Film & Verlosung: Paddington 2

Als 2014 Paddington gesehen habe, war ich sehr überrascht, weil ich nicht gedacht hätte, dass mich ein Film über einen Bären in London so unterhalten könnte. Ich habe ihn unter anderem gesehen, weil David Heyman ihn produziert hat, er hat ein gutes Händchen für Stoffe, so hat er sich damals die Filmrechte für Harry Potter gesichert und alle acht Filme produziert. Und dann eben auch Paddington.

Damals habe ich mir vorgenommen, danach endlich die Bücher zu lesen, was ich bis heute nicht geschafft habe. Dafür steht der neue Film an!

Mittlerweile lebt Paddington also in London und will seiner Bärentante Lucy zum 100. Geburtstag ein altes Pop-Up-Buch aus einem Antiquariat kaufen. Doch kurz bevor er das Geld dafür zusammen hat, wird genau dieses Buch gestohlen und Paddington wird verdächtigt. Was natürlich niemand auf sich sitzen lässt.

Ich musste im Film öfter mal den Erwachsenen in mir abschalten, der dachte, Aber das geht doch nicht. Weil es eben doch ein Kinderfilm ist.

Aber wenn man sich darauf einlässt, dann wird man knapp zwei Stunden extrem gut unterhalten. Kein Aufguss des ersten Films, sondern ein warmer, freundlicher und überraschend actionreicher Film, der nicht nur Slapsticknummern hat, sondern auch immer wieder intelligenten Humor zeigt. Wie es eben gute Kinderfilme können müssen: Man lacht oft dann, wenn Kinder lachen, und schmunzelt an vielen weiteren Stellen, die man als Kind noch übersieht.

Ein schöner Film, der Lust auf einen weiteren macht. Ein Glück ist dieser schon angekündigt. Bis dahin, erstmal diesen sehen.

Paddington 2 läuft ab dem 23. November im Kino.

Verlosung: 

Studiocanal hat mir ein Paket zur Verfügung gestellt, zu gewinnen gibt es zwei Freikarten, das Stickeralbum und das Bilderbuch zum Film.

Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) mit eurer Adresse und sagt mir, welchen Kinderfilm hättet ihr gern schon als Kind gesehen?

Der Zufall entscheidet dann. Einsendeschluss ist Dienstag, der 21. November, 12 Uhr. Dann geht das Paket direkt raus und ihr könnt zum Filmstart am 23. im Kino sitzen. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

Ab jetzt: Die Literatur-Ausgabe des Trott-war mit einem Text von mir.

Trott-war ist die Straßenzeitung in Stuttgart und Umgebung, die von Straßenhändlern verkauft wird und die dafür die Hälfte des Verkaufspreises einbehalten dürfen. Aktuell gibt es die Literatur-Sonderausgabe und in ihr bin auch ich vertreten, zwar mit falsch geschriebenem Nachnamen, aber mit einer Fassung des Textes „Der richtige Zeitpunkt, um mit dem Helfen aufzuhören

Wenn ihr die Verkäuferinnen und Verkäufer seht, kauft ihnen gern ein Exemplar ab.

Ab heute: Das Literaturfestival „Stuttgart liest ein Buch“ #sleb17

Am Dienstag geht es los: Stuttgart liest ein Buch #sleb17 #stuttgart #shidabazyar

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Knapp ein Jahr haben wir nun in die Organisation von „Stuttgart liest ein Buch“ gesteckt und jetzt geht es endlich los. Rund um den Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar gibt es in den nächsten zehn Tagen 36 Veranstaltungen: Lesungen, Werkstattgespräche, Workshops zum Augenbrauenfadenzupfen, Filmvoführungen und so viel mehr. Ein ganzes dickes Heft davon.

Es ist viel tolles dabei und es ist so viel, dass man gar nicht überall teilnehmen kann. Ich kann nur empfehlen, alle Veranstaltungen durchzugucken und komme nicht umhin, auf die beiden Dinge, herauszuheben, an denen ich hauptsächlich beteiligt war.

Mixed Martial Ausländer, eine Literaturintervention im Gerber

Die Stadt wird bereichert von dem, was uns Shida Bazyar zu sagen hat. Aber was sagt die Art, wie wir sie betrachten über uns? Um gar nicht erst in Gefahr zu kommen, die Herkunft der Autorin als Sensation für gelangweilte, schönwetter-liberale Hipster misszuverstehen, starten drei deutsche Ausländer eine literarische Intervention im Gerber.

Der Stuttgarter Alibirusse und Poetry Slam Macher Nikita Gorbunov und der Münchner halb-japanische. halb-deutsche Bühnenpoet Andivalent treffen auf die Slammerin und Schauspielerin Fatima Talalini aus Dortmund, die mit Ihrem Doppelmigrationshintergrund Halb-Polin-Halb-Syrerin alles zervielfaltet, was sich ihr in den Weg stellt.

Zusammen präsentieren die drei einen Borschtsch der Wortkunst. Das Programm enthält rasante Bühnenprosa, innige Poesie und Scharfsinn mit extra Scharf. Garniert mit Publikumsfragerunden und einer Eroberung des öffentlichen Raums über die Stadtkaufhaus-Sprechanlage, halten die Mixed Martial Ausländer sich selbst und den Zuschauenden etliche Spiegel vor. Und sie können gut Deutsch. Und SIE können auch gut Deutsch. Alle können gut Deutsch. Und haben Spaß daran.

Dienstag, 24. Oktober im Gerber, um 16:00 Uhr und um 18:00 Uhr jeweils eine Stunde. Eintritt frei.

Die Laden-Lese-Tour: Der gesamte Roman in neun Stunden an neun Tagen an neun Orten.

Omid-Paul Eftekhari, Johanna Maria Zehendner, Chantal Busse und ich lesen den kompletten Roman an neun verschiedenen Orten für jeweils eine Stunde. Wer will, kann sich das ganze Buch an neun Tagen vorlesen lassen, nebenbei einen Laden kennenlernen und mit anderen ZuhörerInnen ins Gespräch kommen. Wir haben es mit dieser Aktion auf die Shortlist des Orbanism Awards geschafft und wollen nun euch von diesem Buch begeistert. Die Tourdaten gibt es hier.

Was immer euch interessiert, ich hoffe euch in den kommenden Tagen bei Stuttgart liest ein Buch zu sehen. Mit Buch.

 

Hörbuch: Hier bin ich von Jonathan Safran Foer, gesprochen von Christoph Maria Herbst

Hörstoff: Hier bin ich bin Jonathan Safran Foer, gelesen von Christoph Maria Herbst. #amlistening #hoerbuch #argon

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Der erste Satz aus Hier bin ich:

Zu Beginn der Zerstörung Israels überlegte Isaac Bloch, ob er sich umbringen oder ins jüdische Seniorenheim gehen sollte.

Jacob und Julia haben drei Kinder, sich aber sonst ziemlich weit auseinandergelebt. Jacob schreibt für eine Fernsehserie, die er scheiße findet und scheitert an seinem Herzensprojekt und an seiner Ehe. Und dann kommt dieses Erdbeben und zerstört Israel.

Ähnlich konfus wie diese Inhaltsangabe ist auch der Roman selbst. Während ich in der ersten Hälfte der langsamen Demontage der Ehe von Jacob und Julia zugucke, die zwar besonders in den Dialogen mit sehr viel Feinheit gezeigt wird, mit aber generell viel zu lange dauert, geschieht in der zweiten Hälfte des Romanes so viel, dass ich kaum hinterher komme.

Für mich versucht Jonathan Safran Foer, zwei Geschichten in eine zu packen. Zwei Geschichten, die so unterschiedlich sind, weil die erste Atmosphäre und Gedankenwelt erzählt und die zweite so viel Plot hat, dass er kaum unterkommt in seiner zugeteilten Hälfte des Romanes. Während ich im ersten Teil wohl aufgehört hätte, wenn ich nicht das Hörbuch auf den Ohren gehabt hätte, hätte ich den zweiten Teil gerne ausführlicher gehabt. Als Einheit lässt mich der Roman einigermaßen verwirrt zurück.

Christoph Maria Herbst als Sprecher verstärkt dieses Gefühl leider. Weil Christoph Maria Herbst für mich nicht nur Stromberg, sondern auch der Hörbuchsprecher von Tommy Jaud ist. Wenn ich ihn sehe oder höre, dann erwarte ich Comedy. Dann grinse ich in freudiger Erwartung, selbst, wenn ich wie in diesem Fall weiß, dass das Buch nicht primär lustig ist. Dann warte, warte, warte ich und bin irritiert, weil eben nicht der große Witz kommt.

