Filmkritik: Silence von Martin Scorsese

Ein neuer Film von Martin Scorsese, mit Liam Neeson, Adam Driver und Andrew Garfield? Will ich sehen, auch wenn es nicht mein Thema ist.

Silence erzählt die Geschichte zweier Jesuiten im 17. Jahrhundert, die nach Japan gehen, um einen verschollenen Pater aufzuspüren. Eine beschwerliche Reise durch ein Land, in dem Christen verfolgt und getötet werden.

Ich bin vor ein paar Jahren aus der Kirche ausgetreten, ich habe nicht nur in religiösen Belangen ein großes Problem mit Extremen, ich möchte Dinge in Balance halten. Aber wie gesagt, ich wollte den Film trotzdem sehen. Nun:

Der Film ist eine Tortur. Die zwei Stunden und 40 Minuten fühlen sich fast doppelt so lange an. Das Martyrium der Jesuiten erlebe ich als Zuschauer mit, mit grandiosen Bildern und einem sehr guten Sounddesign, der meiner Beobachtung nach ohne Soundtrack auskommt. Wirklich, die Kamera, die Bilder, die Komposition, extrem gut gelungen. Die Geschichte aber bringt mich an meine Grenzen.

Die ausführliche Darstellung der Folter von Christen durch Buddhisten (auf Ansage eines Inquisitors, welch Ironie) erinnert an Mel Gibsons „Passion Christi“ und die Sturheit und Arroganz beider Religionen wird so eindrücklich dargestellt (und natürlich erweitert durch das eigene Wissen der Gewalt und Folter, die die Christen bei Andersgläubigen eingesetzt haben), dass ich den Film nur als Apokalypse Now des Glaubens ernst nehmen kann, als einen Antireligionsfilm, der zeigt, wozu fanatisch religiöse Menschen fähig sein können.

Leider meint Scorsese das nicht so. Er widmet den Film am Ende den Christen und Jesuiten. Er meint das ernst. Ich kann es nicht fassen.

Noch ein Kommentar zur deutschen Synchronisation: Sie ist unauffällig und damit sehr gelungen, bis auf einen Off-Sprecher gegen Ende des Films. Ein niederländischer Seefahrer beschreibt, wie er auf die Jesuiten trifft und ihren Leidensweg erfährt. Während alles andere sehr gut synchronisiert ist, was bei dem japanischen Akzent und den lateinischen Messen, die gehalten werden, wirklich nicht leicht ist, fällt dieser Sprecher durch seine Unterdurchschnittlichkeit auf. Ich will niemanden angreifen oder zu nahe treten, aber ich hatte das Gefühl, für diese vielleicht zehn Sätze hat das Studio den Praktikanten in die Kabine gestellt. Mit leichtem Dialekt, verwirrender Betonung und ohne Haltung wird der Text heruntergelesen. Was angesichts der gesamten Produktionsqualität so extrem auffällt, dass es mich vollkommen aus dem Film gerissen hat. Ich war an dem Punkt sowieso schon der Bilder, der länge und des Leids überdrüssig, aber dies war der Höhepunkt.

Silence ist kein schlechter Film. Er ist bildgewaltig und episch, aber er ist auch eine Tortur mit einer Moral, die man sich nicht antun muss. Besonders, wenn man der christlichen Religion eh schon kritisch gegenüber steht.

Silence läuft seit dem 2. März in den deutschen Kinos. Ich habe vom Verleih zwei Freikarten zur Rezension erhalten.

Roman: Vincent von Joey Goebel

Neuer Lesestoff: Vincent von Joey Goebel. So viel davon gehört, jetzt ist es dran. #diogenes #amreading

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Der erste Satz aus Vincent:

Tut mir leid, daß du es ausgerechnet von mir erfährst, aber du wirst nie glücklich sein.

Harlan ist der Manager von Vincent. Vincent ist Künstler und wie alle Großen erschafft er das Beste, wenn er leidet. Harlan sorgt dafür, dass Vincent leidet. Dies ist seine Geschichte.

Schon seit Jahren sagen mir viele Menschen, ich sollte dieses Buch doch endlich lesen, meine Liebste hat mir ein Exemplar auch vor ein paar Jahren geschenkt, dieses stand im Regal der ungelesenen Bücher. Ich wusste, worum es geht, aber es gab immer irgendwas anderes. Bis eben jetzt. Weil ich die WDR Hörspielversion gehört habe. Die ist leider überhaupt nicht gut. Sie versucht, mehr als 400 Seiten Roman auf 50 Minuten zu pressen und drückt dabei alles Leben heraus. So sehr, dass ich wusste, jetzt muss ich das Buch lesen und hoffen, dass es besser ist, als das Hörspiel. Ist es.

Joey Goebel schreibt nüchtern, melancholisch gefärbt, literarisch nicht herausragend, aber der Geschichte angemessen. Und um sie geht es. Das Bild des leidenden Künstlers ist kein neues, in negativer Version fiel es mir oft in Hildesheim auf. Und die Qualität von „Konsumkunst“ ist auch bekannt. Aber diese „Schule des Leidens“, die Goebel entwirft, ist so konsequent und spannend, dass ich auf jeden Fall wissen will, wie diese Geschichte verläuft.

