10 Jahre MacBook

2006 kaufte ich mir ein gebrauchtes iBook G4, mein zweiter Laptop überhaupt und mein Einstieg in die Applewelt. Leider ging der Rechner schon 2008 gut in die Knie, besonders mit einem externen Monitor und Audiointerfaces. Ich mochte das Betriebsystem und wollte nicht zurück zu Windows, aber die bis Mitte 2008 erschienenen Rechner von Apple empfand ich nicht als besser genug, um zu wechseln. Bis im Oktober 2008 dieses Macbook rauskam. Aluminium statt Plastik, LCD-Display und ein Touchpad ohne extra Maustasten, dieses MacBook machte einen großen Schritt nach vorne und hat Dinge in die Laptopwelt gebracht, die danach zum Standard wurden.

Ich sah damals die Ankündigungen, war begeistert und bestellte direkt. Der Rechner kam, ich war begeistert und gleichzeitig besorgt, vorschnell gehandelt zu haben. Vielleicht steckten noch Kinderkrankheiten in dieser ersten Generation der Aluminium-Unibodys oder ich hatte ein Montagsgerät erwischt. 

Zehn Jahre später sind diese Sorgen schon länger vergangen, die Begeisterung dagegen ist geblieben. Diese Baureihe war eine der letzten, die relativ einfach aufschraubbar und erweiterbar waren. In zehn Jahren habe ich einmal den Akku und das Netzteil ausgetauscht, musste einen der internen Lausprecher ‚reparieren‘, weil die Membran gerissen war, habe den Computer mit einer SSD und 8 GB Ram ausgestattet und ich verwende ihn bis heute jeden Tag.

Nicht mehr mit der aktuellen Version des Betriebsystems, nicht ewig ohne Strom und leider ohne Tastaturbeleuchtung – ich hätte damals nie gedacht, dass er so lange hält, sonst hätte ich den Mehrpreis dafür sofort bezahlt – aber so schnell und stabil, dass für meinen Alltag immer noch total ausreichend ist.

Ich habe Angst, dass irgendwann und vollkommen gerechtfertigt irgendein Teil kaputt geht, das ich nicht reparieren kann. Und dann weiß ich nicht, was als Nachfolger kommen könnte. Weil ich immer noch das Betriebsystem sehr mag, ich aber wie damals nicht finde, dass in diesen zehn Jahren irgendwas Großartiges hinsichtlich der Hardware passiert ist. Mehr noch, würde ich mir heute einen Laptop von Apple kaufen, wäre die Reparatur oder ein Upgrade ungleich schwerer bis unmöglich. Kein Rechner würde also so lange halten, wie der Aktuelle. 

Deshalb: Happy Birthday, liebes MacBook. Ich hoffe, du bleibst mir noch eine ganze Weile erhalten.

Buch: Scharfstellung von Heike Melzer

In meiner Praxis für Paar- und Sexualtherapie bekam ich vor ein paar Monaten einen Anruf mit unterdrückter Rufnummer.

Der erste Satz aus Scharfstellung

Heike Melzer tritt selbstsicher und imposant auf und sie braucht es mir nicht sagen, ich verstehe, dass sie weiß, wovon sie redet. Vor Kurzem hat sie bei TEDxStuttgart einen Talk gehalten, eine Kurzfassung dessen, was sie in ihrem Buch beschreibt: Die Abspaltung der Lust von der Liebe, angeheizt und ermöglicht durch Internet, Pornografie und Sexspielzeuge, samt der Gefahren, die damit einhergehen.

Es geht um Sex und es geht uns alle an und die Infos, die Heike Melzer in ihrem Buch liefert, sind spannend, keine Frage. Es sind auch Dinge, über die wir reden sollten. Ich finde dieses Buch aber leider nicht den besten Weg dafür.

  • Heike Melzer schreibt zum ersten Mal ein Buch und ist unsicher darüber, wie man einen Leser anspricht. Ich verstehe, dass man dieses Thema weder beschämt, noch zu ernst angehen will und Humor mit reinnimmt. Über diesen stolpere ich in diesem Buch. Er nimmt mich immer wieder aus dem Thema. 
  • Heike Melzer sagt zwar immer wieder, dass sie die Entwicklungen und all die Themen, die sie anspricht, nicht bewerten will, sondern nur beobachtend beschreiben will, ihre Sprache ist aber durchweg wertend. So gibt es Sätze wie „Sinnvoll eingesetzt kann Pornografie auch eine Partnerschaft bereichern […]“ (S.49).
    Ich finde eine Wertung und die Sensibilisierung, die Heike Melzer vornehmen will, nicht problematisch. Dann brauche ich aber auch nicht lesen, dass sie nicht werten will.
  • Wie schon gesagt, Heike Melzer erzählt extrem spannende Dinge und wirft dabei auch sehr sehr viele Zahlen in den Raum. Manchmal wird die Quelle im Text erwähnt, aber ich hätte mehrmals gern ein Verzeichnis gehabt, eine Sammlung aller Belege. Es gibt einen kurzen Anhang mit weiterführenden Büchern und Seiten und dann gibt es eine ziemlich ausführliche Literaturliste online. Aber es gibt nicht ein ‚diese Zahl kommt daher‘.
  • Und als letztes: Das Buch hätte mindestens einen weiteren Korrekturdurchgang gebraucht. Neben dem unsicheren Stil sind ganz viele Textpatzer drin, sich viel zu oft wiederholende Wörter und Bilder, die nicht stimmig sind. Keine Rechtschreibfehler, aber Unsauberkeiten, die für mich einen ähnlichen Effekt haben. Sie verwässern den Inhalt des Buches.