Was Christoph Maria Herbst extrem gut kann, sind die Dialoge. Das, was Jonathan Safran Foer vorschreibt, setzt Herbst so genau und genial um, dass ich ihm sehr gerne zuhöre. Wenn es dann in die Gedankenwelt von Jacob geht, ermüdet mein Interesse.

Vielleicht muss ich mich sowohl an Jonathan Safran Foer als unkonventionellen Autoren, als auch an Christoph Maria Herbst als Sprecher seriöser Romane gewöhnen. Nicht falsch verstehen. Ich mochte das Buch und den Sprecher irgendwie. Aber beide lassen mich einigermaßen verwirrt zurück.

Hier bin ich von Jonathan Safran Foer wurde übersetzt von Henning Ahrens, das Hörbuch wurde gesprochen von Christoph Maria Herbst und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Verlosung: Sieben Minuten nach Mitternacht, ab 19. Oktober für zuhause.

Ist doch schön, wenn man DVD gucken als arbeiten vorschieben kann #presseexemplar #studiocanal #siebenminutennachmitternacht

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Als Sieben Minuten nach Mitternacht ins Kino kam, war ich ziemlich positiv überrascht von dieser Geschichte über Conor, den Jungen, der irgendwie mit der Krebserkrankung seiner Mutter klarzukommen versucht.

Guter Film, gutes Buch auch, aber darüber rede ich ein ander Mal. Aber nicht nur der Geschichte wegen, Sieben Minuten nach Mitternacht ist ein gut gespielter und gut gemachter Film, eine würdige Interpretation des Romanes. Nun gibts den Film für zuhause, ab 19. Oktober als DVD, Blu-ray und digital. Studiocanal hat mir ein Rezensionsexemplar der DVD zur Verfügung gestellt.

Ist schon eine ganze Weile her, dass ich eine DVD eingelegt habe. Ich weiß nichtmal, wann ich das letzte Mal das DVD-Laufwerk meines Rechners benutzt habe. Und ich habe echt vergessen, wie das damals war, wie lange ich mir Trailer und Vorspanne und animierte Menüs ansehen muss, bevor ich den Film ansehen kann. Streaming hat in der Hinsicht sehr viel einfacher gemacht.

Was aber aber in noch keinem Streamingdienst vorhanden ist, sind die Audiokommentare. Ich weiß nicht, warum, weil es ja genauso einfach einzubinden wäre, wie die unterschiedlichen Sprachen. Aber solande das nicht so ist, machen Bonusfeatures und eben diese Kommentare DVD und Blu-ray für mich bis heute so essentiell. In diesem Fall gibt es gleich zwei Audiokommentare, einmal von Patrick Ness, dem Autor des Buches und des Drehbuches und von Regisseur J.A. Bayona. Ich denke, sie haben nicht einen Kommentar zusammen aufgenommen, weil Bayona spanisch und Ness englisch sprechen, beide jeweils deutsch untertitelt. Während Ness mehr auf die Entstehungsgeschichte eingeht und Anekdoten vom Dreh erzählt, ist Bayona mehr der Professor, der die Metaebene erklärt und erläutert. Im besten Fall schaut man sich den Film also dreimal an. Lohnt sich!

Sieben Minuten nach Mitternacht gibts ab 19. Oktober als DVD, Blu-ray und digital.

Verlosung:

Studiocanal hat mir eine DVD, eine Blu-ray, das Hörbuch zum Film (gesprochen von Maria Furtwängler) sowie drei Filmplakate zur Verfügung gestellt. Es gibt also drei Pakete.

Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) mit eurer Adresse und sagt mir, was ihr am liebsten hättet (ohne Garantie) und: Kauft ihr noch DVDs oder Blu-ray? Und warum?

Der Zufall entscheidet. Einsendeschluss ist Donnerstag, 19. Oktober, 12 Uhr. Dann gehen die Pakete direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

Buch: Nordische Mythen und Sagen von Neil Gaiman

Lesestoff: Nordische Mythen und Sagen von Neil Gaiman. #amreading #eichborn

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Sich zwischen den vielen Mythen aus aller Welt zu entscheiden ist nicht weniger schwer, als zwischen verschiedenen Küchen der Welt zu wählen.

Ich lese gerne Romane von Gaiman, mag seine ebenso seine Vorlesungen und seine Ansichten. Dennoch gibt es Bücher von ihm, die ich nicht lese, weil mich das Thema nicht interessiert. Bei diesem war ich kurz davor, die Finger davon zu lassen. Ich habe früher gerne und viele Mythen und Sagen gelesen und mag neuere Geschichten mehr. Aber ich weiß, wie gerne Gaiman mit den Mythen arbeitet, wie ganze Romane auf ihnen basieren. Und dachte, was soll’s, probieren wir es.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/164172351527/ich-stellte-mir-lange-winternächte-vor-vielleicht

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/164172351527/ich-stellte-mir-lange-winternächte-vor-vielleicht

Diese Geschichtensammlung ist kein ein literarisches Meisterwerk und vor allem keine Geschichte, die wir nicht schon auf die ein oder andere Art gehört haben. Dennoch habe ich das Buch sehr gern gelesen. Es wärmt die Seele und hat mich daran erinnert, warum ich so gerne Geschichten erlebe und selber erzähle.

Nordische Mythen und Sagen von Neil Gaiman wurde übersetzt von André Mumot und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.09

Roman: Das Auge des Zoltars von Jasper Fforde

Lesestoff: Das Auge des Zoltars von Jasper Fforde. #amreading #one #jenniferstrange

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Der erste Satz in Das Auge des Zoltars:

Zunächst mussten wir den Trafalmosauraus einfangen.

Jennifer Strange ist wieder da. Wieder ein Jahr älter, immer noch bei Kazam und natürlich gibt es neue Probleme. Aber hej, deshalb sind sind wir ja hier. Deshalb lesen wir die Bücher. Jasper Fforde nimmt uns mal wieder mit in diese absurde Welt, die mich immer wieder an Terry Pratchett und Neil Gaiman erinnern.

Ganz egal, was die Geschichte ist, es bereitet mir gute und kluge Unterhaltung, Jennifer Strange bei ihren Abenteuern zu begleiten. Es ist nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Deshalb: Gerne wieder.

Wer Pratchett und Gaiman mag, wird auch hier seine Freude haben, egal welchen Alters. Aber ich würde beim ersten Band einsteigen. Und noch eine gute Nachricht: Entgegen früherer Behauptungen ist das hier nicht der letzte Teil. Fforde schreibt, dass es mindestens vier Teile geben wird. Derzeit soll danach dann Schluss sein. Mal sehen.

Das Auge des Zoltars von Jasper Fforde wurde übersetzt von Katharina Schmidt und Barbara Neeb und erschien bei One. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

 

literaturcafe.de-Podcast: Bücher, Buchpreis, Filme und zu preisende Hörbücher

Mein letztes Gespräch über Bücher mit Wolfgang Tischer ist von Mai. Zeit, sich mal wieder zusammenzusetzen, und zu reden. Diesmal über den Deutschen Buchpreis und zwei Bücher der Longlist: »Nach Onkalo« von Kerstin Preiwuß und »Wiener Straße« von Sven Regener, über die Verfilmung von »The Circle« und »Wunder« und über Hörbücher von Selim Özdoğan (»Capsaicin«) und Margaret Atwood (»Oryx und Crake«). Und dazwischen natürlich über alles andere. Hier könnt ihr einfach auf Play drücken, drüben bei literaturcafé.de gibts sogar Kapiteleinteilungen und alle Links. Viel Spaß!

Roman: Wiener Straße von Sven Regener

Lesestoff: Wiener Straße von Sven Regener. #amreading #galiani

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Der erste Satz aus Wiener Straße:

Die Tür fiel zu und es war zappenduster.

Ich kenne Sven Regener als Musiker, ich höre und sehe immer gern Element of Crime und ich glaube, dass unsere Meinungen über das Urheberrecht auseinandergehen. Was seine Bücher angeht, bin ich draußen.

Ich habe damals Herr Lehmann als Film gesehen und weiß, dass es die Lehmann-Trilogie gibt. Das war’s. Dazu kommt, dass ich zu jung und zu weit weg von der Wiener Straße in den 1980ern bin. Für mich ist das ein Straßenname ohne weitere Konnotation. Mit diesem Vorwissen bin ich an den Roman gegangen.

