Hörbuch: Die Wurzel alles Guten von Miika Nousiainen, gelesen von Christoph Maria Herbst

Der erste Satz aus „Die Wurzel alles Guten„:

Eine Axt haben und schneller sein, das ist bei einer Schlägerei die halbe Miete.

Pekkas Leben geht den Bach runter. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und lässt ihn seine Kinder nicht sehen und seine Zahnschmerzen sind so extrem, dass er zu einem neuen Zahnarzt geht. Der sich als Esko rausstellt, ein Bruder von einer anderen Mutter. Ein verbitterter Zahnarzt, der es die restlichen 60 Jahre auch ohne Familie ausgehalten hat. Aber Pekka hat nichts mehr zu verlieren und überzeugt Esko, ihren Vater zu suchen. Was folgt, ist eine Reise um die Welt und zu sich selbst, gespickt mit Zahnarztmetaphern, erzählt aus den wechselnden Perspektiven der beiden Brüder.

Christoph Maria Herbst macht seine Sache gut, bekommt die Balance zwischen den ernsten und den komischen Tönen ganz gut hin. Leider auch nicht mehr, aber das liegt nicht an ihm, sondern am Text. Dieser ist an vielen Stellen extrem plump.

Ich kann kein finnisch, deshalb kann das zum Teil der Übersetzung geschuldet sein, aber auch inhaltlich gibt es Momente die rein handwerklich zu offensichtlich und eben plump sind. Zu oft erklärt Nousiainen Dinge, statt sie durch seinen Text und die Dialoge zu zeigen.

Deshalb ist es ein nettes Hörvergnügen, das Herbst mir bereitet, ein Hörbuch, dass man sehr gerne hören kann, aber leider nicht mehr.

Die Wurzel alles Guten von Miika Nousinainen wurde übersetzt von Elina Kritzkat, gesprochen von Christoph Maria Herbst und erschien beim Argon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur verfügung gestellt.

Jahr 33, Tag 2: Danke sagen

Gestern bin ich 32 geworden. Innerlich immer noch Kind, das auf einer Mauer sitzt.

Gestern habe ich getanzt geküsst und umarmt. Ich habe geschrieben und gelesen, erzählt, gelacht, Aufmerksamkeit gegeben und bekommen. Ein sehr guter erster Tag für ein neues Lebensjahr. Weil es viele Menschen gibt, die ihn mir so schön gemacht haben.

Danke dafür. Lächeln und Liebe, Fabian.

Roman: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer

Lesestoff: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer. #amreading #diogenes

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus Das Genie:

Das Erste, was Boris Sidis tat, nachdem er amerikanischen Boden betreten hatte, war, seinen beiden Reisebegleitern die Freundschaft zu kündigen.

Wie schon in meiner Juryentscheidung für das Debüt 2017 gesagt, hätte ich das Buch nie in die Hand genommen, wenn ich nicht ‚gemusst‘ hätte. Ich mochte den Titel nicht, nicht das Coverbild und die Beschreibung auch nicht. Und für die Lebensgeschichte eines Wunderkindes würde mir eigentlich der Wikipedia-Artikel reichen.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/168711491677/er-mochte-es-nicht-wenn-eine-geschichte-nicht-zu

Aber Zehrer hat einen schönen Erzählstil, eine angenehme Art, mich durch dieses extreme Leben zu führen, das mich gleichzeitig fasziniert und erschreckt. Ich bin unterhalten und nachdenklich, ich erzähle Leuten vom Roman und der Geschichte und ich will mehr wissen. So sollte eine Geschichte sein, so sollte ein Roman im Nachhinein hängen bleiben.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Schachnovelle von Stefan Zweig, gesprochen von Christoph Maria Herbst

Ich habe die Schachnovelle irgendwann zwischen 16 und 18 gelesen, in der Zeit in der ich auch vieles andere las, was ‚man gelesen haben sollte‘. Im Nachhinein war das für vieles ein paar Jahre zu früh.

Diesmal habe ich mir auf Rat von Tobias ‚Buchrevier‘ Nazemi die Hörbuchfassung von Christoph Maria Herbst angehört. Ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Herrn Herbst und bin immer etwas irritiert, wenn das, was er macht nicht witzig sein soll.

Die Schachnovelle ist ein schmales Bändchen, mittlerweile auch kostenlos online verfügbar (Gemeinfreiheit, yeai!), die Hörbuchfassungen dauern alle etwa Zweieinhalb Stunden. Auch diesmal brauche ich eine Weile, bis mit der Ernsthaftigkeit klar komme, aber dann hat die Erzählweise, sowohl von Zweig, als auch von Herbst vollkommen.

