Roman: Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer

Lesestoff: Ymir von Philipp Krömer. #dasdebut #homunculus #bookstagram #amreading

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Der erste Absatz aus Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel:

Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.

Klopfen Sie!

Eine Expedition dreier Gesandter aus Deutschland in ein scheinbar bodenloses Loch in Island knapp vor dem 2. Weltkrieg. Der Lyriker unter diesen dreien erzählt diese Geschichte, die schon in der Rahmenhandlung etwas ausschweifendes, phantasierendes hat.

Anfangs war ich gespannt und habe mich gerne in diese Geschichte fallen lassen, die hier und da an Jules Verne erinnerte, er wird auch erwähnt, wie kann es auch anders sein bei einer Geschichte, die eine Expedition in das Innere der Erde beschriebt.

Die Sprache hat etwas zwischen Tristram Shandy und den Zamonien Romanen von Walter Moers. Unterhaltsam, definitiv. Und natürlich will ich wissen, wie es weitergeht, obwohl ich mit der nordischen Mythologie und der Geschichte von Ymir überhaupt nichts anfangen kann. Aber gerade in der Sprache will Philip mir einfach zu viel. Ich will selbst denken können, mitraten und meine Assoziationen haben können. Das wird mir hier nicht erlaubt, weil Krömer auf so vielen Ebenen Wortspiele, Referenzen und Auflösungen hintereinanderpackt, dass ich gar nicht die Chance habe, meinen eigenen Kopf anzustrengen.

Deshalb blieb Ymir für mich eine nette Geschichte, die bei einem minimalerem Erzählstil sich hätte mehr entfalten können.

Ich habe über das Buch auch im Podcast des Literaturcafé geredet.

Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philipp Krömer erschien beim homunculus verlag und steht auf der Shortlist des „Das Debüt 2016“ Bloggerpreises. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar

Neuer Lesestoff: Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar. #amreading #nofilter #kiwi #dasdebut #debut #lis

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Der erste Satz aus Nachts ist es leise in Teheran:

König der Könige haben sie ihn genannt und gesagt, Wir feiern ihnm wir feiern seine Frau, die Schönheit, sie haben gesagt, Wir lieben dieses Land und dann haben wir gesagt, Wir lieben dieses Land.

Die Geschichte einer Familie, die aus dem Iran nach Deutschland fliehen muss, in vier Akten, die 40 Jahre überbrücken und aus der Sicht vier verschiedener Familienmitglieder. Das ist der Roman in einem Satz.

Dahinter stecken aber rund 280 Seiten, die mir ein Land und eine Kultur gezeigt haben, die ich kaum kenne. Dabei setzt Bazyar die Möglichkeiten, die sie durch ihre Erzählstruktur hat, extrem gut ein. So ist jeder Akt nicht nur in seiner eigenen überzeugenden Sprache geschrieben, sondern auch aus einer anderen Lebenseinstellung. Das heißt, ich kriege nicht nur eine Version des Irans, ich bekomme vier. Und damit ein Spektrum an Wahrnehmung und Einschätzung die mir sagt, dass es nicht den Iran, die Kultur oder gar den Islam gibt, sondern eben so viele, wie es Menschen gibt. Natürlich, das ist nichts Neues und war mir eigentlich schon vorher klar, aber es ist gut. Immer mal wieder daran erinnert zu werden.

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Ich musste beim Lesen an Am Ende bleiben die Zedern denken und an Taqwacore, an Blauschmuck und an türkische Freunde, die mir damals schon nahe gebracht haben, wie es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben. Ich habe viel über Teheran und den Iran gelernt, aber auch viel gelesen, was mir nicht neu war. Es trotzdem immer wieder auf verschiedene Arten vermittelt zu bekommen, ist gut. Hier liegt auch die Stärke von Shida Bazyar, die übrigens auch in Hildesheim studiert hat, in jedem Abschnitt vermittelt sie auf andere Arten. Manchmal brauche ich, um von der Atmosphäre eingefangen zu werden, manchmal bin ich direkt drin. Als Geschichte im gesamten habe ich Nachts ist es leise in Teheran gern gelesen und freue mich auf Bazyars nächsten Roman. Achja, und: Extrem schönes und durchdachtes Cover. Nach der Lektüre des Romanes umso mehr.

Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar erschien bei Kiepenheuer & Witsch. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

 

Gedichte: Hold Your Own von Kate Tempest

Lesestoff: Hold Your Own von Kate Tempest. #amreading #katetempest #suhrkamp #nofilter #lyrik #bookstagram #books

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Die erste Strophe aus Hold Your Own:

Picture the scene:
A boy fifteen.
With the usual dreams
And the usual routine.

Lyrik und ich, wir werden echt selten warm. In meinem Sprechkunststudium bin ich immer wieder mit ihnen in Kontakt gekommen. Wenn es gefunkt hat, dann richtig. Aber das passiert eben nicht oft. Ich möchte Geschichten lesen und diese fehlen mir bei Lyrik oft. Ich habe Hold Your Own gelesen, weil ich von dem Roman von Kate Tempest sehr mochte. Ich weiß von ihren Songs, dass dort die Protagonisten des Romans wieder auftauchen. Ich hoffte, das sei auch hier der Fall. Ist es nicht, zumindest nicht direkt. Aber man liest aus ihren Gedichten das selbe Milieu heraus, die gleichen Probleme, die gleichen Themen.

Aber eben in Gedichten. Wenn ich die Geschichte in ihnen finde, funktioniert das für mich. In seltenen Fällen, wenn ich nur die Atmosphäre spüre. Es gibt Sätze, Passagen oder ganze Gedichte, die ich mag.

