Roman: Artemis von Andy Weir

Der erste Satz aus Artemis:

Ich sprang über das graue, staubige Gelände zur riesigen Wölbung der Conrad-Blase.

Jazz lebt in Artemis, in der einzigen Stadt auf dem Mond, eigentlich nicht mehr als eine Raumstation für 2000 Einwohner und die Touristen. Jazz ist die geduldete Schmugglerin und alles ist einigermaßen okay, bis sie sich als Saboteurin versucht und dann alles schief geht.

Ich mochte Der Marsianer sehr und wollte unbedingt den kommenden Roman von Andy Weir lesen. Hätte ich Artemis mit diesem Cover irgendwo stehen sehen, hätte ich es erstmal stehenlassen. Anfangs konnte ich weder mit dem Bild noch mit der Schrift etwas anfangen und besonders der extrem große Hinweis auf das Vorgängerbuch macht jede schöne Gestaltung kaputt. Aber ich kann es nachvollziehen, weil niemand was mit dem Namen Andy Weir anfangen kann. Dafür ist er noch viel zu unbekannt. Wieso also nicht nicht die Bekanntheit des Vorgänger nutzen? Je länger ich das Buch aber in den Händen halte, desto besser gefällt mir das Cover.

Die Geschichte ist, wie der Marsianer auch, literarisch nicht anspruchsvoll, aber sehr spannend, unterhaltsam und gut runterzulesen. Ich ahne den Einfluss des Lektors, Weir hält sich bei den technischen und physikalischen Erklärungen mehr zurück als beim Marsianer und schafft eine schöne Balance zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung. Ich begleite Jazz gern durch ihre Welt, durch die Aufdeckung des Komplotts auf dem Mond und die Sorgen, die unseren auf der Erde erstaunlich ähnlich sind. Einzig ihre schnoddrige Art wirkt mir manchmal zu plump. Zu künstlich. Dann kommt mir Jazz vor, wie die Frau, die sich Männer gerne vorstellen.

Trotzdem, ich brauche nur wenige Tage für das Buch und bleibe lächelnd zurück, vorfreudig auf den kommenden von Andy Weir und die garantierte Verfilmung von Artemis.

Artemis von Andy Weir wurde übersetzt von Jürgen Langowski und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Alte Freunde von John Niven

Der erste Satz aus Alte Freunde:

Alan Grainger durchforstete seinen Wortschatz nach einem anderen Begriff für ‚Unverschämtheit‘, als er von Covent Garden kommend die Charing Cross Road überquerte.

John Niven hat mit Coma und Gott bewahre Bücher abgeliefert, derb und so unterhaltsam, dass ich vielen Menschen davon erzählt habe. Straight White Male lag mir zu sehr an Californication, aber war trotzdem ein gutes Buch.

Gute Freunde fängt mit dem Zusammentreffen alter Freunde nach mehr als 25 Jahren an, in denen sich alles geändert hat: Der ehemalige Rockstar lebt seit Jahren obdachlos und der langweilige Mitläufer von früher ist glücklich verheiratet und wohlverdienend. Natürlich nimmt Alan seinen alten Freund Craig auf und versucht, ihm wieder auf die Beine zu helfen. Dabei scheint Craig anderes im Sinn zu haben.

Die Prämisse ist mir erstmal egal, ich lese, weil ich weiß, dass ich etwas von Niven lese und er es schon größtmöglich knallen lassen wird. Macht er leider nicht. Im Gegenteil, es fühlt sich an, wie ein Manuskript, das in der Schublade lag und nun ein bisschen entstaubt wurde für die Veröffentlichung.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/173057788297/die-entscheidenden-weichen-des-lebens-winzige

Es gibt tolle Gedankengänge und Sätze drin, schöne Bilder und witzige Stellen. Aber oft wirkt es plump und hölzern, erklärend und inkonsistent in der Erzählweise. Da Stephan Glietsch schon die anderen Romane von John Niven ins Deutsche übertragen hat, schiebe ich dies dem Autor zu, nicht dem Übersetzer.

Es ist ein okayes Buch. Aber niemals das von Niven, welches ich empfehlen würde.

Alte Freunde von John Niven wurde übersetzt von Stephan Glietsch und erschien bei Heyne Hardcore. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Was übrig bleibt: „Die entscheidenden Weichen des Lebens: winzige Augenblicke, denen wir keine große Tragweite…“

“Die entscheidenden Weichen des Lebens: winzige Augenblicke, denen wir keine große Tragweite beimessen. Doch nichts bleibt folgenlos.”

Alte Freunde – John Niven
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Roman: Die Unversehrten von Tanja Paar

Der erste Satz aus Die Unversehrten:

‚Kann ich ein Glas Wasser, Vio‘, sagt sie und ich ergänze ‚haben‘.

Das Cover war mein Highlight der Buchmesse, also habe ich das Buch mitgenommen. Aber der Klappentext hat mich skeptisch gemacht. Ich war mir sicher, dass mir diese Dreiecksgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann zu sehr Betroffenheitsprosa sein würde. Aber das Cover.