Sie hat mich nicht nur unterhalten, sondern auch noch zum Nachdenken gebracht, über die These „Gute Kunst nur aus Leiden“ und auch darüber, wo ich mich selbst in diesem ganzen Betrieb sehe. Damit schafft Joey Goebel mit Vincent mehr, als viele andere Titel. Ich bin gespannt auf das nächste.

Vincent von Joey Goebel erschien bei Diogenes und wurde übersetzt von Hans M. Herzog und Matthias Jendis.

 

Lesung: T.C. Boyle im Wizemann Stuttgart am 15.02.17

T.C.Boyle mit Die Terranauten.

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Damals kam Drop City, der Hippieroman von T.C. Boyle, kam damals zur richtigen Zeit. Ich war 19 und wir hatten einen VW Bus, ich las Ken Kesey, Tom Wolfe & Jack Kerouac, trug indische Hemden und fand viele Aspekte der Beatniks und Hippies spannend. Und dann erschien dieses Buch über die Hippie Kommune, die nach Alaska zieht und natürlich wollte ich es lesen. Tat ich. Fand’s geil. Seitdem begleitet mich T.C. Boyle. 2009 ist er mit seinem Roman Die Frauen in Stuttgart und ich saß im Publikum. Schon damals war er ein relativ alter Mann, dürr und hochgewachsen und wahrscheinlich hatte er schon damals rote Chucks an. War eine großartige Lesung damals, obwohl ich erstmal gar kein Interesse an dem Roman hatte.

Dann habe ich Anfang des Jahres gesehen, dass T.C. Boyle wieder nach Stuttgart kommt und ich wollte mit dabei sein. Diesmal im Wizemann, die derzeit angesagteste Location in Stuttgart, veranstaltet von Wittwer. Die Buchhandlung wird dieses Jahr 150 Jahre alt, deshalb gibt es das Jahr über hochkarätige Lesungen zum Preis von 18,67 Euro, ihr versteht schon, dem Gründungsjahr. Boyle war eine davon.

Etwa einen Monat vor Veranstaltung ist sie ausverkauft, die große Halle ist bis an den Rand bestuhlt, rund 620 Stühle plus ein paar unbeabsichtigte Stehplätze. Ich komme alleine und bekomme den letzten leeren Platz in der Ecke der ersten Reihe. Weil noch eine halbe Stunde Zeit ist, lese ich noch im aktuellen Roman, die Terranauten, weswegen Boyle überhaupt da ist.

Februar gerettet: Lesestoff und Lesung von T.C. Boyle. #Terranauten #Hanser #tcboyle

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Angelehnt an die Biosphäre 2 Experimente in den 1990ern erzählt Boyle die Geschichte von acht Terranauten, die zwei Jahre in dieser künstlichen Welt verbringen, erzählt aus drei Ich-Perspektiven, Rezension folgt.

Ziemlich pünktlich kommen T.C. Boyle und Denis Scheck mit Pia Maria Fedelucci auf die Bühne, sie wird die deutschen Passagen lesen. Von Frau Fedelucci haben wir erst in diesem Moment erfahren, denn im Vorfeld wurde auch auf Nachfrage nicht gesagt, wer die deutschen Passagen übernehmen wird.

Boyle und Scheck sind seit Jahren befreundet und jeweils Bühnenprofis. Boyle sagt selbst, Lesungen müssen sein wie Rock-Konzerte, die Leute müssen Spaß haben. Das kann er und bindet nicht nur das Publikum, sondern auch Frau Fedelucci ein, die sonst nur neben ihm gesessen wäre und auf ihren Auftritt gewartet hätte. Habe ich schon schlimmer erlebt. Scheck ist extrem gut darin, englische Pointen ins Deutsche zu übertragen und dann wieder in eine englische Frage überzugehen, die sich nicht wie die nächste auf dem Zettel anhört, sondern wie die, die auf die letzte Antwort von Boyle kommen muss. Und Boyle liest nicht nur, sondern erzählt, – natürlich unausweichbar – von Trump, über seine Faszination, die ihn immer wieder zum Schreiben bringt, über den aktuellen Roman, über Politik, Drogen und den nächsten Roman, den er schreibt, über den LSD-Entdecker Albert Hofmann und seine legendäre Fahrradfahrt.

Die beiden heben die Veranstaltung auf ein Niveau, das Frau Fedelucci leider nicht halten kann. Boyle selbst liest die englischen Passagen nicht nur vor, er performt sie, legt sich in die Haltungen und ermöglicht es selbst jemandem, der kein englisch versteht, mitzukommen.

Frau Fedelucci dagegen liest vor, sodass man sie versteht. Sie gibt mir aber in dem Moment nicht das Gefühl, sie würde es erleben. Ich will Frau Fedelucci auf keinen Fall ihre Fähigkeiten als Schauspielerin absprechen, aber schauspielen und Hörbücher sprechen ist nicht das Gleiche.

Es ist eben auch nicht fair, ihr neben diese beiden Veteranen zu setzen. Ich hätte mir gewünscht, einen ähnlich guten Sprecher für die deutschen Passagen zu erleben, vielleicht sogar Eli Wasserscheid selbst, die die Hörbuchversion des Romanes spricht.