Ich glaube, heute würde das Büchlein anders redigiert, die Geschichte ein wenig anders erzählt werden, ein paar Erklärsätze gestrichen, aber in ihrer Gesamtheit ist sie auch mehr als 75 Jahre nach ihrem Erscheinen extrem eindringlich und veranschaulicht nicht nur das schachliche Wesen, sondern auch, wie schwer Monotonie zu ertragen ist und wie schön man sich an den alltäglichen Dingen erfreuen kann, wenn man sie eine Zeitlang nicht erleben durfte.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/169612454057/ich-aber-lauschte-nur-auf-ihre-stimme-war-das

Christoph Maria Herbst ist beim Erzähler nicht ganz so stark, wie in den Figuren, aber das Buch lebt von den Monologen der Protagonisten und die macht er wunderbar. Immer noch eine krasse, berührende Geschichte, geil vorgelesen. Sehr sehr empfehlenswert.

Dank der Gemeinfreiheit gibts nicht nur das Buch, sondern auch vielfache Hörbuchversionen online. Ich habe in die Reclam Ausgabe mit Hans Sigl reingehört, ist zwar österreichischer, aber bringt zumindest beim Stichhören nicht die gleiche Intensität.

Die Schachnovelle von Stefan Zeig, gesprochen von Christoph Maria Herbst, erschien beim Argon Verlag.

Was übrig bleibt: „Ich aber lauschte nur auf ihre Stimme – war das nicht ein Mensch, der sprach? Gab es wirklich noch…“

“Ich aber lauschte nur auf ihre Stimme – war das nicht ein Mensch, der sprach? Gab es wirklich noch auf Erden einen Menschen, der mich nicht verhörte, nicht quälte? Und dazu noch – unfaßbares Wunder! – eine weiche, warme, eine fast zärtliche Frauenstimme. Gierig starrte ich auf ihren Mund, denn es war mir in diesem Höllenjahr unwahrscheinlich geworden, daß ein Mensch gütig zu einem andern sprechen könnte. Sie lächelte mir zu – ja, sie lächelte, es gab noch Menschen, die gütig lächeln konnten –, dann legte sie den Finger mahnend auf die Lippen und ging leise weiter.”

Schachnovelle – Stefan Zweig
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Das Debüt 2017: Meine Juryentscheidung

Schon im letzten Jahr habe ich als Juryblogger die fünf Romane gelesen, dies Jahr also wieder. Allein das Erstellen der Shortlist, die vom Team von Das Debüt ausgefuchst wird, ist eine langwierige und mutige Aufgabe, danach liegt es in den Händen von uns Bloggern, über das Beste zu entscheiden. 17 Menschen mit eigener Meinung und Leseempfinden.

Ich strebe nach Geschichten. Ich will wissen, was passiert. Sprache ist Transportmittel der Geschichte. Im besten Fall fällt sie durch ihre Form auf, wenn sie es dem Leser besonders einfach macht, zu verstehen, was passiert. Meist ist sie unauffällig. Wenn sie zu Wichtig wird, wenn es mehr darum geht, wie erzählt wird, anstatt, was erzählt wird, dann bin ich draußen. So mein Normalfall. Meine persönliche Gewinnerin letztes Jahr – Blauschmuck von Katharina Winkler – war eine strahlende Ausnahme. Dieses Jahr hat es mir die Shortlist besonders schwer gemacht.

Platz 3: Immer ist alles schön von Julia Weber, erschienen im Limmat Verlag.

Diese Geschichte eines Geschwisterpaares, die ihre Mutter vor dem Alkohol und vor den Männern zu bewahren suchen hat mich interessiert, ganz schockiert von dieser Welt und diesem Gefühl der Hilflosigkeit. Mit der Sprache dagegen musste ich kämpfen. Mir zu gewollt poetisch, voller Leerstellen und Andeutungen, sie ließ mich oft eher verwirrt als angereichert zurück. Ich glaube, das kann für viele Leser funktionieren, für mich leider nicht so, wie ich es gern gehabt hätte. Dabei war die Entscheidung zwischen diesem und Platz 2 ziemlich knapp, hätte auch anders ausfallen können.

Platz 2: Oder Florida von Christian Bangel, erschienen im Piper Verlag.