Tatsächlich überrascht Tanja Paar mich. Sie schreibt extrem minimal, die Szenen sind kurz, vieles wird nur angerissen und das ganze Buch erinnert mich an einen Comic, in dem auch immer nur Standbilder gezeigt werden und der Hauptteil der Geschichte zwischen den Bildern geschieht. Es ist experimentell und es ist gewagt, manchmal funktioniert es, oft aber leider nicht.

Mehrmals komme ich mir vor, als ob ich die Rohfassung einer viel größeren Geschichte lese, einzelne Szenen, die unvollständig und zu kurz sind. Dadurch nimmt mir die Geschichte die Zeit, die ich bräuchte, um auf die emotionale Ebene zu kommen, die ich für die Geschichte bräuchte.

Die Geschichte ist krasser, als es der Einband suggeriert. Das ist gut, aber in mir rührt sich kaum was, weil ich nicht den Platz bekomme, dass es sich entfalten kann.

Weiterhin ist Österreichisch doch ein wenig anders, als Deutsch, sodass ich immer wieder über die kleinen grammatischen Unterschiede oder für mich ungewohnte Worte stolpere. Das holt mich mehr aus der Geschichte, als es sollte.  Und als letztes wirft das Ende der Geschichte für mich einen sehr großen Schatten über den Rest.

Paar hat eine spannende Schreibe und ich bin gespannt, wie das nächste Werk wird, aber dieses Mal hat es mich nicht berührt.

Die Unversehrten von Tanja Paar erschien im Haymon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Das perfekte Fortbewegungsmittel für Stuttgart

Das ehemals als Autostadt konzipierte Stuttgart erstickt an seinen eigenen Kindern. Wenn ich schnell durch Stuttgart kommen will, dann darf ich kein Auto nehmen. Hier sind zu viele davon unterwegs, stets ist Stau, überall sind Baustellen, und Parkplätze gibt’s eh nicht. Durch seine Kesselform ist Stuttgart nicht wie jede andere Stadt. Wie also komme ich am besten irgendwo hin?

Das sind meine Gedanken dazu.

  1. Zu Fuß: Tatsächlich spaziere ich viel durch Stuttgart. Viele Orte sind gut zu Fuß erreichbar, nebenbei kann ich telefonieren oder Hörbuch hören. Wenn’s aber schnell gehen muss, geht das leider nicht.
  2. Öffentliche Verkehrsmittel: In Stuttgart sind Bus und Bahn teuer, unpünktlich, überfüllt und dank Stuttgart 21 ist nie klar, was wohin fährt. So sehr ich das Prinzip des Nahverkehrs mag, in Stuttgart funktioniert es für mich nicht.

    https://www.instagram.com/p/Bhe6iDWgr9x/?taken-by=jahfaby

  3. Roller: Der Elektrorollerhersteller Unu bezeichnet den Roller als das perfekte Fahrzeug für die Stadt. Das mag grundsätzlich stimmen, hat ein Roller – ob Benzinger oder Elektro – doch ein paar Vorteile dem Auto gegenüber. Keine Parkplatzsuche und im Stau kann man zumindest versuchen, sich an den Autos vorbeizuschlängeln.
    In Stuttgart geht das aber oft nicht. Oder zumindest habe ich nicht die Geläufigkeit dafür. Und an den Baustellen gibts trotzdem Probleme. So sehr ich meine Zoomer liebe, ich fahre sie viel zu selten.
  4. Fahrrad: Mein eigenes Fahrrad steht im Keller, aber seit Jahren nutze ich Call a Bike der Bahn. Für eine Jahresgebühr von 3 Euro kann ich jede erste halbe Stunde kostenlos fahren. Für Stuttgart ist das ein ziemlich optimales System, weil ich in einer halben Stunde fast überall in Stuttgart bin. Stuttgart ist keine fahrradfreundliche Stadt und es gibt nur wenige Fahrradstraßen oder – wege oder überhaupt ein Bewusstsein für Fahrräder in den Köpfen anderer Verkehrsteilnehmer. Trotzdem habe ich meine Routen, über die ich sehr schnell durch die Stadt komme. Und mit dem Leihsystem bin ich sehr flexibel, kann unterwegs entscheiden, ob ich ein Fahrrad nehme oder doch lieber laufe oder in die Bahn steige.
    Auf der anderen Seite ist die Reichweite durch die Stationen begrenzt und viel zu oft sind an den Stationen keine Fahrräder verfügbar, es ist also keine sichere Sache. Und natürlich ist Stuttgart immer noch ein Kessel. Hier Fahrrad fahren heißt also auch, 50% der Zeit einen Berg hoch fahren. Deshalb entscheide ich mich oft dafür, den Berg runterzufahren, aber hochzulaufen.

Für mich ist die perfekte Fortbewegung in Stuttgart aktuell eine Mischung aus Fahrrad und zu Fuß gehen, mit einer Prise Nahverkehr und einem Hauch Roller. Aber was, wenn man dem Fahrrad ein bisschen Power gibt?

