Master Literarisches Schreiben. Der Studiengang in Hildesheim.

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Mitte 2017 habe ich meinen Master Literarisches Schreiben an der Uni Hildesheim beendet. Wie auch beim Sprechen höre ich auch darüber öfter mal, ach, das kann man studieren. Deshalb, wie auch beim Sprechen, hier meine ganz subjektiven Antworten über den Masterstudiengang Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim.

Als ich noch hochmotiviert war, schrieb ich Berichte über Semester 1 und Semester 2. Alles darin hat sich bis zum Ende gehalten und ein paar Inhalte tauchen hier wieder auf. Also bitte auch lesen, bevor ihr Fragen stellt.

Ich habe in Hildesheim von 2014 bis 2017 studiert. Dieser Artikel basiert auf meiner eigenen Meinung und meinem Wissensstand, ich übernehme also keine Gewähr, aber habe alles nach bestem Gewissen geschrieben und werde ihn bei Bedarf erweitern oder abändern.

Was heißt das, Literarisches Schreiben?

Während Creative Writing beispielsweise in Amerika ganz normal ist, kann man in Deutschland an staatlichen Hochschulen nur in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut und an der Universität Hildesheim Schreiben studieren. Aus Leipzig kann ich nur aus zweiter Hand berichten, aber grundsätzlich sind an beiden Instituten Bachelor und Masterstudiengänge möglich, wobei – ganz knapp gesagt –  im Bachelor das Schreiben generell gelernt wird, eine große Bandbreite abgedeckt wird und viel ausprobiert werden kann. Der Master dagegen konzentriert sich auf ein Buchprojekt – meist, aber nicht zwingend ein Roman – an dem die Studienzeit über gearbeitet wird und man nebenher noch weitere Kurse besucht.

Ob das überhaupt geht und ob die Institute eine Daseinsberechtigung haben, ist eine ganz andere Frage, aber: Man lernt den handwerklichen Teil der Schriftstellerei. Man liest extrem viele andere AutorInnen, analysiert Texte, ahmt nach, diskutiert, werkstättet, übt und findet im besten Fall seine persönliche Schreibe. Und hat nach Abschluss des Masters im besten Fall ein fertiges Manuskript und einigen Einblick in die Buchbranche und die AutorInnenszene in Deutschland.

Und, klappt das?

Erstmal, ja. Ich war bei der Bewerbung arrogant genug, um zu denken, dass ich nach 12 Jahren Schreiberei einigermaßen weiß, wie das funktioniert. Ich wollte ‚Schreiben‘ im Lebenslauf stehen haben und ich wollte einen Fuß in diese Branche kriegen.

Tatsächlich habe ich beides bekommen, darüber hinaus aber noch gute Freunde gewonnen, viele Erfahrungen gemacht und wirklich extrem viel über das Schreiben gelernt. Das hat mich sehr überrascht und ich bin dankbar, dies tun zu dürfen.

Also sollte jeder, der Schreiben möchte, das Studieren?

Nein. In mehrerer Hinsicht. Während ich Sprechkunst als Studium fürs Leben erstmal jedem empfehlen kann, siehts bei Schreiben ganz anders aus.

Einerseits: Man kann sich all das, was wir dort gelernt haben, auch anders beibringen, dauert nur länger. Und die Branche funktioniert nochmal anders als die Sprecherbranche. Leider geht es viel zu oft nicht darum, ob man Schreiben kann – was immer das heißt – sondern um Faktoren, für die man an dieser Uni nichts dazulernt.

Andererseits: Während Stuttgart und Sprechkunst zu meiner Zeit vier Jahre lang ein Nest voller Liebe und weicher Federn war, in die man fallen konnte, in dem man scheitern konnte und lernen, wieder aufzustehen, gibts in Hildesheim eine dreckige oberflächliche Ellenbogenmentalität. Im Bericht über Semester 2 schrieb ich:

Weil es so ein Kleinstkosmos und es eher gegenseitiges Konkurrieren ist, beobachtet anscheinend jeder jeden genau. Zumindest verhalten sich fast alle so, als wären andauernd unter Beobachtung. Was wiederum auch heißt, dass man kaum in Kontakt mit anderen Leuten kommt. Selbst, wenn man sich in einem Kurs kennengelernt hat, sobald auf der Wiese ist, wird man vielleicht noch angenickt, aber ansonsten verbleibt man in den Gruppen der Leute, die man kennt. Ich habe nur wenige, dafür aber umso schönere Ausnahmen entdeckt.

Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht daran, dass es es zwischen all den luxoriösen und elitären Studiengängen nochmal eine zumindest subjektive Rangordnung gibt. Dass beispielsweise die Bachelorstudenten Kreatives Schreiben sich als die „besseren Schreiber“ ansehen, als die Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Literatur. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das so ist, aber für mich fühlt es sich oft so an. Aber auch innerhalb der Studiengänge, zumindest bei den Schreibern, scheint es viel Rivalität zu geben. Als ob man jemand anderem einen guten Text nicht gönnt.

Das hat sich bis zum Ende nicht geändert. Ich bin froh, dass ich dieses Studium nach den vier Jahren in Stuttgart angetreten habe, mit gutem Selbstwertgefühl und ein paar Jahren Erfahrung mit ‚dem echten Leben‘. Aber wenn man als 17 Jahre alter Mensch direkt von der Schule dorthin kommt und vielleicht zum ersten Mal seine Texte anderen Menschen zeigt und diese sagen, ‚kein Wunder ist der Text scheiße, weil du bist ja scheiße.‘, dann ist die Gefahr hoch, dass man kaputter und verängstigter aus dem Studium kommt, als man reingegangen ist.

Weiterhin hält sich in Hildesheim der ganz hartnäckige Mythos, dass wahre Kunst nur aus Leid entstehen kann. Also wird von einer signifikanten Gruppe ein Bukowksi-Lebensstil mit Sex, Drugs & Selbstverletzung nicht nur gefeiert, sondern auch eingefordert. Ich habe nie mehr Menschen mit vernarbten Handgelenken gesehen als an diesem Institut. Und dazu kommen noch einige andere strukturelle Probleme, die man aber in ähnlicher Art wohl an jedem Studienort finden wird.

Deshalb, ja, man lernt extrem viel in Hildesheim und wenn man schreiben möchte, kann einen das Studium dort weiterbringen. Aber man sollte sich selbst bewusst sein und ein dickes Fell mitbringen. Sonst kann das ziemlich schief gehen. Es ist nicht für jeden etwas.

Kann man zum Studium pendeln?

Ja, zumindest den Master auf jeden Fall. Ich musste mich zwar, wie jeder andere auch, durch ein Dickicht aus Tabellen und ETCS-Punkte-Schnickschnack kämpfen, aber dann konnte ich mir meine Kurse, die ich wollte, so zusammenlegen, dass ich nur ein bis zwei Tage in Hildesheim verbrachte und den Rest in Stuttgart lebte, arbeitete und liebte. Der Großteil des Studiums besteht aus lesen und schreiben. Das geht gut in Zügen und überall anders. Fernbeziehung mit dem Studium, quasi.

Ich habe meine Bahntickets immer weit im voraus gebucht und hatte die besten Kommilitonen der Welt, aber dann hatte das super funktioniert. Nach drei Semestern musste ich nur noch den Roman und die Bachelorarbeit schreiben.

Kann man direkt den Master studieren, auch wenn man den Bachelor nicht hat?

Das nennt sich nicht-konsekutiver Master. Hildesheim verlangt ein ‚fachnahes‘ Studium. Nach einem kurzen Telefonat war klar, dass Sprechen genug mit Literatur gemein hat. Und es ging damals das Gerücht, dass man auch Biologie studiert haben konnte, wenn man die Nähe dann nur sauber darlegen konnte. Bei Zweifeln am besten einfach dort anrufen. Die Eignung wird ja nochmal getestet.

Wie war die Aufnahmeprüfung?

Ich hatte keine. Ich musste zwar mein Exposé und meine ersten 15 Seiten meines Projektes hinschicken und aufschreiben, dass ich motiviert und geeignet war, aber in meinem Jahr gab es keine Aufnahmeprüfung für den Masterstudiengang. Sie behalten es sich aber vor, im Zweifelsfall welche durchzuführen. Für den Bachelor, der viel mehr Bewerber hat, gibt es immer eine Aufnahmeprüfung.

Was ist aus deinem Roman geworden?

Ich habe ihn fertig geschrieben. Und ich habe, auch dank Hildesheim im Lebenslauf, eine Agentur gefunden. Was nun damit passiert, kann ich nicht sagen.

Nicht allen ging es so. Manche Projekte meiner Kommilitonen wurden und werden bald veröffentlicht, einige haben Agenturen gefunden, ein paar haben ihr komplettes Projekt über den Haufen geworfen und ein paar soger aufgehört mit dem Schreiben. Dieses Studium ist kein Garant für gar nichts. Nur eine von vielen Möglichkeiten.

Du hast noch eine andere Frage? 

Gern in die Kommentare. Oder per Mail. Aber lies bitte davor die Semesterberichte. Einen weiteren, aber älteren Einblick gibt auch Stefan Mesch.

Schuhe: Mahabis.

tl;dr: Geile Idee, schlecht umgesetzt, beschissen verarbeitet. Für das Geld lieber was anderes kaufen.

Das Problem, wenn man einmal auf eine Werbeanzeige bei Facebook klickt: Man bekommt das Produkt immer und immer wieder angezeigt. So ging’s mir mit den Mahabis. Ich war sowieso auf der Suche nach Hausschuhen und mochte den Style der Mahabis, wie auch die Produktion in Portugal und diese beiden einzigartigen Funktionen:

Einerseits haben die Schuhe hinten diese Lasche aus Neopren, die es erlaubt, sowohl in die Schuhe reinzurutschen und rumzulaufen, als auch die Lasche umzuklappen, sodass sie fester am Fuß sitzen. Andererseits kann man austauschbare Sohlen anklicken und somit aus den Hausschuhen Schuhe für draußen machen.

