Buch: Der Fall von Gondolin von J.R.R. Tolkien, herausgegeben von Christopher Tolkien

Endlich wieder Mittelerde! Und dann auch noch Illustriert von Alan Lee. „Der Fall von Gondolin“ ist das wahrscheinlich letzte von Christopher Tolkien herausgebrachte Werk seines Vaters, der Mann ist mittlerweile 94 Jahre alt, und erzählt die Geschichte des Menschen Tuor auf seiner Suche nach der geheimen Elbenstadt Gondolin.

Bekannt ist dieses Epos schon aus dem „Silmarillion“ und den „Nachrichten aus Mittelerde“, jedoch werden uns im vorliegenden Band alle Fassungen der Geschichte präsentiert, kommentiert und in Tolkiens Lebensgeschichte eingeordnet.

Die Idee ist nicht neu, Christopher Tolkien hat schon bei „Die Kinder Húrins“ und „Beren und Lúthien“ diese Art der Veröffentlichung angewandt. Sie funktioniert. Wissenschaftlich fundiert und liebevoll werden die unterschiedlichen Texte in ihren  Mittelerdekontext eingeordnet und ergeben in ganz unterschiedlicher Sprachqualität ein detailliertes Bild von Tolkiens Arbeit und dessen schriftstellerischer Entwicklung.

Kann man dieses Buch als Mittelerdeneuling genießen? Nein! 

Durchgängige Querverweise auf weitere Werke des Autors, selbstverständliches Erwähnen von etablierten Charakteren und die selbe Geschichte in acht Fassungen und ihren unterschiedlichen Enden sind nur für Tolkienfans ein Genuss.

Für alle, die Spaß am „Silmarillion“ hatten und die sich gern mit Literaturanalyse beschäftigen, ist „Der Fall von Gondolin“ aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Gerade durch die unterschiedlichen Fassungen taucht man in Tolkiens Phantasie ein und fühlt, wie sehr ihm die Figuren mit jeder Version mehr ans Herz wachsen.

Solltet ihr nur durch das Schauen der Herr der Ringe Filme bewogen worden sein, das Buch zu kaufen, dann probiert euch aus, lasst euch anlocken von Tolkiens Welt und freut euch, dass Legolas einen kurzen, aber typischen Auftritt hinlegen wird.

Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien, herausgebracht von Christopher Tolkien, illustriert von Alan Lee und übersetzt von Helmut W. Pesch, erschien bei der Hobbit Presse von Klett-Cotta. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Gastrezension von Felix Heller, Dauerbahnfahrer und dadurch Vielleser. In völligem Größenwahn gründete ein Orchester und singt nun Pop und Schlager auf japanisch oder türkisch. Hauptberuflich bringt er Opernsängerinnen und -sängern Bühnendeutsch bei, spielt Musicals und moderiert sich durch die Republik. 

Roman: Carter von Ally Klein

„Seit wann bist du zurück?“

Der erste Satz aus Carter

Da ist ein namenloses, geschlechtsloses, fast körperloses Ich. Und da ist Carter, das Gegenteil. Körperlich, offen für alles, süchtig nach der Berührung, nach dem Spaß. Die Beiden treffen aufeinander und der Ich-Erzähler kommt ins Straucheln.

Ally Klein geht es nicht um die Geschichte, ihr geht es um die Atmosphäre, um das Erkunden des Gefühls und blinden Tasten nach dem eigenen Sein. Die Geschichte selbst ist für sie dabei nur Mittel, schmuckloses Beiwerk. Ich strebe aber nach Geschichten. Ich will wissen, was passiert, wie es passiert, warum es passiert. Dieses Ich macht es mir schwer, aber nachdem ich über die ersten paar Seiten bin, nachdem ich mich auf ihn (oder sie) eingestellt habe, bin ich drin.