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Aber größtenteils bin ich darauf zurückgeworfen, wenigstens den Flow zu spüren, den Rhythmus, der den Originalfassungen so stark inne wohnt, dass man nicht drumherum kommt, ihn zu spüren. Dies ist das Tolle an dieser Version: Man bekommt die Originalfassung neben der deutschen Übersetzung. Leider kommt diese überhaupt nicht an das Original ran. Ich ahne, wie schwer Lyrikübersetzungen sind. Diese reicht, um mal etwas nachzusehen, was man im englischen nicht versteht, aber sie ist in keiner Hinsicht ein Ersatz.

Ich werde mir wohl keine Gedichte mehr von Kate Tempest durchlesen, da warte ich lieber auf ihren nächsten Roman.

Hold Your Own von Kate Tempest wurde übersetzt von Johanna Wange und erschien bei suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker, gelesen von Uve Teschner

Der erste Absatz aus Am Ende aller Zeiten:

Glaube ist etwas Seltsames. Eine Gewissheit, wo es nichts als Ungewissheit gibt. Ich zum Beispiel, ich glaube, dass unter dem Feld neben dem Haus, in dem ich lebe, Gräber liegen.

Los geht es mit dem Einschlag unzähliger Meteroiten. Und dann ist alles anders. Dann geht es um das Überleben von Ed, seiner Frau und ihren beiden Kindern. Geht los wie ein Post-Apokalypseroman und behält dieses Thema natürlich auch bei. Walker beschreibt erfüllt natürlich auch einige Klischees des Genres: Nahtoderfahrungen, zerstörte Infrastrukturen, die zerbröckelnde Moral nach dem Zusammenbruch der Zivilisation und natürlich die großen Frage, ob die Familie überlebt.

Dann aber wird Ed von seiner Familie getrennt und wenn er sie wiedersehen will, muss er in kurzer Zeit 500 Meilen durch Großbritannien zurücklegen, damit seine Familie nicht ohne ihn nach Neuseeland evakuiert wird. Und weil das Land zerstört ist, muss das zu Fuß passieren.

Klar, der große Antrieb ist, ob Ed es schafft. Aber Walker nutzt die hunderten Meilen, um sehr eindrücklich den Zerfall der Familie zu beschreiben, der schon viel früher eingesetzt hat und schafft damit die Identifikationsfläche, den Teil, den wir von uns kennen. Die Probleme, die Ed hat, die kennen wir alle. Damit aber nicht wir erst erkennen, was wir ändern sollten, macht das Ed für uns. Quält sich mit vier weiteren Menschen durch ein zerstörtes Land voller Gefahren und viel Zeit, sich über das Leben klar zu werden. Der sprichwörtliche Lauf um das Leben.

Das macht aus Am Ende aller Zeiten eben mehr als den spannenden Standardroman über die Frage, ob die Hauptpersonen am Ende noch leben. Es macht ihn zu einem Roman über die Liebe, das Leben und eben auch einen Roman über das Laufen. Ich war nicht nur gespannt, ich war berührt und ich habe nachgedacht.

Verstärkt wurde all das noch durch die grandiose Leistung von Uve Teschner. Dies ist mein erstes Hörbuch von ihm, ich bin grandios begeistert. Teschner schafft es, mich über 12 Stunden zu fesseln, mich nicht vom Inhalt abzulenken, sondern ihn passend zu verstärken. Wirklich groß.

Der Originaltitel legt den Fokus noch mehr auf das Laufen, dort heißt das Buch „The End of the World Running Club“ und wurde von Walker erstmal als Selbstverlag herausgebracht, wie damals auch Der Marsianer. Dann wurde Penguin darauf aufmerksam, in Deutschland wurde der Roman von Fischer Tor herausgebracht, als erstes Buch dieses neuen Verlags für Fantasy und Science Fiction. In Amerika ist TOR der Verlag für diese Genres, mit einer großen Fanbase und einer sehr aktiven Community. Ich finde dies einen gelungenen Auftakt für eine deutsche Version und hoffe, noch bei bei Fischer Tor, mehr von Adrian j. Walker lesen und mehr von Uve Teschner hören zu dürfen.

Am Ende aller Zeiten von Adrian J. Walker wurde übersetzt von Gesine Schröder und Nadine Püschel und erschien bei Fischer Tor. Das Hörbuch wurde gesprochen von Uve Teschner und erschien beim Argon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Film: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, ab heute im Kino

Die letzten Buchverfilmungen, die ich gesehen habe, waren eher enttäuschend, zum Teil auch deshalb, weil sie im Vergleich zur Vorlage abgefallen sind. Als ich die Einladung zu Eine Geschichte von Liebe und Finsternis bekam, dachte ich, diesmal liest du das Buch nicht vorher.

Ich muss leider gestehen, dass mir Amos Oz zwar etwas sagt, ich aber bisher nichts von ihm gelesen habe. Dann saß ich in der Vorführung und lese im Presseheft das Interview mit Natalie Portman, sie spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern schrieb auch das Drehbuch und führte Regie. Die letzten beiden Dinge zum ersten Mal. Ich hatte die Befürchtung, dass sowas auch in die Hose gehen könnte. Aber dann wird es dunkel im Saal und der Film geht los.

Als es wieder hell wird, bin ich berührt und überrascht und interessiert. Im Gegensatz zu Nebel im August schafft der Film durch seine grobkörnige, kontrastreiche Ästhetik tatsächlich ein Gefühl von Vergangenheit. Im Gegensatz zu Tschick und Mängelexemplar kann ich hier mit dem Erzähler sehr gut umgehen, hier erinnert sich ein alter Mann an seine Kindheit. Die Übergänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit sind extrem gut umgesetzt, ebenso die Ahnung des jungen Amos. Er kann nicht ganz greifen, was mit seiner Mutter, was mit seinen Eltern und was mit der Welt gerade passiert, aber er versteht, dass etwas großes im Gange ist.

