Roman: Jack von Anthony McCarten

Der erste Satz aus Jack:

Ja, ich war da.

Ende der 1960er, Jan ist Literaturstudentin und besessen von Jack Kerouac, dem Idol der Beat-Generation und Autor von ‚Unterwegs‘. Dieser ist abgehalftert und hat sich fast zu Tode gesoffen, hat kaum noch Kontakt zu Menschen. Aber Jan will zu ihm und will die erste authorisierte Biografie über ihn schreiben.

Vor knapp zehn Jahren hatte ich meine große Hippie/Beatnik/Jack Kerouac/Tom Wolfe/Ken Kesey-Phase und ich habe mich tief in die Materie gelesen und gefühlt. Als ich Anfang des Jahres von Anthony McCartens neuem Roman über Kerouac gehört habe, habe ich mich sehr darüber gefreut, wieder in die Zeit einzutauchen. Genau das gelingt auch mit dem Roman. Er bringt mich zurück in die 1960er, ein Wiedertreffen mit alten Freunden, mit denen ich diese neue Geschichte erlebe.

Anfangs tue ich mich schwer, in die Geschichte aus der Ich-Perspektive einzutauchen. Ich mag Jans Art nicht, finde sie auch nicht sympathisch. Bis ich mich eingegrooved habe. Und der Roman seine erste Wendung nimmt. Davon hat McCarten einige und sie machen aus dem Roman mehr als die typische ‚junges Mädchen trifft auf grummeligen alten Mann und schafft Veränderung‘ – Geschichte. Zusätzlich glaube ich, dass der Roman besser funktioniert, je mehr man über Kerouac und die Zeit weiß. Weil es dann Irritationen gibt, die sich im Laufe des Romans umso sauberer Auflösen.

Eine sehr gut und schnell runterlesbare Geschichte über Identitäten und Idole, die voll in mein Unterhaltungsempfinden passt.

Der erste Wermutstropfen dabei ist das Gefühl einer Mogelpackung, wenn man den Roman aufschlägt. Das Buch ist eh schon dünn. Zusätzlich ist die Schrift offensichtlich größer als bei anderen aktuellen Büchern des Verlags, sodass zumindest ein paar Seiten noch dazukommen. Man könnte auch einfach zur Länge der Geschichte stehen und den Preis anpassen.

Nachtrag, 28. März 2018: Ich habe mit Diogenes über die verschiedenen Schriftgrößen geredet und habe folgende Antwort bekommen:

Wir arbeiten je nach Umfang mit drei verschiedenen Schriftgraden und Satzspiegeln. Andere Verlage legen Schriftart, Schriftgröße und Satzspiegel für jeden Titel individuell fest. Natürlich dienen die Satzspiegel auch dazu, dem Buch eine gewisse Form zu geben – auch, damit bestimmte Titel nicht zu umfangreich werden, das geht also in beide Richtungen.

Andererseits bemisst sich ja der Wert eines literarischen Werkes nicht anhand der Seitenzahl.

Schön, dieser Einblick in die Produktion. Das Gefühl, dass ich beim ersten Aufschlagen des Buches hatte, kann ich im Nachhinein leider nicht mehr ändern.

Der zweite Wermutstropfen ist das Ende. Der letzte Twist von McCarten ist eigentlich ganz schön, aber leider relativ plump gemacht. Und dies ganz am Ende entlässt einen ein wenig enttäuscht in die Realität zurück. Trotzdem hat er mich angefixt und ich weiß, bald muss ich meine Hippie/Beatnik/Jack Kerouac/Tom Wolfe/Ken Kesey-Phase wieder aufleben lassen.

Jack von Anthony McCarten wurde übersetzt von Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié und erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wie nutzt du dein #smarterphone?

Der Streit um Handys hört nicht auf: Machen sie abhängig? Müssen wir unsere Kinder vor ihnen schützen? Weil mich diese immer gleiche Debatte nervt, möchte ich einen Schritt vorwärts versuchen – Dirk von Gehlen möchte Antworten auf die Frage sammeln: Wie geht man anständig mit dem Smartphones um?

Folgende Fragen kommen von Dirk. Die Antworten sind meine. Weitere gibt es hier. Jeder darf mitmachen.