Ende der 90er in Frankfurt an der Oder, Matthias ist Anfang 20 und eher links, weiß noch nichts mit seinem Leben anzufangen, als er plötzlich Pressesprecher eines Baumillionärs wird, der Bürgermeister werden will. Bangel erzählt schnell und fast zu leicht, baut 90er Atmosphäre auf und bleibt für mein Gefühl zu sehr darin hängen. Da bräuchte es mehr Geschichte, um mich länger interessiert zu halten.

Platz 1: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer, erschienen bei Diogenes.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/168711491677/er-mochte-es-nicht-wenn-eine-geschichte-nicht-zu

Ich hatte das Buch gesehen und wusste, dass ich es nicht mögen würde. Mochte das Cover nicht, mochte den Klappentext nicht und mochte auch die Geschichte nicht. Die Lebensgeschichte des Wunderkindes William James Sidis kann ich auch auf Wikipedia nachlesen. Dachte ich. Fing zu lesen an und blieb drin hängen. Wollte nicht mehr die lexikalische Kurzform, sondern wollte diesen Erzähler, der mich vom Vater und seine Erziehungsmethode zum Sohn brachte, beide nicht sympathisch, aber so faszinierend. Zehrer hat es geschafft, mich zu unterhalten, mit einer skurrilen Geschichte, einer eigenen Sprache, hat mich darüber hinaus dazu gebracht, über mein eigenes Leben und sein nachzudenken. Im Interview sagt Zehrer auf die Frage, welche Autoren sein Schreiben beeinflusst haben:

Alle Autoren, denen es gelingt, gleichzeitig leicht und gescheit zu schreiben. Und die die Mühe auf sich nehmen, sich verständlich auszudrücken.

Das hat Zehrer mit diesem Roman bei mir geschafft. Dafür hat er meinen ersten Platz verdient. Ich hätte alle fünf Romane ohne diesen Preis nicht gelesen. Es war nicht immer einfach, aber ich bin froh, dabei zu sein.

Was übrig bleibt: „Er mochte es nicht, wenn eine Geschichte nicht zu Ende erzählt war, das war wie ein Rätsel ohne…“

“Er mochte es nicht, wenn eine Geschichte nicht zu Ende erzählt war, das war wie ein Rätsel ohne Lösung. Und ein Rätsel ohne Lösung war eine Provokation für den Verstand.”

Das Genie – Klaus Cäsar Zehrer
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Schuhe: Mahabis.

tl;dr: Geile Idee, schlecht umgesetzt, beschissen verarbeitet. Für das Geld lieber was anderes kaufen.

Das Problem, wenn man einmal auf eine Werbeanzeige bei Facebook klickt: Man bekommt das Produkt immer und immer wieder angezeigt. So ging’s mir mit den Mahabis. Ich war sowieso auf der Suche nach Hausschuhen und mochte den Style der Mahabis, wie auch die Produktion in Portugal und diese beiden einzigartigen Funktionen:

Einerseits haben die Schuhe hinten diese Lasche aus Neopren, die es erlaubt, sowohl in die Schuhe reinzurutschen und rumzulaufen, als auch die Lasche umzuklappen, sodass sie fester am Fuß sitzen. Andererseits kann man austauschbare Sohlen anklicken und somit aus den Hausschuhen Schuhe für draußen machen.

Nachdem mir die Anzeige also oft genug angezeigt wurde, habe ich sie mir gekauft. Die Classic, weil ich ja Hausschuhe will. Sie kommen in einer schönen Box, insgesamt wird sehr viel wert auf Design gelegt. Erstmal fühlt sich alles hochwertig an. Die Schuhe sind warm und bequem und ich habe sie gern an den Füßen. Leider endet damit alles, was ich positives sagen kann.

Natürlich probiere ich direkt die Extrasohle aus, bei mir in Türkis. Kann man sich bei der Bestellung aussuchen. Leider passen sie nicht so, wie sie sollen, sehen nicht so gut aus, wie auf den Bildern und vor allem: Sie sind unbequem. All die Bequemlichkeit, die die Schuhe ohne die Sohlen haben, ist weg. Man kann nicht lange in den Sohlen laufen ohne Schmerzen und das Gefühl zu haben, dass sie gleich vom Schuh fliegen.

Die Lasche hinten ist zwar ziemlich cool, weil sie genau das tut, was sie soll. Aber das Neopren fühlt sich komisch an und ist qualitativ scheiße. Und es sieht auch irgendwie rangepappt aus. Selbst der Schuster fragte mich danach.