Ich habe mich ein paar Mal mit Heike Melzer über ihr Thema unterhalten und ich finde es wichtig und erzählenswert. Aber dieses Buch ist für mich nicht so stark, wie es sein könnte und sollte. Und das finde ich schade. Tatsächlich sind viele Menschen anderer Meinung. Das ist ja das Schöne an Meinungen.

Scharfstellung von Heike Melzer erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bericht: TEDxStuttgart 2018

Diesen Samstag fand die diesjährige Ausgabe von TEDxStuttgart statt. Vor zwei Jahren durfte ich meinen eigenen Talk halten, letztes Jahr habe ich bei der Speakersuche und ihrem Coaching geholfen und dieses Jahr durfte ich das Event moderieren.

Neun Speaker, fünf Englischsprachige, vier Frauen. Knapp ein Jahr lang arbeitet ein Team an Ehrenamtlichen daran, diesen einen Abend großartig zu gestalten. Aber ein so komplexer Abend heißt in meiner Erfahrung immer, dass mehrere Dinge nicht laufen, wie geplant und vieles improvisiert werden muss. Das gehört bei solchen Veranstaltungen dazu.

Der Samstag aber funktionierte einfach. Natürlich klappten ein paar Dinge nicht. Aber in so einem geringen Maß, dass der Abend einfach gut durchlief. Alle Speaker waren da und waren überragend. Wir haben den Zeitplan mehr als eingehalten. Das Publikum war gutgelaunt, die Stimmung war großartig und wohlwollend.

All das hat meinen Job einfach gemacht. Zwischen großartigen Talks auf die Bühne zu gehen, die Leute einmal kurz zum lachen zu bringen und auf das nächste Thema einzustimmen, hat nicht nur funktioniert, sondern extrem viel Spaß gemacht.

Schade, dass ihr nicht dabei wart. 

Von mir gibt es keine Videoaufnahmen. Aber von den Speakern. Ich freue mich, sie euch in ein paar Monaten zu zeigen.

Roman: Walkaway von Cory Doctorow

Hubert Vernon Rudolph Clayton Irving Alva Anton Jeff Harley Timothy Curtis Cleveland Cecil Ollie Edmund EliWiley Marvin Ellis Espinoza war zu alt, um auf einer kommunistischen Party zu sein.

Der erste Satz aus Walkaway

In einer Welt, in der man fast alles mit Sonnen- und Windenergie, einem 3D-Drucker und den richtigen Plänen ausdrucken kann, sind Programme, Pläne und Lizenzen das große Geschäft. Ein paar wenige verdienen daran richtig gut, alle anderen krebsen herum.

Hubert, Seth und Natalie beschließen, diese Gesellschaft hinter sich zu lassen und wegzugehen (‚Walkaways‘). Aber die Gesellschaft findet das gar nicht so cool.

Eigentlich ist es egal, worum es geht. Seit knapp zehn Jahren inspirieren und unterhalten mich Cory Doctorow und seine Romane. Er schreibt keine literarischen Meisterwerke, aber unterhaltsame, intelligente Geschichten, die sehr nah an unserer Realität liegen und oft sowas wie Bedienungsanleitungen für unser digital geprägtes Leben sind.

Homeland geht ein paar Jahre weiter in die Zukunft, eine Weiterentwicklung der Gedanken in Little Brother und besonders in Makers.

Doctorow schreibt einfach und spaßig, sodass ich schnell durch die 700 Seiten komme. Dennoch ist der Inhalt extrem komplex und regt zum Denken an. Wie wollen wir in Zukunft leben? Welche Möglichkeiten geben uns all die Dinge, die sich immer weiter in unseren Alltag drängen? Und wie gehen wir mit ihnen um? Zwischen zwei Serien kann man dieses Buch sehr gut konsumieren, sich Gedanken machen und sich unterhalten lassen.

Eigentlich schon genug gesagt über dieses Buch. Aber Doctorow macht in diesem nebenbei eine ziemlich spannende Sache: Der Aufbruch jeglicher Heteronormativität. Junge trifft auf Mädchen trifft auf Mädchen trifft auf Hermaphrodit und wieder zurück. Dass eine der Hauptfiguren schwarz ist, wird nach Dreiviertel des Romanes im Nebensatz erwähnt. All diese Vielfalt geschieht ohne Kommentar und ist so selbstverständlich, dass es mir – in unserem Alltag und unserer aktuellen Gesellschaft – auffällt. In einer ganz skurrilen Art. Weil ich nicht will, dass diese Vielfalt, diese Pannormativität irgendetwas anderes ist, als Normalität. Wir als Gesellschaft aber noch nicht so weit sind.

Ähnliches macht Doctorow auch mit Genussmitteln. Die Protagonisten des Buches rauchen immer mal wieder Meth und ich zucke beim Lesen zurück und warte auf irgendeine Erläuterung, irgendeine Erklärung oder Warnung oder sonst was, die aber nie kommt.