Ich mag die Sprache, das Suchen der Worte, die Art, Dinge zu beschreiben. In meinem ersten Roman gibt es einen bisschen sonderbaren Charakter, der kaum mit Leuten spricht, aber extrem viel liest und ganz anders mit der Sprache umgeht:

Ich konnte zwar Deutsch sprechen, doch Alex spielte mit den Worten. Er wählte jedes seiner Worte bewusst aus, er war wie ein Mönch der Worte. Machte lange Pausen, nur um unter zehn möglichen das einzig wirklich passende herauszupicken. Nahm sie zurück, wenn sie nicht passten, und spuckte ein weiteres aus. Er ließ sie durch seine Finger gleiten, wie Stoff, den man auf seine Qualität hin überprüft. Er ließ keine unbewusste Zweideutigkeit in seinen Redewendungen aufkeimen.

aus ‚Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen‘

Daran musste ich denken, als ich Carter las. Und obwohl ich mehr auf Story, als auf Atmosphäre stehe, konnte ich hier beides genießen. Ich kam mir manchmal vor wie auf einem Trip und war die ganze Zeit auf der Suche nach Hinweisen, Konkretem. Wollte wissen, was wirklich passiert und was nur in seinem Kopf (für mich ist es eindeutig ein Er). Und dass ich am Ende wieder am Anfang bin, hat mich erst geärgert und dann sehr gefreut.

Transparenz: Ally und ich sind befreundet. Ich kannte frühere Ausschnitte aus Carter, sie kennt Rohversionen meiner Texte. Gerade deshalb bin ich überrascht. Weil ich ‚weiß‘, dass wir ganz unterschiedlich arbeiten, ganz unterschiedlich lesen. Ich dachte, ich lese ihren Roman mit der zugewandten Haltung eines Freundes. Ich war aber unvoreingenommener, gefangener Leser. Dafür: Danke!

Carter ist ein dichtes Buch, ein fast absatzloser Trip voller Eindrücke, der viel Platz für die eigene Interpretation lässt. Viel Platz zum Nachdenken.

Carter von Ally Klein erschien bei Droschl. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Scharfstellung von Heike Melzer

In meiner Praxis für Paar- und Sexualtherapie bekam ich vor ein paar Monaten einen Anruf mit unterdrückter Rufnummer.

Der erste Satz aus Scharfstellung

Heike Melzer tritt selbstsicher und imposant auf und sie braucht es mir nicht sagen, ich verstehe, dass sie weiß, wovon sie redet. Vor Kurzem hat sie bei TEDxStuttgart einen Talk gehalten, eine Kurzfassung dessen, was sie in ihrem Buch beschreibt: Die Abspaltung der Lust von der Liebe, angeheizt und ermöglicht durch Internet, Pornografie und Sexspielzeuge, samt der Gefahren, die damit einhergehen.

Es geht um Sex und es geht uns alle an und die Infos, die Heike Melzer in ihrem Buch liefert, sind spannend, keine Frage. Es sind auch Dinge, über die wir reden sollten. Ich finde dieses Buch aber leider nicht den besten Weg dafür.

  • Heike Melzer schreibt zum ersten Mal ein Buch und ist unsicher darüber, wie man einen Leser anspricht. Ich verstehe, dass man dieses Thema weder beschämt, noch zu ernst angehen will und Humor mit reinnimmt. Über diesen stolpere ich in diesem Buch. Er nimmt mich immer wieder aus dem Thema. 
  • Heike Melzer sagt zwar immer wieder, dass sie die Entwicklungen und all die Themen, die sie anspricht, nicht bewerten will, sondern nur beobachtend beschreiben will, ihre Sprache ist aber durchweg wertend. So gibt es Sätze wie „Sinnvoll eingesetzt kann Pornografie auch eine Partnerschaft bereichern […]“ (S.49).
    Ich finde eine Wertung und die Sensibilisierung, die Heike Melzer vornehmen will, nicht problematisch. Dann brauche ich aber auch nicht lesen, dass sie nicht werten will.
  • Wie schon gesagt, Heike Melzer erzählt extrem spannende Dinge und wirft dabei auch sehr sehr viele Zahlen in den Raum. Manchmal wird die Quelle im Text erwähnt, aber ich hätte mehrmals gern ein Verzeichnis gehabt, eine Sammlung aller Belege. Es gibt einen kurzen Anhang mit weiterführenden Büchern und Seiten und dann gibt es eine ziemlich ausführliche Literaturliste online. Aber es gibt nicht ein ‚diese Zahl kommt daher‘.
  • Und als letztes: Das Buch hätte mindestens einen weiteren Korrekturdurchgang gebraucht. Neben dem unsicheren Stil sind ganz viele Textpatzer drin, sich viel zu oft wiederholende Wörter und Bilder, die nicht stimmig sind. Keine Rechtschreibfehler, aber Unsauberkeiten, die für mich einen ähnlichen Effekt haben. Sie verwässern den Inhalt des Buches.

