Straßenpoesie: Literatur unserer Generation

Jeder Buchstabe, nicht nur die meinigen, ein Schlag, jede Zeile ein heller Glockenton, eine unendliche Melodie, die zwar immer ähnlich, aber niemals gleich erscholl. Ein geschäftiges Treiben, man hörte die Spannung, die Arbeit, die Energie und in den seltenen Momenten von Ruhe, die winzigen Augenblicke, in welchen Niemand auf eine der 48 Tasten vor sich hieb, hörte man Gedanken wachsen wie das Gras. Wir arbeiteten nicht nur, wir erschufen.

Gegen Abend wurde die Melodie langsamer, manchmal sogar melancholisch. Die Menschen rieben die Fingerkuppen, streichelten die Sehnen und ließen die Knochen knacken.

Denn Literatur unserer Generation war kein federleichtes Gedicht, geschrieben auf Pergament mit dem schwungvollen Triumph einer Feder, sie war laut und dreckig, voller Schimpfwörter, sie tat weh und wir spürten sie noch nachts, wenn wir in Träumen auf unsichtbaren Tastaturen weiterhieben.

Aber wenn wir die verschwommenen Bilder der Demonstranten auf der Straße sahen, die Zeitungen verschmiert von der zu früh berührten Schwärze, wenn wir aus dem Fenster sahen, wo auf unserer Straße mehrere Banner gespannt waren, wenn wir unsere Parolen als Echo von den Häuserwänden widerhallen hörten, wussten wir, dass unsere Kunst nicht nur in unseren Köpfen war, sondern sich durch jeden Tastendruck heraus manifestiert hatte und real geworden war.

Geschrieben auf einer Hermes Baby.

Vergeudetes Potential

Mittlerweile muss sie sich selbst eingestehen, dass sie alt geworden ist. Die knarrenden Treppen bis ins Dachgeschoss nimmt sie Stufe für Stufe und immer öfter macht sie dazwischen halt. Aber noch will sie sich gewisse Dinge nicht nehmen lassen, so auch die Glasflaschen, die sie selbst zum Container bringt. Wer etwas benutzt, macht danach auch sauber, hatte ihr Vater immer gesagt. Ihr Vater ist nun seit 50 Jahren tot, aber sie hört immer noch seine Stimme, seine Melodie, mit der er dieses Mantra immer wieder gesagt hat.

Sie steht an den Containern, sortiert das Glas nach Farben und dreht bei jedem den Deckel ab, obwohl sie weiß, dass das nicht mehr nötig ist. Aber auch das ist ihr beigebracht worden. Zwei junge Frauen kommen auf sie zu, eher noch Mädchen und lange bevor sie bei ihr ankommen, weiß sie, dass sie Hilfe brauchen.

„Entschuldigung, wir müssten zur Erich-Kästner-Schule. Können Sie uns sagen, wo sie ist?“

Natürlich kann sie das und gerne macht sie das auch. Vielleicht sogar ein bisschen zu ausführlich, aber die Schule ist auch ein ganzes Stück weg. Auch das sagt sie den beiden, eine halbe Stunde Fußweg durch die Stadt müssten die Beiden schon einplanen, selbst wenn man noch jung ist.

Die Beiden nicken, muss wohl, sagen die Augen. Sie lächelt und sieht nach links und rechts. Keiner da, der sie beobachten könnte. Also stellt sie die Tasche mit den Gläsern ab, packt jeweils einen Arm der Mädchen und schließt die Augen. Bevor die Mädchen sich wegreissen können, stellt sie sich den Hof der Schule vor, die hintere Ecke, die einigermaßen verborgen hinter dem Kastanienbaum liegt. Sie hat den Geruch von schwitzenden Kindern in der Nase und spürt die achteckigen Platten unter ihren Füßen, dann schließen sich ihre Hände zu Fäusten und sie hört das „ffump“, das jedesmal kommt, wenn die Luft eine Leerstelle zu füllen hat. Das Lächeln wird zu einem Grinsen. Sie muss die Beiden nicht sehen, um sich vorzustellen, wie erstaunt sie sein werden. Das freut sie. Und glauben wird ihnen eh niemand.

Der wichtigste Gott deiner Realität

Straßenpoesie, für Emmanuel.

Der wichtigste Gott deiner Realität steht nackt vor dem fleckigen Spiegel und streicht sich über den leichten Ansatz des Bauches, das langsam ergrauende Haar, das immer weiter nach hinten wandert, und denkt darüber nach, ob er es heute schafft, ein wenig Sport zu treiben. Und dabei ärgert er sich über deine Wünsche, deine Nachrichten, dein Lechzen nach Glück, Freude und Zufriedenheit.

Hat er nicht genügend Probleme? Hat er nicht genug für dich getan? Hat dich gesund zur Welt gebracht und dich auf fast wundersame Weise durch das Leben geführt, ohne größere Verletzungen und Verluste. Und trotzdem kratzt du an der Tür, wie eine Katze, die in eine Hütte will, die sie nicht gebaut, an einen Herd, dessen Glut sie nicht gemacht. Der Gott denkt sich, kümmer dich doch selbst drum! Und dann drehst du dich um und gehst unter die Dusche, damit der Tag losgehen kann, denn du bist schon ganz schön spät dran.

Deutschland, fick disch!

Eine semifiktionale Geschichte, vielleicht ein Teil eines noch zu schreibenden Coming-of-age Romanes.

