Text: Über den Mond – lange Fassung

Im Rahmen der Gelb-Roten-Performance für die Staatsgallerie entstand folgende Langfassung des Straßenpoesietextes Über den Mond. An dieser Stelle vielen Dank an Chantal für die Hilfe.

Das helle Licht der Sonne kommt von hinten und wirft unsere langen Schatten auf die vernarbte Oberfläche des Mondes. Der Sonnenuntergang hinter uns beginnt gerade. Wir sitzen mittendrin im Sonnenlichtorangerotgelb. Im Warmen nach dem Sommerregen. In der Warmwettergegenlichtstimmung.
Zwischen meinen Fingern tanzen kleine Kieselsteine. Die Dachschindeln unter unseren Körpern sind rau und riechen nach nassem Ton. Nach Erde. Du riechst nach herben Tabak. Du riechst warm. Unsere Gesichter können wir nur anhand des Geruches erkennen.
Die Wärme des Tages kuschelt sich zwischen unsere Körper und in unsere Gedanken, während wir schweigend die Schatten beobachten, die über den Mond und die Wolken wandern.
Ich höre, wie unter uns die Welt vorbeirauscht. Sich weiterdreht. Autos rasen, Menschen rennen, grelle bunte Lichter blinken. Ohne sich selbst wahrzunehmen. Aber das ist Realität. Wenn “real” nicht “echt” bedeutet. Ich frage mich, wer behauptet hat, dass das da unten “echt” ist. Und dass es richtig ist, so und so, wie es ist. Ich frage mich, warum die Realität anscheinend soviel wirklicher ist, als die Wirklichkeit und wie es sein kann, dass man sich einfach daran gewöhnt. An diesen immerwährenden Geräuschpegel, das Hupen, die dumpfe Musik, die aus den Kopfhörern anderer schallt, die eine Hälfte des Gesprächs, das am Handy geführt wird. An die sich ewig bewegenden bunten Lichter, an Ampelmännchen, die von Grün auf Rot und von Rot auf Grün springen, an die Leuchtreklamen und die poppigen Plakate? Selbst, wenn sie in die richtige Richtung sehen würden, würden sie das Sonnenlichtorangerotgelb nicht bemerken. Ich sehe es auch nicht, ich sitze mittendrin. Sehen tue ich nur dich.
Du betrachtest den Mond, die Kapuze über dem Kopf, deine Lippen leicht geöffnet. Staunend wie ein kleines Kind. Alles echt. Hier oben, das ist Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit.
Den Geschmack dieser, deiner Lippen habe ich noch auf meinen. Du schmeckst süß und salzig gleichzeitig. Und dann ist da noch dieser raue Geschmack von Zigaretten. Ich mag den Geruch nicht. Aber wenn der Geschmack von deinen Lippen kommt, bin ich fasziniert.
“Heute ist eigentlich Vollmond.” sagte ich. “Wenn da jetzt nicht unsere Schatten wären. So, wie die Wolken ihre Schatten auf die Erde werfen und mit ihnen über die Felder ziehen, werfen wir unsere auf den Mond.” Du reagierst nicht. Deine Gedanken spielen in den Kratern des Mondes Verstecken. Dann reißt du dich los, sammelst sie wieder ein und drehst den Kopf ein wenig zu mir. Dein Schatten auf dem Mond macht es dir nach. Ich kann deine Augen nicht sehen, aber sie spüren. Du umschließt mit deinen Lippen die selbstgedrehte Kippe und bringst sie zum glühen. Ein roter Punkt im dunklen Gesicht. Dann quillt der Rauch heraus und verhüllt es. Ich kann deinen Mund nicht sehen, aber hören.
“Heute ist gar kein Mond”, sagst du. Deine Hand zeigt in den Himmel. Der Schatten des Rauches hat den Mond geschluckt, die Wirklichkeit vernebelt. Ich kann deine Hand nicht sehen. Aber sie fühlen. Deine kalten Finger tasten über die rissigen Schindeln und suchen meine Haut, meine Hand. Vereinzelte Sandkörner, die auf deinen Fingerspitzen kleben. Während der Mond langsam wieder zum Vorschein kommt, werden unsere Schatten auf ihm größer. Du bist aufgestanden, ziehst mich an der Hand nach oben. Der Boden knirscht unter unseren Füßen, als wir die paar Meter zur Leiter laufen. Sie steht auf dem festen Biden der Realität, führt an diesem Dach, unserer Wirklichkeit, vorbei und endet auf dem Mond. Dem Ziel unserer Träume. Ich lasse dir den Vortritt, helfe dir auf die erste Sprosse, als du noch einmal innehältst und dich umschaust. Als würdest du dich verabschieden wollen, von der Wirklichkeit. Dann siehst du mich an.
“Realität oder Träume”, frage ich. Du lächelst. Ich schaue nach unten, sehe mir die Realität an. Ich blicke nach hinten, in das Sonnenlichtorangerotgelb. Dann spüre ich deine kalten Finger, die meine warme Hand umschliessen und nach oben ziehen. Und ich spüre die Sonne, die mir den Rücken wärmt.

