Roman: Und Nietzsche weinte (When Nietzsche wept) von Irvin D. Yalom

Lesestoff: When Nietzsche wept von Irvin D. Yalom

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Der erste Satz aus Und Nietzsche weinte:

Das Glockenspiel von San Salvadore riss Josef Breuer aus seinen Träumen.

Was, wenn Friedrich Nietzsche suizidgefährdet wäre und Lou Salome ihn in eine Behandlung mit Josef Breuer lockt, während der sich mit dem noch jungen Sigmund Freud berät? Das ist die Geschichte.

In Realität ist dieses Treffen nie geschehen. Aber es hätte sein können. Und genau dieses ‚was hätte sein können‘ beschreibt Irvin D. Yalom, selbst Psychoanaliytiker in diesem Roman.

Ich habe den Roman auf Englisch bekommen, also habe ich ihn auf Englisch gelesen. Ich tue das viel zu selten, ich muss mich jedes Mal wieder ins englische fuchsen. Dazu kommt erstens eine Geschichte, die sich sehr langsam entwickelt und weniger handlungsbasiert als intellektuell ist. Und zweitens eine Geschichte, die mir zwar auf englisch erzählt wird, aber von deutschsprachigen Charakteren im Wien 1882 erzählt. Yalom bekräftigt dies, indem er immer wieder deutsche Worte einfließen lässt.

And for desert, they had a piece of Strudel with Schlag.

Das mag für englischsprachige Leser ja lustig sein, für mich als Deutschen wirkt das plump und schlecht gemacht. In meinen Ohren sprechen alle Figuren Englisch mit einem Arnold Schwarzenegger-Einschlag. Wird niemandem gerecht, konnte ich aber auch nicht abschalten.

Ich musste mich durch zwei Drittel des Romanes kämpfen, bis ich meinen Gefallen gefunden habe. Und bis fast ganz ans Ende waren mir Breuer und Nietzsche unsympathisch. Der einzig Coole ist der junge Freud. Mit ihm hatte ich meinen Spaß.

Nachdem ich durch war, war es doch eine ganz schöne und bertührende Geschichte, aber es war ein langer Weg dahin. Vielleicht wäre es in diesem Fall nicht nur einfacher, sondern auch besser gewesen, die Übersetzung zu lesen.

When Nietzsche wept von Irvin D. Yalom erschien bei Harper, die deutsche Ausgabe wurde übersetzt von Uda Strätling und erschien bei btb.

 

Literaturcafe.de Podcast mit Marx, ohne Mars, mit Bügeln und Buchladen

Kurze Info: Wolfgang und ich haben wieder über Bücher, Verfilmungen und Geschichten geredet, ich verwechsele andauernd den Mond und den Mars und wir haben einen Haufen Spaß. Ihr hoffentlich ebenso.

Podcast: Steal the Stars von Mac Rogers

Dakota ist Sicherheitsbeauftragte einer Einrichtung mit dem größten Geheimnis der Welt: Einem abgestürztem Ufo. Seit es vor mehr als zehn Jahren abgestürzt ist, versucht eine privatisierte Einheit der amerikanischen Regierung hinter das Geheimnis des Ufos und des Alien zu kommen, ziemlich erfolglos. Bis sich Dakota einerseits Hals über Kopf ihren neuen Mitarbeiter verliebt und andererseits die ganze Einrichtung verkauft werden soll, um Ufo und Alien öffentlich auszustellen. Dakota wehrt sich gegen beides.

Steal the Stars ist ein abgeschlossenes Hörspiel, welches in Podcastform geliefert wurde, 14 Episoden mit einer Laufzeit zwischen 20 und 45 Minuten, die mittlerweile komplett und kostenlos bei verschiedenen Anbietern verfügbar sind. Finanziert wird der Podcast über gefühlt zwei Minuten lange Werbeeinblendungen, die aber relativ unaufdringlich sind. Wer keine Werbung haben will, kann sich das ganze Hörbuch auch kaufen.