Zuerst funktioniert es super. Regener zieht mich in seine Welt, in die Gedanken, Gefühle und Dialoge seiner Figuren und schafft eine Atmosphäre, der ich gerne zusehe. Es ist absurd und skurril und trotzdem in so vielen kleinen Momenten so nah an meinen Gefühlen, dass ich das erste Drittel des Romanes oft grinsend dabei bin. Aber dabei bleibt es dann. Weil ich dann ahne, was sich am Ende bewahrheitet: Es gibt keine nennenswerte Story. Es gibt diese Atmosphäre, es gibt Dialoge, die mich immer wieder zum lachen bringen, aber nicht ändert sich. Nicht wird weitergeführt, sondern alles verharrt. Anfang und Ende sind lose gewählt und ich erhalte diesen kleinen Einblick in die Welt. Der ist am Anfang ganz witzig, aber dieser Witz trägt nicht bis zum Ende und vor allem nicht darüber hinaus.

Die Leute, die Regener besser kennen, sagen, dass es bei den anderen Romanen nicht anders ist. Das heißt für mich, Wiener Straße war ganz nett, aber ich muss keinen weiteren Ausflug in diese Welt machen.

Wiener Straße von Sven Regener erschien bei Galiani Berlin

Roman: Rogue One. Eine Star Wars Story von Alexander Freed

Lesestoff: Rogue One, a Star Wars Story von Alexander Freed. #amreading #starwars #rogueone

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Der erste Satz aus Rogue One. Eine Star Was Story:

Galen Erso war kein guter Farmer.

Dies ist also der Halbsatz aus dem Vorspann von Star Wars Episode 4. Die Rebellen, die die Pläne des Todessterns klauen. Ich sah und mochte den Film, ich lese gern Filmbücher, warum also nicht das hier?

Vieles ist wie beim Vorgängerroman Der Auslöser: Es ist Fanservice, der in Deutschland viel zu spät auf dem Markt erschienen ist und der inkonsistente Übersetzungen auf dem Cover hat.

Im Gegensatz zum Auslöser gibt es hier aber einen Film dazu. Deshalb ist es total schön, die Story nochmal auf Papier zu erleben. Das sogar vertieft, weil man plötzlich all das Innenleben der Figuren viel genauer beschrieben bekommt, Momente gedehnt und gezeigt werden können, die im Film zu wenig oder gar keinen Platz gefunden haben. Das macht Spaß, das lässt die Geschichte besser erleben. Dazu kommt, dass ich diesen einen Tacken besser geschrieben finde, als Der Auslöser. Handwerklich feiner.

Auf der anderen Seite, es ist tatsächlich die exakte Story des Films. Selbst beim Dreh improvisierte Szenen sind hier eingearbeitet. Freed muss also direkt am Film entlanggeschrieben haben. Das heißt, es ist zwar vertieft, aber es gibt nicht wirklich neue Szenen. So ein paar kleine Add-Ons sind dabei, aber kein ’so hätte der Film auch sein können‘, kein alternatives Ende oder sonstwas. Und: Obwohl er handwerklich besser ist als Luceno, schafft Freed es nicht, den Rhythmus aus dem Film ins Literarische zu übertragen. Stellen, die im Film extrem gutes Timing haben und gut funktionieren, funktionieren im Buch nur, weil man davor den Film gesehen hat.

Schade, dass diese literarische Interpretation des Stoffes hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Hätte mehr werden können. Ist aber auch so eine schöne Sache, in dieser Geschichte, in dieser Welt zu schwelgen.

Rogue One. Eine Star Was Story von Alexander Freed wurde übersetzt von Andreas Kasprzak und erschien bei Penhaligon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Straßenpoesie: Am 19.08 im Blutsgeschwister Stuttgart

Der L’aufbretzelsteg, Stuttgarts Blutsgeschwisterstore, wird zehn Jahre alt und das wird gefeiert. Mit Glitzer, Glamour und Konfetti. Mit Süßigkeiten und neuer Kollektion. Und mittendrin sitze ich, mit 60 Jahre alter Schreibmaschine und tippe euch Postkarten. Eure Worte, mein Kopf, eure Geschichte. Samstag, ab 16 Uhr. Kommt vorbei!

 

 

 

Roman: Fireman von Joe Hill

Lesestoff: Fireman von Joe Hill. #amreading #ebook #nofilter #heyne

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Der erste Satz aus Fireman:

Wie jeder hatte auch Harper Grayson im Fernsehen schon viele brennende Menschen gesehen, doch das erste Mal, dass jemand direkt vor ihren Augen in Flammen aufging, war auf dem Pausenhof der Schule.

Eine Pandemie hat die ganze Welt verseucht. Jeder der sich mit diesen Pilzsporen ansteckt, bekommt Feuermale am Körper und die Infizierten leben in der andauernden Gefahr, in Flammen aufzugehen. Deswegen werden die Infizierten ausgestoßen und verjagt. Harper ist infiziert und trifft bei ihrer Flucht auf eine kleine Gemeinschaft, die einen Weg gefunden hat, mit der Infektionen nicht nur zu leben, sondern sie für sich zu nutzen. Aber jede Gemeinschaft wird problematisch, wenn sie extrem wird.

Auf knapp 1000 Seiten erzählt Joe Hill diese Geschichte, in einer Welt, die unsere Vergangenheit hat. Die Facebook und Mary Poppins und selbst Präsident Trump kennt. Erzählt voll Popkulutur und auf eine Art, dass diese 1000 Seiten schnell runtergelesen sind und ich im Nachhinein irritiert bin, weil ich gern mehr Story gehabt hätte. Ich hätte die Protagonisten gern noch eine Weile begleitet. Gewusst, wie diese Welt sich entwickelt. Hier bleibt mir Joe Hill zu nah am Anfang der Katastrophe. Und ich habe genügend Geschichten gelesen / gesehen / gehört, die sich mit dem Umsturz der Gesellschaft nach einer Katastrophe / Apokalypse / Pandemie befassen. Was mich mehr interessiert, ist, wie es auf Dauer in einer solchen Welt ist. Wenn die Katastrophe zum Alltag wird. Das liefert Joe Hill nicht. Dennoch liefert er einen spannenden Roman, der sehr genau aufzeigt, wie aus einer Gemeinschaft eine Sekte wird und wie Gut und Böse bald nicht mehr eindeutig sind. Und das in einer Sprache, die mir wirklich Spaß macht.

Neben der nicht ganz so weiten Story ist mein größter Wermutstropfen die deutsche Übersetzung. Je mehr ich mich mit Sprache und Übersetzungen beschäftige, desto mehr fallen mir Schnitzer und Kanten darin auf. Und in diesem Roman sind einige davon drin. Ein Beispiel, es heißt im englischen Original bei der Beschreibung eines überlebensgroßen Xylofons auf einem Spielplatz:

Privately Harper referred to these last as the Xylophone of the Damned.

Im Deutschen steht dort:

Harper nannte das Gerät klammheimlich das Xylofon der Verdammten.

Das ist zwar wörtlich richtig übersetzt, aber in der feinen Bedeutungsebene müsste es insgeheim heißen, nicht klammheimlich. Ich weiß, das ist pingelig und aus dem Elfenbeinturm der Sprachkunst gesprochen, aber mir sind ein paar solcher Schnitzer aufgefallen, die nicht hätten sein sollen und mich jedes Mal aus dem Geschichtenfluss gerissen haben. Und ich gehe soweit, dass das vielleicht nicht jedem auffällt und die wenigsten den Finger drauf legen können, was sie genau stört, aber ich werde nicht der Einzige sein, der darüber stolpert. Ich habe sonst noch nie eine Übersetzung von Ronald Gutberlet gelesen, kann mir also kein Urteil erlauben. Aber hier bin ich eben immer wieder hängen geblieben, was ich schade fand.

Trotz allem, ich lese Joe Hill sehr gerne und bin gespannt, was da sonst noch kommt. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Fireman zu einer ganz guten Serie interpretiert werden könnte.

Fireman von Joe Hill wurde übersetzt von Ronald Gutberlet und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Auslöser – Eine Rogue One Story

Lesestoff: Der Auslöser von James Luceno. Das Prequel von Rogue One. #amreading #starwars #blanvalet #ebook

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Der erste Satz aus Der Auslöser:

Seit Jahren wüten die Klonkriege in der Galaxis.

Rogue One ist eine kleine Nebengeschichte in Star Wars, ein Halbsatz im Vorspann. Der Auslöser ist die Vorgeschichte dieses Halbsatzes, die Geschichte von Galen Erso (Vater von Jyn Erso, Heldin in Rogue One) und wie er dazu gebracht wird, beim Bau des Todessterns mitzuhelfen.