Zum Schuster musste ich etwa sechs Wochen, nachdem ich die erste Lieferung bekommen habe. Weil am sich am zweiten Tag die Gummisohle des ersten Schuhs löst. Die, die sich nicht lösen sollte. Ich schreibe eine Mail an Mahabis, der ziemlich schnell reagiert und mir sagt, dass das eine schlechte Lieferung war. Na klar. Aber zumindest bekomme ich ein zweites Paar geschickt. Ich ärgere und freue mich und warte wieder knapp eine Woche, bis dieses Paar da ist. Schwarze Sohlen diesmal, die aber genauso unpassend und unbequem sind, wie die anderen. Dieses Paar hält etwa eine Woche, dann löst sich auch an diesen Schuhen die Sohle.

Ich also wieder eine Mail an Mahabis, die erst ein paar Tage nicht reagieren und mir dann schreiben, dass es ihnen wirklich leid tut und sie schicken mir als Wiedergutmachung ein paar aus der Sommer Edition. Ich antworte, dass ich mich ja freue, aber das auch Dauer keine Lösung ist, jede Woche ein neues Paar zugeschickt zu bekommen, dass ich dann sowieso nicht tragen kann, weil es gleich kaputt geht. Und ich die Sommer Edition gar nicht will, ich habe ja die anderen bestellt.

Daraufhin kommt eine patzige Antwort, (paraphrasiert:) dass die Sommer Edition (zumindest zum damaligen Preis) ja ein Upgrade ist und ich mich gefälligst freuen soll. Die Schuhe kommen irgendwann an und halten nur ein wenig länger, als die Classic. Nachdem ich mich wieder bei Mahabis melde, kommt keine Antwort mehr. Und ich bin damit nicht alleine. Einer Bekannten ging es auch so, Sohle ab und neue bekommen. Sie ist ansonsten vollkommen zufrieden, ich kann das nicht sagen.

Ich bin zum Schuster, der mir die Sohlen angeklebt hat. Diese halten seit knapp 9 Monaten. Ich trage sie jeden Tag. Die anklickbaren Sohlen nutze ich nie. Wie gesagt, ich mag das Design und die Ideen, die Umsetzung ist aber schlecht und die Verarbeitung richtig scheiße, wie auch die Kommunikation mit Kunden. Wenn man sie mag und weiß, worauf man sich einlässt, ist das okay. Empfehlen kann ich sie aber nicht. Wenn es jemand probieren will, empfehle ich, diese bei Amazon zu kaufen, da hat man auf jeden Fall weniger Stress mit der Rückgabe.

Transparenzbericht: Ich habe einen Presserabatt von 15% bekommen. Jeder, der sich für den Newsletter anmeldet, bekommt 10% Rabatt. Und ich hatte mit der Pressestelle Kontakt, was die Korrespondenz und die Reaktionen der Firma beeinfluss haben könnte. Aber dann will ich da nicht als ’normaler Kunde‘ kaufen.

 

Geschichten aus der Nachbarschaft: Die Reste der Modelleisenbahn

Mein Nachbar findet beim Entrümpeln Teile seiner Modelleisenbahn, die er schon vor Jahren verkauft hat. Eine ganze Kiste voll. Also stellt er sie als Kleinanzeige online, die Leute sollen ihm bieten, was sie dafür geben wollen.

Jemand meldet sich und sagt, für 15 Euro nimmt er die ganze Kiste. Mein Nachbar antwortet, für 15 Euro lohnt es sich gar nicht, dann kann er das Zeug auch einfach wegschmeißen. Der Andere sagt daraufhin, dass er gerne mehr anbieten möchte, aber leider nicht kann. Schreibt immer in knappen Sätzen, nicht mehr als notwendig. Mein Nachbar vermutet einen Händler, der das Zeug danach teuer verkaufen will und sagt, dass er dann leider nichts tun kann und es dann lieber nicht hergibt.

Der andere druckst eine Weile herum und rückt dann heraus: Er ist erst 12 und leider hat er nicht mehr Taschengeld zusammengespart, deshalb kann er nicht mehr zahlen. Einen Tag später kommt er mit seinem Vater und nimmt die ganze Kiste mit, natürlich geschenkt.

Nächstes Mal den Leuten einfach direkt sagen, dass du 12 bist und nicht mehr Taschengeld hast. Viele erinnern sich noch gut daran, wie es war, 12 zu sein.