Steal the Stars ist die erste Produktion von Tor Labs, einem Imprint des amerikanischen Verlages TOR Books, eine Experimentierstation für neue Erzählmöglichkeiten. Erstmal ist es schön, wie Steal the Stars erzählt wird. Das Format des Hörspiels wird sauber benutzt und kann Effekte erzeugen, die weder im Film noch in einem Buch möglich sind. Die Anmutung ist roh und leicht angedreckt, die ganze Produktion ist hochwertig und es macht superviel Spaß, der Geschichte zu folgen, auch wenn die Prämisse ‚Alien auf der Erde‘ nicht die Neueste ist.

Mit der Liebesgeschichte dagegen bin ich zum Großteil überhaupt nicht klargekommen. Sie kam mir oft plump und unerklärt vor, wie eine comichafte Version von Liebe, bei der der Figur, tatsächlich der Kiefer auf den Boden plumpst und das Herz sichtbar durch den Körper schlägt. Das konnte ich leider nicht ernst nehmen.

Trotzdem habe ich die ingesamt knapp 7 Stunden gerne gehört, weil der Rest der Story schon ziemlich gut gebaut ist. Ich mag diese Art, Geschichten zu erzählen. Und als erstes Experiment im Podcastbereich ist das schon ein sehr schönes Stück. Ich bin gespannt, was Tor Labs und die Podcastwelt überhaupt noch an schönen Geschichten bringen werden.

Es gibt übrigens auch eine Buchfassung zum Podcast. Ich habe sie nicht gelesen, finde es aber schade, dass Tor diese Chance nicht genutzt hat und statt einer einfachen Nacherzählung eine andere Geschichte in der selben Welt zu erzählen. Das wäre für mich der richtige Nutzen der unterschiedlichen Medien gewesen.

Steal the Stars erschien als Podcast bei Tor Labs, wurde geschrieben von Mat Rogers und produziert von Gideon Media.

Roman: Artemis von Andy Weir

Der erste Satz aus Artemis:

Ich sprang über das graue, staubige Gelände zur riesigen Wölbung der Conrad-Blase.

Jazz lebt in Artemis, in der einzigen Stadt auf dem Mond, eigentlich nicht mehr als eine Raumstation für 2000 Einwohner und die Touristen. Jazz ist die geduldete Schmugglerin und alles ist einigermaßen okay, bis sie sich als Saboteurin versucht und dann alles schief geht.

Ich mochte Der Marsianer sehr und wollte unbedingt den kommenden Roman von Andy Weir lesen. Hätte ich Artemis mit diesem Cover irgendwo stehen sehen, hätte ich es erstmal stehenlassen. Anfangs konnte ich weder mit dem Bild noch mit der Schrift etwas anfangen und besonders der extrem große Hinweis auf das Vorgängerbuch macht jede schöne Gestaltung kaputt. Aber ich kann es nachvollziehen, weil niemand was mit dem Namen Andy Weir anfangen kann. Dafür ist er noch viel zu unbekannt. Wieso also nicht nicht die Bekanntheit des Vorgänger nutzen? Je länger ich das Buch aber in den Händen halte, desto besser gefällt mir das Cover.

Die Geschichte ist, wie der Marsianer auch, literarisch nicht anspruchsvoll, aber sehr spannend, unterhaltsam und gut runterzulesen. Ich ahne den Einfluss des Lektors, Weir hält sich bei den technischen und physikalischen Erklärungen mehr zurück als beim Marsianer und schafft eine schöne Balance zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung. Ich begleite Jazz gern durch ihre Welt, durch die Aufdeckung des Komplotts auf dem Mond und die Sorgen, die unseren auf der Erde erstaunlich ähnlich sind. Einzig ihre schnoddrige Art wirkt mir manchmal zu plump. Zu künstlich. Dann kommt mir Jazz vor, wie die Frau, die sich Männer gerne vorstellen.

Trotzdem, ich brauche nur wenige Tage für das Buch und bleibe lächelnd zurück, vorfreudig auf den kommenden von Andy Weir und die garantierte Verfilmung von Artemis.

Artemis von Andy Weir wurde übersetzt von Jürgen Langowski und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Alte Freunde von John Niven

Der erste Satz aus Alte Freunde:

Alan Grainger durchforstete seinen Wortschatz nach einem anderen Begriff für ‚Unverschämtheit‘, als er von Covent Garden kommend die Charing Cross Road überquerte.