Nach exakt 90 Minuten, die ohne Fragen aus dem Publikum auskommen und sich sowieso viel kürzer anfühlen, beendet Denis Scheck die Veranstaltung. Wir applaudieren und kommen kaum aus der Halle, weil die Schlange zum signieren bis dorthin reicht. Und dann steht Boyle rund eine Stunde am Bücherstand und signiert wirklich jedes Buch, welches ihm hingehalten wird, wechselt mit jedem ein paar Worte und ist bis zum Ende, ich war vorletzter, extrem freundlich.

T.C. Boyle ist mittlerweile 69 Jahre alt, ich bemerke das schüttere Haar, welches 2009 noch länger und zu einem Zopf zusammengebunden war. Aber ansonsten steht ein fitter Mann vor mir, bestimmt zehn Zentimeter größer als ich, witzig und unterhaltsam.

Ich gehe mit einer sehr schönen Erinnerung nach Hause, freue mich auf die nächsten Bücher und hoffentlich noch ein paar Lesungen von Herrn Boyle. Und jetzt lese ich erstmal den Roman fertig.

Die Buchhandlung Wittwer hat mir eine Eintrittskarte zur Verfügung gestellt. Die weiteren Veranstaltung zum Jubiläumsjahr sind hier zu finden.

Ausstellung: „90° 0′ 0″ S“ von Maren Kames im Literaturhaus Stuttgart

Gestern Mittag habe ich zwei Schulklassen durch das Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar geführt. Jedes Mal kämpfe ich dabei mit der Schwierigkeit, „Flachware“ zum Leben zu erwecken. Wie stellt man Literatur aus? Wie bringt man sie nahe? Im Museum mache ich das über Geschichten, über Anekdoten zu den Ausstellungsstücken, zu den Autoren und Romanen.

Gestern Abend zeigte Maren Kames, wie sie das macht. Letztes Jahr hat sie ihr Debüt „halb taube halb pfau“ veröffentlicht und wurde die erste Kooperationsstipendiatin des Literaturhauses Stuttgart und der Akademie Solitude. Heißt, sie hat nicht nur drei Monate auf Schloss Solitude verbracht, sondern dort aus ihrem Buch, ihren Worten die Ausstellung „90° 0′ 0″ S“ generiert.

Schon ihr Buch (Rezension folgt) gleicht einer Partitur, die sich erst im Raum entfaltet. Die Seiten sind voller Weißraum, die Form folgt dem Inhalt und geht Dank QR-Codes über das Buch hinaus.

Diesen Ansatz hat Maren Kames in den Ausstellungsraum geholt. Neben den Treppen ins Schriftstellerhaus steht der erste Schriftzug. Der Raum selbst klingt in jeder Ecke anders. Mal nur Sounds, mal Worte, meist viel davon übereinander. Minibeamer projizieren alte Stummfilmsequenzen, Bilder oder Worte Sätze und Fragmente aus dem Buch. Überall im Raum finden sich Zitate aus dem Buch: An den Wänden, an den Rückseiten der Stuhllehnen, selbst an der Decke.

Die Ausstellung ist eine Insel von Sinneseindrücken, die für sich funktioniert. Glühen aber tut sie, wenn man das Buch kennt oder, wie bei der gestrigen Vernissage, man in diesem Raum einer Lesung beiwohnt. Ein roter Faden läuft von den einzelnen Inseln zu der Bühne, zu Maren Kames und Moderator Paul Brodowsky – ganz nebenbei, beides auch Hildesheimer Absolventen –  und macht daraus ein Gesamtkunstwerk.

Da der Raum weiterhin für Veranstaltungen genutzt wird, beschränkt sich jede Installation, abgesehen von den Stuhllehnen, auf die Wände und die Decke. Ich hätte mir noch mehr Installation im physischen Raum gewünscht. Aber in meinem Kopf ist die Vorstellung sehr schön, wie sich Kames‘ Worte im Raum bei einer anderen Veranstaltung ganz neu zusammensetzen und mit dem aktuell gesprochenen für jeden individuell verweben.

Maran hatte mir im Vorfeld erzählt, „Die haben gesagt, hier hast du soundsoviel Geld, mach damit, was du willst.“ Und genau das machte sie. Ganz viele Momente der Ausstellung, all die Kleinigkeiten, die sie so gut machen, sind Ergebnisse eines wirren Kopfes, dem man erlaubt, wirr zu sein. Sehr sehr toll. Geiler Scheiß, geradezu. Und dem Applaus nach stehe ich mit der Ansicht nicht alleine da. Ich wünsche mir mehr Mut von Institutionen, solche Dinge möglich zu machen. Wenn man dazu „Kunst“ drüberschreiben muss, soll mir das recht sein.

90° 0′ 0″ S„, eine Ausstellung von Maren Kames zu ihrem Debüt „halb taube halb pfau„, erschienen im Secession Verlag, zu sehen bis zum 21. April im Literaturhaus Stuttgart. Die Ausstellung ist vor und nach den Abendveranstaltungen sowie nach telefonischer Anmeldung (Fon 0711 / 22 02 17 3) zu sehen.

