Lesung: Kevin Kuhn am 06.02.18 in der Stadtbibliothek Stuttgart

Kevin Kuhn legt mit Liv seinen zweiten Roman vor, ich habe ihn nicht gelesen, aber Kevin war einer meiner Dozenten in Hildesheim. Grund genug, zu seiner Lesung in der Stadtbibliothek zu kommen, im Café Lesbar im obersten Stock, mit Blick in die Bibliothek.

In der Reihe Secondo | Lesung und Gespräch dürfen AutorInnen ihren Zweitling und ihre Herausforderungen damit vorstellen. Moderator diesmal: Björn Springorum.

Manchmal lenkt mich das Geschehen hinter den beiden ab, besonders, wenn jemand auf der gleichen Etage vorbeiläuft. Aber größtenteils bildet der Strudel an Büchern mit den Menschen, die sich daran bedienen, die optimal meditative Kulisse für das Gespräch.

Kevin erzählt und liest und antwortet auf eine zurückgenommene, ruhige Art, eine ganz andere Art als beispielsweise Tad Williams. Björn übernimmt den energiegeladenen Part, stellt interessiert Fragen und baut Bezüge auf. Er ist selbst Autor, was den Abend weniger zu einem Interview als zu einem Kollegengespräch macht, in dem es gar nicht so sehr um die Geschichte, sondern mehr um Kevin, seine Art zu Schreiben und das Handwerk selbst.

Ein Abend voller Einsichten und Ideen und Geschichten. Gerne wieder.

Roman: Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan

Der erste Satz aus Am Ende bleiben die Zedern:

Alles pulsiert, alles leuchtet.

Vor knapp vier Jahren hat Pierre sein erstes Buch rausgebracht, eine Sammlung am Slam-Texten. Jetzt folgt sein erster Roman. Ein Roman über Samir, einen Libanesen, der in Deutschland aufwächst und dessen Vater verschwindet, als er 8 Jahre alt ist. 20 Jahre später macht sich Samir in Beirut auf die Suche nach seinem Vater.

Ich mochte das erste Kapitel sehr. Pierre startet mit einer Szene, in der es um eine Satellitenschüssel geht.  Ich mochte die Atmosphäre, die Worte, wie Pierre es in dieser ersten Szene schaffst, den Vater in seiner einzigartigen Art zu zeichnen. Unglaublich schön. Ich habe das erste Kapitel nicht nur selbst gelesen, sondern auch in meiner WG vorgelesen, weil ich es so toll fand.

Pierre startet aus diesem extrem hohen Niveau, in dieser wunderbaren Sprache alter Erzähler, aber dieses kann der Roman meiner Meinung nach nicht halten. Aus verschiedenen Gründen.

Der Roman verwebt die Reise Samirs nach seinem Vater in Beirut mit Rückblenden in seine Vergangenheit, erzählt von der Zeit vor und nach dem Verschwinden des Vaters. Mir sind diese Rückblenden manchmal zu lang oder an Stellen gesetzt, an denen sie mich nicht so sehr interessieren. Klar sehe ich die Notwendigkeit, sehe ich alle Zirkelschlüsse, die Pierre aufbaut und auflöst, aber manchmal wollte ich bei den Rückblenden einfach weiterblättern, wollte wissen, was bei der aktuellen Reise passiert. Und dann fühlt sich das im Nachhinein manchmal so an, als ob die Rückblenden etwas hölzern eingearbeitet sind, um die Geschichte plausibel zu machen. Das ist schade, weil ich so gern mit Samir durch Beirut gegangen bin. Mochte das Bild, das er zeichnet. Pierre hat in mir die Sehnsucht geweckt, dieses Land wirklich zu sehen. Deshalb hat es mich gestört, wenn ich da rausgerissen worden bin, um noch mehr aus der Vergangenheit in Deutschland zu lesen.

Dann gab es noch zwei weitere Sachen, die am Ende Schatten geworfen haben. Einerseits benutzt Pierre diesen Kniff, dass er den Leser manchmal weniger wissen lässt, als den Erzähler. Es gibt mehrere Stellen, wo klar ist, der Erzähler weiß schon etwas, was der Leser erst Seiten später erfährt. Das hat mich schon bei Mr. Mercedes von Stephen King extrem genervt.

