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Kategorie: Texte (Seite 1 von 21)

Der Löwe Alexandro Lolo und die Prinzessin Marina Schmidt. Ein Schreibmaschinengeschichte.

Ich war in einem Kindergarten und durfte acht Vorschulkindern Schreibmaschinen näher bringen. Dabei entstand folgende Geschichte. Die Kinder lieferten die Ideen, ich habe sie lediglich zusammengeschrieben.

Es war einmal ein Löwe. Und es war einmal eine Prinzessin. Der Löwe hieß Alexandro Lolo und er war richtig böse. Er hatte scharfe Zähne und ein Stummelschwänzchen. Die Prinzessin hieß Marina Schmidt, sie hatte pinke Haare, ein lila Kleid und ein glitzerndes Schwert.

Ein Tages war Marina Schmidt gerade auf dem Weg durch ihr Prinzessinnenreich, als sie plötzlich ein Geräusch hörte. „Was war das?“, fragte sich die Prinzessin. Es war ein Grummeln und Beben. Marina Schmidt hatte Angst, sie wusste nicht, wer das Geräusch machte. Sie ging vorsichtig auf das Gebüsch zu, aus dem das Geräusch kam. Sie sah durch die Blätter und sah die scharfen Krallen eines Löwen. Der Löwe war wach und sah Marina Schmidt mit großen Augen an. Seine Krallen drückten sich in die Erde.

Mit einem schnellen Sprung war er auf den Beinen und griff Marina an! Marina zögerte keine Sekunde, sie zog ihr glitzerndes Schwert und hielt es dem Löwen entgegen. Der Löwe bremste gerade noch rechtzeitig ab.

„Hej!“, sagte der Löwe, „das ist unfair!“

Marina grinste und ihre pinken Haare leuchteten in der Sonne. 

„Lass mich in Ruhe“, sagte der Löwe. „Merkst du denn nicht, dass ich Schmerzen habe?“ – „Woher soll ich denn wissen, dass du Schmerzen hast?“

Alexandro Lolo jaulte auf. „Wenn ich Schmerzen habe, hat die ganze Welt Schmerzen.“ – „Also mir geht’s gut. Was ist denn los?“ – „Ich habe Bauchschmerzen. Ich habe heute Thunfischpizza gegessen. Mit Fleisch und Käse. Oliven gab’s auch noch. Und Salat und Nudeln mit Tomatensoße. Und dann gab’s auch noch Nachtisch. Pudding und Joghurt und Erdbeeren und Schokolade.“

Marina Schmidt lachte. Ganz arg.

„Da wundert’s mich nicht, dass du Schmerzen hast. Aber ich habe eine Idee. Im Schloss gibt’s ein Heizkissen und Sirup und Medikamente. Komm mit, dann hast du bald keine Schmerzen mehr.“

Am Abend, an der Ampel.

Die Kreuzung ist immer voll, eine Mischung aus Tram, Auto, Fahrrad und Fußgängern. Wir halten uns an das Rot der Ampel. Neben uns steht ein alter Mann, samt Hund. Beide ein wenig zottelig, beide ein wenig gebeugt. Für einen kurzen surrealen Moment wird es ruhig, keine Autos zwischen uns und der anderen Seite. Der Mann blickt die Straße entlang, dann sieht er zum Hund.

„Wie beide, wir riskieren jetzt Kopf und Kragen.“

Er macht einen Schritt auf die Straße und der Hund trottet hinterher. Er weiß noch nichtmal, was er riskiert. Er vertraut.

Straßenpoesie: Literatur unserer Generation

Jeder Buchstabe, nicht nur die meinigen, ein Schlag, jede Zeile ein heller Glockenton, eine unendliche Melodie, die zwar immer ähnlich, aber niemals gleich erscholl. Ein geschäftiges Treiben, man hörte die Spannung, die Arbeit, die Energie und in den seltenen Momenten von Ruhe, die winzigen Augenblicke, in welchen Niemand auf eine der 48 Tasten vor sich hieb, hörte man Gedanken wachsen wie das Gras. Wir arbeiteten nicht nur, wir erschufen.

Gegen Abend wurde die Melodie langsamer, manchmal sogar melancholisch. Die Menschen rieben die Fingerkuppen, streichelten die Sehnen und ließen die Knochen knacken.