Tina stupst mich an und reisst mich mich mitten aus Need for Speed No Limits, was echt scheiße ist, weil wir im Zug sitzen, kurz vor Frankfurt und kurz vor Mitternacht, und das Game halt nur geht, wenn ich auf meinem Phone Internet hab, aber die Strecke vor Frankfurt halt Internetwüste ist und ich nur noch ein paar Minuten hab, um die Challenge abzuschließen, weil das heute sein muss.
Ich zieh meine Kopfhörer runter und frag, „was is?“, und sie aber nur hinter uns zeigt und dann hör ich ihn, wahrscheinlich der Schaffner, „wenn man Gast in Deutschland ist, dann sollte man sich auch so benehmen! Nein, Sie brauchen einen Fahrschein, sonst dürfen Sie nicht mit, ich rufe die Polizei, das ist echt eine Respektlosigkeit, Sie sind hier zu Gast, also benehmen sie sich auch so!“
Und ich seh Tina an und sie sagt, „Hart, wie der rumhitlert.“ Und ich sag, „ja, voll der Wichser, der kann doch so nicht mit den Leuten umgehen. Die haben doch erst ne beschissende Tour hinter sich, um hier her zu kommen und jetzt muss der so den Deutschen raushängen lassen.“ Wir fistbumpen und machen lautlos tüdelülelü und sind uns einig, dass das gerade ne Kack-Aktion ist.
Aber dann kommen die drei Typen in unseren Wagen, die sind vielleicht Anfang 20 und ,Alter, die Augen rot, da ist wenigstens Gras, wahrscheinlich mehr im Spiel und die schreien durch den ganzen Wagen, wie so Fußballfans, „Deutschland, fick disch! Polizei, fick disch! Strafe, fick disch!“ Und dann macht der eine Youtube auf deinem Phone an, keine Ahnung, warum bei ihm das Internet geht, und lässt irgendeinen Song laufen und die drei gröhlen mit, in einer Sprache, die ich nicht kenne, aber immer wieder schreien sie „Tunesia! Tunesia!“ und fangen an, voll nah an Leute zu gehen und provozieren jeden so und alle werfen sich Blicke zu. Ich meine, es ist halt nen Ruhewagen und alle wollen schlafen, und jetzt stressen die Drei rum und keiner traut sich, was zu sagen.
Und ich flüster zu Tina, „Krass ey, ich dachte erst, der Schaffner ist ein Arschloch, aber Ausländer können halt genauso Wichser sein.“

Antworten auf Alltagsfragen #2

Trockene, unsichtbare Tränen sind abzuwischen. Das innere Schluchzen ist zu bändigen. Hinter dem Gesicht und der Maske aus Höflichkeit und Lachen kauert die Seele in einer dunklen Ecke der Unendlichkeit. Unter einem Kleid aus Selbstvertrauen und teuren Klamotten klafft ein Loch an der Stelle, an der das Herz saß. Der Körper spielt Gewohnheit, der Geist beruhigt die Seele und ist auf der Suche nach dem Herz.

Ist man alleine, dann fällt die Maske auf den staubigen Boden, es wird immer schwerer, sie wieder sauber zu bekommen. Der Körper bricht zusammen, kommt der Seele gleich. Die Seele in der Unendlichkeit, der Körper in der weiten Welt. 7 Milliarden Menschen – und doch allein.

Wie es mir geht? Gut, danke der Nachfrage. Und selbst?

Was sind eure Alltagsfragen? Und was sind eure Antworten?

Reizwortregulation

Ein fiktiver Wikipediartikel.

Das Reizwortregulationssystem bezeichnet das (im Jahr 2021 durch Gesetz eingeführte) System zum Schutz deutscher Bürger vor Reizworten. Durch die Unterbindung von Schlüsselreizen sollen Angstreaktionen und Belastungsstörungen vermieden werden. Dieser Artikel beschränkt sich größtenteils auf die Entwicklung und den Stand in Deutschland, greift aber auch internationale Phänomene auf.

Vorläufer

Als direkter Vorläufer wird die Triggerwarnung gesehen, die etwa seit 2010 vermehrt in Selbsthilfeforen eingesetzt wurden. Sie sollten Betroffene eines traumatischen Erlebnisses davor schützen, das Erlebnis durch lesen eines Berichtes noch einmal zu durchleben. Generell macht sich am Ende des 20. und am Anfang des 21. Jahrhunderts eine Sensibilisierung für das Thema bemerkbar. Ausgehend von einzelnen Personen oder Institutionen wurden einzelne Reizworte reguliert, die meist aber nur bestimmte Reaktionen unterbinden sollten. Nachfolgend eine Auswahl von erfolgten und versuchten Regulierungen:

Die erste auch staatlich gesetzte Regulierung ist seit 1956 mit der neuen Fahrzeug-Zulassungsordnung für Kraftfahrzeuge in Kraft. Diese besagt in §8, dass „Unterscheidungszeichen, Erkennungsnummern sowie Kombinationen aus Unterscheidungszeichen und Erkennungsnummern, die gegen die guten Sitten verstoßen“ unzulässig sind. Dazu gehören beispielsweise KZ, SS, HEIL, MORD, BULLE, sowie die 88 (In rechtsextremen Kreisen gilt die 88 als Erkennungssymbol, da das H als achter Buchstabe im Alphabet steht, und 88, respektive HH das Kürzel von „Heil Hitler“ ist.i

Eine weitere staatliche Reizwortregulation betrifft das Namensrecht in Deutschland. Hier gibt es kein Gesetz, aber Richtlinien, die unter anderem besagen, dass die Namen weder dem Kindeswohl schaden dürfen, noch das religiöse Empfinden der Mitmenschen verletzen dürfen. Seit diesen beiden Eingriffen hielt sich der Staat fast 60 Jahre zurück, bevor das Reizwortregulationssystem in Kraft trat. Die weiteren Regulationsversuche waren privater und institutioneller Art.