Ich habe mich ein paar Mal mit Heike Melzer über ihr Thema unterhalten und ich finde es wichtig und erzählenswert. Aber dieses Buch ist für mich nicht so stark, wie es sein könnte und sollte. Und das finde ich schade. Tatsächlich sind viele Menschen anderer Meinung. Das ist ja das Schöne an Meinungen.

Scharfstellung von Heike Melzer erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Blumensammler von David Whitehouse

Der erste Satz aus Der Blumensammler:

Dreitausend Meter unter dem Meeresspiegel ächzen die Knochen unter der Last der Einsamkeit.

Der erste Roman von David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek, hatte mich ernüchtert und irgendwie enttäuscht zurückgelassen. Aber ich sah dieses Cover, den Titel und den Klappentext und dachte, ich will es nochmal probieren.

Drei Männer und drei Geschichten, von denen nur eine die des Blumensammlers ist, wunderbar skurril und mit feinen Worten und Bildern erzählt. Das konnte David Whitehouse schon im Roman zuvor, das Ding mit den Worten und den Bildern.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/174529397672/es-taucht-aus-dem-nichts-auf-wie-es-erinnerungen

Diesmal aber fühle ich mich aber auch in der Geschichte und mit den Figuren wohl. Mit dem ehemaligen Waisenkind, das in der Londoner Notrufzentrale arbeitet. Mit dem alten Professor, der eigentlich nur mit seiner Frau zusammen sein will. Und natürlich mit Peter, dem Tatortreiniger, der in der Bibliothek in einem alten Buch einen Liebesbrief mit den Namen von sechs seltenen Blumen findet. Er beschließt, diese zu finden.

Whitehouse fädelt die Geschichten ineinander und ich ahne, dass alles irgendwie zusammengehört. Was es natürlich auch tut. Trotzdem und gerade deshalb lese ich mich ziemlich schnell durch das Buch, stets mit dem Smartphone in der Hand, weil ich die Blumen nachschlagen will, um die es geht. In ein paar Tagen habe ich die knapp 400 Seiten durch, lächelnd und gut gelaunt, weil es dann doch nochmal überraschend ist.

Es gibt zwei Dinge, die mich an der Geschichte wundern, die ich gern noch erörtert hätte. Bei einem Roman, der von Anfang bis Ende sauber geknüpft ist, stellen sich mir diese beiden Fragen (,die ich hier nicht stellen kann, ohne zu spoilern).  Aber ich kann sie auch als Interpretationsfreiraum sehen, welcher dem Leser gelassen wird.

Der Blumensammler ist ein innerlich und äußerlich schönes Buch, voller Liebe für die Natur und die losen Fäden des Lebens, mit einem besonderen Blick auf Charaktere und das Schicksal jedes Einzelnen.

Das erste Kapitel ist eine gute Leseprobe. Wenn man die Erlebnisse dort annehmen kann, dann kann man sich auf den Rest des Romanes freuen. Wenn man dort abgeschreckt wird, liest man lieber was anderes.

Der Blumensammler von David Whitehouse wurde übersetzt von Dorothee Merkel und erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing, gelesen von Sascha Rotermund

Der erste Satz aus Die Tyrannei des Schmetterlings:

Afrika.
Die durchweichte Zeit.

Ich mochte „Der Schwarm“. Ich habe auch eine okaye Erinnerung an „Limit“. Und Schätzing ist einer der präsentesten Autoren, die ich kenne. Ich kenne keinen anderen schreibenden Menschen, den ich so oft auf Plakaten in der Stadt gesehen habe. Schätzing weiß sich zu verkaufen. Und das ist das Problem.

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein Science-Fiction-Zukunfs-Philosophie-Krimi-Thriller plus Liebesgeschichte, der ganz klein beginnt und anfangs noch extrem spannend ist. Dann irgendwann erst ein großes und dann ein unendlich weites Bild entwirft, in dem sich jeder Handlungsfaden, jede Struktur und auch jede Ordnung in meinem Kopf verliert. 

Schätzing kann grundsätzlich schreiben. Ganz viele Momente sind schöne kleine Edelsteine, die für sich toll funktionieren. Aber innerhalb eines Buches ist das, was Schätzing versucht, nicht möglich. Leider kommt es mir vor, als ob Schätzing sich gern schreiben sieht und innerhalb eines Buches alles an Fähigkeiten und Infos und Möglichkeiten reinquetscht, was ihm in dem Moment einfällt. In so einem Extrem, dass Schätzing streckenweise nur noch Information ohne jede prosaische Form hinklotzt und selbst das Ende sich nur rangeklatscht anfühlt, ohne jede Anstrengung, nur damit das Buch zu Ende geht. Vom Ende einer Geschichte kann ich gar nicht sprechen, jede seiner Geschichte hat Schätzing auf dem Weg verloren. Was total schade ist.