Ich mochte den Film in seiner Ästhetik, in seiner Erzählart. Ich bin mir sicher, dass der Roman noch viel mehr kann. Aber der Film hat einen sehr positiven Grundstein gelegt, sodass ich irgendwann den Roman sehr gerne lesen werde.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz wurde verfilmt von Natalie Portman und läuft seit 3. November im Kino.

Buch und Film: Nebel im August (und nebenbei: Der Anhalter)

Lesestoff: Nebel im August von Robert Domes. #cbt

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Das Buch:

Der erste Satz aus Nebel im August:

Die Tür zum Vorraum steht einen Spalt offen, dort brennt eine Glühbirne, doch ihr funzeliges Licht schafft es kaum bis ins Krankenzimmer.

Robert Domes hat so etwas wie einen Tatsachenroman geschrieben, über Ernst Lossa:

Ernst Lossa (* 1. November 1929 in Augsburg; † 9. August 1944 in Irsee) war eine Halbwaise aus der Minderheit der Jenischen, die in der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie, der Aktion Brandt, ermordet wurde und durch die Aufarbeitung dieses Mordes nach 1945 exemplarische Bekanntheit erlangte. Ernst wuchs in Kinderheimen auf und wurde in der Zweiganstalt Irsee der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee im Alter von 14 Jahren durch Injektion eines tödlichen Mittels ermordet.

Wikipedia-Artikel Über Ernst Lossa

Domes hat diese Geschichte weiter recherchiert und faktennah fiktionalisiert. Leider liest man dem Roman an, dass er an die Zielgruppe „Jugendliche, die in der Schule gerade Anne Frank durchgenommen haben“ gerichtet ist. Einerseits formal, einige Worte sind mit * versehen und werden im Glossar erklärt. Nur sind da Worte bei wie KZ, Rommel und die Braunen. Worte, bei denen ich mir vorkomme, wie ein dummer Junge, weil Domes denkt, er müsse sie mir erklären. Aber auch vom Sprachstil wird nicht nur über einen Jungen geredet sondern auch so, als würden junge Menschen angesprochen. Domas hat streckenweise einen Erzählton drauf, der an Großväter erinnert, die ihren Enkeln in einfachen Worten eine Geschichte erzählen. Ich hatte durch diese Kniffe oft das Gefühl, als Leser nicht ernst genommen zu werden, was ich sehr schade fand.

Inhaltlich ist es dennoch ein sehr spannendes Buch, in dem nicht nur über die Euthanasie der NS-Zeit berichtet wird, sondern auch über die Willkür, mit der Menschen in eine Irrenanstalt gesteckt werden, die dort überhaupt nichts zu suchen hatten.

Kurze Nebenempfehlung und Erklärung, warum mich besonders dieser Aspekt so angetriggert hat: Die Audiodokumentation „Der Anhalter“, die von Hörweiten für den WDR produziert wurde. Es geht um Heinrich, einen Anhalter auf dem letzten Weg zu Dignitas in der Schweiz, der eine grausame und erschütternde Lebensgeschichte hat, der auf den Grund gegangen wird. Zweieinhalb spannende und extrem gut gemachte Stunden Audiodokumentation, extrem hörenswert. Dort geht es unter anderem auch um eben jene Willkür, mit der Menschen auch nach 1945 in Irrenanstalten und Psychiatrien gesteckt worden sind, Heinrich ist dies nämlich passiert.

Ich hatte „Der Anhalter“ kurz vor lesen dieses Romanes gehört und dieser Aspekt des Romanes war für mich der große neue, der Teil, der bis heute aktuell ist: Dass jemand ganz Normales unter dem Deckmantel der Verrücktheit der Euthanasie zum Opfer fällt.

Insofern hat mich der Roman, obwohl ich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, berührt und zum Nachdenken gebracht. Dafür ein großes Lob.

Der Film:

An heute läuft die Verfilmung des Romanes im Kino. Gut produziert, mit großen Schauspielern wie Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt und Henriette Confurius, mit sehr gut ausgesuchten Jungschauspielern für Ernst (Ivo Pietzcker) und seiner ersten Liebe Nandl (Jule Hermann) und einer unglaublich berührenden Szene mit Karl Markovics als Ernsts Vater. Für mich die beste Szene im ganzen Film. Trotzdem hatte ich meine großen Probleme mit dem Film.

Damit der Film nach 1943 aussieht, ist er mit einem Sepiafilter überzogen, im Trailer sieht man das ganz gut bei den Ernteszenen. Das Problem mit Sepia in deutschem Film: Es sieht alles aus wie ein Film von Til Schweiger. Seit Barfuss hat jeder seiner tragikkomischen Filme diese Sepia-Ästhetik. Was dazu führt, dass ich die erste halbe Stunde bei Nebel im August darauf warte, dass es gleich witzig wird, dass gleich Til Schweiger oder seine Tochter zu sehen sind. Passiert natürlich nicht, aber dieses Gefühl ist da. Und das ist schade, denn das Thema hat mehr Ernsthaftigkeit verdient.

Ungleich schlimmer ist aber die Verlagerung der Prioritäten. Denn während das Buch für seinen Reiz darin hatte, zu zeigen, wie brutal und willkürlich das System auch normalen Menschen gegenüber war (und das auch noch lange nach der NS-Zeit), legt der Film seinen Fokus wieder auf die Euthanasie und macht gleichzeitig aus Ernst ein Märtyrer, der sterben musste, weil er sich auflehnte.