Text: Fliegendes Leben

Meeresrauschen, Sonne und ein Holzsteg. Auf diesem sitze ich.
Vor mir meine Schreibmaschine. Auf dieser schreibe ich.
Hinter mir mein Leben. Über das schreibe ich.

Möwen brechen die Ruhe mit ihrem Kreischen. Sie fliegen über mir und dem Meer. Weiße Möwen aus strahlend weißem Papier. Ein paar landen neben mir, nähern sich mir. Ich packe sie, falte auseinander und spanne sie in die Schreibmaschine. Klacken von Buchstaben mischt sich dem Kreischen der Möwen. Ist ein Blatt voll geschrieben, falte ich es wieder und lasse es fliegen. Unter die weißen Möwen mischen sich jetzt grau- und schwarzgefleckte. Gefärbt durch die Buchstaben aus meiner Hand. Ein Mensch in Tinte, geschrieben auf einer Maschine. Aus ihr fließt mein Leben und fliegt davon. Bei jedem Tastendruck verliere ich mich selbst.

Was bleibt, sind viele Möwen über dem Meer.

Straßenpoesie: Adler

Gemeinsam betrachteten sie die kreischenden jungen Vögel, die noch nicht flügge waren und vor Hunger schrieen.
“Meine Oma sagte immer, eine Adlermutter würde ihr Leben für die Kleinen opfern. Aber auch das Leben jedes ihrer Jungen riskieren, nur damit sie fliegen lernen. Als Kind habe ich das nie verstanden.” Sie sah ihn an.
“Und verstehst du es jetzt?” Er lachte. “Naja, ich denke, es geht darum, dass die Mutter ganz genau ihre Grenze kennt. Sie weiß, wie weit sie gehen muss, um aus ihren Jungen einen Adler werden zu lassen. Aber sie weiß auch um die Tatsache, dass sie ihren Zöglingen nicht jede Erfahrung abnehmen kann. Besonders manche der gefährlichen und schmerzhaften müssen die Kleinen selbst machen.”
Ein Geier landete auf dem Ast neben dem Horst und näherte sich den Jungen. Diese streckten ihm die offenen Schnäbel entgegen. Kurz bevor der Geier seinen riesigen Schnabel öffnete, um eines der Jungen zu fressen, schnippte er mit dem Finger. Der lange Hals des Geiers knackte und das Tier fiel am Horst vorbei in die Tiefe. “Manchmal aber müssen Instanzen wie wir eingreifen. Ohne, dass es der Schützling oder die Mutter bemerken.” Sie sah ihn an.
“Redest du immer noch von den Adlern oder von den Menschen?” Er lächelte, seine unsichtbaren Flügel warfen einen langen Schatten.

