Lesung: Patricia Hempel bei der zwischen/miete in Stuttgart am 23.11.17

Die zwischen/miete ist ein Projekt des Stuttgarter Literaturhauses, dabei laden Stuttgarter Wohnungen und Wohngemeinschaften ein, um in ihren Räumen junge AutorInnen lesen zu lassen. Dabei gehts tatsächlich nicht so sehr um die Autoren, als um das Happening. In irgendeiner fremden WG zusammenkommen, auf dem Boden sitzen, über das Interieur schnacken und Bier und Brezel genießen. Achja, und einer Lesung beiwohnen. Macht tatsächlich ziemlich Spaß, auch wenn man die AutorInnen und die Bücher vielleicht noch nicht kennt.

Diesmal ist es für mich ein wenig anders, Patricia Hempel hat mit mit „Literarisches Schreiben“ in Hildesheim studiert und ist die erste aus dem Jahrgang, die ihren Roman veröffentlicht. Metrofolklore, ein Roman über eine lesbische Archäologiestudentin, die versucht, an das schönste Mädchen der Universität ranzukommen. Rezension folgt.

Die Wohnung ist voll, als wir ankommen. In allen Zimmern sitzen Menschen auf den Boden, die Lesung wird vom Wohnzimmer aus in die anderen Räume gestreamt.

Patricia sitzt neben Tim Philippi, der durch den Abend moderiert, er langsam und geordnet, sie chaotisch und polternd, ein skurriles Paar. Die Fragen wurden im Vorfeld abgeklärt, was bedeutet, dass Patricia einige Antworten vorwegnimmt und die Gespräche zwischen den beiden absurde Situationen ergeben.

Patricia hat gut ausgesuchte Stellen und weiß, wie sie Reaktionen im Publikum weckt, und vor allem Neugierde, wie der Roman weitergeht.

Obwohl die Lesung einigermaßen kurz ausfällt, bin ich froh, als es der Fall ist.  Nicht der Lesung wegen, sondern weil es auf Dauer doch ziemlich unbequem ist, so gedrängt auf dem Boden zu sitzen. Auch, wenn er gepolstert ist. Aber der Abend ist nicht mit der Lesung vorbei, er wird zu einem netten Happening mit viel Unterhaltung, guten Gesprächen und Brezeln. Das sehr gerne wieder, nur dann mit besserem Platz. Und gerne wieder eine Lesung von Patricia Hempel. Auch diese mit besserem Platz.

Metrofolklore von Patricia Hempel erschien bei Klett-Cotta.

 

Bericht: Literarisches Schreiben in Hildesheim, Semester 2

Dies ist die erste Woche des dritten Semesters, die Semesterferien habe ich mit einem Praktikum und in Polen verbracht. Bevor das zweite Studienjahr richtig beginnt, hier der Bericht über Semester 2.

Viel von dem, was im ersten Semester passiert ist und mir aufgefallen ist, gilt auch noch im zweiten. Man groovt sich mehr ein, lernt in anderen Seminaren und Kursen neue Leute kennen und kommt langsam in dieser Blase der Domäne an. Der Sommer und das warme Wetter fördern das Zusammensitzen auf der Wiese und die gemeinsame Zeit extrem.

Auf der anderen Seite aber hat sich bei mir ein großes Gefühl von Ellenbogenmentalität und Abgrenzung festgesetzt.

An der Musikhochschule, in Sprechkunst, lernt man in den ersten Semestern, dass es egal ist, wie man von außen aussieht. Man macht so viele Körperübungen, humpelt wie ein Zombie durch den Raum oder sagt andauernd komische lautmalerische Worte vor sich her, dass man auf keinen Fall darüber nachdenken kann, wie man jetzt gerade aussieht und auf andere wirkt. Weil dann bringen all die Übungen nichts. Man wird mutig darin, blöd auszusehen. Und dadurch ist man frei, alles zu tun. Und weil das alle machen, ist auch alles okay.

