Roman: Das schönste Mädchen der Welt von Michel Birbæk. (Nicht der Film.)

Der erste Satz aus Das schönste Mädchen der Welt:

Die Autobahn rast unter uns hindurch wie eine endlose Straßenrolle.

Leo Palmer ist Ex-Musiker, Studioinhaber und Sprecher von Pornobüchern, mit denen er sich über Wasser hält. Er lebt so vor sich hin, bis er im Zug Mona kennenlernt, eine verheiratete Frau, der er den Kopf verdreht. Und dann stirbt Prince und Leo ist vollkommen in seiner Vergangenheit.

Eigentlich egal, was der Plot ist, ich mag Birbæk und seine Schreibe, ich bin also vollkommen befangen. Aber seit dem letzten Buch sind acht Jahre und ich bin gespannt, ob Birbæk sein Niveau halten kann.

Kann er. Wie damals unterhält er mit lockerer Sprache, erzählt eine Geschichte, die ganz seicht startet und Laufe der Seiten immer mehr Tiefe ahnen lässt. Samt einem Schluss, der Licht auf den Anfang wirft. Manchmal scheint mir zu sehr die Comedy-Seite von Birbæk raus, manche Witze sind mir zu plump, zu sehr auf eine vorgelesene Version getrimmt.

Dafür, dass ich für Prince zu jung war und kaum etwas mit ihm und seiner Musik anfangen kann, lese ich die Leidenschaft, die ich auch auf andere Dinge umlegen kann. Wahrscheinlich entgehen mir superviele Insider und Referenzen auf Prince, trotzdem funktioniert das Buch. Ich mag die Charaktere, die Geschichte und den Stil, fühle mich wohl in der Welt. Unterhalten und vielleicht noch ein wenig mehr.

Was braucht es sonst noch? Vielleicht noch weitere Romane. Mal sehen, ob das passiert.

Zwei Anmerkungen: In der deutschen Unterhaltungsbranche muss es doch jemandem auffallen, dass im selben Jahr sowohl ein Buch (dieses), aber auch ein Film mit diesem Namen erscheinen. Sind ganz unterschiedliche Geschichten und ich verstehe, dass Birbæk das Buch nach dem Song von Prince benannt hat. Führt dennoch zu Verwirrungen.

Und mit dem Wechsel zu RandomHouse / Blanvalet wurden alle Bücher von Birbæk neu aufgelegt, mit einem frech von den Büchern von Nick Hornby geklauten Design. KiWi hat das Design vor kurzem geändert, aber jeder, der die bisherigen Cover kennt, wird irritiert sein. Es ist ja in Ordnung, der Vermarktung wegen Cover an Bekanntes anzugleichen und in diesem Fall gehe ich davon aus, dass Freunde von Hornbys Geschichten auch bei Birbæk Gefallen finden. Aber so ähnlich, das finde ich schon sehr dreist.

Das schönste Mädchen der Welt von Michel Birbæk erschien bei blanvalet. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky, gelesen von Sandra Hüller

Der erste Satz aus Was man von hier aus sehen kann:

Wenn man etwas gut Beleuchtetes lange anschaut und dann die Augen schließt, sieht man dasselbe vor dem inneren Auge noch mal, als unbewegtes Nachbild, in dem das, was eigentlich hell  war, dunkel ist, und das, was eigentlich dunkel war, hell erscheint.

Wenn Luisas Oma von einem Okapi träumt, stirbt am nächsten Tag jemand. Aber das ist das einzig skurrile an diesem Ort. Da ist Martin, Luisas Schulfreund, der Gewichtheber werden will und deshalb alles hochhebt, was er findet. Da ist Marlies, die immer schlecht drauf ist und niemals das Haus verlässt. Und da ist der Optiker, der seit Jahrzehnten seine Liebe geheim hält.

Mariana Leky führt uns durch Luisas Leben, mit all den kleinen und großen Eigenheiten, mit all den guten und schlimmen Sachen, die so ein Leben begleiten. Es ist ein netter kleiner Roman über das Leben und den Tod, über die Liebe und die Trauer, verpackt in schöne Bilder und sepiafarbene Sprachspiele.

Manchmal bricht Leky ihre Erzählform, was wahrscheinlich kaum jemandem auffällt und auch nicht schlimm ist, das Buch funktioniert trotzdem. Ich brauchte ein bisschen, bin ich drin war, in der Betroffenheitsprosa, die es doch irgendwoe ist, dann hatte ich bis zum Ende Unterhaltung.