Text: Die Sache mit den Konstellationen

Als ich 12 Jahre alt war, war ich oft alleine unterwegs. Andere Leute interessierten mich nicht wirklich. Das lag vielleicht auch daran, dass sie sich nicht für mich interessierten. Also lief ich, wenn ich durch die Stadt ging, mit dem Kopf gesenkt. Beobachtete, wie der Wind mit einer leeren Plastiktüte spielte, wie durch die Risse im Asphalt Bilder entstanden und wie ablaufendes Wasser sich seinen Weg auf dem staubigen Asphalt bahnte. Sie war auch 12 Jahre alt und interessierte sich nicht für andere Leute. Was aber daran lag, dass sich jeder für sie interessierte und sie immer zu den Leuten aufschauen musste und dann entdeckte, dass es über den Köpfen der Leute viel spannender war. Sie verfolgte den Flug der Vögel, die Wege der Wolken und das Spiel des Windes mit dem Staub. Sie hieß Maya.
Natürlich hieß sie nicht Maya, aber es ist schon viel zu lange her, dass ich 12 war, als dass ich sie irgendwie anders als Maya nennen könnte. Sie hieß also Maya, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich interessierte mich nicht für andere. Ich sah nach unten. Ich konnte stundenlang mit der Bahn durch die Stadt fahren und mir dabei anschauen, wie die Schuhe der anderen zu einander standen. Sie schlenderte den ganzen Tag durch den Wald und betrachtete die Formen der Blätter, wie das Licht sich seinen Weg suchte und wie die Tiere durch die Luft lavierten.
Irgendwann befestigte ich einen Hängestuhl in den Baum bei meinem Fenster, über die Straße, schaukelnd im Wind. Dort hing ich dann. Pendelte. Und interessierte mich dann plötzlich doch für Leute. Wie sie liefen, sich zueinander bewegten. Sich näherten, ein kurzes Stück nebeneinander gingen und sich dann nie wieder sahen. Ich war fasziniert von den Konstellationen, die Menschen für ganz kurze Augenblicke einnahmen. Nur um sie dann wieder zu verändern. Irgendwann begann sie, jede Nacht unbemerkt aus dem Haus zu schlüpfen und durch die Dunkelheit zu gehen, den Kopf weit im Nacken, den Blick bei den Sternen. Wie sie zueinander stehen, sich so langsam, für uns nicht sichtbar, bewegen und auch nach Jahren, wenn sie schon längst erloschen sind, für uns immer noch scheinen. Sie war fasziniert von den Konstellationen, die die Sterne einnahmen, anscheinend für immer. Und sich dabei doch bewegten. Ich bemerkte, wie nah Menschen einander waren, aber ich wusste, wenn man genau hinsah, hatten sie überhaupt nichts miteinander zu tun. Sie sah, wie nah die Sterne von Weiten einander standen, aber sie wusste, wenn man näher kam, waren sie unglaublich weit auseinander. Sie lief durch die Stadt und blickte nach oben. Ich hing in meinem Baum und sah nach unten. Bis sie unter mir stehen blieb. Ich pendelte weiter. Wir sahen uns an und dachten, wow, diese Augen haben so viel gesehen, von dem ich keine Ahnung habe. Wir hatten keine Ahnung wie ähnlich unsere Gedanken waren.
Wenn ich heute in diese Augen blicke, dann bin ich wieder 12. Und bin fasziniert von der Konstellation, die wir einnehmen, seit Jahren. Und uns dabei doch bewegen.

Text: Momo, erwachsen

Momo ist erwachsen geworden. Aus dem kleinen Mädchen ist eine Frau mit großen schwarzen Augen und einer schwarzen lockigen Mähne geworden. Die Zeit vergeht und alles verändert sich. Die Grauen Herren sind nichts mehr weiter, als eine angestaubte Geschichte, an die Momo ab und an denkt.