1981 verordnete der Sendeleiter des Bayrischen Rundfunkes, Gerhard Bogner, dass „Tschüss“ nicht mehr im Radio gesagt werden dürfe. „Das Rundfunkgesetz sagt in Artikel 4 (I) ‚Die Sendungen des Bayerischen Rundfunks sollen … der Eigenart Bayerns gerecht werden.‘ Dies ist Gesetz und keine Laune! Also sagen Sie, bitte, nicht ‚Tschüs‘ oder ähnliche, zwar eigenartige, aber unbayerische Dinge …“ii

2002 wurde der Roman „Zehn kleine Negerlein“ von Agatha Christie aus dem Jahr 1939 umbenannt. Nach Protesten von Bürgern afrikanischer Herkunft erschien der Roman in der Neuauflage unter dem Titel „Und dann gab’s keines mehr“. Die Umbenennung erfolgte auch in den USA, dort allerdings bereits 1940.

Die Direktorin einer Grundschule in Mannheim verbot 2003 die Lektüre von Büchern wie „Die drei kleinen Schweine“ und „Ein Schweinchen namens Babe“ aus Rücksicht auf die Gefühle muslimischer Kinder. Ähnliches versuchten besorgte Eltern erfolglos mit den ersten sieben Harry-Potter-Bänden von J.K. Rowling, die Hexerei und Zauberei nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar sahen.

Nach dem Tsunami und der Flutkatastrophe in Südostasien 2004 wurden von verschiedenen Radio- und Musiksendern in Deutschland mehrere Lieder mit einem Kontext zu Wasser und Strand indiziert, allen voran der Song „Die perfekte Welle“ von Juli, der auf Platz 2 der Charts war. Weitere Titel waren „Wellenreiter“ von Sportfreunde Stiller, „Tag am Meer“ der Fantastischen Vier und „Lord, here comes the flood“ von Peter Gabriel. Ähnliches passierte bereits 2001 in den USA nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Clear Channel Communications, ein Medienunternehmen mit mehr als 1200 Radiostationen in den vereinigten Staaten gab ein Memorandum heraus, nach diesem rund 150 Lieder nicht mehr gespielt werden sollten, unter anderem „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin und „Knockin‘ on heavens door“ von Bob Dylan.

Nach dem Hurrikan „Katrina“ im Jahr 2005 beschloss die World Meteorological Organization die Streichung des Namens, sodass kein weiterer Hurrikan „Katrina“ genannt wird. Die Namenslisten für Hurrikans werden normalerweise im Sechsjahresturnus wiederverwendet. „Katrina“ gilt mit 1.800 Todesopfern uns rund 81 Milliarden US-Dollar Schaden als die verheerendste Naturkatastrophe in der Geschichte der USA.iii

2012 bat die Tierrechtsorganisation PETA darum, dass der Kräuterlikör „Jägermeister“ in „Waldmeister“ umbenannt werden sollte. „Die Jagd ist in der heutigen Gesellschaft ein zunehmend umstrittenes Thema und immer mehr Menschen hinterfragen völlig zu Recht die Sinnhaftigkeit der hinterhältigen Tötung in deutschen Wäldern, der Jahr für Jahr Millionen von Tieren zum Opfer fallen. Eine Namensänderung in „Waldmeister“ könnte verhindern, dass sich Kunden von dem Produkt abwenden, weil sie sich nicht mit der Jagd identifizieren wollen.“iv Daraufhin brachte der Hersteller Mast-Jägermeister eine Sonderedition mit dem von PETA vorgeschlagenem Namen auf den Markt.v

Kurz vor seinem Tod im Jahre 2013 wurden aus den Kinderbüchern von Ottfried Preußler Begriffe wie „Neger“ gestrichen, um sie an den „sprachlichen und politischen Wandel“ anzupassen. Schon vier Jahre vorher wurden die Übersetzungen der Kinderbücher von Astrid Lindgren und Enid Blyton einem ähnlichen Verfahren unterzogen.vi

2013 benannte eine Kindertagesstätte das Martinsfest in „Sonne, Mond und Sterne-Fest“ um, anscheinend begründet mit politischer Korrektheit. Die Empörung aus den christlichen Reihen war daraufhin so groß, dass der Umzug nur unter Polizeiaufsicht durchgeführt werden konnte.vii

Im selben Jahr forderte das Forum der Sinti und Roma, Zigeunerschnitzel und Zigeunersoße umzubenennen. Während sich die Soßenhersteller weigerten, nahmen in Hannover die städtischen Kantinen das Wort von den Speisekarten.viii

2015 wurde bekannt, dass mehrere Nachrichtensender, allen voran die BBC nicht fair über den Nahostkonflikt zu berichten. Beispielsweise wird das „Terrorist“ oder „Terrorismus“ im Zusammenhang mit Israel nicht genannt.ix

Entstehung

Das Reizwortregulationssystem wurde von Thomas de Maizière, dem damaligen Bundesminister des Innern, forciert. Grund dafür war der Tod seines jüngsten Sohnes Victor. Victor de Maizière starb bei einem Autounfall im Frühsommer 2015. Überlebende Insassen berichteten, dass de Maizières Freundin bei einem Gespräch über Vergewaltigung zu hyperventilieren begann, die Kontrolle über das Fahrzeug verlor und mit einem Baum kollidierte. Der Unfall und die nachfolgende Aufarbeitung, in der Triggerworte als Teil des Unfallhergangs als gesichert gewertet wurden, spielte in den Medien eine große Rolle, über die deutschen Grenzen hinaus. Zahlreiche Fälle von Unfällen und Verletzung durch Reizworte wurden in den Zeitschriften und Boulevardblättern diskutiert. Unter dem Hashtag #triggerless veröffentlichten Internetuser Bilder von Büchern und anderen Medien, in denen sie die Triggerworte geschwärzt hatten. Eine Onlinepetition unter dem Namen „Deutschland ohne Trigger“ sammelte in vier Tagen rund 420.000 Unterschriften. Sowohl Thomas de Maizière, als auch Bundeskanzlerin Angela Merkel versprachen, die Forderung ernst zu nehmen. Anfang 2016 veröffentlichte Staatssekretärin im Bundesministerium des Inneren Dr. Emily Haber einen Gesetzesvorschlag zur Errichtung eines Reizwortregulationssystems. Dabei wurde die deutsche Bezeichnung erstmals offiziell genutzt. Noch im Frühling wurde ein Komitee damit beauftragt, den Gesetzesentwurf auszuarbeiten. Neben Mitarbeitern aus dem Bundesministerium des Inneren und Psychologen war Winston Smith Teil des Komitees. Der Brite, der lange Zeit für das britische Ministerium für Wahrheit gearbeitet hatte, sollte das Komitee bei der Ausarbeitung helfen. Mitte 2016 wurde der Gesetzesentwurf den Medien präsentiert, nach einer Überarbeitung wurde das Gesetz zur Reizwortregulation am 23. Dezember 2016 verabschiedet und ist seit 1. Januar 2018 in Kraft.