Natürlich, zuallererst ist dieser Roman ein Fanservice. Eine weitere Möglichkeit, in diesem Universum zu sein und Zeit zu verbringen. Zusätzlich, und das liegt ja allen Science-Fiction/Fantasy-Geschichten zugrunde, schafft der Roman die Möglichkeit, Vorgänge unserer Realität auf andere Art darzustellen. Und das macht Der Auslöser sehr gut. Er zeigt auf, wie „Terroristen“ verwendet werden, um Regierungsaktionen zu legitimieren, die sonst niemals durchgekommen wären. Und das ist gerade extrem aktuell.

Literarisch kein Meisterwerk, aber auch nicht so schlecht, dass es auffällt, ist der Roman Zeitvertreib im Star Wars Universum, plus Kritik – oder zumindest Darlegung – politischer Systeme, wie wir sie auch kennen. Für niemanden ein Muss, aber ein sehr schönes Kann. Und nun lese ich den Roman zu Rogue One.

Achja, eine buchhandelstechnische Sache noch, die ich nicht verstehe: In den USA erschienen beide Romane, dieser und Rogue One, im Dezember letzten Jahres, kurz vor dem Kinofilm, mitten in der Aufmerksamkeitszone. In Deutschland erschienen sie im Mai diesen Jahres und damit komplett abgelöst von jedem Hype, den Star Wars wohl erst wieder im Dezember macht. Warum? Warum sich diese Aufmerksamkeit entgehen lassen? Bücher zu Filmen werden selten Bestseller, aber wenn man sich die kostenlose Werbung, die der dazugehörige Film macht, entgehen lässt, frage ich mich, warum die Bücher überhaupt in Deutschland veröffentlich werden.

Und noch was: Inkonsistente Übersetzungen. Zumindest in der ersten Auflage steht wirklich „Eine Rogue One Story“ auf dem Cover. Wer lässt denn sowas durchgehen? Jemand, der wohl danach auf die Finger bekommen hat, weil es auf der Verlagsseite mittlerweile „Ein Rogue One Roman“ heißt.

Der Auslöser – Eine Rogue One Story von James Luceno wurde übersetzt von Andreas Kasprzak und erschien bei Blanvalet.  Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Ulrich Blumenbach zu verschiedenen Übersetzungen einer Passage aus Infinite Jest

Drift – Zeitschrift für Recherchen. Wenn ihr sie irgendwo seht, nehmt sie mit! #amreading #drift

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Text und Interview erschienen zuerst in Drift – Zeitschrift für Recherchen, Ausgabe 1. Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers. Mehr Info zu Drift gibts unter dem Text.


Ulrich Blumenbach ist literarischer Übersetzer aus dem Englischen und arbeitet gerade am Großprojekt Witz von Joshua Cohen (Vier neue Nachrichten und Solo für Schneidermann, dt. von Ulrich Blumenbach) und den noch unübersetzten Essays von David Foster Wallace. Er war an der Übertragung von James Joyce Finnegans Wake beteiligt und wurde spätestens mit seiner Arbeit an Wallace‘ Roman Infinite Jest zur Berühmtheit. In einem Beispiel zeigt er uns, wieso und spricht im Anschluss über Explosionen, Genauigkeitsfetischismus und seine Haltung zu Übersetzung und Gegenwartsliteratur allgemein.

David Foster Wallace’ Roman Infinite Jest spielt hauptsächlich an zwei Orten, in der Enfield Tennis Academy in einem fiktiven Stadtteil von Boston, wo Jugendliche für eine Karriere im Profisport trainiert werden, und in der Entzugsanstalt Ennet House. Die Patienten der Entzugsanstalt haben die Auflage, je nach der Droge, von der sie loskommen wollen, an Treffen der jeweiligen Selbsthilfegruppen teilzunehmen. Wer einst dem Sumpfsinn frönte, geht also zu Treffen der Anonymen Alkoholiker. Die Anonymen Alkoholiker werden trotz all ihrer oft parodierten Sektenhaftigkeit zu einem, wenn nicht zu dem positiven Sinnzentrum des Romans. Alles andere wird nach guter alter Postmodernistenweise durch die Ironiemühle gedreht, aber da die Rituale der Anonymen Alkoholiker auf paradoxe Weise in sich gebrochen sind, können sich bei ihnen fragmentierte, dafür aber wieder handlungsfähige Subjekte mit eigener Willenskraft herausbilden. Erst wenn man die alte, suchtverleugnende Identität über Bord geworfen und eingesehen hat, dass man Alkoholiker ist, kann man hoffen, trocken zu werden. Zum paradoxen Programm der Selbsthilfegruppe gehört es, die Verlogenheit der Beichtrituale bei den Gruppentreffen zu kennen und sie trotzdem zu praktizieren. Gerade diese Ambivalenz trägt zum Erfolg bei. Wenn ich trotz innerer Ablehnung nur lange genug das Spiel mitspiele, allmorgendlich Gott um Hilfe dabei zu bitten, ohne Alkohol durch den Tag zu kommen, dann wird aus dem Spiel irgendwann Ernst. Dann will ich irgendwann nüchtern bleiben, und im nächsten Schritt kann ich dann irgendwann nüchtern bleiben. Wallace beschreibt immer wieder Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker, und die dort vorgebrachten Geständnisse trockengelegter Trinker gehören zu den finstersten Passagen des Romans, die gleichwohl oft eine Art trojanischen Humor bergen. Der folgende Abschnitt wird von einem irischen Einwanderer erzählt, der einen so breiten Dialekt spricht, dass man zunächst fast gar nichts versteht:

’d been a confarmed bowl-splatterer for yars b’yond contin’. ’d been barred from t’facilities at o’t’ troock stops twixt hair’n Nork for yars. T’wallpaper in de loo a t’ome hoong in t’ese carled sheets froom t’wall, ay till yo. But now woon dey … ay’ll remaember’t’always. T’were a wake to t’day ofter ay stewed oop for me ninety-dey chip. Ay were tray moents sobber. Ay were thar on t’throne a’t’ome, yo new. No’t’put too fain a point’on it, ay prodooced as er uzhal and … and ay war soo amazed as to no’t’belaven’ me yairs. ’Twas a sone so wonefamiliar at t’first ay tought ay’d droped me wallet in t’loo, do yo new. Ay tought ay’d droped me wallet in t’loo as Good is me wetness. So doan ay bend twixt m’knays and’ad a luke in t’dim o’t’loo, and codn’t belave me’yize. So gud paple ay do then ay drope to m’knays by t’loo an’t’ad a rail luke. A loaver’s luke, d’yo new. And friends t’were loavely past me pur poewers t’say. T’were a tard in t’loo. A rail tard. T’were farm an’ teppered an’ aiver so jaintly aitched. T’luked … conestroocted instaid’ve sprayed. T’luked as ay fel’t’in me ’eart Good ’imsailf maint a tard t’luke. Me friends, this tard’o’mine practically had a poolse. Ay sted doan own m’knays an tanked me Har Par, which ay choose t’call me Har Par Good, an’ ay been tankin me Har Par own m’knays aiver sin, marnin and natetime an in t’loo’s’well, aiver sin.