Von Kassiopeia und Meister Hora hat sie seitdem nie wieder gehört. Gigi Girolamo ist nach Rom gegangen und ist dort der bekannteste Fremdenführer, den die Stadt je gesehen hat. Touristen machen seine Führungen mehrmals mit, weil er jedesmal etwas anderes erzählt. Der kleine dünne Nino und die dicke Liliana haben eine ganze Lokalkette und brauchen die grauen Herren gar nicht, um keine Zeit zu haben. Herr Fusi ist mittlerweile in Rente. Er schneidet nur noch sich selbst die Haare und ist immer noch nicht reich, aber auch nicht arm. Beppo Straßenkehrer, fegte noch jahrelang die Straßen der kleinen Stadt. Schritt, Atemzug, Besenstrich. Schritt, Atemzug, Besenstrich. Bis auf den Schritt irgendwann kein Atemzug mehr folgte. Die Kinder, Momos Freunde aus dem Amphitheater sind genauso wie sie erwachsen geworden. Momo lebt auch nicht mehr im Amphitheater, aber wenn sie an das Fenster ihrer kleinen Wohnung tritt, dann sieht sie das Gras zwischen den Steinen des Theaters wachsen.

Momo ist immer noch hilfsbereit. Sie hört immer noch gerne zu und löst dadurch die Probleme anderer. Sie hat ihre Fähigkeit sogar noch gesteigert. Sie ist weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Von überall her rufen die Leute an, wenn sie Sorgen oder ein Problem haben. Momo geht ans Telefon und läd alle zu sich ein. Ohne zu fragen, was für ein Problem es ist. Jeder kann kommen. Direkt am nächsten Tag. Sie ist offen und hilfbereit zu jedem. Ohne Vorurteil. Und das spüren die Anrufer. Und allein dieses Gefühl reicht, um die Probleme und Sorgen zu lösen. Die Leute legen lächend auf. Erleichtert. Denn sie wissen, da ist jemand, der hört ihnen zu. Und sie brauchen gar nicht mehr zu Momo fahren. Niemand fährt jemals zu Momo.

Momo ist der einsamste Mensch der Welt.

Straßenpoesie: geschäftiges Treiben / Partnerschaft / Angst / Zukunft

Die Sache ist die, sagt er und spuckt einen breiten braunen Strahl des Kautabaks über das Brückengeländer. Sie beobachten die Flüssigkeit, die irgendwann im Flug in Hunderte kleine Tropfen explodiert. Wir können doch nur zusammen bleiben, wenn wir keine Angst vor der Zukunft haben, sagt er. Sie nickt, er redet weiter. Haben wir Angst, dass es nicht hält, wird es nicht halten. Wir müssen da mit der gleichen Zuversicht rangehen, wie wir unsere Geschäfte führen. Ohne Angst, dafür mit extrem viel Spaß und einem gewissen Risiko an der Sache. Sie nickt, er redet weiter. Wir müssen unsere Partnerschaft nicht als Angst in der Zukunft, sondern als Investition in die Zukunft betrachten. Er bestätigt sich selbst, sie schweigt und sieht in die Ferne. Geschäftlich also, fragt sie. Er nickt, sie redet weiter. Dann also heute Abend bei mir? Sex auf dem Küchentisch und unter der Bettdecke? In der Badewanne, zwischen den Sofakissen und neben dem Fernseher? Sein Augen leuchten, sie streckt die Hand aus. Wieviel ist dir das Wert? Er blickt sie erstaunt an. Sie spuckt ihren Tabak vor seine Füße. Partnerschaft wie ein Geschäft führen. Arschloch! Dann geht sie.