Ein e-Bike, offiziell Pedelec, mit einer Unterstützung bis 25 km/h bringt mir nichts auf den Wegen nach unten, aber es hilft, den Berg schneller hochzukommen. Und weil es mein Fahrrad ist, bin ich unabhängig von den Call a Bike-Stationen, kann weiter fahren und Strecken ersetzen, die ich bisher mit der Bahn gefahren bin. Das ist zumindest meine Idee. Greenstorm ist Händler für gebrauchte e-Bikes und verkauft ‚Jahresbikes‘, also Fahrräder, die für ein Jahr von Hotels für die Hotelgäste benutzt wurden. Ich bin Botschafter für Greenstorm, das heißt, ich habe das Corratec E-Power X-Vert zur Verüfgung gestellt bekommen. Ein Jahr lang darf ich es fahren und testen und darüber berichten.

Ich bin gespannt, wie sich mein Fortbewegen sich verändern wird.

 

Buch: Beobachtungen aus der letzten Reihe von Neil Gaiman

Der erste Satz aus Beobachtungen aus der letzten Reihe:

Ich bin dem Journalismus entflohen – oder habe mich ungeschickt von ihm gelöst -, weil ich die Freiheit haben wollte, mir selbst Sachen auszudenken.

Ich kenne Gaiman noch gar nicht so lange, aber ich lese seine Bücher gern, ich mag dieses Realität plus einen Hauch Magie. Ich sehe ihn mir auch gern an, wenn er Reden und Vorträge hält. Nun ist ein ganzes Buch davon entstanden, eine Sammlung von Vorworten, Essays, Reden und Vorträgen, die Gaiman in mehr als 20 Jahren in der Unterhaltungsbranche verfasst hat.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/172557336962/und-literatur-schenkt-und-empathie-sie-versetzt

Einigermaßen sortiert nach Dingen über das Schreiben selbst, über andere Menschen und über seine eigenen Geschichten. Gaiman schreibt selbst, es ist kein Buch, dass man einfach von vorne nach hinten lesen sollte. Ich habe es getan und es klappt tatsächlich nicht gut. Weil Gaiman zwar extrem gut Geschichten erzählen und Vorträge halten kann, aber gelesen funktionieren diese Vorträge leider nicht so gut, wie wenn man sie hört. Und wenn man einen nach dem anderen liest, merkt man eben doch, dass sie aus einem Kopf kommen und manche Bilder, Ideen und Anekdoten – so gut sie sind – immer wieder von Gaiman verwendet worden. Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, schon zu kennen, was ich las.

Es sind viele schöne Texte in diesem Buch, viele Leseempfehlungen und viele tolle Gedanken, richtig spannend wird es aber dann, wenn Neil Gaiman seine alten Texte nochmal kommentiert und in Zusammenhang bringt.

Es ist eine gute Zusammenstellung zum Teil sonst kaum erhältlicher Texte und ich hatte meine Freude, es zu lesen. Aber ich kann es nur Fans empfehlen und wünschte mir mehr Aufmerksamkeit und ein wenig mehr Zeit bei der Komposition.

Eine Sache noch, im Original heißt das Buch ‚The View from the Cheap Seats‘. Der titelgebende Aufsatz heißt im Buch auch ‚Die Aussicht von den billigen Plätzen‘. Warum das Buch selbst eine ungenauere Übersetzung erhalten hat, weiß ich nicht, aber es irritiert mich.

Beobachtungen aus der letzten Reihe von Neil Gaiman wurde übersetzt von Rainer Schumacher und Ruggero Leò und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

 

Was übrig bleibt: „Über die Jahrtausende wandten Menschen sich immer wieder mit dieser Bitte an Eremiten, begierig…“

“Über die Jahrtausende wandten Menschen sich immer wieder mit dieser Bitte an Eremiten, begierig darauf, jemanden zu konsultieren, der ein gänzlich anderes Leben führte als sie selbst. […] Zumeist antworteten die Eremiten ausweichend. […] Ich fand, nun war ich dran mit meiner Frage. Ob ihm in der Wildnis eine große erhellende Erkenntnis offenbart worden sei, wollte ich von Knight wissen. Es war mir ernst mit der Frage. […]
Er saß ganz still da. Ihm war nicht anzusehen, ob er nachdachte oder wütend war. Vielleicht war beides der Fall. Aber schließlich setzte er zu einer Antwort an. Es kam mir vor, als würde ein großer Mystiker mir sogleich den Sinn des Lebens verkünden.
“Man braucht ausreichend Schlaf”, erklärte er.
Er reckte das Kinn vor in einer Weise, die vermittelte, dass er nichts weiter sagen würde. Dies war die Antwort auf meine Frage. Ich gab mich damit zufrieden.”

Der Ruf der Stille – Michael Finkel
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Was übrig bleibt: „Und Literatur schenkt und Empathie: Sie versetzt uns in die Köpfe anderer und gibt uns die…“

“Und Literatur schenkt und Empathie: Sie versetzt uns in die Köpfe anderer und gibt uns die Möglichkeit, die Welt durch deren Augen zu sehen. Literatur ist eine Lüge, die die Wahrheit erzählt, immer und immer wieder.”

Beobachtungen aus der letzten Reihe – Neil Gaiman
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Zehn Schreibregeln von Margaret Atwood, auf deutsch.

Gefunden auf Advice To Writers, übersetzt von mir. Ist eine schnelle und rohe Übersetzung, Verbesserungsvorschläge sind gern gesehen.