John Niven hat mit Coma und Gott bewahre Bücher abgeliefert, derb und so unterhaltsam, dass ich vielen Menschen davon erzählt habe. Straight White Male lag mir zu sehr an Californication, aber war trotzdem ein gutes Buch.

Gute Freunde fängt mit dem Zusammentreffen alter Freunde nach mehr als 25 Jahren an, in denen sich alles geändert hat: Der ehemalige Rockstar lebt seit Jahren obdachlos und der langweilige Mitläufer von früher ist glücklich verheiratet und wohlverdienend. Natürlich nimmt Alan seinen alten Freund Craig auf und versucht, ihm wieder auf die Beine zu helfen. Dabei scheint Craig anderes im Sinn zu haben.

Die Prämisse ist mir erstmal egal, ich lese, weil ich weiß, dass ich etwas von Niven lese und er es schon größtmöglich knallen lassen wird. Macht er leider nicht. Im Gegenteil, es fühlt sich an, wie ein Manuskript, das in der Schublade lag und nun ein bisschen entstaubt wurde für die Veröffentlichung.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/173057788297/die-entscheidenden-weichen-des-lebens-winzige

Es gibt tolle Gedankengänge und Sätze drin, schöne Bilder und witzige Stellen. Aber oft wirkt es plump und hölzern, erklärend und inkonsistent in der Erzählweise. Da Stephan Glietsch schon die anderen Romane von John Niven ins Deutsche übertragen hat, schiebe ich dies dem Autor zu, nicht dem Übersetzer.

Es ist ein okayes Buch. Aber niemals das von Niven, welches ich empfehlen würde.

Alte Freunde von John Niven wurde übersetzt von Stephan Glietsch und erschien bei Heyne Hardcore. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Die Unversehrten von Tanja Paar

Der erste Satz aus Die Unversehrten:

‚Kann ich ein Glas Wasser, Vio‘, sagt sie und ich ergänze ‚haben‘.

Das Cover war mein Highlight der Buchmesse, also habe ich das Buch mitgenommen. Aber der Klappentext hat mich skeptisch gemacht. Ich war mir sicher, dass mir diese Dreiecksgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann zu sehr Betroffenheitsprosa sein würde. Aber das Cover.

Tatsächlich überrascht Tanja Paar mich. Sie schreibt extrem minimal, die Szenen sind kurz, vieles wird nur angerissen und das ganze Buch erinnert mich an einen Comic, in dem auch immer nur Standbilder gezeigt werden und der Hauptteil der Geschichte zwischen den Bildern geschieht. Es ist experimentell und es ist gewagt, manchmal funktioniert es, oft aber leider nicht.

Mehrmals komme ich mir vor, als ob ich die Rohfassung einer viel größeren Geschichte lese, einzelne Szenen, die unvollständig und zu kurz sind. Dadurch nimmt mir die Geschichte die Zeit, die ich bräuchte, um auf die emotionale Ebene zu kommen, die ich für die Geschichte bräuchte.

Die Geschichte ist krasser, als es der Einband suggeriert. Das ist gut, aber in mir rührt sich kaum was, weil ich nicht den Platz bekomme, dass es sich entfalten kann.

Weiterhin ist Österreichisch doch ein wenig anders, als Deutsch, sodass ich immer wieder über die kleinen grammatischen Unterschiede oder für mich ungewohnte Worte stolpere. Das holt mich mehr aus der Geschichte, als es sollte.  Und als letztes wirft das Ende der Geschichte für mich einen sehr großen Schatten über den Rest.

Paar hat eine spannende Schreibe und ich bin gespannt, wie das nächste Werk wird, aber dieses Mal hat es mich nicht berührt.

Die Unversehrten von Tanja Paar erschien im Haymon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Beobachtungen aus der letzten Reihe von Neil Gaiman

Der erste Satz aus Beobachtungen aus der letzten Reihe:

Ich bin dem Journalismus entflohen – oder habe mich ungeschickt von ihm gelöst -, weil ich die Freiheit haben wollte, mir selbst Sachen auszudenken.

