Roman: Die Terranauten von T.C. Boyle

Lesestoff: Die Terranauten von T.C. Boyle #Hanser #tcboyle #amreading #terranauts

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Der erste Satz aus Die Terranauten:

Man hatte uns von Haustieren abgeraten, desgleichen von Ehemännern oder festen Freunden, und dasselbe galt natürlich für die Männer, von denen, soviel man wusste, keiner verheiratet war.

T.C. Boyle macht, was er am besten kann: Er nimmt eine historische Fogur oder ein historisches Ereignis und spinnt davon ausgehend eine Geschichte, die Fiktion und Tatsachen so sehr miteinander verwebt, dass man nicht so genau weiß, was nun wahr ist und was Boyle. Diesmal lehnt er sich an die Biosphäre 2 Experimente in den 1990ern und erzählt die Geschichte von acht Terranauten, die zwei Jahre in dieser künstlichen Welt verbringen, erzählt aus drei Ich-Perspektiven.

Während die Basis und der Anfang noch der Realität entsprechen, erforscht Boyle, was hätte passieren können, wenn die Experimente so lange gemacht wären, wie es geplant war. Tatsächlich wurden die Experimente wegen Geldmangels sehr schnell abgebrochen, in Boyles Roman nicht. Also verfolgt man aus drei Sichten – zwei innerhalb der Kuppel, eine außerhalb – das Geschehen. T.C. Boyle weiß, wie er unterhaltsam erzählen kann, immer nah an der Komik, auch in den ernsten Momenten. So führt er uns durch zwei Jahre in der Kuppel, bei denen schnell klar wird, dass das, wenn auch simulierte, Leben in einer Atmosphäre nicht leicht ist, manchmal sogar fast tödlich.

Ich lese schnell, lerne viel Neues und will wissen, wie es weiter geht, ich genieße die Zeit im Roman, all die 600 Seiten. Die Prämisse, mit der T.C. Boyle aber schreibt – ein Grundszenario entwickeln und dann gucken, wo es uns hinführt – führt aber auch zu dem Problem, dass es keine eindeutigen Bögen und Abschlüsse in manch seinen Geschichten gibt. So auch hier. Der Schluss des Romanes ist nicht der Schluss der Geschichte, wenn es sowas überhaupt gibt. Deshalb fühlt sich aber der gewählte Schluss ein wenig beliebig an. Es hätte schon 100 Seiten früher zu Ende sein können, aber auch 100 Seiten mehr. Aber 600 Seiten sind auch Brett. Nun bin ich gespannt auf den kommenden Roman, laut Boyles Aussage auf der Lesung wird es um Albert Hofmann und die Entdeckung von LSD gehen.

Die Terranauten von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Ich habe über den Roman auch im Literaturcafé-Podcast geredet. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Lesung: T.C. Boyle im Wizemann Stuttgart am 15.02.17

T.C.Boyle mit Die Terranauten.

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Damals kam Drop City, der Hippieroman von T.C. Boyle, kam damals zur richtigen Zeit. Ich war 19 und wir hatten einen VW Bus, ich las Ken Kesey, Tom Wolfe & Jack Kerouac, trug indische Hemden und fand viele Aspekte der Beatniks und Hippies spannend. Und dann erschien dieses Buch über die Hippie Kommune, die nach Alaska zieht und natürlich wollte ich es lesen. Tat ich. Fand’s geil. Seitdem begleitet mich T.C. Boyle. 2009 ist er mit seinem Roman Die Frauen in Stuttgart und ich saß im Publikum. Schon damals war er ein relativ alter Mann, dürr und hochgewachsen und wahrscheinlich hatte er schon damals rote Chucks an. War eine großartige Lesung damals, obwohl ich erstmal gar kein Interesse an dem Roman hatte.

Dann habe ich Anfang des Jahres gesehen, dass T.C. Boyle wieder nach Stuttgart kommt und ich wollte mit dabei sein. Diesmal im Wizemann, die derzeit angesagteste Location in Stuttgart, veranstaltet von Wittwer. Die Buchhandlung wird dieses Jahr 150 Jahre alt, deshalb gibt es das Jahr über hochkarätige Lesungen zum Preis von 18,67 Euro, ihr versteht schon, dem Gründungsjahr. Boyle war eine davon.