 

Sachbuch: Talk like TED von Carmine Gallo

Nachdem ich bestätigt bekommen habe, dass ich meinen TEDxStuttgart Talk halten werde, bekam ich dieses Buch als „Hausaufgabe“: Talk like TED. Carmine Gallo ist Sprecher und Coach für Sprecher und hat schon mehrere Bücher über über das Halten von Vorträgen geschrieben, die alle so klingen, als ob sie sich inhaltlich extrem ähnlich sind.

Vielleicht, wenn man nicht Sprechkunst studiert hat, lernt man ein paar Sachen durch das Buch. Wenn nicht, dann hat man, trotzdem Spaß beim lesen und wird an ein paar Sachen erinnert. Das größte Problem des Buches ist seine amerikanische Art. Bevor das Buch losgeht, muss ich mich durch Seiten Eigenlob lesen. Gallo legt den Penis auf den Tisch und erklärt mir ganz genau, wieso er der Beste ist, dieses Buch geschrieben zu haben. Und viele Sachen werden nicht einmal, sondern siebenmal bekräftigt, damit es auch jeder Leser verstanden hat. Das macht das Lesen anstrengend und Gallo erstmal sehr unsympathisch und suspekt. Wer sich selbst so anpreisen muss, der kann nicht so gut sein, wie er behauptet. Der Eindruck verfliegt im Laufe des Buches. Aber dafür muss man auch weiterlesen und nicht abgeschreckt sein.

Talk like TED ist ähnlich zu vielen Ted Talks: Es ist unterhaltsam, enthält schöne Anekdoten und eigentlich ist der Großteil des Inhalts bekannt, aber es ist trotzdem schön, immer wieder mal daran erinnert zu werden, es immer wieder zu hören.

Talk like TED von Carmine Gallo erschien bei Macmillan. Die deutsche Version wurde übersetzt von Silvia Kinkel und erschien beim Redline Verlag.

Serie: Sneaky Pete

Ich habe mir die erste Folge von Sneaky Pete nur angesehen, weil ich Giovanni Ribisi mag. Ich mochte ihn als Bruder von Nicholas Cage in „Nur noch 60 Sekunden“ und seitdem ich gucke ich ihn mir gerne an, so auch hier:

Ribisi spielt Marius, einen Trickbetrüger, der aus dem Gefängnis kommt und innerhalb einer Woche 100.000 Dollar zusammenbekommen muss, um seinen Bruder freikaufen zu können. Dafür gibt er sich als Pete, seinen Zellengenossen aus und schleicht sich in die Familie ein, um von ihnen das Geld zu bekommen. Stattdessen wird er in die Probleme dieser Familie gezogen.

Sneaky Pete hinterlässt nach der ersten Folge ein gutes Gefühl, das könnte eine nette Trickbetrügerkomödie werden, ich musste oft an Hustle denken. Stattdessen wird die Serie zeitweise ziemlich düster und ernster, als ich gedacht hätte. Dabei verliert sie trotzdem nicht ihren Charme, sondern balanciert zwischen Komödie und Thriller, hat geile Schauspieler, unter anderem Bryan Cranston, der sich spätestens seit Breaking Bad sehr wohl fühlt in der Rolle des Bösen.

Das wird bestimmt nicht meine Lieblingsserie und sie ist nicht überragend, aber sie ist mehr als solide. Sie ist gut, ich habe sie gern angesehen und ich bin sehr gespannt auf die zweite Staffel, weil dieser letzte Cliffhanger wirklich gut ist.

Eine Sache, die mir nicht nur bei dieser Serie in letzter Zeit aufgefallen ist: Die Freiheit, sich nicht sklavisch an eine bestimmte Laufzeit für jede Folge halten zu müssen – sie ist ja nicht für einen bestimmten Slot im Fernsehen gedacht – tut den aktuellen Serien gut. Sie können atmen, wo sie atmen müssen und sie können kürzer sein, wo sie früher unnötig lang gewesen wären. Deswegen schwankt auch bei Sneaky Pete die Laufzeit der Folgen zwischen 45 und 55 Minuten.

Sneaky Pete ist für Amazon Prime Kunden kostenlos und allen anderen leider erstmal vorenthalten. Ich verstehe nicht, wieso Amazon die Eigenproduktionen nicht auch für alle anderen zumindest käuflich verfügbar macht. Seit 17. Januar gibts die erste Staffel auf Englisch, die deutsche Synchronisation folgt am 17. Februar.

Literaturcafé.de-Podcast: Stephen King wird 70 – Die große Sonderfolge

Wolfgang Tischer und ich haben uns wieder dem Mikrofon unterhalten, diesmal eine Sonderfolge über Stephen King. Knapp zwei Stunden über das Leben, das Schreiben und alles andere.

Viel Spaß beim hören!

Roman und Hörbuch: Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeny, gelesen von Johann von Bülow

Der erste Satz aus Das Nest geht über die halbe erste Seite und ist wohl der längste im ganzen Buch. Ein Buch über die mittlerweile erwachsenen vier Geschwister Plumb, die eigentlich jeweils 500.000 Euro aus einem Fond bekommen sollten, wenn Melody, die Jüngste, 40 wird. Aber wenige Monate vorher verursacht Leo, der Älteste, einen Vorfall, der das Geld fast vollkommen aufbraucht.

