Fundstück: Neulich, am Grab von Hilde Domin.

Das Grab von Hilde Domin in Heidelberg. "Wir setzten den Fuß in die Luft und die trug."

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Folgenden Text habe ich auf dem Grab von Hilde Domin auf dem Bergfriedhof in Heidelberg gefunden. Man durchschreitet einen großen Teil des Friedhofs, bevor man dort ankommt, in einer kleinen Insel am Weg, die sie sich mit ihrem Ehemann und dem Dichter Friedrich Gundolf teilt.

Drei aus einem Notizbuch gerissene Blätter, mit blauem Stift auf jeweils beiden Seiten beschrieben, undatiert, nur mit einem weiblichen Vornamen unterschrieben. Die Blätter werden von Steinen auf dem Grab gehalten,und schon jetzt ist absehbar, dass die Blätter sich auflösen, der Text demnächst nicht mehr lesbar sein wird. Ich mochte ihn sehr, deshalb will ich ihn hiermit festhalten. Ich versteht schon, wieso.

Jetzt habe ich endlich dein Grab gefunden. Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich dich duze. Ich habe auf dem Weg zwei fremde Gräber entlaubt und bin mir dabei etwas komisch und hilflos und spirituell vorgekommen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich nicht an Tote glaube, aber irgendwie auch schon. Ich glaube zum Beispiel, dass du bei mir warst, als ich fünf Jahre nach deinem Tod das erste Gedicht von dir gelesen habe. Und ich habe den Schmerz wiedererkannt wie eine Schwester. Ich glaube, dass du mich in diesem Moment gekannt hast und dass du mich vielleicht jetzt noch kennst, trotz deines vollen Terminplanes. Wahrscheinlich bist du heute nachmittag zum Tee mit Virginia Woolf verabredet, oder was man so im Himmel macht. Aber du kennst das Leid. Du weißt, was ich meine.

Hilde, wie lebt man danach weiter? Du weißt, ich strenge mich an. Du weißt, wie schwer es für mich ist. Ich weiß nicht, ob ich es ertragen kann, was mir passiert ist. Ob mein Mann es ertragen kann. Ob es einen neuen Anfang gibt für mich, eine Wegmarke für neues Gebiet in einer eigentlich so ebenen, gleichmäßigen Landschaft. Hilde, ich hoffe auf Frühling und ich weiß nicht, ob das genügt. Da sind Untiefen der Trauer und Heimatlosigkeit und da ist Erbarmungslosigkeit in mir und in der Welt.

Ich wünschte, ich hätte eine Mutter. Ich wünschte, ich hätte einen Vater. Vielleicht habe ich mittlerweile welche, andere Menschen, aber ich wünschte auch, ich hätte damals welche gehabt. Und nicht Menschen, die so sehr ausgesaugt wurden von den Erwartungen ihrer Eltern, dass sie nur noch Hüllen sind. Ich wünschte, das mit David wäre nicht passiert.

Und ja, ich werde es wahrscheinlich schon irgendwie überleben. Aber ich weiß nicht, wie ich leben soll. Wie ich aufstehen soll morgens und Orangen essen, wie ich einfach so meinen Mann lieben soll, einfach so zur Arbeit gehen und Kinder kriegen und glücklich sein. Hilde, wie hast du es gemacht? Wie soll ich diese Welt überleben? Diese erbarmungslose, diese kalte Welt überlebt sich nichtmal selber.

Danke, dass du uns deine Gedichte gegeben hast. Danke, dass du das Flussbett gegraben hast, und obwohl das Wasser nicht mehr da ist, macht es den Weg einfacher, wenn es wieder regnet und die Tropfen wissen, wie sie sich einordnen müssen. Danke, dass du da warst, als niemand da war. Deine Gedichte machen immer noch einen Unterschied. Danke für dein Leben.

L.

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