Womit ich mich aber sehr schwer getan habe, ist Sandra Hüller als Sprecherin. Hüller habe ich erst seit Toni Erdmann im Bewusstsein, eine bemerkenswerte Schauspielerin, keine Frage. In diesem Hörbuch aber hilft sie mir als Hörer nicht, die Geschichte noch besser zu verstehen. Sie spricht schön und verständlich, aber sie füllt die Geschichte nicht mit Leben. Sie liest die Worte runter, in der immer gleichen leicht traurigen Haltung. Es sei denn, der Text zwingt sie dazu. Das kann ich mir anhören, aber Hüller macht es mir nicht so leicht, wie sie könnte. Meiner Meinung nach sogar sollte.

Es gibt vollkommen andere Meinungen zu ihrer Perfomance, sie war sogar nominiert als beste Interpretin für den deutschen Hörbuchpreis. In der Begründung heißt es ‚große Beiläufigkeit‘ und ‚angemessene Ruhe im Erzähltempo‘. Ich empfand es als nett und ohne Haltung runtergelesen.

Insgesamt eine nette Geschichte, die ich vielleicht lieber hätte lesen sollen.

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky wurde gelesen von Sandra Hüller und erschien bei tacheles!. Die Buchfassung erschien bei Dumont. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Am Abend, an der Ampel.

Die Kreuzung ist immer voll, eine Mischung aus Tram, Auto, Fahrrad und Fußgängern. Wir halten uns an das Rot der Ampel. Neben uns steht ein alter Mann, samt Hund. Beide ein wenig zottelig, beide ein wenig gebeugt. Für einen kurzen surrealen Moment wird es ruhig, keine Autos zwischen uns und der anderen Seite. Der Mann blickt die Straße entlang, dann sieht er zum Hund.

„Wie beide, wir riskieren jetzt Kopf und Kragen.“

Er macht einen Schritt auf die Straße und der Hund trottet hinterher. Er weiß noch nichtmal, was er riskiert. Er vertraut.

Hörstück: 5 Jahre NSA Skandal

Fünf Jahre NSA-Skandal: Gekappte Glasfaserkabel und Merkels Rücktritt

Constanze Kurz hat zusammen mit Frank Rieger (Ich habe mich beim Nachnamen verlesen, sorry!) diese Fiktion über die letzten fünf Jahre geschrieben, was hätte sein können, wenn wir ein paar Abzweige anders genommen hätten. Ich mag die Fiktion. Also habe ich sie eingesprochen. Viel Spaß!

Direkt-MP3 zum Download (rechtsklick ’speichern unter…‘)

Was übrig bleibt: „Es taucht aus dem Nichts auf, wie es Erinnerungen eben tun – ein Funke aus der Vergangenheit, der…“

“Es taucht aus dem Nichts auf, wie es Erinnerungen eben tun – ein Funke aus der Vergangenheit, der ins Jetzt hinüberglimmt.”

Der Blumensammler – David Whitehouse
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Roman: Und Nietzsche weinte (When Nietzsche wept) von Irvin D. Yalom

Lesestoff: When Nietzsche wept von Irvin D. Yalom

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Der erste Satz aus Und Nietzsche weinte:

Das Glockenspiel von San Salvadore riss Josef Breuer aus seinen Träumen.

Was, wenn Friedrich Nietzsche suizidgefährdet wäre und Lou Salome ihn in eine Behandlung mit Josef Breuer lockt, während der sich mit dem noch jungen Sigmund Freud berät? Das ist die Geschichte.

In Realität ist dieses Treffen nie geschehen. Aber es hätte sein können. Und genau dieses ‚was hätte sein können‘ beschreibt Irvin D. Yalom, selbst Psychoanaliytiker in diesem Roman.

Ich habe den Roman auf Englisch bekommen, also habe ich ihn auf Englisch gelesen. Ich tue das viel zu selten, ich muss mich jedes Mal wieder ins englische fuchsen. Dazu kommt erstens eine Geschichte, die sich sehr langsam entwickelt und weniger handlungsbasiert als intellektuell ist. Und zweitens eine Geschichte, die mir zwar auf englisch erzählt wird, aber von deutschsprachigen Charakteren im Wien 1882 erzählt. Yalom bekräftigt dies, indem er immer wieder deutsche Worte einfließen lässt.

And for desert, they had a piece of Strudel with Schlag.

Das mag für englischsprachige Leser ja lustig sein, für mich als Deutschen wirkt das plump und schlecht gemacht. In meinen Ohren sprechen alle Figuren Englisch mit einem Arnold Schwarzenegger-Einschlag. Wird niemandem gerecht, konnte ich aber auch nicht abschalten.