Ich kenne Gaiman noch gar nicht so lange, aber ich lese seine Bücher gern, ich mag dieses Realität plus einen Hauch Magie. Ich sehe ihn mir auch gern an, wenn er Reden und Vorträge hält. Nun ist ein ganzes Buch davon entstanden, eine Sammlung von Vorworten, Essays, Reden und Vorträgen, die Gaiman in mehr als 20 Jahren in der Unterhaltungsbranche verfasst hat.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/172557336962/und-literatur-schenkt-und-empathie-sie-versetzt

Einigermaßen sortiert nach Dingen über das Schreiben selbst, über andere Menschen und über seine eigenen Geschichten. Gaiman schreibt selbst, es ist kein Buch, dass man einfach von vorne nach hinten lesen sollte. Ich habe es getan und es klappt tatsächlich nicht gut. Weil Gaiman zwar extrem gut Geschichten erzählen und Vorträge halten kann, aber gelesen funktionieren diese Vorträge leider nicht so gut, wie wenn man sie hört. Und wenn man einen nach dem anderen liest, merkt man eben doch, dass sie aus einem Kopf kommen und manche Bilder, Ideen und Anekdoten – so gut sie sind – immer wieder von Gaiman verwendet worden. Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, schon zu kennen, was ich las.

Es sind viele schöne Texte in diesem Buch, viele Leseempfehlungen und viele tolle Gedanken, richtig spannend wird es aber dann, wenn Neil Gaiman seine alten Texte nochmal kommentiert und in Zusammenhang bringt.

Es ist eine gute Zusammenstellung zum Teil sonst kaum erhältlicher Texte und ich hatte meine Freude, es zu lesen. Aber ich kann es nur Fans empfehlen und wünschte mir mehr Aufmerksamkeit und ein wenig mehr Zeit bei der Komposition.

Eine Sache noch, im Original heißt das Buch ‚The View from the Cheap Seats‘. Der titelgebende Aufsatz heißt im Buch auch ‚Die Aussicht von den billigen Plätzen‘. Warum das Buch selbst eine ungenauere Übersetzung erhalten hat, weiß ich nicht, aber es irritiert mich.

Beobachtungen aus der letzten Reihe von Neil Gaiman wurde übersetzt von Rainer Schumacher und Ruggero Leò und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

 

Roman: Jack von Anthony McCarten

Der erste Satz aus Jack:

Ja, ich war da.

Ende der 1960er, Jan ist Literaturstudentin und besessen von Jack Kerouac, dem Idol der Beat-Generation und Autor von ‚Unterwegs‘. Dieser ist abgehalftert und hat sich fast zu Tode gesoffen, hat kaum noch Kontakt zu Menschen. Aber Jan will zu ihm und will die erste authorisierte Biografie über ihn schreiben.

Vor knapp zehn Jahren hatte ich meine große Hippie/Beatnik/Jack Kerouac/Tom Wolfe/Ken Kesey-Phase und ich habe mich tief in die Materie gelesen und gefühlt. Als ich Anfang des Jahres von Anthony McCartens neuem Roman über Kerouac gehört habe, habe ich mich sehr darüber gefreut, wieder in die Zeit einzutauchen. Genau das gelingt auch mit dem Roman. Er bringt mich zurück in die 1960er, ein Wiedertreffen mit alten Freunden, mit denen ich diese neue Geschichte erlebe.

Anfangs tue ich mich schwer, in die Geschichte aus der Ich-Perspektive einzutauchen. Ich mag Jans Art nicht, finde sie auch nicht sympathisch. Bis ich mich eingegrooved habe. Und der Roman seine erste Wendung nimmt. Davon hat McCarten einige und sie machen aus dem Roman mehr als die typische ‚junges Mädchen trifft auf grummeligen alten Mann und schafft Veränderung‘ – Geschichte. Zusätzlich glaube ich, dass der Roman besser funktioniert, je mehr man über Kerouac und die Zeit weiß. Weil es dann Irritationen gibt, die sich im Laufe des Romans umso sauberer Auflösen.

Eine sehr gut und schnell runterlesbare Geschichte über Identitäten und Idole, die voll in mein Unterhaltungsempfinden passt.

Der erste Wermutstropfen dabei ist das Gefühl einer Mogelpackung, wenn man den Roman aufschlägt. Das Buch ist eh schon dünn. Zusätzlich ist die Schrift offensichtlich größer als bei anderen aktuellen Büchern des Verlags, sodass zumindest ein paar Seiten noch dazukommen. Man könnte auch einfach zur Länge der Geschichte stehen und den Preis anpassen.