Straßenpoesie: Lavendel

Immer, wenn ich dich besuchen komme, kommst du mir verwahrloster vor. Die Blüten hängen trocken herunter. Laub bedeckt den Weg zu dir und die Schrift auf dem Schild verrodet immer mehr. Ich habe vorher Lavendel gekauft und muss an dich denken. Müssen ist in diesem Kontext das richtige Wort, denn der Geruch von Lavendel schwemmt meine Erinnerung an dich an meine Oberfläche.
Als Kind rannten wir um dich herum und versteckten uns unter deinem Kleid vor den Blicken alter Kinder. Dort, in der beruhigenden Dunkelheit, wuchs auch immer ein wenig Lavendel. Ein Wunder, sagten sie, dass Lavendel in der Dunkelheit gedeiht. Der Geruch durchdrang manche Tage meine Kleider und als ich älter wurde und aus dem einsamen Verstecken ein zweisames Einander wurde, wusste mein Bruder nicht nur wegen der zerstörten Frisur ob des Schäferstündchens, sondern auch wegen des Geruchs.
Heute wächst hier kein Lavendel mehr. Und dein Blattwerk ist so ausgedünnt, dass sich kein Verstecken mehr ermöglicht. Doch stehe ich hier, erinnere ich mich an deine Geborgenheit, welche mir sonst niemand geben konnte.

Straßenpoesie: Über den Mond

Das Licht der Sonne kommt von hinten und wirft unsere langen Schatten auf die vernarbte Oberfläche des Mondes.
Wir sitzen auf dem rauen Boden und können unsere Gesichtet nur anhand des Geruches erkennen. Die Wärme des Tages kuschelt sich zwischen unsere Körper und in unseren Gedanken, während wir schweigend den Schatten zusehen, die über den Mond und die Wolken wandern.
“Heute ist eigentlich Vollmond.” sagte ich. “Wenn da jetzt nicht die Schatten wären.” Du beachtetest mich erstmal nicht, jetzt aber drehst du den Kopf und dein Schatten macht es dir nach. Ich kann deine Augen nicht sehen, aber sie spüren. Du umschließt mit deinem Mund die selbstgedrehte Kippe und bringst sie zum glühen. Dann quillt der Rauch aus jeder Öffnung deines Gesichtes und verhüllt es. Ich kann deinen Mund nicht sehen, aber hören.
“Heute ist kein Mond”, sagt er. Deine Hand zeigt in den Himmel. Der Schatten des Rauches hat den Mond geschluckt. Ich kann deine Hand nicht sehen. Aber sie spüren. Während der Mond langsam wieder zum Vorschein kommt, werden unsere Schatten immer kleiner. Hand in Hand gehen wir auf den Mond zu. Ich spüre deine kalten Finger, die meine warme Hand umschliessen. Und ich spüre die Sonne, die uns den Rücken wärmt.

Straßenpoesie: Armilliarsphäre

Es braucht keinen Menschen, um diesen Apparat zu bewegen, es braucht nur ein Quäntchen Fantasie. Er, oder auch Sie, steht unter dem einzigen Fenster des großen Saales. Mondlicht taucht die Armilliarsphäre in blaues Licht. Das kalte Metall glänzt unter einer Staubschicht des Vergessens. Auf dem äußeren Ring liegt die Landkarte meiner Vergangenheit. neben der Landkarte meiner Zukunft, welche ich noch nicht gezeichnet habe, ist sie die Größte. Auf dem mittleren Ring folgt das Territorium meines Wissens. Inseln schwimmen hier im großen Nichts, nur verbunden durch den roten Faden meiner Erinnerung. Der dritte Ring ist jener der Erfahrung. Er ist blutverschmiert und verbeult, aber auch am feinsten ausgearbeitet.
In der Mitte, im Zentrum, bin ich. Mit all meinen Wünschen und Hoffnungen. Dies ist meine Armilliarsphäre. Mein egozentrisches Weltbild meiner Selbst. Sobald meine Fantasie einsetzt, beginnen sich die Ringe zu drehen. Und nichtmal ich weiß, in welcher Konstellation sie dann stehenbleiben. Aber das ist in Ordnung. Denn ich, Vera, habe mein Ziel noch nicht erreicht.
Ich bin gerne auf der Reise.