Entwicklung

2018 bis 2021: Die Liste R

Entwickelt und betrieben wird das Reizwortregulationssystem von der eigens gegründeten Abteilung R (Reizwortregulation) im Bundesministerium des Innern und unterstand in seiner Gründung der damaligen Staatssekretärin Frau Dr. Haber. Im Jahr zwischen Beschluss und Inkrafttreten des Gesetzes entwickelte die Abteilung R zusammen mit Psychologen und und Medienforschern eine Liste von Reizworten, die allgemein als Liste R bekannt ist, angehängt mit einer Zahl der aktuellen Fassung. Die Abteilung R kündigte an, die Liste quartalsweise zu aktualisieren. Diese Liste war ursprünglich als vertrauliches Dokument angelegt, um zu verhindern, dass gerade durch die Liste Reize ausgelöst wurden. Aber noch vor Inkrafttreten des Gesetzes veröffentlichte der Whistleblower und Autor Daniel Domscheit-Berg die Liste R1 auf der Webseite Cryptome, die als erste Whistlenblowerseite und Vorläufer von Wikileaks gilt. Trotz der Veröffentlichung hielt die Abteilung R an den Plänen fest. Die Liste R1 ging an alle in Deutschland tätigen Medienunternehmen. Während die öffentlich-rechtlichen Sender und Medienunternehmen das Nichtbenutzen der Worte auf der Liste R als Vorgabe bekamen, sprach die Regierung für private Medienunternehmen für den Start des Systems 2018 eine Empfehlung aus, diese Liste als Richtlinie zu nutzen. Mit der Veröffentlichung der Liste R8 Ende 2020 wurde Richtlinie ebenso eine Vorgabe. Die Liste R1 enthielt 24 Worte, hauptsächlich aus der deutschen und Englischen Sprache, es fanden sich aber auch französische und spanische Wörter darunter. Knapp die Hälfte der Worte machte Eigennamen von Personen und Orten aus, beziehungsweise Schlagworte, die ein bestimmtes Ereignis beschrieben. Mit Veröffentlichung der Liste R3 wurde die Liste um Kunstwerke und Medien wie Lieder, Bücher und Filme erweitert, die nicht mehr veröffentlicht werden durften. Ebenso wurde mit der Liste R3 ein Plugin veröffentlicht, das digitale Texte und Medienbibliotheken auf privaten Computern und Smartphones indizierte. In Zusammenarbeit mit den Betreibern der drei großen Suchmaschinen Google, Yahoo und Bing wurde die Liste R4 in die Schuchmaschinen implementiert. Bei Eingabe eines Wortes der Liste erschienen keine Ergbnisse für das Wort, stattdessen wurden Ergebnisse für ähnliche, nicht indizierte Worte angezeigt. Liste R8 wurde ebenso über das Kultusministerium an alle Lehrenden versendet, damit die Reizwortregulation bei Schülern angewendet werden konnte. Mit der Liste R8 wurde erstmals auch die Anweisung vergeben, Bürgern außerhalb von Mediendiensten und Ministerien die Verwendung von Reizworten zu untersagen. Mit der Liste R10 wurde die Regulation aggressiver, Smartphones vibrierten, sobald Reizworte in ihrer Nähe gesagt wurden.

2021 bis 2029: Reizwortkonditionierung

Die Verbreitung von Smartwatches wurde ab dem Jahr 2014 massiv gesteigert, als Google sein Mobiles Betriebssystem Android auf Uhren portierte (Android Wear) und Apple die  Apple Watch vorstellte. Innerhalb von 6 Jahren waren 25% der deutschen Bürger mit Smartwatches augestattet. Anfang 2021 wurde die Liste R12 veröffentlicht, die erstmals mit Smartwatches interagierte. Je nach Modell der Uhr vibrierte die Uhr oder gab einen schwachen Stromstoss ab. Der ab 2024 gesetzlich vorgeschriebene implementierte Personalausweis hatte ab Liste R25 die gleiche Funktion. Bei Benutzung eines Reizwortes gab der hinter dem rechten Ohr implantierte Chip einen leichten Stromstoß ab.

Ab 2030: personalisierte Reizwortregulation

John W. Belliveau verband 2026 die Methode der Transkraniellen Magnetstimulation (TKM) mit der funktionellen Magnetresonanztomographie und schaffte es damit als erster, Hirnströme auszulesen und darzustellen, als auch Teile zeitweise auszuschalten. 2030, mit der Veröffentlichung von Liste R48 wurde die Reizwortregulation personalisiert. Durch den implantierten Personalausweis und die Methode von Belliveau, sowie der Nahverbindungstechnologie werden bei jeder Interaktion mit anderen Menschen nur die Worte zeitlich begrenzt ausgehebelt.