Noch eine andere Sache muss ich erwähnen, weil sie mich extrem, wirklich extrem genervt hat: Die deutsche Ausgabe des Romans hat einen riesigen Patzer im Klappentext. Es gibt drei oben genannte Hauptfiguren in diesem Roman: Natalie, Seth und Hubert. Hubert hat 20 Vornamen und wird deshalb Hubert Ecetera genannt. Im englischen Klappentext steht also:

In a world wrecked by climate change, in a society owned by the ultra-rich, in a city hollowed out by industrial flight, Hubert, Etc, Seth and Natalie have nowhere else to be and nothing better to do. (…)

Auf der deutschen Ausgabe steht:

(…) Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. (…)

Ich habe 700 Seiten gelesen, immer irritiert und in der Erwartung, wann endlich diese vierte Person auftaucht. Nur um danach zu verstehen, dass dies schlicht falsch ist. Das hat eigentlich nichts mit dem Roman zu tun, beeinflusst das Leseerlebnis aber extrem. Auf eine Art, die nicht sein muss. 

Walkaway ist eine spannende Zukunftsvision, utopisch und dystopisch zugleich, die leicht zu lesen und schwer zu verdauen ist. Ein Buch, dass seine Sache richtig gut macht, mal vom deutschen Klappentext abgesehen.

Walkaway von Cory Doctorow wurde übersetzt von Jürgen Langowski und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Buch der Zahlen von Joshua Cohen

Verpisst euch doch einfach, wenn ihr dies am Bildschirm lest!

Der erste Satz aus Buch der Zahlen

Joshua Cohen ist ein jüdischer und erfolgloser Schriftsteller, der sich irgendwie durchs Leben schlägt, bis er den geheimen Auftrag erhält, als Ghostwriter die Memoiren von Joshua Cohen zu schreiben, Internetmilliardär, Medienmogul und fiktionale Vereinigung von Steve Jobs und den Google Gründern Larry Page und Sergey Brin (glaube ich).

Darum geht’s in diesem Buch. Nun heißt der Typ, der das geschrieben hat, auch Joshua Cohen. Und das ist nicht das sonderlichste an diesem Werk. Das Buch setzt sich zusammen aus Blogbeiträgen, erzählter Prosa, Abschriften von Telefongesprächen, eine irre Mischung aus Sprachgewirr, inhaltlichen Verknüpfungen und Referenzen in unsere Welt, immer wieder so explizit, dass ich die Grenze zwischen Fakt und Fiktion nicht immer finden konnte. 

Das Buch ist kein Spaziergang, es ist eine Bergbesteigung. Es ist nicht leicht, reinzukommen und ich muss immer wieder Energie aufwenden, um die ersten 100 Seiten dranzubleiben, mich durch Absätze ohne Punkt und Komma, ohne Großschreibung und Grammatik kämpfen – Kudos an Robin Detje, den Übersetzer, dieses Ding in eine andere Sprache zu bringen, ist eine viel zu wenig beachtete Leistung – um letzten Endes die restlichen 650 Seiten in zwei Tagen durchzulesen.

Der Klappentext nennt das Buch „Autobiografie, Familiengeschichte, Ghostwriting für Anfänger, Silicon-Valley-Historie, internationaler Thriller, Sexkomödie“ und bis auf die Sexkomödie finde ich all das in diesem Roman wieder. Es ist ein Spiel mit der Sprache, mit der Geschichte und unserer Zeit, es verlangt viel, aber wenn du drin bist und durchkommst, ist es unglaublich geil. Wie übrigens auch das Cover, gestaltet von Suzanne Dean, ursprünglich für die britische Ausgabe.

Es ist mein erstes Buch von Joshua Cohen. Ein Glück gibt es mehr.

Buch der Zahlen von Joshua Cohen wurde übersetzt von Robin Detje und erschien bei Schöffling & Co. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wie Nina George und der VS unser Internet kaputt machen

Das EU-Parlament hat für eine dubiose Urheberrechtsreform gestimmt, und ich finde es ziemlich scheiße, weil es komplett gegen meine Vorstellung von einem freien Internet und von Kreativität geht. Noch viel schlimmer aber ist die Freude von Nina George und des Verbands der Schriftsteller (VS).

Vor zwei Jahren hielt Nina George eine Rede bei den Leipziger Buchtagen, die extrem polemisch und problematisch war und tatsächlich nur dazu diente, Menschen Angst zu machen. Seitdem wird Frau George in Schriftstellerkreisen als Sprachrohr der armen und ausgebeuteten Schriftsteller gesehen und ist in dieser Funktion Mitglied des Bundesvorstandes des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und Beauftragte für das Ressort Urheberrecht. Wie im oben verlinkten Artikel ausgeführt, finde ich ihre Argumentation sehr gefährlich.

»Seit siebzehn Jahren warten Europas Kreativschaffende und ihre Branchenpartner auf eine rechtliche Grundlage für gerechte Vergütungen bei der Nutzung ihrer Werke im Internet. Die Entscheidung des Parlaments ist ein dreifaches Ja: zur Verantwortung, zur Kulturvielfalt im Internet, aber auch zum Schutz und zur Freiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher«, so Nina George, Mitglied des Bundesvorstandes und Beauftragte für das Ressort Urheberrecht.

Aus der Pressemitteilung des VS

Die Urheberrechtsreform wird hier als große Neuerung und Verbesserung angepriesen, und scheinbar gibt es besonders unter den schreibenden Menschen die Hoffnung, endlich von ihren Werken leben zu können. Ich glaube, dass Nina George genau deshalb so viel Zustimmung erfährt. Jeder will endlich für seine Werke gerecht entlohnt werden, und diese Reform soll das richten. Aber das wird nicht passieren.