Um zu verstehen, worum es in dieser Passage überhaupt geht, habe ich sie zunächst in ein unmarkiertes Standarddeutsch übersetzt – was schon eine Weile dauerte, weil ich zunächst
beispielsweise nicht verstanden habe, was mit dem vermaledeiten »Har Par« in den letzten Zeilen bloß gemeint sein sollte. Die standarddeutsche Version lautete schließlich folgendermaßen:

Ich war seit unzähligen Jahren ein amtlich beglaubigter Kloschüsselbespritzer. Bei den Trucker-Raststätten zwischen hier und New York durfte ich schon seit Jahren nicht mehr auf die Toilette. Zu Hause war die Tapete an der Badezimmerwand schon total wellig, das kann ich euch sagen. Aber dann auf einmal … den Tag vergess’ ich mein Lebtag nicht. Da fehlte nur noch eine Woche, und ich war neunzig Tage trocken. Drei Monate war ich nüchtern. Ich hock’ da also zu Hause auf dem Donnerbalken, ja. Bin da am Drücken wie immer, da beißt die Maus keinen Faden ab und … und ich war so verdattert, ich hab’ meinen Augen nicht getraut. Das hatte ich so lange nicht gesehen, dass ich erst gedacht habe, mir wär das Portmonnaie ins Klo gefallen, ja. Echt, ich hab gedacht, mir ist das Portmonnaie ins Klo gefallen, so wahr mir Gott helfe. Ich geh’ also in die Knie und seh’ mir das im Zwielicht des Badezimmers richtig an, und ich hab’ meinen Augen nicht getraut. Das muss man sich mal vorstellen, Leute, ich knie’ neben der Toilette und seh’ mir das richtig an. Wie man einer Geliebten tief in die Augen blickt, ja. Und meine Freunde, das war eine Lieblichkeit, da fehlen mir die Worte. Da lag eine richtige Wurst im Klo. ’Ne richtige Wurst. Die war fest, verjüngte sich und war ganz leicht gebogen. Sie sah … wohlgeformt aus statt gespritzt. Sie sah so aus, dass ich das Gefühl hatte, Gottvater persönlich hätte die Wurst erschaffen. Meine Freunde, diese meine Wurst hatte praktisch einen Puls. Ich bin also auf den Knien geblieben und habe meinem Höheren Wesen gedankt, das ich immer Gott nenne, und seit dem Tag dank’ ich meinem Höheren Wesen auf den Knien, morgens, abends und auch auf dem Klo.

Angelsächsische Dialekte werden von deutschen ÜbersetzerInnen schon seit einigen Jahrzehnten nur noch selten durch deutsche Dialekte ersetzt. Da es hier jedoch nur um eine kurze Passage geht, habe ich es mir trotzdem erlaubt und die Passage zunächst in ein geo- graphisch nicht lupenrein zuzuordnendes Norddeutsch übersetzt, wie es in Hamburg und meiner niedersächsischen Heimat anzutreffen sein dürfte:

Ich hadde seid zich Jaahn jesusmäßich die Renneridis. Bein Raststäddn zwischen hier und Njork durfd ich schon seid zich Jaahn nich mehr aufn Podd. Zu Hause die Tapede anna Wand vom Lokus war schon wellig wie Hulle. Aber dann aufn Mal … den Tach vergess ich mein Lebtach nich. Da fehlde nur noch ne Woche, ne, und ich war neunzich Tage troggn. Drei Monade wah ich nüchtann. Ich hock da also zu Hause aufm Donnabalkn, ne. Bin da am Machen wie immer, da beißd die Maus keinn Fadn ab und … und ich wah sowas von verdaddad, dassde midn Oahn schlaggast. Das hadd ich so lange nich gesehn, dass ich east gedacht hab, mir wärs Pordmoneh inn Lokus gefalln, ne. Echd, ich hab gedachd, mir isses Pordmoneh inn Lokus gefalln, so wah mir Gott helfe. Ich also in die Knie und seh mir das im Schummer vom Lokus richdich an, und da schlagga ich erst recht midn Oahn. Muss man sich ma vorstelln, Loide, ich knie nebem Lokus und seh mir das richdich an, wie unna na Lupe. Seh mir das an wie ne Geliebte, ne. Und meine Froinde, das war ne Lieblichkeid, da bleibd eim die Spugge wech. Da laach ne richdige Wuasd im Lokus. Ne richtige Wuasd. Die war fest, vajüngde sich und war gans leichd gebogn. Sie sah … wohl- geformd aus statt gespritzt. Sie sah aus, dass ichs Gefühl hadde, Godd selbsd hädde die Wuast erschaffn. Meine Froinde, diese meine Wuasd zwinkate mir praktisch zu. Ich also aufn Knien geblieben und dank meim Hören Wesen, das ich imma Godd nenn, und seid dem Dach dank ich meim Hören Wesen aufn Knien, morgens, ahms und aufm Lokus.

Das Ergebnis mag in sich stimmig sein, aber wenn ein irischer Einwanderer ins US-amerikanische Boston einen norddeutschen Dialekt spricht, schubst das den Leser aus der Fiktion, seine willing suspension of disbelief gerät an ihre Grenzen. Außerdem ist diese Passage noch viel zu verständlich. Wenn ich wirklich die für literarische Übersetzungen so wichtige Wirkungsäquivalenz erzielen will, muss ich die Übersetzung an dieser Stelle unverständlicher machen, da auch das Original für nichtirische Englischsprecher unverständlich ist. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf habe ich mich gefragt, warum muss das eigentlich ein irischer Immigrant sein? Kann der nicht auch aus der Schweiz, genauer gesagt aus Basel kommen? Ich habe also die Nationalität des Sprechers geändert, mich mit einem Freund, Lucas Burkart vom Historischen Seminar der Universität Basel, zusammengesetzt, und herausgekommen ist die folgende Fassung, wie sie jetzt im Buche steht:

Als aine, wo alli Aabeehysli versprützt, bin ych scho männgs Joor bekannt gse. In de Beize uff de Landstroosse han ych scho lang nimme uff d’ Schissi deerfe. Deheim, im Bad isch d’ Dabeete scho so wällig gse, das glaubsch gar nit. Aber denn uff aimool … das wird ych nie vergässe. Ai Wuche no, und ych hätt niinzig Tag nimme gsoffe. Drei Moonet wär ych denn undrungge gse. Also ich hogg dehaim uff dr Schissi, verstoosch. Bi am Drugge wie allewyl, das glaubsch gar nit, und … und bi so verstuunt gse, ych ha myne Auge nit traut. Das han ych scho lang nimme gsee, do han ych zerscht dänggt, ’s Portemonnaie isch mir ins Hysli gfalle, verstoosch. By Gott, ych han dänggt, ’s Portemonnaie isch mir ins Hysli gfalle. Ych kneule also aane und lueg mir die Sach im schummrige Liecht vom Hysli ganz genau aa. Ych ha myne Auge nit traut, versteend ihr, Lyt, ich kneule also näbem Haafe und lueg ganz gnau. Grad soo wie me emene Schatz in d’ Auge luegt. Miini Frynd, das isch e Fraid gse, mir fäle d’ Wort. Do lygt e richtig Wirschtli. E richtig Wirschtli. Feschd, spitzig und lycht krumm. Es hett ussgseh wie ne Wirschtli, gar nimme verspritzt. Graad eso als ob dr liebi Gott ʼs gmacht haig. Also miini Fründ, das Wirschtli hett fascht wie gläbt, Ych bi also kneule blybe und ha mym Heechere Wäse danggt, das Wäse wo fir my dr liebi Gott isch, und sit däm Tag dank ych däm Heechere Wäse uff de Kneu, am Morge, am Oobe und uff em Hysli. (US 507f.)

Dokumentation einer vielgliedrigen Frage-Antwort-Relation mit losem Bezug zum abgedruckten Textbeispiel – oder: Nennen wir es Interview.

1. Eine Welt, die Sprache macht
Grundsätzlich und vor allem Anderen gesagt: Durch Sprache erfassen wir die Welt. Wittgenstein schreibt im Tractatus logico-philosophicus: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Ich habe den Wunsch (und ich nehme an, viele Menschen teilen ihn), meine Welt besser zu verstehen. Also möchte ich ihre Grenzen ausweiten, indem ich lerne, sie sprachlich besser auf den Begriff zu bringen. Literatur hilft dabei. Wallace war für mich eine Offenbarung, weil sein sprachlicher Genauigkeitsfetischismus neue Welten erschließt.

2. Wie es sich zusammenreimt
Erst einmal habe ich mir die [oben ab- gedruckte, Anm. d. Red.] unverständliche anglo-irische Passage immer wieder vorgelesen, weil mir schwante, dass ich irgendwelcher phonetischer Verzerrungen wegen auf dem Schlauch stand. An dieser Stelle, bei diesen beiden Wörtern, also »Har« und »Par«, habe ich daher nicht groß recherchiert, sondern irgendwann ist einfach der Groschen gefallen; im Kontext der spezifischen Spiritualität der Anonymen Alkoholiker konnte es nichts anderes bedeuten als »Higher Power« / »Höheres Wesen«.
Verständlich? Finden Sie »Heechere Wäse« wirklich so verständlich? Damit dürften Sie ziemlich allein stehen. Mir blieb nach der Vorabentscheidung, die Passage ins Baseldytsch zu übersetzen, keine andere Wahl.

