Eine Nacht mit genügend Schlaf: Version 0.15.3 ist fertig.

 

Ich sehe das Ähnlich, wie Dirk von Gehlen: Literatur ist wie Software. Es gibt keinen fertigen Zustand, sondern immer nur die aktuelle Version. Das habe ich schon bei meinem ersten Roman so gesehen und habe Versionsbezeichnungen benutzt und einen Changelog angelegt. Ich zitiere:

Zur Erklärung der Versionszahlen: Solange keine offiziell gedruckte Verison vorlag, redeten wir von 0.xx.x. Dann kommen die Jahreszahlen: 0.9.x Und zu guter letzt die Zahl der Überarbeitung innerhalb des Jahres.

Innerhalb dieser Rechnung habe ich Version 0.15.3 fertig gestellt. Diese ging an ein halbes Duzend Betaleser raus, mit verschiedenen Augenmerken. Diese Version liegt jetzt erstmal, bis es im Studium damit weiter geht.

Ich weiß, noch viel zu früh, um über ein Cover nachzudenken. Und vielleicht werde ich da gar kein Wort mitzusprechen haben. Aber hier ist meine aktuelle Vorstellung:

Sicht von oben, Vogelperspektive: Eine grüne Wiese, in der Mitte ein braunes, rechteckiges Loch, ein ausgehobenes Grab. Das Gras ragt ein wenig über den Rand. Auf dem Boden des Lochs liegen zwei Personen, ein Mann und eine Frau. Nicht so, wie im Grab, sondern als würden sie im Bett liegen. Das ist die Idee. Etwa im Stil von Levente Szabó, ich mag seine Cover sehr.

Kommentare?

 

Dicere Aude: Habe den Mut zu sprechen.

Da ich mittlerweile in Hildesheim studiere, aber in Stuttgart lebe, verbringe ich viel Zeit in Nachtbussen und Zügen, vor allem über Nacht. Dafür bin ich mittlerweile ganz gut ausgerüstet mit Nackenkissen und neuem Akku für meinen Rechner, damit ich in vollen Zügen leben und arbeiten kann. Kürzlich also das: Ich steige um 23 Uhr in Frankfurt in den Zug, um 1 soll ich in Stuttgart sein. Ich suche mir einen freien Platz und lande im Ruheabteil und mache mir kurz Gedanken, darüber, ob das Tastaturtippen zu laut sein könnte. Angesichts der lautstarken Gespräche der anderen Mitreisenden schient mir das aber nicht der Fall zu sein. Also arbeite ich los. Schreiben am aktuellen Roman, eine Arbeit, die irgendwann in einer Art von Rausch stattfindet. Etwa um Mitternacht höre ich jemanden im Abteil fluchen, „Ich schmeiß das Teil gleich aus dem Fenster!“, und überlege mir, mit was für einem Gerät er wohl so große Probleme hat, wahrscheinlich ein Smartphone oder ein Tablet. Dann aber, 10 Minuten vor Stuttgart fliegt ein Papierkügelchen knapp an meinem Kopf vorbei.

Ich stutze, sehe auf und bemerke, dass das Tippen neben dem Schnarchen eines Schlafenden mittlerweile das lauteste Geräusch im Waggon ist. Und ahne, dass der Fluch vorher meinem Rechner gegolten haben könnte. Mein Gesicht fühlt sich an, als werde ich rot, niemals ist es meine Absicht, jemanden zu verärgern. Ich höre auf zu tippen. Im oben genannten Rausch habe ich nicht mitbekommen, wie laut ich anscheinend gewesen bin und das ist mir peinlich. Aber auf der anderen Seite werde ich pissig. Was ist das bitte für eine Art? Ernsthaft:

Komm zu mir, sag mir, ich bin zu laut, und ich werde stutzen und immer noch peinlich berührt sein, aber dann höre ich entweder auf oder wechsele das Abteil. Du könntest schlafen, ich kann arbeiten. Kein Problem. Einfach mit mir reden. Oder grundsätzlich: Einfach den Mund aufmachen.

