Serie: American Gods, nach Neil Gaiman

Vor zwei Jahren habe ich American Gods gelesen und für gut befunden. Ein großer, epischer Roman der das Glück hat, in einer Zeit verfilmt zu werden, in denen ein Film mit zwei Stunden Länge den Olymp der Verfilmung darstellt. Stattdessen haben wir in den letzten Jahren einige großartige Serien bekommen, die alle Vorteile und Möglichkeiten einer Serie ausschöpfen und qualitativ an Kino mindestens herankommen.

Seit April diesen Jahres läuft die erste Staffel von American Gods, unter anderem entwickelt von Brian Fuller, der sich schon einen renommierten und leicht skurrilen Namen gemacht hat durch die Serien Pushing Daisies, Dead like me und Hannibal. Wie Gaiman selbst hat Fuller ein Händchen, verschrobene, leicht von der Normalität abweichende und gleichzeitig liebenswerte Geschichten zu erzählen. Das sieht man auch in American Gods. Diese Geschichte über den Krieg der alten gegen die neuen Götter ist voller Gewalt und Blut und Krieg und wird, unterlegt von der richtigen Musik, überzeichnet und überlebensgroß dargestellt. Dazwischen liegen die kleinen funkelnden Momente, großartige Schauspieler und feine Dialoge, aufgehängt an vielen kleinen Fäden, die sich langsam zusammenfinden.

Ich kenne das Buch und denke oft, ach, wie schön. Manchmal bin ich auch irritiert, wie Dinge umgesetzt werden, weil die Serie selbst sich nicht immer ernst nimmt, ihre eigenen Konventionen bricht und mich immer wieder überrascht. Die Serie ist nicht für jedes Gemüt, aber ich bin extrem gut unterhalten und freue mich, wie es weitergeht. Die erste Staffel umfasst 8 Folgen, die zweite Staffel ist in Produktion. Auch diese basiert auf dem Roman. Und ich freue mich sehr drauf.

American Gods ist seit dem 30. April auf Amazon Video verfügbar, jeden Montag erscheint eine neue Folge.

Roman: American Gods (Directors Cut) von Neil Gaiman

Der erste Satz aus American Gods:

Shadow hatte drei Jahre im Gefängnis gesessen.

Shadow ist ein kleiner Gauner, aber eigentlich guter Kerl. Ein großer, hagerer und guter Kerl. Ein Banküberfall, der daneben geht, bringt ihn ins Gefängnis und er kommt raus, kurz nachdem Laura, die Liebe seines Lebens, gestorben ist.

Und dann ist er wieder in dieser Welt, ohne eine Ahnung, wohin es nun gehen könnte, als dieser Typ, Wednesday, ihn anspricht und ihm einen Job als Handlager anbietet, den Shadow irgendwie annimmt. Damit geht es los. Und dann kommt eine Reise durch Amerika. Mit Göttern, Schlachten, Liebe, Zombies, Autos und allem dazwischen.

Ich habe Neil Gaiman als Schriftsteller erst relativ spät kennengelernt, erst mit dem Ozean am Ende der Straße. Aber witzigerweise, vor rund 5 Jahren sitze ich an einem kleinen See in einem Dorf ohne Namen in Polen, kurz vor dem 50sten Geburtstag eines Verwandten und lese Sandman Slim, begeistert. Ein Mädchen ist dort und ich erzähle ihr davon und sie sagt, sie habe kürzlich auch ein Buch gelesen, das in eine ähnliche Richtung geht, das hieße American Gods. Ich hab das abgespeichert, unter den Büchern, die irgendwann gelesen werden sollten.

5 Jahre später, nachdem ich also für Gaiman sensibilisiert bin, kommt mir dieses „Directors Cut“ von American Gods in die Quere. Directors Cut ist natürlich ein komisches Wort für ein Buch. Deshalb steht auf der Rückseite auch das das Wort Author’s Cut. Aber auch verständlich, weil man, obwohl es falsch ist, sofort weiß, was die Leute bei Eichborn damit meinen.

Ich kann nicht sagen, wie weit diese Version sich von der ursprünglich veröffentlichten Unterscheidet. Es sind etwa 50 Seiten mehr, was bei rund 670 Seiten echt nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt. Und es ist ein gutes Buch. Ich habe es sehr gerne gelesen, bin gerne mit Shadow gereist und weiß, ist nicht das letzte Buch, das ich von Gaiman gelesen habe.

Zwei Sachen, die mir mehr als Autor, als als Leser aufgefallen sind. Einerseits, ein passiver Protagonist. Da bin ich also in einer Schreibschule und da wird viel über Protagonisten geredet und dass ein Protagonist spannend und aktiv sein sollte. Nun haben wir hier einen Protagonisten, der sympathisch ist, keine Frage. Shadow ist ein cooler Kerl. Aber eigentlich macht er kaum was. Der Großteil der Geschichte passiert um und mit Shadow, aber er handelt erst spät relativ spät selbst. Und ich find’s cool. Ich mag es, wie das Leben manchmal einfach Leute mitreisst. Genauso die andere Sache, Geschichten ohne Happy End.

Habt ihr (500) Days of Summer gesehen? Vielen gefällt dieser Film nicht, weil (SPOILER) er nicht gut ausgeht, zumindest nicht im klassischen Sinn einer Liebesgeschichte. Weil die beiden, das Mädchen und der Junge, am Ende eben nicht zusammenkommen. Ich mag das. Mag die Idee, dass es Menschen in deinem Leben gibt, die wichtig sind. Und trotzdem irgendwann wieder gehen.

Als ich meinem Mentor in Hildesheim von meinem Roman erzählt habe, sagte er, „Willst du, dass es ein Bestseller wird? Dann müssen die beiden am Ende zusammenkommen.“ Müssen sie?

American Gods ist nicht in erster Linie eine Liebesgeschichte. Aber die Liebe kommt genauso vor. Und dann erscheint irgendwann Sam, ein witziges, mutiges und freches Mädchen, von dem ich mehr wissen will und kaum mehr bekomme. Eine Autofahrt ist sie da und dann verschwindet sie. Und bis zum Ende hoffe ich, dass Sam nochmal erscheint. Tut sie, aber nicht so, wie man denkt. Und ich bin enttäuscht und erfreut zur gleichen Zeit. Sehr schön, das. Zurück zum Eindruck als Leser:

Sehr schönes Buch! Für eine ganze Weile taucht man ein, in diese Magische Welt, die unserer sehr ähnlich ist, und hat dabei viel viel Spaß. Und endet mit der Hoffnung, dass es vielleicht doch unsere Welt ist und da draußen noch so viel unentdecktes ist.

Achja, eine Sache noch. Dieser Roman ist einer, bei dem der Klappentext nicht nur schlecht, sondern schlicht falsch ist. Also einfach nicht lesen oder wenigstens nicht glauben.

American Gods von Neil Gaiman in der Directors Cut Edition wurde übersetzt von Hannes Riffel und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.