Name: Fabian Neidhardt
verbringt seinen Tag als… Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns
nutzt ein: Xiaomi Redmi 3 Pro

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Es vereint ganz viele Möglichkeiten, in jedem Sinne. Ich kann damit genauso produktiv arbeiten oder konsumieren, wie ich damit auch einfach Zeit verbrennen kann. Es liegt an mir, wie ich es nutze.

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Facebook, Gmail und die Messenger.

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
Die Wetterapp.

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Je nach Arbeit bleibt das Telefon eine Weile in der Tasche. Größtenteils aber erlaubt es meine Arbeit, es so zu nutzen, wie ich es auch sonst nutze.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
Gar keine. Mein Telefon blinkt, vibriert und tönt nicht. Über mein Armband werde ich über Anrufe informiert. Alles andere kann warten, bis ich wieder aufs Display sehe.

Warum?
Weil ich mir nicht diktieren lassen will, wann ich aufs Handy sehe. Und es auch angenehm finde, wenn es manchmal ein paar Stunden in der Ecke ligt, ohne, dass ich es beachte.

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Leider keine so konsequent, wie ich es gern hätte. Am ehesten: Telefonat schlägt Schreiben/Sprachnachrichten, Realkommunikation schlägt Telefonat. Das heißt, ich strebe danach, mein Telefon in der Tasche zu lassen, wenn ich mit anderen Menschen in Kontakt bin.

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Immer wieder gestalte ich meinen Lockscreen als Aufforderung, wenn schon das Telefon zu nutzen, dann in einer produktiven Art. Nutzt sich leider ab, deshalb müsste ich das regelmäßiger ändern.

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
Mir fällt keine für mich passendere ein, deshalb lasse ich Dirks Antwort stehen: „Mobiltelefone sind keine Drogen, die per se abhängig machen, sondern Werkzeuge, deren Handhabung die Gesellschaft noch nicht gelernt hat.“ (via)

Was übrig bleibt: „Aber das Leben ist nicht die Geschichte dessen, was man vermieden hat; es handelt hauptsächlich von…“

“Aber das Leben ist nicht die Geschichte dessen, was man vermieden hat; es handelt hauptsächlich von den Dingen, die uns unaufgefordert in die Hände fallen, die uns über den Weg laufen, ohne dass wir nach ihnen suchen, die uns die unschuldige Nase blutig schlagen und uns das Unvermeidliche aufdrängen.”

Jack – Anthony McCarten
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Buch: Iss was?! Tiere, Fleisch & Ich

Der erste Satz aus Iss was?!:

Wenn ich an meine südbadische Kindheit auf dem Land denke, dann erinnere ich mich an die Vielfalt der Tiere, an die Schweine, Hühner, Kaninchen und Ziegen, die wir selbst aufzogen und zu Hause schlachteten.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, Jugendliche über Fleisch, seine Herkunft und seine Konsequenzen zu informieren. Herausgekommen ist dieses Buch, perfekt auf Toiletten oder in Wartezimmern oder so. Wo man ein bisschen drin rumblättern kann. Ich mag die Illustrationen und die Art, wie die Informationen verpackt sind.

Klar, manchmal merkt man dem Buch und den Texten an, dass Jugendliche die Hauptzielgruppe sind. Aber selbst nach sieben fleischlosen Jahren habe ich im Buch einige Dinge gelesen, die ich nicht wusste – auf eine meist sehr unaufdringliche Art.

Ich merke dem Buch die Liebe an, die in die Gestaltung gesteckt wurde. Dass es nie darum ging, das Buch zu verkaufen. Auf der letzten Buchmesse wurde es kostenlos verteilt, gegen Porto kann man sich Exemplare bestellen und die PDF kann man einfach runterladen, hier.

Iss was?! wurde herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Master Literarisches Schreiben. Der Studiengang in Hildesheim.

https://www.instagram.com/p/BWcYdVkFwxb/?taken-by=jahfaby

Mitte 2017 habe ich meinen Master Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim beendet. Wie auch beim Sprechen höre ich auch darüber öfter mal, ach, das kann man studieren. Deshalb, wie auch beim Sprechen, hier meine ganz subjektiven Antworten über den Masterstudiengang Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim.

Als ich noch hochmotiviert war, schrieb ich Berichte über Semester 1 und Semester 2. Alles darin hat sich bis zum Ende gehalten und ein paar Inhalte tauchen hier wieder auf. Also bitte auch lesen, bevor ihr Fragen stellt.