    1. Nimm einen Bleistift, um in Flugzeugen zu schreiben. Kugelschreiber laufen aus. Aber wenn die Mine bricht, kannst du den Stift nicht spitzen, weil du keine scharfen Gegenstände mitnehmen kannst. Deshalb: Nimm zwei Bleistifte.
    2. Falls beide Minen abbrechen, kannst du sie mit einer Nagelfeile aus Metall oder Glas einigermaßen spitzen.
    3.  Nimm etwas mit, auf dem du schreiben kannst. Papier ist gut. Im Zweifelsfall tun es auch ein Stück Holz oder dein Arm.
    4. Wenn du einen Computer benutzt, speichere neue Texte immer auf einem USB-Stick.
    5. Mache Rückenübungen. Schmerz lenkt ab.
    6. Halte die Aufmerksamkeit deiner Leser. (Das klappt meist besser, wenn du selbst aufmerksam bleibst.) Aber wenn du nicht weißt, wer dein Leser ist, ist das wie fischen im Dunkeln mit einer Steinschleuder. Was A fasziniert, langweilt B zu Tode.
    7. Höchstwahrscheinlich brauchst du einen Thesaurus, ein Buch mit der Grundgrammatik und Sinn für die Realität. Letzteres heißt: Es gibt nichts umsonst. Schreiben ist Arbeit. Es ist auch ein Glücksspiel. Du kriegst keine Rente. Andere Leute können dir ein wenig helfen, aber im Endeffekt bist du auf dich allein gestellt. Niemand zwingt dich, es zu tun: du hast dich dafür entschieden, also jammer nicht.
    8. Da kannst dein eigenes Buch niemals mit der unschuldigen Erwartung lesen, die mit den ersten wunderbaren Seiten eines neuen Buches kommt, weil du das Ding geschrieben hast. Du warst hinter den Kulissen. Du hast gesehen, wie die Kaninchen in den Hut geschmuggelt worden sind. Frage deshalb ein oder zwei befreundete Leser, einen Blick drauf zu werfen, bevor du es an jemanden in der Buchbranche weitergibst. Dieser Leser sollte niemand sein, mit dem du eine Beziehung führst, es sei denn, du willst Schluss machen.
    9. Mach nicht mittendrin schlapp. Wenn du dich im Plot verloren hast oder du nicht weiterweißt, verfolge deine Schritte zurück, bis dahin, wo du falsch abgezogen bist. Dann nimm die andere Route. Und / Oder ändere den Charakter. Ändere die Zeitform. Ändere die erste Seite.
    10. Gebete könnten helfen. Oder etwas anderes zu lesen. Oder eine konstante Vorstellung des Heiligen Grals, die fertige, veröffentlichte Version deines strahlenden Buches.

Die Leipziger Buchmesse 2018 in meinen Highlights und Lowlights. #lbm18

Der Besuch der Buchmesse in Leipzig ist mittlerweile so selbstverständlich wie Zähneputzen. Ich trage den Termin ein und fahre hin. Ganz klar. Und immer über alle Tage. Mit sehr wenigen fixen Terminen. Es nichts besseres gegen die Fear of missing out, als so eine Messe: Es gibt so viel Gutes zu sehen, dass ich auf jeden Fall irgendetwas verpassen werde. Also sehe ich mir gar nicht an, was ich alles verpassen könnte. Sondern laviere vier Tage über die Messe, treffe Menschen, Bücher Bund Geschichten, die ich wiedersehen will, die ich kennenlernen will und die ich ganz zufällig entdecke. Und dazwischen gibts ein paar wenige Termine, weil nicht alle ganz so flexibel unterwegs sein können.

Auf der Hinfahrt verschlinge ich ‚Jack‘ von Anthony McCarten. Wie gut es ist, steht hier. Auf der Buchmesse ist es schon ab Donnerstag irgendwie voll und ich freue mich, mich immer wieder zurückziehen zu können.

Die Ecke von Wolfgang Tischer und literaturcafé.de ist meine Homebase. Ein guter Ort, um mit Menschen zu reden und den Massen zu entfliehen.

Vier Tage auf der Messe zu sein, ist wie im Zug zu sitzen und nur eine Zeitschrift dabeizuhaben. Erst gucke ich mir an, was mich wirklich interessiert. Dann laufe ich rum und gucke nach den Sachen, die auch ganz spannend sein könnten. Und erst dann habe ich die Aufmerksamkeit, mir die kleinen Wunder anzusehen, die ich bei den vorigen Malen übersehen habe.

Den ersten Abend verbringe ich mit anderen Bloggern bei Klett-Cotta. Gutes Essen, gute Gespräche.

Mein Coverhighlight finde ich gleich am Donnerstag. Haymon ist der Verlag von Selim Özdogan und vor einem halben Jahr habe ich einen Abend mit ihm und ein paar Leuten des Verlages verbracht. Also schlendere ich dort vorbei und sehe ‚Die Unversehrten‚ von Tanja Paar. Die Lesung verpasse ich zwar, aber das Buch will ich mitnehmen, auch wenn ich noch nicht weiß, ob mich das Buch interessieren wird.

