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Schlagwort: Kritik (Seite 2 von 20)

Hörbuch: Mortal Engines – Krieg der Städte von Philip Reeve, gesprochen von Robert Frank

Es war ein dunkler, böiger Nachmittag im Frühling, und im ausgetrockneten Bett der Nordsee eröffnete London die Jagd auf eine kleine Schürferstadt.

Der erste Satz aus Mortal Engines – Krieg der Städte

In einer dystopischen Zukunft bewegen sich die Städte und Ortschaften auf riesigen Ketten und Rädern durch die zerstörte Natur, auf der Suche nach kleineren Städten, die sie sich einverleiben können.

In dieser Welt kommt Tom einer Verschwörung auf die Spur, die seine Heimatstadt London samt seiner Helden in einem ganz anderem Licht zeigt.

Ich sah den Trailer zum dazugehörigen Film, mochte das Setting und diese gezeigte Welt sehr und erfuhr, dass es eine ganze Buchreihe gibt, samt Hörbüchern.

Mortal Engines ist einfach, manchmal sogar plump geschrieben. Besonders der Anfang hat es mir schwer getan. Auch, weil ich mich erst an die Spreche von Robert Frank gewöhnen musste. Frank hat anfangs einen stakkatoartigen, distanzierten Duktus drauf. Vielleicht hatte auch er es noch mit dem Text schwer. Im Laufe des Buches wird er immer flüssiger und zeigt auch sein Talent, Figuren eine eigene Stimme und eigenen Charakter zu geben.

Nachdem ich mich an die Sprache von Reeve gewöhnt hatte, nachdem die Welt und das Setting eingeführt waren und die Geschichte an Fahrt aufnahm, war ich drin. Über neun Stunden folge ich Tom und seiner Gefährtin Esther durch diese steampunkige Welt, treffe Heldinnen und skurrile Gestalten, täusche mich in Menschen und sehe ihnen zu, wie sie über sich hinauswachsen. Und als es vorbei ist, weiß ich, dass es im nächsten Band weitergeht.

Die Sprache ist einfach und manche Momente sind ein wenig plump, aber Reeve hat eine phantastische Welt geschaffen und ich reise gern mit seinen Bewohnern.

Mortal Engines – Krieg der Städte von Philip Reeve, übersetzt von Gesine Schröder und Nadine Püschel, wurde gesprochen von Robert Frank und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Dodgers von Bill Beverly

Die Jungs kannten nur The Boxes, für sie gab es nichts anderes.

Der erste Satz aus Dodgers

Vor einem Jahr las ich zum ersten Mal über dieses Buch, über die vier Jungs, die ihr Viertel in Los Angeles noch nie verlassen hatten und nun auf einen Road Trip durch die USA aufbrachen, um einen Auftrag zu erledigen. Der Plot explodierte in meinem Kopf. Geile Idee und so viele Möglichkeiten, an die allein ich dachte. Ich war ziemlich gespannt und freute mich darauf, das Buch endlich in die Hände zu bekommen.

Jetzt ist es da, das Cover ganz anders als sonst auf der Welt, und ich bin nach dem Lesen enttäuscht. Weil, ja, es geht um diese vier Jungs und ihren Trip. Und es ist auch leicht zu lesen. Aber Bill Beverly kommt vollkommen ohne Emotionalität aus, was dem ganzen Roman eine kühle Distanz verleiht, die mich auch immer wieder fragen lässt, wie es den Protagonisten eigentlich geht.

Zusätzlich habe ich das Gefühl, dass Beverly mit seiner Idee unglaublich viele Dinge hätte machen können. Er aber kaum was damit macht. Dafür, dass die Jungs noch nie aus L.A. draußen waren, interessiert oder verwundert sie kaum etwas, als sie unterwegs sind. Sie reagieren kaum auf die Welt, was die ganze Reise irgendwie unnötig macht. Und dann baut der deutsche Klappentext auch noch Erwartungen auf, die eigentlich als Twist im letzten Drittel gedacht waren.

Dodgers ist kein schlechtes Buch. Ganz viele andere finden es sogar großartig. Ich habe es schnell lesen können und ich war auch in einer Realität, die karg und düster und ganz weit weg von meiner ist, glücklicherweise. Aber es ist nicht das Buch, die Road Novel, die Coming Of Age Geschichte, auf die ich mich gefreut habe. Schade.