Eine Woche im Hospiz arbeiten, ein Bericht.

Ich schreibe an diesem Roman – Die Träume der Anderen –  und ein signifikanter Teil spielt in einem stationärem Hospiz. Meine Hospizerfahrung beschränkte sich bis vor kurzem auf das Wissen über ihre Existenz. Da werden kranke Menschen beim Sterben begleitet. Das reicht aber nicht, um darüber zu schreiben. Also habe ich mir ein paar Artikel und die ein und andere Wiki-Seite durchgelesen, habe mir Dokumentationen angesehen und mit Leuten geredet, die im Hospiz arbeiten. Und das war ein eklatanter Unterschied.

Während die Erzählungen sehr warm und wohlwollend, sehr menschlich und nah waren, hatte jede Dokumentation einen beklemmenden, distanzierten und betroffenen Beigeschmack. Jede Dokumentation beinhaltet den Satz ‚man darf dort auch lachen‘ und jedes Mal fühlt es sich gesagt, aber nicht gemeint an. Also es selbst erleben, ein paar Tage mitlaufen und alle Fragen stellen.

Ich war mir nicht sicher, wie ein Hospiz auf so eine Anfrage reagieren würde und hätte es verstanden, wenn ich aus Gründen des Respekts und der Pietät nicht hätte kommen dürfen. Also schrieb ich eine lange Nachricht, in der ich sagte, dass es mir um die akkurates und warmes Bild eines Alltags im Hospiz ging. Dass ich über den Weg des Romanes die Relevanz, die Arbeitsweise und die Wichtigkeit von Hospizen aufzeigen und Menschen nahebringen wollte. 

Der Nachricht folgte ein Telefonat und dann war klar, dass ich eine Woche mitarbeiten würde. Wenn ich schon da war, dann nicht nur als Zuschauer, sondern als Praktikant, der auch Aufgaben übernimmt. Und auch nur als Ausnahme für lediglich eine Woche, normalerweise geht nichts unter vier Wochen. Vor dieser Woche sollte ich zuerst einmal vorbeikommen, mir alles ansehen und dann entscheiden, ob ich die Woche machen wollte.

Kurz vor dem ersten Besuch hatte ich extremen Respekt und Zweifel, ob ich wirklich eine Woche lang dort zubringen würde. Dort zubringen könnte. Ich kann kein Blut sehen, bin viel zu emphatisch und fantasievoll, was Schmerzen angeht. Beschreibt mir jemand seine, spüre ich sie selbst. Ich muss auch bei Büchern, Filmen und Serien manchmal pausieren, wenn es mir zu explizit wird. Wollte ich wirklich eine Woche lang Menschen beim Sterben begleiten?

Ich komme im Hospiz an und sehe die brennende Kerze, das Signal, dass kürzlich jemand verstorben ist. Dann muss ich warten, weil die Pflegerin, die mich herumführen sollte, noch bei der Trauerfeier ist. Das fängt an, wie befürchtet.

Ich warte also, den Kopf gesenkt, die Hände im Schoß und betrachtete die Kerze und den Namen der Verstorbenen in einem Buch, welches davor lag. Kinderhände hatten bunte Schmetterlinge darüber gemalt und einen steinernen Engel dazugelegt.

Und dann kommt die Pflegerin, die mich begrüßt hat, fragt mich nach meinen Computerkenntnissen und ob ich helfen könne. Kurz darauf stehe ich im Zimmer eines Gastes – es gibt im Hospiz keine Patienten, es gibt nur Gäste – und half, den Bundesliga-Livestream zu aktivieren.

Danach esse ich Kuchen und lache über einen makaberen Witz, beobachte, wie ein Gast dick eingepackt mit seinem Rollstuhl nach draußen rollt, um eine Rauchen zu gehen. Um seinen Hals hängt die Schmerzmittelpumpe, die ihm beständig ein Morphin eingibt. Und wenn er doch noch Schmerzen hat, kann er sich einen Bolus geben.

Ich werde durch das Gebäude geführt und erfahre in diesen ersten Stunden schon so viel über das Leben und Arbeiten im Hospiz. Als ich nach Hause gehe, weiß ich, dass ich für diese Woche wiederkommen werde. Weil, natürlich sterben dort Menschen und es ist ein sehr sehr trauriger Ort. Aber eben nicht nur. Insgesamt fühlt es sich nach ein paar Stunden eher nach einem Ferienlager an. Für kranke Menschen zwar, die nie wieder nach Hause gehen, aber dennoch ein schöner Ort, in dem viel erlaubt ist.