Ich habe in Hildesheim von 2014 bis 2017 studiert. Dieser Artikel basiert auf meiner eigenen Meinung und meinem Wissensstand, ich übernehme also keine Gewähr, aber habe alles nach bestem Gewissen geschrieben und werde ihn bei Bedarf erweitern oder abändern.

Was heißt das, Literarisches Schreiben?

Während Creative Writing beispielsweise in Amerika ganz normal ist, kann man in Deutschland an staatlichen Hochschulen nur in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut und an der Universität Hildesheim Schreiben studieren. Aus Leipzig kann ich nur aus zweiter Hand berichten, aber grundsätzlich sind an beiden Instituten Bachelor und Masterstudiengänge möglich, wobei – ganz knapp gesagt –  im Bachelor das Schreiben generell gelernt wird, eine große Bandbreite abgedeckt wird und viel ausprobiert werden kann. Der Master dagegen konzentriert sich auf ein Buchprojekt – meist, aber nicht zwingend ein Roman – an dem die Studienzeit über gearbeitet wird und man nebenher noch weitere Kurse besucht.

Ob das überhaupt geht und ob die Institute eine Daseinsberechtigung haben, ist eine ganz andere Frage, aber: Man lernt den handwerklichen Teil der Schriftstellerei. Man liest extrem viele andere AutorInnen, analysiert Texte, ahmt nach, diskutiert, werkstättet, übt und findet im besten Fall seine persönliche Schreibe. Und hat nach Abschluss des Masters im besten Fall ein fertiges Manuskript und einigen Einblick in die Buchbranche und die AutorInnenszene in Deutschland.

Und, klappt das?

Erstmal, ja. Ich war bei der Bewerbung arrogant genug, um zu denken, dass ich nach 12 Jahren Schreiberei einigermaßen weiß, wie das funktioniert. Ich wollte ‚Schreiben‘ im Lebenslauf stehen haben und ich wollte einen Fuß in diese Branche kriegen.

Tatsächlich habe ich beides bekommen, darüber hinaus aber noch gute Freunde gewonnen, viele Erfahrungen gemacht und wirklich extrem viel über das Schreiben gelernt. Das hat mich sehr überrascht und ich bin dankbar, dies tun zu dürfen.

Also sollte jeder, der Schreiben möchte, das Studieren?

Nein. In mehrerer Hinsicht. Während ich Sprechkunst als Studium fürs Leben erstmal jedem empfehlen kann, siehts bei Schreiben ganz anders aus.

Einerseits: Man kann sich all das, was wir dort gelernt haben, auch anders beibringen, dauert nur länger. Und die Branche funktioniert nochmal anders als die Sprecherbranche. Leider geht es viel zu oft nicht darum, ob man Schreiben kann – was immer das heißt – sondern um Faktoren, für die man an dieser Uni nichts dazulernt.

Andererseits: Während Stuttgart und Sprechkunst zu meiner Zeit vier Jahre lang ein Nest voller Liebe und weicher Federn war, in die man fallen konnte, in dem man scheitern konnte und lernen, wieder aufzustehen, gibts in Hildesheim eine dreckige oberflächliche Ellenbogenmentalität. Im Bericht über Semester 2 schrieb ich:

Weil es so ein Kleinstkosmos und es eher gegenseitiges Konkurrieren ist, beobachtet anscheinend jeder jeden genau. Zumindest verhalten sich fast alle so, als wären andauernd unter Beobachtung. Was wiederum auch heißt, dass man kaum in Kontakt mit anderen Leuten kommt. Selbst, wenn man sich in einem Kurs kennengelernt hat, sobald auf der Wiese ist, wird man vielleicht noch angenickt, aber ansonsten verbleibt man in den Gruppen der Leute, die man kennt. Ich habe nur wenige, dafür aber umso schönere Ausnahmen entdeckt.

Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht daran, dass es es zwischen all den luxoriösen und elitären Studiengängen nochmal eine zumindest subjektive Rangordnung gibt. Dass beispielsweise die Bachelorstudenten Kreatives Schreiben sich als die „besseren Schreiber“ ansehen, als die Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Literatur. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das so ist, aber für mich fühlt es sich oft so an. Aber auch innerhalb der Studiengänge, zumindest bei den Schreibern, scheint es viel Rivalität zu geben. Als ob man jemand anderem einen guten Text nicht gönnt.

