Das Debüt 2017: Meine Juryentscheidung

Schon im letzten Jahr habe ich als Juryblogger die fünf Romane gelesen, dies Jahr also wieder. Allein das Erstellen der Shortlist, die vom Team von Das Debüt ausgefuchst wird, ist eine langwierige und mutige Aufgabe, danach liegt es in den Händen von uns Bloggern, über das Beste zu entscheiden. 17 Menschen mit eigener Meinung und Leseempfinden.

Ich strebe nach Geschichten. Ich will wissen, was passiert. Sprache ist Transportmittel der Geschichte. Im besten Fall fällt sie durch ihre Form auf, wenn sie es dem Leser besonders einfach macht, zu verstehen, was passiert. Meist ist sie unauffällig. Wenn sie zu Wichtig wird, wenn es mehr darum geht, wie erzählt wird, anstatt, was erzählt wird, dann bin ich draußen. So mein Normalfall. Meine persönliche Gewinnerin letztes Jahr – Blauschmuck von Katharina Winkler – war eine strahlende Ausnahme. Dieses Jahr hat es mir die Shortlist besonders schwer gemacht.

Platz 3: Immer ist alles schön von Julia Weber, erschienen im Limmat Verlag.

Diese Geschichte eines Geschwisterpaares, die ihre Mutter vor dem Alkohol und vor den Männern zu bewahren suchen hat mich interessiert, ganz schockiert von dieser Welt und diesem Gefühl der Hilflosigkeit. Mit der Sprache dagegen musste ich kämpfen. Mir zu gewollt poetisch, voller Leerstellen und Andeutungen, sie ließ mich oft eher verwirrt als angereichert zurück. Ich glaube, das kann für viele Leser funktionieren, für mich leider nicht so, wie ich es gern gehabt hätte. Dabei war die Entscheidung zwischen diesem und Platz 2 ziemlich knapp, hätte auch anders ausfallen können.

Platz 2: Oder Florida von Christian Bangel, erschienen im Piper Verlag.

Ende der 90er in Frankfurt an der Oder, Matthias ist Anfang 20 und eher links, weiß noch nichts mit seinem Leben anzufangen, als er plötzlich Pressesprecher eines Baumillionärs wird, der Bürgermeister werden will. Bangel erzählt schnell und fast zu leicht, baut 90er Atmosphäre auf und bleibt für mein Gefühl zu sehr darin hängen. Da bräuchte es mehr Geschichte, um mich länger interessiert zu halten.

Platz 1: Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer, erschienen bei Diogenes.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/168711491677/er-mochte-es-nicht-wenn-eine-geschichte-nicht-zu

Ich hatte das Buch gesehen und wusste, dass ich es nicht mögen würde. Mochte das Cover nicht, mochte den Klappentext nicht und mochte auch die Geschichte nicht. Die Lebensgeschichte des Wunderkindes William James Sidis kann ich auch auf Wikipedia nachlesen. Dachte ich. Fing zu lesen an und blieb drin hängen. Wollte nicht mehr die lexikalische Kurzform, sondern wollte diesen Erzähler, der mich vom Vater und seine Erziehungsmethode zum Sohn brachte, beide nicht sympathisch, aber so faszinierend. Zehrer hat es geschafft, mich zu unterhalten, mit einer skurrilen Geschichte, einer eigenen Sprache, hat mich darüber hinaus dazu gebracht, über mein eigenes Leben und sein nachzudenken. Im Interview sagt Zehrer auf die Frage, welche Autoren sein Schreiben beeinflusst haben:

Alle Autoren, denen es gelingt, gleichzeitig leicht und gescheit zu schreiben. Und die die Mühe auf sich nehmen, sich verständlich auszudrücken.

Das hat Zehrer mit diesem Roman bei mir geschafft. Dafür hat er meinen ersten Platz verdient. Ich hätte alle fünf Romane ohne diesen Preis nicht gelesen. Es war nicht immer einfach, aber ich bin froh, dabei zu sein.

Meine Stimme für den „Das Debüt 2016“ Bloggerpreis.