Die Geschwister hatten mit dem Geld gerechnet, das Leben damit geplant und haben jetzt mehr oder weniger Probleme. Und sie müssen, obwohl ihre Leben weit auseinander gedriftet sind, sich wieder miteinander beschäftigen.

Cynthia D’Aprix Sweeney erzählt ausschweifend, detailliert, breit. Es geht nicht nur um die vier Geschwister, sondern auch um ihre Mutter, ihre Kinder und Lebenspartner, ihre Arbeitskollegen und sonstige Menschen, die mit ihnen zusammentreffen. Wir lernen die Hintergründe, die Motivationen und die Wünsche kennen. Und Dutzende Handlungsstränge. nach einem Drittel des Romans ist mir klar, dass es gar nicht um die Familie geht und wie sie ihre Geldprobleme lösen. Sondern um das Gesellschaftsbild, welches D’Aprix Sweeny zeichnet. Dieses ist tatsächlich spannend, weil sie immer wieder Charaktere erzählt, die ich kenne, die jeder aus seinem Leben kennt. Insofern lache und nicke ich und sage, jaja, kenn ich auch! Und am Ende bin ich auch berührt.

Aber Das Nest hat auch extrem langatmige Strecken. Episoden, bei denen ich mir bis heute nicht sicher bin, ob ich sie gebraucht hätte. Machmal kommt mir die Grenze dessen, was noch erzählt wird, und was dann zu viel ist, willkürlich vor.

Bevor ich das Buch angefangen habe, war ich auf der Lesung von Cynthia D’Aprix Sweeney und Johann von Bülow, der das Hörbuch gesprochen hat. Natürlich weiß sie, welche Stellen sie heraussuchen muss, natürlich kann er die Stellen so lesen, dass man Lust auf mehr hat. Also höre ich mir das gesamte Buch an, 12 Stunden.

Ich bin oft überrascht, auf der Bühne liefert Johann von Bülow eine großartige Show und es ist toll, ihm zuzuhören. Aus 12 Stunden gedehnt fällt er mir zu oft in einen coolen Duktus, lässt fast alle Figuren mit einer ähnlichen Art von Überheblichkeit sprechen und denken, sodass ich mir manchmal denke, vielleicht hätten sie anders gewirkt, wenn ich es selbst gelesen hätte. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob ich es tatsächlich komplett gelesen hätte, weil, wie gesagt, war er mir Streckenweise viel zu lang.

Ich weiß, Das Nest ist international erfolgreich und wird für Amazon verfilmt. D’Aprix Sweeney, sie schreibt auch das Drehbuch, meinte nach der Lesung zu mir, dass viel gekürzt wird, um den Stoff auf Filmlänge zu bekommen. Das kann dem Buch ganz gut tun. In der jetzigen Form fand ich Buch und Hörbuch nett, aber in keine Richtung herausragend.

Das Nest von Cynthia D’Aprix-Sweeney wurde übersetzt von Nicolai Schweder-Schreiner und erschien bei Klett-Cotta. Das Hörbuch wurde gesprochen von Johann von Bülow und erschien bei Der Audio Verlag. Der Verlag hat mir Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.

Drehbuch: Almost Famous von Cameron Crowe

Jahresendlesestoff: Almost Famous von Cameron Crowe. Drehbuch für die eigene Fantasie.

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Vor rund 16 Jahren saß ich zufällig im Kino, wir hatten sowas wie einen Filmclub und gingen jeden Monat einmal ins Kino, ohne zu wissen, welchen Film es zu sehen gab. Und dann lief Almost Famous.

Seitdem ist diese Geschichte um den 15jährigen Journalisten in den 70ern, der mit einer Newcomer-Rockband auf Tour geht, mein Lieblingsfilm. Die Musik, die Stimmungen, die Beziehungen und die Figuren, die gezeichnet werden, das kann ich mir jedes Jahr neu ansehen, besonders in der Zweieinhalb Stunden langen Directors Fassung. Gäbe es einen Roman, hätte ich ihn. Gibt es nicht. Dafür aber ein Drehbuch.

Anfangs ist es gewöhnungsbedürftig, Drehbücher zu lesen, sie ähneln eher einem Drama mit seinen nüchterten Orts- und Regieanweisungen und den Dialogen. Gleichzeitig wird den Figuren der Subtext mitgeliefert. Was die Schauspieler später zeigen müssen, wird klar erzählt. Was die Schauspieler daraus machen, ist nochmal eine andere Sache.

In diesem speziellen Fall kommen mehrere Besonderheiten zusammen. Einerseits geht es um Musik und Cameron Crowe hat nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch Regie geführt. Das heißt, das alles ist seine Vision. Oft hat ein Drehbuchschreiber eine Fantasie, die er niederschreibt, von den Schauspielern, den Set Designern, den Verantwortlichen für den Soundtrack und und und, und natürlich dem Regisseur aber nochmal interpretiert wird und mit der eigenen Vorstellung abgeglichen. Hier nicht. Hier geht Crowe soweit, das selbst im Drehbuch ein Großteil des Soundtracks schon festgelegt ist.