Aber hier kommt die Kehrseite: Manchmal liege ich auch im Bus und denke, „Haltet doch endlich mal die Klappe.“, und sage nichts. Ich würde nie etwas werfen. Aber sagen tu ich auch nichts. Vielleicht ist es doch nicht so einfach, den Mund aufzumachen. Also: Habe den Mut den Mund aufzumachen. Und das gilt auch für mich.

Ich: Master Literarisches Schreiben in Hildesheim

Wenn mich jemand fragt, was ich später mal machen möchte – und ja, man wird mit 28 auch noch gefragt, was man später mal machen will – dann antworte ich seit Jahren, ich möchte vom Schreiben leben können. Ich möchte meine eigenen Bücher schreiben und davon leben können.

Ich habe alle Gespräche über dieses Thema in jeder Variation durchgemacht und bin mir des schweren Weges bewusst, den ich da gewählt habe. Aber hej, bisher läuft das Leben mit all seinen schönen Umwegen doch ganz gut, oder? Als ich vor vier Jahren nach meiner Radiozeit studieren wollte, entschied ich zwischen Kreativem Schreiben und Sprechkunst. Viele Gründe haben mich in Stuttgart gehalten und ich wählte das Sprechen. Jetzt ist die Wahl des Masters dran und diesmal sollte es das Schreiben sein. Also bewarb ich mich und bangte und bekam dann vor wenigen Monaten meine Zulassung aus Hildesheim. Leipzig sagte ab, aber das ist eine andere Geschichte.

Im Mittelpunkt des Master-Studiengangs Literarisches Schreiben (M. A.) steht die Arbeit an einem eigenen erzählerischen, lyrischen, szenischen, essayistischen oder kulturjournalistischen Projekt. Dieses Projekt soll zu Beginn des Studiums in einem Konzeptpapier grob umrissen sein und wird dann von den Lehrenden des Studiengangs während des Studiums intensiv betreut.

Um das Schreiben herum werden Seminare angeboten, die es möglich machen, Ihre eigene Literaturwerkstatt zu beobachten, zu verstehen und zu optimieren. Zugleich werden Sie in die literatur- und kulturbetrieblichen Kontexte eingeführt.

So steht es im Studienprofil. Das heißt, ich werde zwei Jahre lang an einem Roman arbeiten, der den Arbeitstitel „Eine Nacht mit genügend Schlaf ist nur eine weitere, an die du dich nicht erinnern wirst“ trägt. Er ist zwar ein wenig mehr, als nur grob umrissen, aber ich kann trotzdem noch viel an ihm lernen.

Ab nächstem Monat werde ich also in Hildesheim Literarisches Schreiben studieren. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben! Wow!

Die Klischees der geheimen Wünsche

Klischee, ich weiß. Aber manchmal sind es die Klischees, auf die wir hinauswollen. Manchmal erhoffen wir uns doch, endlich mal das erleben zu dürfen, was wir sonst immer als Klischee abtun. Nicht die negativen Klischees von klauenden Polen und schleimigen Italienern und Weißwurstdeutschen. Sondern die Klischees der geheimen Wünsche. Das Klischee der Jungs, die sich einen alten Bulli kaufen und damit durch die Gegend fahren, bis der ADAC kommt. Das Klischee des Mädchens, das auf der Straße entdeckt wird und Schauspielerin wird. Aber auch das Klischee der intakten Familie mit Hund, Haus und Briefmarkensammlung. Und mittlerweile sind wir in unserer ewigen Wiederholung der Ereignisse auch an dem Punkt angekommen, an dem alles nur noch ein Aufguss, ein Abklatsch, ein Klischee ist. Und jetzt müssen wir nur noch entscheiden, welches Klischee wir haben wollen. David hatte sich diesmal nicht entscheiden können. Der Regen hatte ihm dieses Klischee eines geheimen Wunsches einfach auf die Seele gedrückt. Und er fühlte sich so gut dabei.

