Talk: Eine Stunde über Unverbindlichkeit im Alltag bei Deutschlandfunk Nova

Nach dem originalen TEDxTalk, der 5 Minuten Z2X-Version und der Tincon-Edition samt Q&A war ich am Wochenende in Köln bei Deutschlandfunk Nova und habe dort eine Stunde lang mit Sven Preger über Unverbindlichkeit im Alltag geredet.

Es ist so schön, sich einem Thema so lange widmen zu können und natürlich auch massiv abzuschweifen, über Schreibmaschinen zu reden, über das Lächeln und die kleinen Alltagswunder. Nun ist das Ganze als Podcast online, viel Spaß beim Hören!

Wenn Schriftsteller helfen. #authorsforgrenfell

Fünf Tage nach dem Großbrand des Grenfell Towers in London starteten ein paar britische Schriftsteller und Schaffende aus der Buchbranche eine Auktion, bei der Schriftsteller „Dinge“ spendeten, deren Erlös an das Rote Kreuz in London geht. Dinge wie signierte Bücher, persönliche Treffen oder weiteres. Im Laufe der letzten 14 Tage sind ingesamt mehr als 700 Auktionen gestartet und vor ein paar Tagen geendet. Die für mich beeindruckendste ist die von Philip Pullman, dem Autor von Der goldene Kompass.

Der Gewinner seiner Auktion darf einem Charakter im neuesten Roman einen Namen geben. Die Leuten fangen also an, zu bieten, bis zu 1000 Pfund. Dann schreibt James Clements, was oben im Tweet zu sehen ist.

Er bietet 1500 Pfund und schlägt den Namen Nur Huda el-Wahabi vor:

Der echte Nur Huda war ein ehemaliger Schüler von mir, der im Grenfell Tower lebte und es in dieser Nacht nicht schaffte, rechtzeitig herauszukommen. Ein vielversprechendes Leben, das auf die schlimmste Art verkürzt wurde. Neben ein wenig Geld, das gespendet wird, würde es bedeuten, dass ihr Name weiterleben wird. Und zusätzlich ist Nur Huda ein ziemlich cooler Name für einen Charakter.

Wenn ihr mehr bieten wollt, denkt drüber nach, das hier ist eine wichtige Sache.

Allein das ist bewegend, aber es geht weiter. Jemand fragt, ob er, statt ein eigenes Gebot abzugeben, sein Geld auf das Gebot von James draufpacken kann. Die Organisatoren stimmen dem zu. Letzten Endes steht das Gebot bei mehr als 32.000 Pfund. James bedankt sich:

In letzter Zeit schien die Welt oft kein sehr schöner Ort zu sein, aber diese ganze Aktion zeigt, wie viele wunderbare Menschen es gibt und wie viel Gutes erreicht werden kann, wenn wir alle zusammenarbeiten. Danke.

Großartige Arbeit, Team. Wir haben es geschafft.

Ich bin so, wow. Ich habe Gänsehaut. Wenn es das ist, was Literatur, was Geschichten schaffen können, bin ich im richtigen Business.

 

 

Bericht: #D17, #Deutschlandspricht, ein Experiment von Zeit Online

Auf dem Z2X-Festival in Stuttgart unterhielt ich mich eine kurze Zeit mit Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online. Dabei erzählte er von diesem Experiment, bei dem sie versuchen wollten, Menschen mit verschiedenen Einstellungen zusammenzubringen. Kurz darauf erschien der erste Aufruf zu #D17, Deutschland spricht.

Warum wir #D17 starten

Zeit Online rief auf, sich am gestrigen Sonntag ein paar Stunden Zeit zu nehmen, ein paar Fragen mit Ja oder Nein zu beantworten (Hat Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen? Soll Deutschland zur D-Mark zurückkehren? Sollen homosexuelle Paare heiraten dürfen? War der Ausstieg aus der Atomenergie richtig? Geht der Westen fair mit Russland um?) und dann den Willen und die Offenheit zu haben, sich mit jemandem zu unterhalten, der in mindestens einer Frage anderer Meinung ist.

