, die einen auf der Straße ansprechen, effizient umgehen kann. Oder besser noch: Wie man auf sie reagiert. Meine in knapp zehnjahrelanger Beobachtung Stuttgarter Menschen entwickelte Formel lautet: Je städtischer, desto ignoranter.
Vielleicht habe ich aber tatsächlich noch nicht lange genug in einer Stadt gelebt, deshalb lasse ich mich immer wieder auf Begegnungen und Gespräche ein. Wobei ich mittlerweile auch Strategien fahre. Sobald also jemand mit dem Logo egal welcher Tierrechts- / Umwelt- / Wasauchimmerorganisation auf mich zukommt und eine dieser Fragen fragt, wie: „Sie lieben doch bestimmt Tiere / die Weltmeere / den Regenwald / Wasauchimmer?“, die man ja eigentlich nicht anders als mit „Ja“ beantworten kann, als ob man den Zweck der rhetorischen Fragen nicht schon selbst für sich entdeckt hat, und damit den ersten Schritt innerhalb der Ja-Schiene (Eine „psychologische“ Methode, die oft auch bei Telefonwerbung und von Handelsvertretern genutzt wird: Man stellt mehrere Fragen, deren Antwort unweigerlich „Ja“ ist, wodurch das Hirn sich auf das „Ja“ sagen einstellt und dann auch bei weiteren Fragen eher „Ja“ sagt, als nein. Oft wird dafür eine „Überprüfung der vorliegenden Daten“ hergezogen, oder eben oben genannte rhetorische Fragen.) gemacht hat, sage ich, „Pass auf: Wir können uns gern hier hin stellen und ich verspreche dir, wir werden uns gut unterhalten und wir werden eine gute Zeit haben, aber du wirst von mir keine Unterschrift und kein Geld sehen.“ Was selten darin endet, dass wir uns unterhalten, was aber auch schon vorgekommen ist und meist interessante Erinnerungen geprägt hat, sondern fast immer darin mündet, dass wir uns verabschieden und ich weiter gehe. Und trotzdem passiert manchmal, was also in dieser Nacht passiert ist:

Es ist kurz vor Mitternacht, ich bin auf dem Weg nach Hause, zu Fuß, weil eine Fahrt durch den Regen mit dem Fahrrad nicht so angenehm gewesen wäre. Ich laufe gerne und zügig und kann meine Zeitdauer zwischen zwei beliebigen Punkten in Stuttgart ziemlich gut abschätzen. Und dann steht da plötzlich einer und sagt, „Ntschuldiguh, kadu mia san woi die Heiamee fi?“
Er ist vielleicht Anfang Vierzig, die sichtbare Haut auf den Armen und im Gesicht ist gebräunt, verdreckt, zerfurcht und verwittert, wie die Holzbalken einer windschiefen Scheune, um die sich lange schon keiner mehr gekümmert hat, die aber unglaublich gut aussieht, wenn man sie mit Instagram-Filtern fotografiert. Die Haare sind ölig und dünn und stehen vom Kopf ab, wie bei Jack Nicholson in einigen seiner besten Filme. Das rechte Auge ist ein wenig trüber und schafft es auch nicht, mich zu fokussieren. Und wenn er den Mund aufmacht, sieht es so aus, als ob er nur noch die Zähne auf der rechten Seite hat und die auch bald nicht mehr da sind. Das blaue Polo-Hemd spannt sich über den voluminösen Bauch und ist in den Bund der Hose gesteckt, die aussieht, wie der letzte Rest eines ehemals vollständigen dunkelgrauen Anzugs. In seiner Hand hält er eine ziemlich leere, bedruckte Jutetasche. Und er muss alles mindestens zweimal sagen, weil ich ihn unglaublich schlecht verstehe. Als ob die Kiefer sich nicht trauen, sich zu nähern, redet er mit immer offenem Mund, der sich keinerlei Mühe gibt, verständlich zu sein.