3. Sich Freiheit gönnen
Die einzige Reaktion darauf, an die ich mich erinnern kann, war die skep- tische Nachfrage, ob man die Nationalität einer literarischen Figur ändern dürfe, denn das sei doch ein massiver Eingriff in das Werk. Ein gewichtiger Einwand, aber hier hielt und halte ich mein Verfahren für legitim, weil die Passage in Infinite Jest so heraussticht, und dann muss man, wie Fritz Senn beim Zürcher Übersetzertreffen in der Joyce-Stiftung immer sagt, in der Übersetzung etwas veranstalten, damit die Leser merken, welche Dynamik der Text entfaltet. Kurz gesagt: Das muss kesseln!

4. Die Reihenfolge – Recherche und Übersetzung
Realia recherchiere ich möglichst sofort, also bei der ersten Rohübersetzung, denn der Sachgehalt beeinflusst unter Umständen den Wortlaut. Zitate, deren deutsche Entsprechungen ich nicht im Internet finde, sammle ich in der Regel und lege dann irgendwann einen Recherchetag in der Basler Unibibliothek ein. Experten frage ich erst, wenn ich allein nicht mehr weiterkomme, mit meinem Latein am Ende bin.
Auch der eigentlich kreative Teil des Übersetzens findet schon beim Rohübersetzen statt, habe ich festgestellt. Als erstes schlage ich Vokabeln bei www.dict.cc und www.linguee.de nach, wenn mich die dortigen Wortangebote nicht befriedigen, trete ich ans Regal und konsultiere das Pons-Großwörterbuch und den Großen Muret-Sanders, suche aber auch schon in meinen privat angelegten Synonymlisten nach idealen Ausdrücken. Auch Wortspiele drechsle ich – zumindest wenn ich ruhig und entspannt übersetze –, bevor ich zu tippen anfange, bevor Sätze eine grammatische Form annehmen.
Der Rhythmus einer Passage dagegen, habe ich – selber leicht verblüfft – festgestellt, bildet sich manchmal erst beim ersten Überarbeiten am folgenden Tag heraus.

5. Eindeutig Kompensiert
Es gibt unübersetzbare Wörter (das Englische kennt beispielsweise den schönen Ausdruck »petrichor«, der den lehmigen Geruch bezeichnet, der nach einem Sommerregen vom zuvor ausgetrockneten Erdboden aufsteigt), aber zum Glück gibt es das Prinzip des kompensierenden Übersetzens, d.h. wenn ich auf ein tatsächlich unübersetzbares Wort stoße, versuche ich, in seiner Satzumgebung einen ähnlichen Effekt zu erzeugen und vielleicht ein im Deutschen ähnlich auffälliges Wort einzubauen.

6. Ein Riese und der Weg dorthin
Meine Recherche geht so weit, bis ich mit einer gefundenen Lösung zufrieden bin und glaube, das Wort angemessen übersetzt zu haben. Das kann dauern. Wallace beschreibt in Infinite Jest beispielsweise einen Mann als ascapartic. Der Ausdruck stand jahrelang in meiner Fragenliste ungeklärter Wörter und Begriffe, denn das Oxford English Dictionary kannte ihn ebenso wenig wie der große Muret-Sanders von 1962 und das Webster’s Unabridged Dictionary. Durch puren Zufall habe ich in einem Antiquariat den Muret-Sanders in der Ausgabe von 1906 gefunden, und da stand dann endlich: »Ascapart«: »in alten Romanzen ein gewaltiger Riese, den Bevis of Hampton besiegte«. Ich bin (mehr aus philologischem als aus übersetzerischem Interesse) dem Eigennamen »Ascapart« nachgegangen und habe Verweise auf William Shakespeares in den Jahren 1590-92 entstandene Historie The Second Part of King Henry VI gefunden. In den gängigen Werkausgaben von heute ist die Passage aber nicht aufzufinden, und man muss bis zur Quarto-Ausgabe von 1594 zurück gehen, in der es in der Tat heißt: »As Beuys of South-hampton fell vpon Askapart«. Die Anspielung auf den Helden der in der Renaissance noch beliebten Romanzen war für spätere Zuschauer unverständlich und wurde in späteren Textausgaben daher gestrichen.

7. Richtig falsch übersetzen
Ich fürchte, es ist unergiebig, die Frage nach dem Vorgehen beim Recherchieren an den Aspekt der Figurenreden zu koppeln. Was Hal Incandenza angeht, den Jugendlichen mit dem photographischen Gedächtnis, der das Oxford English Dictionary auswendig lernt, so musste ich, um seinen Wortschatz adäquat zu übersetzen, enzyklopädische Wörterbücher aller möglichen Wissensgebiete konsultieren. Das ist letztlich aber eine Selbstverständlichkeit allen literarischen Übersetzens und wird im Fall von David Foster Wallace und Infinite Jest allenfalls quantitativ noch einmal gesteigert.
Wenn Sie mich nach Figuren fragen, die mich am meisten amüsiert, belehrt, gefordert und/oder befreit haben, fallen mir gleich zwei ein, nämlich der frankokanadische Terrorist Rémy Marathe, der ein nur unvollkommenes Englisch spricht, und der kokainsüchtige Dealer Randy Lenz, der den Intellektuellen markiert, sprachlich über seine Verhältnisse lebt und einen Schnitzer nach dem anderen produziert. Beider Redeweise wird durch Malapropismen und Artverwandtes charakterisiert, und Falsches richtig falsch zu übersetzen, ist eine Kunst für sich. Marathe wird beispielsweise nicht durch eine fehlerhafte Aussprache markiert wie Franzosen oft im Klischee, sondern verfehlt haarscharf die gemeinten idiomatischen Ausdrücke, wenn jemand für brutale Tätigkeiten nicht mehr »abgegart« (statt »abgebrüht«) genug ist oder wenn ein »Sündenwidder« gesucht wird. Und wenn Randy Lenz das ihm unbekannte Fremdwort bonafide (im Kontext etwa »waschecht«) als »bonerfied« verballhornt, steckt in der Schreibung ein boner, eine Erektion, was ich kompensierend nachgeahmt habe, indem ich Lenz an anderer Stelle statt von Geysiren auf Island von »Geishas auf Island« sprechen und aus regeneriert »regenerigiert« machen lasse.

8. Interpretation am Fall des Zaunkönigs
An einem anderen Beispiel lässt sich vielleicht eher und fruchtbarer demonstrieren, wie und warum ein Übersetzer beim Recherchieren vom Hundertsten ins Tausendste kommen kann. Die Situation: Der Footballspieler Orin Incadenza – der Bruder des Tennisspielers Hal Incandenza – sitzt in Phoenix im amerikanischen Bundesstaat Arizona in der prallen Sonne und badet sein schmerzendes Bein in einem Whirlpool, und dann heißt es: »Urplötzlich war Knall auf Fall ein Vogel in den Whirlpool geplumpst. Mit einem nichtssagenden, nüchternen Plop. Knall auf Fall. Aus dem weiten leeren Himmel. Über dem Whirlpool war nichts als Himmel. Der Vogel musste mitten im Flug einen Herzinfarkt erlitten haben, gestorben, aus dem leeren Himmel gefallen und tot direkt neben dem Bein im Whirlpool gelandet sein. Mit einem Finger schob Orin die Sonnenbrille auf die Nase und betrachtete ihn. Der Vogel hatte nichts Besonderes. Kein Raubvogel. Ein Zaunkönig vielleicht.«
Ein ornithologisch bewanderter Freund entdeckte hier eine Unstim- migkeit. Zumindest der europäische Zaunkönig nistet in niedrigen Sträu- chern, fliegt tief über dem Boden und – im Zusammenhang des Romans das Wichtigste – überquert im Flug niemals Wasserflächen. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass ein Whirlpool nicht unbedingt als flugroutenbehindernde Wasserfläche gewertet werden muss. Ich bin der Frage trotzdem nachgegangen und habe die Bedenken in einem Diskussionsforum von Wallace-Lesern und -Fans geäußert. Die Antworten waren hochinteressant – und führten in ganz verschiedene Richtungen. Die erste Mail kommentierte nur kurz und bündig: »My vote is for the cactus wren« (Kaktuszaunkönig oder Campylorhynchus brunneicapillus). Als ich dem Hinweis bei Wikipedia nachging, entdeckte ich, dass der Kaktuszaun- könig der Staatsvogel von Arizona ist. Heureka!, dachte ich: Wallace arbeitet mit einer Anspielungstechnik, wie sie vor hundert Jahren von Autoren der klassischen Moderne wie James Joyce, Ezra Pound und T.S. Eliot entwickelt wurde: Die tiefere Bedeutung eines unscheinbaren Oberflächensignals dient der Figurencharakterisierung, denn wenn ein Footballspieler, der zur Mannschaft der Phoenix Cardinals gehört, in dieser Situation an das Wappentier seines Bundesstaates denkt, zeugt das von seiner Loyalität, er identifiziert sich mit seiner Mannschaft und über sie mit dem Bundesstaat, in dem er lebt.
Der Verfasser einer der wenigen bislang vorliegenden Monographien zu Infinite Jest vermutete dagegen eine spielerische Homophonie des Autors: Der Zaunkönig heißt auf englisch wren, und a wren klingt fast wie Orin, der Name unseres Footballspielers am Pool.
Wie besorge ich mir also Informatio- nen? Indem ich bei Wikipedia recherchiere und die geballte Kompetenz der Experten anzapfe, die sich in spezifischen Diskussionsforen organisiert haben. Aber was nützen mir die auf diese Weise gewonnenen Informationen? In der Übersetzung kann ja doch nur vom »Zaunkönig« die Rede sein, denn weder darf ich Orins mangelndes Wissen über die Vogelwelt seiner Heimat korrigieren, noch fände sich im Deutschen wohl der Name eines Vogels, der (a) in Arizona heimisch wäre und (b) eine Assonanz mit dem Namen »Orin« aufwiese. Das eben ausgebreiete Wissen ist übersetzerisch unnütz. Die Gründlichkeit, mit der ich Realia recherchiere, dient weniger der Übersetzung als der Interpretation: Ich will allen Anspielungen, Kontexten, Konnotationen, Bedeutungsverästelungen und -vernetzungen auf die Schliche kommen, um herauszufinden, was sich im Text »hinter« oder »unter« der Erzählung abspielt. Auf diese Weise bekommt der Roman für mich eine zusätzliche Tiefendimension; es ist also kein primär übersetzerisches, sondern ein literaturwissenschaftliches, ein interpretatorisches Interesse.