Ich musste mich durch zwei Drittel des Romanes kämpfen, bis ich meinen Gefallen gefunden habe. Und bis fast ganz ans Ende waren mir Breuer und Nietzsche unsympathisch. Der einzig Coole ist der junge Freud. Mit ihm hatte ich meinen Spaß.

Nachdem ich durch war, war es doch eine ganz schöne und bertührende Geschichte, aber es war ein langer Weg dahin. Vielleicht wäre es in diesem Fall nicht nur einfacher, sondern auch besser gewesen, die Übersetzung zu lesen.

When Nietzsche wept von Irvin D. Yalom erschien bei Harper, die deutsche Ausgabe wurde übersetzt von Uda Strätling und erschien bei btb.

 

Erster Eindruck: Corratec E-Power X-Vert

Greenstorm ist Händler für gebrauchte e-Bikes und verkauft ‚Jahresbikes‘, also Fahrräder, die für ein Jahr von Hotels für die Hotelgäste benutzt wurden. Ich bin Botschafter für Greenstorm, das heißt, ich habe das Corratec E-Power X-Vert zur Verüfgung gestellt bekommen. Ein Jahr lang darf ich es fahren und testen und darüber berichten.

Seit knapp einem Monat habe ich nun das Bike. Und es ist ein Monster, in jeglichem Sinn. Es ist groß und stark und für eine Stadt eigentlich zu überdimensioniert. Gerade dadurch macht es ziemlichen Spaß. Heißt aber auch, dass ich es mit Lichtern, Schutzblechen und Reflektoren erstmal straßentauglich machen muss. Zusätzlich ein Schloss, fast so schwer, wie das Fahrrad selbst.

Wenn ich mich richtig erinnere, ist es auch das erste fabrikneue Fahrrad für mich. Natürlich ist es besser als alles andere, was ich bisher gefahren bin. Wie es sich im Vergleich zu anderen aktuellen schlägt, kann ich noch nicht sagen.

Durch den in den Rahmen eingelassenen Akku hat das Fahrrad Ähnlichkeit mit alten Mofas, deren Tank auch in den Rahmen eingelassen war. Dies ist die erste Generation von Corratecs Fahrrädern mit eingelassenem Akku, die Spaltmaße und die generelle Handhabung sind noch nicht ganz sauber.

Schon in seinen Maßen und seiner Ausstattung ist das Bike ein Monster. Das wird durch all die Aufkleber und die Farbgebung noch verstärkt. Und macht es für mein Empfinden auch hässlich. Ich wünschte mir ein bisschen mehr Understatement. Es ist ein großartiges Fahrrad. Müsste nun auch großartig aussehen.

Die ersten 200 Kilometer sind drauf, natürlich geht es mit dem Motor alles ein wenig schneller. Inwiefern sich mein Verkehrsverhalten verändert, kann ich noch nicht sagen. Kommt dann.

Was übrig bleibt: „Daheim bei Kesey in La Honda, Tief im remmidämmrigen Neonstaub, perfekter synchronisiert als sie es…“

“Daheim bei Kesey in La Honda, Tief im remmidämmrigen Neonstaub, perfekter synchronisiert als sie es je zuvor gewesen, tief in diesem Unausgesprochenem Ding hatten sich die Pranksters jetzt formiert entlang der absoluten Trennungslinie: Vor dem Bus und nach dem Bus. Auf dem Bus oder runter vom Bus.”

Tom Wolfe – The Electric Kool-Aid Acid Test
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Literaturcafe.de Podcast mit Marx, ohne Mars, mit Bügeln und Buchladen

Kurze Info: Wolfgang und ich haben wieder über Bücher, Verfilmungen und Geschichten geredet, ich verwechsele andauernd den Mond und den Mars und wir haben einen Haufen Spaß. Ihr hoffentlich ebenso.

Podcast: Steal the Stars von Mac Rogers

Dakota ist Sicherheitsbeauftragte einer Einrichtung mit dem größten Geheimnis der Welt: Einem abgestürztem Ufo. Seit es vor mehr als zehn Jahren abgestürzt ist, versucht eine privatisierte Einheit der amerikanischen Regierung hinter das Geheimnis des Ufos und des Alien zu kommen, ziemlich erfolglos. Bis sich Dakota einerseits Hals über Kopf ihren neuen Mitarbeiter verliebt und andererseits die ganze Einrichtung verkauft werden soll, um Ufo und Alien öffentlich auszustellen. Dakota wehrt sich gegen beides.