Nachtrag, 28. März 2018: Ich habe mit Diogenes über die verschiedenen Schriftgrößen geredet und habe folgende Antwort bekommen:

Wir arbeiten je nach Umfang mit drei verschiedenen Schriftgraden und Satzspiegeln. Andere Verlage legen Schriftart, Schriftgröße und Satzspiegel für jeden Titel individuell fest. Natürlich dienen die Satzspiegel auch dazu, dem Buch eine gewisse Form zu geben – auch, damit bestimmte Titel nicht zu umfangreich werden, das geht also in beide Richtungen.

Andererseits bemisst sich ja der Wert eines literarischen Werkes nicht anhand der Seitenzahl.

Schön, dieser Einblick in die Produktion. Das Gefühl, dass ich beim ersten Aufschlagen des Buches hatte, kann ich im Nachhinein leider nicht mehr ändern.

Der zweite Wermutstropfen ist das Ende. Der letzte Twist von McCarten ist eigentlich ganz schön, aber leider relativ plump gemacht. Und dies ganz am Ende entlässt einen ein wenig enttäuscht in die Realität zurück. Trotzdem hat er mich angefixt und ich weiß, bald muss ich meine Hippie/Beatnik/Jack Kerouac/Tom Wolfe/Ken Kesey-Phase wieder aufleben lassen.

Jack von Anthony McCarten wurde übersetzt von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié und erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Iss was?! Tiere, Fleisch & Ich

Der erste Satz aus Iss was?!:

Wenn ich an meine südbadische Kindheit auf dem Land denke, dann erinnere ich mich an die Vielfalt der Tiere, an die Schweine, Hühner, Kaninchen und Ziegen, die wir selbst aufzogen und zu Hause schlachteten.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, Jugendliche über Fleisch, seine Herkunft und seine Konsequenzen zu informieren. Herausgekommen ist dieses Buch, perfekt auf Toiletten oder in Wartezimmern oder so. Wo man ein bisschen drin rumblättern kann. Ich mag die Illustrationen und die Art, wie die Informationen verpackt sind.

Klar, manchmal merkt man dem Buch und den Texten an, dass Jugendliche die Hauptzielgruppe sind. Aber selbst nach sieben fleischlosen Jahren habe ich im Buch einige Dinge gelesen, die ich nicht wusste – auf eine meist sehr unaufdringliche Art.

Ich merke dem Buch die Liebe an, die in die Gestaltung gesteckt wurde. Dass es nie darum ging, das Buch zu verkaufen. Auf der letzten Buchmesse wurde es kostenlos verteilt, gegen Porto kann man sich Exemplare bestellen und die PDF kann man einfach runterladen, hier.

Iss was?! wurde herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Hörbuch: „Origin“ von Dan Brown, gelesen von Wolfgang Pampel

Der erste Satz aus Origin:

Während die historische Zahnradbahn sich mühsam ihren Weg den schwindelerregend steilen Hang hinaufkrallte, blickte Edmond Kirsch auf die gezackten Bergspitzen hoch über ihm.

Ich habe gute Erinnerungen an die Bücher von Dan Brown und an die gelesenen Versionen von Wolfang Pampel. Dutzende Kilometer Spaziergang habe ich den Geschichten zugehört, fasziniert und gespannt, immer etwas über irgendwas dabei gelernt. Aber das System Langdon plus schöner Frau und einem Mord am Anfang wird dann irgendwann doch öde. Und entweder bin ich aus meiner Dan Brown Phase rausgewachsen oder sein Schreibstil ist schlechter geworden. Die Spreche von Wolfgang Pampel übrigens auch.

Diesmal geht es um Supercomputer, um künstliche Intelligenz und den Ursprung der Menschheit sowie die Antwort auf die Frage, wie es mit den Menschen weitergeht. Quasi nebenher wird die Entstehung und das Aussehen der Sagrada Familia in Barcelona beschrieben. Das ist der kulturhistorische spannende Teil.

