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Kategorie: Erinnerungen (Seite 1 von 25)

Bericht: Z2X18

Nach 2016, 2017 und dem Abstecher in Stuttgart bin ich zum vierten Mal auf dem Festival für neue Visionäre der Zeit. Es ist immer noch mehr Kongress als Festival, es werden jedes Mal mehr Menschen und immer noch, immer stärker fühlt es sich für mich an wie ein Familientreffen. 

Ich schaffe es dieses Jahr, nur am Samstag da zu sein. Also frage ich die Meeresbiologin Julia Duerschlag, wie der Müll ins Meer kommt und was wir dagegen tun können, arbeite mit Tizia und Michael von fairlanguage an einer gerechten Sprache und höre mir an, wie Vanessa und Minh Thu über ihren Rice and Shine Podcast reden und Fragen beantworten. 

Das ist schön, es macht alles Spaß und ich lerne viel. Aber 2 Stunden sind für solche Themen dann doch zu wenig, sodass oft dann immer noch das Gefühl bleibt, dass es – ob jetzt das Müllproblem oder die Sprache oder was auch immer – kompliziert ist.

Ist das der Mittelweg, damit wir mehr als einen Workshop mitnehmen können? Und trotzdem verpasse ich ja all die Sachen, die parallel passieren. Ich habe dafür keine Lösung, aber mir ist das aufgefallen. Und noch was anderes, ein Minderheiten-Mehrheitsdilemma, dass mir seit dem Wochenende nicht mehr aus dem Kopf geht. Kommt aber im extra Beitrag.

Trotzdem: Jedes Mal eine Freude. Dinge zu lernen, Menschen wiederzutreffen und neu kennenzulernen. Jedes Mal gerne wieder. Danke.

5 Erinnerungen an den Kindergarten

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Hallo neues Leben.

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  1. Die Grunderinnerung ist das Gefühl, nicht dorthin zu wollen. Das Gefühl, sich mit beiden Armen am Türrahmen festzuhalten. Eine braun lackierte Tür mit einem breiten gelben Balken als Klinke, auf der Innenseite in ausreichender Höhe ein Taster, damit Eltern alleine herauskommen. Ich weiß nicht mehr, warum und es war nicht immer so, aber dieses Gefühl hat sich eingebrannt.
  2. Es gab regelmäßig Äpfel, das Grundobst meiner Kindheit. Eines Tages sammelten wir die Kerne in einem Glas samt feuchtem Papier und konnten tatsächlich sehen, wie sie keimten. Wie sie Tag für Tag größer wurden. Keine Ahnung, was letztendlich daraus geworden ist, ob sie das Glas jemals verlassen haben. Aber sie strahlten eine Faszination aus, die ich bis heute inne habe.
  3. Jemand hatte Geburtstag und wir saßen an einem langen Tisch in Kindergröße. Es gab Kerzen und irgendwas leckeres, was nicht üblich war im Kindergarten, wir hatten Spaß und ich muss irgendwas getan, irgendeine Fertigkeit gezeigt haben, die einigermaßen besonders war. Ich habe vergessen, was. Aber sie war so interessant, dass jemand auf der anderen Seite des Tisches fragte, wie das genau funktioniert. Ich griff über den Tisch mit diesem stolzen Grundgefühl, etwas zu können. Jemandem etwas zeigen zu dürfen. Aber bevor ich es ausführen konnte, bevor ich jemandem helfen durfte, schrie eine Kindergärtnerin – damals hießen sie noch so – meinen Namen, so laut, dass ich zusammenzuckte, zurückzuckte. Mein Ärmel war einer Kerze nah gekommen. Es ist nichts passiert, aber mit diesem Schrei waren der Moment und auch jedes Gefühl von Stolz gegangen.
  4. Bei einem Sommerfest gab es verschiedene Stationen, mit denen man seine verschiedenen Sinne testen konnte, unter anderem eine Blindverkostung, bei der man erriet, was einem in den Mund gelegt wurde. Nach ein paar Dingen wie Banane, Apfel und Paprika legte mir jemand ein geschmackloses, glibberiges Ding in den Mund, von so zäher Konsistenz, dass ich augenblicklich eine Gänsehaut bekam und das Ding so schnell wie möglich schluckte. Es war ein Pilz. Es ist jeder Pilz, den ich seitdem gegessen habe.
  5. Ich war so neidisch auf den Kleiderschrank meiner Schwester, auf die Auswahl, die mir verwehrt blieb, dass ich mir von ihr einen Rock lieh und mit ihm in den Kindergarten ging, stolz und ohne mich um jemanden zu kümmern, meiner Mutter voran. Die damalige Leitung sah mich, nahm meine Mutter beiseite und sagte ihr, ‚Aber wenn ihr Sohn irgendwann mal anders wird, dann wissen Sie, wer Schuld ist.‘