Der Literaturblog „Das Debüt“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Debütromane näher zu beleuchten und die Perlen unter ihnen hervorzuheben. Um dieser Aufgabe noch stärker nachzukommen, gibt es dieses Jahr erstmals einen Bloggerpreis für das beste deutschsprachige Debüt aus diesem Jahr. Dafür bin ich zusammen mit 20 weiteren Literaturbloggern Teil der Jury.

Über das Jahr hinweg haben wir insgesamt 50 Titel eingereicht. Das Team hinter Das Debüt hat daraus eine Shortlist erstellt und jeder Blogger hat nun eine Stimme, die er einem dieser Romane geben kann. Folgend also eine natürlich hoch subjektive Kurzmeinung zu jedem Shortlistitel in Lesereihenfolge (ausführliche Rezensionen sind oder werden verlinkt) und meine Punktevergabe.

Blauschmuck von Katharina Winkler. Die Geschichte des Lebens eines türkischen Mädchens, samt erster Liebe, gewaltvoller Ehe und der Flucht in den Westen ist nicht neu, aber die bildhafte, sehr verdichtete Sprache bringt mir das Erzählte so schmerzhaft nah, dass ich nicht aufhören konnte, zu lesen und extrem vielen Menschen davon erzählt habe.

Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. Eine Familiengeschichte samt Flucht aus dem Iran nach Deutschland, über 40 Jahre und aus vier verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Hat mich immer wieder an Blauschmuck erinnert, weil die Thematik eine ähnliche ist. Bazyar setzt ihre Sprache extrem spannend ein und gibt nicht nur eine Wahrheit, sondern eine Bandbreite an Gefühlen für ein Land, eine Kultur und sich selbst. Hat mich mitgenommen und mir ein neues Land gezeigt, hat viel Spaß gemacht.

Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Barsdorf von Uli Wittstock. Ein extrem zersplittertes Mosaik , das Bild einer Kleinstadt in Momentaufnahmen, aufgehängt an einen Mord. Klar liest man, weil man wissen will, wer’s war. Es gab tolle und lustige Momente. Aber im Ganzen war mir die Szenerie zu kleinteilig, der Erzähler zu zerstreut, redefreudig und inkonsistent und leider auch das Lektorat des Romanes nicht sauber genug.

Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer. Eine Phantasterei, eine Expedition dreier Gesandter aus Deutschland in ein scheinbar bodenloses Loch in Island knapp vor dem 2. Weltkrieg. Erinnerte hier und da an Jules Verne und von der Sprache an etwas zwischen Tristram Shandy und den Zamonien Romanen von Walter Moers. Unterhaltsam, aber auch hier zeigt mir der Erzähler zu sehr, wie toll er ist. Ich will selbst denken können, mitraten und meine Assoziationen haben können. Das wird mir hier nicht erlaubt. Deshalb blieb es für mich eine nette Geschichte, die bei einem minimalerem Erzählstil sich hätte mehr entfalten können.

Weißblende von Sonja Harter. Tja, was? Vielleicht eine im verstörendstem Sinne Coming-of-Age Geschichte, ein Einblick in das Erwachsenwerden in der Blase des kleinen Dorfes der Protagonistin. ich brauchte eine Weile, bis ich auf den kalten, lethargischen Ton der Erzählung klargekommen bin, dann wollte ich nicht mehr davon weg.

Vielleicht lag es an der Lesereihenfolge, vielleicht einfach an dem Gefühl, das Katharina Winkler mit ihrem Roman in mir ausgelöst hat. Für mich war es, bevor ich die anderen vier las, neben Ted Chiang, das Buch des Jahres. Überhaupt. Das hat sich auch nach der Lektüre der anderen nicht mehr geändert, obwohl Weißblende von Sonja Harter sehr sehr knapp auf Platz Zwei steht. Also: Meine Stimme für Das Debüt 2016 geht an Katharina Winkler mit Blauschmuck.

Und nun bin ich gespannt, wie die anderen Stimmen ihre verteilen. Am 15. Dezember wird dann der Sieger bekannt gegeben, natürlich auf Das Debüt, welches auch Interviews mit den Schortlistautoren geführt und sowieso extrem viel Liebe und Herzblut in dieses Projekt gesteckt hat. Ich freue mich, dass ich dabei sein darf. Danke!

Update:

Mit knappem Vorsprung vor Philip Krömer hat Shida Bazyar „Das Debüt 2016“ gewonnen. Gratulation!