Kritik

Schon vor Veröffentlichung des Gesetzes wurde die Idee der Reizwortregulation kritisiert. Gegner der Reizwortregulation bezeichneten das Vorhaben als Zensur. Martin Haase bezeichnete die Methode als „Entwicklung zu Neusprech 4.0“x, Martin Sonneborn von der PARTEI sagte, das sei „typisch Deutsch: Anstatt dafür zu sorgen, dass es keine Kriege mehr gibt, wird einfach das Wort dafür verboten.“ Gegner veröffentlichten ihre Beiträge im Internet unter dem Hashtag #gotrigger. Nachdem die Liste R1 online veröffentlicht wurde, druckte die Titanic, damals war das Magazin noch nicht verstaatlicht, die Liste auf das Titelblatt ihres Magazins und verkaufte T-Shirts mit den Reizworten in ihrem Onlineshop.

Folgen und unerwartete Effekte

Da das Reizwortregulationssystem nur in Deutschland in Kraft trat, konnten aus der Schweiz deutsche Versionen der Medien ohne Reizwortregulation importiert werden. Nach dem gesetzlichen Verbot und der Bearbeitung der in Deutschland veröffentlichten Medien, sodass sie ohne Reizworte erscheinen können, florierte auf der Torrentplattform ThePirateBay die Rubrik „GoTrigger“, in der Medien ohne Reizwortregulation, meist schweizer Versionen, zum Download bereitgestellt wurden. Trotz dieser Möglichkeit machte sich der Rückgang an Medienverkäufen von Produkten aus dem Ausland massiv bemerkbar. Universal begann bereits 2020, eigene Triggerless-Versionen ihrer Filme und Musik zu produzieren, sodass diese nicht mehr durch die Abteilung R reguliert werden mussten. Die Regulierung eines Filmes nahm beispielsweise mehrere Wochen in Anspruch, sodass das Interesse am Film durch illegale Downloads weitgehend gestillt war, bis der Film offiziell in Deutschland erschien. Die FSK entwickelte ein Logo für Triggerless-Versionen, das neben die Altersfreigabe geklebt wurde.

Deutsche Nachbarländer, besonders in Osteuropa, veranstalteten in Grenznahen Städten sogenannte „Triggerparties“, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Diese sind Vorläufer des „Push the Trigger“-Festivals in Budapest, dass mittlerweile zu einer festen Größe in der Festivallandschaft gehört.

Die OECD stellte 2024 in ihren Studien fest, dass der durchschnittliche Wortschatz in Deutschland seit Einführung des Reizwortregulationssystems um 18% gestiegen ist. Dieses Phänomen wird dadurch erklärt, dass durch die Regulierung von immer mehr Worten die Bürger dass, was sie sagen wollen nun mit anderen Worten erklären müssen, die sie sonst nicht bräuchten und benutzen würden.xi Dadurch wurde einerseits eine Stärkung dialektaler Worte verursacht, die lange Zeit nur sehr selten benutzt wurden. Zusätzlich wurde ein massiver Anstieg an Neologismen festgestellt, mit denen die gestrichenen Worte ersetzt wurden. Armin Burkhardt, der damalige Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache sagte, „wir haben in der Geschichte unseres Vereines niemals einen solchen Anstieg an Neologismen verzeichnen können, wie seit dem Reizwortregulationssystem.“ Die Gesellschaft für deutsche Sprache sammelt alle Neulogismen im „Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch“.xii

Nach der Einführung des implantierten Personalausweises entwickelte Andrew „Bunny“ Huang die „Bunny Ears“, einen Störer, der wie ein normaler Ohrring an das rechte Ohr gesteckt wurde und die Mithörfunktion des Personalausweises durch Hochfrequenzen außer Kraft setzte. Offiziell durfte dieser nicht verkauft werden, er konnte aber über schweizer Onlineshops als „elekronisches Spielzeug“ eingeführt werden.xiii

Das statistische Bundesamt Destatis gab 2026 bekannt, dass die Anzahl an Selbstmorden seit Einführung des Reizwortregulationssystems um eta 8% gesunken ist. Eine Korrelation konnte aber nicht bewiesen werden.xiv

2034 veröffentlichte eine Firma namens „Detrigger Systems“ eine Behandlungsmethode namens „Entreizung“, die auf Basis von Belliveaus Forschung eine Möglichkeit darstellt, anstatt der Reizworte die Regionen im Gehirn dauerhaft auszuschalten, in denen die traumatische Erinnerung abgespeichert wird.xv

Zukünftige Entwicklung

2036 kündigte die Bundesregierung eine enge Zusammenarbeit mit „Detrigger Systems“ an. Da die Aufrechterhaltung des Reizwortregulationssystems eine kostspielige Angelegenheit ist, wird zur Zeit berechnet, ob es nicht sinnvoller wäre, die Kosten der „Entreizung“ für jeden Bürger zu übernehmen. Gegner sehen in der Methode eine Gefahr, da es bisher keine Langzeitstudien zu der Behandlungsmethode gibt und dazu niemand überprüfen kann, was alles im Hirn der Patienten ausgeschaltet wird. So könnte die Methode beispielsweise auch zur Löschung von politischer Gesinnung oder sexueller Präferenzen genutzt werden. Die eingesetzte Ethikkommission der Abteilung R setzt sich derzeit mit dieser Problematik auseinander, ebenso Juristen im Auftrag des Parlamentarischen Rates. Zur Debatte steht, ob so ein Eingriff in die Persönlichkeit mit dem Grundgesetz vereinbar ist.xvi

Text: HBF Gegenwart, Version 2015

Unter dem Aspekt, dass Kunst niemals vollendet ist und sich immer weiter entwickelt, weiter verarbeitet wird und immer verändert wird, hier die 2015er-Version einer Kurzgeschichte, deren erste Fassung aus dem Jahr 2004 stammt. Viel Spaß.

