Film & Verlosung: Sieben Minuten nach Mitternacht

Conors Mutter wird bald an Krebs sterben und er kommt überhaupt nicht drauf klar. Er flüchtet sich in seine Zeichnungen und seine Fantasie und sieht sich eines Nachts, sieben Minuten nach Mitternacht, einem Baummonster gegenüber, dass ihm weder etwas Böses will, noch ihm helfen will, sondern ihm Geschichten erzählt, über böse Hexen und gute Könige.

Ich will gar nicht zu tief in die Geschichte einsteigen, es geht um die Beziehung von Sohn und Mutter, um Verlust und natürlich um Liebe.

Ich habe den Roman zum Film noch nicht gelesen, aber in der Vergangenheit hat sich diese Reihenfolge als die bessere herausgestellt. Klar, meine Fantasie wird beschnitten, mir wird vorgegeben, wie Figuren aussehen und wie sie sprechen (Ford Prefect ist meiner Fantasie immer Mos Def). Aber auf der anderen Seite denke ich im Film nicht die ganze Zeit, hey, aber im Buch war das anders. Und da kaum etwas meine eigene Fantasy schlagen kann, kann ich gut auf die Interpretation anderer aufbauen.

Also bin ich ganz unvoreingenommen in den Film und kam fasziniert wieder raus. Sieben Minuten nach Mitternacht ist manchmal düster und ergreifend und dann wieder lustig und leicht, es ist kein Märchen, sondern ein Fantasydrama, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich für Kinder geeignet ist.

Patrick Ness hat den Roman zum Film geschrieben. Wikipedia erzählt den Hintergrund:

Das Buch ist von einer Idee von Siobhan Dowd inspiriert, deren unerwarteter Tod verhinderte, dass sie die Geschichte selbst aufschreiben konnte. Dowd starb 2007 nach drei Jahren Krankheit mit 47 Jahren an Brustkrebs.

Siobhan Dowd wird mehrmals genannt und ich hatte mich im Kino noch gefragt, was dieses ‚inspiriert von‘ bedeutet. Mit diesem Wissen hebt sich die Geschichte auf eine ganz neue Ebene und wenn ich das Buch in den Händen habe, werde ich es auch lesen wollen.

Wie in den Geschichten, die das Monster dem Jungen erzählt, so ist auch der Film selbst nicht in gut und böse aufgeteilt. Und es gibt kein Happy End. Er ist trotz all seiner fantastischen Elemente voller realistischer Gefühle und geht damit ungleich näher, als jedes ‚vielleicht leben sie noch heute‘.

Sieben Minuten nach Mitternacht läuft ab 4. Mai im Kino.

Verlosung:

Studiocanal hat mir zweimal zwei Freikarten fürs Kino plus Roman zur Verfügung gestellt.

Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) mit eurer Adresse und sagt mir, welches Märchen beschäftigt euch bis heute?

Der Zufall entscheidet dann. Einsendeschluss ist Donnerstag, 27. April, 12 Uhr. Dann gehen die Pakete direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

 

Film: Es war einmal in Deutschland…

Ein Jahr nach Kriegsende versucht der jüdische David Bermann mit Freunden, einen Wäschehandel aufzumachen und reist als Handelsvetreter durch die Gegend um Frankfurt. Dank kleiner Tricks und Flunkereien floriert das Geschäft, aber David muss sich gleichzeitig vor den Amerikanern in Acht nehmen. Er steht im Verdacht, mit den Nazis kollaboriert zu haben.

So viel erzählt auch der Trailer. Und wenn es nur nach dem Trailer geht, dann hätte ich mir den Film nicht angesehen. Ich wusste nicht, was mich erwartet, ich habe die Romane von Michel Bergmann nicht gelesen, kenne also auch nicht die Vorlagen, „Die Teilacher“ und „Machloikes“ und der Trailer, als auch die Beschreibungen nennen den Film eine Komödie. Dabei ist er viel mehr.

Was im Trailer plump und extrem verfälschend zusammengeschnitten ist, verschweigt den gesamten Teil der Tragik, die unter dem schwarzen Humor und der fröhlichen Musik liegt. Die Ahnung des Grauens und der Angst, die noch nichtmal ein Jahr her ist. Klar ist der Film auch witzig und ich kann an vielen Stellen lachen. Aber es geht eben auch tiefer. Gerade Moritz Beibtreu, dessen Charakter mir im Trailer noch extrem unsympathisch rüberkommt, zeigt, was alles unter dem Chuzpe liegt, den er vor sich herträgt. Dazu kommt ein durch das Setting, die Geräusche, die Musik und den Farbton (der in Nebel im August schrecklich war) ein Gefühl auf, dass sich authentisch gibt.

All das macht „Es war einmal in Deutschland…“ zwar nicht zu dem großen Kinohit des Jahres, aber zu einem netten sehenswerten Film, der auch viel Lust auf die zugehörigen Romane macht. Und der einen besseren Trailer als den vorliegenden verdient hat.

Es war einmal in Deutschland… läuft seit 6. April im Kino, und basiert (lose?) auf den Romanen „Die Teilacher“ und „Machloikes„, geschrieben von Michel Bergmann und erschienen bei dtv. X-Verleih hat mir die Kinotickets zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Armada von Ernest Cline, gelesen von Gerrit Schmidt-Foß

Neues auf die Ohren: Armada von Ernest Cline, gelesen von Gerrit Schmidt-Foß. #argon #amlistening #hoerbuch

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Der erste Satz aus Armada:

Ich starrte gerade aus dem Fenster des Klassenraums und träumte von Abenteuern, als ich die fliegende Untertasse entdeckte.