In dieser Blase in Hildesheim wären dafür die perfekten Vorraussetzungen. Man ist unter Künstlern und man studiert. Man will sich ausprobieren. Man will Sachen machen, die man sonst nicht macht. Aber mir scheint, das genaue Gegenteil ist der Fall. Weil es so ein Kleinstkosmos und es eher gegenseitiges Konkurrieren ist, beobachtet anscheinend jeder jeden genau. Zumindest verhalten sich fast alle so, als wären andauernd unter Beobachtung. Was wiederum auch heißt, dass man kaum in Kontakt mit anderen Leuten kommt. Selbst, wenn man sich in einem Kurs kennengelernt hat, sobald auf der Wiese ist, wird man vielleicht noch angenickt, aber ansonsten verbleibt man in den Gruppen der Leute, die man kennt. Ich habe nur wenige, dafür aber umso schönere Ausnahmen entdeckt.

Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht daran, dass es es zwischen all den luxoriösen und elitären Studiengängen nochmal eine zumindest subjektive Rangordnung gibt. Dass beispielsweise die Bachelorstudenten Kreatives Schreiben sich als die „besseren Schreiber“ ansehen, als die Kultuwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Literatur. Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das so ist, aber für mich fühlt es sich oft so an. Aber auch innerhalb der Studiengänge, zumindest bei den Schreibern, scheint es viel Rivalität zu geben. Als ob man jemand anderem einen guten Text nicht gönnt.

Das Gefühl, dass diese Stimmung hinterlässt, ist schal und schmälert das Erlebnis Hildesheim ein wenig. Sollte die Studienzeit doch ein wenig freier ablaufen.

Für mich persönlich war das zweite Semester anstrengend, ernüchternd, demotivierend und unglaublich schön. Ich lerne mehr, als ich gedacht hätte. Mehr über Literatur im allgemeinen, mehr über Schriftsteller und die Literaturwelt und vor allem mehr über mein eigenes Schreiben. Mein Mentor für mein Romanprojekt für das Semester war Anvar Cukoski, seit letztem Jahr Lektor bei Piper. Anvar ist, um es mit den Worten von Lester Bangs zu sagen, ehrlich und unbarmherzig. Das wirft einen erstmal ganz schön hart auf den Boden. Aber bringt einen auch am meisten weiter.

Das Pendeln hat auch im zweiten Semester gut funktioniert. Klar ist es anstrengend und nicht die billigste Art des Lebens. Aber ich halte meine Kontakte in Stuttgart und das ist mir wichtiger, als nach Hildesheim zu ziehen.

Nun komme ich ins dritten Semester. Beschäftige mich diesmal mit Kursen über Coming-of-Age, Kunstbücher und das Erzählen. Und habe als Mentor für meinen Roman Kevin Kuhn. Schon jetzt zeichnet sich ab, das dieses Semester wieder aus viel Lesen und Schreiben besteht. Aber ich hab Bock drauf. Und ich freue mich. In diesem Sinne, Lächeln, Fabian.

PS: Das Literaturinstitut hat eine kleine Slideshow aus Bildern und Interviews zusammengebaut, wie es so ist, in Hildesheim zu studieren. Wer genau hinguckt, sieht mich. Ist aber auch schön, eine breitere Masse an Meinungen zu hören.

Bericht: Literarisches Schreiben in Hildesheim, Semester 1.

Seit Oktober 2014 studiere ich also den Master Literarisches Schreiben in Hildesheim. Das erste Semester ist nun vorbei, hier mein Zwischenbericht:

Wie Sprechkunst auch, ist Literarisches Schreiben ein Luxusstudiengang. Ein Studiengang an einer staatlichen Universität mit einer Semesterstärke von 20 Personen. Wir studieren nicht am Hauptcampus der Universität, sondern an der Domäne Marienburg, einem umgebauten Gehöft, das Studiengänge wie Kreatives Schreiben, Kulturjournalismus, Philosophie, Kunst & Medien, aber auch Musik und Szenische Künste beherbergt, ein paar Kilometer außerhalb von Hildesheim. Man ist umgeben von Künstlern verschiedener Art, auch das hat der Master mit meinem Bachelor gemein.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist der grundsätzliche Aufbau der Studiengänge, natürlich jeweils auf das Sprechen oder das Schreiben gemünzt:

In Sprechkunst lernte ich

  1. eine breite Basis für das Sprechen, samt theoretischer und praktischer Vertiefung in verschiedene Richtungen (beispielsweise Anatomie, Schauspiel und Phonetik),
  2. wieder anderen das Sprechen beizubringen (Unterrichtspraxis), und
  3. im Einzelunterricht das eigene Sprechen zu optimieren (Hauptfach).