Das hat sich bis zum Ende nicht geändert. Ich bin froh, dass ich dieses Studium nach den vier Jahren in Stuttgart angetreten habe, mit gutem Selbstwertgefühl und ein paar Jahren Erfahrung mit ‚dem echten Leben‘. Aber wenn man als 17 Jahre alter Mensch direkt von der Schule dorthin kommt und vielleicht zum ersten Mal seine Texte anderen Menschen zeigt und diese sagen, ‚kein Wunder ist der Text scheiße, weil du bist ja scheiße.‘, dann ist die Gefahr hoch, dass man kaputter und verängstigter aus dem Studium kommt, als man reingegangen ist.

Weiterhin hält sich in Hildesheim der ganz hartnäckige Mythos, dass wahre Kunst nur aus Leid entstehen kann. Also wird von einer signifikanten Gruppe ein Bukowksi-Lebensstil mit Sex, Drugs & Selbstverletzung nicht nur gefeiert, sondern auch eingefordert. Ich habe nie mehr Menschen mit vernarbten Handgelenken gesehen als an diesem Institut. Und dazu kommen noch einige andere strukturelle Probleme, die man aber in ähnlicher Art wohl an jedem Studienort finden wird.

Deshalb, ja, man lernt extrem viel in Hildesheim und wenn man schreiben möchte, kann einen das Studium dort weiterbringen. Aber man sollte sich selbst bewusst sein und ein dickes Fell mitbringen. Sonst kann das ziemlich schief gehen. Es ist nicht für jeden etwas.

Kann man zum Studium pendeln?

Ja, zumindest den Master auf jeden Fall. Ich musste mich zwar, wie jeder andere auch, durch ein Dickicht aus Tabellen und ETCS-Punkte-Schnickschnack kämpfen, aber dann konnte ich mir meine Kurse, die ich wollte, so zusammenlegen, dass ich nur ein bis zwei Tage in Hildesheim verbrachte und den Rest in Stuttgart lebte, arbeitete und liebte. Der Großteil des Studiums besteht aus lesen und schreiben. Das geht gut in Zügen und überall anders. Fernbeziehung mit dem Studium, quasi.

Ich habe meine Bahntickets immer weit im voraus gebucht und hatte die besten Kommilitonen der Welt, aber dann hatte das super funktioniert. Nach drei Semestern musste ich nur noch den Roman und die Bachelorarbeit schreiben.

Kann man direkt den Master studieren, auch wenn man den Bachelor nicht hat?

Das nennt sich nicht-konsekutiver Master. Hildesheim verlangt ein ‚fachnahes‘ Studium. Nach einem kurzen Telefonat war klar, dass Sprechen genug mit Literatur gemein hat. Und es ging damals das Gerücht, dass man auch Biologie studiert haben konnte, wenn man die Nähe dann nur sauber darlegen konnte. Bei Zweifeln am besten einfach dort anrufen. Die Eignung wird ja nochmal getestet.

Wie war die Aufnahmeprüfung?

Ich hatte keine. Ich musste zwar mein Exposé und meine ersten 15 Seiten meines Projektes hinschicken und aufschreiben, dass ich motiviert und geeignet war, aber in meinem Jahr gab es keine Aufnahmeprüfung für den Masterstudiengang. Sie behalten es sich aber vor, im Zweifelsfall welche durchzuführen. Für den Bachelor, der viel mehr Bewerber hat, gibt es immer eine Aufnahmeprüfung.

Was ist aus deinem Roman geworden?

Ich habe ihn fertig geschrieben. Und ich habe, auch dank Hildesheim im Lebenslauf, eine Agentur gefunden. Was nun damit passiert, kann ich nicht sagen.

Nicht allen ging es so. Manche Projekte meiner Kommilitonen wurden und werden bald veröffentlicht, einige haben Agenturen gefunden, ein paar haben ihr komplettes Projekt über den Haufen geworfen und ein paar soger aufgehört mit dem Schreiben. Dieses Studium ist kein Garant für gar nichts. Nur eine von vielen Möglichkeiten.

Du hast noch eine andere Frage? 