Steal the Stars ist ein abgeschlossenes Hörspiel, welches in Podcastform geliefert wurde, 14 Episoden mit einer Laufzeit zwischen 20 und 45 Minuten, die mittlerweile komplett und kostenlos bei verschiedenen Anbietern verfügbar sind. Finanziert wird der Podcast über gefühlt zwei Minuten lange Werbeeinblendungen, die aber relativ unaufdringlich sind. Wer keine Werbung haben will, kann sich das ganze Hörbuch auch kaufen.

Steal the Stars ist die erste Produktion von Tor Labs, einem Imprint des amerikanischen Verlages TOR Books, eine Experimentierstation für neue Erzählmöglichkeiten. Erstmal ist es schön, wie Steal the Stars erzählt wird. Das Format des Hörspiels wird sauber benutzt und kann Effekte erzeugen, die weder im Film noch in einem Buch möglich sind. Die Anmutung ist roh und leicht angedreckt, die ganze Produktion ist hochwertig und es macht superviel Spaß, der Geschichte zu folgen, auch wenn die Prämisse ‚Alien auf der Erde‘ nicht die Neueste ist.

Mit der Liebesgeschichte dagegen bin ich zum Großteil überhaupt nicht klargekommen. Sie kam mir oft plump und unerklärt vor, wie eine comichafte Version von Liebe, bei der der Figur, tatsächlich der Kiefer auf den Boden plumpst und das Herz sichtbar durch den Körper schlägt. Das konnte ich leider nicht ernst nehmen.

Trotzdem habe ich die ingesamt knapp 7 Stunden gerne gehört, weil der Rest der Story schon ziemlich gut gebaut ist. Ich mag diese Art, Geschichten zu erzählen. Und als erstes Experiment im Podcastbereich ist das schon ein sehr schönes Stück. Ich bin gespannt, was Tor Labs und die Podcastwelt überhaupt noch an schönen Geschichten bringen werden.

Es gibt übrigens auch eine Buchfassung zum Podcast. Ich habe sie nicht gelesen, finde es aber schade, dass Tor diese Chance nicht genutzt hat und statt einer einfachen Nacherzählung eine andere Geschichte in der selben Welt zu erzählen. Das wäre für mich der richtige Nutzen der unterschiedlichen Medien gewesen.

Steal the Stars erschien als Podcast bei Tor Labs, wurde geschrieben von Mat Rogers und produziert von Gideon Media.

Roman: Artemis von Andy Weir

Der erste Satz aus Artemis:

Ich sprang über das graue, staubige Gelände zur riesigen Wölbung der Conrad-Blase.

Jazz lebt in Artemis, in der einzigen Stadt auf dem Mond, eigentlich nicht mehr als eine Raumstation für 2000 Einwohner und die Touristen. Jazz ist die geduldete Schmugglerin und alles ist einigermaßen okay, bis sie sich als Saboteurin versucht und dann alles schief geht.

Ich mochte Der Marsianer sehr und wollte unbedingt den kommenden Roman von Andy Weir lesen. Hätte ich Artemis mit diesem Cover irgendwo stehen sehen, hätte ich es erstmal stehenlassen. Anfangs konnte ich weder mit dem Bild noch mit der Schrift etwas anfangen und besonders der extrem große Hinweis auf das Vorgängerbuch macht jede schöne Gestaltung kaputt. Aber ich kann es nachvollziehen, weil niemand was mit dem Namen Andy Weir anfangen kann. Dafür ist er noch viel zu unbekannt. Wieso also nicht nicht die Bekanntheit des Vorgänger nutzen? Je länger ich das Buch aber in den Händen halte, desto besser gefällt mir das Cover.

Die Geschichte ist, wie der Marsianer auch, literarisch nicht anspruchsvoll, aber sehr spannend, unterhaltsam und gut runterzulesen. Ich ahne den Einfluss des Lektors, Weir hält sich bei den technischen und physikalischen Erklärungen mehr zurück als beim Marsianer und schafft eine schöne Balance zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung. Ich begleite Jazz gern durch ihre Welt, durch die Aufdeckung des Komplotts auf dem Mond und die Sorgen, die unseren auf der Erde erstaunlich ähnlich sind. Einzig ihre schnoddrige Art wirkt mir manchmal zu plump. Zu künstlich. Dann kommt mir Jazz vor, wie die Frau, die sich Männer gerne vorstellen.