Wir brauchen nicht darüber reden, dass Diebstahl und Piraterie illegal sind und nicht passieren sollten und wir Wege finden müssen, diese zu unterbinden oder wenigstens für Nutzer unattraktiv zu machen. Aber die Lösungen, die in der aktuellen Reform angesprochen werden, werden nicht funktionieren.

Die „gerechte Vergütung“ soll einerseits über das Leistungsschutzrecht erreicht werden, andererseits über die Inpflichtnahme der sozialen Netzwerke und Plattformen, die von Usern hochgeladenen Dateien vorab auf Urheberrechtsverletzungen zu überprüfen und die Veröffentlichung zu unterbinden. Im folgenden Uploadfilter genannt.

Uploadfilter sollen also verhindern, dass illegale Dateien verbreitet werden. Ein Algorithmus entscheidet, ob die hochgeladene Datei eine Urheberrechtsverletzung darstellt. Ähnliche Filter setzen YouTube, Instagram und Facebook schon länger ein, um beispielsweise Bilder von weiblichen Nippel zu unterbinden. Problem ist: Bisher gibt es keinen Algorithmus, der das richtig kann. Stattdessen bremst YouTube eine Kampagne gegen Sexismus aus, und Facebook löscht nicht nur „echte“ Nippel, sondern weist auch Bilder von Kulturgütern wie alten Gemälden ab, sodass es Museen erschwert wird, sich in den sozialen Medien und nah an einer jungen Zielgruppe zu vermarkten.

Es wird noch lange keinen Algorithmus geben, der zwischen einem Zitat, eine Parodie, einem Remix oder eben einer wirklichen Verletzung unterscheiden kann. Angesichts der hohen Strafen für die Plattformen bei Verletzung des Gesetzes werden diese ihre Filter eher schärfer einstellen und lieber zu viel filtern. Das bedeutet vielleicht weniger illegale Kopien geschützter Werke in den sozialen Netzwerken. Das bedeutet aber auch, dass beispielsweise gifs nicht mehr hochgeladen werden können, wir im Zweifelsfall keine Bilder von schönen Buchcovern mehr machen können, mit denen wir unsere Instagramkanäle füllen und Frau George keine Werbung mehr für schreibende Kolleginnen unter dem Hashtag #Autorinnenzeit machen kann, weil diese Screenshots als Urheberrechtsverletzung gedeutet werden könnten.

Gewiss, auf einigen Plattformen könnten weniger illegale Kopien zu finden sein. Aber eben auch alles andere, das unsere Art, zeitgemäß zu kommunizieren ausmacht. Und es bedeutet nicht, dass es keinerlei Piraterie mehr gäbe. Weil die Verteilung über diese Plattformen nur einen Teil der Vertriebswege ausmacht. Die Portale, die schon jetzt nur für die illegalen Kopien existieren, werden sich nicht an dieses weitere Gesetz halten. Und wenn jemand etwas illegal und kostenlos haben will, wird er einen Weg finden.

Das Leistungsschutzrecht, welches nun EU-weit eingeführt werden soll, gibt es schon seit 2013 in Deutschland. Es sollte dazu führen, dass Verlage und Autoren besonders von Google an den Werbeeinnahmen beteiligt werden, die Google durch die Verwendung von Textabschnitten (Snippets) und Verlinkungen generiert. Schon damals wurde davor gewarnt. Es wurde dennoch durchgesetzt. Google drohte damit, keine Links mehr zu den Medienhäusern und Verlagen zu setzen. Dann:

Kurz vor Inkrafttreten des Leistungsschutzrechts wurde am 30. Juli 2013 bekannt, dass viele der stärksten Befürworter des Gesetzes, darunter die Verlage Axel Springer, Burda und FAZ, durch Annahme des von Google geforderten „Opt-In“ einer weiteren unentgeltlichen Listung in Google News zugestimmt haben.

Aus dem Wikipediaartikel

Heißt: Der Schaden für die Verlage wäre größer, wenn sie gar nicht bei Google auftauchen würden, als dass sie es kostenlos tun. Und dieses neue Gesetz soll nun in der ganzen EU dafür sorgen, dass die Verlage und Autoren mehr Geld bekommen? Meine Vorhersage: Google bekommt wieder seine Gratislizenz der meisten Verlage, weil sie es sich nicht leisten können, nicht von Google gelistet zu werden. Aber die Verschärfung führt dazu, dass kleinere Anbieter nicht mehr auf die Verlage verlinken werden. Im schlimmsten Fall kann ich bei einer Buchbesprechung nicht mehr auf den Verlag verlinken, weil ich nicht dafür zahlen kann und möchte. In meinen Augen verlieren die Verlage dadurch mehr, als sie verdienen könnten. Und selbst, wenn sie etwas verdienen sollten, gingen knapp zwei Drittel aller Einnahmen im deutschen Raum an die Axel-Springer-Gruppe. Es sind also mitnichten die kleinen (Buch-)Verlage und Autoren, die durch diese Regelung besser bezahlt werden würden. Eine von der EU-Kommission zurückgehaltene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das bereits existierende Leistungsschutzrecht der deutschen Medienlandschaft schadet und die Ausweitung desselbigen all das nicht besser macht.

Seit Monaten versuchen mehrere Gruppen, unter anderem unter dem Begriff #savetheinternet, auf genau diese Probleme hinzuweisen und zu warnen.