Gern in die Kommentare. Oder per Mail. Aber lies bitte davor die Semesterberichte. Einen weiteren, aber älteren Einblick gibt auch Stefan Mesch.

Hörbuch: „Origin“ von Dan Brown, gelesen von Wolfgang Pampel

Der erste Satz aus Origin:

Während die historische Zahnradbahn sich mühsam ihren Weg den schwindelerregend steilen Hang hinaufkrallte, blickte Edmond Kirsch auf die gezackten Bergspitzen hoch über ihm.

Ich habe gute Erinnerungen an die Bücher von Dan Brown und an die gelesenen Versionen von Wolfang Pampel. Dutzende Kilometer Spaziergang habe ich den Geschichten zugehört, fasziniert und gespannt, immer etwas über irgendwas dabei gelernt. Aber das System Langdon plus schöner Frau und einem Mord am Anfang wird dann irgendwann doch öde. Und entweder bin ich aus meiner Dan Brown Phase rausgewachsen oder sein Schreibstil ist schlechter geworden. Die Spreche von Wolfgang Pampel übrigens auch.

Diesmal geht es um Supercomputer, um künstliche Intelligenz und den Ursprung der Menschheit sowie die Antwort auf die Frage, wie es mit den Menschen weitergeht. Quasi nebenher wird die Entstehung und das Aussehen der Sagrada Familia in Barcelona beschrieben. Das ist der kulturhistorische spannende Teil.

Der Rest des gesamten Buches – zumindest in der gekürzten Hörbuchfassung – ist vorhersehbar, langweilig und sehr sehr plump geschrieben. Langdons Gedankenwelt wird so simpel beschrieben, dass ich es einfach nicht glauben kann. Schon lange vor den Twists ist mir klar, was passieren wird und dann nehme ich es dem genialen Langdon nicht ab, dass er noch keine Ahnung hat. Ich hatte durchweg die Hoffnung, dass Brown noch einen geilen Twist hinlegen kann. Der kommt nicht und ich bin ernüchtert und enttäuscht.

Von Wolfgang Pampel ebenso. Vor acht Jahren fand ich seine Spreche noch spannend und passend. Mittlerweile ist Pampel 72 Jahre alt und leider ist nichts mehr übrig, als die Stimme. Seine Spreche hört sich an, als würde das Gebiss locker hängen und er liest den Text herunter, als ob er zum ersten Mal ein Hörbuch spricht. Wenn es nicht Dan Brown und Wolfgang Pampel wären, wenn da nicht die Nostalgie wäre, hätte ich nach der ersten Stunde ausgeschaltet.

Empfehlen kann ich es niemandem. Ob ich einen weiteren Brown konsumiere, keine Ahnung.

Origin von Dan Brown wurde übersetzt von Axel Merz, gesprochen von Wolfgang Pampel und erschien bei Lübbe. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Lesung: Kevin Kuhn am 06.02.18 in der Stadtbibliothek Stuttgart

Kevin Kuhn legt mit Liv seinen zweiten Roman vor, ich habe ihn nicht gelesen, aber Kevin war einer meiner Dozenten in Hildesheim. Grund genug, zu seiner Lesung in der Stadtbibliothek zu kommen, im Café Lesbar im obersten Stock, mit Blick in die Bibliothek.

In der Reihe Secondo | Lesung und Gespräch dürfen AutorInnen ihren Zweitling und ihre Herausforderungen damit vorstellen. Moderator diesmal: Björn Springorum.

Manchmal lenkt mich das Geschehen hinter den beiden ab, besonders, wenn jemand auf der gleichen Etage vorbeiläuft. Aber größtenteils bildet der Strudel an Büchern mit den Menschen, die sich daran bedienen, die optimal meditative Kulisse für das Gespräch.

Kevin erzählt und liest und antwortet auf eine zurückgenommene, ruhige Art, eine ganz andere Art als beispielsweise Tad Williams. Björn übernimmt den energiegeladenen Part, stellt interessiert Fragen und baut Bezüge auf. Er ist selbst Autor, was den Abend weniger zu einem Interview als zu einem Kollegengespräch macht, in dem es gar nicht so sehr um die Geschichte, sondern mehr um Kevin, seine Art zu Schreiben und das Handwerk selbst.