Keine Frage, es ist gut, weiterhin über Euthanasie zu reden. Aber das spannende, erschütternde Neue war für mich etwas, was im Film komplett weggefallen, sogar ins Gegenteil verfälscht ist.

Damit wird aus dem Film zwar ein guter Film über die Euthanasie, schafft es aber nicht, die bis heute aktuellen Themen so aufzugreifen, wie sie im Buch noch angelegt sind.

Über dieses und noch ein paar andere Bücher habe ich auch mit Wolgang Tischer von literaturcafe.de seinem Podcast geredet.

Nebel im August von Robert Domes erschien bei cbt. Der Film ist seit. 29. November im Kino zu sehen. Ich habe ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt bekommen.

Roman: Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati

Lesestoff: Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati #amreading #nautilus

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Der erste Satz aus Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte:

Die Kantonspolizei Basel-Stadt hatte Beat Marotti für die Überwachung der Schalterhalle eingeteilt.

Marie Malcovati erzählt einen Episodenroman mit drei Hauptpersonen. Da ist Marotti, der Polizist, der sich den Fuß verletzt hat und der deshalb vor den schwarzweißen Monitoren sitzt und Menschen beobachtet. Da ist Lucy, die Synchronübersetzerin, die gerade ihre Großmutter verloren hat und auf einer Bank in der Schalterhalle gestrandet ist. Und da ist Simon, der Milliardärssohn, der nichts mit seinem Leben anfangen kann und neben Lucy auf der Bank landet, wo Moretti sie beobachtet.

Es ist schwer, die Geschichte knapp zusammenzufassen, denn in der erzählten Zeit passiert gar nicht so viel. Zwei Personen sitzen auf einer Bank und werden von einer weiteren Person beobachtet. Und wir können die Gedanken und Erinnerungen der drei Personen lesen. Im Wortsinn. Und das macht Spaß.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/149749168452/es-gab-nichts-beruhigenderes-als-bewegung-als

Jeder der Figuren hat seinen Charakter. Manche mag ich, andere kann ich verstehen. Es ist schön, Gedanken zu lesen, dich ich selbst auch mal hatte. Schön, zu sehen, welche Kapriolen das Leben schlägt.

Marie Malcovati hat Drehbuch studiert und das liest man dem Buch an. Nicht nur sieht einer der drei Charaktere alles nur über Bildschirme, sondern auch wie die Szenen geschrieben sind und wie das Licht und das Setting beschrieben werden, alles ist sehr visuell.

Andererseits setzt sie auch Techniken aus dem Film- und Serienbereich ein, die mich eher abschrecken, Cliffhanger der ganz plumpen Art. So enden manche Szenen mit Sätzen wie „Und was er sah, änderte sein Leben.“ Marie Malcovati schreibt gut genug, sie hat solche Clickbaitsätze nicht nötig. Ich hätte auch so weitergelesen. Weil er aber da steht, hinterlässt er einen schalen Beigeschmack.

Eine andere Sache, dich ich schade fand, irgendwann ist sie nicht mehr ganz konsequent mit den Erzählperspektiven und führt neue Figuren ein. Natürlich, das gibt neue Einblicke, aber die konsequentere Variante hätte mir besser gefallen.

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte ist ein sehr kurzer, guter Episodenroman, der meistens Spaß macht. Ich bin gespannt, was noch von Marie Malcovati kommt.

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati erschien beim Nautilus Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Alter Lesestoff: Fahrenheit 451 von Ray Bradbury. Noch nie gelesen. Wird Zeit.

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Der erste Satz aus Fahrenheit 451:

Es war eine Lust, Feuer zu legen.

Eines der Bücher, die ich immer als „das sollte ich irgendwann noch lesen“ abgespeichert hatte, aber nie dazu gekommen bin. Dann auf einer der Fahrten, die länger dauern, als gedacht, war das Buch, das ich eigentlich dabei hatte, ausgelesen und in einem Bücherschrank fand ich dieses.

Also setzte ich mich in die Bahn und las es durch, in einem Zug. Haha.

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Mehr als 50 Jahre alt, aber der Sog beginnt auf der ersten Seite und hört nicht mehr auf. Bradbury konnte schreiben, konnte in Worten die Faszination, die Begierde, die Probleme seiner Charaktere einfangen.

Heute würden wir die Geschichte anders bauen, manche Ereignisse verändern, um die Geschichte noch spannender zu bauen, wahrscheinlich auch das Ende eindeutiger machen.

Aber das ist nicht wichtig, die Geschichte ist auch so gut genug und die Sprache bleibt es sowieso. Ich bin, froh, es endlich gelesen zu haben. Ich sollte noch mehr alten Lesestoff konsumieren.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, wurde übersetzt von Fritz Güttinger und erschien bei Heyne.

 

Film: BFG – Big Friendly Giant

Seit Donnerstag läuft Big Friendly Giant im Kino. Ich mochte das Buch und der Trailer sah gut aus, nach an den originalen Illustrationen von Quentin Blake. Also sind wir gestern ins Kino.

Es gibt tatsächlich viele schöne Sachen an und in diesem Film. Mark Rylance spielt einen großartigen Riesen und tatsächlich sieht ein Großteil des Films aus wie eine in Bewegtbild umgewandelte Version der Zeichnungen. Auch die Sprache ist wunderbar. Wunderbar nah an der grandiosen Übersetzung von Adam Quidam und wunderbar lustig in ihrem Gebrauch.