Der VS und Nina George nennen diese Aufklärung „Desinformationskampagne“ und „von Techgiganten inszenierte Meinungsmache“ und stellen diese „als Gefahr für demokratische Prozesse“ dar. Dabei ist es genau andersherum! Vielleicht werden ein paar illegale Vertriebswege gesperrt. Die „Anbieter“ werden sich neue suchen. Gleichzeitig aber wird vieles kaputt gemacht, was Teil des Internets ist, in dem ich mich gerne aufhalte und einen signifikanten Teil meiner Art zu kommunizieren darstellt. Dieser demokratische Dialog wird gestört.

Nicht falsch verstehen: Auch ich bin für eine Veränderung des Urheberrechts, für eine Unterbindung illegaler Aktivitäten und sehe die Macht großer Firmen kritisch. Es gibt viele verbesserungswürdige Dinge, Dinge für und gegen die wir uns einsetzen müssen. Aber nicht auf die Art und mit dem Kollateralschaden, den diese Reform mit sich zu bringen droht.

Die Buchbranche hat seit Jahren Angst um ihre alten und eingefahrenen Vertriebswege, und sie wiederholt die Fehler der Musik- und Filmindustrie. Sie klammert sich an jeden Versuch, auf irgendeine Art noch mit alten Strukturen Geld zu verdienen, statt sich der Aufgabe zu stellen, in unserem neuen Alltag Wege zu finden, das Buch zu vermarkten.

Die Freude von Nina George und des VS scheint mir ein Teil dieses Festklammerns zu sein. Das macht mich sehr traurig, weil ich mir von einem Verband schreibender Menschen mehr erhofft habe.

Was übrig bleibt: „Bei den meisten Menschen, die hoffen, wird die Hoffnung zerschmettert. Das ist realistisch. Aber…“

“Bei den meisten Menschen, die hoffen, wird die Hoffnung zerschmettert. Das ist realistisch. Aber jeder, dessen Hoffnung nicht zerschmettert wurde, begann als jemand, der Hoffnung hatte. Die Hoffnung ist der Eintrittspreis. Es ist und bleibt eine Lotterie mit beschissenen Gewinnaussichten, aber wenigstens ist es unsere eigene Lotterie.”

Walkaway – Cory Doctorow
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Bericht: Z2X18

Nach 2016, 2017 und dem Abstecher in Stuttgart bin ich zum vierten Mal auf dem Festival für neue Visionäre der Zeit. Es ist immer noch mehr Kongress als Festival, es werden jedes Mal mehr Menschen und immer noch, immer stärker fühlt es sich für mich an wie ein Familientreffen. 

Ich schaffe es dieses Jahr, nur am Samstag da zu sein. Also frage ich die Meeresbiologin Julia Duerschlag, wie der Müll ins Meer kommt und was wir dagegen tun können, arbeite mit Tizia und Michael von fairlanguage an einer gerechten Sprache und höre mir an, wie Vanessa und Minh Thu über ihren Rice and Shine Podcast reden und Fragen beantworten. 

Das ist schön, es macht alles Spaß und ich lerne viel. Aber 2 Stunden sind für solche Themen dann doch zu wenig, sodass oft dann immer noch das Gefühl bleibt, dass es – ob jetzt das Müllproblem oder die Sprache oder was auch immer – kompliziert ist.

Ist das der Mittelweg, damit wir mehr als einen Workshop mitnehmen können? Und trotzdem verpasse ich ja all die Sachen, die parallel passieren. Ich habe dafür keine Lösung, aber mir ist das aufgefallen. Und noch was anderes, ein Minderheiten-Mehrheitsdilemma, dass mir seit dem Wochenende nicht mehr aus dem Kopf geht. Kommt aber im extra Beitrag.

Trotzdem: Jedes Mal eine Freude. Dinge zu lernen, Menschen wiederzutreffen und neu kennenzulernen. Jedes Mal gerne wieder. Danke.

Roman: Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.

Der erste Satz aus Vom Ende der Einsamkeit

Jules wacht nach einem Unfall im Krankenhaus auf und rekapituliert sein Leben, seine Kindheit mit seinen Geschwistern und ohne Eltern, da sie früh ums Leben kommen. Beleuchtet Momente und holt Erinnerungen hoch, die sich verloren angefühlt haben. 

Dies ist mein erster Roman von Benedict Wells. Immer nur knapp zwei Jahre älter als ich, konnte ich an seinem Lebensweg den ablesen, den ich nicht eingeschlagen, aber immer beneidet habe. Weil ich mich nicht traute. Vielleicht auch, weil ich es nicht gekonnt hätte.

Deshalb wollte ich lange Zeit nicht in seine Bücher eintauchen, deshalb las ich dieses wohl auch mit einem überkritischem Blick, der mich im ersten Drittel des Romanes noch auf ein paar Kleinigkeiten aufmerksam machte. Zwei, drei Vorahnungen im Sinne von ‚wenn ich damals schon gewusst hätte, dann…‘, die unnötig sind. Auch gibt es ein Kapitel in dem die Erzählperspektive wechselt und für einen kurzen Moment nicht mehr ein Mann in Gedanken sein Leben abspielt und wir in seinem Kopf dabei sein, alles miterleben dürfen, schambefreit und unzensiert, sondern wir als existenter Leser angesprochen werden und für dieses Kapitel dem Erzähler klar ist, dass wir da sind und ich mir für diese Passage nicht mehr sicher bin, ob er mir vielleicht doch Dinge verschweigt.