Also arbeite ich eine Woche mit, gebe Essen ein, pflege und sitze stundenlang bei Menschen. Halte ihre Hand und rede mit ihnen. Ich war mir ziemlich unsicher, wie die Menschen dort auf mich reagieren würden, ob sie offen mit mir reden würden. Tatsächlich wurde ich extrem herzlich empfangen und jeder erzählte mir freigiebig. Von den PflegerInnen über die Gäste, bis hin zur Pfarrerin und der Ärztin, ich konnte alle Fragen stellen, die ich stellen wollte und erfuhr darüber hinaus noch viel mehr.

In meiner Zeit dort sterben zwei Menschen und fast jedes Schicksal dort macht mir klar, dass das Leben keine Geschichte ist, die zwangsläufig gut endet. Viel zu oft, können Menschen sich nicht von jenen verabschieden, von denen sie sich unbedingt verabschieden wollen. Schaffen es nicht nochmal, diesen Urlaub zu machen oder sich mit jenem Menschen zusammenzusetzen, um Dinge zu klären, die jahrzehntelang nicht geklärt wurden.

Diese Wahrheit – „Tue Dinge, die du tun willst, bevor es zu spät ist“ wird uns regelmäßig, in allen möglichen Filmen, Serien, Büchern, Liedern und Anekdoten eingetrichtert, sie ist so banal, wie kompliziert. Sie ist nichts neues. Sie aber auf diese Art zu erleben, ist viel eindrücklicher, als alles bisherige.

Ich mache alles mit. Katheter setzen, blutige Verbände wechseln, Abschiedsfeiern beiwohnen. Alles mit einer absurden Distanz, auf der ich meine Seele halte, um diese Dinge erleben zu können, sie aufnehmen zu können. Sobald ich nach Hause komme, erzähle ich meiner Freundin davon, lasse alles an mich heran und heule mich in den Schlaf. Um am nächsten Tag wieder dort zu sein.

Für mich am Eindrücklichsten, am Emotionalsten ist die Verbundenheit zweier Menschen. Eines Paares, das mehr als vierzig Jahre lang zusammen war und ein Mensch nun seinen Partner im Arm hat, während er wimmernd, verwirrt und traumatisiert im Bett liegt und so würdevoll wie möglich von uns intim gepflegt wird. Unten wir, mit Gummihandschuhen und Waschlappen und Inkontinenzhosen. Oben sie, mit Küsschen und Kosenamen und intimer Nähe. Skurriler konnte es nicht sein. Niemals habe ich bedingungsloser Liebe erlebt. Die Erinnerung daran drückt mir jedes Mal Tränen in die Augen.

Nach einer Woche bin ich fertig. Ich umarme das Personal und weiß, in irgendeiner Form werde ich wieder kommen. Ich bin sehr froh, diese Woche dort verbracht zu haben, an diesem herzlichen, warmen Ort, in dem extrem viel Dankbarkeit und Menschlichkeit vorhanden ist.

Aber ich bin auch froh, dass es vorbei ist, weil dort extreme Emotionen in jede Richtung zum Vorschein kommen. Ich kann mich nicht emphatisch und menschlich um jemanden kümmern, ohne ihn auch an mich heranzulassen. Es ist ein destilliertes, in kürzester Zeit jemanden kennen und mögen lernen, um ihn dann zu verlieren. Nun ist meine Zeit dort ein paar Tage her und ich knabbere immer noch an dem, was ich erlebt habe. Meine Hochachtung jedem, der diese Arbeit macht.

Jeder sollte ein Hospiz zumindest mal für ein paar Stunden besuchen. Es kalibriert das Leben. Setzt Prioritäten anders. Ich freue mich mehr und ärgere mich weniger. Ich verbringe Zeit mit Menschen bewusster und ich sage, was ich sagen will, auch wenn ich mich dabei manchmal dumm fühle. Dafür bin ich dankbar. Ich hoffe, das hält eine Weile an.

Lesung: Patricia Hempel bei der zwischen/miete in Stuttgart am 23.11.17

Die zwischen/miete ist ein Projekt des Stuttgarter Literaturhauses, dabei laden Stuttgarter Wohnungen und Wohngemeinschaften ein, um in ihren Räumen junge AutorInnen lesen zu lassen. Dabei gehts tatsächlich nicht so sehr um die Autoren, als um das Happening. In irgendeiner fremden WG zusammenkommen, auf dem Boden sitzen, über das Interieur schnacken und Bier und Brezel genießen. Achja, und einer Lesung beiwohnen. Macht tatsächlich ziemlich Spaß, auch wenn man die AutorInnen und die Bücher vielleicht noch nicht kennt.