Zack Lightman ist der 0815-Nerd, der ohne Vater aufwuchs und sehr gern sein Lieblingscomputerspiel „Armada“ zockt, bis er bemerkt, dass „Armada“ zwar auch ein gutes Spiel ist, bei dem man hilft, die Erde vor den Angriffen der Außerirdischen zu schützen, aber in erster Linie dazu dient, Computerspieler zu trainieren und die besten Spieler herauszusuchen.

Sowohl in seinem Film „Fanboys“, als auch im ersten Roman „Ready Player One“ arbeitet Ernest Cline mit extrem vielen Popkulturreferenzen. Einerseits finde ich das gut. Wie oft frage ich mich bei Zombiefilmen/-serien/-romanen, wieso es in der jeweiligen Realität noch nie einen anderen Zombieroman/-film/-serie gibt, noch nichtmal das Wort „Zombie“ existiert. Bei Cline wissen die Leute in seinen Geschichten, was wir wissen. Wenn wir es wissen. Und das ist der feine Grat zwischen „die Anspielung habe ich gerade verstanden“ und „da gehts um irgendwas, was ich nicht kenne“. Hier packt mir Cline zu viel rein, zu viele Anspielungen, zu viele Selbstverständlichkeiten, von denen ich irgendwann auch denke, dass sie die eigene Geschichte mehr verdecken, als sie zu bereichern.

Die eigene Geschichte ist gut, lehnt an reale Ereignisse an (der Bradley Trainer oder America’s Army) und ich habe großen Spaß sie zu hören und will wissen, wie es weiter und ausgeht. Sie unterhält sehr, ich höre mir die 12 Stunden in drei Tagen an, wie eine Serie, die man durchguckt, nur dass ich nebenher unterwegs sein kann. Aber leider ist mir an vielen Stellen zu plump erzählt. Viele Andeutungen sind zu offensichtlich, viele Momente nicht gut genug in der Geschichte verwebt, sodass mir viele Wendungen in der Geschichte klar sind, bevor sie passieren, weil es eben doch nicht nur Andeutungen sind. Das fand ich in Ready Player One konsistenter. Trotzdem, ich habs mir sehr gern angehört. Natürlich auch wegen Gerrit Schmidt-Foß.

Ich kenne ihn schon lange als Synchronsprecher- vor allem von Leonardo DiCaprio und Jim „Sheldon Cooper“ Parsons – aber habe ihn nie als Hörbuchsprecher gehört. Anfangs fällt es mir schwer, seine Stimme als die eines Jugendlichen anzunehmen, aber nach der Eingewöhnungszeit war ich voll drin. 12 Stunden sehr gut unterhalten gewesen.

Kein Nachhall, kein tagelanges Grübeln über die Moral. Aber Unterhaltung. In diesem Fall reichte es vollkommen. Gerne wieder.

Armada von Ernest Cline wurde gesprochen Gerrit Schmidt-Foß und übersetzt von Sara Riffel. Das Buch erschien bei Fischer-Tor, das Hörbuch bei Argon. Argon hat mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt.

PS: Schön: Fischer-Tor hat sich auch die Rechte für Ready Player One geholt, sodass die Bücher beim selben Verlag und mit einem einheitlichen Design kommen. Nicht so schön: Ich mag die Cover überhaupt nicht. Sorry.

Roman: Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes

Lesestoff: Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes. #btb #amreading

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Der erste Satz aus Vom Ende einer Geschichte:

Ich erinnere mich in ungeordneter Reihenfolge an:

Tony ist mittlerweile ein alter Mann, aber in seiner Jugend war Adrian sein wichtigster Freund. Sie haben sich vor Jahrzehnten aus den Augen verloren und Tony kann nur immer wieder seine Erinnerungen auffrischen. Bis er genau diese hinterfragen muss.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/158963986362/dieses-letzte-bild-habe-ich-nicht-wirklich

Im Nachhinein ist die Geschichte, die Barnes erzählt, nicht besonders komplex und vielleicht auch nicht unglaublich außergewöhnlich. Im Nachhinein war alles schonmal da. Aber Barnes etabliert eine Wahrheit, die er dann langsam dekonstruiert und ich kann nicht anders, weiterzulesen, weil ich doch wissen will, was die andere Wahrheit ist.

Barnes füllt diese kurze Geschichte mit Gedanken und Reflexion, erzählt die Anfänge von Tony und Adrian aus Tonys Sicht und überspringt dann knapp 40 Jahre, um dann den Anfang auseinanderzunehmen. Ich mochte viele der Gedanken, viele Sätze hätte ich mir anstreichen können. Aber manchmal fällt er in den Ton eines belehrenden alten Mannes, der sich anhört, als ob er alles weiß. Ironisch, weil es ja gerade darum geht, dass er nicht alles weiß.

Das Buch lebt von seiner Atmosphäre, von seinen Gedanken, von seinen Worten. Gelesen habe ich es, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Und ich habe es sehr gern gelesen.

Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes wurde übersetzt von Gertraude Krueger und erschien bei btb.