Denn in diesem Buch stecken viele gute Ideen und Momente und Geschichten. Aber nicht so, wie Schätzing sie zusammenquetscht. Wenn Schätzing nicht Schätzing wäre und so bekannt wäre, hätte ihm kein Verlag das durchgehen lassen, was er hier veröffentlicht hat.

So weiß ich nicht, was genau ich da in der Hand halte und was ich damit anfangen soll. Und ich glaube, Sascha Rotermund ging es genauso. Als ob er nicht weiß, was genau er da liest, kämpft er sich besonders durch den Anfang und legt eine klischeehafte Actionstimme über Stellen, in denen gar keine Action passiert. Das macht das Zuhören streckenweise ziemlich anstrengend. Es wird im Laufe der Stunden viel besser und an den meisten Stellen mag ich, was Rotermund macht, aber der Anfang war holprig.

Ich bleibe ratlos zurück, weil ich in diesem Buch viel Schönes erfahren habe, viel Spaß hatte, aber es nicht so richtig gut finden kann oder es gar empfehlen kann. Schade.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing erschien bei Kiepenheuer und Witsch. Das Hörbuch wurde gesprochen von Sascha Rotermund und erschien beim Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Stories: Good Home von T.C. Boyle

Der erste Satz aus Good Home:

Es gab zwei Arten von Wahrheiten: gute und schmerzhafte.

T.C. Boyle ist optimaler Alleinunterhalter. Jede Lesung ein Spaß, ähnlich die Romane. Good Stories kondensiert dies, 20 Einblicke in 420 Seiten. Boyle umgeht dabei oft das deutsche Prinzip einer Kurzgeschichte, gibt mehr einen Einblick in menschlicher Lebensumstände, die meinem sehr fern sind, als einen überraschenden Twist oder eine unerhörte Neuigkeit. Es ist Auffächern des Alltags.

Good Home ist wie ein Fernseher der regelmäßig und unkontrolliert den Kanal wechselt. Meist dann, wenn ich diesen Ausschnitt der Welt, die Motivation der Figuren und ihr Handeln, wenn schon nicht gutheißen, dann zumindest nachvollziehen konnte, wechselte der Sender. Mehr als einmal blätterte ich um, entrüstet, dass es nicht weitergeht. Nur um mich dann in die neue Situation einzufinden.

Nicht alle Geschichten haben mir getaugt, nicht alle Situationen fand ich interessant. Aber selbst sie sind Teil dieser Möglichkeit, in menschliches Handeln, meist in ihre Abgründe zu blicken. Dass ich nach den meisten Geschichten mehr wollte, quasi mitten im Ritt rausgeworfen wurde, war in den Momenten zwar ärgerlich, erhält die Erinnerungen aber umso leuchtender. Treibt die Fantasie umso weiter an.

Und, Hanser hat ein ziemlich schönes Cover und wertig gemachtes Buch hingelegt. Nicht nur wegen des Inhalts habe ich dieses Buch sehr gerne in der Hand.

Good Home von T.C. Boyle wurde übersetzt von Anette Grube und Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Buch: Beobachtungen aus der letzten Reihe von Neil Gaiman

Der erste Satz aus Beobachtungen aus der letzten Reihe:

Ich bin dem Journalismus entflohen – oder habe mich ungeschickt von ihm gelöst -, weil ich die Freiheit haben wollte, mir selbst Sachen auszudenken.

Ich kenne Gaiman noch gar nicht so lange, aber ich lese seine Bücher gern, ich mag dieses Realität plus einen Hauch Magie. Ich sehe ihn mir auch gern an, wenn er Reden und Vorträge hält. Nun ist ein ganzes Buch davon entstanden, eine Sammlung von Vorworten, Essays, Reden und Vorträgen, die Gaiman in mehr als 20 Jahren in der Unterhaltungsbranche verfasst hat.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/172557336962/und-literatur-schenkt-und-empathie-sie-versetzt

Einigermaßen sortiert nach Dingen über das Schreiben selbst, über andere Menschen und über seine eigenen Geschichten. Gaiman schreibt selbst, es ist kein Buch, dass man einfach von vorne nach hinten lesen sollte. Ich habe es getan und es klappt tatsächlich nicht gut. Weil Gaiman zwar extrem gut Geschichten erzählen und Vorträge halten kann, aber gelesen funktionieren diese Vorträge leider nicht so gut, wie wenn man sie hört. Und wenn man einen nach dem anderen liest, merkt man eben doch, dass sie aus einem Kopf kommen und manche Bilder, Ideen und Anekdoten – so gut sie sind – immer wieder von Gaiman verwendet worden. Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, schon zu kennen, was ich las.