9. Maximale Umwege
Weniger grundsätzlich als einfach pragmatisch gesagt: Wörterbücher geben uns nur ein semantisches Minimum an Informationen, Übersetzer brauchen aber Maxima. Also bin ich permanent auf der Suche nach neuen idiomatischen, originellen und stilistischen Ausdrucksmöglichkeiten und frage mich permanent: Was würde ich in einer gegebenen Situation auf deutsch sagen? Erst wenn sich in jedem Satz ein freier, kreativer Umgang mit dem Original ausdrückt, entsteht ein wahrhaft deutscher Text, der nicht mehr auf die Eins-zu-Eins-Beziehungen der Wörterbücher reduzierbar ist.
Eine andere Ausdehnung der Sprache betreiben nichtmuttersprachliche AutorInnen, die »ungefestigt zwischen Sprachen, Kulturen und Systemen leben«, wie die Jury des Internationalen Literaturpreises gerade in einem Kommentar zu ihrer Shortlist formulierte. Dann wird auch der/die ÜbersetzerIn mit anderen Herausforderungen konfrontiert, muss u.U. Brüchigkeiten und Abweichungen von der Standardsprache rekonstruieren, muss sich abseits der ausgetretenen Pfade deutscher Idiomatik Wege durchs Sprachdickicht bahnen.

10. »Kreativität ist machbar, Frau Nachbar«
Man kann Metaphern und Komposita generieren, indem man Begriffe aus verschiedenen Bildbereichen montiert; man kann sprachliche Kohleflöze, Goldadern und Erzminen erbohren, indem man Familio-, Idio- und
Dialekte einbezieht (mein Lieblingsbeispiel sind Wulf Kirstens Gedichte in erdlebenbilder); man kann Zettel und Bleistift dabeihaben, um sich auf der Straße und in der U-Bahn die Umgangssprache der ZeitgenossInnen zu notieren; man kann Autoren wie Arno Schmidt lesen, lesen, lesen, um Techniken wie Wortartwechsel (»bebüchst und bebeilt« – Schwarze Spiegel) oder Anthropomorphose abzukupfern (»manchmal beschlich mich eine schlacksige Windin und zerwarf mir die Haare, wie ne halbwüchsige fleglige Geliebte«, ebd.).

11. SpielereiInnen
Deutsche AutorInnen arbeiten in ihren Texten, wenn sie ästhetisch entsprechend disponiert sind (sind ja nicht alle und müssen es auch nicht sein), genauso kreativ wie ÜbersetzerInnen (wenn deren Originale das erfordern) und denken sich Neologismen aus (»Syntaxmassaker«, Wolfgang Herrndorf), verstoßen gegen grammatische Normen (»Du fehlst mir so. Sehr. Sehrer. Am sehrsten«, Karen Köhler) oder reichern wie Frank Schulz in Kolks blonde Bräute Romane mit Dialektelementen an.

12. Herzensangelegenheiten
Diverse Wörter können für mich aus den verschiedensten Gründen zu Lieblingswörtern werden. Ich mag das Wort »Altweibersommer«, weil es die Stimmung der «schon von Herbstklarheit durchsponnenen Augusttage« einfängt, wie Tellkamp sie im Turm beschreibt, und das Phänomen der Marienseide, dieser in der Luft schwebenden langen Spinnfäden. Ich mag scheinbar sperrige Fremdwörter wie »multifaktorielles Kausalgefüge« (muss ich mal bei Niklas Luhmann aufgeschnappt haben), die komplexe Sachverhalte auf den Punkt bringen. Ich mag Wörter aus rein klanglichen Gründen wie Oskar Pastiors »Opfertopfverstopfer«. Ich mag Kettenkomposita wie »Leinwandgötterbotenstoffe«. Ich mag alte Wörter wie »Grummet«, die zweite oder dritte Mahd in einem Jahr. Ich mag Nonsense-Fremdwörter wie »Paraskavedekatriaphobie«, die Angst vor Freitag, dem 13. usw.

13. Brutto/Netto – Bezüge
Bei Lethems Dissident Gardens beschränkte sich die Recherche auf Alltagsrealia und amerikanische Zeitgeschichte. Bei Infinite Jest kam die Einzelwortrecherche hinzu, also das schiere Ergründen, was Wallace’ Rarwörter überhaupt bedeuten, um sie im nächsten Schritt durch ähnlich seltene und/oder auffällige deutsche Ausdrücke ersetzen zu können. Eine weitere Erschwernis war die Polyphonie des Romans, die Tatsache also, dass alle Figuren auf je eigentümliche Weise sprechen, sowie die diversen Textsorten und Fachsprachen. Bei Finnegans Wake schließlich lässt sich der Aufwand kaum mehr kalkulieren; vor Beginn einer (Pi mal Daumen acht Jahre in Anspruch nehmenden und allenfalls von Jan Philipp Reemtsma zu finanzierenden) Übersetzungsarbeit ist hier zu ergründen, welche semantischen Bedeutungen, musikalischen Anspielungen, literarischen Zitate, historischen Ereignisse, Werbeslogans, Alltagsgegenstände und -praktiken des Irlands der vorletzten Jahrhundertwende usw. usf. überblendet worden sind.

14. Keiner und Viele
Ich habe in den Neunzigern unabhängig von deren Autoren Bücher gekauft, nur weil Harry Rowohlt sie übersetzt hatte, weil ich wusste, dass ich bei ihm immer auf meine komiksüchtigen Kosten kam. (Heute würde ich gegen seine Übersetzungen zaghaft einwenden, dass bei ihm egal war, welcher Autor oben reinging; unten kam immer Harry Rowohlt raus). Auf ähnliche Weise bewundere ich, wie frei Marcus Ingendaay übersetzt, denn wenn ich eine Übersetzung von ihm lese, atme ich spätestens nach zwei Seiten auf, weil die erste Vokabel erschienen ist, die mir klarmacht, ich bin zu Hause, ich bin in Ingendaay-Country: »mandelblütenduftig«, »moppeli- ger Körper«, »knuffige Bambusbudike« (alles auf ein paar Seiten Truman Capote unterstrichen). Frank Heibert ist zum Niederknien; wenn man allein die erste Seite seiner Neuübersetzung von Faulkners The Sound and the Fury aufmerksam liest, kann man sich ein halbes Übersetzungsstudium schenken. Ich verehre Dirk van Gunsteren und Robin Detje, weil Autoren wie Thomas Pynchon und Paul Beatty bei ihnen kulturverlustfrei im Deutschen ankommen.
Und das sind nur erst die Kollegen, die wie ich aus dem Englischen übersetzen. Ich bewundere Susanne Langes Don Quijote, Brigitte Döberts Tutoren, Thomas Weilers Übersetzung von Viktor Martinowitschs Paranoia, alle Übersetzungen von Péter Esterházy und László Krasznahorkai durch Heike Flemming etcetera adcythera.
Vorbilder? Eins: Martin Luther.