Filmkritik: Silence von Martin Scorsese

Ein neuer Film von Martin Scorsese, mit Liam Neeson, Adam Driver und Andrew Garfield? Will ich sehen, auch wenn es nicht mein Thema ist.

Silence erzählt die Geschichte zweier Jesuiten im 17. Jahrhundert, die nach Japan gehen, um einen verschollenen Pater aufzuspüren. Eine beschwerliche Reise durch ein Land, in dem Christen verfolgt und getötet werden.

Ich bin vor ein paar Jahren aus der Kirche ausgetreten, ich habe nicht nur in religiösen Belangen ein großes Problem mit Extremen, ich möchte Dinge in Balance halten. Aber wie gesagt, ich wollte den Film trotzdem sehen. Nun:

Der Film ist eine Tortur. Die zwei Stunden und 40 Minuten fühlen sich fast doppelt so lange an. Das Martyrium der Jesuiten erlebe ich als Zuschauer mit, mit grandiosen Bildern und einem sehr guten Sounddesign, der meiner Beobachtung nach ohne Soundtrack auskommt. Wirklich, die Kamera, die Bilder, die Komposition, extrem gut gelungen. Die Geschichte aber bringt mich an meine Grenzen.

Die ausführliche Darstellung der Folter von Christen durch Buddhisten (auf Ansage eines Inquisitors, welch Ironie) erinnert an Mel Gibsons „Passion Christi“ und die Sturheit und Arroganz beider Religionen wird so eindrücklich dargestellt (und natürlich erweitert durch das eigene Wissen der Gewalt und Folter, die die Christen bei Andersgläubigen eingesetzt haben), dass ich den Film nur als Apokalypse Now des Glaubens ernst nehmen kann, als einen Antireligionsfilm, der zeigt, wozu fanatisch religiöse Menschen fähig sein können.

Leider meint Scorsese das nicht so. Er widmet den Film am Ende den Christen und Jesuiten. Er meint das ernst. Ich kann es nicht fassen.

Noch ein Kommentar zur deutschen Synchronisation: Sie ist unauffällig und damit sehr gelungen, bis auf einen Off-Sprecher gegen Ende des Films. Ein niederländischer Seefahrer beschreibt, wie er auf die Jesuiten trifft und ihren Leidensweg erfährt. Während alles andere sehr gut synchronisiert ist, was bei dem japanischen Akzent und den lateinischen Messen, die gehalten werden, wirklich nicht leicht ist, fällt dieser Sprecher durch seine Unterdurchschnittlichkeit auf. Ich will niemanden angreifen oder zu nahe treten, aber ich hatte das Gefühl, für diese vielleicht zehn Sätze hat das Studio den Praktikanten in die Kabine gestellt. Mit leichtem Dialekt, verwirrender Betonung und ohne Haltung wird der Text heruntergelesen. Was angesichts der gesamten Produktionsqualität so extrem auffällt, dass es mich vollkommen aus dem Film gerissen hat. Ich war an dem Punkt sowieso schon der Bilder, der länge und des Leids überdrüssig, aber dies war der Höhepunkt.

Silence ist kein schlechter Film. Er ist bildgewaltig und episch, aber er ist auch eine Tortur mit einer Moral, die man sich nicht antun muss. Besonders, wenn man der christlichen Religion eh schon kritisch gegenüber steht.

Silence läuft seit dem 2. März in den deutschen Kinos. Ich habe vom Verleih zwei Freikarten zur Rezension erhalten.

Sachbuch: Talk like TED von Carmine Gallo

Nachdem ich bestätigt bekommen habe, dass ich meinen TEDxStuttgart Talk halten werde, bekam ich dieses Buch als „Hausaufgabe“: Talk like TED. Carmine Gallo ist Sprecher und Coach für Sprecher und hat schon mehrere Bücher über über das Halten von Vorträgen geschrieben, die alle so klingen, als ob sie sich inhaltlich extrem ähnlich sind.

Vielleicht, wenn man nicht Sprechkunst studiert hat, lernt man ein paar Sachen durch das Buch. Wenn nicht, dann hat man, trotzdem Spaß beim lesen und wird an ein paar Sachen erinnert. Das größte Problem des Buches ist seine amerikanische Art. Bevor das Buch losgeht, muss ich mich durch Seiten Eigenlob lesen. Gallo legt den Penis auf den Tisch und erklärt mir ganz genau, wieso er der Beste ist, dieses Buch geschrieben zu haben. Und viele Sachen werden nicht einmal, sondern siebenmal bekräftigt, damit es auch jeder Leser verstanden hat. Das macht das Lesen anstrengend und Gallo erstmal sehr unsympathisch und suspekt. Wer sich selbst so anpreisen muss, der kann nicht so gut sein, wie er behauptet. Der Eindruck verfliegt im Laufe des Buches. Aber dafür muss man auch weiterlesen und nicht abgeschreckt sein.

Talk like TED ist ähnlich zu vielen Ted Talks: Es ist unterhaltsam, enthält schöne Anekdoten und eigentlich ist der Großteil des Inhalts bekannt, aber es ist trotzdem schön, immer wieder mal daran erinnert zu werden, es immer wieder zu hören.

Talk like TED von Carmine Gallo erschien bei Macmillan. Die deutsche Version wurde übersetzt von Silvia Kinkel und erschien beim Redline Verlag.