Nachdem mir die Anzeige also oft genug angezeigt wurde, habe ich sie mir gekauft. Die Classic, weil ich ja Hausschuhe will. Sie kommen in einer schönen Box, insgesamt wird sehr viel wert auf Design gelegt. Erstmal fühlt sich alles hochwertig an. Die Schuhe sind warm und bequem und ich habe sie gern an den Füßen. Leider endet damit alles, was ich positives sagen kann.

Natürlich probiere ich direkt die Extrasohle aus, bei mir in Türkis. Kann man sich bei der Bestellung aussuchen. Leider passen sie nicht so, wie sie sollen, sehen nicht so gut aus, wie auf den Bildern und vor allem: Sie sind unbequem. All die Bequemlichkeit, die die Schuhe ohne die Sohlen haben, ist weg. Man kann nicht lange in den Sohlen laufen ohne Schmerzen und das Gefühl zu haben, dass sie gleich vom Schuh fliegen.

Die Lasche hinten ist zwar ziemlich cool, weil sie genau das tut, was sie soll. Aber das Neopren fühlt sich komisch an und ist qualitativ scheiße. Und es sieht auch irgendwie rangepappt aus. Selbst der Schuster fragte mich danach.

Zum Schuster musste ich etwa sechs Wochen, nachdem ich die erste Lieferung bekommen habe. Weil am sich am zweiten Tag die Gummisohle des ersten Schuhs löst. Die, die sich nicht lösen sollte. Ich schreibe eine Mail an Mahabis, der ziemlich schnell reagiert und mir sagt, dass das eine schlechte Lieferung war. Na klar. Aber zumindest bekomme ich ein zweites Paar geschickt. Ich ärgere und freue mich und warte wieder knapp eine Woche, bis dieses Paar da ist. Schwarze Sohlen diesmal, die aber genauso unpassend und unbequem sind, wie die anderen. Dieses Paar hält etwa eine Woche, dann löst sich auch an diesen Schuhen die Sohle.

Ich also wieder eine Mail an Mahabis, die erst ein paar Tage nicht reagieren und mir dann schreiben, dass es ihnen wirklich leid tut und sie schicken mir als Wiedergutmachung ein paar aus der Sommer Edition. Ich antworte, dass ich mich ja freue, aber das auch Dauer keine Lösung ist, jede Woche ein neues Paar zugeschickt zu bekommen, dass ich dann sowieso nicht tragen kann, weil es gleich kaputt geht. Und ich die Sommer Edition gar nicht will, ich habe ja die anderen bestellt.

Daraufhin kommt eine patzige Antwort, (paraphrasiert:) dass die Sommer Edition (zumindest zum damaligen Preis) ja ein Upgrade ist und ich mich gefälligst freuen soll. Die Schuhe kommen irgendwann an und halten nur ein wenig länger, als die Classic. Nachdem ich mich wieder bei Mahabis melde, kommt keine Antwort mehr. Und ich bin damit nicht alleine. Einer Bekannten ging es auch so, Sohle ab und neue bekommen. Sie ist ansonsten vollkommen zufrieden, ich kann das nicht sagen.

Ich bin zum Schuster, der mir die Sohlen angeklebt hat. Diese halten seit knapp 9 Monaten. Ich trage sie jeden Tag. Die anklickbaren Sohlen nutze ich nie. Wie gesagt, ich mag das Design und die Ideen, die Umsetzung ist aber schlecht und die Verarbeitung richtig scheiße, wie auch die Kommunikation mit Kunden. Wenn man sie mag und weiß, worauf man sich einlässt, ist das okay. Empfehlen kann ich sie aber nicht. Wenn es jemand probieren will, empfehle ich, diese bei Amazon zu kaufen, da hat man auf jeden Fall weniger Stress mit der Rückgabe.

Transparenzbericht: Ich habe einen Presserabatt von 15% bekommen. Jeder, der sich für den Newsletter anmeldet, bekommt 10% Rabatt. Und ich hatte mit der Pressestelle Kontakt, was die Korrespondenz und die Reaktionen der Firma beeinfluss haben könnte. Aber dann will ich da nicht als ’normaler Kunde‘ kaufen.

 

Eine Woche im Hospiz arbeiten, ein Bericht.

Ich schreibe an diesem Roman – Die Träume der Anderen –  und ein signifikanter Teil spielt in einem stationärem Hospiz. Meine Hospizerfahrung beschränkte sich bis vor kurzem auf das Wissen über ihre Existenz. Da werden kranke Menschen beim Sterben begleitet. Das reicht aber nicht, um darüber zu schreiben. Also habe ich mir ein paar Artikel und die ein und andere Wiki-Seite durchgelesen, habe mir Dokumentationen angesehen und mit Leuten geredet, die im Hospiz arbeiten. Und das war ein eklatanter Unterschied.

Während die Erzählungen sehr warm und wohlwollend, sehr menschlich und nah waren, hatte jede Dokumentation einen beklemmenden, distanzierten und betroffenen Beigeschmack. Jede Dokumentation beinhaltet den Satz ‚man darf dort auch lachen‘ und jedes Mal fühlt es sich gesagt, aber nicht gemeint an. Also es selbst erleben, ein paar Tage mitlaufen und alle Fragen stellen.

Ich war mir nicht sicher, wie ein Hospiz auf so eine Anfrage reagieren würde und hätte es verstanden, wenn ich aus Gründen des Respekts und der Pietät nicht hätte kommen dürfen. Also schrieb ich eine lange Nachricht, in der ich sagte, dass es mir um die akkurates und warmes Bild eines Alltags im Hospiz ging. Dass ich über den Weg des Romanes die Relevanz, die Arbeitsweise und die Wichtigkeit von Hospizen aufzeigen und Menschen nahebringen wollte. 

Der Nachricht folgte ein Telefonat und dann war klar, dass ich eine Woche mitarbeiten würde. Wenn ich schon da war, dann nicht nur als Zuschauer, sondern als Praktikant, der auch Aufgaben übernimmt. Und auch nur als Ausnahme für lediglich eine Woche, normalerweise geht nichts unter vier Wochen. Vor dieser Woche sollte ich zuerst einmal vorbeikommen, mir alles ansehen und dann entscheiden, ob ich die Woche machen wollte.

Kurz vor dem ersten Besuch hatte ich extremen Respekt und Zweifel, ob ich wirklich eine Woche lang dort zubringen würde. Dort zubringen könnte. Ich kann kein Blut sehen, bin viel zu emphatisch und fantasievoll, was Schmerzen angeht. Beschreibt mir jemand seine, spüre ich sie selbst. Ich muss auch bei Büchern, Filmen und Serien manchmal pausieren, wenn es mir zu explizit wird. Wollte ich wirklich eine Woche lang Menschen beim Sterben begleiten?

Ich komme im Hospiz an und sehe die brennende Kerze, das Signal, dass kürzlich jemand verstorben ist. Dann muss ich warten, weil die Pflegerin, die mich herumführen sollte, noch bei der Trauerfeier ist. Das fängt an, wie befürchtet.

Ich warte also, den Kopf gesenkt, die Hände im Schoß und betrachtete die Kerze und den Namen der Verstorbenen in einem Buch, welches davor lag. Kinderhände hatten bunte Schmetterlinge darüber gemalt und einen steinernen Engel dazugelegt.

Und dann kommt die Pflegerin, die mich begrüßt hat, fragt mich nach meinen Computerkenntnissen und ob ich helfen könne. Kurz darauf stehe ich im Zimmer eines Gastes – es gibt im Hospiz keine Patienten, es gibt nur Gäste – und half, den Bundesliga-Livestream zu aktivieren.

Danach esse ich Kuchen und lache über einen makaberen Witz, beobachte, wie ein Gast dick eingepackt mit seinem Rollstuhl nach draußen rollt, um eine Rauchen zu gehen. Um seinen Hals hängt die Schmerzmittelpumpe, die ihm beständig ein Morphin eingibt. Und wenn er doch noch Schmerzen hat, kann er sich einen Bolus geben.

Ich werde durch das Gebäude geführt und erfahre in diesen ersten Stunden schon so viel über das Leben und Arbeiten im Hospiz. Als ich nach Hause gehe, weiß ich, dass ich für diese Woche wiederkommen werde. Weil, natürlich sterben dort Menschen und es ist ein sehr sehr trauriger Ort. Aber eben nicht nur. Insgesamt fühlt es sich nach ein paar Stunden eher nach einem Ferienlager an. Für kranke Menschen zwar, die nie wieder nach Hause gehen, aber dennoch ein schöner Ort, in dem viel erlaubt ist.

Also arbeite ich eine Woche mit, gebe Essen ein, pflege und sitze stundenlang bei Menschen. Halte ihre Hand und rede mit ihnen. Ich war mir ziemlich unsicher, wie die Menschen dort auf mich reagieren würden, ob sie offen mit mir reden würden. Tatsächlich wurde ich extrem herzlich empfangen und jeder erzählte mir freigiebig. Von den PflegerInnen über die Gäste, bis hin zur Pfarrerin und der Ärztin, ich konnte alle Fragen stellen, die ich stellen wollte und erfuhr darüber hinaus noch viel mehr.

In meiner Zeit dort sterben zwei Menschen und fast jedes Schicksal dort macht mir klar, dass das Leben keine Geschichte ist, die zwangsläufig gut endet. Viel zu oft, können Menschen sich nicht von jenen verabschieden, von denen sie sich unbedingt verabschieden wollen. Schaffen es nicht nochmal, diesen Urlaub zu machen oder sich mit jenem Menschen zusammenzusetzen, um Dinge zu klären, die jahrzehntelang nicht geklärt wurden.