Nachdem er seine Frage wiederholt, frage ich „Heilsarmee?“ und er nickt, „Ja da kai heue Nach schlafn wo isie?“
Ich kenne die Heilsarmee nur aus Büchern und Filmen und ich weiß, dass auf dem Weg zu mir nach Hause dieses eine Gebäude steht, an dem der Schriftzug „Heilsarmee“ angebracht ist. Also zeige ich den Berg nach oben und sage, „Die Heilsarmee ist dort oben, erst die Straße bis zu der großen Kreuzung, dann rechts hoch.“
Er sieht meiner Hand nach, „Wiewei?“
Ich denke in meiner Geschwindigkeit, „Naja, vielleicht so zehn Minuten?“
Er sieht mich an und diesem Moment bekommt er einen leidenden Gesichtsausdruck, die Schultern sacken noch ein wenig mehr nach unten, „Die Poizei ha gsa es is nich so wei die ham gsa is glei hia kanns du mi bring?“
„Die Polizei hat dich dort hingeschickt?“
Er nickt, „Ja, da kai heue Nach schlafn bring du mi? Biee!“
„Bist du nicht aus Stuttgart?“ Er schüttelt den Kopf, „Nei bi aus Kasruu, wei ni woi hinso di hamia die Wohung geküich un imu iaendwo schlafn! Hifs du mia biee!“

Ich wollte nicht. Ich wollte „Nee, Sorry.“ sagen und gehen. Und dann dachte ich, was soll das? Es liegt bei dir auf dem Weg, in zehn Minuten seid ihr dort. Du lieferst ihn ab und dann gehst du weiter.
„Und die haben jetzt noch offen?“ Er nickt, „Jaja, di gae Nacham die offn.“

Was solls. Ich nicke mit dem Kopf in die Richtung, ein, Komm wir gehen, das er auch sofort versteht und neben mir her läuft. Irgendwas scheint auch mit seiner Hüfte nicht zu stimmen, einen Fuß setzt er sehr weit außen auf, dadurch bekommt sein Gang ein torkelndes Bild. Ich laufe daneben, die Hände in den Taschen und vielleicht einen Meter entfernt. Es gibt eigentlich keinen Moment der Ruhe, sobald wir loslaufen, beginnt er zu sprechen, wobei es mir wirklich schwer fällt, ihm zu folgen, zumal er oft einfach nur wiederholt, was er mir schon gesagt hat: Keine Wohnung, kein Platz zum Schlafen, Polizei sagt Heilsarmee.
Keine Minute später hebt er die Hand und bleibt stehen, „Nich so schnell, ikannichabs am Herz, weiu?“
Dabei greift er sich an die Brust und atmet tief prustend ein und aus. Dann sieht er mich wieder an, „Isno wei?“
Ich drehe mich kurz um, wir haben vielleicht 20 Meter geschafft. Das werden wohl längere Zehn Minuten.
„Ja, wir müssen schon noch eine Weile laufen.“
Er sieht den Berg hinauf, dann streckt er mir die Hand hin, „Ibi dea Roer.“
Höflicher und wohlerzogener Mensch, der ich bin, schüttele ich die Hand. Bloß nicht wieder in die Tasche stecken. „Hallo Robert.“ „Un wie heissu?“
Ich weiß nicht warum, aber ich muss an meinen Religionsunterricht denken, irgendwann vor 10 bis 20 Jahren, als es darum geht, warum Gott nicht seinen Namen nennt, sondern sich als Jahwe beschreibt: Ich bin, der ich bin. Wenn du jemandes Namen kennst, dann hast du Macht über ihn. Und trotzdem sage ich die Wahrheit, „Fabian.“
Dann gehen wir weiter.
Wir werden statt meiner zehn Minuten knapp zwei Stunden brauchen. Jede Minute verschnauft Robert („I ka niso schne, mei Herz!“), alle drei Minuten fragt er, wie weit es noch ist („Isno wei?“) und nach vielleicht zwanzig Minuten legt Robert eine Pinkelpause ein, „Mome, imuss pissn.“
Er drückt mir den Jutebeutel in die Hand, den ich an der hellsten Stelle mit zwei Fingern greife, dann stellt er sich neben der selbst Nachts viel befahrenen Straße an die viereckige Säule eines Luxusladens für Herrenanzüge. Er lehnt mit dem Kopf nach vorne gegen die Wand, ich wende mich ab. Dann, „Faia, ikriedie Hos nich au, hiif mia!“
Er wankt mit beiden Händen am Hosenknopf auf mich zu, aber ich weiche nach hinten zurück, „Auf keinen Fall!“