Der Rest des gesamten Buches – zumindest in der gekürzten Hörbuchfassung – ist vorhersehbar, langweilig und sehr sehr plump geschrieben. Langdons Gedankenwelt wird so simpel beschrieben, dass ich es einfach nicht glauben kann. Schon lange vor den Twists ist mir klar, was passieren wird und dann nehme ich es dem genialen Langdon nicht ab, dass er noch keine Ahnung hat. Ich hatte durchweg die Hoffnung, dass Brown noch einen geilen Twist hinlegen kann. Der kommt nicht und ich bin ernüchtert und enttäuscht.

Von Wolfgang Pampel ebenso. Vor acht Jahren fand ich seine Spreche noch spannend und passend. Mittlerweile ist Pampel 72 Jahre alt und leider ist nichts mehr übrig, als die Stimme. Seine Spreche hört sich an, als würde das Gebiss locker hängen und er liest den Text herunter, als ob er zum ersten Mal ein Hörbuch spricht. Wenn es nicht Dan Brown und Wolfgang Pampel wären, wenn da nicht die Nostalgie wäre, hätte ich nach der ersten Stunde ausgeschaltet.

Empfehlen kann ich es niemandem. Ob ich einen weiteren Brown konsumiere, keine Ahnung.

Origin von Dan Brown wurde übersetzt von Axel Merz, gesprochen von Wolfgang Pampel und erschien bei Lübbe. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Niemalsland von Neil Gaiman

Lesestoff: Niemalsland von Neil Gaiman. #amreading #eichborn

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Der erste Satz aus Niemalsland:

An dem Abend, bevor er nach London ging, amüsierte sich Richard Mayhew nicht besonders.

Richard ist ein Normalo in London, ein durchschnittlicher Job, eine normal unglückliche Beziehung, ein Leben, wie wir alle es kennen. Bis ihm Door vor die Füße stolpert, ein junges verletztes Mädchen.

Richard hilft ihr und gerät damit in ein Abendteuer in Unter-London. Der Version der Stadt, in der alle landen, die durch unser Raster fallen, alle, die an Straßenrändern sitzen und die wir versuchen, zu ignorieren. In Unter-London existieren all die Dinge, an die wir „Oberen“ nicht mehr glauben. Hier gibt es Magie und Zauberei, sprechende Tiere, Könige und Assassinen. Und Richard hängt da irgendwie mit drin.

Gaiman beschreibt eine Realität, die nah an meiner ist, dann dreht er langsam den Anteil der Fantasie hoch. Die Magie, die ich in unserer Wirklichkeit manchmal ahne. Ich folge ihm extrem gern durch diese phantastische Version eines Lebens. Durch die Hoffnung, dass es da noch mehr gibt.

Dabei ‚erklärt‘ Neil Gaiman in dieser Geschichte kleine Eigenheiten, die ich kenne. Zum Beispiel scheinbar sinnlos leere Bahnwaggons, die in Gaimans Version nur von Bewohnern von Unter-Londons betreten werden können.

Die Geschichte ist in ein paar Tagen durch, aber Charaktere wie Door bleiben bei mir. Genauso wie das verstärkte Gefühl, dass unsere Realität magischer ist, als wir im Alltag bemerken.

Niemalsland von Neil Gaiman wurde übersetzt von Tobias Schnettler und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemlar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Die Wurzel alles Guten von Miika Nousiainen, gelesen von Christoph Maria Herbst

Der erste Satz aus „Die Wurzel alles Guten„:

Eine Axt haben und schneller sein, das ist bei einer Schlägerei die halbe Miete.

Pekkas Leben geht den Bach runter. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und lässt ihn seine Kinder nicht sehen und seine Zahnschmerzen sind so extrem, dass er zu einem neuen Zahnarzt geht. Der sich als Esko rausstellt, ein Bruder von einer anderen Mutter. Ein verbitterter Zahnarzt, der es die restlichen 60 Jahre auch ohne Familie ausgehalten hat. Aber Pekka hat nichts mehr zu verlieren und überzeugt Esko, ihren Vater zu suchen. Was folgt, ist eine Reise um die Welt und zu sich selbst, gespickt mit Zahnarztmetaphern, erzählt aus den wechselnden Perspektiven der beiden Brüder.

Christoph Maria Herbst macht seine Sache gut, bekommt die Balance zwischen den ernsten und den komischen Tönen ganz gut hin. Leider auch nicht mehr, aber das liegt nicht an ihm, sondern am Text. Dieser ist an vielen Stellen extrem plump.