In Literarischem Schreiben lerne ich

  1. eine breite Basis für das Schreiben, samt theoretischer und praktischer Vertiefung in verschiedene Richtungen (beispielsweise Kontrolle und Literatur, Kulturjournalismus und die Geschichte des Creative Writing),
  2. wieder anderen das Schreiben beizubringen (Creative Writing als Kulturtechnik), und
  3. mit einem Mentor am eigenen Roman zu arbeiten.

Es gibt aber auch große Unterschiede. Obwohl ich in beiden Studiengänge sehr kleine Semestergruppen hatte und habe (8 bzw. 20, jeweils mit ungleich mehr Frauen im Jahrgang), ist der Zusammenhalt ein ganz anderer. Das liegt meiner Meinung nach an der Studienstruktur. An der Hochschule in Stuttgart wird jedes Semester ein Stundenplan vorgelegt, den man zu besuchen hat. Alle Kurse sind vorgegeben, ich habe mich in Stuttgart in vier Jahren kein einziges Mal mit Semesterwochenstunden oder ETCS-Punkten beschäftigt, das war nicht notwendig. Nach einem Jahr kann man zwischen Literaturkursen wählen und nach dem Grundstudium ein Profil, grundsätzlich hat man aber fast alle Kurse im Semesterverband, was zumindest aus meinem Semester eine zweite Familie geschmiedet hat. Wir kannten uns alle sehr gut.

In Hildesheim dagegen wird durch die Studienordnung vorgegeben, was man in den beiden Masterjahren zu schaffen hat, wann man aber was macht, liegt bei einem selbst. Man wählt jedes Semester neu, welche Kurse man gerne hätte und versucht dies mit dem Plan abzugleichen. Was dazu führt, dass ich im ersten Semester noch nie meinen kompletten Jahrgang gesehen habe. Wir haben keinen einzigen Kurs miteinander und ich kenne nicht einmal alle. Auf der anderen Seite ermöglicht diese Struktur mir, alle Kurse auf zwei Tage die Woche zu legen, sodass ich das erste Semester relativ sauber aus Stuttgart pendelnd leisten konnte. Den Großteil der Zeit verbringe ich mit Schreiben und das geht in Stuttgart und in Zügen ebenso gut, wie in Hildesheim.

Trotz des versprengten Semesters haben wir uns zu einer relativ festen Gruppe von etwa 8 Leuten zusammengefunden, die sich regelmäßig trifft und mir auch in Hildesheim eine Familie gibt, ein Umfeld, in dem ich mich sehr wohl fühle.

Das Studium selbst ist unglaublich toll. Viele Sachen bauen auf meinem vorherigem Studium auf, beziehungsweise kann ich viele Strukturen aus dem Sprechen im Schreiben weiterführen. Während ich in Stuttgart der Schreiber war, bin ich in Hildesheim der Sprecher und darf oft vorlesen. Ich arbeite an meinem Roman und habe jedes Semester wechselnd einen anderen Mentor, der mich bei dem Projekt begleitet. Was will ich mehr?

Zwei Sachen, dir mir noch aufgefallen sind:

  1. Es wird einem leicht gemacht, nichts zu sagen. Egal, ob ich in „Einführung in den Kulturjournalismus“ mit 90 Leuten sitze, oder in „Schrift und Sprache im Mittelalter“ mit 6 Leuten, es gibt Menschen, deren Stimme ich noch nie gehört habe. Die Dozenten stellen ihre Frage und wenn niemand antwortet, reden Sie weiter. Und da sie das schnell tun, gibt es auch immer weniger, die reden. Natürlich gibt es die Üblichen, die oft etwas sagen und eine Diskussion führen. Aber das sind sehr wenige. Ich weiß nicht, woran es liegt, ob es eine Mentalität der Studierenden oder eine der Lehrenden ist, aber trotz aller Bemühungen, Diskussionen zu führen, werden die Stunden oft zu Vorlesungen verformt. Und das ist sehr schade. Wieso wird der unglaubliche Vorteil kleiner Gruppen nicht genutzt? Sowohl von den Dozenten, und viel mehr noch, von den Studierenden?
  2. Der Studiengang ist in einer andauernden Verteidigungshaltung. In Stuttgart ist eher das Problem, dass außerhalb einer kleinen Interessengruppe niemand den Studiengang kennt. Das geht soweit, dass ich auf der Suche nach einem Praktikumsplatz fast durchgehend überrascht angesehen wurde. Sprechkunst, so etwas kann man studieren? Und wenn selbst potentielle zukünftige Arbeitgeber so reagieren, dann hat man meiner Meinung nach einen zu geringen Bekanntheitsgrad. Wenn ich jetzt mit Menschen über mein Studium rede gibt es immer noch Leute, die sagen, so etwas kann man studieren? Aber weit weniger. Was es dagegen umso häufiger gibt, ist eine gewisse Skepsis darüber ob man jemandem beibringen kann, zu schreiben. Diese Skepsis ist in Hildesheim (und wahrscheinlich auch in Leipzig) bekannt und immer wieder kommt man innerhalb des Studiums darauf zu sprechen. Manchmal hatte ich dabei das Gefühl, eine Institution, die sich sogar innerhalb ihrer Gruppe so sehr verteidigt, kann sich doch selbst nicht ganz sicher sein. Verständlich, was ich meine?

Ich bin gespannt, wie es im kommenden Semester weiter geht. Die Mentoren werden Verlagslektoren sein und es wird viel Neues zu lernen geben. Jetzt aber erstmal Semesterferien. Ich schreibe nun ein wenig.

Ich: Master Literarisches Schreiben in Hildesheim

Wenn mich jemand fragt, was ich später mal machen möchte – und ja, man wird mit 28 auch noch gefragt, was man später mal machen will – dann antworte ich seit Jahren, ich möchte vom Schreiben leben können. Ich möchte meine eigenen Bücher schreiben und davon leben können.

Ich habe alle Gespräche über dieses Thema in jeder Variation durchgemacht und bin mir des schweren Weges bewusst, den ich da gewählt habe. Aber hej, bisher läuft das Leben mit all seinen schönen Umwegen doch ganz gut, oder? Als ich vor vier Jahren nach meiner Radiozeit studieren wollte, entschied ich zwischen Kreativem Schreiben und Sprechkunst. Viele Gründe haben mich in Stuttgart gehalten und ich wählte das Sprechen. Jetzt ist die Wahl des Masters dran und diesmal sollte es das Schreiben sein. Also bewarb ich mich und bangte und bekam dann vor wenigen Monaten meine Zulassung aus Hildesheim. Leipzig sagte ab, aber das ist eine andere Geschichte.

Im Mittelpunkt des Master-Studiengangs Literarisches Schreiben (M. A.) steht die Arbeit an einem eigenen erzählerischen, lyrischen, szenischen, essayistischen oder kulturjournalistischen Projekt. Dieses Projekt soll zu Beginn des Studiums in einem Konzeptpapier grob umrissen sein und wird dann von den Lehrenden des Studiengangs während des Studiums intensiv betreut.

Um das Schreiben herum werden Seminare angeboten, die es möglich machen, Ihre eigene Literaturwerkstatt zu beobachten, zu verstehen und zu optimieren. Zugleich werden Sie in die literatur- und kulturbetrieblichen Kontexte eingeführt.

So steht es im Studienprofil. Das heißt, ich werde zwei Jahre lang an einem Roman arbeiten, der den Arbeitstitel „Eine Nacht mit genügend Schlaf ist nur eine weitere, an die du dich nicht erinnern wirst“ trägt. Er ist zwar ein wenig mehr, als nur grob umrissen, aber ich kann trotzdem noch viel an ihm lernen.

Ab nächstem Monat werde ich also in Hildesheim Literarisches Schreiben studieren. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben! Wow!