Diesmal ist es für mich ein wenig anders, Patricia Hempel hat mit mit „Literarisches Schreiben“ in Hildesheim studiert und ist die erste aus dem Jahrgang, die ihren Roman veröffentlicht. Metrofolklore, ein Roman über eine lesbische Archäologiestudentin, die versucht, an das schönste Mädchen der Universität ranzukommen. Rezension folgt.

Die Wohnung ist voll, als wir ankommen. In allen Zimmern sitzen Menschen auf den Boden, die Lesung wird vom Wohnzimmer aus in die anderen Räume gestreamt.

Patricia sitzt neben Tim Philippi, der durch den Abend moderiert, er langsam und geordnet, sie chaotisch und polternd, ein skurriles Paar. Die Fragen wurden im Vorfeld abgeklärt, was bedeutet, dass Patricia einige Antworten vorwegnimmt und die Gespräche zwischen den beiden absurde Situationen ergeben.

Patricia hat gut ausgesuchte Stellen und weiß, wie sie Reaktionen im Publikum weckt, und vor allem Neugierde, wie der Roman weitergeht.

Obwohl die Lesung einigermaßen kurz ausfällt, bin ich froh, als es der Fall ist.  Nicht der Lesung wegen, sondern weil es auf Dauer doch ziemlich unbequem ist, so gedrängt auf dem Boden zu sitzen. Auch, wenn er gepolstert ist. Aber der Abend ist nicht mit der Lesung vorbei, er wird zu einem netten Happening mit viel Unterhaltung, guten Gesprächen und Brezeln. Das sehr gerne wieder, nur dann mit besserem Platz. Und gerne wieder eine Lesung von Patricia Hempel. Auch diese mit besserem Platz.

Metrofolklore von Patricia Hempel erschien bei Klett-Cotta.

 

5 Jahre “Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen”

Neue Ladung von Debütromanexemplaren zum signieren ist angekommen. Will jemand? #amwriting #daslebenisteinerdbeben

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Heute vor fünf Jahren haben wir die Releaseparty meines ersten Romanes gefeiert. Immer noch eine sehr schöne Erinnerung. Immer noch ein Buch, das ich mag und immer wieder drüber rede und gerne signiert verschicke.

Seitdem ist viel passiert, mit mir und mit dem Buch, es gibt mittlerweile ein Hörbuch von Klaus Neubauer und natürlich die kostenlose PDF-Fassung. Ich bin gespannt, was in den kommenden fünf Jahren passiert. Vielleicht eine Hörbuchfassung, von mir gesprochen. Vielleicht eine Verlagsausgabe. Mal sehen.

Lesung: T.C. Boyle bei der LesArt in Esslingen am 22.11.17

Und nun: TC Boyle bei der #LesArt in #Esslingen. #amlistening #tcboyle

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

T.C: Boyle wird dieses Jahr 69 und ich habe ihn zwar schon im Februar in Stuttgart gesehen, aber wer weiß, wie lange er noch Lesungen machen wird? Also bin ich gestern nach Esslingen auf die LesART, einem eigentlich eher kleinerem Literaturfestival, welches durch glückliche Umstände dazukommt, Boyle zu Besuch zu haben. Zusammen mit knapp 1000 weiteren komme ich also ins Neckar Forum, einer riesigen bestuhlten Halle. Ich komme kurz vor Veranstaltungsbeginn und bin so frech, mir den letzten freien Platz in der dritten Reihe zu nehmen. Zwischen der Sanitäterin und dem einen, der aussieht, als ob er beschlossen hat, heute Abend keinen Spaß zu haben. Diese Leute finde ich auf jeder Veranstaltung.