Dodgers von Bill Beverly wurde übersetzt von Hans M. Herzog und erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Der Fall von Gondolin von J.R.R. Tolkien, herausgegeben von Christopher Tolkien

Endlich wieder Mittelerde! Und dann auch noch Illustriert von Alan Lee. „Der Fall von Gondolin“ ist das wahrscheinlich letzte von Christopher Tolkien herausgebrachte Werk seines Vaters, der Mann ist mittlerweile 94 Jahre alt, und erzählt die Geschichte des Menschen Tuor auf seiner Suche nach der geheimen Elbenstadt Gondolin.

Bekannt ist dieses Epos schon aus dem „Silmarillion“ und den „Nachrichten aus Mittelerde“, jedoch werden uns im vorliegenden Band alle Fassungen der Geschichte präsentiert, kommentiert und in Tolkiens Lebensgeschichte eingeordnet.

Die Idee ist nicht neu, Christopher Tolkien hat schon bei „Die Kinder Húrins“ und „Beren und Lúthien“ diese Art der Veröffentlichung angewandt. Sie funktioniert. Wissenschaftlich fundiert und liebevoll werden die unterschiedlichen Texte in ihren  Mittelerdekontext eingeordnet und ergeben in ganz unterschiedlicher Sprachqualität ein detailliertes Bild von Tolkiens Arbeit und dessen schriftstellerischer Entwicklung.

Kann man dieses Buch als Mittelerdeneuling genießen? Nein! 

Durchgängige Querverweise auf weitere Werke des Autors, selbstverständliches Erwähnen von etablierten Charakteren und die selbe Geschichte in acht Fassungen und ihren unterschiedlichen Enden sind nur für Tolkienfans ein Genuss.

Für alle, die Spaß am „Silmarillion“ hatten und die sich gern mit Literaturanalyse beschäftigen, ist „Der Fall von Gondolin“ aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Gerade durch die unterschiedlichen Fassungen taucht man in Tolkiens Phantasie ein und fühlt, wie sehr ihm die Figuren mit jeder Version mehr ans Herz wachsen.

Solltet ihr nur durch das Schauen der Herr der Ringe Filme bewogen worden sein, das Buch zu kaufen, dann probiert euch aus, lasst euch anlocken von Tolkiens Welt und freut euch, dass Legolas einen kurzen, aber typischen Auftritt hinlegen wird.

Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien, herausgebracht von Christopher Tolkien, illustriert von Alan Lee und übersetzt von Helmut W. Pesch, erschien bei der Hobbit Presse von Klett-Cotta. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Gastrezension von Felix Heller, Dauerbahnfahrer und dadurch Vielleser. In völligem Größenwahn gründete ein Orchester und singt nun Pop und Schlager auf japanisch oder türkisch. Hauptberuflich bringt er Opernsängerinnen und -sängern Bühnendeutsch bei, spielt Musicals und moderiert sich durch die Republik. 

Hörbuch: Lovecraft Country von Matt Ruff, gelesen von Simon Jäger

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#booklove #mattruff #lovecraftcountry #ichbinrausfürheute

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Atticus war schon beinahe zu Hause, als der State Trooper ihn rechts heranfahren ließ.

Der erste Satz aus Lovecraft Country

Diese Geschichte spielt in den 1950ern in Amerika, einer Zeit voller Rassismus und vorgeheuchelter Moral, sie erzählt von Atticus und seiner Familie, von ihrem für mich unvorstellbarem Alltag. Und der Magie, die plötzlich in ihr Leben tritt. Denn in dieser Realität existieren die Paralleldimensionen, die Monster und die magischen Kräfte aus H.P. Lovecrafts Geschichten tatsächlich. 

Urban Fantasy in den 1950ern, voller schwarzem Humor, der mir ein paar Mal Gänsehaut macht. Es ist eine ganz komische Mischung, die den Umgang mit Schwarzen damals viel krasser darstellt, als ich gedacht habe.