Ich kann kein finnisch, deshalb kann das zum Teil der Übersetzung geschuldet sein, aber auch inhaltlich gibt es Momente die rein handwerklich zu offensichtlich und eben plump sind. Zu oft erklärt Nousiainen Dinge, statt sie durch seinen Text und die Dialoge zu zeigen.

Deshalb ist es ein nettes Hörvergnügen, das Herbst mir bereitet, ein Hörbuch, dass man sehr gerne hören kann, aber leider nicht mehr.

Die Wurzel alles Guten von Miika Nousinainen wurde übersetzt von Elina Kritzkat, gesprochen von Christoph Maria Herbst und erschien beim Argon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur verfügung gestellt.

Roman: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer

Lesestoff: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer. #amreading #diogenes

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Der erste Satz aus Das Genie:

Das Erste, was Boris Sidis tat, nachdem er amerikanischen Boden betreten hatte, war, seinen beiden Reisebegleitern die Freundschaft zu kündigen.

Wie schon in meiner Juryentscheidung für das Debüt 2017 gesagt, hätte ich das Buch nie in die Hand genommen, wenn ich nicht ‚gemusst‘ hätte. Ich mochte den Titel nicht, nicht das Coverbild und die Beschreibung auch nicht. Und für die Lebensgeschichte eines Wunderkindes würde mir eigentlich der Wikipedia-Artikel reichen.

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Aber Zehrer hat einen schönen Erzählstil, eine angenehme Art, mich durch dieses extreme Leben zu führen, das mich gleichzeitig fasziniert und erschreckt. Ich bin unterhalten und nachdenklich, ich erzähle Leuten vom Roman und der Geschichte und ich will mehr wissen. So sollte eine Geschichte sein, so sollte ein Roman im Nachhinein hängen bleiben.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Schachnovelle von Stefan Zweig, gesprochen von Christoph Maria Herbst

Ich habe die Schachnovelle irgendwann zwischen 16 und 18 gelesen, in der Zeit in der ich auch vieles andere las, was ‚man gelesen haben sollte‘. Im Nachhinein war das für vieles ein paar Jahre zu früh.

Diesmal habe ich mir auf Rat von Tobias ‚Buchrevier‘ Nazemi die Hörbuchfassung von Christoph Maria Herbst angehört. Ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Herrn Herbst und bin immer etwas irritiert, wenn das, was er macht nicht witzig sein soll.

Die Schachnovelle ist ein schmales Bändchen, mittlerweile auch kostenlos online verfügbar (Gemeinfreiheit, yeai!), die Hörbuchfassungen dauern alle etwa Zweieinhalb Stunden. Auch diesmal brauche ich eine Weile, bis mit der Ernsthaftigkeit klar komme, aber dann hat die Erzählweise, sowohl von Zweig, als auch von Herbst vollkommen.

Ich glaube, heute würde das Büchlein anders redigiert, die Geschichte ein wenig anders erzählt werden, ein paar Erklärsätze gestrichen, aber in ihrer Gesamtheit ist sie auch mehr als 75 Jahre nach ihrem Erscheinen extrem eindringlich und veranschaulicht nicht nur das schachliche Wesen, sondern auch, wie schwer Monotonie zu ertragen ist und wie schön man sich an den alltäglichen Dingen erfreuen kann, wenn man sie eine Zeitlang nicht erleben durfte.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/169612454057/ich-aber-lauschte-nur-auf-ihre-stimme-war-das

Christoph Maria Herbst ist beim Erzähler nicht ganz so stark, wie in den Figuren, aber das Buch lebt von den Monologen der Protagonisten und die macht er wunderbar. Immer noch eine krasse, berührende Geschichte, geil vorgelesen. Sehr sehr empfehlenswert.

Dank der Gemeinfreiheit gibts nicht nur das Buch, sondern auch vielfache Hörbuchversionen online. Ich habe in die Reclam Ausgabe mit Hans Sigl reingehört, ist zwar österreichischer, aber bringt zumindest beim Stichhören nicht die gleiche Intensität.

Die Schachnovelle von Stefan Zeig, gesprochen von Christoph Maria Herbst, erschien beim Argon Verlag.