Ein Abend voller Einsichten und Ideen und Geschichten. Gerne wieder.

Roman: Niemalsland von Neil Gaiman

Lesestoff: Niemalsland von Neil Gaiman. #amreading #eichborn

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Der erste Satz aus Niemalsland:

An dem Abend, bevor er nach London ging, amüsierte sich Richard Mayhew nicht besonders.

Richard ist ein Normalo in London, ein durchschnittlicher Job, eine normal unglückliche Beziehung, ein Leben, wie wir alle es kennen. Bis ihm Door vor die Füße stolpert, ein junges verletztes Mädchen.

Richard hilft ihr und gerät damit in ein Abendteuer in Unter-London. Der Version der Stadt, in der alle landen, die durch unser Raster fallen, alle, die an Straßenrändern sitzen und die wir versuchen, zu ignorieren. In Unter-London existieren all die Dinge, an die wir „Oberen“ nicht mehr glauben. Hier gibt es Magie und Zauberei, sprechende Tiere, Könige und Assassinen. Und Richard hängt da irgendwie mit drin.

Gaiman beschreibt eine Realität, die nah an meiner ist, dann dreht er langsam den Anteil der Fantasie hoch. Die Magie, die ich in unserer Wirklichkeit manchmal ahne. Ich folge ihm extrem gern durch diese phantastische Version eines Lebens. Durch die Hoffnung, dass es da noch mehr gibt.

Dabei ‚erklärt‘ Neil Gaiman in dieser Geschichte kleine Eigenheiten, die ich kenne. Zum Beispiel scheinbar sinnlos leere Bahnwaggons, die in Gaimans Version nur von Bewohnern von Unter-Londons betreten werden können.

Die Geschichte ist in ein paar Tagen durch, aber Charaktere wie Door bleiben bei mir. Genauso wie das verstärkte Gefühl, dass unsere Realität magischer ist, als wir im Alltag bemerken.

Niemalsland von Neil Gaiman wurde übersetzt von Tobias Schnettler und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemlar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Die Wurzel alles Guten von Miika Nousiainen, gelesen von Christoph Maria Herbst

Der erste Satz aus „Die Wurzel alles Guten„:

Eine Axt haben und schneller sein, das ist bei einer Schlägerei die halbe Miete.

Pekkas Leben geht den Bach runter. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und lässt ihn seine Kinder nicht sehen und seine Zahnschmerzen sind so extrem, dass er zu einem neuen Zahnarzt geht. Der sich als Esko rausstellt, ein Bruder von einer anderen Mutter. Ein verbitterter Zahnarzt, der es die restlichen 60 Jahre auch ohne Familie ausgehalten hat. Aber Pekka hat nichts mehr zu verlieren und überzeugt Esko, ihren Vater zu suchen. Was folgt, ist eine Reise um die Welt und zu sich selbst, gespickt mit Zahnarztmetaphern, erzählt aus den wechselnden Perspektiven der beiden Brüder.

Christoph Maria Herbst macht seine Sache gut, bekommt die Balance zwischen den ernsten und den komischen Tönen ganz gut hin. Leider auch nicht mehr, aber das liegt nicht an ihm, sondern am Text. Dieser ist an vielen Stellen extrem plump.

Ich kann kein finnisch, deshalb kann das zum Teil der Übersetzung geschuldet sein, aber auch inhaltlich gibt es Momente die rein handwerklich zu offensichtlich und eben plump sind. Zu oft erklärt Nousiainen Dinge, statt sie durch seinen Text und die Dialoge zu zeigen.

Deshalb ist es ein nettes Hörvergnügen, das Herbst mir bereitet, ein Hörbuch, dass man sehr gerne hören kann, aber leider nicht mehr.

Die Wurzel alles Guten von Miika Nousinainen wurde übersetzt von Elina Kritzkat, gesprochen von Christoph Maria Herbst und erschien beim Argon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur verfügung gestellt.

Jahr 33, Tag 2: Danke sagen

Gestern bin ich 32 geworden. Innerlich immer noch Kind, das auf einer Mauer sitzt.

Gestern habe ich getanzt geküsst und umarmt. Ich habe geschrieben und gelesen, erzählt, gelacht, Aufmerksamkeit gegeben und bekommen. Ein sehr guter erster Tag für ein neues Lebensjahr. Weil es viele Menschen gibt, die ihn mir so schön gemacht haben.