Trotzdem konnte mich der Film über weite Strecken hinweg nicht bannen. Ich war dabei, ja. Aber ich war nicht drin. Aus mehreren Gründen. Zuerst die Kamerafahrt, zu viele Szenen sehen so aus, als seien sie gedreht damit man zeigen kann, wie toll der 3D-Effekt ist. Solange die Filmemacher das 3D-Feature nicht als natürlichen Teil ihrer Werkzeugkiste sehen, sondern es noch immer als den neuen heißen Scheiß sehen, den sie ausstellen müssen, möchte ich solche Szenen nicht sehen.

Dann die Darstellerin der Sophie, Ruby Barnhill. Sie sieht aus, wie die Sophie im Buch. Und sie verhält sich auch so. Aber es tut mir leid, ich kaufe ihr ihr Spiel einfach nicht ab. In keinem Moment fühle ich mit ihr oder kann ihre Wandel mitempfinden. Das kann am schauspielerischen Talent liegen oder an der Synchronisation, das kann ich noch nicht einschätzen. Dafür müsste ich die originale Fassung nochmal sehen.

Zuletzt die Geschichte. Während Dahl im Roman eine eindeutige Linie fährt und Sophie(chen) und der Riese die Mission haben, die anderen bösen Riesen vom Menschen fressen abzuhalten, verstärkt Steven Spielberg das im Roman schwächer ausgesprägte Thema der Einsamkeit des Riesen und Sophie. Dadurch wird der Film emotionaler und ernster, aber er verliert auch an Stringenz, weil wir als Zuschauer schnell zwischen diesen Themen wechseln müssen und dadurch beide Themen ihre Kraft verlieren.

Ich wollte den Film mögen und habe mich auf ihn gefreut. Ich fand ihn auch nicht schlecht. Aber leider auch nicht gut.

Kinderbuch: Sophiechen und der Riese von Roald Dahl (mit Gewinnspiel!)

Der erste Satz aus Sophiechen und der Riese:

Sophiechen konnte nicht einschlafen.

Ich hatte den Namen Roald Dahl schon gehört, aber ich hatte noch nie etwas von ihm gelesen oder genau gewusst, wer er war. Autor nämlich, von verfilmten Werken wie Mathilda, der fantastische Mr. Fox und Charlie und die Schokoladenfabrik. Und eben auch Sophiechen und der Riese.

Kommenden Donnerstag (21. Juli) kommt der Film unter dem englischen Orginaltitel BFG – BIG FRIENDLY GIANT ins Kino, höchste Zeit, davor das Buch zu lesen.

Sophiechen ist Waisenkind und mir reichen die ersten beiden Seiten, um zu verstehen, dass das kein gutes Waisenhaus ist, in dem Sophiechen ist. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob es jemals ein gutes Waisenhaus gegeben hat. Aber schon einen kurzen Moment, nachdem wir Sophiechen und das Waisenhaus kennengelernt haben, kommt der Riese am Fenster vorbei und entführt sie. In die Welt der Riesen, die Menschen fressen und böse sind. Nur ihr Riese macht das nicht, denn er ist der Gute Riese, der GuRie. Er sammelt Träume und verteilt sie an Kinder und er muss sich gegen die bösen Riesen zur Wehr setzen. Eine Sache, bei der Sophiechen helfen wird.

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Ja, eine Kindergeschichte, ein Erzähler, der für Kinder erzählt. Aber Roald Dahl eben erzählt hat, immer mit einer guten Prise schwarzem Humor und Derbheit. Es ist kein „Es war einmal Märchen“. Es ist eine phantastische Geschichte, mit sterbenden Menschen und Flüchen und einer klaren Sicht auf die schlechten Seiten des Lebens. Trotzdem bleibt ein Happy End.

Sophiechen und der Riese kam in Deutschland erstmals 1984 auf den Markt und erhielt ein Jahr später den deutschen Jugendliteraturpeis.  Zu Recht. Die Geschichte und die Erzählart haben bis heute nichts von der Faszination eingebüßt. Im Gegenteil, selbst die damalige Übersetzung von Adam Quidam (ein Pseudonym des Lektors Hermann Gieselbusch) strahlt bis heute. Da der Riese nie wirklich in der Schule war, hat er ein einzigartiges Vokabular, das auch im Deutschen extrem viel Spaß macht. Die Zeit schrieb in ihrer Rezension damals:

Wer käme auf Besseres als „menschliche Leberwesen“ für „human beans“ (= human beings) oder als „Spanier schmecken nach Spanferkel“ für „Turks from Turkey ist tasting of turkey“? Da es nicht immer möglich ist, Entsprechungen zu finden, hat sich der Übersetzer vorgenommen, „daß auf jeder Seite ungefähr derselbe Humorpegel erreicht wird.

Dieser Humorpegel hat sich bis heute gehalten. Sophiechen und der Riese ist ein Buch, für das man kein Kind mehr sein muss, um es grandios finden zu können. Es ist witzig und derb und brutal und voller Herz.

Und die in diesem Jahr erschienene neue Auflage des Buches bei Rowohlt ist extrem schön gestaltet, inklusive der originalen Illustrationen von Quentin Blake, an denen sich wiederum der Film orientiert hat.

Gewinnspiel:

Ich verlose 2 mal 2 Freikarten für den zugehörigen Kinofilm. Schreibt mir eine Mail mit eurer Adresse und sagt mir, welches Kinderbuch ihr erst nach eurer Kindheit kennen und lieben gelernt habt. Der Zufall entscheidet dann. Einsendeschluss ist Mittwoch, der 20 Juli, 12 Uhr. Dann gehen die Karten direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

Sophiechen und der Riese von Roald Dahl wurde übersetzt von Adam Quidam und erschien bei Rowohlt. Das Rezensionsexemplar und die Freikarten wurden mir zur Verfügung gestellt.