Trotzdem, ich brauche nur wenige Tage für das Buch und bleibe lächelnd zurück, vorfreudig auf den kommenden von Andy Weir und die garantierte Verfilmung von Artemis.

Artemis von Andy Weir wurde übersetzt von Jürgen Langowski und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Alte Freunde von John Niven

Der erste Satz aus Alte Freunde:

Alan Grainger durchforstete seinen Wortschatz nach einem anderen Begriff für ‚Unverschämtheit‘, als er von Covent Garden kommend die Charing Cross Road überquerte.

John Niven hat mit Coma und Gott bewahre Bücher abgeliefert, derb und so unterhaltsam, dass ich vielen Menschen davon erzählt habe. Straight White Male lag mir zu sehr an Californication, aber war trotzdem ein gutes Buch.

Gute Freunde fängt mit dem Zusammentreffen alter Freunde nach mehr als 25 Jahren an, in denen sich alles geändert hat: Der ehemalige Rockstar lebt seit Jahren obdachlos und der langweilige Mitläufer von früher ist glücklich verheiratet und wohlverdienend. Natürlich nimmt Alan seinen alten Freund Craig auf und versucht, ihm wieder auf die Beine zu helfen. Dabei scheint Craig anderes im Sinn zu haben.

Die Prämisse ist mir erstmal egal, ich lese, weil ich weiß, dass ich etwas von Niven lese und er es schon größtmöglich knallen lassen wird. Macht er leider nicht. Im Gegenteil, es fühlt sich an, wie ein Manuskript, das in der Schublade lag und nun ein bisschen entstaubt wurde für die Veröffentlichung.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/173057788297/die-entscheidenden-weichen-des-lebens-winzige

Es gibt tolle Gedankengänge und Sätze drin, schöne Bilder und witzige Stellen. Aber oft wirkt es plump und hölzern, erklärend und inkonsistent in der Erzählweise. Da Stephan Glietsch schon die anderen Romane von John Niven ins Deutsche übertragen hat, schiebe ich dies dem Autor zu, nicht dem Übersetzer.

Es ist ein okayes Buch. Aber niemals das von Niven, welches ich empfehlen würde.

Alte Freunde von John Niven wurde übersetzt von Stephan Glietsch und erschien bei Heyne Hardcore. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Was übrig bleibt: „Die entscheidenden Weichen des Lebens: winzige Augenblicke, denen wir keine große Tragweite…“

“Die entscheidenden Weichen des Lebens: winzige Augenblicke, denen wir keine große Tragweite beimessen. Doch nichts bleibt folgenlos.”

Alte Freunde – John Niven
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Roman: Die Unversehrten von Tanja Paar

Der erste Satz aus Die Unversehrten:

‚Kann ich ein Glas Wasser, Vio‘, sagt sie und ich ergänze ‚haben‘.

Das Cover war mein Highlight der Buchmesse, also habe ich das Buch mitgenommen. Aber der Klappentext hat mich skeptisch gemacht. Ich war mir sicher, dass mir diese Dreiecksgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann zu sehr Betroffenheitsprosa sein würde. Aber das Cover.

Tatsächlich überrascht Tanja Paar mich. Sie schreibt extrem minimal, die Szenen sind kurz, vieles wird nur angerissen und das ganze Buch erinnert mich an einen Comic, in dem auch immer nur Standbilder gezeigt werden und der Hauptteil der Geschichte zwischen den Bildern geschieht. Es ist experimentell und es ist gewagt, manchmal funktioniert es, oft aber leider nicht.

Mehrmals komme ich mir vor, als ob ich die Rohfassung einer viel größeren Geschichte lese, einzelne Szenen, die unvollständig und zu kurz sind. Dadurch nimmt mir die Geschichte die Zeit, die ich bräuchte, um auf die emotionale Ebene zu kommen, die ich für die Geschichte bräuchte.

Die Geschichte ist krasser, als es der Einband suggeriert. Das ist gut, aber in mir rührt sich kaum was, weil ich nicht den Platz bekomme, dass es sich entfalten kann.

Weiterhin ist Österreichisch doch ein wenig anders, als Deutsch, sodass ich immer wieder über die kleinen grammatischen Unterschiede oder für mich ungewohnte Worte stolpere. Das holt mich mehr aus der Geschichte, als es sollte.  Und als letztes wirft das Ende der Geschichte für mich einen sehr großen Schatten über den Rest.

Paar hat eine spannende Schreibe und ich bin gespannt, wie das nächste Werk wird, aber dieses Mal hat es mich nicht berührt.

Die Unversehrten von Tanja Paar erschien im Haymon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.