15. Lebenübersetzung
Alles Übersetzen ist autobiographisch, denn jedes Wort, das ich hinschreibe, habe ich selbst erlebt: Das »Tütchen« (Unendlicher Spaß 1357) geht auf eine Klassenfahrt nach Passau zurück, bei der ich beim Vorlesen einer Zote aus einem mitgebrachten Witzbüchlein aus Unkenntnis des Worts »Kondom« laut kommentierte, das sei wohl so eine Art Tütchen, was ein homerisches Gelächter im Jungenschlafsaal auslöste und spätabends noch einmal den Klassenlehrer auf den Plan rief.
Ein paar Jahre später: Nach einer Hochzeitsfeier erzählte ich meinen Eltern von der Mutter des Bräutigams, deren Hand ruhig auf der Tischplatte lag, zu zittern begann, wenn sie nach dem Weinglas griff, sich dann aber fest und sicher darum schloss. »Intentionstremor«, kommentierte mein Vater, ein pensionierter Neurologe, lakonisch. Seine Fachsprache hat ein einziges Wort für ein Phänomen, zu dessen Beschreibung ich einen viergliedrigen Satz brauche. Faszinierend. Am liebsten hätte ich sofort Medizin studiert, um der Welt und speziell des Menschen auf diese Weise habhaft zu werden im Wort. Wallace besaß diese Fähigkeit, und sie macht den Unendlichen Spaß so berauschend dicht, konkret, komisch und sinnlich.
1995 habe ich die Erzählung eines irischen Autors für eine Literaturzeitschrift übersetzt – großenteils im Intercity, denn ich wohnte in Berlin und pendelte am Wochenende zu meiner Freundin in Bonn. Die Redakteurin hat mir die Erstfassung der Übersetzung um die Ohren gehauen; ich hatte u.a. »frigid« als »frigide« übersetzt – es ging um eine kalte Statue der Jungfrau Maria am Wegesrand.

16. Explosionen
Eine Lieblingsfigur in Unendlicher Spaß habe ich eigentlich nicht, weil Wallace ja auch negative Figuren voller Empathie schildert; auch in Poor Tony Krause, der immerhin ein Kunstherzen stehlender Junkie ist, wird Mitleid investiert; Figuren werden mit Vorgeschichte ausgestattet. Okay: Ich mag Hal Incandenza, dessen Belesenheit neidisch macht, und Joelle van Dyne, das Schönste Mädchen Aller Zeiten (SCHMAZ), auch weil ich wie sie Filme mag, »wo jede Menge Scheiß in die Luft fliegt« (Unendlicher Spaß 428).

17. »Herr Lehrer, kann ich für die Antwort ein Extrablatt haben?«
In Infinite Jest verdichtet sich das Bewusstsein eines ganzen Kontinents und das Nervensystem einer ganzen Epoche. – Infinite Jest ist eine 1.000 Seiten lange Innenschau der Depression, die depressiven Menschen die Botschaft vermittelt: »Du bist nicht allein.« (Für mich erweckte der Roman den Eindruck, Wallace sei seinen eigenen Dämonen entkommen, auch wenn er ihnen zwölf Jahre später doch erlag.) – Wallace setzt die Entwicklung fort, die Erich Auerbach in Mimesis nachgezeichnet hat, und versucht, Wirklichkeiten tiefer, umfassender und nuancierter darzustellen als seine literarischen Vorgänger. Immer dann, wenn eine Realismusform ihr Innovationspotential ausgeschöpft hat und zur literarischen Konvention erstarrt ist, entwickelt sich ein neuer Realismus, der der Realität auf andere Weise wieder näherzukommen versucht.

18. Jetzt und Warum und Ende
Vor einiger Zeit hätte ich noch gesagt, die Tristesse der deutschen Gegenwartsliteratur bestehe in ihrer zerquälten Anämie, ihrem monadischen, ja tendentiell autistischen Solipsismus. Der Beschränkung auf Innen- und Nabelschau. Der monologischen Perpektive. Dem Fehlen von Dialogen nicht zwischen Figuren, sondern zwischen Weltbildern und Ideologien, deren Konfrontation das Besondere von Romanen (im Gegensatz etwa zu Gedichten) ausmacht. Dem beängstigenden Ausschluss von Welt: »Ich und der leere Bildschirm des Computers, den ich mit Sprache fülle«.
Das war ein einziges großes Vorurteil oder eine unzulässige Verallgemeinerung, die von Autoren und Autorinnen wie Jana Hensel, Wolfgang Herrndorf, Karen Köhler, Sven Regener, Lutz Sei- ler, Saša Stanišić, Uwe Tellkamp und Ulf Erdmann Ziegler (um nur einige von denen zu nennen, die mich in den letzten Jahren begeistert haben) sofort ad absurdum geführt wird.
Warum habe ich überhaupt das Bedürfnis, Gegenwartsliteratur zu lesen? Weil sie Antworten auf die Frage nach dem deiktischen Nullpunkt formuliert: »Was habe ich hier? Und was habe ich hier zu suchen?« (Hans Magnus Enzensberger). Gegenwartsliteratur liefert in Form von sinnlich angereicherten individuellen Lebensentwürfen zeitdiagnostische Standortbestimmungen unterhalb der Ebenen von Politik, Gesellschaft und Kultur. Was erwarte ich von ihr? Rückversicherung über die Welt, in der ich lebe; Instrumente zu deren theoretischer Analyse in erzählender Form; Berichterstattung von den Konfliktlinien der Gesellschaft. Und: Aus was für einem Deutschland glauben SchriftstellerInnen der Gegenwart gekommen zu sein? Wie wird Vergangenheit perspektiviert?
Was man lernen kann? Erdung. Welthaltigkeit. Das Einbauen von Realia. Im Kleinen die Traute, nicht »ein Bier«, sondern »ein Beck’s« zu trinken, nicht »die Nachrichten zu verfolgen«, sondern »auf Spiegel Online zu gehen«. Im Großen den Mut, Tiefenbohrungen in Kollektivmentalitäten vorzunehmen, so wie Richard Ford in Frank erkundet, wie sich Amerikaner fühlen, die durch den Hurrikan Sandy das Dach über dem Kopf verloren haben.

Das Gespräch führte Alexander Rudolfi.


Es geht in dieser Zeitschrift um Zufallsfunde, detektivische Hartnäckigkeit und Glücksfälle, um blitzartige Einsichten und langjährige Faszination ebenso wie um Expeditionen, die kein Ende nehmen wollen. Wir erzählen von Recherchen für literarische, künstlerische, journalistische und wissenschaftliche Projekte. Von den Suchbewegungen, die vor den Texten und Ausstellungen liegen.

Text und Interview erschienen zuerst in Drift – Zeitschrift für Recherchen, Ausgabe 1. Drift ist das Ergebnis eines Projektsemesters am Literaturinstitut Hildesheim und erschien in der Edition Pächterhaus.

Darin liegt sowohl das Positive, als auch das Negative. Es ist unglaublich schön, dass solche Projekte, solche Zeitschriften, solche Realisierungen möglich sind. Gleichzeitig ist es aber unwahrscheinlich, dass diese erste Ausgabe eine große Verbreitung finden, oder es gar eine nächste Ausgabe geben wird. Man bekommt sie, wenn man sich zufällig mal im Büro des Herausgebers Simon Roloff befindet. Aber sonst wird es schwer. Eine Digitalversion könnte kommen, aber keiner weiß, wann. Ich mag das Projekt sehr und besonders dieser Text von Ulrich Blumenbach samt dem Interview hat mich begeistert, so sehr, dass ich ihn allen zugänglich machen wollte. Dies ist dank der Erlaubnis von Simon Roloff hiermit geschehen. Danke! Alle Rechte verbleiben bei ihren Inhabern.

Ich hoffe, ihr habe genauso Freude daran, wie ich. Und vielleicht, wenn ihr ganz nett fragt, bekommt ihr die ganze Zeitschrift. Lohnt sich!

Ich im Büchergefahr-Podcast über das Sprechen, das Schreiben und das Vorlesen.

 Auf der Buchmesse in Leipzig habe ich mich schon wieder mit Señor Rolando von Büchergefahr unterhalten über textrovertiertes Vorlesen, über das Sprechen und Schreiben und was uns sonst noch an Themen dazwischenrutschte. Viel Spaß beim Hören!