Immer im Kreis gehend sieht er nach dem nächsten Zug. Der Bahnhof ist leer, bis auf ihn und die Kassiererin im Häuschen. Auf seinem Namensschild steht: „Raum“, auf ihrem ‚Zeit‘. Es ist ein kleiner Provinzbahnhof, viel Gras und Natur um ihn herum. Auf einem alten Schild an den Gleißen steht der Name des Ortes: „Gegenwart“.
Langsam fangen die Schienen an, zu vibrieren. Herr Raum sieht auf und rückt mit der Hand seine Mütze ein Stück höher. Er tritt an die Bahnsteigkante, mit gebührendem Abstand und strafft die Schultern, die Hände hinter dem Rücken.
Mit lautem Quietschen hält der Zug, dann schnaubt er und die Türen öffnen sich. Die Stimme von Frau Zeit schallt durch zwei Lautsprecher. „Der Eilzug L.E.B.N. aus Vergangenheit Richtung Zukunft. Willkommen in Gegenwart. Wir wünschen ihnen einen schönen Aufenthalt.“
Doch keiner verlässt den Zug. Alle warten sie freudig darauf, dass der Zug endlich in Zukunft ankommt, denn da wollen sie hin. Alle, bis auf die Kinder. Sie zeigen nach draußen und schauen fasziniert in die Landschaft. Sie ziehen ihre Eltern an den Rockzipfeln und Händen, sie wollen raus, ein bisschen Gegenwart sehen. Doch die Erwachsenen schütteln nur den Kopf. Die kleinen Kinder müssen noch viel lernen.
Jeder weiß doch, dass es in Zukunft viel schöner und besser ist. Und so schließen sich die Türen, ohne dass ein Mensch in Gegenwart bleibt. Der Zug pfeift noch einmal, dann rollt er langsam los. Die Menschen freuen sich und winken den Beiden am Bahnsteig zu, artig winken diese zurück. Und wieder sind Raum und Zeit alleine in Gegenwart. Doch das werden sie nicht lange bleiben, denn es ist gewiss, dass der Zug bald wieder kommt.
Die Schienen Richtung Zukunft glänzen und blinken vor Sauberkeit durch das ständige Benutzen. Die Schienen in die andere Richtung dagegen sind braun und verrostet. An vielen Stellen sind sie schon von Unkraut überwuchert. Es ist schon lange keiner mehr von Zukunft nach Vergangenheit gefahren.
Anscheinend ist dieser Ort nicht so attraktiv.
Schon nähert sich der Zug. Er hält und öffnet die Türen. Ein weiteres Mal leiert Frau Zeit ihren Text herunter. Bei dem Wort ‚Zukunft‘ fangen die Menschen im Zug an zu jubeln und pfeifen.
Doch dieses Mal steigt jemand aus dem Zug. Ein Stock schwingt aus der Tür und ein alter Mann folgt ihm. Die Menschen schreien ihm nach, was er denn hier will, ob er denn nicht mit möchte nach Zukunft, wo es doch viel schöner ist, doch der Alte lächelt nur und brummt in seinen Bart, das er noch ein bisschen hier bleiben will. Er nickt Frau Zeit und Herrn Raum zu, die beiden lächeln, und der Mann setzt sich auf eine Bank und schaut in die Natur.
Die Kinder sind es, die zu ihm wollen, die ihm recht geben und ihm Gesellschaft leisten wollen, doch wieder halten die Eltern sie fest und so fährt der Zug an. Die Menschen freuen sich und winken dem alten Mann zu, der alleine auf der Bank sitzt und er winkt zurück. Ein kleines Mädchen mit dunklen Locken und großen schwarzen Augen sieht ihm lange nach. Es saß auf dem Platz neben dem alten Mann, der jetzt leer ist.
Alles wird wieder still, kaum etwas bewegt sich, da kommt ein kleiner Schmetterling und setzt sich auf die Hand des Mannes, die den Stock hält. Seine kleinen Flügel bewegen sich langsam und zärtlich. Die Augen des Mannes beobachten das schöne Tier und ein Lächeln erscheint unter seinem weißen Bart. Wieder kommt der Zug an und der Schmetterling fliegt davon. Und ein weiteres Mal wiederholt sich die ganze Prozedur. Zug hält, Türen auf. Frau Zeit’s Stimme, die Kinder die in die Gegenwart wollen, die Erwachsenen, denen die Zukunft am Herzen liegt. Die Türen schließen sich, der Zug rollt an und wieder winken die Menschen. Raum und Zeit winken zurück, doch der Alte Mann schaut dem Zug nur nach, sucht und findet das Mädchen mit den großen dunklen Augen, dass ihn mit offenem Mund anstarrt. Er hebt die Hand und sie lacht und er weiß, dass sie beim nächsten Mal aussteigen wird.

Einer von 1000 Toden #1000tode

Christiane Frohmann ist Inhaberin des Frohmann Verlages, einem Verlag für eBooks, und sie hat eine Vision:

Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist.

Vor kurzem kam die zweite von insgesamt vier Versionen des Buches heraus, derzeit versammeln sich darin rund 250 Texte über den Tod. Unter anderem einer von mir. Wer selbst ein Stückchen Tod beitragen will, hier sind alle Infos. Geld gibt es dafür keines, alle Erlöse gehen an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow. Es lohnt sich also, sowohl einen Text einzuschicken, als auch das Buch zu kaufen. Und hier mein Text:

 

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Es gibt Regeln, die zu brechen sich nicht lohnt. Ich stehe an einer großen Kreuzung, die Ampel zeigt Rot, und beobachte eine Dame auf der anderen Straßenseite. Sie sieht die Ampel, blickt nach links und rechts und geht los, hastet über die Straße. Dabei übersieht sie den Wagen, der hinter ihr kommt und um die Ecke biegt. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Der Wagen bremst zwar, aber die silberne Front erwischt die Beine.
Passanten eilen zu der Dame, die Autos um den Unfall bleiben stehen, die Fahrer steigen aus. Nur der Fahrer des Unfallwagens bleibt in seinem Auto, die Hände am Steuer, die Augen auf den Punkt des Wagens gerichtet, unter dem die Dame verschwunden ist. Die Fußgängerampel schaltet auf Grün. Das gelbe Warnlicht für die Autofahrer beginnt zu blinken. Ich gehe über die Straße zum silbernen Wagen, öffne die Tür und sage:
„Die Fußgänger haben Grün. Sie stehen sehr ungeschickt.”
Dann gehe ich, mit kleinem Umweg um die Frau, weiter.