Diese Wahrheit – „Tue Dinge, die du tun willst, bevor es zu spät ist“ wird uns regelmäßig, in allen möglichen Filmen, Serien, Büchern, Liedern und Anekdoten eingetrichtert, sie ist so banal, wie kompliziert. Sie ist nichts neues. Sie aber auf diese Art zu erleben, ist viel eindrücklicher, als alles bisherige.

Ich mache alles mit. Katheter setzen, blutige Verbände wechseln, Abschiedsfeiern beiwohnen. Alles mit einer absurden Distanz, auf der ich meine Seele halte, um diese Dinge erleben zu können, sie aufnehmen zu können. Sobald ich nach Hause komme, erzähle ich meiner Freundin davon, lasse alles an mich heran und heule mich in den Schlaf. Um am nächsten Tag wieder dort zu sein.

Für mich am Eindrücklichsten, am Emotionalsten ist die Verbundenheit zweier Menschen. Eines Paares, das mehr als vierzig Jahre lang zusammen war und ein Mensch nun seinen Partner im Arm hat, während er wimmernd, verwirrt und traumatisiert im Bett liegt und so würdevoll wie möglich von uns intim gepflegt wird. Unten wir, mit Gummihandschuhen und Waschlappen und Inkontinenzhosen. Oben sie, mit Küsschen und Kosenamen und intimer Nähe. Skurriler konnte es nicht sein. Niemals habe ich bedingungsloser Liebe erlebt. Die Erinnerung daran drückt mir jedes Mal Tränen in die Augen.

Nach einer Woche bin ich fertig. Ich umarme das Personal und weiß, in irgendeiner Form werde ich wieder kommen. Ich bin sehr froh, diese Woche dort verbracht zu haben, an diesem herzlichen, warmen Ort, in dem extrem viel Dankbarkeit und Menschlichkeit vorhanden ist.

Aber ich bin auch froh, dass es vorbei ist, weil dort extreme Emotionen in jede Richtung zum Vorschein kommen. Ich kann mich nicht emphatisch und menschlich um jemanden kümmern, ohne ihn auch an mich heranzulassen. Es ist ein destilliertes, in kürzester Zeit jemanden kennen und mögen lernen, um ihn dann zu verlieren. Nun ist meine Zeit dort ein paar Tage her und ich knabbere immer noch an dem, was ich erlebt habe. Meine Hochachtung jedem, der diese Arbeit macht.

Jeder sollte ein Hospiz zumindest mal für ein paar Stunden besuchen. Es kalibriert das Leben. Setzt Prioritäten anders. Ich freue mich mehr und ärgere mich weniger. Ich verbringe Zeit mit Menschen bewusster und ich sage, was ich sagen will, auch wenn ich mich dabei manchmal dumm fühle. Dafür bin ich dankbar. Ich hoffe, das hält eine Weile an.

Die Leipziger Buchmesse 2017 in Blitzlichtern.

  • Ich komme Mittwoch Abend in Leipzig an und freue mich, meine Gasteltern wiederzutreffen. Ich bin ziemlich froh, dass ich mittlerweile in vielen Städten Menschen habe, bei denen ich unkompliziert unterkommen kann. Was auch heißt, dass meine Besuche in Städten immer Besuche bei Menschen sind, die ich gerne sehe.

Buchmesse, Tag 1 am Morgen. So voll ist es. #lbm17

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  • Es ist Donnerstag, kurz nach Zehn und schon jetzt sind die Hallen gut gefüllt. Klar, es wird bis Samstag noch voller und am Ende ist es ein Besucherrekord, aber ich bin am Donnerstag doch erstmal überrascht.

  • Donnerstag Mittag bin ich mit Wolfgang auf der Bühne, meine erste „Verpflichtung„: Besser vorlesen. Die Bühne ist klein und umrandet von Ständen, aber die Stühle füllen sich schnell und selbst auf dem Gang bleiben Leute stehen. Ich mache zusammen mit Wolfgang den Podcast des Literaturcafé und wir wissen, wie wir miteinander umgehen können und wie wir miteinander funktionieren. Es macht Spaß, Menschen von Sprechkunst zu erzählen und zu erklären, wie man vorliest. Nach der viel zu kurzen halben Stunde beantworte ich einer Traube von Menschen noch Fragen zum Vorlesen und bis zum Ende der Buchmesse werde ich immer wieder auf das Vorlesen und die halbe Stunde angesprochen. Wie schön, dass sich so viele Menschen für das Vorlesen interessieren. Weil es immer noch eine Kunst ist, die nicht ausgeschöpft wird.
  • Ich habe sehr wenig feste Termine die Buchmesse über. Größtenteils treibe ich durch die Massen, treffe Menschen, lerne neue kennen und knüpfe Bande enger. Ich verpasse wohl sehr viele schöne Dinge. Aber ich erlebe auch sehr viele schöne Dinge, für die ich sonst wohl keine Zeit gehabt hätte.
  • Donnerstagabend verbringe ich beim Bloggeressen von Klett-Cotta. Der Verlag residiert 500 Meter von meiner Wohnung entfernt, immer mal wieder habe ich mit ihm und den Menschen, die dort arbeiten, zu tun. Ich mag die Art, wie wir miteinander umgehen. Deshalb gibt es an diesem Abendessen nicht nur Essen und Gespräche zwischen Bloggern, Verlagsmitarbeitern und anwesenden Autorinnen und Autoren, sondern neben einer kurzen Lesung von Kristina Pfister aus „Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten“ auch einen kurzen Vortrag von mir. Das ist schon zu viel gesagt. Ich habe ein bisschen aus meiner Sicht als Literaturblogger erzählt, ganz subjektiv und nur für mich sprechend. Womit aus einer Werbeveranstaltung ein Miteinander wird. Danach gehts weiter auf die Tropenparty. Lesung von Arno Frank aus „So, und jetzt kommst du„, danach noch mehr mit Menschen reden.

https://www.instagram.com/p/BSBb5M9FuGr/

  • Freitag. Kommilitonen aus Hildesheim sind da. Wir schlendern über die Messe. Also noch mehr Menschen, mehr Kommunikation.

Buchmesse, Tag 3. Der Tag beginnt mit Dietmar Wunder und Uve Teschner im Interview. #lbm17

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  • Samstag. Jetzt ist es richtig voll. Schon in den Bahnen, sodass ich fast zu spät komme zu meinem ersten Termin am Tag: Ein Interview mit Dietmar Wunder und Uve Teschner. Dietmar habe ich vor ein paar Jahren bei einer Lesung mit Karin Slaughter kennengelernt, mit Uve hatte ich Kontakt, nachdem ich das großartige Hörbuch zu „Am Ende aller Zeiten“ gehört hatte. Audible hatte mit den beiden ein Sprecherfrühstück veranstaltet, danach konnte ich mit ihnen reden.20 tolle Minuten über das Sprechen und die Buchmesse und Kunst allgemein, die es demnächst im Podcast des Literaturcafé zu hören gibt. Eines meiner Highlights der Messe.https://www.instagram.com/p/BSGGS6BFubx/
  • Sonntag ist Tag der Bloggersessions. Wieder tolle Menschen, gute Inhalte und am Ende über Geld reden. Nachzuhören hier.
  • Sonntagabend geht es nach Hause. Nachts bin ich da und ohne Pause geht der Alltag los. So nahtlos, dass ich mich anstrengen muss, dies hier nochmal zusammenzufassen. Ich bin ziemlich froh, all das machen zu können. Danke an alle, die das möglich machen und Teil davon sind.

Lesung: T.C. Boyle im Wizemann Stuttgart am 15.02.17

T.C.Boyle mit Die Terranauten.

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Damals kam Drop City, der Hippieroman von T.C. Boyle, kam damals zur richtigen Zeit. Ich war 19 und wir hatten einen VW Bus, ich las Ken Kesey, Tom Wolfe & Jack Kerouac, trug indische Hemden und fand viele Aspekte der Beatniks und Hippies spannend. Und dann erschien dieses Buch über die Hippie Kommune, die nach Alaska zieht und natürlich wollte ich es lesen. Tat ich. Fand’s geil. Seitdem begleitet mich T.C. Boyle. 2009 ist er mit seinem Roman Die Frauen in Stuttgart und ich saß im Publikum. Schon damals war er ein relativ alter Mann, dürr und hochgewachsen und wahrscheinlich hatte er schon damals rote Chucks an. War eine großartige Lesung damals, obwohl ich erstmal gar kein Interesse an dem Roman hatte.

Dann habe ich Anfang des Jahres gesehen, dass T.C. Boyle wieder nach Stuttgart kommt und ich wollte mit dabei sein. Diesmal im Wizemann, die derzeit angesagteste Location in Stuttgart, veranstaltet von Wittwer. Die Buchhandlung wird dieses Jahr 150 Jahre alt, deshalb gibt es das Jahr über hochkarätige Lesungen zum Preis von 18,67 Euro, ihr versteht schon, dem Gründungsjahr. Boyle war eine davon.

Etwa einen Monat vor Veranstaltung ist sie ausverkauft, die große Halle ist bis an den Rand bestuhlt, rund 620 Stühle plus ein paar unbeabsichtigte Stehplätze. Ich komme alleine und bekomme den letzten leeren Platz in der Ecke der ersten Reihe. Weil noch eine halbe Stunde Zeit ist, lese ich noch im aktuellen Roman, die Terranauten, weswegen Boyle überhaupt da ist.

Februar gerettet: Lesestoff und Lesung von T.C. Boyle. #Terranauten #Hanser #tcboyle

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Angelehnt an die Biosphäre 2 Experimente in den 1990ern erzählt Boyle die Geschichte von acht Terranauten, die zwei Jahre in dieser künstlichen Welt verbringen, erzählt aus drei Ich-Perspektiven, Rezension folgt.