Straßenpoesie: Schönheit, Leben

BEGINN DER NACHRICHT: Stöhnen, Sex und Sauerei ++STOP++ Schreie: Lügner! Niemals ++STOP++ Stöhnen, Schreie und eine blutige Geburt ++STOP++ Parties, Pupertät und Porno ++STOP++ Das erste Mal. Schön ist anders ++STOP++ Der einzige richtige Partner. Das Leben durch die rosa Brille ++STOP++ Mit sanften Fingern umfährt er die Konturen ihres Gesichtes ++STOP++ Krankheit, Tod und Laub auf dem Grab ++STOP++ Mit sanften Fingern umfährt er die Konturen ihres Bauches  ++STOP++ Stöhnen, Schweiß und ein Neugeborenes in seinen Händen. ++STOP++ Hallo Opa! Darf ich Fernsehen? ++STOP++ Lachen, Liebe und Laub im Garten ++STOP++ Schreie: Lügner! Tränen ++STOP++ Vertrauensbruch, Verlust und Versöhnung. ++STOP++ Liebe, Liebe, Liebe ++STOP++ Ist Opa jetzt bei Oma? ++STOP++ Um 8 bist zu zuhause! ++STOP++ Abitur, Ausziehen und Anmachen ++STOP++ Unter den Toten befanden sich auch drei Deutsche ++STOP++ Schwarz, Schweigen ++STOP++ Ihre Haare flattern im Wind. Sein Blick streift ihren ++STOP++ Drei Generationen einer Familie. Kinder, Lachen und Melancholie ++STOP++ ENDE DER NACHRICHT! BITTE BEGINNEN SIE WIEDER OBEN LINKS!

Straßenpoesie auf der Gedankendeponie

Konna ist im Urlaub, deshalb gibt es täglich ein bis zwei Artikel von Gastschreibern auf der Gedankendeponie. Ich durfte den Anfang machen. Machte ich mit Straßenpoesie. Konna schickte mir seine Worte.

Nutella, Entsorgung, Kakophonie, grün, geniessen.

Er bekam den Text. Exklusiv in meinem Gastbeitrag. Viel Spaß!

Straßenpoesie: ungenutztes Potential

Der Aufprall ist ohrenbetäubend. Obwohl die Frau versuchte zu bremsen, erwischt sie die Kuh frontal. In Irland ist es ja normal, dass Kühe und Schafe die Straße kreuzen. Deshalb fährt die Frau auch einen dieser Geländewagen, die für genau solche Begegnungen gemacht sind. Trotzdem sollte man langsam durch die Dörfer fahren. Dieser Fehler und die Tatsache, dass die Kuh echt schnell hinter dem Haus hervorkam, machten den Unfall zwingend. Die Frau fegte sich die langen Haare aus dem Gesicht, fluchte so laut, dass man es durch die geschlossenen Türen hindurch konnte und stieg aus dem Jeep. Bis auf ein bisschen Fleisch, Fell und Blut war dieser unversehrt. Die Kuh dagegen atmete zwar noch, würde aber bald selbst dafür zu wenig Blut im Körper haben. Nachdem die Frau sich sicher war, dass dem Wagen nichts passiert war, wischte sie sich die blutigen Hände an einer Stelle der Kuh, die noch sauber war, am Fell ab und zog ihren überdimensionierten Geldbeutel aus der Tasche. Dann pinnte sie 250 Euro an das linke Horn der Kuh, die jetzt nur noch flach atmete. Sie kratzte sich kurz am Kopf, sah auf die Uhr, erschrak, stieg in den Jeep und fuhr davon. Peter kam aus dem Dunkel geschlurft, steckte die Kohle ein und erweckte wieder zum Leben. Dann versteckte er sich wieder und wartete auf das nächste Auto.

Straßenpoesie: Obligatorisch / Interaktion / Tyrannei / temporär / terrestrisch / Asphalt

Der Tracktorstrahl warf einen blauen Kreis auf den Asphalt. Die obligatorischen Soundeffekte wurden eingespielt. Und der Mann wurde samt Hund in das Ufo transportiert. Die Hundeleine und die Klamotten blieben auf der Straße zurück.