Aber wir reden von T.C. Boyle, der tatsächlich auch diesen Mann zum lachen bringt. Boyle macht sein Ding. Vor vielen Jahren sagte er mal, dass Lesungen wie Konzerte sein müssen, sie müssen unterhalten und Spaß machen. Genau das macht er bei seinen Lesungen. Natürlich wieder in roten Chucks und schwarzem Anzug und geilen Antworten auf jede Frage unterhält er viel zu kurze 90 Minuten. Was mir besonders auffällt, er zwar wieder mit Die Terranauten da, aber er macht anderes Programm, liest eine andere Stelle, erzählt ein paar andere Geschichten, beispielsweise von seinem Kurzgeschichtenband The Relive Box, der gerade in den Staaten veröffentlicht wurde und von seinem Roman über Albert Hofmann und LSD, den er im Februar erwähnt und mittlerweile beendet hat. Also keine reine Wiederholung dessen, was ich schon kenne. Guter Mann. Krasser Kopf, der extrem fit ist und sehr viele Details zur Sprache bringt, was mich immer wieder überrascht. Und jedes Mal eine Freude ist, dabei zuzusehen. Kurz, Boyle war geil. Aber.

Die Lesung auf Deutsch übernimmt Lea Ruckpaul, Schauspielerin am Stuttgarter Staatstheater mit einer eindrücklichen kratzigen Stimme. Sie liest den Text fehlerfrei vor. Aber sie kommt nicht in die Haltungen. Wie jemand, der gerade schalten lernt, ruckelten wir durch den Text, mal zu schnell, mal irritierend langsam. Verständlich, ja, aber nicht so, dass sie es dem Zuhörer leicht gemacht hat, mitzukommen.

Und moderiert wurde der Abend von Günter Keil, der geübt darin ist, Lesungen zu moderieren und für Publikum aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Ich kenne ihn bisher nicht, aber er scheint ein netter Kerl zu sein, der sich von Boyle auch nicht einschüchtern lässt. Aber Boyle ist auch nicht der Typ der einschüchtert. Gerade mit dem Wissen um Keils Erfahrungen und Referenzen bin ich erschüttert von der Moderation und den Übersetzungen. Die Aufgabe des Moderators ist, durch den Abend zu leiten, bei einer Fremdsprache dafür zu sorgen, dass sich niemand zurückgelassen fühlt und im Auftrag des Publikums alle Fragen zu stellen, die sich das Publikum stellen könnte.

Gestern aber schafft Keil eben das nicht. Viel zu oft greift Boyle ein und lenkt das Gespräch in die Richtung in, in die es gehen sollte. So erzählt er beispielsweise, wie er kurz vor dem Abflug auf die Lesereise den neuen Roman beendet hat, Keil übersetzt und stellt eine vollkommen andere Frage. Woraufhin Boyle sagt, ‚Das Publikum fragt sich wahrscheinlich, worum gehts im neuen Buch.‘ Alle Applaudieren und Boyle erzählt also von LSD und Hofmann und so. Solche Korrekturen passieren ein paar Mal. Ich glaube nicht, dass T.C. Boyle irgendjemanden auflaufen lassen will, aber es gab ein paar Situationen, in denen er Keil auflaufen lassen musste, weil wichtige Dinge sonst nicht zur Sprache gekommen wären. Weiterhin hat Keil frappierende Übersetzungsfehler gemacht.

Es ist keine leichte Aufgabe, ausschweifende Antworten und Pointen so ins Deutsche zu übertragen, dass sie funktionieren und nicht für den Großteil des Publikums redundant sind. Ich verstehe, dass man als jemand, der kein Englisch spricht, viel leider nicht mitbekommt und es auch leider nicht wirklich anders geht. Zumindest nicht ohne größeren Aufwand. Aber Keil hat gestern regelmäßig falsch übersetzt. Er spricht ihn ganz am Anfang auf die roten Chucks an und Boyle antwortet: ‚Frau Boyle told me to wear them, so I do, for 20 years now.‘ (Frau Boyle, hat mir gesagt, ich soll sie anziehen, als tue ich das. Mittlerweile seit 20 Jahren.) Keil übersetzt: „Er hat sich die Sachen in einem Laden ausgeliehen und trägt sie deshalb.“

Wie gesagt, der Job des Moderators ist kein leichter und ich verstehe auch, dass man nicht immer alles so schnell verstehen und übersetzen kann, wie man sollte. Aber das blieb kein Einzelfall, sondern zog sich durch durch den gesamten Abend. All das wäre sogar noch okay, wenn nur mir das mit geschultem Ohr auffallen würde. Aber wenn selbst die Sanitäterin, die nur halb zuhört, weil berufsmäßig da ist, von der Moderation und den (Fehl-)Übersetzungen irritiert ist, dann – so leid es mir tut – ist das ein Problem.

Schade. Aber dennoch, T.C. Boyle zu sehen, lohnt sich jedes Mal. Und ich hoffe auch noch viele weitere Male.