Die Haltlosen – ein kollaborativ geschriebener Roman

Letzte Woche durfte ich mit zehn jungen Erwachsenen drei Tage lang arbeiten und mit ihnen einen Roman schreiben. Seit knapp zehn Jahren gebe ich Workshops in kreativem Schreiben und Poetry Slam, aber noch nie durfte ich in so kurzer Zeit mit Menschen an einem Roman arbeiten. Spannendes Experiment, denn ich ließ die Gruppe entscheiden, ob sie entweder einen Episodenroman schreiben, in dem jeder seine Geschichte hat, die wir dann miteinander verklinken, oder ob wir gemeinsam an einer großen Geschichte arbeiten.

Ich habe kollaboratives Schreiben nicht erfunden, aber spätestens seit meinem Studium in Hildesheim glaube ich, dass es – wie beispielsweise beim Film – sehr gut funktionieren kann, einen Roman in seine Bestandteile auseinanderzunehmen und jeden Künstler der Gruppe seine Stärken ausspielen zu lassen. Genau das haben wir gemacht.

Nach einer Einführung in Kreativität, Masterplots und Storytelling im Allgemeinen haben wir uns am ersten Tag auf eine Prämisse (‚Was wäre, wenn die Schwerkraft auf der Erde immer wieder für kurze Zeit aussetzt‘), einen Masterplot (Heldenreise), einen Twist (Spoiler!) und eine weibliche Hauptfigur (wir nennen sie ‚Welf‘) geeinigt. Dann hat sich die Gruppe gedrittelt und jedes Team hatte eine der folgenden Aufgaben:

  1. Worldbuilding: Wie könnte eine Welt aussehen, in der einmal am Tag die Schwerkraft aussetzt? Was hat das für Auswirkungen auf die Welt? Wie gehen die Menschen damit um? Was könnten sogar die Vorteile sein? Was könnte nicht mehr verwenden werden?
  2. Plot anpassen: Ausgehend von der klassischen Heldenreise, wie könnte unser ganz eigener Plot aussehen?
  3. Charakterbuilding: Wer ist Welf? Wie sieht sie aus? Wie redet und handelt sie? Und warum? Was ist ihr Hintergrund. Selbiges gilt für einen Gefährten und für einen Antagonisten.

Am Ende des ersten Tages stellte jedes Team seine Ausarbeitungen vor, wir sammelten alles und jeder suchte sich eine Szene aus, die er am Vormittag des ersten Tages schreiben würde. Wie schon bei der Aufgabenverteilung zuvor stellte sich raus, wo wessen Stärken lagen: Ein paar schrieben die Actionszenen des Romanes, andere konzentrierten sich auf die Chemie zwischen Welf und ihrem Gefährten (Kit ist ein Mensch, der sich der Geschlechtszuordnung entzieht, was das Schreiben der Szenen extrem erschwert). Wieder andere erzählten den Alltag einer Welt, die jeden Tag irgendwann mal in der Schwebe ist.

All diese Ausschnitte stellten wir vor, arbeiteten daran literarische Mittel heraus und puzzelten sie an die richtige Stelle des Romanes. Wir einigten uns auf die Erzählform (Ich-Perspektive und Präsens) und verteilten die nächsten Szenen, beziehungsweise arbeiteten die schon existierenden weiter aus.

Unser Workshop war Teil eines größeren Angebots, in dem eine Woche lang gemeinsam an Dingen gearbeitet wurde und am Ende die Ergebnisse der fünf Workshops (Exit Room, Graffiti, Produktdesign mit Beton, Trickfilm und Roman schreiben) die Ergebnisse vorgestellt werden sollten. Während alle anderen ihre Ergebnisse erlebbar und ansehbar machen konnten, konnten wir niemals den gesamten Roman vorlesen. Also machten wir uns an Tag 3 daran, ein Cover zu bauen, einen Klappentext zu schreiben und eine Präsentation samt kurzer Lesung zu konzipieren.

Und hier ist das Ding: Was sich als Experiment in meinem Kopf ganz spannend angefühlt hat, wurde in diesen drei Tagen mehr als übertroffen. Weil uns natürlich allen klar war, dass wir in dieser kurzen Zeit auf gar keinen Fall einen ganzen Roman produzieren konnten. Nichtmal eine Rohfassung, allein schon das Tippen bräuchte mehr Zeit. Aber selbst als das Cover, die Inhaltsangabe und die Präsentation standen, saßen wir alle an unseren Computern, meist in einem Raum, klärten nebenbei Dinge wie erzählte Zeit und Jahreszeit, Eigenheiten der Figuren und Plotdetails und arbeiteten nicht für die Präsentation, sondern für diesen Roman.