Serie: Sneaky Pete

Ich habe mir die erste Folge von Sneaky Pete nur angesehen, weil ich Giovanni Ribisi mag. Ich mochte ihn als Bruder von Nicholas Cage in „Nur noch 60 Sekunden“ und seitdem ich gucke ich ihn mir gerne an, so auch hier:

Ribisi spielt Marius, einen Trickbetrüger, der aus dem Gefängnis kommt und innerhalb einer Woche 100.000 Dollar zusammenbekommen muss, um seinen Bruder freikaufen zu können. Dafür gibt er sich als Pete, seinen Zellengenossen aus und schleicht sich in die Familie ein, um von ihnen das Geld zu bekommen. Stattdessen wird er in die Probleme dieser Familie gezogen.

Sneaky Pete hinterlässt nach der ersten Folge ein gutes Gefühl, das könnte eine nette Trickbetrügerkomödie werden, ich musste oft an Hustle denken. Stattdessen wird die Serie zeitweise ziemlich düster und ernster, als ich gedacht hätte. Dabei verliert sie trotzdem nicht ihren Charme, sondern balanciert zwischen Komödie und Thriller, hat geile Schauspieler, unter anderem Bryan Cranston, der sich spätestens seit Breaking Bad sehr wohl fühlt in der Rolle des Bösen.

Das wird bestimmt nicht meine Lieblingsserie und sie ist nicht überragend, aber sie ist mehr als solide. Sie ist gut, ich habe sie gern angesehen und ich bin sehr gespannt auf die zweite Staffel, weil dieser letzte Cliffhanger wirklich gut ist.

Eine Sache, die mir nicht nur bei dieser Serie in letzter Zeit aufgefallen ist: Die Freiheit, sich nicht sklavisch an eine bestimmte Laufzeit für jede Folge halten zu müssen – sie ist ja nicht für einen bestimmten Slot im Fernsehen gedacht – tut den aktuellen Serien gut. Sie können atmen, wo sie atmen müssen und sie können kürzer sein, wo sie früher unnötig lang gewesen wären. Deswegen schwankt auch bei Sneaky Pete die Laufzeit der Folgen zwischen 45 und 55 Minuten.

Sneaky Pete ist für Amazon Prime Kunden kostenlos und allen anderen leider erstmal vorenthalten. Ich verstehe nicht, wieso Amazon die Eigenproduktionen nicht auch für alle anderen zumindest käuflich verfügbar macht. Seit 17. Januar gibts die erste Staffel auf Englisch, die deutsche Synchronisation folgt am 17. Februar.

Roman und Hörbuch: Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeny, gelesen von Johann von Bülow

Der erste Satz aus Das Nest geht über die halbe erste Seite und ist wohl der längste im ganzen Buch. Ein Buch über die mittlerweile erwachsenen vier Geschwister Plumb, die eigentlich jeweils 500.000 Euro aus einem Fond bekommen sollten, wenn Melody, die Jüngste, 40 wird. Aber wenige Monate vorher verursacht Leo, der Älteste, einen Vorfall, der das Geld fast vollkommen aufbraucht.

Die Geschwister hatten mit dem Geld gerechnet, das Leben damit geplant und haben jetzt mehr oder weniger Probleme. Und sie müssen, obwohl ihre Leben weit auseinander gedriftet sind, sich wieder miteinander beschäftigen.

Cynthia D’Aprix Sweeney erzählt ausschweifend, detailliert, breit. Es geht nicht nur um die vier Geschwister, sondern auch um ihre Mutter, ihre Kinder und Lebenspartner, ihre Arbeitskollegen und sonstige Menschen, die mit ihnen zusammentreffen. Wir lernen die Hintergründe, die Motivationen und die Wünsche kennen. Und Dutzende Handlungsstränge. nach einem Drittel des Romans ist mir klar, dass es gar nicht um die Familie geht und wie sie ihre Geldprobleme lösen. Sondern um das Gesellschaftsbild, welches D’Aprix Sweeny zeichnet. Dieses ist tatsächlich spannend, weil sie immer wieder Charaktere erzählt, die ich kenne, die jeder aus seinem Leben kennt. Insofern lache und nicke ich und sage, jaja, kenn ich auch! Und am Ende bin ich auch berührt.

Aber Das Nest hat auch extrem langatmige Strecken. Episoden, bei denen ich mir bis heute nicht sicher bin, ob ich sie gebraucht hätte. Machmal kommt mir die Grenze dessen, was noch erzählt wird, und was dann zu viel ist, willkürlich vor.

Bevor ich das Buch angefangen habe, war ich auf der Lesung von Cynthia D’Aprix Sweeney und Johann von Bülow, der das Hörbuch gesprochen hat. Natürlich weiß sie, welche Stellen sie heraussuchen muss, natürlich kann er die Stellen so lesen, dass man Lust auf mehr hat. Also höre ich mir das gesamte Buch an, 12 Stunden.

Ich bin oft überrascht, auf der Bühne liefert Johann von Bülow eine großartige Show und es ist toll, ihm zuzuhören. Aus 12 Stunden gedehnt fällt er mir zu oft in einen coolen Duktus, lässt fast alle Figuren mit einer ähnlichen Art von Überheblichkeit sprechen und denken, sodass ich mir manchmal denke, vielleicht hätten sie anders gewirkt, wenn ich es selbst gelesen hätte. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob ich es tatsächlich komplett gelesen hätte, weil, wie gesagt, war er mir Streckenweise viel zu lang.