Roman: Worauf du dich verlassen kannst von Kate Tempest

Der erste Absatz aus Worauf du dich verlassen kannst:

Es kriecht dir in die Knochen. Du merkst es nicht mal. Erst, wenn du daran entlangfährst, das immer schon Vertraute vorbeigleiten und zurückbleiben siehst.

Plötzlich war Kate Tempest auf meinem Radar. Der Name führte über einen Spoken Word Text zu diesem Roman. Bevor wir über den Inhalt reden, erstmal die Form. Die ist nämlich unglaublich geil. Okay, ich verstehe den Dinosaurier auch nach dem Lesen nicht, aber das minimale Cover ohne Schutzumschlag, das Gefühl, dieses Buch in der Hand zu halten und es aufzuschlagen, ich liebe es. Das Buch hat eine Fadenbindung und einen geraden Buchrücken und wenn ich es aufschlage, liegt es flach auf dem Tisch. Ich bin total begeistert.

Was in der Form beginnt, geht im Inhalt weiter. Das Intro liest sich wie ein Spoken Word Text, ein Rap in Prosaform und die Beats springen mir entgegen, was mir erstmal schwerfällt und mich verwirrt. Danach wird es besser, entweder sind die Beats schwächer oder ich habe mich an sie gewöhnt.

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Kate Tempest erzählt einen Ausschnitt aus dem Leben in London, mit vielen Geschichten und Ereignissen und Menschen, deren Wege irgendwann immer zusammenfinden. Sie erzählt mit einem detaillierten auktorialen Erzähler, der extrem nah an den Figuren ist. Ich lese nicht nur abwechselnd die Gedanken und Gefühle der vier Protagonisten, ich kenne ihre Familie bis zu den Großeltern, ich weiß, warum die Eltern sich wie verhalten haben und verstehe, warum sich die Protagonisten verhalten, wie sie es tun. Ich muss es nicht akzeptieren oder gar gut heißen, aber ich kann es nachvollziehen.

Mehr noch, ich will es verfolgen. Obwohl es verwirrend und anstrengend ist und Kate Tempest von Person zu Person, von Gefühl zu Gegengefühl springt, will ich dabei sein. Obwohl ich mein Problem mit Geschichten über Drogen habe und sie meist als Attitüde und Lebensstil lese, der nicht meiner ist, geht es mir hier anders.

Ich brauche eine ganze Weile, bis ich die Geschichten verstehe und wer wie zusammengehört. Aber dann folge ich ihnen und will mehr wissen, selbst, als das Buch zu Ende ist. Dann sitze ich enttäuscht da. Lese den Anfang nochmal. Schade, dass es nicht weitergeht. Aber hej, genau das ist es, ein Ausschnitt aus dem Leben. Es gäbe keinen guten Punkt, um auszusteigen.

Und wir steigen auch nicht wirklich aus, denn Kate Tempest verschränkt ihre Künste. Das heißt, die Geschichten ihrer Protagonisten gehen in ihren Liedern und Gedichten weiter. Und vielleicht, hoffentlich, irgendwann in einem neuen Roman.

Worauf du dich verlassen kannst ist ein dichter, intensiver Roman, in dem man sich erst zurechtfinden muss und dann nicht mehr raus will. Gerne mehr davon.

Worauf du dich verlassen kannst (Originaltitel: The Bricks that Built the Houses) von Kate Tempest wurde übersetzt von Karl und Stella Umlaut und erschien bei rowohlt. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman & Hörbuch: 180° Meer von Sarah Kuttner

Der erste Absatz aus 180° Meer:

Ich bin kein schöner Mensch.
Meine Aura ist irgendwie zahnfarben. Nicht offwhite, nicht creme. Nicht einmal neutral beige.

Ich denke: Cool, ein neuer Roman von Sarah Kuttner. Muss ich nicht wissen worum es geht, ich habe ihren ersten gelesen und die Verfilmung gesehen und den zweiten als Hörbuch gehört. Sie ist nicht die perfekte Vorleserin, aber ähnlich wie Thees Uhlmann kann sie ihre Protagonisten mit Leben füllen. Und sie schafft es, dass ich immer wieder denke, ja! Genauso ist es. Sie ist Meisterin der Identifikation, der Findung von passenden Worte für Situationen, die ich, die wir alle kennen. Zumindest war das so.

Noch keine fünf Minuten im Hörbuch und ich ahne, dass es diesmal anders ist. 6 Stunden später bin ich mir sicher. Ich mag Sarah Kuttner. Ich mag ihre Sendung Kuttner plus Zwei. Ich will dieses Buch mögen und gut finden. Kann ich aber nicht.

Klar, da sind immer noch viele kleine Identifikationsmöglichkeiten, viele schöne Metaphern, viele schöne Worte. Aber die große Story einer mittelmäßigen Sängerin, deren Leben zusammenbricht und sie einfach so für Monate nach London zu ihrem Bruder zieht und ihren todkranken Vater nicht besuchen und auch sein Geld nicht haben will, weil er die Familie damals verlassen hat, funktioniert für mich überhaupt nicht.

Die anderen Bücher waren Geschichten von Menschen, die wie du und ich sind. Oder wie Freunde von uns. Das funktioniert diesmal nicht. Diese Story kann ich einfach nicht glauben. Dazu kommt noch ein komischer Sprachgebrauch, der früher entweder nicht da war oder mir nicht aufgefallen ist, eine Art von Derbheit, bei der ich an Charlotte Roche denken musste, die hier aber gewollt klingt.