Andererseits kenne ich den Film dazu sehr sehr gut. Natürlich weiß ich, wie die Bilder aussehen, wie die Leute ihre Sätze sagen, in diesem Fall triggert das Buch die Erinnerung an den Film und meine eigene Fantasie ist dadurch extrem eingeschränkt. Aber das ist okay, ist ja auch mein Lieblingsfilm. Schön, tiefer in die Szenen einzutauchen, die Charaktere noch besser zu verstehen, ihre Motivation in manchen Momenten noch genauer greifen zu können. Und das passiert nicht plump, die Beschreibungen in den Regieanweisungen sind extrem detailliert, oft schon in einer prosaischen Form, sodass es Spaß macht, sie zu lesen.

Spannend wird es in den Momenten, in denen Film und Buch voneinander abweichen. Diese hier beispielsweise:

Das ‚Ask me again‘ von William steht nicht im Skript. Das ist der Schauspieler Patrick Fugit, der die Szene wiederholen möchte. Crow mochte diese Szene aber so besser, als die eigentlich geschriebene. Solche Momente zeigen, mit welchen Zutaten großartige Dinge gemacht werden.

Ich hatte sehr viel Spaß beim lesen und jetzt auch angefixt, was Drehbücher lesen generell angeht. Ich bin gespannt, wie gut das funktioniert, wenn ich den Film dazu noch nicht kenne.

Die Buchform des Almost Famous Drehbuchs ist in Deutschland nur einigermaßen teuer zu bekommen, in digitaler Form ist es kostenlos hier zu finden.

Roman: Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer

Lesestoff: Ymir von Philipp Krömer. #dasdebut #homunculus #bookstagram #amreading

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Der erste Absatz aus Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel:

Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.

Klopfen Sie!

Eine Expedition dreier Gesandter aus Deutschland in ein scheinbar bodenloses Loch in Island knapp vor dem 2. Weltkrieg. Der Lyriker unter diesen dreien erzählt diese Geschichte, die schon in der Rahmenhandlung etwas ausschweifendes, phantasierendes hat.

Anfangs war ich gespannt und habe mich gerne in diese Geschichte fallen lassen, die hier und da an Jules Verne erinnerte, er wird auch erwähnt, wie kann es auch anders sein bei einer Geschichte, die eine Expedition in das Innere der Erde beschriebt.

Die Sprache hat etwas zwischen Tristram Shandy und den Zamonien Romanen von Walter Moers. Unterhaltsam, definitiv. Und natürlich will ich wissen, wie es weitergeht, obwohl ich mit der nordischen Mythologie und der Geschichte von Ymir überhaupt nichts anfangen kann. Aber gerade in der Sprache will Philip mir einfach zu viel. Ich will selbst denken können, mitraten und meine Assoziationen haben können. Das wird mir hier nicht erlaubt, weil Krömer auf so vielen Ebenen Wortspiele, Referenzen und Auflösungen hintereinanderpackt, dass ich gar nicht die Chance habe, meinen eigenen Kopf anzustrengen.

Deshalb blieb Ymir für mich eine nette Geschichte, die bei einem minimalerem Erzählstil sich hätte mehr entfalten können.

Ich habe über das Buch auch im Podcast des Literaturcafé geredet.

Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philipp Krömer erschien beim homunculus verlag und steht auf der Shortlist des „Das Debüt 2016“ Bloggerpreises. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Literaturcafé.de-Podcast: Norwegen, Endzeit, Glückskekse und Nachts ist es leise in Teheran

Fernsehen ist Kaugummi für die Augen. #glückskeckse sind die besten Twitterer.

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Wolfgang Tischer hat mich eingeladen und wir haben einen neuen Podcast für das  Literaturcafe.de aufgenommen, diesmal im Buch-Café der Stuttgarter Buchwochen. Wir haben Glückskekse gegessen und über Bücher geredet, über Weißes Meer von Roy Jacobsen, über Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer, über Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar, Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker, gelesen von Uve Teschner und über Das Buch vom Meer von Morten A. Strøksnes.

Viel Spaß beim hören!

Warum ich lese, das Buch. Ab März überall.

Wie kam es dazu, dass wir zu Lesern wurden? Wer führte uns zum ersten Mal ans Bücherregal und zeigte uns seine Schätze, welcher Roman bescherte uns durchwachte Nächte, welche Lektüre änderte unsere Sicht auf die Dinge so grundlegend, dass wir nach ihr nicht mehr dieselben waren? Warum ich lese ist das Gemeinschaftswerk 40 deutschsprachiger Buchblogger, die in persönlichen Geschichten erzählen, warum die Literatur zu ihnen und zum Menschsein überhaupt gehört wie die Luft zum Atmen.

Sandro fragte vor eine Weile, warum wir lesen. Ich antwortete, viele andere auch. Ab März 2017 gibts die gesammelten Antworten von 40 Buchbloggern in einem Band zu kaufen, beim Homunculus Verlag.

Ab jetzt schon hier vorbestellbar. Viel Spaß beim schmökern.