Alles Kleinigkeiten, die mir nur auffielen, weil ich einerseits nach solchen Dingen gesucht habe und andererseits, weil die Geschichte sonst großartig erzählt ist.

Wells braucht keinen großen Plot erzählen, er schafft Atmosphäre und so ein Gefühl, dass ich in der Geschichte bin, in ihr bleiben will und von ihr berührt werde. Immer wieder neu identifiziere ich mich, vergleiche mein Leben, meine Gedanken, meine Träume und hänge auch nach dem Ende der Geschichte den Figuren nach. Vom Ende der Einsamkeit hat mich unterhalten, mich berührt, mich zum Nachdenken gebracht. Was will man von einem Roman mehr?

Für mich heißt das nun, ganz viele Romane nachholen. Ein Glück stehen schon alle im Bücherregal.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Blumensammler von David Whitehouse

Der erste Satz aus Der Blumensammler:

Dreitausend Meter unter dem Meeresspiegel ächzen die Knochen unter der Last der Einsamkeit.

Der erste Roman von David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek, hatte mich ernüchtert und irgendwie enttäuscht zurückgelassen. Aber ich sah dieses Cover, den Titel und den Klappentext und dachte, ich will es nochmal probieren.

Drei Männer und drei Geschichten, von denen nur eine die des Blumensammlers ist, wunderbar skurril und mit feinen Worten und Bildern erzählt. Das konnte David Whitehouse schon im Roman zuvor, das Ding mit den Worten und den Bildern.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/174529397672/es-taucht-aus-dem-nichts-auf-wie-es-erinnerungen

Diesmal aber fühle ich mich aber auch in der Geschichte und mit den Figuren wohl. Mit dem ehemaligen Waisenkind, das in der Londoner Notrufzentrale arbeitet. Mit dem alten Professor, der eigentlich nur mit seiner Frau zusammen sein will. Und natürlich mit Peter, dem Tatortreiniger, der in der Bibliothek in einem alten Buch einen Liebesbrief mit den Namen von sechs seltenen Blumen findet. Er beschließt, diese zu finden.

Whitehouse fädelt die Geschichten ineinander und ich ahne, dass alles irgendwie zusammengehört. Was es natürlich auch tut. Trotzdem und gerade deshalb lese ich mich ziemlich schnell durch das Buch, stets mit dem Smartphone in der Hand, weil ich die Blumen nachschlagen will, um die es geht. In ein paar Tagen habe ich die knapp 400 Seiten durch, lächelnd und gut gelaunt, weil es dann doch nochmal überraschend ist.

Es gibt zwei Dinge, die mich an der Geschichte wundern, die ich gern noch erörtert hätte. Bei einem Roman, der von Anfang bis Ende sauber geknüpft ist, stellen sich mir diese beiden Fragen (,die ich hier nicht stellen kann, ohne zu spoilern).  Aber ich kann sie auch als Interpretationsfreiraum sehen, welcher dem Leser gelassen wird.

Der Blumensammler ist ein innerlich und äußerlich schönes Buch, voller Liebe für die Natur und die losen Fäden des Lebens, mit einem besonderen Blick auf Charaktere und das Schicksal jedes Einzelnen.

Das erste Kapitel ist eine gute Leseprobe. Wenn man die Erlebnisse dort annehmen kann, dann kann man sich auf den Rest des Romanes freuen. Wenn man dort abgeschreckt wird, liest man lieber was anderes.

Der Blumensammler von David Whitehouse wurde übersetzt von Dorothee Merkel und erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wie man ein fremdes Haus betritt

Viktor ist vielleicht Anfang 50, seine dunkle Haut gezeichnet von Sonne und Arbeit und Leben, er kommt aus Mazedonien, in seinen Haaren und dem Bart leuchten die grauen Strähnen und wenn er grinst, strahlen nicht nur seine Zähne, sondern das ganze schmale Gesicht.

Er sitzt mit den Frauen vor dem Haus, auf weißen Plastikstühlen, er zieht an seiner Zigarette und unterhält sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Aber als wir mit den Möbeln an ihm vorbeikommen, begrüßt er uns und springt auf, um zu helfen. Nimmt mir ein Bettteil aus der Hand und geht voran, durch den Garten zur offenen Balkontür und obwohl das Haus noch zum Großteil Baustelle ist, noch keine Böden verlegt sind und die Stromkabel aus den unverputzten Wände gucken und wir die Möbel nur zwischenlagern, zieht er vor der Tür seine Schlappen aus, geht Barfuß hinein. Du kannst deine Schuhe ruhig anlassen, sagen wir, es ist dreckig und der Boden voller Späne und Nägel. Aber Viktor, die Kippe immer noch im Mund, schüttelt den Kopf.

Wenn man ein fremdes Haus betritt, zieht man die Schuhe aus. Auch wenn es noch eine Baustelle ist. 

Wir bedanken uns, er strahlt sein Grinsen und verschwindet wieder um die Ecke, er muss sich umziehen, damit er in die Moschee gehen kann.

Hörbuch: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing, gelesen von Sascha Rotermund

Der erste Satz aus Die Tyrannei des Schmetterlings:

Afrika.
Die durchweichte Zeit.

Ich mochte „Der Schwarm“. Ich habe auch eine okaye Erinnerung an „Limit“. Und Schätzing ist einer der präsentesten Autoren, die ich kenne. Ich kenne keinen anderen schreibenden Menschen, den ich so oft auf Plakaten in der Stadt gesehen habe. Schätzing weiß sich zu verkaufen. Und das ist das Problem.