Danke dafür. Lächeln und Liebe, Fabian.

Roman: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer

Lesestoff: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer. #amreading #diogenes

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Der erste Satz aus Das Genie:

Das Erste, was Boris Sidis tat, nachdem er amerikanischen Boden betreten hatte, war, seinen beiden Reisebegleitern die Freundschaft zu kündigen.

Wie schon in meiner Juryentscheidung für das Debüt 2017 gesagt, hätte ich das Buch nie in die Hand genommen, wenn ich nicht ‚gemusst‘ hätte. Ich mochte den Titel nicht, nicht das Coverbild und die Beschreibung auch nicht. Und für die Lebensgeschichte eines Wunderkindes würde mir eigentlich der Wikipedia-Artikel reichen.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/168711491677/er-mochte-es-nicht-wenn-eine-geschichte-nicht-zu

Aber Zehrer hat einen schönen Erzählstil, eine angenehme Art, mich durch dieses extreme Leben zu führen, das mich gleichzeitig fasziniert und erschreckt. Ich bin unterhalten und nachdenklich, ich erzähle Leuten vom Roman und der Geschichte und ich will mehr wissen. So sollte eine Geschichte sein, so sollte ein Roman im Nachhinein hängen bleiben.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Schachnovelle von Stefan Zweig, gesprochen von Christoph Maria Herbst

Ich habe die Schachnovelle irgendwann zwischen 16 und 18 gelesen, in der Zeit in der ich auch vieles andere las, was ‚man gelesen haben sollte‘. Im Nachhinein war das für vieles ein paar Jahre zu früh.

Diesmal habe ich mir auf Rat von Tobias ‚Buchrevier‘ Nazemi die Hörbuchfassung von Christoph Maria Herbst angehört. Ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Herrn Herbst und bin immer etwas irritiert, wenn das, was er macht nicht witzig sein soll.

Die Schachnovelle ist ein schmales Bändchen, mittlerweile auch kostenlos online verfügbar (Gemeinfreiheit, yeai!), die Hörbuchfassungen dauern alle etwa Zweieinhalb Stunden. Auch diesmal brauche ich eine Weile, bis mit der Ernsthaftigkeit klar komme, aber dann hat die Erzählweise, sowohl von Zweig, als auch von Herbst vollkommen.

Ich glaube, heute würde das Büchlein anders redigiert, die Geschichte ein wenig anders erzählt werden, ein paar Erklärsätze gestrichen, aber in ihrer Gesamtheit ist sie auch mehr als 75 Jahre nach ihrem Erscheinen extrem eindringlich und veranschaulicht nicht nur das schachliche Wesen, sondern auch, wie schwer Monotonie zu ertragen ist und wie schön man sich an den alltäglichen Dingen erfreuen kann, wenn man sie eine Zeitlang nicht erleben durfte.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/169612454057/ich-aber-lauschte-nur-auf-ihre-stimme-war-das

Christoph Maria Herbst ist beim Erzähler nicht ganz so stark, wie in den Figuren, aber das Buch lebt von den Monologen der Protagonisten und die macht er wunderbar. Immer noch eine krasse, berührende Geschichte, geil vorgelesen. Sehr sehr empfehlenswert.

Dank der Gemeinfreiheit gibts nicht nur das Buch, sondern auch vielfache Hörbuchversionen online. Ich habe in die Reclam Ausgabe mit Hans Sigl reingehört, ist zwar österreichischer, aber bringt zumindest beim Stichhören nicht die gleiche Intensität.

Die Schachnovelle von Stefan Zeig, gesprochen von Christoph Maria Herbst, erschien beim Argon Verlag.

Was übrig bleibt: „Ich aber lauschte nur auf ihre Stimme – war das nicht ein Mensch, der sprach? Gab es wirklich noch…“

“Ich aber lauschte nur auf ihre Stimme – war das nicht ein Mensch, der sprach? Gab es wirklich noch auf Erden einen Menschen, der mich nicht verhörte, nicht quälte? Und dazu noch – unfaßbares Wunder! – eine weiche, warme, eine fast zärtliche Frauenstimme. Gierig starrte ich auf ihren Mund, denn es war mir in diesem Höllenjahr unwahrscheinlich geworden, daß ein Mensch gütig zu einem andern sprechen könnte. Sie lächelte mir zu – ja, sie lächelte, es gab noch Menschen, die gütig lächeln konnten –, dann legte sie den Finger mahnend auf die Lippen und ging leise weiter.”