Diese Motivation und die Grundstimmung dieser Gruppe befriedigt mich so extrem positiv und machen mich bodenlos dankbar. Weil sie zeigen, dass das tatsächlich funktionieren kann. Nun sind die drei Tage um und wahrscheinlich werden wir uns in der Konstellation nie mehr sehen. Höchstwahrscheinlich wird die jetzt existierende Gruppe auch nicht so motiviert dranbleiben. Aber wenn nur ein Paar Leute die Energie halten, bin ich auch dabei. Und in irgendeiner Form werden wir unsere Ergebnisse öffentlich machen. Bis dahin, viel Spaß mit dem Klappentext unseres Romanes ‚Die Haltlosen‘:

Die Welt, in der die 18-jährige Welf lebt, ist nicht die, die wir kennen: Seit gut fünfzig Jahren setzt einmal am Tag die Gravitation aus und die Schwebe tritt ein. Für die Gesellschaft, geteilt in Haltlose und die, die sich ein sicheres Leben, unbeeinflusst der Schwebe leisten können, ist dies Alltag. Doch eines Tages gibt es das erste Mal eine zweite Schwebe, gefolgt von zunehmenden unkontrollierten Ausfällen. Ausgerechnet Welf und Kit, eine androgyne Quasselstrippe, fallen Aufzeichnungen eines Verschwörungstheoretikers in die Hände. Als die Spur sie in die Tiefen der vatikanischen Archive führt, ahnt niemand, dass es nicht nur darum geht, die Welt zu retten.

Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf. Ein Abend mit Finn-Ole Heinrich und Hannes Wittmer (fka Spaceman Spiff) am 15. Juni im JES Stuttgart

Ab dem 4. Juli spielt das Junge Ensemble Stuttgart (JES) ‚Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt‚, nach den Romanen von Finn-Ole Heinrich. Vielleicht deshalb, vielleicht einfach so sind Finn-Ole Heinrich und Hannes Wittmer (fka Spaceman Spiff) mit ihrem Programm ‚Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf‘ im Foyer des JES.

Eine kleine Bühne, zwei Stühle, ein Laptop, ein Looper und Instrumente. Und die Bitte, keine Fotos zu machen. Wittmer und Heinrich sind seit acht Jahren gemeinsam auf der Bühne und ihr Programm ist eine lose Folge einzelner Teile, eine Mischung aus Konzert und Lesung, aus Filmschnipseln und Soundtrack. Das heißt, weder wir im Publikum, noch die beiden auf der Bühne wissen, was genau passieren wird. Deshalb schauen wir eher Künstlern dabei zu, wie sie Dinge tun und Spaß haben.

Letztendlich ist der namengebende Teil des Abends nur ein Ausschnitt, darum liegen Geschichten, Anekdoten, Songs und Stille und gerade das Spontane, die Fehlerbehaftetheit und die Intimität der Beiden macht es zu warmen Stunden voller Herz und Lachen und Melancholie. Es macht einfach Spaß, den Beiden zuzusehen.

Ich kannte beide bisher nur vom Namen. Jetzt muss ich mehr lesen, mehr hören. Danke dafür.

Die Leipziger Buchmesse 2018 in meinen Highlights und Lowlights. #lbm18

Der Besuch der Buchmesse in Leipzig ist mittlerweile so selbstverständlich wie Zähneputzen. Ich trage den Termin ein und fahre hin. Ganz klar. Und immer über alle Tage. Mit sehr wenigen fixen Terminen. Es nichts besseres gegen die Fear of missing out, als so eine Messe: Es gibt so viel Gutes zu sehen, dass ich auf jeden Fall irgendetwas verpassen werde. Also sehe ich mir gar nicht an, was ich alles verpassen könnte. Sondern laviere vier Tage über die Messe, treffe Menschen, Bücher Bund Geschichten, die ich wiedersehen will, die ich kennenlernen will und die ich ganz zufällig entdecke. Und dazwischen gibts ein paar wenige Termine, weil nicht alle ganz so flexibel unterwegs sein können.

Auf der Hinfahrt verschlinge ich ‚Jack‘ von Anthony McCarten. Wie gut es ist, steht hier. Auf der Buchmesse ist es schon ab Donnerstag irgendwie voll und ich freue mich, mich immer wieder zurückziehen zu können.

Die Ecke von Wolfgang Tischer und literaturcafé.de ist meine Homebase. Ein guter Ort, um mit Menschen zu reden und den Massen zu entfliehen.