Ziemlich pünktlich kommen T.C. Boyle und Denis Scheck mit Pia Maria Fedelucci auf die Bühne, sie wird die deutschen Passagen lesen. Von Frau Fedelucci haben wir erst in diesem Moment erfahren, denn im Vorfeld wurde auch auf Nachfrage nicht gesagt, wer die deutschen Passagen übernehmen wird.

Boyle und Scheck sind seit Jahren befreundet und jeweils Bühnenprofis. Boyle sagt selbst, Lesungen müssen sein wie Rock-Konzerte, die Leute müssen Spaß haben. Das kann er und bindet nicht nur das Publikum, sondern auch Frau Fedelucci ein, die sonst nur neben ihm gesessen wäre und auf ihren Auftritt gewartet hätte. Habe ich schon schlimmer erlebt. Scheck ist extrem gut darin, englische Pointen ins Deutsche zu übertragen und dann wieder in eine englische Frage überzugehen, die sich nicht wie die nächste auf dem Zettel anhört, sondern wie die, die auf die letzte Antwort von Boyle kommen muss. Und Boyle liest nicht nur, sondern erzählt, – natürlich unausweichbar – von Trump, über seine Faszination, die ihn immer wieder zum Schreiben bringt, über den aktuellen Roman, über Politik, Drogen und den nächsten Roman, den er schreibt, über den LSD-Entdecker Albert Hofmann und seine legendäre Fahrradfahrt.

Die beiden heben die Veranstaltung auf ein Niveau, das Frau Fedelucci leider nicht halten kann. Boyle selbst liest die englischen Passagen nicht nur vor, er performt sie, legt sich in die Haltungen und ermöglicht es selbst jemandem, der kein englisch versteht, mitzukommen.

Frau Fedelucci dagegen liest vor, sodass man sie versteht. Sie gibt mir aber in dem Moment nicht das Gefühl, sie würde es erleben. Ich will Frau Fedelucci auf keinen Fall ihre Fähigkeiten als Schauspielerin absprechen, aber schauspielen und Hörbücher sprechen ist nicht das Gleiche.

Es ist eben auch nicht fair, ihr neben diese beiden Veteranen zu setzen. Ich hätte mir gewünscht, einen ähnlich guten Sprecher für die deutschen Passagen zu erleben, vielleicht sogar Eli Wasserscheid selbst, die die Hörbuchversion des Romanes spricht.

Nach exakt 90 Minuten, die ohne Fragen aus dem Publikum auskommen und sich sowieso viel kürzer anfühlen, beendet Denis Scheck die Veranstaltung. Wir applaudieren und kommen kaum aus der Halle, weil die Schlange zum signieren bis dorthin reicht. Und dann steht Boyle rund eine Stunde am Bücherstand und signiert wirklich jedes Buch, welches ihm hingehalten wird, wechselt mit jedem ein paar Worte und ist bis zum Ende, ich war vorletzter, extrem freundlich.

T.C. Boyle ist mittlerweile 69 Jahre alt, ich bemerke das schüttere Haar, welches 2009 noch länger und zu einem Zopf zusammengebunden war. Aber ansonsten steht ein fitter Mann vor mir, bestimmt zehn Zentimeter größer als ich, witzig und unterhaltsam.

Ich gehe mit einer sehr schönen Erinnerung nach Hause, freue mich auf die nächsten Bücher und hoffentlich noch ein paar Lesungen von Herrn Boyle. Und jetzt lese ich erstmal den Roman fertig.

Die Buchhandlung Wittwer hat mir eine Eintrittskarte zur Verfügung gestellt. Die weiteren Veranstaltung zum Jubiläumsjahr sind hier zu finden.

Konzert: Jeremy Loops im LKA Longhorn in Stuttgart am 13.11.16

#jeremyloops #concert #stuttgart #lka

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Mein Lieblingsmensch war im Sommer auf dem Summers Tale Festival und kommt mit viel neuer Musik nach Hause, unter anderem Jeremy Loops. Der Mann aus Südafrika ist nicht nur mit Band, sondern auch mit Loop Station auf der Bühne und er macht extrem gute Laune.

Vor kurzem sagt sie dann, Loops kommt nach Stuttgart. Wir also hin, zum LKA Longhorn, ein Konzertschuppen in Stuttgart-Wangen, zwischen Bundesstraße und Industriegebiet. Wir kommen dort an, eine Minute, bevor der Einlass offiziell losgeht und schon dann müssen wir uns in eine vielleicht 40 Meter lange Schlange stellen. Bis der Einlass dann wirklich losgeht, ist die Schlange geschätzte 200 Meter lang und verschwindet hinter der Kurve. Dann geht ein Ruck durch die Menge und wir gehen rein.

Die Stimmung ist gut und locker, Support Act Mat McHugh trägt seinen Teil dazu bei und dann geht es los. Jeremy Loops und die Band rocken für rund zwei Stunden das LKA Longhorn. Die Musik auf Platte zu hören, war schon geil, aber live strahlt die Band eine krasse Energie aus, baut eine Verbindung zum Publikum auf, Jeremy erzählt Geschichten und es macht so viel Spaß, dort zu sein. Alle tanzen und sind gut drauf und singen mit und als es vorbei ist, bleibt die Stimmung.

Am Tag drauf ist die Stimme rau, aber sobald hier Jeremy Loops läuft, tanzen wir durch die Wohnung. Großer Tipp also: Hört euch Jeremy Loops an. Die Deutschlandtour ist vorbei, aber wenn ihr mal die Chance habt, versucht, ihn live zu sehen.

 

 

Bericht: Wie man einen TEDx Talk hält.

TED (Abkürzung für Technology, Entertainment, Design) – ursprünglich eine alljährliche Innovations-Konferenz in Monterey, Kalifornien – ist vor allem bekannt durch die TED-Talks-Website, auf der die besten Vorträge als Videos kostenlos ins Netz gestellt werden.

Wikipedia über TED

Es ist wohl knapp zehn Jahre her, dass ich zum ersten Mal etwas von TED-Talks gehört habe. Ich glaube, mein erster Talk, den ich gesehen habe, ist der von Blaise Agüera y Arcas über Photosynth, bis heute eine faszinierende Technik. Seitdem begegnen mir immer wieder TED-Talks, zu den unterschiedlichsten Themen. Irgendwann wurde dann TEDx eingeführt, unabhängig organisierte Veranstaltungen, quasi ein TED-Franchise, nach ähnlichen Richtlinien, aber weltweit. Ich wusste, das gibt es. Fand diese Bühnen superspannend. Aber realistisch darüber nachgedacht, auf so einer Bühne zu stehen, hatte ich nicht.

Bis letztes Jahr eine Freundin von mit, Lena Försch, ihren TEDx-Talk über Improvisation gehalten hat. Plötzlich rutscht also die Vorstellung, auf so einer Bühne zu stehen, in den Bereich des Möglichen. Ich danke, das will ich auch! Kurz darauf lerne ich bei etwas ganz anderem Dirk Haun kennen, einer der Organisatoren bei TEDxStuttgart. Und ich sage ihm, ich habe auch Lust, einen Vortrag bei TEDxStuttgart zu halten. Er nimmt andere Worte, aber im Grunde ist seine Antwort: Einen TEDx-Talk zu halten, nur damit man das mal gemacht hat, ist eine Scheiß Motivation. Er hat Recht und das sage ich ihm. Und er meint, wenn du aber ein gutes Thema hast, dann schreib uns mal und dann gucken wir uns das an.

Ich habe mich damals, etwa vor einem Jahr, viel mit Kommunikation und Unverbindlichkeit und Selbstdemontage auseinandergesetzt. Meine Freundin hatte gerade eine Hausarbeit abgegeben, in der es um Verletzlichkeit in der Kommunikation ging, dieses Thema war also ziemlich präsent. Und irgendwann ist mir aufgefallen, wie präsent diese Sachen, Unverbindlichkeit und Selbstdemontage, im Alltag sind.

Ihr kennt das, wenn man das Bewusstsein irgendwo drauflegt, dann leuchten diese Sachen umso mehr auf. So ging es mir eben damit. Also schrieb ich dem TEDx-Team eben das:

Hallo TEDxStuttgart – Team,

ich würde gern bei einem TEDxStuttgart Event reden. Über Weichmacher und Selbstdemontage. Darüber, wie Menschen sich in zu vielen Situationen versuchen, ihre Unsicherheit zu verstecken und deshalb diese beiden Dinge anwenden und es nur noch schlimmer machen.

Ich bin Sprechkünstler und Kommunikationspädagoge (B.A.) und Schriftsteller (soon to be M.A. Literarisches Schreiben). Ich erzähle Geschichten in verschiedenen Formen und ich reagiere darauf, wie andere Menschen kommunizieren. Dabei fällt mir in letzter Zeit oft auf, wie Menschen nicht nur bei Präsentationen, sondern auch in ihrer Kunst und ihren generellen Werken nicht zu ihren Aussagen stehen, unsicher sind und nicht selbstbewusst. Dies versuchen sie durch oben genannte Selbstdemontage und Weichmacher abzufedern und zu verschleiern, was zu einer totalen Lose/Lose-Sitatiun führt.

Warum das so ist, was genau sich hinter Selbstdemontage und Weichmachern verbirgt, und wie man sonst reagieren könnte, damit würde ich gern meine 15 Minuten auf eurer Bühne füllen.

Ich freue mich, von euch zu hören!