Dann das Hörbuch. Was beim letzten wirklich gut funktioniert hat, geht hier vollkommen schief. Das liegt erstens an ihrer Stimme. Ich weiß nicht genau, was kaputt ist, aber irgendwas ist kaputt. Ich meine mich erinnern zu können, auch schonmal gehört zu haben, dass wegen irgendwas ihre Stimme sehr kratzig und schwach ist. Was in der Sendung für ein paar Anekdoten und Fragen noch reicht, funktioniert auf Dauer überhaupt nicht. Mir fällt es schwer, Kuttners Stimme über lange Zeit zuzuhören.

Zweitens fallen mir falsch ausgesprochene Worte mittlerweile viel zu sehr ins Gewicht. Es heißt nicht ebend. Es heißt eben. Sobald mir das einmal aufgefallen ist, werde bei jedem weiteren ebend nur noch verrückter. Und das bleibt ja nicht das einzige Wort.

Drittens und am Schlimmsten: Kuttner liest nicht konsequent. Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Hörbuch zu lesen. Entweder bin ich der Erzähler und erzähle die Geschichte aus der Haltung des Erzählers. Dann gucke ich von außen auf die Handlung und kann sie auch kommentierend lesen. Oder ich bin der Protagonist. Dann bin ich traurig, wenn der Protagonist traurig ist. So hat Kuttner das letzte Buch gelesen. Bei diesem wechselt sie zwischen diesen Positionen. Manchmal hat sie die Emotion und Haltung der Protagonistin, gibt Jule also ihre Stimme, manchmal ist sie aber Sarah Kuttner, die diese Geschichte liest und eben auch kommentiert. Dann höre ich ein Lächeln an Stellen, an der ich als Zuhörer lächeln kann, Jule aber auf keinen Fall lächeln wird. Spätestens diese Inkonsequenz macht mir das Hörerlebnis vollends kaputt. Ich kann sie leider nicht ernst nehmen.

180° Meer ist weder die auf dem Klappentext versprochene Roadnovel, noch das Buch oder Hörerlebnis, das ich mir von Sarah Kuttner erhofft habe. Ich kann ihn nicht empfehlen, weder das Hörbuch, noch den Roman. Ich hoffe auf den nächsten. Solange sehe ich mir ihre Sendungen an.

180° Meer von Sarah Kuttner erschien als Roman bei S. Fischer, das Hörbuch erschien bei Argon. Beide Verlage haben mir Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.

 

 

 

Roman: Das Alphabet der letzten Dinge von James Hannah

Neuer Lesestoff: Das Alphabet der letzten Dinge von James Hannah. Schönes hochwertiges Cover. Samt Lesebändchen!

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Der erste Satz aus „Das Alphabet der letzten Dinge„:

Ich weiß genau, was du jetzt zu mir sagen würdest.

Ivo liegt im Hospiz, mit vielleicht Mitte 40,  liegt im Sterben. Damit das Sterben nicht zu sehr die Gedanken füllt, geht Ivo das Alphabet durch und füllt es mit Erinnerungen aus seinem Leben und vor allem mit Erinnerungen an die Liebe seines Lebens, Mia. Boy lost girl. Und in den letzten Zügen seines Lebens versucht er, sein Gewissen klar zu bekommen.

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Ähnlich wie beim „Wörterbuch der Liebenden“ arbeitet Ivo sich von A bis Z und erinnert sich Geschichten aus dem Leben. James Hannah erzählt auf eine direkte Weise, manchmal naiv, manchmal skurril und ziemlich oft traurig und lustig. Das erste Drittel des Romans haben eine Freundin und ich uns gegenseitig vorgelesen und wir hatten Spaß. Den hatte ich auch beim Rest.

Trotzdem hatte ich immer wieder einen schalen Geschmack beim lesen. Auf der einen Seite ist der Klappentext so plump und heischend, er verrät zu viel und zwingt den Leser, durch den Text zu eilen, um endlich das große Geheimnis zu erfahren. Das ist schade, denn der Weg dahin ist ziemlich schön, wenn man ihn genießen kann.

Auf der anderen Seite gibt es Aspekte in Ivos Leben, mit denen ich nicht klar komme. Entscheidungen, die ich als Leser einfach nicht nachvollziehen kann. So nah ich ihm in manchen Situationen bin, in anderen gar nicht bei ihm, weil ich denke, ich und zu viele andere Menschen würden nie so handeln. Aber dann, vielleicht doch. Ich weiß es nicht, aber mir hat das manchmal ein komisches Gefühl gegeben. Das Ende dagegen ist ein intensives, das mich erstmal einen Moment still sitzen hatte lassen.

Das Alphabet der letzten Dinge“ ist ein Buch mit einem tollen Cover und einer schönen Geschichte, die mir durch den Klappentext verleidet wurde und mich von Zeit zu Zeit nicht ganz überzeugen konnte. Dennoch habe ich sie gern gelesen.

Das Alphabet der letzten Dinge“ von James Hannah wurde übersetzt von Eva Bonné und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Willkommen in Night Vale von Joseph Fink und Jeffrey Cranor

Lesestoff: Willkommen in Night Vale von Joseph Fink und Jeffrey Cranor. Urban Fantasy, baby.

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Der erste Absatz aus Willkommen in Night Vale:

Die Geschichte von Night Vale ist lang und verschlungen, sie reicht Tausende Jahre zurück, bis zur ersten Besiedelung der Wüste.

Darum wird es im Folgenden nicht gehen.

Worum es überhaupt geht in diesem Roman, ist für ziemlich lange Zeit nicht klar. Aber auch nicht wichtig. Willkommen in Night Vale lebt von seiner Skurrilität, sowohl in den Figuren und in der Geschichte, aber auch im Schreibstil.