 Aus „Eine Nacht mit genügend Schlaf ist nur eine weitere, an die du dich nicht erinnern wirst.

Heute habe ich einen Roman fertig geschrieben.

Am 17. Januar diesen Jahres habe ich auf einer Schreibmaschine die ersten fünf Seiten eines Romanmanuskriptes begonnen. Nach 5 Seiten habe ich die Geschichte zur Seite gelegt, weil ich erst noch die erste Rohfassung von „Dimensionssprünge“ fertig schreiben wollte. Das war am 23. April. Seitdem habe ich fast täglich an diesem neuen Roman geschrieben. Heute – fast genau elf Monate später – habe ich ihn fertig gemacht. Also, die erste Rohfassung. Rund 54000 Worte. Jetzt muss das eine kurze Weile ruhen, dann muss ich da nochmal drüber. Wahrscheinlich noch ein paarmal. Und dann geht es an die Verlagssuche. Oder die Suche nach der Form besten Veröffentlichung. Aber trotzdem, einen Roman fertig zu schreiben ist jedes Mal ein Wow-Moment!

Ein „Wow“-Moment ist ein Moment, in dem deine eigene persönliche Welt den Atem anhält und alles um dich herum sagt und fühlt und denkt zusammen mit dir: „Wow!“

Das gute Ding heißt

Eine Nacht mit genügend Schlaf ist nur eine weitere, an die du dich nicht erinnern wirst.“

und weil ich auf eine unglaublich ruhige Art erleichtert und traurig und zufrieden und so weiter bin, wie das eben immer ist, wenn man ein gutes Buch zu Ende hat, hier die ersten drei Absätze aus der Rohfassung. Die passende Musik dazu gibt’s hier. Viel Spaß!

Hätte Katharina sich ein Wetter für ihre Beerdigung aussuchen können, wäre es wahrscheinlich genau dieses gewesen. Es war einer der ersten Frühlingstage des Jahres. Der Winter war hart und lang gewesen, viel länger, als es gebraucht hätte, die Menschen im Süden Deutschlands daran zu erinnern, wie schön der Frühling und der Sommer sein konnten.

Jetzt aber war der Frühling da, passend zur Beerdigung seiner Frau. Die Bäume um sie herum blühten und das Gras strahlte in saftigem Grün. Vögel, die sich an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt hatten, drehten ihre Runden und begleiteten die kleine Zeremonie zu der Stelle, an der die die Mitarbeiter des Friedhofs am Tag zuvor das Grab ausgehoben hatten. David lief direkt hinter dem kleinen Wägelchen, auf welchem de Sarg von Katharina aufgebahrt war. Wie alle anderen war er in einen dunklen Anzug gekleidet, er schwitzte und weinte und die Tränen vermischten sich auf dem Weg nach unten mit dem Schweiß. Er hatte die gesamte Zeremonie über in der ersten Reihe gesessen und nichts von all den guten Worten über seine Frau mitbekommen. Selbst jetzt, an der Seite seiner Mutter, konnte er nicht begreifen, was hier gerade geschah.

Die alten Männer, die den Sarg geschoben hatten, hievten ihn nun langsam in das Loch. Was für ein schöner Gedanke, Katharina könnte schon jetzt irgendwo sein, das Wetter mitbestimmen und läge nicht in diesem Sarg, der gerade hinabgelassen wurde. Die alten Männer, konnten sie eigentlich noch aufrichtig traurig sein, bei all den Beerdigungen fremder Menschen, die sie begleiteten? Jedenfalls, sie zogen die Seile wieder nach oben und entfernten sich diskret. Der Pfarrer äußerte wieder ein paar Worte, Kauderwelsch in pastoralem Singsang, dann schmiss David als erster ein Schäufelchen Erde auf den nagelneuen Sarg. Und eine Blume hinterher. Dann stand er an dem Grab seiner Frau. 28 Jahre alt und Witwer.

Aus „Eine Nacht mit genügend Schlaf ist nur eine weitere, an die du dich nicht erinnern wirst.“