Dann kommt der Samstag und der Schnee macht alles anders, nur die Anzahl der Besucher gefühlt nicht weniger. Aber weil einige Leute nicht nach Leipzig kommen, da die Bahn nicht mehr bis hierher fährt, springe ich für Uve Teschner ein, der mit Wolfgang über das Sprechen und Hörbücher reden sollte. Die Bahn will Uve nicht bringen, also reden Wolfgang und ich über gutes Vorlesen. Wir funktionieren ganz gut zusammen, die halbe Stunde macht Spaß und geht schnell rum. Direkt danach mache ich gleich zweimal hintereinander den Intensivkurs ‚Sprechtraining für Lesungen, Interviews und Liveevents‚ bei der Autorenrunde.

Krass, wie gerne ich Menschen etwas beibringe, wenn sie etwas lernen wollen. Auch wenn es viel zu wenig Zeit für diesen Inhalt ist.

Der Sonntag plätschert dann aus, lässt mich ein letztes Mal durch alle Hallen gehen und dann irgendwann nach Hause fahren.

Dazwischen ganz viele schöne Momente und Gespräche, viel über Literatur, über die Branche und natürlich auch den ganzen Rest.

Die Buchmesse in Leipzig fühlt sich für mich immer wie die familiärere Messe an. Die kleinere, weniger geschäftliche Messe. Dieses Mal aber war ich manchmal irritiert, weil die Stände der Verlage sehr spezielle Zielgruppe anspricht, anstatt ihr Verlagsprogramm komplett zu präsentieren. Einige der größeren Verlage haben ihren Stand – ganz polemisch gesagt – auf rosarote Liebesgeschichten für 14jährige Mädchen ausgelegt und alle anderen Bücher des Verlages auf ein Regal in der hinteren Ecke verbannt, wenn überhaupt.

Tatsächlich richtig nervig waren die Sicherheitskontrollen. Erstmal: Weder ich noch sonstjemand kann deren Wirksamkeit bestätigen. Dann kommt die Art der Kontrollen extrem willkürlich vor. Ich habe online nirgends gefunden, nach was genau und wie kontrolliert wurde. Einmal heißt es ‚stichprobenartig‚, andererseits heißt es, dass nach ‚gefährlichen Gegenständen‚ gesucht wird.

Am zweiten Tag – nachdem ich am Tag zuvor einfach durch die Kontrollen gekommen bin – darf ich mit meiner Trinkflasche nicht rein. Ich strebe danach, nachhaltig zu leben und Plastik zu meiden, deshalb ist meine Flasche aus Glas. Glasflaschen dürfen nicht aber nicht auf die Messe.

Auf der Messe wimmelt es von Glas, Glasflaschen werden auf der Messe verkauft und es geht auch nicht nicht um Getränke, denn Plastikflaschen darf man einfach mitnehmen. Warum also darf ich keine Glasflasche mit aufs Gelände nehmen? Ansage von oben, mehr kann mir kein Sicherheitsmann sagen. Ich habe die Messe selbst gefragt, wenn ich Antwort bekomme, kommt sie hierher.

Nachtrag 16.04.19: Ich habe eine Antwort von der Messe auf die Frage nach dem Glas bekommen. Scheinbar war das ein Problem beim Briefing, denn grundsätzlich sind Glasflaschen erlaubt. Nächstes Jahr werde ich vehement standhaft bleiben.

Abgesehen von diesen Dingen bin ich mit einem warmen Gefühl von der Messe gekommen und ich freue mich auf das nächste Mal.

 

 

Roman: Jack von Anthony McCarten

Der erste Satz aus Jack:

Ja, ich war da.

Ende der 1960er, Jan ist Literaturstudentin und besessen von Jack Kerouac, dem Idol der Beat-Generation und Autor von ‚Unterwegs‘. Dieser ist abgehalftert und hat sich fast zu Tode gesoffen, hat kaum noch Kontakt zu Menschen. Aber Jan will zu ihm und will die erste authorisierte Biografie über ihn schreiben.

Vor knapp zehn Jahren hatte ich meine große Hippie/Beatnik/Jack Kerouac/Tom Wolfe/Ken Kesey-Phase und ich habe mich tief in die Materie gelesen und gefühlt. Als ich Anfang des Jahres von Anthony McCartens neuem Roman über Kerouac gehört habe, habe ich mich sehr darüber gefreut, wieder in die Zeit einzutauchen. Genau das gelingt auch mit dem Roman. Er bringt mich zurück in die 1960er, ein Wiedertreffen mit alten Freunden, mit denen ich diese neue Geschichte erlebe.

Anfangs tue ich mich schwer, in die Geschichte aus der Ich-Perspektive einzutauchen. Ich mag Jans Art nicht, finde sie auch nicht sympathisch. Bis ich mich eingegrooved habe. Und der Roman seine erste Wendung nimmt. Davon hat McCarten einige und sie machen aus dem Roman mehr als die typische ‚junges Mädchen trifft auf grummeligen alten Mann und schafft Veränderung‘ – Geschichte. Zusätzlich glaube ich, dass der Roman besser funktioniert, je mehr man über Kerouac und die Zeit weiß. Weil es dann Irritationen gibt, die sich im Laufe des Romans umso sauberer Auflösen.