Lächeln aus Stuttgart, Fabian Neidhardt

Das war im Januar diesen Jahres. Es gingen noch ein paar Mails hin und her, dann habe ich mich persönlich vorgestellt und alles nochmal so erzählt. Im März kommt dann die Nachricht, dass sie mich gerne dabei haben würden, im September. Und ich freute mich und dachte, September, viel Zeit bis dahin.

In dieser Zeit habe ich alles durchgemacht. „Das wird schon alles.“, „Was weiß ich denn, was andere nicht wissen? Wie maße ich mir an, jemandem etwas erzählen zu können?“ und „Scheiße, ich muss denen absagen.“ war alles dabei. Je mehr ich mich mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, oder mich davor gedrückt habe, desto, größer wurde es. Unsicherheit, Unverbindlichkeit und Selbstdemontage fand ich überall. Aber das TEDxTeam, besonders Dirk und Nico, haben mich in jeder Phase unterstützt und aufgebaut. Dazu gab’s Vortreffen, bei denen wir die aktuellen Stände der Talks üben und den anderen vorstellen konnten.

Was liegt auf dem Boden verteilt und klebt, wenn man drüber läuft? Mein #tedxstuttgart Talk.

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Diese 15 Minuten gehören wohl zu den Dingen, in die ich in meinen Leben am meisten Energie gesteckt habe. Über Monate hinweg hat mich dieses Thema begleitet, Post-its hingen überall, ich habe mit allen Leuten darüber geredet, meine Argumente getestet und angepasst, bis zu dem Punkt, dass ich nur noch froh war, wenn der Talk vorbei war.

Letzte Vorbereitungen. Spannung steigt. #tedxstuttgart #tedx #stuttgart

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Und dann ist der da, der Tag. Wir sind alle schon Stunden vorher da, die Nacht vorher nicht geschlafen, aber alle guter Stimmung und dann geht es superschnell. Plötzlich bin ich gleich dran, ich wärme mich auf, bin nicht mehr nervös, nur noch freudig erregt. Dann stehe ich auf der Bühne und ein Fingerschnippen später sage ich Danke und das Publikum applaudiert.

Das ist nun ein Monat her, das Video müsste demnächst online gehen. Bilder gibt es schonmal hier und hier. An dieser Stelle nochmal danke an das ganze TEDxStuttgart-Team, an meine Mitspeaker und alle Menschen, die mich in der Zeit aushalten mussten. Ich bin gespannt, wohin mich dieses Thema noch treibt.

 

Bericht: Z2X-Festival 2016 in Berlin #jungevisionäre

https://www.instagram.com/p/BJ4oK1pAy4j/

Vor ein paar Monaten poppte plötzlich das Z2X-Festival auf meinem Radar auf, ein Festival der Zeit Online. Für Menschen, die die Welt besser machen wollen, für Menschen, die visionär denken. Für Menschen zwischen 20 und 29.

Ich bin seit diesem Jahr nicht mehr 2X, aber zum Visionär sein gehört, Regeln zu brechen. Also bewerbe ich mich und werde eingeladen, einer von 500 aus mehr als 5000 Bewerbungen. Zusätzlich kann jeder Teilnehmer Vorträge, Workshops und Fragerunden anbieten, zu seinen Themen. Das Festival-Team nimmt noch ein paar externe Speaker und Workshopleiter dazu und generiert daraus den Inhalt des Festivals. Ein großes Fest auf Augenhöhe, bei dem jeder seinen Beitrag leisten kann.

Letztes Wochenende war es dann soweit. Ich also zum ersten Mal seit Jahren wieder in Berlin, ich komme früher an und gehe später, sodass ich noch Zeit mit Freunden in Berlin verbringen kann.

Samstag dann das Festival, los geht es mit der Schlange vor der Registrierung, weiter geht es mit der Schlange für den Kaffee, an der ich vorbeilaufe und direkt zu den Croissants komme. Es fängt aber schon in der Schlange an. Wir sind schon ganz schön viele und verschiedene Menschen. Aber wir sind ausgewählt worden und wir haben einen gemeinsamen Nenner: Wir wollen die Welt verbessern, auf die ein oder die andere Weise. Deshalb kommen wir schon in der Schlange ins Gespräch, wer bist du und wo kommst du her? Zusätzlich ist auch Andi da, den ich schon viel zu lange nicht gesehen habe. Und Imre, den ich noch länger nicht gesehen habe.

Festival passt nicht ganz. Als ich meiner Mutter davon erzähle und Festival sage, fragt sie, und was für Bands kommen da? Es ist mehr ein Kongress. Es gibt fünfminütige Blitzvorträge, von unterschiedlichsten Menschen wie Ronja von Rönne, Julia Reda und Orna Donath. Danach gibt es Workshops, 16 parallel. Nachmittags geht es weiter mit Fragerunden (FMA – Frag mich alles) und noch mehr Workshops. So viele Themen und Ideen, so viele Menschen und Motivation. Irgendwann lerne ich Martin und Ini kennen und wir beschließen, die letzten Workshops sein zu lassen und uns lieber kennenzulernen.

Sonntag geht es weiter, wie es Samstag aufgehört hat. Und dann ist es viel zu schnell vorbei. Es ist ein großartiges Format, ein tolles Treffen, aber es ist zu viel und gleichzeitig zu wenig. Ich habe so viel mitgenommen und trotzdem das Gefühl, einige tolle Workshops und Menschen verpasst zu haben.

Bei der Verabschiedung heißt es, nächstes Jahr wieder. Ja, bitte! Vielleicht einen Tag länger? Oder gar eine Woche? Es muss gar nicht mehr Inhalt sein. Aber Zeit, diesen nachhallen zu lassen und zu verdauen. Ich werde dann 31 sein. Mal sehen, ob ich nochmal hin darf. Ich will.

Andi schrieb seine Erinnerungen. Die Festivalseite selbst hat einige Fotos, die eine Ahnung geben.

Konzert: Florian Ostertag & Nasim auf Gartentour

Florian Ostertag und Nasim in den Weinbergen über Stuttgart.

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Schon vor Wochen hatte ein Freund uns angesprochen und gefragt, ob wir Lust haben auf Florian Ostertag und Nasim, sie spielen irgendwo in einem Garten in Stuttgart, Teilnahme nur mit Anmeldung.

Ich kenne kaum Lieder der beiden, aber hej, wieso nicht? Dann ist es gestern soweit. Aber es regnet nicht nur, es schüttet. So sehr, dass wir die Aufnahmen für #incommunicado unterbrechen müssen, weil der Regen so laut ist. Nach Stunden im Studio bin ich auch nicht so motiviert, irgendwo ein Konzert zweier Musiker zu sehen, die ich kaum kenne, und ohne ein Dach über dem Kopf. Meine Begleiter aber sind motiviert genug, um mich mitzuziehen. Glücklicherweise.

Die Location stellt sich als die Bühne über Stuttgart heraus, ein Garten mit Natürbühne und Platz für etwa 100 Gäste. Wir sitzen mit Decken, holen und bezahlen Getränke auf Vertrauensbasis und beobachten Florian und Nasim, wie sie vor uns den Soundcheck machen. Langsam füllen sich die Reihen und obwohl wir uns nicht kennen, sind wir alle Teil dieser kleinen Veranstaltung, Teil einer exklusiven Gruppe. Und dann geht es los.

Florian und Nasim sind sympathisch, wissen, wie sie ihre Geschichten erzählen müssen. Sie sind nah und persönlich. Und sie machen gute Musik. Es ist egal, ob ich sie davor kenne. Sie setzt sich im Ohr und Herz fest und alle sind gut drauf.

Es ist ein großartiger Abend. In Decken eingemümmelt hören wir gute Musik und haben Stuttgart im Hintergrund. Sie singen auf Deutsch und Englisch und auf der Bühne stehen nicht nur Gitarren, ein Piano und ein Akkordeon, sondern auch ein alter Fernseher, ein Tonbandgerät und eine Schreibmaschine. Die beiden machen mit allem Musik, die sich trotz aller Elektronik handgemacht anfühlt.

Natürlich ist es viel zu schnell vorbei. Dann laufen die letzten Lieder und als der Hut rumgeht, bemerken wir, dass Philipp Poisel in der letzten Reihe sitzt, so dass man ihn kaum bemerkt. Florian war mit ihm auf Tour und jetzt kommt er vorbei, um sich ein gutes Konzert anzusehen und eine großartige Zeit zu haben. Genau wie wir.

Noch knapp eine Woche touren sie durch Deutschlands Gärten.  Wie gesagt, ihr braucht die beiden nicht kennen. Schaut sie euch einfach an. Es lohnt sich, versprochen.

Langzeitbericht: Die slow O

Gerade angekommen: Die Slow Watch! Mehr Infos bald! #slowwatch

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Zu der Zeit, als Smartphones noch Handys waren und nicht viel mehr konnten als Telefonie, SMS und Snake, habe ich mein Handy zum größten Teil nur in die Hand genommen, um auf die Uhr zu gucken.

Heutzutage, wenn ich auf mein Smartphone sehe, um auf die Uhr zu gucken, dann sehe ich auch sofort, ob ich von irgendwem irgendwo angeschrieben worden bin und, oh! da kam auch ne Mail. Und ist eigentlich was bei Facebook passiert? Ihr kennt das.

Ich finde das problematisch. Weil ich sonst keine Uhr trage, auch auf dem Nachttisch keine habe und dann Morgens oder Abends auf das Smartphone gucke, ich kann dann auch nicht widerstehen, zu gucken, was da gekommen ist, sobald ist sehe, dass was gekommen ist.

Deshalb habe ich mir irgendwann den Lies lieber ein Buch-Wallpaper auf das Smartphone geladen, um weniger am Telefon zu hängen. Was das Uhrzeitenproblem nicht löst. Gegen eine normale Uhr habe ich mich gewehrt. Ich dachte, sobald ich eine Uhr trage, habe ich die grauen Herren immer hinter mir stehen, dann bin ich vollkommener Sklave der Zeit.