“Hallo, terrestrischer Bewohner.” dröhnte es aus dem Lautsprecher in die weiße Kammer, in welcher der Hund und der nackte Mann kauerten. “Wir werden dich mitnehmen. An dir werden wir testen, wie gut die Menschheit mit der Tyrannei zurechtkommt. Die Anzahl der Erdenmenschen entspricht genau der Anzahl der Sklaven, die wir brauchen. Mach dich bereit für die ersten Untersuchungen.” Die Tür zischte und der Mann sprang auf und schlug schreiend Button “Notausstieg, bitte nicht drücken.” Die Luke öffnete sich, der Mann landete unsanft im Gras und rannte davon.

Der Alien schüttelte den Kopf. Ab und an waren solche Interaktionen notwendig. Die Menschen waren sowieso nur temporäre Bewohner des Planetens, aber je mehr Angst sie hatten, desto schneller würden sie sich selbst vernichten. Er schaltete die Soundanlage ab und verschwand in den Wolken. In sieben Erdenjahren würde er wiederkommen.

Straßenpoesie: Ein Geheimnis. Es bleibt auch unter uns.

Warmer Regen tropft lautstark auf das Dach des Stalls, in welchem wir uns versteckt hatten. Ich betrachte dich im fahlen Licht des Mondes und deine Bleiche strahlt noch wunderhübscher als zuvor. Du lächelst und deine Wangen röten sich. Ich vergesse immer, dass du meine Gedanken lesen kannst. Du blickst aus der offenen Tür Richtung Himmel, verziehst das Gesicht und drehst dich zu mir. “Wir werden wohl noch etwas länger hier bleiben. Erzähl mir was.” Ich lächele. Willst du ein Geheimnis von mir wissen? Irgendwas, was nur wir beide wissen?

Bevor ich es aussprechen kann, schüttelst du den Kopf. “Erzähl mir was, was alle von dir wissen.” Und so bringt sie mich zum Schweigen. Erschrocken sehe ich dich an, doch du hast Geduld. Wenn jemand Geduld hat, dann bist du es. In meinem Kopf gehe ich mein Leben durch. Suche verzweifelt nach Tatsachen, von denen jeder weiß. Stolpere über vieles, was keiner weiß. Manches, was keiner wissen darf. Du lächelst und ich werde rot. Und nachdem ich all jenes umschifft habe, was viele, aber nicht alle wissen, finde ich es. “Sprich es aus.”, sagst du. Ich sage: “Ich bin.” Du lächelst ein drittes Mal, stehst auf und gehst zur Tür. Der Regen hört auf. Du trittst heraus und die Sonne strahlt durch die Wolken. Ich folge dir.

Straßenpoesie: Semihaarkatze / Wolkenmauer / Schnuggldibuddl / Halbdifferenzial-Kurzschlussringgeber

Verfickte Scheiße! Paul fluchte laut auf. Seine kleine Transportmaschine verlor rasant an Höhe. Und der linke Propeller brannte. Ein Blick auf die Instrumententafel sagte ihm: Der Halbdifferenzial-Kurzschlussringgeber war ausgefallen. Der hatte eh schon einen Wackelkontakt gehabt und Paul wollte ihn mit dem nächsten Lohn austauschen. Diese Lieferung hätte ihm das nötige Geld gebracht.
Neben einem alten, extrem reichen Pärchen hatte er nämlich ihren kostbarsten Besitz an Bord: Eine Semihaarkatze. Eine der letzten Lebenden. Und wahrscheinlich wäre diese auch nun bald tot. Die Maschine durchbrach die Wolkenmauer über Karlsruhe und näherte sich im Steilflug der Innenstadt. “Schnuggldibuddl”, hörte er die alte Schachtel ihren reichen Mann fragen. “Bringt uns der nette Mann bis vor die Haustür?” Wahrscheinlich ist das das Letzte, was ich tue, dachte Paul. Dann fällt sein Blick auf den Fallschirm neben sich, der Einzige an Bord. Er schnappt sich seinen Lohn, den Fallschirm und springt aus der Maschine. Diese rast haarscharf am Schloss vorbei und explodiert in den Bäumen dahinter. Ich sollte Taxifahrer werden, denkt sich Paul, als er zur Erde sinkt.