Schachnovelle – Stefan Zweig
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Das Debüt 2017: Meine Juryentscheidung

Schon im letzten Jahr habe ich als Juryblogger die fünf Romane gelesen, dies Jahr also wieder. Allein das Erstellen der Shortlist, die vom Team von Das Debüt ausgefuchst wird, ist eine langwierige und mutige Aufgabe, danach liegt es in den Händen von uns Bloggern, über das Beste zu entscheiden. 17 Menschen mit eigener Meinung und Leseempfinden.

Ich strebe nach Geschichten. Ich will wissen, was passiert. Sprache ist Transportmittel der Geschichte. Im besten Fall fällt sie durch ihre Form auf, wenn sie es dem Leser besonders einfach macht, zu verstehen, was passiert. Meist ist sie unauffällig. Wenn sie zu Wichtig wird, wenn es mehr darum geht, wie erzählt wird, anstatt, was erzählt wird, dann bin ich draußen. So mein Normalfall. Meine persönliche Gewinnerin letztes Jahr – Blauschmuck von Katharina Winkler – war eine strahlende Ausnahme. Dieses Jahr hat es mir die Shortlist besonders schwer gemacht.

Platz 3: Immer ist alles schön von Julia Weber, erschienen im Limmat Verlag.

Diese Geschichte eines Geschwisterpaares, die ihre Mutter vor dem Alkohol und vor den Männern zu bewahren suchen hat mich interessiert, ganz schockiert von dieser Welt und diesem Gefühl der Hilflosigkeit. Mit der Sprache dagegen musste ich kämpfen. Mir zu gewollt poetisch, voller Leerstellen und Andeutungen, sie ließ mich oft eher verwirrt als angereichert zurück. Ich glaube, das kann für viele Leser funktionieren, für mich leider nicht so, wie ich es gern gehabt hätte. Dabei war die Entscheidung zwischen diesem und Platz 2 ziemlich knapp, hätte auch anders ausfallen können.

Platz 2: Oder Florida von Christian Bangel, erschienen im Piper Verlag.

Ende der 90er in Frankfurt an der Oder, Matthias ist Anfang 20 und eher links, weiß noch nichts mit seinem Leben anzufangen, als er plötzlich Pressesprecher eines Baumillionärs wird, der Bürgermeister werden will. Bangel erzählt schnell und fast zu leicht, baut 90er Atmosphäre auf und bleibt für mein Gefühl zu sehr darin hängen. Da bräuchte es mehr Geschichte, um mich länger interessiert zu halten.

Platz 1: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer, erschienen bei Diogenes.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/168711491677/er-mochte-es-nicht-wenn-eine-geschichte-nicht-zu

Ich hatte das Buch gesehen und wusste, dass ich es nicht mögen würde. Mochte das Cover nicht, mochte den Klappentext nicht und mochte auch die Geschichte nicht. Die Lebensgeschichte des Wunderkindes William James Sidis kann ich auch auf Wikipedia nachlesen. Dachte ich. Fing zu lesen an und blieb drin hängen. Wollte nicht mehr die lexikalische Kurzform, sondern wollte diesen Erzähler, der mich vom Vater und seine Erziehungsmethode zum Sohn brachte, beide nicht sympathisch, aber so faszinierend. Zehrer hat es geschafft, mich zu unterhalten, mit einer skurrilen Geschichte, einer eigenen Sprache, hat mich darüber hinaus dazu gebracht, über mein eigenes Leben und sein nachzudenken. Im Interview sagt Zehrer auf die Frage, welche Autoren sein Schreiben beeinflusst haben:

Alle Autoren, denen es gelingt, gleichzeitig leicht und gescheit zu schreiben. Und die die Mühe auf sich nehmen, sich verständlich auszudrücken.

Das hat Zehrer mit diesem Roman bei mir geschafft. Dafür hat er meinen ersten Platz verdient. Ich hätte alle fünf Romane ohne diesen Preis nicht gelesen. Es war nicht immer einfach, aber ich bin froh, dabei zu sein.