Und dann bin ich auf die Uhren von slow gestoßen. Schaut sie euch an, verweilt einen Moment beim Zeiger. Dann seht ihr die Besonderheit.

Good times always happen now. Be slow. #enjoylife #swissmade #timetobeslow #theslowwatch

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Zwei Konzepte, die hier vereint werden. Zum einen sind die Uhren von slow Einzeigeruhren, nur die Stunden werden angezeigt. Zum anderen werden auf dem Ziffernblatt 24 Stunden abgebildet. Pro Tag kreist der Zeiger dieser Uhr nur einmal. Deshalb wird die Zeitanzeige leichter, weil nach kurzer Eingewöhnungszeit kann man auf den ersten Blick sehr schnell die ungefähre Uhrzeit erkennen. Das Ablesen der exakten Uhrzeit wird dagegen schwerer. Genau das ist das Konzept:

Bei einer slow Uhr geht es darum, sich auf das, was wirklich wichtig ist, zu konzentrieren. (…) Das 24-Stunden-Zifferblatt gibt euch einen perfekten Überblick des gesamten Tages. Das ist grundsätzlich anders als bei normalen Uhren und gibt euch so die Chance, ein besseres Bewusstsein für eben den ganzen Tag zu schaffen. Und wie ihr diesen angeht.

slow wirbt damit, dass diese Uhr unsere Leben verändern wird. Das Konzept und das Aussehen des jüngsten Modells, der slow O, haben mich neugierig gefragt und ich habe bei slow nachgefragt, ob ich die slow O ausführlich testen dürfte. Die Jungs sagten ja und nun trage ich die slow O 10 seit einem halben Jahr am Handgelenk.

Gerade diese Ausführung mit ihrem blauem Band ist auffällig, schon bevor man das Ziffernblatt sieht. Als sie auch noch ganz frisch aus der Packung kam, sah das Band auch zu krass, zu künstlich und dadurch extrem billig aus. Mittlerweile ist die Uhr eingetragen, Glas und Gehäuse haben ein paar Kratzer abbekommen und das Band hat seinen Vintage-Look, den es haben soll. Für einen meiner Art, der sonst keine Uhren trägt, fällt das Gewicht auf, das plötzlich am Handgelenk ist. Es ist ein gutes Gewicht, ein hochwertiges Gefühl, die Uhr zu tragen.

Ich habe ein paar Wochen gebraucht um mich an das Gewicht an meinem Handgelenkt zu gewöhnen. Und daran, die Uhr auch zu nutzen. Nach Jahren der Routine, in die Tasche zu greifen, um das Smartphone herauszuholen, muss ich mich erst selbst disziplinieren, auf das Handgelenk zu sehen. Aber irgendwann habe ich meine neue Routine, jetzt fehlt mir die Uhr, wenn ich sie nicht am Handgelenk habe. Und sie macht genau, was mir versprochen wurde: Sie nimmt Geschwindigkeit heraus.

Bei jedem Betrachten der Uhr erinnert sie mich, dass es gar nicht so wichtig ist, wieviel Uhr es ist. Manchmal betrachte ich sie auch einfach, weil ich sie sehr schön finde. Und zeigt tatsächlich den ganzen Tag. Zeigt mir, wann im Tag ich stehe.

Natürlich gibt es genügend Momente, bei der ich eine exaktere Uhrzeit brauche, besonders als Pendler, der viel in der Bahn sitzt. Und wenn ich dann aufs Handy gucke, dann gucke ich immer noch, was sonst so passiert. Aber ich gucke grundsätzlich weniger aufs Handy.

Problematischer ist es, wenn ich vor dem Computer sitze. Dort ist immer die genaue Zeit eingeblendet. Dafür wünschte ich, es gäbe eine slow-Wanduhr. Ich frage die Jungs mal, ob das geplant ist. Genauso spannend wäre es, ob auch eine Automatikuhr geplant ist, was die Uhren auf ein weiteres Level heben würden.

Was sich als überraschend schwer herausgestellt hat, ist das Uhrzeit stellen.

Gerade weil die Uhrzeit so grob ist, ist das genaue Stellen sehr wichtig, weil sonst aus „etwa“ einfach „falsch“ wird. Aber nach ein paar Versuchen hat auch das geklappt.

Immer noch werde ich regelmäßig auf die Uhr angesprochen, besonders, wenn jemand auf ihr die Uhrzeit zu lesen versucht und erstmal irritiert ist. Aber sobald sie es verstehen, sind sie fasziniert. Ich bin es immer noch. Täglich erinnert mich die Uhr am Handgelenk daran, weniger auf die Zeit zu achten. Paradox, aber es funktioniert wunderbar.

Die Uhren von slow werden euer Leben nicht automatisch ändern, aber sie helfen euch dabei, es selbst in die Hand zu nehmen.

Vielen Dank an die Jungs von slow für das Bereitstellen des Testexemplars!

Roman: Taqwacore von Michael Muhammad Knight

Der erste Satz aus Taqwacore:

Bismillahir, Rahmanir und so weiter –

Yusef zieht zum Studieren nach Buffalo und seine Eltern sind ziemlich froh, dass er in eine WG zieht, in der nur Muslimen wohnen. Was sie nicht wissen: In dieser WG wird der Islam ganz schön lax gelebt. Oder extrem, wie man es nimmt. Hier kommt der Islam klar mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Hier versucht eine Generation junger Muslime, den Islam in eine neue Zeit zu bringen.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/140973774052/irgendwo-da-draußen-gibt-es-einen-coolen-islam

Ähnlich wie bei „Unter Null“ von Bret Easton Ellis erzählt Knight keine komplexe Geschichte, sondern beschreibt eine Atmosphäre, eine Szene, die einerseits vollkommen vom Islam durchdrungen ist und ihn auf der anderen Seite sehr speziell ablehnt. Die letzten zehn Seiten des Buches sind Glossar, eine Liste der am häufigsten verwendeten arabischen Ausdrücke. Diese Liste braucht man, ich habe in diesem Buch ein Lesezeichen an der Stelle, wo ich im Roman bin und eines hinten beim Glossar, weil ich andauernd Worte nachschlagen muss.

Aber die irgendwann weiß man einigermaßen, was all die Begriffe bedeuten und dann ist man Teil der Gang, fühlt sich verbunden, versteht ein wenig mehr, was Islam alles bedeuten kann und welche Kämpfe innerhalb dieses Begriffes geführt werden.

Taqwacore kommt auf den ersten Blick provokanter daher, als ich es nach dem Lesen empfunden habe. Was überhaupt nicht enttäuschend gemeint ist. Es ist eine spannende Lektüre, die einem fast nebenher Lebensarten näher bringt, die ich sonst nur gefüllt mit Vorurteilen kenne. Dieser Roman hat einige davon abgebaut.

Taqwacore von Michael Muhammad Knight wurde übersetzt von Yamin von Rauch und erschien irgendwann mal bei Heyne Hardcore, mittlerweile ist er nur noch bei Rogner & Bernhard zu haben.

 

Bericht: Die Leipziger Buchmesse 2016

Das Problem bei einer Sache wie die Buchmesse ist, dass zu viel passiert. Philips Artikel über die Buchmesse ist fünf Seiten lang. Verständlich, weil, BAM., einfach zu viel. Mein Bericht über meine letzte Buchmesse in Leipzig ist nie online gegangen, weil es nichtmal geschafft habe, den ersten Tag zu beschreiben, bevor das wieder passiert, hier also sowas wie ein Blitzlichtgewitter an Erinnerungsschnipsel dieser vier Tage in Leipzig.

  • Die Tage in einem Wort, das wäre wohl „Augenhöhe“. Ich komme Mittwoch Abend in Leipzig und bei meinen Messe-Eltern an und ab Donnerstag früh bin ich auf der Messe. Begrüße mir bekannte Menschen und mache aus Kontakten aus Mail und dem Internet echte Bekanntschaften. Ich schlendere durch die Hallen, die schon am ersten Tag gut gefüllt sind und frage mich, warum man als reiner Leser auf die Buchmesse geht.

Meine erste Buchmesse war 1998 und in Frankfurt. Ich war 12 Jahre alt. NuvoMedia stellte das Rocket eBook vor, einen der ersten eReader überhaupt. Mitarbeiter fuhren Wägelchen voller Bücher durch die Gänge und man konnte sich einfach bedienen. Und es gab Massen von Büchern. Die Massen an Bücher sind immer noch da. Die großen Verlage zeigen, was sie haben, legen den Penis auf den Tisch. Die kleinen Verlage versuchen zu zeigen, dass sie überhaupt da sind. Die meisten Leute sind aber bei den Ständen der bekannten Verlage zu finden. Klar, hier ist mehr Auswahl, aber eigentlich findet man deren Programm auch in jeder Buchhandlung. Dafür muss ich nicht auf die Buchmesse.

Ich als irgendwie gearteter Teil dieser Branche laviere durch die Hallen und freue mich mehr über die Menschen, als über die Bücher. Die Bücher machen mir manchmal Angst. So viele von ihnen. So viele potentiell gute Geschichten, die man niemals alle lesen kann.

  • Und die Cosplayer!

Seit meinem letzten Mal hier sind extrem viel mehr dazugekommen. Ein signifikanter Teil der Besucher, die sogar eine eigene Halle bekommen und zum Großteil wahrscheinlich nicht sehr viel mit den restlichen vier Hallen anfangen können. Aber hej, das sind junge Menschen, die sich auf ihre Art und voller Herzblut mit Büchern beschäftigen.