Neben einer grandiosen und schön erzählten Geschichte (die Serie dazu soll 2019 anlaufen) und Simon Jäger fasziniert mich die Art, wie die Protagonisten mit Unglaublichem umgehen.

Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass es mir in Büchern, Serien und Filmen mittlerweile zu lange dauert, bis die Charaktere in den Geschichten akzeptieren, dass es Vampire/Zeitreisen/den Teufel/Zombies/was auch immer gibt. Oft gehe ich ja mit der Prämisse in die Geschichte und meine Fähigkeit, meinen Unglauben willentlich auszusetzen, ermöglicht mir, den Fakt „Vampire/Zeitreisen/Teufel/Zombies/was auch immer“ als gegeben anzusehen. Und da es in der Geschichte darum geht, werden auch die Protagonisten irgendwann daran glauben. Warum muss ich mir dann mehrere Seiten/Minuten durchlesen/anhören/ansehen, bis sie auch irgendwann dran glauben.

In diesem Fall ist diese Zeit der Akzeptanz sehr sehr kurz. Die Personen in der Geschichte brauchen zwar auch einen Moment, dieser ist aber erfrischend kurz gehalten, was die Erzählweise beschleunigt und mehr Zeit für interessantere Sachen gibt, als da langsame Anerkennen der Magie.

Lovecraft Country ist einerseits ein schmerzhaftes Abbild des Rassismus in Amerika, der bis heute auch bei uns zu spüren ist, andererseits eine Geschichte voller Magie und schwarzem Humor. Simon Jäger synchronisiert Matt Damon und vertont vornehmlich Thriller, seine Stärke sind aber Komödien wie diese. Großer Spaß und Gänsehautfaktor in einem. Das war mein erstes Buch von Matt Ruff, es kommen weitere.

„Lovecraft Country“ von Matt Ruff, gelesen von Simon Jäger, übersetzt von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube, erschien bei Argon. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Mein Herz zwischen zwei Welten von Jojo Moyes, gelesen von Luise Helm

Jojo Moyes hatte mit Ein ganzes halbes Jahr ihren internationalen, aber auch ihren deutschen Durchbruch, seitdem werden nicht nur all ihre anderen Romane mit ähnlichem Cover neu aufgelegt, sondern das Buch wurde verfilmt und Moyes schrieb Teil 2, Ein ganz neues Leben, und dieses Jahr erschien Mein Herz in zwei Welten.

Band 1 war ‚Ziemlich beste Freunde‘ plus Liebe und sauber konsequentem Ende und ist eine gute Geschichte, emotional erzählt und von Luise Helm wunderbar gelesen. Band 2 hinterließ einen ziemlich bitteren Geschmack, weil Moyes, damit Band 2 funktionieren konnte, das bittersüße Ende des ersten Buches im Auftakt des zweiten quasi aufheben musste.

Ich habe noch nie ein offensichtlicheres Beispiel erlebt, in dem ein zweiter Teil den ersten im Nachhinein schlechter macht. Dementsprechend war ich ziemlich skeptisch über den dritten. Aber konsequenterweise wollte ich ihn hören. Ein Glück.

Mein Herz in zwei Welten lässt Louisa einen Neuanfang in Amerika machen, mit allem Stolpern und aller Faszination, aber auch mit den Fäden in die Vergangenheit, die sich nicht so leicht kappen lassen. Und natürlich ist da die Liebe. 

Es funktioniert. Als Geschichte, als nächster Teil in Louisas Leben. Aber auch als eigenständige Story. Sehr visuell erzählt, gibt es einige Szenen, die schon jetzt nach Film schreien. Der Soundtrack schwang die ganze Zeit in meinem Kopf mit.

Luise Helm tut den Rest. Ich mag die Stimme, die Art, wie sie eine Geschichte erzählt und sie mir als Zuhörer näher bringt, ohne es zu übertreiben.

Wem ‚Ein ganzes halbes Jahr‘, kommt auch hier auf seine Kosten. Den zweiten Teil könnt ihr überspringen. Dieser hier lohnt dafür wieder.

Mein Herz in zwei Welten von Jojo Moyes wurde übersetzt von Karolina Fell und erschien bei Wunderlich, das Hörbuch wurde gelesen von Luise Helm und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.