Natürlich machte ich mit. Ich klickte Nein und Ja und bestätigte nach ein paar Wochen meine Bereitschaft, mich mit Jan zu treffen und traf ihn dann. Unsere Differenz war die Russlandfrage. Die einzige Frage, die ich nicht ohne zu zögern beantworten konnte und dann, auch in Erinnerungen an meine Erfahrungen in Polen vor zwei Jahren, mit einer guten Prise Polemik mit Nein beantwortete. Jan offensichtlich mit Ja. Ich freute mich auf das Treffen, aber ich ahnte, dass wir uns nun keine hitzige Diskussion liefern würden. Waren wir uns doch bei den meisten Fragen einig. Und die Frage, bei der nicht, war ich nicht so standfest, wie bei den anderen. In der Mail an die ZeitOnline-Redaktion schrieb Jan:

Denn eine hitzige Diskussion hatten wir nicht. Nachdem wir uns im Smalltak über Beruf und Hintergründe des jeweils anderen ausgetauscht hatten, gingen wir zum möglichen Spannungsfeld der Diskussion über: Der Umgang mit Russland.

Recht schnell merkten wir, dass es weniger um gegensätzliche Meinungen als eher um einen Erfahrungsaustausch der jüngeren deutschen Geschichte und der Rolle, die Russland dabei spielte, ging. 

Unsere unterschiedlichen Biographien, sowohl geographisch, als auch im Alter, brachten so manch kleine Anekdote zu tage und verschaffte dem jeweils anderen eine weiteres Puzzleteil zu dieser Thematik.

Besser kann ich es nicht formulieren. Im Nachklapp sah ich auf den Ergebnisseiten der Zeit, dass ich mit meinen Antworten auch immer zur Mehrheit derer gehöre, die mitgemacht haben. Wäre also schwer gewesen, jemanden zu finden, der bei kontroverseren Fragen anderer Meinung ist. Und zumindest hatten sich 12.000 Menschen registriert.

Trotz eines sehr harmonischen Treffens mag ich diese Idee und bin gespannt, was daraus in den Folgejahren wird. Und, ich kenne jemand Neuen. Wenn es das nicht wert war. In diesem Sinne: Danke. Und: Gerne wieder.

 

Serie: American Gods, nach Neil Gaiman

Vor zwei Jahren habe ich American Gods gelesen und für gut befunden. Ein großer, epischer Roman der das Glück hat, in einer Zeit verfilmt zu werden, in denen ein Film mit zwei Stunden Länge den Olymp der Verfilmung darstellt. Stattdessen haben wir in den letzten Jahren einige großartige Serien bekommen, die alle Vorteile und Möglichkeiten einer Serie ausschöpfen und qualitativ an Kino mindestens herankommen.

Seit April diesen Jahres läuft die erste Staffel von American Gods, unter anderem entwickelt von Brian Fuller, der sich schon einen renommierten und leicht skurrilen Namen gemacht hat durch die Serien Pushing Daisies, Dead like me und Hannibal. Wie Gaiman selbst hat Fuller ein Händchen, verschrobene, leicht von der Normalität abweichende und gleichzeitig liebenswerte Geschichten zu erzählen. Das sieht man auch in American Gods. Diese Geschichte über den Krieg der alten gegen die neuen Götter ist voller Gewalt und Blut und Krieg und wird, unterlegt von der richtigen Musik, überzeichnet und überlebensgroß dargestellt. Dazwischen liegen die kleinen funkelnden Momente, großartige Schauspieler und feine Dialoge, aufgehängt an vielen kleinen Fäden, die sich langsam zusammenfinden.

Ich kenne das Buch und denke oft, ach, wie schön. Manchmal bin ich auch irritiert, wie Dinge umgesetzt werden, weil die Serie selbst sich nicht immer ernst nimmt, ihre eigenen Konventionen bricht und mich immer wieder überrascht. Die Serie ist nicht für jedes Gemüt, aber ich bin extrem gut unterhalten und freue mich, wie es weitergeht. Die erste Staffel umfasst 8 Folgen, die zweite Staffel ist in Produktion. Auch diese basiert auf dem Roman. Und ich freue mich sehr drauf.

American Gods ist seit dem 30. April auf Amazon Video verfügbar, jeden Montag erscheint eine neue Folge.

Roman: Die Terranauten von T.C. Boyle

Lesestoff: Die Terranauten von T.C. Boyle #Hanser #tcboyle #amreading #terranauts

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Der erste Satz aus Die Terranauten:

Man hatte uns von Haustieren abgeraten, desgleichen von Ehemännern oder festen Freunden, und dasselbe galt natürlich für die Männer, von denen, soviel man wusste, keiner verheiratet war.