  • In Halle 2, zwischen den Buchdruckern und der Hörspielarena steht ein angekratzter verdreckter blauer Lada Niva. So wie der aus Tschick, denke ich. Und dann erfahre ich, dass es tatsächlich der Filmwagen aus im September erscheinenden Film ist! Da schlägt mein Auto- und Buchherz um einiges höher.

  • Vieles dreht sich diesmal um Blogger. Es gibt eine Bloggerlounge, mehrere Vorträge und Diskussionsrunden „Blogger vs. echten Journalismus“ und Bloggerveranstaltungen von Verlagen. Diese sind ganz schön unterschiedlich. Am Donnerstagabend geht zum Bloggeressen von Klett-Cotta. Eine kleine Runde von vielleicht 25 Leuten, Blogger, Verlagsmenschen und Autoren an zwei Tischen in einem Restaurant in Leipzig. Zwischen den Gängen stellen die Autoren ihre Bücher vor und lesen ein bisschen vor. Während der Gänge essen wir alle und unterhalten uns und es ist egal, ob du Verlagschef oder Blogger bist, du unterhältst dich auf Augenhöhe. Geil.

Einen Tag später ist #blogntalk von Random House. Leider habe ich hier viel mehr das Gefühl von Gefälle, hier werden die Blogger eher wie Fans behandelt und verhalten sich aber größtenteils auch genauso. Also sage ich Sebastian, dem Pressemann von Random House genau das, was er mir glücklicherweise nicht übel nimmt, danach habe ich ein ziemlich gutes Gespräch mit Stephanie Grimm, die ein Sachbuch übers Schlafen geschrieben hat. Hier ist dann wieder Augenhöhe angesagt, ein Zustand bei Kommunikation, den ich immer mehr zu schätzen weiß.

  • Schon vor drei Jahren krass, wie Sebastian Fitzek seinen eigenen Stand neben dem von Droemer Knaur hat und eine Riesenschlange quer durch die Halle geht. Diesmal nur noch krasser.

 

  • Klar, durch das Studium in Hildesheim lernt man relativ viele Menschen aus der Bucbranche kennen, als Blogger dann nochmal mehr. Die Tage sind sind voller Kennenlernen und Wiedersehen. Höhepunke dabei sind der Donnerstag und der Sonntag. Freitag und Samstag sind viel zu viele Menschen da. Trotzdem ist es ganz gut, die ganzen Tage dazusein. Sonntag ist man dann schon krass übermüdet und in einem Tunnelblick, aber man entdeckt immer noch neue krasse Stände. Das ist wie wenn man eben nicht nur ein Wochenende in einer neuen Stadt verbringt, sondern gleich einen Monat. Dann klappert man erst die Touri-Hotspots ab und gegen Ende lernt man dann die eigenen Lieblingsplätze kennen. Buchmesse funktioniert ebenso. Und danach gehts zurück nach Hause mit viel zu vielen Visitenkarten und Eindrücken und Dingen, die alle nicht in trockenen Tüchern sind. Ich bin gespannt, was davon fruchtet, welche Kontakte halten und welche Projekte und Ideen verwirklicht werden. Nächstes Jahr gerne wieder.

Bericht: Lesung von Thees Uhlmann am 23.3. im Wizemann in Stuttgart

Bis letzten Sonntag war ich auf der Buchmesse in Leipzig (Bericht folgt) und Markus Naegele, Verlagsleiter von Heyne Core, erzählte im Interview mit Wolfgang Tischer vom Literaturcafé.de Lesungen sollten Rock’n’Roll sein.

Gestern sitze ich in der ersten Reihe bei Lesung von Thees Uhlmann mit seinem ersten Roman Sophia, der Tod und ich und er macht genau das. Klar, Uhlmann ist seit mehr als 20 Jahren mit seiner Band Tomte und solo als Musiker unterwegs und diese Bühnenerfahrung merkt man ihm an. Mit seiner leichten Out-of-Bed-Frisur, dem Weinglas und seinem abgegriffenem Leseexemplar seines Buches kommt er auf die Bühne im Wizemann, in deren Mitte nur ein kleiner schwarzer Tisch und das Mikro stehen.

Mein Gott ist eine Frau mit einem unglaublich kurzem Rock, die an der Bar sitzt und sich betrinkt und sagt, es gibt keinen Gott.

Thees Uhlmann

Er wartet ab, bis das Publikum den ersten Applaus abebben lässt und erzählt angesichts der Ereignisse in Brüssel am gestrigen Tag, dass er eigentlich ein unpolitischer Künstler ist, aber trotzdem etwas über seinen Gott loswerden will. Dann beginnt er mit dem eigentlichen Abend.

Sind wir ehrlich, wir kommen nicht auf eine Lesung, weil wir das Buch vorgelesen bekommen wollen. Dafür könnten wir uns auch das Hörbuch holen. Wir wollen eine Show erleben, Anekdoten hören und eine gemeinsame Erinnerung schaffen. Uhlmann ist Profi drin.
Die Lesepassagen behandelt er wie Songs, er liest das Buch nicht vor, er performt es. Er überspitzt die Figuren und die Stimmen, macht Sachen, die man als Sprecher nie machen würde, aber Thees auf der Bühne lebt das einfach und es macht unglaublich Spaß, ihm zuzusehen.
Zwischen den Lesestücken erzählt er. Kleine Geschichten, die ihm scheinbar spontan einfallen, aber auch, wie es überhaupt zu dem Buch gekommen ist und wie die gesamte Lesetour war. Stuttgart ist nämlich Abschluss einer wochenlangen Lesereise und Uhlmann lässt es extra krachen.

Insgesamt performt Uhlmann rund zweieinhalb Stunden mit einer kleinen Pause dazwischen, erzählt, liest, trinkt und hat Spaß. Im Laufe der Zeit wird immer klarer, wie professionell Uhlmann ist. Er weiß, wie er die Geschichten erzählen muss und er baut einen Bogen über den ganzen Abend und natürlich wurde keine Geschichte einfach so erzählt. Am Ende führen alle Fäden zusammen, was die Show umso größer macht. Gleichzeitig ist Uhlmann das beste Beispiel eines 12-jährigen im Körper eines knapp 42-jährigen. Er ist ein Lausbub, er freut sich, wenn wir uns freuen und er reagiert geil auf das Publikum.

Aber in wenigen Momenten überspannt er den Bogen. Nach der Pause kommt er mit der ganzen Weinflasche auf die Bühne und leert sie fast provokativ. Ich habe, wenn überhaupt, ein distanziertes Verhältnis zu Alkohol, aber wenn jemand trinken will, darf er das gerne tun. Problematisch wird es, wenn Menschen sich für ihr Verhalten verteidigen.

Als Uhlmann sich gerade wieder kräftig einschenkt, sieht er ins Publikum und blafft uns an, „bei Bukowski habt ihrs doch auch gefeiert!“ Ähnlich gab es Momente, in denen er seine Ausschweifungen verteidigt. Wir sitzen da und haben alle Spaß, wenn Thees Uhlmann auf der Bühne Spaß hat, aber in dem Moment, in dem er sagt, „vielleicht sabbel ich gerade ein bisschen viel, aber ich mache das heute Abend nur für mich!“, wird uns als Publikum eine Bewertung, eine Abwertung ihm gegenüber aufgedrückt, die wir davor nicht gehabt haben müssen.

Wie ähnlich der Abend einem Konzert ist, wird am Ende nochmal klar, weil sich keiner wundert, warum Thees Uhlmann keine Fragen beantwortet hat, sondern wir traurig waren, dass es keine Zugabe gab.

Thees Uhlmann macht aus einer Lesung eine Ein-Mann-Performance, einen geilen Abend, bei dem er in manchen Momenten leider ein wenig überdreht. Aber vielleicht gehört das auch zu einem geilen Abend.

PS: Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber ich ahne, dass das Hörbuch in diesem Fall die bessere Wahl ist, weil Thees Uhlmann das Werk durch seine Leseperformance um ein wichtige Ebene erweitert. Aber entscheidet selbst.

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann erschien bei KiWi, das Hörbuch  erschien bei Grand Hotel van Cleef. Danke an Chimperator Live für die Gästeliste. 

Bericht: Literarisches Schreiben in Hildesheim, Semester 2

Dies ist die erste Woche des dritten Semesters, die Semesterferien habe ich mit einem Praktikum und in Polen verbracht. Bevor das zweite Studienjahr richtig beginnt, hier der Bericht über Semester 2.

Viel von dem, was im ersten Semester passiert ist und mir aufgefallen ist, gilt auch noch im zweiten. Man groovt sich mehr ein, lernt in anderen Seminaren und Kursen neue Leute kennen und kommt langsam in dieser Blase der Domäne an. Der Sommer und das warme Wetter fördern das Zusammensitzen auf der Wiese und die gemeinsame Zeit extrem.

Auf der anderen Seite aber hat sich bei mir ein großes Gefühl von Ellenbogenmentalität und Abgrenzung festgesetzt.

An der Musikhochschule, in Sprechkunst, lernt man in den ersten Semestern, dass es egal ist, wie man von außen aussieht. Man macht so viele Körperübungen, humpelt wie ein Zombie durch den Raum oder sagt andauernd komische lautmalerische Worte vor sich her, dass man auf keinen Fall darüber nachdenken kann, wie man jetzt gerade aussieht und auf andere wirkt. Weil dann bringen all die Übungen nichts. Man wird mutig darin, blöd auszusehen. Und dadurch ist man frei, alles zu tun. Und weil das alle machen, ist auch alles okay.