Bei der Qualität von Am Ende bleiben die Zedern braucht es diesen einfachen Trick, Leser bei der Stange zu halten, nicht. Klar konnte man sich oft denken, was er erfahren hat, aber ich habe mich als Leser dadurch manchmal hingehalten gefühlt. Kein schönes Gefühl.

Und als letztes eine Sache, die man als Spoiler auffassen könnte, deshalb: Ich habe mich angestrengt, nicht zu spoilern, aber im Zweifelsfall nicht weiterlesen!

Ich habe gewarnt.

Alles, was in Samirs Leben scheiße gelaufen ist, kann er auf seinen Vater schieben. Alle Ticks und Probleme, die er hat, rühren vom Verschwinden seines Vaters. Soweit, dass er diese Reise und diese Suche machen muss.
Jetzt passiert am Ende des Romanes etwas und dann ist alles gut. Und ich sitze als Leser da und denke, echt jetzt? Am Ende hat Pierre mich verloren. Nach dieser ganzen Geschichte konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass sich Samir so verhält, wie er es in am Ende tut.
Und das wirft für mich den größten Schatten auf ein tolles Buch, mit dem ich gern Zeit verbracht habe. Das fand ich echt schade.

Das tolle ist, Pierre und ich kennen uns schon eine Weile und ich habe ihm meine Kritik und meine Probleme mit seinem Werk erzählt. Und er sagt, so ziemlich genau diese Irritation am Ende wollte er haben. Insofern kann ich sagen, Ziel erreicht, Pierre!

Mit Am Ende bleiben die Zedern legt Pierre Jarawan eine tolle Erzählung ab, die mir echt Spaß gemacht, wobei mich das Ende aber ernüchtert hat. Trotzdem, man schmeckt den Wind in Beirut, man lernt mehr über den Nahost-Konflikt und lernt mal wieder, dass jeder Mensch auf dieser Welt, egal, woher er kommt, erstmal Mensch ist. Und manchmal muss man daran erinnert werden.

Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan erschien beim Berlin Verlag. Das Hörbuch wurde gesprochen von Timo Weissschnur und Walter Kreye. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Am Ende schmeißen wir mit Gold von Fabian Hischmann

Der erste Satz aus Am Ende schmeißen wir mit Gold:

Ich gebe Gas.

Fabian Hischmann beginnt seinen Debütroman mit dem Blut und Drama des Schlusses, nur um dann wieder vorne zu beginnen. Er erzählt die Geschichte von Max, Lehrer in einer seiner ersten Sommerferien, der in das Dorf seiner Kindheit zurückkehrt, um auf das Haus der Eltern und den Hund aufzupassen. Dort wird er aber auch mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

Die Stärke dieser Geschichte liegt in ihrer Identifikationsfähigkeit. Ganz viele Sachen lassen einen lächeln und sagen, ja, das kenne ich auch noch. Sei es Bum Bum, dieses rote Eis mit dem Kaugummigriff oder bestimmte Kinderserien, die heute nicht mehr laufen, der Roman ist voll von solchen Sachen, die vielleicht gerade meine Generation kennt. Vielleicht wird das auch dadurch verstärkt, dass der Hauptteil des Romanes im Süden Deutschlands, meiner Heimat, spielt. Dazu kommt der Junge-trifft-alte-Liebe-Teil, den wahrscheinlich auch jeder kennt und man trotzdem gespannt ist, wie es diesmal ausgeht. Und schließlich muss ich sagen, hat Hischmann einige Satzperlen drin, die mich immer wieder stehenbleiben und geniessen liessen.

Auf der anderen Seite nutzt Hischmann manchmal auch eine sehr sperrige Sprache. Sätze, die ich mehrmals lesen muss, bis ich sie verstehe. Weil sie so verdichtet sind oder weil sie zu große Interpretationsfreiräume lassen. Und irgendwo ist die Geschichte, selbst das große, dramatische Ende – welches ja am Anfang als Aufhänger taugt – dann doch zu banal. Es ist schön zu lesen, weil man fast alles irgendwie kennt und mitfühlen kann. Aber fast durchgehend dachte ich dabei, was will er denn im nächsten Roman schreiben?

Alles in allem ist Am Ende schmeißen wir mit Gold eine schöne und relativ schnell lesbare Geschichte, die aber an keine Tiefen rührt. Wie ein gut gemachter Film, der mich unterhält, aber nicht nachhallt.

Am Ende schmeißen wir mit Gold von Fabian Hischmann erschien beim Berlin Verlag.