Etwa einen Monat vor Veranstaltung ist sie ausverkauft, die große Halle ist bis an den Rand bestuhlt, rund 620 Stühle plus ein paar unbeabsichtigte Stehplätze. Ich komme alleine und bekomme den letzten leeren Platz in der Ecke der ersten Reihe. Weil noch eine halbe Stunde Zeit ist, lese ich noch im aktuellen Roman, die Terranauten, weswegen Boyle überhaupt da ist.

Februar gerettet: Lesestoff und Lesung von T.C. Boyle. #Terranauten #Hanser #tcboyle

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Angelehnt an die Biosphäre 2 Experimente in den 1990ern erzählt Boyle die Geschichte von acht Terranauten, die zwei Jahre in dieser künstlichen Welt verbringen, erzählt aus drei Ich-Perspektiven, Rezension folgt.

Ziemlich pünktlich kommen T.C. Boyle und Denis Scheck mit Pia Maria Fedelucci auf die Bühne, sie wird die deutschen Passagen lesen. Von Frau Fedelucci haben wir erst in diesem Moment erfahren, denn im Vorfeld wurde auch auf Nachfrage nicht gesagt, wer die deutschen Passagen übernehmen wird.

Boyle und Scheck sind seit Jahren befreundet und jeweils Bühnenprofis. Boyle sagt selbst, Lesungen müssen sein wie Rock-Konzerte, die Leute müssen Spaß haben. Das kann er und bindet nicht nur das Publikum, sondern auch Frau Fedelucci ein, die sonst nur neben ihm gesessen wäre und auf ihren Auftritt gewartet hätte. Habe ich schon schlimmer erlebt. Scheck ist extrem gut darin, englische Pointen ins Deutsche zu übertragen und dann wieder in eine englische Frage überzugehen, die sich nicht wie die nächste auf dem Zettel anhört, sondern wie die, die auf die letzte Antwort von Boyle kommen muss. Und Boyle liest nicht nur, sondern erzählt, – natürlich unausweichbar – von Trump, über seine Faszination, die ihn immer wieder zum Schreiben bringt, über den aktuellen Roman, über Politik, Drogen und den nächsten Roman, den er schreibt, über den LSD-Entdecker Albert Hofmann und seine legendäre Fahrradfahrt.

Die beiden heben die Veranstaltung auf ein Niveau, das Frau Fedelucci leider nicht halten kann. Boyle selbst liest die englischen Passagen nicht nur vor, er performt sie, legt sich in die Haltungen und ermöglicht es selbst jemandem, der kein englisch versteht, mitzukommen.

Frau Fedelucci dagegen liest vor, sodass man sie versteht. Sie gibt mir aber in dem Moment nicht das Gefühl, sie würde es erleben. Ich will Frau Fedelucci auf keinen Fall ihre Fähigkeiten als Schauspielerin absprechen, aber schauspielen und Hörbücher sprechen ist nicht das Gleiche.

Es ist eben auch nicht fair, ihr neben diese beiden Veteranen zu setzen. Ich hätte mir gewünscht, einen ähnlich guten Sprecher für die deutschen Passagen zu erleben, vielleicht sogar Eli Wasserscheid selbst, die die Hörbuchversion des Romanes spricht.

Nach exakt 90 Minuten, die ohne Fragen aus dem Publikum auskommen und sich sowieso viel kürzer anfühlen, beendet Denis Scheck die Veranstaltung. Wir applaudieren und kommen kaum aus der Halle, weil die Schlange zum signieren bis dorthin reicht. Und dann steht Boyle rund eine Stunde am Bücherstand und signiert wirklich jedes Buch, welches ihm hingehalten wird, wechselt mit jedem ein paar Worte und ist bis zum Ende, ich war vorletzter, extrem freundlich.

T.C. Boyle ist mittlerweile 69 Jahre alt, ich bemerke das schüttere Haar, welches 2009 noch länger und zu einem Zopf zusammengebunden war. Aber ansonsten steht ein fitter Mann vor mir, bestimmt zehn Zentimeter größer als ich, witzig und unterhaltsam.

Ich gehe mit einer sehr schönen Erinnerung nach Hause, freue mich auf die nächsten Bücher und hoffentlich noch ein paar Lesungen von Herrn Boyle. Und jetzt lese ich erstmal den Roman fertig.

Die Buchhandlung Wittwer hat mir eine Eintrittskarte zur Verfügung gestellt. Die weiteren Veranstaltung zum Jubiläumsjahr sind hier zu finden.