In dieser Blase in Hildesheim wären dafür die perfekten Vorraussetzungen. Man ist unter Künstlern und man studiert. Man will sich ausprobieren. Man will Sachen machen, die man sonst nicht macht. Aber mir scheint, das genaue Gegenteil ist der Fall. Weil es so ein Kleinstkosmos und es eher gegenseitiges Konkurrieren ist, beobachtet anscheinend jeder jeden genau. Zumindest verhalten sich fast alle so, als wären andauernd unter Beobachtung. Was wiederum auch heißt, dass man kaum in Kontakt mit anderen Leuten kommt. Selbst, wenn man sich in einem Kurs kennengelernt hat, sobald auf der Wiese ist, wird man vielleicht noch angenickt, aber ansonsten verbleibt man in den Gruppen der Leute, die man kennt. Ich habe nur wenige, dafür aber umso schönere Ausnahmen entdeckt.

Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht daran, dass es es zwischen all den luxoriösen und elitären Studiengängen nochmal eine zumindest subjektive Rangordnung gibt. Dass beispielsweise die Bachelorstudenten Kreatives Schreiben sich als die „besseren Schreiber“ ansehen, als die Kultuwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Literatur. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das so ist, aber für mich fühlt es sich oft so an. Aber auch innerhalb der Studiengänge, zumindest bei den Schreibern, scheint es viel Rivalität zu geben. Als ob man jemand anderem einen guten Text nicht gönnt.

Das Gefühl, dass diese Stimmung hinterlässt, ist schal und schmälert das Erlebnis Hildesheim ein wenig. Sollte die Studienzeit doch ein wenig freier ablaufen.

Für mich persönlich war das zweite Semester anstrengend, ernüchternd, demotivierend und unglaublich schön. Ich lerne mehr, als ich gedacht hätte. Mehr über Literatur im allgemeinen, mehr über Schriftsteller und die Literaturwelt und vor allem mehr über mein eigenes Schreiben. Mein Mentor für mein Romanprojekt für das Semester war Anvar Cukoski, seit letztem Jahr Lektor bei Piper. Anvar ist, um es mit den Worten von Lester Bangs zu sagen, ehrlich und unbarmherzig. Das wirft einen erstmal ganz schön hart auf den Boden. Aber bringt einen auch am meisten weiter.

Das Pendeln hat auch im zweiten Semester gut funktioniert. Klar ist es anstrengend und nicht die billigste Art des Lebens. Aber ich halte meine Kontakte in Stuttgart und das ist mir wichtiger, als nach Hildesheim zu ziehen.

Nun komme ich ins dritten Semester. Beschäftige mich diesmal mit Kursen über Coming-of-Age, Kunstbücher und das Erzählen. Und habe als Mentor für meinen Roman Kevin Kuhn. Schon jetzt zeichnet sich ab, das dieses Semester wieder aus viel Lesen und Schreiben besteht. Aber ich hab Bock drauf. Und ich freue mich. In diesem Sinne, Lächeln, Fabian.

PS: Das Literaturinstitut hat eine kleine Slideshow aus Bildern und Interviews zusammengebaut, wie es so ist, in Hildesheim zu studieren. Wer genau hinguckt, sieht mich. Ist aber auch schön, eine breitere Masse an Meinungen zu hören.

Bericht: Literarisches Schreiben in Hildesheim, Semester 1.

Seit Oktober 2014 studiere ich also den Master Literarisches Schreiben in Hildesheim. Das erste Semester ist nun vorbei, hier mein Zwischenbericht:

Wie Sprechkunst auch, ist Literarisches Schreiben ein Luxusstudiengang. Ein Studiengang an einer staatlichen Universität mit einer Semesterstärke von 20 Personen. Wir studieren nicht am Hauptcampus der Universität, sondern an der Domäne Marienburg, einem umgebauten Gehöft, das Studiengänge wie Kreatives Schreiben, Kulturjournalismus, Philosophie, Kunst & Medien, aber auch Musik und Szenische Künste beherbergt, ein paar Kilometer außerhalb von Hildesheim. Man ist umgeben von Künstlern verschiedener Art, auch das hat der Master mit meinem Bachelor gemein.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist der grundsätzliche Aufbau der Studiengänge, natürlich jeweils auf das Sprechen oder das Schreiben gemünzt:

In Sprechkunst lernte ich

  1. eine breite Basis für das Sprechen, samt theoretischer und praktischer Vertiefung in verschiedene Richtungen (beispielsweise Anatomie, Schauspiel und Phonetik),
  2. wieder anderen das Sprechen beizubringen (Unterrichtspraxis), und
  3. im Einzelunterricht das eigene Sprechen zu optimieren (Hauptfach).

In Literarischem Schreiben lerne ich

  1. eine breite Basis für das Schreiben, samt theoretischer und praktischer Vertiefung in verschiedene Richtungen (beispielsweise Kontrolle und Literatur, Kulturjournalismus und die Geschichte des Creative Writing),
  2. wieder anderen das Schreiben beizubringen (Creative Writing als Kulturtechnik), und
  3. mit einem Mentor am eigenen Roman zu arbeiten.

Es gibt aber auch große Unterschiede. Obwohl ich in beiden Studiengänge sehr kleine Semestergruppen hatte und habe (8 bzw. 20, jeweils mit ungleich mehr Frauen im Jahrgang), ist der Zusammenhalt ein ganz anderer. Das liegt meiner Meinung nach an der Studienstruktur. An der Hochschule in Stuttgart wird jedes Semester ein Stundenplan vorgelegt, den man zu besuchen hat. Alle Kurse sind vorgegeben, ich habe mich in Stuttgart in vier Jahren kein einziges Mal mit Semesterwochenstunden oder ETCS-Punkten beschäftigt, das war nicht notwendig. Nach einem Jahr kann man zwischen Literaturkursen wählen und nach dem Grundstudium ein Profil, grundsätzlich hat man aber fast alle Kurse im Semesterverband, was zumindest aus meinem Semester eine zweite Familie geschmiedet hat. Wir kannten uns alle sehr gut.

In Hildesheim dagegen wird durch die Studienordnung vorgegeben, was man in den beiden Masterjahren zu schaffen hat, wann man aber was macht, liegt bei einem selbst. Man wählt jedes Semester neu, welche Kurse man gerne hätte und versucht dies mit dem Plan abzugleichen. Was dazu führt, dass ich im ersten Semester noch nie meinen kompletten Jahrgang gesehen habe. Wir haben keinen einzigen Kurs miteinander und ich kenne nicht einmal alle. Auf der anderen Seite ermöglicht diese Struktur mir, alle Kurse auf zwei Tage die Woche zu legen, sodass ich das erste Semester relativ sauber aus Stuttgart pendelnd leisten konnte. Den Großteil der Zeit verbringe ich mit Schreiben und das geht in Stuttgart und in Zügen ebenso gut, wie in Hildesheim.

Trotz des versprengten Semesters haben wir uns zu einer relativ festen Gruppe von etwa 8 Leuten zusammengefunden, die sich regelmäßig trifft und mir auch in Hildesheim eine Familie gibt, ein Umfeld, in dem ich mich sehr wohl fühle.

Das Studium selbst ist unglaublich toll. Viele Sachen bauen auf meinem vorherigem Studium auf, beziehungsweise kann ich viele Strukturen aus dem Sprechen im Schreiben weiterführen. Während ich in Stuttgart der Schreiber war, bin ich in Hildesheim der Sprecher und darf oft vorlesen. Ich arbeite an meinem Roman und habe jedes Semester wechselnd einen anderen Mentor, der mich bei dem Projekt begleitet. Was will ich mehr?

Zwei Sachen, dir mir noch aufgefallen sind:

  1. Es wird einem leicht gemacht, nichts zu sagen. Egal, ob ich in „Einführung in den Kulturjournalismus“ mit 90 Leuten sitze, oder in „Schrift und Sprache im Mittelalter“ mit 6 Leuten, es gibt Menschen, deren Stimme ich noch nie gehört habe. Die Dozenten stellen ihre Frage und wenn niemand antwortet, reden Sie weiter. Und da sie das schnell tun, gibt es auch immer weniger, die reden. Natürlich gibt es die Üblichen, die oft etwas sagen und eine Diskussion führen. Aber das sind sehr wenige. Ich weiß nicht, woran es liegt, ob es eine Mentalität der Studierenden oder eine der Lehrenden ist, aber trotz aller Bemühungen, Diskussionen zu führen, werden die Stunden oft zu Vorlesungen verformt. Und das ist sehr schade. Wieso wird der unglaubliche Vorteil kleiner Gruppen nicht genutzt? Sowohl von den Dozenten, und viel mehr noch, von den Studierenden?
  2. Der Studiengang ist in einer andauernden Verteidigungshaltung. In Stuttgart ist eher das Problem, dass außerhalb einer kleinen Interessengruppe niemand den Studiengang kennt. Das geht soweit, dass ich auf der Suche nach einem Praktikumsplatz fast durchgehend überrascht angesehen wurde. Sprechkunst, so etwas kann man studieren? Und wenn selbst potentielle zukünftige Arbeitgeber so reagieren, dann hat man meiner Meinung nach einen zu geringen Bekanntheitsgrad. Wenn ich jetzt mit Menschen über mein Studium rede gibt es immer noch Leute, die sagen, so etwas kann man studieren? Aber weit weniger. Was es dagegen umso häufiger gibt, ist eine gewisse Skepsis darüber ob man jemandem beibringen kann, zu schreiben. Diese Skepsis ist in Hildesheim (und wahrscheinlich auch in Leipzig) bekannt und immer wieder kommt man innerhalb des Studiums darauf zu sprechen. Manchmal hatte ich dabei das Gefühl, eine Institution, die sich sogar innerhalb ihrer Gruppe so sehr verteidigt, kann sich doch selbst nicht ganz sicher sein. Verständlich, was ich meine?

Ich bin gespannt, wie es im kommenden Semester weiter geht. Die Mentoren werden Verlagslektoren sein und es wird viel Neues zu lernen geben. Jetzt aber erstmal Semesterferien. Ich schreibe nun ein wenig.