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein Science-Fiction-Zukunfs-Philosophie-Krimi-Thriller plus Liebesgeschichte, der ganz klein beginnt und anfangs noch extrem spannend ist. Dann irgendwann erst ein großes und dann ein unendlich weites Bild entwirft, in dem sich jeder Handlungsfaden, jede Struktur und auch jede Ordnung in meinem Kopf verliert. 

Schätzing kann grundsätzlich schreiben. Ganz viele Momente sind schöne kleine Edelsteine, die für sich toll funktionieren. Aber innerhalb eines Buches ist das, was Schätzing versucht, nicht möglich. Leider kommt es mir vor, als ob Schätzing sich gern schreiben sieht und innerhalb eines Buches alles an Fähigkeiten und Infos und Möglichkeiten reinquetscht, was ihm in dem Moment einfällt. In so einem Extrem, dass Schätzing streckenweise nur noch Information ohne jede prosaische Form hinklotzt und selbst das Ende sich nur rangeklatscht anfühlt, ohne jede Anstrengung, nur damit das Buch zu Ende geht. Vom Ende einer Geschichte kann ich gar nicht sprechen, jede seiner Geschichte hat Schätzing auf dem Weg verloren. Was total schade ist.

Denn in diesem Buch stecken viele gute Ideen und Momente und Geschichten. Aber nicht so, wie Schätzing sie zusammenquetscht. Wenn Schätzing nicht Schätzing wäre und so bekannt wäre, hätte ihm kein Verlag das durchgehen lassen, was er hier veröffentlicht hat.

So weiß ich nicht, was genau ich da in der Hand halte und was ich damit anfangen soll. Und ich glaube, Sascha Rotermund ging es genauso. Als ob er nicht weiß, was genau er da liest, kämpft er sich besonders durch den Anfang und legt eine klischeehafte Actionstimme über Stellen, in denen gar keine Action passiert. Das macht das Zuhören streckenweise ziemlich anstrengend. Es wird im Laufe der Stunden viel besser und an den meisten Stellen mag ich, was Rotermund macht, aber der Anfang war holprig.

Ich bleibe ratlos zurück, weil ich in diesem Buch viel Schönes erfahren habe, viel Spaß hatte, aber es nicht so richtig gut finden kann oder es gar empfehlen kann. Schade.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing erschien bei Kiepenheuer und Witsch. Das Hörbuch wurde gesprochen von Sascha Rotermund und erschien beim Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Die Stadt dein Spielplatz: Stuttgart mit dem eBike erleben

Greenstorm ist Händler für gebrauchte e-Bikes und verkauft ‚Jahresbikes‘, also Fahrräder, die für ein Jahr von Hotels für die Hotelgäste benutzt wurden. Ich bin Botschafter für Greenstorm, das heißt, ich habe das Corratec E-Power X-Vert zur Verüfgung gestellt bekommen. Ein Jahr lang darf ich es fahren und testen und darüber berichten.

Mittlerweile sind die 500 Kilometer auf dem Corratec E-Power X-Vert überschritten, das Fahrrad ist Teil meines Alltags und begleitet mich auf vielen Wegen. 

Der Verein Parkour Stuttgart hat die Aktion „Your City My Playground„, bei der der Verein immer neue Übungsmöglichkeiten in der Stadt sucht. Ich mag die Idee, eine Stadt – besser noch, den Alltag grundsätzlich – als Spiel, als Spielplatz und nicht als notwendiges Übel zwischen Wohnung, Arbeit und Erholung zu sehen. Das Fahrrad allein ist schon großartig, um durch Stuttgart zu kommen. Mit einem eBike wird es aber zum Spaß.

Das Corratec ist eigentlich für Berge und schmale Wege durch Wälder gemacht, deswegen musste ich es für die Stadt erstmal ein wenig nachrüsten. Jetzt macht es sich in dieser Stadt aber perfekt. Es gibt zwar eine immer größere Masse an Fahrradfahrern in Stuttgart, trotzdem scheint mir Stuttgart eine Stadt, in der weder Fußgänger, noch Autofahrer davon ausgehen, dass Menschen mit Fahrrädern unterwegs sind. Es gibt immer noch viel zu wenig Fahrradstraßen oder Fahrradwege und immer noch viel zu viele Verkehrsteilnehmer, die zwar nach Autos und Fußgängern Ausschau halten, nicht aber nach Fahrrädern. Das heißt, in Einbahnstraßen für Autos schauen die Leute nur in die eine Richtung, obwohl sehr Fahrräder aus der anderen Richtung kommen könnten. 

Das heißt, als Fahrradfahrer muss ich für alle aufpassen und lege mehr Vollbremsungen hin, als die anderen Verkehrsteilnehmer. Manchmal ärgert mich das. Manchmal schreie ich Menschen hinterher. Und mein Böser Blick für Autofahrer hat sich ziemlich geschärft. Aber oft genug kann ich das alles als Spiel begreifen, besonders wenn mein Fahrrad so eine Beschleunigung hat, wie das Corratec. Dann sind Hindernisse Herausforderungen und jedes Hindurchschlängeln und in Schrittgeschwindigkeit wird mit einer sirrenden Beschleunigung belohnt.