Eine sehr gut und schnell runterlesbare Geschichte über Identitäten und Idole, die voll in mein Unterhaltungsempfinden passt.

Der erste Wermutstropfen dabei ist das Gefühl einer Mogelpackung, wenn man den Roman aufschlägt. Das Buch ist eh schon dünn. Zusätzlich ist die Schrift offensichtlich größer als bei anderen aktuellen Büchern des Verlags, sodass zumindest ein paar Seiten noch dazukommen. Man könnte auch einfach zur Länge der Geschichte stehen und den Preis anpassen.

Nachtrag, 28. März 2018: Ich habe mit Diogenes über die verschiedenen Schriftgrößen geredet und habe folgende Antwort bekommen:

Wir arbeiten je nach Umfang mit drei verschiedenen Schriftgraden und Satzspiegeln. Andere Verlage legen Schriftart, Schriftgröße und Satzspiegel für jeden Titel individuell fest. Natürlich dienen die Satzspiegel auch dazu, dem Buch eine gewisse Form zu geben – auch, damit bestimmte Titel nicht zu umfangreich werden, das geht also in beide Richtungen.

Andererseits bemisst sich ja der Wert eines literarischen Werkes nicht anhand der Seitenzahl.

Schön, dieser Einblick in die Produktion. Das Gefühl, dass ich beim ersten Aufschlagen des Buches hatte, kann ich im Nachhinein leider nicht mehr ändern.

Der zweite Wermutstropfen ist das Ende. Der letzte Twist von McCarten ist eigentlich ganz schön, aber leider relativ plump gemacht. Und dies ganz am Ende entlässt einen ein wenig enttäuscht in die Realität zurück. Trotzdem hat er mich angefixt und ich weiß, bald muss ich meine Hippie/Beatnik/Jack Kerouac/Tom Wolfe/Ken Kesey-Phase wieder aufleben lassen.

Jack von Anthony McCarten wurde übersetzt von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié und erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wie nutzt du dein #smarterphone?

Der Streit um Handys hört nicht auf: Machen sie abhängig? Müssen wir unsere Kinder vor ihnen schützen? Weil mich diese immer gleiche Debatte nervt, möchte ich einen Schritt vorwärts versuchen – Dirk von Gehlen möchte Antworten auf die Frage sammeln: Wie geht man anständig mit dem Smartphones um?

Folgende Fragen kommen von Dirk. Die Antworten sind meine. Weitere gibt es hier. Jeder darf mitmachen.

Name: Fabian Neidhardt
verbringt seinen Tag als… Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns
nutzt ein: Xiaomi Redmi 3 Pro

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Es vereint ganz viele Möglichkeiten, in jedem Sinne. Ich kann damit genauso produktiv arbeiten oder konsumieren, wie ich damit auch einfach Zeit verbrennen kann. Es liegt an mir, wie ich es nutze.

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Facebook, Gmail und die Messenger.

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
Die Wetterapp.

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Je nach Arbeit bleibt das Telefon eine Weile in der Tasche. Größtenteils aber erlaubt es meine Arbeit, es so zu nutzen, wie ich es auch sonst nutze.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
Gar keine. Mein Telefon blinkt, vibriert und tönt nicht. Über mein Armband werde ich über Anrufe informiert. Alles andere kann warten, bis ich wieder aufs Display sehe.

Warum?
Weil ich mir nicht diktieren lassen will, wann ich aufs Handy sehe. Und es auch angenehm finde, wenn es manchmal ein paar Stunden in der Ecke ligt, ohne, dass ich es beachte.

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Leider keine so konsequent, wie ich es gern hätte. Am ehesten: Telefonat schlägt Schreiben/Sprachnachrichten, Realkommunikation schlägt Telefonat. Das heißt, ich strebe danach, mein Telefon in der Tasche zu lassen, wenn ich mit anderen Menschen in Kontakt bin.

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Immer wieder gestalte ich meinen Lockscreen als Aufforderung, wenn schon das Telefon zu nutzen, dann in einer produktiven Art. Nutzt sich leider ab, deshalb müsste ich das regelmäßiger ändern.

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
Mir fällt keine für mich passendere ein, deshalb lasse ich Dirks Antwort stehen: „Mobiltelefone sind keine Drogen, die per se abhängig machen, sondern Werkzeuge, deren Handhabung die Gesellschaft noch nicht gelernt hat.“ (via)

Was übrig bleibt: „Aber das Leben ist nicht die Geschichte dessen, was man vermieden hat; es handelt hauptsächlich von…“

“Aber das Leben ist nicht die Geschichte dessen, was man vermieden hat; es handelt hauptsächlich von den Dingen, die uns unaufgefordert in die Hände fallen, die uns über den Weg laufen, ohne dass wir nach ihnen suchen, die uns die unschuldige Nase blutig schlagen und uns das Unvermeidliche aufdrängen.”