Denn Literatur unserer Generation war kein federleichtes Gedicht, geschrieben auf Pergament mit dem schwungvollen Triumph einer Feder, sie war laut und dreckig, voller Schimpfwörter, sie tat weh und wir spürten sie noch nachts, wenn wir in Träumen auf unsichtbaren Tastaturen weiterhieben.

Aber wenn wir die verschwommenen Bilder der Demonstranten auf der Straße sahen, die Zeitungen verschmiert von der zu früh berührten Schwärze, wenn wir aus dem Fenster sahen, wo auf unserer Straße mehrere Banner gespannt waren, wenn wir unsere Parolen als Echo von den Häuserwänden widerhallen hörten, wussten wir, dass unsere Kunst nicht nur in unseren Köpfen war, sondern sich durch jeden Tastendruck heraus manifestiert hatte und real geworden war.

Geschrieben auf einer Hermes Baby.

Vergeudetes Potential

Mittlerweile muss sie sich selbst eingestehen, dass sie alt geworden ist. Die knarrenden Treppen bis ins Dachgeschoss nimmt sie Stufe für Stufe und immer öfter macht sie dazwischen halt. Aber noch will sie sich gewisse Dinge nicht nehmen lassen, so auch die Glasflaschen, die sie selbst zum Container bringt. Wer etwas benutzt, macht danach auch sauber, hatte ihr Vater immer gesagt. Ihr Vater ist nun seit 50 Jahren tot, aber sie hört immer noch seine Stimme, seine Melodie, mit der er dieses Mantra immer wieder gesagt hat.

Sie steht an den Containern, sortiert das Glas nach Farben und dreht bei jedem den Deckel ab, obwohl sie weiß, dass das nicht mehr nötig ist. Aber auch das ist ihr beigebracht worden. Zwei junge Frauen kommen auf sie zu, eher noch Mädchen und lange bevor sie bei ihr ankommen, weiß sie, dass sie Hilfe brauchen.

„Entschuldigung, wir müssten zur Erich-Kästner-Schule. Können Sie uns sagen, wo sie ist?“

Natürlich kann sie das und gerne macht sie das auch. Vielleicht sogar ein bisschen zu ausführlich, aber die Schule ist auch ein ganzes Stück weg. Auch das sagt sie den beiden, eine halbe Stunde Fußweg durch die Stadt müssten die Beiden schon einplanen, selbst wenn man noch jung ist.

Die Beiden nicken, muss wohl, sagen die Augen. Sie lächelt und sieht nach links und rechts. Keiner da, der sie beobachten könnte. Also stellt sie die Tasche mit den Gläsern ab, packt jeweils einen Arm der Mädchen und schließt die Augen. Bevor die Mädchen sich wegreissen können, stellt sie sich den Hof der Schule vor, die hintere Ecke, die einigermaßen verborgen hinter dem Kastanienbaum liegt. Sie hat den Geruch von schwitzenden Kindern in der Nase und spürt die achteckigen Platten unter ihren Füßen, dann schließen sich ihre Hände zu Fäusten und sie hört das „ffump“, das jedesmal kommt, wenn die Luft eine Leerstelle zu füllen hat. Das Lächeln wird zu einem Grinsen. Sie muss die Beiden nicht sehen, um sich vorzustellen, wie erstaunt sie sein werden. Das freut sie. Und glauben wird ihnen eh niemand.

Der wichtigste Gott deiner Realität

Straßenpoesie, für Emmanuel.

Der wichtigste Gott deiner Realität steht nackt vor dem fleckigen Spiegel und streicht sich über den leichten Ansatz des Bauches, das langsam ergrauende Haar, das immer weiter nach hinten wandert, und denkt darüber nach, ob er es heute schafft, ein wenig Sport zu treiben. Und dabei ärgert er sich über deine Wünsche, deine Nachrichten, dein Lechzen nach Glück, Freude und Zufriedenheit.

Hat er nicht genügend Probleme? Hat er nicht genug für dich getan? Hat dich gesund zur Welt gebracht und dich auf fast wundersame Weise durch das Leben geführt, ohne größere Verletzungen und Verluste. Und trotzdem kratzt du an der Tür, wie eine Katze, die in eine Hütte will, die sie nicht gebaut, an einen Herd, dessen Glut sie nicht gemacht. Der Gott denkt sich, kümmer dich doch selbst drum! Und dann drehst du dich um und gehst unter die Dusche, damit der Tag losgehen kann, denn du bist schon ganz schön spät dran.