T.C. Boyle macht, was er am besten kann: Er nimmt eine historische Fogur oder ein historisches Ereignis und spinnt davon ausgehend eine Geschichte, die Fiktion und Tatsachen so sehr miteinander verwebt, dass man nicht so genau weiß, was nun wahr ist und was Boyle. Diesmal lehnt er sich an die Biosphäre 2 Experimente in den 1990ern und erzählt die Geschichte von acht Terranauten, die zwei Jahre in dieser künstlichen Welt verbringen, erzählt aus drei Ich-Perspektiven.

Während die Basis und der Anfang noch der Realität entsprechen, erforscht Boyle, was hätte passieren können, wenn die Experimente so lange gemacht wären, wie es geplant war. Tatsächlich wurden die Experimente wegen Geldmangels sehr schnell abgebrochen, in Boyles Roman nicht. Also verfolgt man aus drei Sichten – zwei innerhalb der Kuppel, eine außerhalb – das Geschehen. T.C. Boyle weiß, wie er unterhaltsam erzählen kann, immer nah an der Komik, auch in den ernsten Momenten. So führt er uns durch zwei Jahre in der Kuppel, bei denen schnell klar wird, dass das, wenn auch simulierte, Leben in einer Atmosphäre nicht leicht ist, manchmal sogar fast tödlich.

Ich lese schnell, lerne viel Neues und will wissen, wie es weiter geht, ich genieße die Zeit im Roman, all die 600 Seiten. Die Prämisse, mit der T.C. Boyle aber schreibt – ein Grundszenario entwickeln und dann gucken, wo es uns hinführt – führt aber auch zu dem Problem, dass es keine eindeutigen Bögen und Abschlüsse in manch seinen Geschichten gibt. So auch hier. Der Schluss des Romanes ist nicht der Schluss der Geschichte, wenn es sowas überhaupt gibt. Deshalb fühlt sich aber der gewählte Schluss ein wenig beliebig an. Es hätte schon 100 Seiten früher zu Ende sein können, aber auch 100 Seiten mehr. Aber 600 Seiten sind auch Brett. Nun bin ich gespannt auf den kommenden Roman, laut Boyles Aussage auf der Lesung wird es um Albert Hofmann und die Entdeckung von LSD gehen.

Die Terranauten von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Ich habe über den Roman auch im Literaturcafé-Podcast geredet. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Roman: Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro

Lesestoff: Der begrabene Riese von Kathi Ishiguro. #amreading #bookstagram

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Der erste Satz aus Der begrabene Riese:

Nach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England später berühmt wurde, hättet ihr lange gesucht.

Dieses wunderbare Cover, dieser schöne Titel und meine Begeisterung für Alles, was wir geben mussten, mehr brauchte ich nicht, um diesen Roman lesen zu wollen. Es gibt keinen Klappentext und das ist auch kein Wunder, weil die Geschichte tatsächlich extrem schwer in Worte fassbar ist. Es geht um die Reise eines Ehepaares durch England im fünften Jahrhundert, auf der Suche nach ihrem Sohn. Dabei verpasst Ishiguro seiner Geschichte einen spirituellen Anstrich, gibt seiner Geschichte das plus X, welches ich in Geschichten sonst sehr mag. Hier funktioniert es für mich nicht. Über den Großteil des Romanes quäle ich mich durch undurchdringliche Dialoge und eine ebenso wirre Geschichte, die gleichzeitig extrem zäh ist. Der titelgebende Riese kommt dabei nur am Rande vor.

Zwar zieht die Geschichte, das gesamte Buch im letzten Drittel sehr an und insgesamt lässt sie mich doch mit einigen schönen Bildern und Gedanken zurück, aber der Weg dahin ist sehr sehr anstrengend und er ist auch nicht mit toller Atmosphäre oder ausgeschmückter Landschaft versehen. Es ist wirr und langatmig und undurchschaubar. Die erste Hälfte hätte gestrichen werden können, der Roman hätte mindestens so gut funktioniert, wie er es jetzt tut.

Das ist schade, denn es ist mein zweiter Roman von Kazuo Ishiguro und nachdem ich vom ersten extrem begeistert war, weiß ich nach diesem nicht, ob ich das nächste Mal genauso begeistert wieder nach einem seiner Bücher greifen werde.

Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro wurde übersetzt von Barbara Schaden und erschien bei Blessing. Der Verlag hart mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Was übrig bleibt: „Das Universum ist ne herbe Sache. Es gibt ne ganze Menge Wesen und Dinge, die Dich angreifen,…“

“Das Universum ist ne herbe Sache. Es gibt ne ganze Menge Wesen und Dinge, die Dich angreifen, kaltmachen, übers Ohr hauen wollen, was Du willst. Wenn Du hier draußen überleben willst, mußt Du immer wissen, wo Dein Handtuch ist.”

Per Anhalter durch die Galaxis – Douglas Adams
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Serie: This is us

Nachdem ich die letzten Minuten der ersten Folge gesehen habe, war mir klar, This is us gehört zu den besten Serien, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

This is us dreht sich um mehrere Menschen, die am gleichen Tag Geburtstag haben und wie sich ihre Leben überschneiden. Mehr sollte man gar nicht wissen, weil man sich sonst sehr viel kaputt macht. DWDL beschreibt es passend:

[…] eine Familiengeschichte, die sich Woche für Woche entfaltet und dabei das Meisterstück beherrscht, gleichzeitig fehlende Puzzleteile zu liefern und das Puzzle erneut zu vergrößern.

Dabei geht es nicht um eine große Geschichte, der man unbedingt folgen will, sondern um viele kleine Geschichten und vor allem um Beziehungen. Wie Menschen miteinander umgehen. Die ganze Produktion, von der Idee von Dan Fogelman bis hin zu den Schauspielern wie Mandy Moore und Milo Ventimiglia, ist geil gemacht. Ich habe die Serie auf englisch sehr gerne gesehen und bin froh, dass sie den Weg nach Deutschland findet. Ein wenig irritierend ist die Werbeschiene, die ProSieben fährt, alles ist extrem auf Emotionen ausgelegt. Und klar, die Serie ist emotional, aber sie ist so viel mehr. Für mich ist sie die bisher beste Serie des Jahres. Und es wird mindestens zwei weitere Staffeln geben.

This is us läuft ab 24. Mai jeden Mittwoch um 21:15 Uhr auf ProSieben. Und sie ist wirklich ein Grund, mal wieder lineares Fernsehen einzuschalten.

Roman: So, und jetzt kommst du von Arno Frank

Lesestoff: So, und jetzt kommst du von Arno Frank #tropen #amreading

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Der erste Satz aus So, und jetzt kommst du:

Als meine Mutter zum ersten Mal starb, war ich bei ihr.

Arno Frank erzählt seine Lebensgeschichte, zumindest die ersten paar Jahre davon. Die, in denen sein Vater genug hat vom Autos verkaufen, sich eine größere Summe zusammenbetrügt und dann mitsamt seiner Familie durch Europa flieht.

Der Klappentext bezeichnet den Vater als Hochstapler. Da muss ich an Leonardo DiCaprio in Catch me if you can denken und das geht in eine falsche Richtung. Dennoch, Frank erzählt eine krasse Lebensgeschichte, in die man schnell reinkommt, in einem nüchternen, leicht prosaischen Stil.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/160739827592/und-doch-ihr-erstes-helles-auflachen-u-ber-den

Es gab immer wieder Formulierungen, die aufblitzten, über die ich mich sehr gefreut habe. Leider aber, trotz der Neugier und der immer näher kommenden, unabwendbaren Katastrophe, bei der das ganze Lügengerüst des Vaters unweigerlich zusammenbrechen muss, gab es auch langatmige Stellen, durch die ich mich eher durchzwingen musste, bevor es gegen Ende dann wieder extrem Fahrt aufnimmt.

Arno Frank erzählt mit So, und jetzt kommst du seine krasse Geschichte, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob die Buchform die beste für diese Geschichte ist. Bei einem Abendessen auf der Buchmesse in Leipzig dieses Jahr haben wir uns ein wenig unterhalten und er hatte auch ein wenig aus dem Buch erzählt. Dort habe ich sehr gerne zugehört. Vielleicht ist also das Hörbuch, gelesen von Devid Striesow, in diesem Fall die bessere Wahl. Oder sogar ein bisher nicht existierender Film, der manche Längen des Buches herausnimmt. Von der Geschichte her auf jeden Fall konsumierenswert.

So, und jetzt kommst du von Arno Frank erschien bei Tropen, das Hörbuch, gelesen von Devid Striesow, erschien bei RandomHouse Audio. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.