Es sind viele schöne Texte in diesem Buch, viele Leseempfehlungen und viele tolle Gedanken, richtig spannend wird es aber dann, wenn Neil Gaiman seine alten Texte nochmal kommentiert und in Zusammenhang bringt.

Es ist eine gute Zusammenstellung zum Teil sonst kaum erhältlicher Texte und ich hatte meine Freude, es zu lesen. Aber ich kann es nur Fans empfehlen und wünschte mir mehr Aufmerksamkeit und ein wenig mehr Zeit bei der Komposition.

Eine Sache noch, im Original heißt das Buch ‚The View from the Cheap Seats‘. Der titelgebende Aufsatz heißt im Buch auch ‚Die Aussicht von den billigen Plätzen‘. Warum das Buch selbst eine ungenauere Übersetzung erhalten hat, weiß ich nicht, aber es irritiert mich.

Beobachtungen aus der letzten Reihe von Neil Gaiman wurde übersetzt von Rainer Schumacher und Ruggero Leò und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

 

Buch: Iss was?! Tiere, Fleisch & Ich

Der erste Satz aus Iss was?!:

Wenn ich an meine südbadische Kindheit auf dem Land denke, dann erinnere ich mich an die Vielfalt der Tiere, an die Schweine, Hühner, Kaninchen und Ziegen, die wir selbst aufzogen und zu Hause schlachteten.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, Jugendliche über Fleisch, seine Herkunft und seine Konsequenzen zu informieren. Herausgekommen ist dieses Buch, perfekt auf Toiletten oder in Wartezimmern oder so. Wo man ein bisschen drin rumblättern kann. Ich mag die Illustrationen und die Art, wie die Informationen verpackt sind.

Klar, manchmal merkt man dem Buch und den Texten an, dass Jugendliche die Hauptzielgruppe sind. Aber selbst nach sieben fleischlosen Jahren habe ich im Buch einige Dinge gelesen, die ich nicht wusste – auf eine meist sehr unaufdringliche Art.

Ich merke dem Buch die Liebe an, die in die Gestaltung gesteckt wurde. Dass es nie darum ging, das Buch zu verkaufen. Auf der letzten Buchmesse wurde es kostenlos verteilt, gegen Porto kann man sich Exemplare bestellen und die PDF kann man einfach runterladen, hier.

Iss was?! wurde herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Roman: Niemalsland von Neil Gaiman

Lesestoff: Niemalsland von Neil Gaiman. #amreading #eichborn

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus Niemalsland:

An dem Abend, bevor er nach London ging, amüsierte sich Richard Mayhew nicht besonders.

Richard ist ein Normalo in London, ein durchschnittlicher Job, eine normal unglückliche Beziehung, ein Leben, wie wir alle es kennen. Bis ihm Door vor die Füße stolpert, ein junges verletztes Mädchen.

Richard hilft ihr und gerät damit in ein Abendteuer in Unter-London. Der Version der Stadt, in der alle landen, die durch unser Raster fallen, alle, die an Straßenrändern sitzen und die wir versuchen, zu ignorieren. In Unter-London existieren all die Dinge, an die wir „Oberen“ nicht mehr glauben. Hier gibt es Magie und Zauberei, sprechende Tiere, Könige und Assassinen. Und Richard hängt da irgendwie mit drin.

Gaiman beschreibt eine Realität, die nah an meiner ist, dann dreht er langsam den Anteil der Fantasie hoch. Die Magie, die ich in unserer Wirklichkeit manchmal ahne. Ich folge ihm extrem gern durch diese phantastische Version eines Lebens. Durch die Hoffnung, dass es da noch mehr gibt.

Dabei ‚erklärt‘ Neil Gaiman in dieser Geschichte kleine Eigenheiten, die ich kenne. Zum Beispiel scheinbar sinnlos leere Bahnwaggons, die in Gaimans Version nur von Bewohnern von Unter-Londons betreten werden können.