Auszug aus: Christiane Frohmann (Hg.). „Tausend Tode schreiben

Straßenpoesie: Was ist Glück?

für Simon

 

Und du fragst, was ist Glück?

Glück ist, Hunger nur vor dem Esssen zu haben,

sagt der Junge auf dem Plakat in der U-Bahn.

Glück ist, sich nochmal von dem Menschen verabschieden zu können,

sagt die alte Frau neben dem Grab und den Blumen.

Glück ist, neben dir aufwachen zu können,

sagt die Wochenendbeziehung am Wochenende.

Glück ist Glück ist Glück ist Glück,

sagt der Fan von Gertrude Stein.

Glück ist, die Bahn zu erwischen,

sagt der Vater.

Glück ist, zu wissen, niemals zu Wissen, was

Glück ist und alles für Glück halten zu können.

Und du sagst, dann habe ich ja Glück. Während du die Kamera hältst und allein in dieser Nacht 18 Stunden Glück erfahren durftest.

Straßenpoesie: Schön oder Schlau

für Steffen

Also, bevor du von welchem Gott auch immer wieder zurück auf diesen Planeten geschickt wirst, und du als schreiender Embryo aus dem Schoß deiner Mama rutschst und wieder mal keine Ahnung hast, wie du die Zeit hier verbringen sollst, bevor es zurück geht an den Anfang, also an das Ende, bevor all das geschieht, stellt dir Mutter Natur eine einzige Frage.

Schön oder Schlau?

Bedenke, es gibt keine Kombinationsmöglichkeit. Bedenke, die Schönen werden es einfach haben, in jeder Hinsicht. Bedenke, die Schlauen werden kämpfen müssen, um es schön zu haben. Und häufig daran scheitern.

Wenn du dich dann entschieden hast, was die wenigsten schaffen, wirst du deine Entscheidung vergessen und schmerzlich neu lernen.

Aber das ist okay.

Denn Mutter Natur ist es vollkommen egal, wie du Schön oder Schlau definierst.

Straßenpoesie: Frau mit Kind

für Timo

Eine Frau mit einem kurzem Rock
Und einer langen Jacke.
Eine Frau, die mutiger ist, als du.
Die Nachts auf Dächer steigt
Und nackt mit dir ins Meer geht.
Eine Frau, die mit Karussellgrinsen
Auf der Schaukel sitzt.
Eine Frau mit großem inneren Kind.
Eine Frau mit Kind.
Eine Frau die keine Kinder braucht.
Weil sie selbst eines ist. Innerlich.
Eine Frau, die dann doch früh Kinder bekommt.
Eine Frau, die ihres Kindes beste Freundin ist.
Eine Frau, die dich als Vater nicht braucht,
Aber will.
Ein Kind, für das du gern den Vater machst.
Ein Mann, der noch selbst nicht genug erlebt hat,
Um Vater zu sein.
Ein Mann, der eine Mutter hat.
Ein Mann mit großem inneren Kind.
Ein Mann mit Kind.
Ein Mann, der sich auf einen Spielkameraden freut.
Ein Mann, der sich auf Sex freut.
Ein Mann, der sich auf eine Frau mit Kind freut.

Gedicht: Der Saal mit all den Tischen

Ich hab ihn nie gesehen,
den Saal mit all den Tischen.
Doch ruf ich bei dir an,
dann hör ich ihn im klingeln.

Auf jeden Tisch ein kleines Schild
aus Papier. Mit der Hand beschrieben und vergilbt.
Auf einem steht dein Name drauf.

Hinter jedem Schild ein Telefon.
Alt und schwarz. Und jedes klingelt.
Und niemals
hebt jemand
ab.

Straßenpoesie: Selbstmord der besten Freundin

Normalerweise, wenn etwas passiert, dann liegen die Leute in meinen Armen und ich sage, “Es gibt Schlimmeres.” Doch jetzt liegst du in meinen Armen und ich kann nichts sagen. Und dann siehst du mich an, mit diesen roten, verheulten Augen. Bevor du fragen kannst, sage ich, “Ich weiß nicht, warum.“ Und bevor du es sagen kannst, “Ja, es ist unglaublich feige.“ Du nickst und legst den Kopf wieder an die nasse Stelle meines Shirts. Und ich denke über dieses Mädchen nach, dass ich kaum kenne, fahre dir dabei durchs Haar, rieche dein Shampoo. Und werde traurig. Weil ich, verdammt noch mal, nichts sagen kann. Mir gehen die Gedanken durch und ich denke, dass du vielleicht auch die andere hättest sein können. Ich drücke dich fester an mich. Doch du machst dich los, schniefst den Rotz wieder in die Nase, siehst mich störrisch an und sagst, „Wenigstens war sie konsequent.“

Straßenpoesie: Die Abenteuer des Fabian Neidhardt oder Das Steak

Sie steht da und lacht.
Sie sagt: Lass dir Zeit. Genieß den Abend.
Sie weiß nicht, was passieren würde.

Erschrocken fährt er auf, blinzelt und schlägt sich den Kopf an der Nachttischlampe an. Der Schädel brummt und der Mund schmeckt, als sei etwas darin gestorben.