Jack – Anthony McCarten
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Buch: Iss was?! Tiere, Fleisch & Ich

Der erste Satz aus Iss was?!:

Wenn ich an meine südbadische Kindheit auf dem Land denke, dann erinnere ich mich an die Vielfalt der Tiere, an die Schweine, Hühner, Kaninchen und Ziegen, die wir selbst aufzogen und zu Hause schlachteten.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, Jugendliche über Fleisch, seine Herkunft und seine Konsequenzen zu informieren. Herausgekommen ist dieses Buch, perfekt auf Toiletten oder in Wartezimmern oder so. Wo man ein bisschen drin rumblättern kann. Ich mag die Illustrationen und die Art, wie die Informationen verpackt sind.

Klar, manchmal merkt man dem Buch und den Texten an, dass Jugendliche die Hauptzielgruppe sind. Aber selbst nach sieben fleischlosen Jahren habe ich im Buch einige Dinge gelesen, die ich nicht wusste – auf eine meist sehr unaufdringliche Art.

Ich merke dem Buch die Liebe an, die in die Gestaltung gesteckt wurde. Dass es nie darum ging, das Buch zu verkaufen. Auf der letzten Buchmesse wurde es kostenlos verteilt, gegen Porto kann man sich Exemplare bestellen und die PDF kann man einfach runterladen, hier.

Iss was?! wurde herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Master Literarisches Schreiben. Der Studiengang in Hildesheim.

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Mitte 2017 habe ich meinen Master Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim beendet. Wie auch beim Sprechen höre ich auch darüber öfter mal, ach, das kann man studieren. Deshalb, wie auch beim Sprechen, hier meine ganz subjektiven Antworten über den Masterstudiengang Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim.

Als ich noch hochmotiviert war, schrieb ich Berichte über Semester 1 und Semester 2. Alles darin hat sich bis zum Ende gehalten und ein paar Inhalte tauchen hier wieder auf. Also bitte auch lesen, bevor ihr Fragen stellt.

Ich habe in Hildesheim von 2014 bis 2017 studiert. Dieser Artikel basiert auf meiner eigenen Meinung und meinem Wissensstand, ich übernehme also keine Gewähr, aber habe alles nach bestem Gewissen geschrieben und werde ihn bei Bedarf erweitern oder abändern.

Was heißt das, Literarisches Schreiben?

Während Creative Writing beispielsweise in Amerika ganz normal ist, kann man in Deutschland an staatlichen Hochschulen nur in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut und an der Universität Hildesheim Schreiben studieren. Aus Leipzig kann ich nur aus zweiter Hand berichten, aber grundsätzlich sind an beiden Instituten Bachelor und Masterstudiengänge möglich, wobei – ganz knapp gesagt –  im Bachelor das Schreiben generell gelernt wird, eine große Bandbreite abgedeckt wird und viel ausprobiert werden kann. Der Master dagegen konzentriert sich auf ein Buchprojekt – meist, aber nicht zwingend ein Roman – an dem die Studienzeit über gearbeitet wird und man nebenher noch weitere Kurse besucht.

Ob das überhaupt geht und ob die Institute eine Daseinsberechtigung haben, ist eine ganz andere Frage, aber: Man lernt den handwerklichen Teil der Schriftstellerei. Man liest extrem viele andere AutorInnen, analysiert Texte, ahmt nach, diskutiert, werkstättet, übt und findet im besten Fall seine persönliche Schreibe. Und hat nach Abschluss des Masters im besten Fall ein fertiges Manuskript und einigen Einblick in die Buchbranche und die AutorInnenszene in Deutschland.

Und, klappt das?

Erstmal, ja. Ich war bei der Bewerbung arrogant genug, um zu denken, dass ich nach 12 Jahren Schreiberei einigermaßen weiß, wie das funktioniert. Ich wollte ‚Schreiben‘ im Lebenslauf stehen haben und ich wollte einen Fuß in diese Branche kriegen.

Tatsächlich habe ich beides bekommen, darüber hinaus aber noch gute Freunde gewonnen, viele Erfahrungen gemacht und wirklich extrem viel über das Schreiben gelernt. Das hat mich sehr überrascht und ich bin dankbar, dies tun zu dürfen.

Also sollte jeder, der Schreiben möchte, das Studieren?

Nein. In mehrerer Hinsicht. Während ich Sprechkunst als Studium fürs Leben erstmal jedem empfehlen kann, siehts bei Schreiben ganz anders aus.

Einerseits: Man kann sich all das, was wir dort gelernt haben, auch anders beibringen, dauert nur länger. Und die Branche funktioniert nochmal anders als die Sprecherbranche. Leider geht es viel zu oft nicht darum, ob man Schreiben kann – was immer das heißt – sondern um Faktoren, für die man an dieser Uni nichts dazulernt.

Andererseits: Während Stuttgart und Sprechkunst zu meiner Zeit vier Jahre lang ein Nest voller Liebe und weicher Federn war, in die man fallen konnte, in dem man scheitern konnte und lernen, wieder aufzustehen, gibts in Hildesheim eine dreckige oberflächliche Ellenbogenmentalität. Im Bericht über Semester 2 schrieb ich:

Weil es so ein Kleinstkosmos und es eher gegenseitiges Konkurrieren ist, beobachtet anscheinend jeder jeden genau. Zumindest verhalten sich fast alle so, als wären andauernd unter Beobachtung. Was wiederum auch heißt, dass man kaum in Kontakt mit anderen Leuten kommt. Selbst, wenn man sich in einem Kurs kennengelernt hat, sobald auf der Wiese ist, wird man vielleicht noch angenickt, aber ansonsten verbleibt man in den Gruppen der Leute, die man kennt. Ich habe nur wenige, dafür aber umso schönere Ausnahmen entdeckt.

Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht daran, dass es es zwischen all den luxoriösen und elitären Studiengängen nochmal eine zumindest subjektive Rangordnung gibt. Dass beispielsweise die Bachelorstudenten Kreatives Schreiben sich als die „besseren Schreiber“ ansehen, als die Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Literatur. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das so ist, aber für mich fühlt es sich oft so an. Aber auch innerhalb der Studiengänge, zumindest bei den Schreibern, scheint es viel Rivalität zu geben. Als ob man jemand anderem einen guten Text nicht gönnt.

Das hat sich bis zum Ende nicht geändert. Ich bin froh, dass ich dieses Studium nach den vier Jahren in Stuttgart angetreten habe, mit gutem Selbstwertgefühl und ein paar Jahren Erfahrung mit ‚dem echten Leben‘. Aber wenn man als 17 Jahre alter Mensch direkt von der Schule dorthin kommt und vielleicht zum ersten Mal seine Texte anderen Menschen zeigt und diese sagen, ‚kein Wunder ist der Text scheiße, weil du bist ja scheiße.‘, dann ist die Gefahr hoch, dass man kaputter und verängstigter aus dem Studium kommt, als man reingegangen ist.

Weiterhin hält sich in Hildesheim der ganz hartnäckige Mythos, dass wahre Kunst nur aus Leid entstehen kann. Also wird von einer signifikanten Gruppe ein Bukowksi-Lebensstil mit Sex, Drugs & Selbstverletzung nicht nur gefeiert, sondern auch eingefordert. Ich habe nie mehr Menschen mit vernarbten Handgelenken gesehen als an diesem Institut. Und dazu kommen noch einige andere strukturelle Probleme, die man aber in ähnlicher Art wohl an jedem Studienort finden wird.

Deshalb, ja, man lernt extrem viel in Hildesheim und wenn man schreiben möchte, kann einen das Studium dort weiterbringen. Aber man sollte sich selbst bewusst sein und ein dickes Fell mitbringen. Sonst kann das ziemlich schief gehen. Es ist nicht für jeden etwas.

Kann man zum Studium pendeln?

Ja, zumindest den Master auf jeden Fall. Ich musste mich zwar, wie jeder andere auch, durch ein Dickicht aus Tabellen und ETCS-Punkte-Schnickschnack kämpfen, aber dann konnte ich mir meine Kurse, die ich wollte, so zusammenlegen, dass ich nur ein bis zwei Tage in Hildesheim verbrachte und den Rest in Stuttgart lebte, arbeitete und liebte. Der Großteil des Studiums besteht aus lesen und schreiben. Das geht gut in Zügen und überall anders. Fernbeziehung mit dem Studium, quasi.

Ich habe meine Bahntickets immer weit im voraus gebucht und hatte die besten Kommilitonen der Welt, aber dann hatte das super funktioniert. Nach drei Semestern musste ich nur noch den Roman und die Bachelorarbeit schreiben.

Kann man direkt den Master studieren, auch wenn man den Bachelor nicht hat?

Das nennt sich nicht-konsekutiver Master. Hildesheim verlangt ein ‚fachnahes‘ Studium. Nach einem kurzen Telefonat war klar, dass Sprechen genug mit Literatur gemein hat. Und es ging damals das Gerücht, dass man auch Biologie studiert haben konnte, wenn man die Nähe dann nur sauber darlegen konnte. Bei Zweifeln am besten einfach dort anrufen. Die Eignung wird ja nochmal getestet.

Wie war die Aufnahmeprüfung?

Ich hatte keine. Ich musste zwar mein Exposé und meine ersten 15 Seiten meines Projektes hinschicken und aufschreiben, dass ich motiviert und geeignet war, aber in meinem Jahr gab es keine Aufnahmeprüfung für den Masterstudiengang. Sie behalten es sich aber vor, im Zweifelsfall welche durchzuführen. Für den Bachelor, der viel mehr Bewerber hat, gibt es immer eine Aufnahmeprüfung.

Was ist aus deinem Roman geworden?

Ich habe ihn fertig geschrieben. Und ich habe, auch dank Hildesheim im Lebenslauf, eine Agentur gefunden. Was nun damit passiert, kann ich nicht sagen.

Nicht allen ging es so. Manche Projekte meiner Kommilitonen wurden und werden bald veröffentlicht, einige haben Agenturen gefunden, ein paar haben ihr komplettes Projekt über den Haufen geworfen und ein paar soger aufgehört mit dem Schreiben. Dieses Studium ist kein Garant für gar nichts. Nur eine von vielen Möglichkeiten.

Du hast noch eine andere Frage? 

Gern in die Kommentare. Oder per Mail. Aber lies bitte davor die Semesterberichte. Einen weiteren, aber älteren Einblick gibt auch Stefan Mesch.