Die Geschichte ist in ein paar Tagen durch, aber Charaktere wie Door bleiben bei mir. Genauso wie das verstärkte Gefühl, dass unsere Realität magischer ist, als wir im Alltag bemerken.

Niemalsland von Neil Gaiman wurde übersetzt von Tobias Schnettler und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemlar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Hier bin ich von Jonathan Safran Foer, gesprochen von Christoph Maria Herbst

Hörstoff: Hier bin ich bin Jonathan Safran Foer, gelesen von Christoph Maria Herbst. #amlistening #hoerbuch #argon

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus Hier bin ich:

Zu Beginn der Zerstörung Israels überlegte Isaac Bloch, ob er sich umbringen oder ins jüdische Seniorenheim gehen sollte.

Jacob und Julia haben drei Kinder, sich aber sonst ziemlich weit auseinandergelebt. Jacob schreibt für eine Fernsehserie, die er scheiße findet und scheitert an seinem Herzensprojekt und an seiner Ehe. Und dann kommt dieses Erdbeben und zerstört Israel.

Ähnlich konfus wie diese Inhaltsangabe ist auch der Roman selbst. Während ich in der ersten Hälfte der langsamen Demontage der Ehe von Jacob und Julia zugucke, die zwar besonders in den Dialogen mit sehr viel Feinheit gezeigt wird, mit aber generell viel zu lange dauert, geschieht in der zweiten Hälfte des Romanes so viel, dass ich kaum hinterher komme.

Für mich versucht Jonathan Safran Foer, zwei Geschichten in eine zu packen. Zwei Geschichten, die so unterschiedlich sind, weil die erste Atmosphäre und Gedankenwelt erzählt und die zweite so viel Plot hat, dass er kaum unterkommt in seiner zugeteilten Hälfte des Romanes. Während ich im ersten Teil wohl aufgehört hätte, wenn ich nicht das Hörbuch auf den Ohren gehabt hätte, hätte ich den zweiten Teil gerne ausführlicher gehabt. Als Einheit lässt mich der Roman einigermaßen verwirrt zurück.

Christoph Maria Herbst als Sprecher verstärkt dieses Gefühl leider. Weil Christoph Maria Herbst für mich nicht nur Stromberg, sondern auch der Hörbuchsprecher von Tommy Jaud ist. Wenn ich ihn sehe oder höre, dann erwarte ich Comedy. Dann grinse ich in freudiger Erwartung, selbst, wenn ich wie in diesem Fall weiß, dass das Buch nicht primär lustig ist. Dann warte, warte, warte ich und bin irritiert, weil eben nicht der große Witz kommt.

Was Christoph Maria Herbst extrem gut kann, sind die Dialoge. Das, was Jonathan Safran Foer vorschreibt, setzt Herbst so genau und genial um, dass ich ihm sehr gerne zuhöre. Wenn es dann in die Gedankenwelt von Jacob geht, ermüdet mein Interesse.

Vielleicht muss ich mich sowohl an Jonathan Safran Foer als unkonventionellen Autoren, als auch an Christoph Maria Herbst als Sprecher seriöser Romane gewöhnen. Nicht falsch verstehen. Ich mochte das Buch und den Sprecher irgendwie. Aber beide lassen mich einigermaßen verwirrt zurück.

Hier bin ich von Jonathan Safran Foer wurde übersetzt von Henning Ahrens, das Hörbuch wurde gesprochen von Christoph Maria Herbst und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Nordische Mythen und Sagen von Neil Gaiman

Lesestoff: Nordische Mythen und Sagen von Neil Gaiman. #amreading #eichborn

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Sich zwischen den vielen Mythen aus aller Welt zu entscheiden ist nicht weniger schwer, als zwischen verschiedenen Küchen der Welt zu wählen.

Ich lese gerne Romane von Gaiman, mag seine ebenso seine Vorlesungen und seine Ansichten. Dennoch gibt es Bücher von ihm, die ich nicht lese, weil mich das Thema nicht interessiert. Bei diesem war ich kurz davor, die Finger davon zu lassen. Ich habe früher gerne und viele Mythen und Sagen gelesen und mag neuere Geschichten mehr. Aber ich weiß, wie gerne Gaiman mit den Mythen arbeitet, wie ganze Romane auf ihnen basieren. Und dachte, was soll’s, probieren wir es.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/164172351527/ich-stellte-mir-lange-winternächte-vor-vielleicht

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/164172351527/ich-stellte-mir-lange-winternächte-vor-vielleicht

Diese Geschichtensammlung ist kein ein literarisches Meisterwerk und vor allem keine Geschichte, die wir nicht schon auf die ein oder andere Art gehört haben. Dennoch habe ich das Buch sehr gern gelesen. Es wärmt die Seele und hat mich daran erinnert, warum ich so gerne Geschichten erlebe und selber erzähle.

