zwischen/miete: Lesung mit Philipp Weiss mit „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen in Stuttgart

Die zwischen/miete des Stuttgarter Literaturhauses veranstaltet Lesungen in WGs und Wohnungen, ähnlich wie die Salonlesungen des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Ist schon eine schöne Sache, so eine Lesung in einer WG zu erleben. Ist nochmal eine ganz andere, eine Lesung in der eigenen Wohnung zu machen.

Vor knapp zwei Monaten haben wir die Türen für einen Abend über Annette Kolb geöffnet, nun saß Philipp Weiss bei uns auf dem Sofa. Der Wiener Lyriker hat bei Suhrkamp seinen „Roman“ Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen veröffentlicht, ein Schuber mit fünf Büchern und mehr als 1000 Seiten, ein Mammutwerk. Und ich war ziemlich skeptisch. Weil ich mich mit Lyrik schwer tue. Weil spannende Konzepte oft an der Umsetzung scheitern. Weil ich zwar immer wieder gern Dinge aus dem Suhrkamp-Verlag lese, manches aber überhaupt nicht in mein Leseempfinden passt. 

Aber dann steht Philipp bei uns in der Wohnung, ein zurückhaltender Mann, der schon beim Eintreten eine sanfte Augenhöhe ausstrahlt. Ich führe ihn rum und wir reden über das Schreiben und Träume und die Wohnsituationen in Stuttgart und Wien, während sich die Wohnung um uns herum füllt.  Kurz vor 20 Uhr müssen wir Menschen nach Hause schicken, weil die Leute bis auf den Flur sitzen und es keinen Platz mehr gibt. 

Alle sitzen eng aneinander und mit angewinkelten Beinen auf dem Boden und dem Tisch, nur Philipp Weiss und die Moderatorin Sandra Potsch haben das Sofa für sich. Boxen stehen im Flur und in den anderen Räumen und Philipp spricht so sanft und zurückhaltend, wie er es ausstrahlt. Mit feinem Witz und leichtem Wiener Einschlag erzählt er Entstehungsgeschichte und Idee des Romans, bringt uns zum lachen und regelmäßig zum Schmunzeln. Sandra Potsch spielt ihm zu, baut Vorlagen für das nächste Bild, das Philipp aufmacht und hilft dabei, die lockere und warme Atmosphäre aufzubauen. 

Die Lesung selbst ist ein Hörspiel, ein durchkonzeptioniertes Springen zwischen den Bänden und Philipp liest nicht, er performt. Jeder Charakter eine eigene Stimme und eigene Spreche, sogar die Haltung auf dem Sofa ändert sich, wenn er von einem Buch zum nächsten wechselt. Er schafft es nicht nur, uns einen Einblick in das ganze Werk zu geben, er zeigt nebenher, wie sehr die verschiedenen Bücher, die insgesamt diesen Roman ergeben, miteinander verwachsen sind. 

Ich war sehr skeptisch und bin vollkommen überrascht. Positiv befriedigt. Vom Abend, von Philipp und von seinem Roman. Sieht so aus, als dass ich ihn doch noch lesen muss.