Daraufhin bekommt er einen verkniffenen Gesichtsausdruck und ich erwarte schon, dass sich die Hose im Schritt dunkel färbt, dann grinst er plötzlich erleichtert, „Habs!“, und stellt sich wieder an die Säule. Trotz des Kopfmanövers trifft er mehr seine Schuhe. Als er fertig ist, nimmt er seinen Jutebeutel und bevor ich reagieren kann hängt er sich mit der Hand an meinen Arm, wie es eine Dame bei einem Gentleman tut und greift mein Handgelenk. Ein erstaunlich fester Griff, denke ich und spüre ich warme Haut seines Arms an meinem. Ich halte den Arm in so einem Winkel, dass ich Robert stützen kann, ihn aber gleichzeitig ein wenig vom Rest meines Körper fern halte. So trotten wir weiter. Er redet („Faia, bissu mei Freu? Ab jess sinwia Freue, das nächse Mal, wewirunssee, geb ichdia eiaus.“) und fragt jeden, der vorbeikommt nach Zigaretten („Kollee, hassu ne Ziarette fümich?“), ein Satz, der erstaunlich klar aus seinem Mund kommt, ihm aber trotzdem keine Zigarette bringt. Alle paar Meter setzt er sich auf alles, was einigermaßen besitzbar ist, erzählt weiter („Ihanix, kei Schlasack, keie Uerhos, kei Hem, nur eie anere Hoe.“) und verschnauft. Dann plötzlich stockt er, sieht den leeren Weg entlang und meint, „Weakommda? Kommdeaaumissu?“
Ich sehe niemanden in unmittelbarer Nähe, etwa fünfzig Meter weiter sitzen ein paar Leute, aber wir brauchen noch eine Weile, bis wir bei ihnen sein werden. Also sage ich, „Da ist niemand.“ Aber er streckt den Arm aus, „Hia vorn!“
Dann guckt er genauer und fragt, „Isdasn Mülleia?“
„Ja, das ist ein Mülleimer.“
Er reisst die Arme hoch, „Isee nix! Ihan grauer Sta!“, und zeigt auf das trübe Auge. Dann greift er sich meinen Arm und wir ziehen weiter, bis wir wirklich an die Leute kommen. Vier Jungs, eine Frau, es ist Freitagabend und sie haben ihre Biere und einer zieht just in dem Moment Tabak aus der Tasche, als „Kollee, hassu ne Ziarette fümich?“.
Und dann kommt der Kniff. Ich sehe ihm an, dass er verneinen will, dann sieht er mich an. Ich halte mich raus, das ist nicht meine Sache. In diesem kurzem Moment fällt mir auf, das Robert mich noch gar nicht nach Tabak gefragt hat. Oder ich die Frage überhört habe. Dann sagt der Mann. „Nur Tabak zu drehen.“
Und der nächste, er steht neben mir, knapp einen Kopf größer, weil er auf einem Skateboard steht, „Soll ich dir eine drehen?“
Und Robert sagt, „Ja, Faia, imumi setzn.“
Und er setzt sich neben die Frau die leicht irritiert, aber zugleich amüsiert drein blickt. Robert beginnt zu reden, den Kopf hängend zwischen den Schultern, die Unterarme auf die Schenkel gestützt, erzählt von der Heilsarmee, seiner Operation am Herz und dass er keine Wohnung mehr hat. Aber niemand versteht ihn. Sie sehen mich an und ich winke ab. Ist nicht wichtig. Er hat mich, ich höre zu. Während er die Zigarette dreht, fragt mich der Kerl, „Wohin geht’s?“
„Zur Heilsarmee, einen Schlafplatz für ihn finden.“
Er zeigt den Berg nach oben, „Die ist ja gleich da oben.“
Ich lache auf, „Ja, ein Glück.“
„Arbeitest du dort?“
„Nein, ich bin nur zufällig vorbeigekommen. Eigentlich wollte ich heute früh zu hause sein.“
Alle vier lachen und Robert unterbricht seinen Redefluss für einen Moment. Dann lacht er mit. Der Mann streckt ihm die Zigarette hin, „Hier bitte sehr.“
Robert erhebt sich kurz, „Daee.“
Ich will weiter, aber Robert sitzt schon wieder. „Faia, ikani laue un rauche. Feua?“
Der Mann grinst und zündet ihm die Zigarette an. Robert zieht und redet zwischendurch. Wir hören manchmal zu und sehen uns fast verschwörerisch an. Wir kennen uns nicht, aber in diesem Moment gehören wir zu einer Gruppe. Dann schnippt Robert den Rest der Kippe achtlos auf den Weg und erhebt sich. Ich will mich verabschieden, als „Kai en Schluck Bia ham?“.