Nordische Mythen und Sagen von Neil Gaiman wurde übersetzt von André Mumot und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.09

Roman: Das Auge des Zoltars von Jasper Fforde

Lesestoff: Das Auge des Zoltars von Jasper Fforde. #amreading #one #jenniferstrange

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz in Das Auge des Zoltars:

Zunächst mussten wir den Trafalmosauraus einfangen.

Jennifer Strange ist wieder da. Wieder ein Jahr älter, immer noch bei Kazam und natürlich gibt es neue Probleme. Aber hej, deshalb sind sind wir ja hier. Deshalb lesen wir die Bücher. Jasper Fforde nimmt uns mal wieder mit in diese absurde Welt, die mich immer wieder an Terry Pratchett und Neil Gaiman erinnern.

Ganz egal, was die Geschichte ist, es bereitet mir gute und kluge Unterhaltung, Jennifer Strange bei ihren Abenteuern zu begleiten. Es ist nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Deshalb: Gerne wieder.

Wer Pratchett und Gaiman mag, wird auch hier seine Freude haben, egal welchen Alters. Aber ich würde beim ersten Band einsteigen. Und noch eine gute Nachricht: Entgegen früherer Behauptungen ist das hier nicht der letzte Teil. Fforde schreibt, dass es mindestens vier Teile geben wird. Derzeit soll danach dann Schluss sein. Mal sehen.

Das Auge des Zoltars von Jasper Fforde wurde übersetzt von Katharina Schmidt und Barbara Neeb und erschien bei One. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

 

Roman: Rogue One. Eine Star Wars Story von Alexander Freed

Lesestoff: Rogue One, a Star Wars Story von Alexander Freed. #amreading #starwars #rogueone

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus Rogue One. Eine Star Was Story:

Galen Erso war kein guter Farmer.

Dies ist also der Halbsatz aus dem Vorspann von Star Wars Episode 4. Die Rebellen, die die Pläne des Todessterns klauen. Ich sah und mochte den Film, ich lese gern Filmbücher, warum also nicht das hier?

Vieles ist wie beim Vorgängerroman Der Auslöser: Es ist Fanservice, der in Deutschland viel zu spät auf dem Markt erschienen ist und der inkonsistente Übersetzungen auf dem Cover hat.

Im Gegensatz zum Auslöser gibt es hier aber einen Film dazu. Deshalb ist es total schön, die Story nochmal auf Papier zu erleben. Das sogar vertieft, weil man plötzlich all das Innenleben der Figuren viel genauer beschrieben bekommt, Momente gedehnt und gezeigt werden können, die im Film zu wenig oder gar keinen Platz gefunden haben. Das macht Spaß, das lässt die Geschichte besser erleben. Dazu kommt, dass ich diesen einen Tacken besser geschrieben finde, als Der Auslöser. Handwerklich feiner.

Auf der anderen Seite, es ist tatsächlich die exakte Story des Films. Selbst beim Dreh improvisierte Szenen sind hier eingearbeitet. Freed muss also direkt am Film entlanggeschrieben haben. Das heißt, es ist zwar vertieft, aber es gibt nicht wirklich neue Szenen. So ein paar kleine Add-Ons sind dabei, aber kein ’so hätte der Film auch sein können‘, kein alternatives Ende oder sonstwas. Und: Obwohl er handwerklich besser ist als Luceno, schafft Freed es nicht, den Rhythmus aus dem Film ins Literarische zu übertragen. Stellen, die im Film extrem gutes Timing haben und gut funktionieren, funktionieren im Buch nur, weil man davor den Film gesehen hat.

Schade, dass diese literarische Interpretation des Stoffes hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Hätte mehr werden können. Ist aber auch so eine schöne Sache, in dieser Geschichte, in dieser Welt zu schwelgen.