Ich weiß, Das Nest ist international erfolgreich und wird für Amazon verfilmt. D’Aprix Sweeney, sie schreibt auch das Drehbuch, meinte nach der Lesung zu mir, dass viel gekürzt wird, um den Stoff auf Filmlänge zu bekommen. Das kann dem Buch ganz gut tun. In der jetzigen Form fand ich Buch und Hörbuch nett, aber in keine Richtung herausragend.

Das Nest von Cynthia D’Aprix-Sweeney wurde übersetzt von Nicolai Schweder-Schreiner und erschien bei Klett-Cotta. Das Hörbuch wurde gesprochen von Johann von Bülow und erschien bei Der Audio Verlag. Der Verlag hat mir Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.

Roman: Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer

Lesestoff: Ymir von Philipp Krömer. #dasdebut #homunculus #bookstagram #amreading

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Der erste Absatz aus Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel:

Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.

Klopfen Sie!

Eine Expedition dreier Gesandter aus Deutschland in ein scheinbar bodenloses Loch in Island knapp vor dem 2. Weltkrieg. Der Lyriker unter diesen dreien erzählt diese Geschichte, die schon in der Rahmenhandlung etwas ausschweifendes, phantasierendes hat.

Anfangs war ich gespannt und habe mich gerne in diese Geschichte fallen lassen, die hier und da an Jules Verne erinnerte, er wird auch erwähnt, wie kann es auch anders sein bei einer Geschichte, die eine Expedition in das Innere der Erde beschriebt.

Die Sprache hat etwas zwischen Tristram Shandy und den Zamonien Romanen von Walter Moers. Unterhaltsam, definitiv. Und natürlich will ich wissen, wie es weitergeht, obwohl ich mit der nordischen Mythologie und der Geschichte von Ymir überhaupt nichts anfangen kann. Aber gerade in der Sprache will Philip mir einfach zu viel. Ich will selbst denken können, mitraten und meine Assoziationen haben können. Das wird mir hier nicht erlaubt, weil Krömer auf so vielen Ebenen Wortspiele, Referenzen und Auflösungen hintereinanderpackt, dass ich gar nicht die Chance habe, meinen eigenen Kopf anzustrengen.

Deshalb blieb Ymir für mich eine nette Geschichte, die bei einem minimalerem Erzählstil sich hätte mehr entfalten können.

Ich habe über das Buch auch im Podcast des Literaturcafé geredet.

Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philipp Krömer erschien beim homunculus verlag und steht auf der Shortlist des „Das Debüt 2016“ Bloggerpreises. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Neuer Lesestoff: Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. #amreading #nofilter #kiwi #dasdebut #debut #lis

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Der erste Satz aus Nachts ist es leise in Teheran:

König der Könige haben sie ihn genannt und gesagt, Wir feiern ihnm wir feiern seine Frau, die Schönheit, sie haben gesagt, Wir lieben dieses Land und dann haben wir gesagt, Wir lieben dieses Land.

Die Geschichte einer Familie, die aus dem Iran nach Deutschland fliehen muss, in vier Akten, die 40 Jahre überbrücken und aus der Sicht vier verschiedener Familienmitglieder. Das ist der Roman in einem Satz.

Dahinter stecken aber rund 280 Seiten, die mir ein Land und eine Kultur gezeigt haben, die ich kaum kenne. Dabei setzt Bazyar die Möglichkeiten, die sie durch ihre Erzählstruktur hat, extrem gut ein. So ist jeder Akt nicht nur in seiner eigenen überzeugenden Sprache geschrieben, sondern auch aus einer anderen Lebenseinstellung. Das heißt, ich kriege nicht nur eine Version des Irans, ich bekomme vier. Und damit ein Spektrum an Wahrnehmung und Einschätzung die mir sagt, dass es nicht den Iran, die Kultur oder gar den Islam gibt, sondern eben so viele, wie es Menschen gibt. Natürlich, das ist nichts Neues und war mir eigentlich schon vorher klar, aber es ist gut. Immer mal wieder daran erinnert zu werden.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/154117717857/es-gab-kurz-nur-mich-den-stuhl-am-fenster-und-die

Ich musste beim Lesen an Am Ende bleiben die Zedern denken und an Taqwacore, an Blauschmuck und an türkische Freunde, die mir damals schon nahe gebracht haben, wie es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben. Ich habe viel über Teheran und den Iran gelernt, aber auch viel gelesen, was mir nicht neu war. Es trotzdem immer wieder auf verschiedene Arten vermittelt zu bekommen, ist gut. Hier liegt auch die Stärke von Shida Bazyar, die übrigens auch in Hildesheim studiert hat, in jedem Abschnitt vermittelt sie auf andere Arten. Manchmal brauche ich, um von der Atmosphäre eingefangen zu werden, manchmal bin ich direkt drin. Als Geschichte im gesamten habe ich Nachts ist es leise in Teheran gern gelesen und freue mich auf Bazyars nächsten Roman. Achja, und: Extrem schönes und durchdachtes Cover. Nach der Lektüre des Romanes umso mehr.

Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar erschien bei Kiepenheuer & Witsch. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

 

Gedichte: Hold Your Own von Kate Tempest

Lesestoff: Hold Your Own von Kate Tempest. #amreading #katetempest #suhrkamp #nofilter #lyrik #bookstagram #books

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Die erste Strophe aus Hold Your Own:

Picture the scene:
A boy fifteen.
With the usual dreams
And the usual routine.

Lyrik und ich, wir werden echt selten warm. In meinem Sprechkunststudium bin ich immer wieder mit ihnen in Kontakt gekommen. Wenn es gefunkt hat, dann richtig. Aber das passiert eben nicht oft. Ich möchte Geschichten lesen und diese fehlen mir bei Lyrik oft. Ich habe Hold Your Own gelesen, weil ich von dem Roman von Kate Tempest sehr mochte. Ich weiß von ihren Songs, dass dort die Protagonisten des Romans wieder auftauchen. Ich hoffte, das sei auch hier der Fall. Ist es nicht, zumindest nicht direkt. Aber man liest aus ihren Gedichten das selbe Milieu heraus, die gleichen Probleme, die gleichen Themen.

Aber eben in Gedichten. Wenn ich die Geschichte in ihnen finde, funktioniert das für mich. In seltenen Fällen, wenn ich nur die Atmosphäre spüre. Es gibt Sätze, Passagen oder ganze Gedichte, die ich mag.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/153182242812/the-world-is-getting-stranger-every-day-youre

Aber größtenteils bin ich darauf zurückgeworfen, wenigstens den Flow zu spüren, den Rhythmus, der den Originalfassungen so stark inne wohnt, dass man nicht drumherum kommt, ihn zu spüren. Dies ist das Tolle an dieser Version: Man bekommt die Originalfassung neben der deutschen Übersetzung. Leider kommt diese überhaupt nicht an das Original ran. Ich ahne, wie schwer Lyrikübersetzungen sind. Diese reicht, um mal etwas nachzusehen, was man im englischen nicht versteht, aber sie ist in keiner Hinsicht ein Ersatz.

Ich werde mir wohl keine Gedichte mehr von Kate Tempest durchlesen, da warte ich lieber auf ihren nächsten Roman.

Hold Your Own von Kate Tempest wurde übersetzt von Johanna Wange und erschien bei suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker, gelesen von Uve Teschner

Der erste Absatz aus Am Ende aller Zeiten:

Glaube ist etwas Seltsames. Eine Gewissheit, wo es nichts als Ungewissheit gibt. Ich zum Beispiel, ich glaube, dass unter dem Feld neben dem Haus, in dem ich lebe, Gräber liegen.

Los geht es mit dem Einschlag unzähliger Meteroiten. Und dann ist alles anders. Dann geht es um das Überleben von Ed, seiner Frau und ihren beiden Kindern. Geht los wie ein Post-Apokalypseroman und behält dieses Thema natürlich auch bei. Walker beschreibt erfüllt natürlich auch einige Klischees des Genres: Nahtoderfahrungen, zerstörte Infrastrukturen, die zerbröckelnde Moral nach dem Zusammenbruch der Zivilisation und natürlich die großen Frage, ob die Familie überlebt.

Dann aber wird Ed von seiner Familie getrennt und wenn er sie wiedersehen will, muss er in kurzer Zeit 500 Meilen durch Großbritannien zurücklegen, damit seine Familie nicht ohne ihn nach Neuseeland evakuiert wird. Und weil das Land zerstört ist, muss das zu Fuß passieren.

Klar, der große Antrieb ist, ob Ed es schafft. Aber Walker nutzt die hunderten Meilen, um sehr eindrücklich den Zerfall der Familie zu beschreiben, der schon viel früher eingesetzt hat und schafft damit die Identifikationsfläche, den Teil, den wir von uns kennen. Die Probleme, die Ed hat, die kennen wir alle. Damit aber nicht wir erst erkennen, was wir ändern sollten, macht das Ed für uns. Quält sich mit vier weiteren Menschen durch ein zerstörtes Land voller Gefahren und viel Zeit, sich über das Leben klar zu werden. Der sprichwörtliche Lauf um das Leben.

Das macht aus Am Ende aller Zeiten eben mehr als den spannenden Standardroman über die Frage, ob die Hauptpersonen am Ende noch leben. Es macht ihn zu einem Roman über die Liebe, das Leben und eben auch einen Roman über das Laufen. Ich war nicht nur gespannt, ich war berührt und ich habe nachgedacht.

Verstärkt wurde all das noch durch die grandiose Leistung von Uve Teschner. Dies ist mein erstes Hörbuch von ihm, ich bin grandios begeistert. Teschner schafft es, mich über 12 Stunden zu fesseln, mich nicht vom Inhalt abzulenken, sondern ihn passend zu verstärken. Wirklich groß.

Der Originaltitel legt den Fokus noch mehr auf das Laufen, dort heißt das Buch „The End of the World Running Club“ und wurde von Walker erstmal als Selbstverlag herausgebracht, wie damals auch Der Marsianer. Dann wurde Penguin darauf aufmerksam, in Deutschland wurde der Roman von Fischer Tor herausgebracht, als erstes Buch dieses neuen Verlags für Fantasy und Science Fiction. In Amerika ist TOR der Verlag für diese Genres, mit einer großen Fanbase und einer sehr aktiven Community. Ich finde dies einen gelungenen Auftakt für eine deutsche Version und hoffe, noch bei bei Fischer Tor, mehr von Adrian j. Walker lesen und mehr von Uve Teschner hören zu dürfen.

Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker wurde übersetzt von Gesine Schröder und Nadine Püschel und erschien bei Fischer Tor. Das Hörbuch wurde gesprochen von Uve Teschner und erschien beim Argon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Film: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, ab heute im Kino

Die letzten Buchverfilmungen, die ich gesehen habe, waren eher enttäuschend, zum Teil auch deshalb, weil sie im Vergleich zur Vorlage abgefallen sind. Als ich die Einladung zu Eine Geschichte von Liebe und Finsternis bekam, dachte ich, diesmal liest du das Buch nicht vorher.

Ich muss leider gestehen, dass mir Amos Oz zwar etwas sagt, ich aber bisher nichts von ihm gelesen habe. Dann saß ich in der Vorführung und lese im Presseheft das Interview mit Natalie Portman, sie spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern schrieb auch das Drehbuch und führte Regie. Die letzten beiden Dinge zum ersten Mal. Ich hatte die Befürchtung, dass sowas auch in die Hose gehen könnte. Aber dann wird es dunkel im Saal und der Film geht los.

Als es wieder hell wird, bin ich berührt und überrascht und interessiert. Im Gegensatz zu Nebel im August schafft der Film durch seine grobkörnige, kontrastreiche Ästhetik tatsächlich ein Gefühl von Vergangenheit. Im Gegensatz zu Tschick und Mängelexemplar kann ich hier mit dem Erzähler sehr gut umgehen, hier erinnert sich ein alter Mann an seine Kindheit. Die Übergänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit sind extrem gut umgesetzt, ebenso die Ahnung des jungen Amos. Er kann nicht ganz greifen, was mit seiner Mutter, was mit seinen Eltern und was mit der Welt gerade passiert, aber er versteht, dass etwas großes im Gange ist.

Ich mochte den Film in seiner Ästhetik, in seiner Erzählart. Ich bin mir sicher, dass der Roman noch viel mehr kann. Aber der Film hat einen sehr positiven Grundstein gelegt, sodass ich irgendwann den Roman sehr gerne lesen werde.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz wurde verfilmt von Natalie Portman und läuft seit 3. November im Kino.

Buch und Film: Nebel im August (und nebenbei: Der Anhalter)

Lesestoff: Nebel im August von Robert Domes. #cbt

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Das Buch:

Der erste Satz aus Nebel im August:

Die Tür zum Vorraum steht einen Spalt offen, dort brennt eine Glühbirne, doch ihr funzeliges Licht schafft es kaum bis ins Krankenzimmer.

Robert Domes hat so etwas wie einen Tatsachenroman geschrieben, über Ernst Lossa:

Ernst Lossa (* 1. November 1929 in Augsburg; † 9. August 1944 in Irsee) war eine Halbwaise aus der Minderheit der Jenischen, die in der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie, der Aktion Brandt, ermordet wurde und durch die Aufarbeitung dieses Mordes nach 1945 exemplarische Bekanntheit erlangte. Ernst wuchs in Kinderheimen auf und wurde in der Zweiganstalt Irsee der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee im Alter von 14 Jahren durch Injektion eines tödlichen Mittels ermordet.

Wikipedia-Artikel Über Ernst Lossa

Domes hat diese Geschichte weiter recherchiert und faktennah fiktionalisiert. Leider liest man dem Roman an, dass er an die Zielgruppe „Jugendliche, die in der Schule gerade Anne Frank durchgenommen haben“ gerichtet ist. Einerseits formal, einige Worte sind mit * versehen und werden im Glossar erklärt. Nur sind da Worte bei wie KZ, Rommel und die Braunen. Worte, bei denen ich mir vorkomme, wie ein dummer Junge, weil Domes denkt, er müsse sie mir erklären. Aber auch vom Sprachstil wird nicht nur über einen Jungen geredet sondern auch so, als würden junge Menschen angesprochen. Domas hat streckenweise einen Erzählton drauf, der an Großväter erinnert, die ihren Enkeln in einfachen Worten eine Geschichte erzählen. Ich hatte durch diese Kniffe oft das Gefühl, als Leser nicht ernst genommen zu werden, was ich sehr schade fand.

Inhaltlich ist es dennoch ein sehr spannendes Buch, in dem nicht nur über die Euthanasie der NS-Zeit berichtet wird, sondern auch über die Willkür, mit der Menschen in eine Irrenanstalt gesteckt werden, die dort überhaupt nichts zu suchen hatten.

Kurze Nebenempfehlung und Erklärung, warum mich besonders dieser Aspekt so angetriggert hat: Die Audiodokumentation „Der Anhalter“, die von Hörweiten für den WDR produziert wurde. Es geht um Heinrich, einen Anhalter auf dem letzten Weg zu Dignitas in der Schweiz, der eine grausame und erschütternde Lebensgeschichte hat, der auf den Grund gegangen wird. Zweieinhalb spannende und extrem gut gemachte Stunden Audiodokumentation, extrem hörenswert. Dort geht es unter anderem auch um eben jene Willkür, mit der Menschen auch nach 1945 in Irrenanstalten und Psychiatrien gesteckt worden sind, Heinrich ist dies nämlich passiert.