Sie steht in der Tür und lacht.
Sie sagt: Guten Morgen. Was macht das Auge?

Ungläubig betastet er den Blauen Fleck um sein rechtes Auge. Bei jeder Berührung zuckt er vor sich selbst zurück.

Sie steht hinter ihm und lacht.
Sie sagt: Du musst erst den Anderen sehen. Komm wir machen ein Steak drauf.
Sie dreht sich um und geht gen Küche.

Ich fühle mich zwar nicht wie neu geboren, aber zumindest wie frisch renoviert, denkt er, als er aus der Dusche kommt.

Sie steht vor ihm und schmunzelt.
Sie fragt: Gehen wir zurück ins Bett?
Sie lässt den Bademantel fallen.

Jetzt genießt er. Und lässt sich Zeit.

Text: Über den Mond – lange Fassung

Im Rahmen der Gelb-Roten-Performance für die Staatsgallerie entstand folgende Langfassung des Straßenpoesietextes Über den Mond. An dieser Stelle vielen Dank an Chantal für die Hilfe.

Das helle Licht der Sonne kommt von hinten und wirft unsere langen Schatten auf die vernarbte Oberfläche des Mondes. Der Sonnenuntergang hinter uns beginnt gerade. Wir sitzen mittendrin im Sonnenlichtorangerotgelb. Im Warmen nach dem Sommerregen. In der Warmwettergegenlichtstimmung.
Zwischen meinen Fingern tanzen kleine Kieselsteine. Die Dachschindeln unter unseren Körpern sind rau und riechen nach nassem Ton. Nach Erde. Du riechst nach herben Tabak. Du riechst warm. Unsere Gesichter können wir nur anhand des Geruches erkennen.
Die Wärme des Tages kuschelt sich zwischen unsere Körper und in unsere Gedanken, während wir schweigend die Schatten beobachten, die über den Mond und die Wolken wandern.
Ich höre, wie unter uns die Welt vorbeirauscht. Sich weiterdreht. Autos rasen, Menschen rennen, grelle bunte Lichter blinken. Ohne sich selbst wahrzunehmen. Aber das ist Realität. Wenn “real” nicht “echt” bedeutet. Ich frage mich, wer behauptet hat, dass das da unten “echt” ist. Und dass es richtig ist, so und so, wie es ist. Ich frage mich, warum die Realität anscheinend soviel wirklicher ist, als die Wirklichkeit und wie es sein kann, dass man sich einfach daran gewöhnt. An diesen immerwährenden Geräuschpegel, das Hupen, die dumpfe Musik, die aus den Kopfhörern anderer schallt, die eine Hälfte des Gesprächs, das am Handy geführt wird. An die sich ewig bewegenden bunten Lichter, an Ampelmännchen, die von Grün auf Rot und von Rot auf Grün springen, an die Leuchtreklamen und die poppigen Plakate? Selbst, wenn sie in die richtige Richtung sehen würden, würden sie das Sonnenlichtorangerotgelb nicht bemerken. Ich sehe es auch nicht, ich sitze mittendrin. Sehen tue ich nur dich.
Du betrachtest den Mond, die Kapuze über dem Kopf, deine Lippen leicht geöffnet. Staunend wie ein kleines Kind. Alles echt. Hier oben, das ist Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit.
Den Geschmack dieser, deiner Lippen habe ich noch auf meinen. Du schmeckst süß und salzig gleichzeitig. Und dann ist da noch dieser raue Geschmack von Zigaretten. Ich mag den Geruch nicht. Aber wenn der Geschmack von deinen Lippen kommt, bin ich fasziniert.
“Heute ist eigentlich Vollmond.” sagte ich. “Wenn da jetzt nicht unsere Schatten wären. So, wie die Wolken ihre Schatten auf die Erde werfen und mit ihnen über die Felder ziehen, werfen wir unsere auf den Mond.” Du reagierst nicht. Deine Gedanken spielen in den Kratern des Mondes Verstecken. Dann reißt du dich los, sammelst sie wieder ein und drehst den Kopf ein wenig zu mir. Dein Schatten auf dem Mond macht es dir nach. Ich kann deine Augen nicht sehen, aber sie spüren. Du umschließt mit deinen Lippen die selbstgedrehte Kippe und bringst sie zum glühen. Ein roter Punkt im dunklen Gesicht. Dann quillt der Rauch heraus und verhüllt es. Ich kann deinen Mund nicht sehen, aber hören.
“Heute ist gar kein Mond”, sagst du. Deine Hand zeigt in den Himmel. Der Schatten des Rauches hat den Mond geschluckt, die Wirklichkeit vernebelt. Ich kann deine Hand nicht sehen. Aber sie fühlen. Deine kalten Finger tasten über die rissigen Schindeln und suchen meine Haut, meine Hand. Vereinzelte Sandkörner, die auf deinen Fingerspitzen kleben. Während der Mond langsam wieder zum Vorschein kommt, werden unsere Schatten auf ihm größer. Du bist aufgestanden, ziehst mich an der Hand nach oben. Der Boden knirscht unter unseren Füßen, als wir die paar Meter zur Leiter laufen. Sie steht auf dem festen Biden der Realität, führt an diesem Dach, unserer Wirklichkeit, vorbei und endet auf dem Mond. Dem Ziel unserer Träume. Ich lasse dir den Vortritt, helfe dir auf die erste Sprosse, als du noch einmal innehältst und dich umschaust. Als würdest du dich verabschieden wollen, von der Wirklichkeit. Dann siehst du mich an.
“Realität oder Träume”, frage ich. Du lächelst. Ich schaue nach unten, sehe mir die Realität an. Ich blicke nach hinten, in das Sonnenlichtorangerotgelb. Dann spüre ich deine kalten Finger, die meine warme Hand umschliessen und nach oben ziehen. Und ich spüre die Sonne, die mir den Rücken wärmt.