Rogue One. Eine Star Was Story von Alexander Freed wurde übersetzt von Andreas Kasprzak und erschien bei Penhaligon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: „Geister“ von Nathan Hill, gelesen von Uve Teschner

Buchmesse, Tag 3. Der Tag beginnt mit Dietmar Wunder und Uve Teschner im Interview. #lbm17

A post shared by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus Geister:

Hätte Samuel gewusst, dass seine Mutter weggehen würde, hätte er vielleicht besser aufgepasst.

Samuel hört Jahrzehnte nichts von seiner Mutter, wird Literaturprofessor an einer Uni, versucht sich als Schriftsteller und kommt mit seinem Leben so ganz okay klar. Und dann erfährt er, dass seine Mutter den erzkonservativen Präsidentschaftskandidaten im Park mit Kieseln beworfen hat und nun einen Shitstorm über sich ergehen lassen muss.

Und nun soll er, der seit Jahren seine Enttäuschung über seine Mutter kultiviert, einen öffentlichen Brief schreiben, um die Bevölkerung zu beruhigen. Das ist der Beginn und die Rahmenhandlung. Aber dann taucht der Roman ein in unzählige Geschichten von Dutzenden Personen über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren, spinnt viele kleine Fäden, die sich alle immer wieder irgendwo kreuzen.

Seit Am Ende aller Zeiten habe ich Uve Teschner in meinem Bewusstsein. Kurz vor der Buchmesse in Leipzig und dem Interview mit ihm und Dietmar Wunder habe ich dann erfahren, dass er Geister eingesprochen hat und ich habe mir das Hörbuch geholt, ohne zu wissen, worum es geht. Geiles Cover und Uve Teschner, reicht erstmal. Und dann habe ich ihm 23 Stunden zugehört, alle diese Ausführungen mitgenommen, viel gelacht und mitgefühlt und natürlich mir über mein eigenes Leben Gedanken gemacht.

Bei diesen knapp 900 Seiten war die Hörbuchvariante meine bessere Wahl. Weil bei all den guten Geschichten, irgendwann war die Hauptgeschichte so weit auseinandergezerrt, dass ich froh war, dass mir das jemand vorliest und ich nicht selbst lesen muss. Weil ich höchstwahrscheinlich irgendwann aufgehört hätte.

Dennoch: Großer Roman mit guten Geschichten und viel zum Nachdenken. Urlaubslektüre, wenn man den Biss hat, durchzuhalten.

Geister von Nathan Hill wurde übersetzt von Katrin Behringer und Werner Löcher-Lawrence und erschien bei Piper. Das Hörbuch wurde gesprochen von Uve Teschner und erschien bei Audible. Audible hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

PS: Ich habe den Roman auch beim SWR3 Lesetag empfohlen:

Sachbuch: Talk like TED von Carmine Gallo

Nachdem ich bestätigt bekommen habe, dass ich meinen TEDxStuttgart Talk halten werde, bekam ich dieses Buch als „Hausaufgabe“: Talk like TED. Carmine Gallo ist Sprecher und Coach für Sprecher und hat schon mehrere Bücher über über das Halten von Vorträgen geschrieben, die alle so klingen, als ob sie sich inhaltlich extrem ähnlich sind.

Vielleicht, wenn man nicht Sprechkunst studiert hat, lernt man ein paar Sachen durch das Buch. Wenn nicht, dann hat man, trotzdem Spaß beim lesen und wird an ein paar Sachen erinnert. Das größte Problem des Buches ist seine amerikanische Art. Bevor das Buch losgeht, muss ich mich durch Seiten Eigenlob lesen. Gallo legt den Penis auf den Tisch und erklärt mir ganz genau, wieso er der Beste ist, dieses Buch geschrieben zu haben. Und viele Sachen werden nicht einmal, sondern siebenmal bekräftigt, damit es auch jeder Leser verstanden hat. Das macht das Lesen anstrengend und Gallo erstmal sehr unsympathisch und suspekt. Wer sich selbst so anpreisen muss, der kann nicht so gut sein, wie er behauptet. Der Eindruck verfliegt im Laufe des Buches. Aber dafür muss man auch weiterlesen und nicht abgeschreckt sein.

Talk like TED ist ähnlich zu vielen Ted Talks: Es ist unterhaltsam, enthält schöne Anekdoten und eigentlich ist der Großteil des Inhalts bekannt, aber es ist trotzdem schön, immer wieder mal daran erinnert zu werden, es immer wieder zu hören.

Talk like TED von Carmine Gallo erschien bei Macmillan. Die deutsche Version wurde übersetzt von Silvia Kinkel und erschien beim Redline Verlag.