Diese Blogs sind dabei:
1001buecher.wordpress.combibliothekarium.debooknerds.debuchrevier.com,
buchstabenmagie.blogspot.debuecher-kater-tee.dechristianweis.orgdasdebuet.comdasgrauesofa.com,
dingfest.wordpress.comfilmtheaterlesesaal.blogspot.defraeuleinjulia.de,
kaffeehaussitzer.dekapri-zioes.dekulturgeschwaetz.wordpress.com,
laubet.delectureoflife.wordpress.comlesemanie.blogspot.de,
lesenmachtgluecklich.wordpress.comlesenslust.wordpress.comliteratourismus.net,
literaturgedanken.blogspot.comliteraturleuchtet.wordpress.comlohntdaslesen.de,
lustauflesen.demokita.denotizhefte.wordpress.comnovelero.de,
palomapixel.blogspot.depeter-liest.depinkfisch.netpoesierausch.com,
schiefgelesen.netsoundsandbooks.comwasmitbuechern.de und
zeichenundzeiten.com.

Meine Stimme für den „Das Debüt 2016“ Bloggerpreis.

Der Literaturblog „Das Debüt“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Debütromane näher zu beleuchten und die Perlen unter ihnen hervorzuheben. Um dieser Aufgabe noch stärker nachzukommen, gibt es dieses Jahr erstmals einen Bloggerpreis für das beste deutschsprachige Debüt aus diesem Jahr. Dafür bin ich zusammen mit 20 weiteren Literaturbloggern Teil der Jury.

Über das Jahr hinweg haben wir insgesamt 50 Titel eingereicht. Das Team hinter Das Debüt hat daraus eine Shortlist erstellt und jeder Blogger hat nun eine Stimme, die er einem dieser Romane geben kann. Folgend also eine natürlich hoch subjektive Kurzmeinung zu jedem Shortlistitel in Lesereihenfolge (ausführliche Rezensionen sind oder werden verlinkt) und meine Punktevergabe.

Blauschmuck von Katharina Winkler. Die Geschichte des Lebens eines türkischen Mädchens, samt erster Liebe, gewaltvoller Ehe und der Flucht in den Westen ist nicht neu, aber die bildhafte, sehr verdichtete Sprache bringt mir das Erzählte so schmerzhaft nah, dass ich nicht aufhören konnte, zu lesen und extrem vielen Menschen davon erzählt habe.

Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Eine Familiengeschichte samt Flucht aus dem Iran nach Deutschland, über 40 Jahre und aus vier verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Hat mich immer wieder an Blauschmuck erinnert, weil die Thematik eine ähnliche ist. Bazyar setzt ihre Sprache extrem spannend ein und gibt nicht nur eine Wahrheit, sondern eine Bandbreite an Gefühlen für ein Land, eine Kultur und sich selbst. Hat mich mitgenommen und mir ein neues Land gezeigt, hat viel Spaß gemacht.

Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Barsdorf von Uli Wittstock. Ein extrem zersplittertes Mosaik , das Bild einer Kleinstadt in Momentaufnahmen, aufgehängt an einen Mord. Klar liest man, weil man wissen will, wer’s war. Es gab tolle und lustige Momente. Aber im Ganzen war mir die Szenerie zu kleinteilig, der Erzähler zu zerstreut, redefreudig und inkonsistent und leider auch das Lektorat des Romanes nicht sauber genug.

Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer. Eine Phantasterei, eine Expedition dreier Gesandter aus Deutschland in ein scheinbar bodenloses Loch in Island knapp vor dem 2. Weltkrieg. Erinnerte hier und da an Jules Verne und von der Sprache an etwas zwischen Tristram Shandy und den Zamonien Romanen von Walter Moers. Unterhaltsam, aber auch hier zeigt mir der Erzähler zu sehr, wie toll er ist. Ich will selbst denken können, mitraten und meine Assoziationen haben können. Das wird mir hier nicht erlaubt. Deshalb blieb es für mich eine nette Geschichte, die bei einem minimalerem Erzählstil sich hätte mehr entfalten können.

Weißblende von Sonja Harter. Tja, was? Vielleicht eine im verstörendstem Sinne Coming-of-Age Geschichte, ein Einblick in das Erwachsenwerden in der Blase des kleinen Dorfes der Protagonistin. ich brauchte eine Weile, bis ich auf den kalten, lethargischen Ton der Erzählung klargekommen bin, dann wollte ich nicht mehr davon weg.

Vielleicht lag es an der Lesereihenfolge, vielleicht einfach an dem Gefühl, das Katharina Winkler mit ihrem Roman in mir ausgelöst hat. Für mich war es, bevor ich die anderen vier las, neben Ted Chiang, das Buch des Jahres. Überhaupt. Das hat sich auch nach der Lektüre der anderen nicht mehr geändert, obwohl Weißblende von Sonja Harter sehr sehr knapp auf Platz Zwei steht. Also: Meine Stimme für Das Debüt 2016 geht an Katharina Winkler mit Blauschmuck.

Und nun bin ich gespannt, wie die anderen Stimmen ihre verteilen. Am 15. Dezember wird dann der Sieger bekannt gegeben, natürlich auf Das Debüt, welches auch Interviews mit den Schortlistautoren geführt und sowieso extrem viel Liebe und Herzblut in dieses Projekt gesteckt hat. Ich freue mich, dass ich dabei sein darf. Danke!