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Ursprung dieser Welt, die Fink und Cranor in diesem Roman beschreiben, ist ein Podcast, in zweimal im Monat die Neuigkeiten der Stadt Night Vale im Stil von Radiosendungen verteilt. Es gibt mittlerweile mehr als 80 Episoden, ein paar Sondersendungen, Live-Shows und im englischen Raum mehr als ein Buch. Heißt, wenn man, wie ich, nur dieses Buch liest, dann weiß man nicht, wie viele Insider man verpasst.

Im ersten Drittel des Buches war ich fasziniert von der Unvorhersehbarkeit, den skurrilen Figuren und dem immer wieder irritierendem Stil. Im zweiten Drittel fand ich genau diese Dinge dann anstrengend. Da fehlte mir eine Story,  die mich dazu bringt, weiterzulesen. Weil sich dann doch irgendwann alles im Kreis dreht. Das macht ne Weile Spaß, dann wird es anstrengend.  Das letzte Drittel dagegen zieht wieder an, da greift dann endlich die Story und zumindest ein paar der viel zu vielen Fäden laufen dann endlich zusammen.

Willkommen in Night Vale ist ein abgefahrenes Buch, welches sich nicht einfach einordnen lässt. Ich kann nicht sagen, für Fans von was das Buch funktioniert. Deshalb am besten die Leseprobe antesten und wem der Stil gefällt, der wird auch mit dem Rest des Buches seinen Spaß haben. Alle anderen: Sorry, nicht alle Welten öffnen sich jedem.

Willkommen in Night Vale von Jeffrey Cranor und Joseph Fink wurde übersetzt von Wieland Freund und Andrea Wandel und erschien bei der Hobbit Presse bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Manche der Links gehen zu Amazon, ihr seid aber mündig. Holt euch eure Bücher, wo ihr wollt.

Roman: Das Syndrom von John Scalzi

Der erste Satz aus Das Syndrom:

Zufällig fiel mein erster Arbeitstag auf den ersten Tag des Haden-Streiks, und ich gebe ehrlich zu, dass es ein ungünstiges Timing war.

Erinnert ihr euch an Schmetterling und Taucherglocke? An das Locked-In-Syndrom? Stellt euch vor, ein Grippevirus sperrt die Bewusstseine eines signifikanten Anteils der Menschheit in ihre Körper, sodass sie sich nicht mehr bewegen können. Wenn das genügend wichtige Leute betrifft, wird auch etwas dagegen gemacht. In Scalzis Version wird den eingesperrten Menschen, die Haden genannt werden, ein Roboter zur Verfügung gestellt, den sie anstatt ihres eigenes Körpers verwenden, um Teil der Gesellschaft zu sein. Chris ist ein Haden und fängt beim FBI an.

Scalzi baut ein spannendes Science-Fiction-Szenario und lässt darin einen klassischen Krimi spielen Mit Mord und Komplott und Verschwörung. Samt Partnerin, die ihn auf Trab hält. Nur eben ein Stückchen in der Zukunft.

Ich lese Krimis nicht so häufig. Und wenn, dann nicht des Krimis, sondern des Settings wegen. Wie bei William Shaw, dessen Bücher in den 1960ern in London spielen. Bei bei Lauren Beukes, deren Realität immer noch ein gewisses Extra haben. Bei Scalzi ist es genauso. Und dazu kommt, dass Scalzi sehr unterhaltsam, sehr filmisch erzählt: Schnelle Schnitte, gute Dialoge und eine gut verfilmbare Story. Ich habe den Roman in zwei Zugfahren runtergelesen und hatte meinen Spaß dabei, auch wenn es mir manchmal zu viele Namen und Personen auf einmal waren. Zeitweise war ich verwirrt, wer nun wer ist.

Und eine Sache, die Scalzi sich hätte sparen können: Bevor der Roman beginnt, findet man sowas wie einen Wikipedia-Eintrag, der die ganze Sache mit dem Locked-In-Syndrom und den Robotern erklärt. Das bräuchte er nicht. Innerhalb der ersten Seiten der Geschichte versteht man sowieso, wo wir uns befinden und worum es geht. Der Lexikoneintrag macht den Leser dümmer, als er ist. Schade drum.

Die größten Sachen, die mich stören, betreffen aber nicht Scalzi, sondern die deutsche Umsetzung: Das Cover kommt überhaupt nicht an die Geschichte ran und verprellt mögliche Leser. Schlimmer noch, der Titel: Der englische Titel, „Lock In“, konnte wohl nicht verwendet werden, weil der Verlag ein halbes Jahr später einen Roman mit dem Titel „Locked In“ veröffentlicht hat. Dieser heißt im Original „Try Not To Breathe“. Was sind das denn für Überlegungen, so ein Titelchaos anzurichten, das ja nur noch mehr Probleme anrichtet?

Während „Lock In“ schon ziemlich genau sagt, worum es im Roman geht, ist „Das Syndrom“ ein so offener Titel, dass sich niemand etwas drunter vorstellen kann, besonders in Verbindung mit dem Cover. Wenn man also Scalzi nicht kennt, wird man hier leider nicht anfangen ihn zu lesen. Was schade ist, mir hat’s Spaß gemacht. Und ich ahne, dass es noch weitere Geschichten in diesem Setting geben wird. Dafür macht diese Welt zu viel Spaß. Wer nach diesem Roman gleich weiterlesen will, der amerikanische Originalverlag, Tor, hat auf ihrer Homepage eine Kurzgeschichte veröffentlicht, die zum Roman gehört, die die Entstehung der Welt noch besser erklärt: „Unlocked

Achja, und: lest nicht den Klappentext. Er stimmt nicht. Wer hätte das gedacht.

Das Syndrom von John Scalzi wurde übersetzt von Bernhard Kempen und erschien bei Heyne. Der Roman hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.