Der Mann sieht auf seine vielleicht noch zu einem Drittel gefüllte Flasche und verzieht das Gesicht. So muss ich vorher ausgesehen haben, als Robert mich gefragt hat, ob ich ihn begleite. Dann nimmt er noch einen großen Schluck und hält Robert die Flasche hin, „Kannst den Rest behalten.“
Aber Robert trinkt einen Schluck und grinst für einen kurzen Moment und schüttelt den Kopf, „Nene, Bia und Heisaee gee nich.“
Als er danach die Flasche im hohen Bogen ins Grass schleudert, sodass der Rest aus der Flasche schäumt, blitzt für einen Moment hinter der Fassade ein des armen Bedürftigen ein anderer Mensch hervor. Dann packt er meinen Arm und wir wanken weiter. Mit der freien Hand winke ich den Leuten nach, sie winken zurück. Normalerweise wäre ich wahrscheinlich eine Stunde früher einfach an ihnen vorbeigelaufen, wenn da nicht Robert gewesen wäre.
Es dauert nochmal eine Dreiviertelstunde, in der er immer penetranter fragt, wie lange wir noch brauchen. Bis wir dann endlich vor den verschlossenen Türen der Heilsarmee stehen. Aber natürlich. Also gehen wir in den Hinterhof. Dort an der Tür ist eine große Klingel einer Familie, die das Logo der Heilsarmee auf dem Schild hat.
Wenn ich einen Rat geben darf: Nicht in ein Haus ziehen, in der eine Institution wie die Heilsarmee untergebracht ist. Denn Robert erwischt nie nur die richtiger Klingel. Wir haben mittlerweile fast zwei Uhr Nachts und während ich einem Nachbar am Balkon die Situation erkläre, unterhält sich Robert mit einer sehr freundlichen Dame an der Sprechanlage. Robert erzählt, was er den ganzen Abend schon erzählt, aber die Dame sagt, was ich mir gedacht habe.
Hier ist kein Männerwohnheim und selbst das hat um die Zeit schon geschlossen und sie kann ihm für diese Nacht nicht helfen. Was ich hier in einem Satz zusammenfassen kann, dauert in Wirklichkeit eine Viertelstunde und wird unzählige Male wiederholt, bis Robert aufgibt.
Währenddessen stehe ich hinter Robert und denke, jetzt isrt der Moment, in dem du gehen solltest. Denn wenn das nicht klappt, und natürlich wird es nicht klappen, dann hast du ein Problem. Wohin bringst du dann Robert? Und was glaubst du, warum er sich vorher vergewissert hat, dass du sein Freund bist? Was glaubst du, warum er vorher gefragt hat, ob du auch in der Gegend wohnst? Geh schon, Fabian! Geh!
Aber wann ist der richtige Moment, um mit dem helfen aufzuhören? Wann hast du danach kein schlechtes Gewissen?
Als dann das grüne Licht der Gegensprechanlage erlischt und Robert sich umdreht, stehe ich immer noch da.
„Und was jetzt?“
„Faia, wo isdi nächse Bahn, imusssum Baof.“
Ich zeige den Berg hoch, „Dort oben. Aber ich muss in die andere Richtung. Das schaffst du alleine.“
Aber er hat den Ausdruck, den ich an diesem Abend schon ein paar Mal gesehen habe, den perfekt gesetzten Moment, wie auch kleine Hunde ihn schaffen können, um Mitleid zu erregen, „Faia, ibi so schwai pack dasnich! Faia biee!“
Also bringe ich ihn zur Station, bis vor die Treppen, „Das schaffst du alleine, du musst nur noch die Treppe runter.“
Dann kommt das Gesicht und, „Faia, dumus mihaln, ikakeie Trepn!“
Also lasse ich meinen Arm packen und bringe ihn die Stufen runter. Er stolpert sogar, „Siesuu, Faia? Ibraudi!“
Und ich kann mir denken was als nächstes passiert, denn ich habe keine Ahnung, wann der Moment kommt, wo ich gehen soll. Oder ob ich ihn schon lange verpasst habe. Dann kommen die Rolltreppen hinunter zur Station und Robert stellt sich drauf, erstaunlich sicher steht er dort und fährt hinunter, „Faia, ko!“
Ich bleibe oben stehen und hebe die Hand und wir beide merken, dass es jetzt vorbei ist. Da grinst er wieder für diesen kurzen Moment und sagt, „Tschüss, Fabian!“
Und dann ist er verschwunden.

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5 Gedanken zu „Der richtige Zeitpunkt, um mit dem Helfen aufzuhören.“

  1. Du hast mich ja manches Mal schon begeistert mit deinen Texten, aber dieser ist was ganz Besonderes. Der dreht sich ganz penetrant im Kopf hin und her und möchte noch- und nochmals überdacht werden.

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