Vier Tage auf der Messe zu sein, ist wie im Zug zu sitzen und nur eine Zeitschrift dabeizuhaben. Erst gucke ich mir an, was mich wirklich interessiert. Dann laufe ich rum und gucke nach den Sachen, die auch ganz spannend sein könnten. Und erst dann habe ich die Aufmerksamkeit, mir die kleinen Wunder anzusehen, die ich bei den vorigen Malen übersehen habe.

Den ersten Abend verbringe ich mit anderen Bloggern bei Klett-Cotta. Gutes Essen, gute Gespräche.

Mein Coverhighlight finde ich gleich am Donnerstag. Haymon ist der Verlag von Selim Özdogan und vor einem halben Jahr habe ich einen Abend mit ihm und ein paar Leuten des Verlages verbracht. Also schlendere ich dort vorbei und sehe ‚Die Unversehrten‚ von Tanja Paar. Die Lesung verpasse ich zwar, aber das Buch will ich mitnehmen, auch wenn ich noch nicht weiß, ob mich das Buch interessieren wird.

Dann kommt der Samstag und der Schnee macht alles anders, nur die Anzahl der Besucher gefühlt nicht weniger. Aber weil einige Leute nicht nach Leipzig kommen, da die Bahn nicht mehr bis hierher fährt, springe ich für Uve Teschner ein, der mit Wolfgang über das Sprechen und Hörbücher reden sollte. Die Bahn will Uve nicht bringen, also reden Wolfgang und ich über gutes Vorlesen. Wir funktionieren ganz gut zusammen, die halbe Stunde macht Spaß und geht schnell rum. Direkt danach mache ich gleich zweimal hintereinander den Intensivkurs ‚Sprechtraining für Lesungen, Interviews und Liveevents‚ bei der Autorenrunde.

Krass, wie gerne ich Menschen etwas beibringe, wenn sie etwas lernen wollen. Auch wenn es viel zu wenig Zeit für diesen Inhalt ist.

Der Sonntag plätschert dann aus, lässt mich ein letztes Mal durch alle Hallen gehen und dann irgendwann nach Hause fahren.

Dazwischen ganz viele schöne Momente und Gespräche, viel über Literatur, über die Branche und natürlich auch den ganzen Rest.

Die Buchmesse in Leipzig fühlt sich für mich immer wie die familiärere Messe an. Die kleinere, weniger geschäftliche Messe. Dieses Mal aber war ich manchmal irritiert, weil die Stände der Verlage sehr spezielle Zielgruppe anspricht, anstatt ihr Verlagsprogramm komplett zu präsentieren. Einige der größeren Verlage haben ihren Stand – ganz polemisch gesagt – auf rosarote Liebesgeschichten für 14jährige Mädchen ausgelegt und alle anderen Bücher des Verlages auf ein Regal in der hinteren Ecke verbannt, wenn überhaupt.

Tatsächlich richtig nervig waren die Sicherheitskontrollen. Erstmal: Weder ich noch sonstjemand kann deren Wirksamkeit bestätigen. Dann kommt die Art der Kontrollen extrem willkürlich vor. Ich habe online nirgends gefunden, nach was genau und wie kontrolliert wurde. Einmal heißt es ‚stichprobenartig‚, andererseits heißt es, dass nach ‚gefährlichen Gegenständen‚ gesucht wird.

Am zweiten Tag – nachdem ich am Tag zuvor einfach durch die Kontrollen gekommen bin – darf ich mit meiner Trinkflasche nicht rein. Ich strebe danach, nachhaltig zu leben und Plastik zu meiden, deshalb ist meine Flasche aus Glas. Glasflaschen dürfen nicht aber nicht auf die Messe.

Auf der Messe wimmelt es von Glas, Glasflaschen werden auf der Messe verkauft und es geht auch nicht nicht um Getränke, denn Plastikflaschen darf man einfach mitnehmen. Warum also darf ich keine Glasflasche mit aufs Gelände nehmen? Ansage von oben, mehr kann mir kein Sicherheitsmann sagen. Ich habe die Messe selbst gefragt, wenn ich Antwort bekomme, kommt sie hierher.

Nachtrag 16.04.19: Ich habe eine Antwort von der Messe auf die Frage nach dem Glas bekommen. Scheinbar war das ein Problem beim Briefing, denn grundsätzlich sind Glasflaschen erlaubt. Nächstes Jahr werde ich vehement standhaft bleiben.

Abgesehen von diesen Dingen bin ich mit einem warmen Gefühl von der Messe gekommen und ich freue mich auf das nächste Mal.