Manchmal, wenn ich am Berg an jemandem vorbeiziehe, der ohne Motor hochfährt, habe ich noch das schale Gefühl eines Betrügers. Tatsächlich glaube ich aber nicht, dass ein eBike weniger sportlich ist, dass es mich weniger anstrengt. Es nimmt die Spitzen aus den Strecken und es gibt mir ein Netz, falls ich eine Strecke wirklich nicht schaffe. Auf der anderen Seite fahre ich länger und weiter, als früher.

Ich bin gespannt, wie das in den nächsten Monaten aussehen wird.

5 Erinnerungen an den Kindergarten

Hallo neues Leben.

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  1. Die Grunderinnerung ist das Gefühl, nicht dorthin zu wollen. Das Gefühl, sich mit beiden Armen am Türrahmen festzuhalten. Eine braun lackierte Tür mit einem breiten gelben Balken als Klinke, auf der Innenseite in ausreichender Höhe ein Taster, damit Eltern alleine herauskommen. Ich weiß nicht mehr, warum und es war nicht immer so, aber dieses Gefühl hat sich eingebrannt.
  2. Es gab regelmäßig Äpfel, das Grundobst meiner Kindheit. Eines Tages sammelten wir die Kerne in einem Glas samt feuchtem Papier und konnten tatsächlich sehen, wie sie keimten. Wie sie Tag für Tag größer wurden. Keine Ahnung, was letztendlich daraus geworden ist, ob sie das Glas jemals verlassen haben. Aber sie strahlten eine Faszination aus, die ich bis heute inne habe.
  3. Jemand hatte Geburtstag und wir saßen an einem langen Tisch in Kindergröße. Es gab Kerzen und irgendwas leckeres, was nicht üblich war im Kindergarten, wir hatten Spaß und ich muss irgendwas getan, irgendeine Fertigkeit gezeigt haben, die einigermaßen besonders war. Ich habe vergessen, was. Aber sie war so interessant, dass jemand auf der anderen Seite des Tisches fragte, wie das genau funktioniert. Ich griff über den Tisch mit diesem stolzen Grundgefühl, etwas zu können. Jemandem etwas zeigen zu dürfen. Aber bevor ich es ausführen konnte, bevor ich jemandem helfen durfte, schrie eine Kindergärtnerin – damals hießen sie noch so – meinen Namen, so laut, dass ich zusammenzuckte, zurückzuckte. Mein Ärmel war einer Kerze nah gekommen. Es ist nichts passiert, aber mit diesem Schrei waren der Moment und auch jedes Gefühl von Stolz gegangen.
  4. Bei einem Sommerfest gab es verschiedene Stationen, mit denen man seine verschiedenen Sinne testen konnte, unter anderem eine Blindverkostung, bei der man erriet, was einem in den Mund gelegt wurde. Nach ein paar Dingen wie Banane, Apfel und Paprika legte mir jemand ein geschmackloses, glibberiges Ding in den Mund, von so zäher Konsistenz, dass ich augenblicklich eine Gänsehaut bekam und das Ding so schnell wie möglich schluckte. Es war ein Pilz. Es ist jeder Pilz, den ich seitdem gegessen habe.
  5. Ich war so neidisch auf den Kleiderschrank meiner Schwester, auf die Auswahl, die mir verwehrt blieb, dass ich mir von ihr einen Rock lieh und mit ihm in den Kindergarten ging, stolz und ohne mich um jemanden zu kümmern, meiner Mutter voran. Die damalige Leitung sah mich, nahm meine Mutter beiseite und sagte ihr, ‚Aber wenn ihr Sohn irgendwann mal anders wird, dann wissen Sie, wer Schuld ist.‘

Stories: Good Home von T.C. Boyle

Der erste Satz aus Good Home:

Es gab zwei Arten von Wahrheiten: gute und schmerzhafte.

T.C. Boyle ist optimaler Alleinunterhalter. Jede Lesung ein Spaß, ähnlich die Romane. Good Stories kondensiert dies, 20 Einblicke in 420 Seiten. Boyle umgeht dabei oft das deutsche Prinzip einer Kurzgeschichte, gibt mehr einen Einblick in menschlicher Lebensumstände, die meinem sehr fern sind, als einen überraschenden Twist oder eine unerhörte Neuigkeit. Es ist Auffächern des Alltags.

Good Home ist wie ein Fernseher der regelmäßig und unkontrolliert den Kanal wechselt. Meist dann, wenn ich diesen Ausschnitt der Welt, die Motivation der Figuren und ihr Handeln, wenn schon nicht gutheißen, dann zumindest nachvollziehen konnte, wechselte der Sender. Mehr als einmal blätterte ich um, entrüstet, dass es nicht weitergeht. Nur um mich dann in die neue Situation einzufinden.

Nicht alle Geschichten haben mir getaugt, nicht alle Situationen fand ich interessant. Aber selbst sie sind Teil dieser Möglichkeit, in menschliches Handeln, meist in ihre Abgründe zu blicken. Dass ich nach den meisten Geschichten mehr wollte, quasi mitten im Ritt rausgeworfen wurde, war in den Momenten zwar ärgerlich, erhält die Erinnerungen aber umso leuchtender. Treibt die Fantasie umso weiter an.

Und, Hanser hat ein ziemlich schönes Cover und wertig gemachtes Buch hingelegt. Nicht nur wegen des Inhalts habe ich dieses Buch sehr gerne in der Hand.

Good Home von T.C. Boyle wurde übersetzt von Anette Grube und Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.