Ich hatte „Der Anhalter“ kurz vor lesen dieses Romanes gehört und dieser Aspekt des Romanes war für mich der große neue, der Teil, der bis heute aktuell ist: Dass jemand ganz Normales unter dem Deckmantel der Verrücktheit der Euthanasie zum Opfer fällt.

Insofern hat mich der Roman, obwohl ich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, berührt und zum Nachdenken gebracht. Dafür ein großes Lob.

Der Film:

An heute läuft die Verfilmung des Romanes im Kino. Gut produziert, mit großen Schauspielern wie Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt und Henriette Confurius, mit sehr gut ausgesuchten Jungschauspielern für Ernst (Ivo Pietzcker) und seiner ersten Liebe Nandl (Jule Hermann) und einer unglaublich berührenden Szene mit Karl Markovics als Ernsts Vater. Für mich die beste Szene im ganzen Film. Trotzdem hatte ich meine großen Probleme mit dem Film.

Damit der Film nach 1943 aussieht, ist er mit einem Sepiafilter überzogen, im Trailer sieht man das ganz gut bei den Ernteszenen. Das Problem mit Sepia in deutschem Film: Es sieht alles aus wie ein Film von Til Schweiger. Seit Barfuss hat jeder seiner tragikkomischen Filme diese Sepia-Ästhetik. Was dazu führt, dass ich die erste halbe Stunde bei Nebel im August darauf warte, dass es gleich witzig wird, dass gleich Til Schweiger oder seine Tochter zu sehen sind. Passiert natürlich nicht, aber dieses Gefühl ist da. Und das ist schade, denn das Thema hat mehr Ernsthaftigkeit verdient.

Ungleich schlimmer ist aber die Verlagerung der Prioritäten. Denn während das Buch für seinen Reiz darin hatte, zu zeigen, wie brutal und willkürlich das System auch normalen Menschen gegenüber war (und das auch noch lange nach der NS-Zeit), legt der Film seinen Fokus wieder auf die Euthanasie und macht gleichzeitig aus Ernst ein Märtyrer, der sterben musste, weil er sich auflehnte.

Keine Frage, es ist gut, weiterhin über Euthanasie zu reden. Aber das spannende, erschütternde Neue war für mich etwas, was im Film komplett weggefallen, sogar ins Gegenteil verfälscht ist.

Damit wird aus dem Film zwar ein guter Film über die Euthanasie, schafft es aber nicht, die bis heute aktuellen Themen so aufzugreifen, wie sie im Buch noch angelegt sind.

Über dieses und noch ein paar andere Bücher habe ich auch mit Wolgang Tischer von literaturcafe.de seinem Podcast geredet.

Nebel im August von Robert Domes erschien bei cbt. Der Film ist seit. 29. November im Kino zu sehen. Ich habe ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt bekommen.

Roman: Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati

Lesestoff: Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati #amreading #nautilus

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Der erste Satz aus Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte:

Die Kantonspolizei Basel-Stadt hatte Beat Marotti für die Überwachung der Schalterhalle eingeteilt.

Marie Malcovati erzählt einen Episodenroman mit drei Hauptpersonen. Da ist Marotti, der Polizist, der sich den Fuß verletzt hat und der deshalb vor den schwarzweißen Monitoren sitzt und Menschen beobachtet. Da ist Lucy, die Synchronübersetzerin, die gerade ihre Großmutter verloren hat und auf einer Bank in der Schalterhalle gestrandet ist. Und da ist Simon, der Milliardärssohn, der nichts mit seinem Leben anfangen kann und neben Lucy auf der Bank landet, wo Moretti sie beobachtet.

Es ist schwer, die Geschichte knapp zusammenzufassen, denn in der erzählten Zeit passiert gar nicht so viel. Zwei Personen sitzen auf einer Bank und werden von einer weiteren Person beobachtet. Und wir können die Gedanken und Erinnerungen der drei Personen lesen. Im Wortsinn. Und das macht Spaß.

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Jeder der Figuren hat seinen Charakter. Manche mag ich, andere kann ich verstehen. Es ist schön, Gedanken zu lesen, dich ich selbst auch mal hatte. Schön, zu sehen, welche Kapriolen das Leben schlägt.

Marie Malcovati hat Drehbuch studiert und das liest man dem Buch an. Nicht nur sieht einer der drei Charaktere alles nur über Bildschirme, sondern auch wie die Szenen geschrieben sind und wie das Licht und das Setting beschrieben werden, alles ist sehr visuell.

Andererseits setzt sie auch Techniken aus dem Film- und Serienbereich ein, die mich eher abschrecken, Cliffhanger der ganz plumpen Art. So enden manche Szenen mit Sätzen wie „Und was er sah, änderte sein Leben.“ Marie Malcovati schreibt gut genug, sie hat solche Clickbaitsätze nicht nötig. Ich hätte auch so weitergelesen. Weil er aber da steht, hinterlässt er einen schalen Beigeschmack.

Eine andere Sache, dich ich schade fand, irgendwann ist sie nicht mehr ganz konsequent mit den Erzählperspektiven und führt neue Figuren ein. Natürlich, das gibt neue Einblicke, aber die konsequentere Variante hätte mir besser gefallen.

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte ist ein sehr kurzer, guter Episodenroman, der meistens Spaß macht. Ich bin gespannt, was noch von Marie Malcovati kommt.

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati erschien beim Nautilus Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.