Roman: Die Unversehrten von Tanja Paar

Der erste Satz aus Die Unversehrten:

‚Kann ich ein Glas Wasser, Vio‘, sagt sie und ich ergänze ‚haben‘.

Das Cover war mein Highlight der Buchmesse, also habe ich das Buch mitgenommen. Aber der Klappentext hat mich skeptisch gemacht. Ich war mir sicher, dass mir diese Dreiecksgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann zu sehr Betroffenheitsprosa sein würde. Aber das Cover.

Tatsächlich überrascht Tanja Paar mich. Sie schreibt extrem minimal, die Szenen sind kurz, vieles wird nur angerissen und das ganze Buch erinnert mich an einen Comic, in dem auch immer nur Standbilder gezeigt werden und der Hauptteil der Geschichte zwischen den Bildern geschieht. Es ist experimentell und es ist gewagt, manchmal funktioniert es, oft aber leider nicht.

Mehrmals komme ich mir vor, als ob ich die Rohfassung einer viel größeren Geschichte lese, einzelne Szenen, die unvollständig und zu kurz sind. Dadurch nimmt mir die Geschichte die Zeit, die ich bräuchte, um auf die emotionale Ebene zu kommen, die ich für die Geschichte bräuchte.

Die Geschichte ist krasser, als es der Einband suggeriert. Das ist gut, aber in mir rührt sich kaum was, weil ich nicht den Platz bekomme, dass es sich entfalten kann.

Weiterhin ist Österreichisch doch ein wenig anders, als Deutsch, sodass ich immer wieder über die kleinen grammatischen Unterschiede oder für mich ungewohnte Worte stolpere. Das holt mich mehr aus der Geschichte, als es sollte.  Und als letztes wirft das Ende der Geschichte für mich einen sehr großen Schatten über den Rest.

Paar hat eine spannende Schreibe und ich bin gespannt, wie das nächste Werk wird, aber dieses Mal hat es mich nicht berührt.

Die Unversehrten von Tanja Paar erschien im Haymon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: DZ von Selim Özdogan

Der erste Satz aus DZ:

Wir kennen hier kein Wort für Schmerz.

„Hier“ meint in diesem Kontext die DZ, die niemals ausgeschriebene Abkürzung für ein Land, das in naher Zukunft etwa inmitten des jetzigen Indien entsteht und in dem alle Drogen legal sind. Selim Özdogan schafft in seinem Roman eine Welt, von der viele Menschen hier träumen. Und führt gleichzeitig all die Probleme damit auf. Wer in der DZ lebt, gilt in der restlichen Welt ans Junkie und wird an jeder Grenze bis auf die Knochen durchsucht. Und wer einen Touristenstempel der DZ im Pass hat, wirkt so unschuldig wie heutzutage einer, der gerade von einem Wochenendtrip aus Amsterdam kommt.

Damian und Ziggy sind Brüder, Damian lebt in der DZ, Ziggy ist in Deutschland geblieben und hat eine Familie gegründet und schon lange keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder. Allein der Kontakt in die DZ macht einen schon verdächtig. Aber als die Mutter der beiden im sterben liegt, bitte sie Ziggy, sich auf die Suche nach seinem Bruder zu machen, damit sie ihn ein letztes Mal sehen kann.

Da ist diese neue Droge, wmk, die dich alle Sprachen der Welt verstehen lässt, aber auch zur Folge hat, 12 Stunden lang überhaupt keiner Sprache mehr fähig zu sein. wmk bedeutet ausgeschrieben aber wortmachtklang und ist im gesamten Internet verstreut der Nickname von Selim selbst. Ich glaube, DZ kann vieles bedeuten, neben dem offensichtlichen Drogenzone aber auch einfach die Zusammensetzung von Damien und Ziggy, deren Namen wiederum beides derer von Söhnen Robert Nesta „Bob“ Marleys sind. Bezeichnenderweise heißt auch der Vater im Roman Robert.

Selim beschreibt abwechselnd aus der Sicht der beiden Brüder diese Geschichte und das Leben in einer nahen Zukunft, die sich, kurzfristig gesehen, wie eine Utopie anhört, aber immer tiefergehend im Grunde genauso festgefahren ist, wie unsere heutigen Verhältnisse. DZ ist ein Roman voller Drogen und Beschreibungen über Drogenerlebnisse, ohne sich dabei auf eine Seite zu stellen. Gleichzeitig aber ist es ein Buch voller Ideen und Fragestellungen, mit denen wir uns auch jetzt auseinandersetzen müssen. Und dann ist es aber auch ein Buch voller Verbindungen und kleinen Hinweisen. Und an Ende nicht nur der Ahnung, dass der erste Satz des Romans eine ausgesprochene Lüge ist.

Ich will gar nicht weiter schreiben. Schnappt euch  DZ, es hat ein tolles psychedelisches Cover, und taucht ein in eine Welt voller Wort, Macht, Klang. Viel Spaß dabei!

Über Selim werde ich bald nochmal schrieben, beziehungsweise, mit ihm. Ein Interview ist in Vorbereitung.

DZ von Selim Özdogan erschien beim Haymon Verlag.