Update:

Mit knappem Vorsprung vor Philip Krömer hat Shida Bazyar „Das Debüt 2016“ gewonnen. Gratulation!

Roman: Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Neuer Lesestoff: Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. #amreading #nofilter #kiwi #dasdebut #debut #lis

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Der erste Satz aus Nachts ist es leise in Teheran:

König der Könige haben sie ihn genannt und gesagt, Wir feiern ihnm wir feiern seine Frau, die Schönheit, sie haben gesagt, Wir lieben dieses Land und dann haben wir gesagt, Wir lieben dieses Land.

Die Geschichte einer Familie, die aus dem Iran nach Deutschland fliehen muss, in vier Akten, die 40 Jahre überbrücken und aus der Sicht vier verschiedener Familienmitglieder. Das ist der Roman in einem Satz.

Dahinter stecken aber rund 280 Seiten, die mir ein Land und eine Kultur gezeigt haben, die ich kaum kenne. Dabei setzt Bazyar die Möglichkeiten, die sie durch ihre Erzählstruktur hat, extrem gut ein. So ist jeder Akt nicht nur in seiner eigenen überzeugenden Sprache geschrieben, sondern auch aus einer anderen Lebenseinstellung. Das heißt, ich kriege nicht nur eine Version des Irans, ich bekomme vier. Und damit ein Spektrum an Wahrnehmung und Einschätzung die mir sagt, dass es nicht den Iran, die Kultur oder gar den Islam gibt, sondern eben so viele, wie es Menschen gibt. Natürlich, das ist nichts Neues und war mir eigentlich schon vorher klar, aber es ist gut. Immer mal wieder daran erinnert zu werden.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/154117717857/es-gab-kurz-nur-mich-den-stuhl-am-fenster-und-die

Ich musste beim Lesen an Am Ende bleiben die Zedern denken und an Taqwacore, an Blauschmuck und an türkische Freunde, die mir damals schon nahe gebracht haben, wie es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben. Ich habe viel über Teheran und den Iran gelernt, aber auch viel gelesen, was mir nicht neu war. Es trotzdem immer wieder auf verschiedene Arten vermittelt zu bekommen, ist gut. Hier liegt auch die Stärke von Shida Bazyar, die übrigens auch in Hildesheim studiert hat, in jedem Abschnitt vermittelt sie auf andere Arten. Manchmal brauche ich, um von der Atmosphäre eingefangen zu werden, manchmal bin ich direkt drin. Als Geschichte im gesamten habe ich Nachts ist es leise in Teheran gern gelesen und freue mich auf Bazyars nächsten Roman. Achja, und: Extrem schönes und durchdachtes Cover. Nach der Lektüre des Romanes umso mehr.

Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar erschien bei Kiepenheuer & Witsch. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

 

Gedichte: Hold Your Own von Kate Tempest

Lesestoff: Hold Your Own von Kate Tempest. #amreading #katetempest #suhrkamp #nofilter #lyrik #bookstagram #books

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Die erste Strophe aus Hold Your Own:

Picture the scene:
A boy fifteen.
With the usual dreams
And the usual routine.

Lyrik und ich, wir werden echt selten warm. In meinem Sprechkunststudium bin ich immer wieder mit ihnen in Kontakt gekommen. Wenn es gefunkt hat, dann richtig. Aber das passiert eben nicht oft. Ich möchte Geschichten lesen und diese fehlen mir bei Lyrik oft. Ich habe Hold Your Own gelesen, weil ich von dem Roman von Kate Tempest sehr mochte. Ich weiß von ihren Songs, dass dort die Protagonisten des Romans wieder auftauchen. Ich hoffte, das sei auch hier der Fall. Ist es nicht, zumindest nicht direkt. Aber man liest aus ihren Gedichten das selbe Milieu heraus, die gleichen Probleme, die gleichen Themen.

Aber eben in Gedichten. Wenn ich die Geschichte in ihnen finde, funktioniert das für mich. In seltenen Fällen, wenn ich nur die Atmosphäre spüre. Es gibt Sätze, Passagen oder ganze Gedichte, die ich mag.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/153182242812/the-world-is-getting-stranger-every-day-youre

Aber größtenteils bin ich darauf zurückgeworfen, wenigstens den Flow zu spüren, den Rhythmus, der den Originalfassungen so stark inne wohnt, dass man nicht drumherum kommt, ihn zu spüren. Dies ist das Tolle an dieser Version: Man bekommt die Originalfassung neben der deutschen Übersetzung. Leider kommt diese überhaupt nicht an das Original ran. Ich ahne, wie schwer Lyrikübersetzungen sind. Diese reicht, um mal etwas nachzusehen, was man im englischen nicht versteht, aber sie ist in keiner Hinsicht ein Ersatz.

Ich werde mir wohl keine Gedichte mehr von Kate Tempest durchlesen, da warte ich lieber auf ihren nächsten Roman.

Hold Your Own von Kate Tempest wurde übersetzt von Johanna Wange und erschien bei suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.