Hörbuch: Gesammelte Abrissbirnen von Sascha Thamm

Bevor ich die CD Gesammelte Abrissbirnen eingelegt habe, hatte ich keine Ahnung, wer Sascha Thamm ist. Aber wer kann mir das verdenken, mittlerweile sind wir mit Poetry Slam und Comedy im absoluten Mainstream angekommen, die Slamily ist so groß, dass man gar nicht mehr alle kennen kann.

Auch Thamm wechselt fliessend zwischen Slam- und Comedybühnen, jetzt hat er neben seiner gedruckten Textesammlung „Dynamitfischen in Venedig“ einige der Texte auch eingesprochen. Hier gibts die erste Irritation, denn so steht neben dem Bild von Thamm, auf dem er live aus dem Buch liest, „Autorenlesung“. Ich hatte erwartet, dass die Aufnahmen, ähnlich wie bei den Känguruh-Büchern, Mitschnitte von Liveaufnahmen sind. Sind sie nicht, sind im Studio aufgenommene, trocken gesprochene Texte.

Thamm macht seine Sache gut, keine Frage. Ich musste öfter mal grinsen und manchmal auch laut auflachen, das hat mich echt überrascht und gefreut. Thamm schafft es, obwohl ich ihn noch nie live gesehen habe, dass ich die CD komplett hören will. Dafür ein großes Lob, für die Texte und dieses Hörbuch.

Aber ich glaube, das Hörbuch hätte noch um einiges besser werden können, wenn es wirklich Livemitschnitte gewesen wären. Thamms Texte sind Texte für die Bühne geschrieben, Thamm liest sie auch so, als ob er auf der Bühne wäre. Mit der gewissen Art von Klischee-Comedy und Slam-Sprech, an dem man merkt, wie oft professionelle Slammer ihre Texte schon vorgetragen haben. Er weiß, wo er betonen muss und wo er pausen machen muss. Nur, wenn ich alleine in die Pausen kichere, ist das was anderes, als wenn ich in der gelösten Atmosphäre eines johlenden Publikums mitlachen könnte.

Gesammelte Abrissbirnen ist ein überraschend gutes Comedy-Hörbuch und wahrscheinlich noch besser, wenn man Thamm schonmal live gesehen hat. Leider ist es aber eine Studioaufnahme, was den Spaß ein wenig steril macht.

Gesammelte Abrissbirnen von Sascha Thamm erschien bei Lektora. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Roman: Kings of London von William Shaw

Der erste Absatz aus Kings of London:

De Gaulle wurde wiedergewählt. Robert Kennedy erschossen.Die Amerikaner kommen in Vietnam nicht weiter und stellen sich hinter Nixon. Die Sowjets haben Panzer nach Prag geschickt. Es ist Herbst 1968. Und London bleibt London. Obwohl es schon den ganzen Sommer über geregnet hat, regnet es immer noch.

Wir tauchen wieder ein in das London der 1960er. Wieder begleiten wir die Polizisten Breen und Tozer nach einem Fall, wie schon bei Abbey Road Murder Song. Und diese beiden Sachen, machen den Roman so schön.

Krimis gibt’s in rauen Mengen. Kann man mögen, lieben oder uninteressant finden. Hier geht es aber neben dem eigentlichen Krimi eben auch um die beiden Menschen und ihre Beziehung, was nochmal cooler, aber auch nicht einzigartig ist. Zusätzlich und am eindrücklichsten sind daher die Schilderungen des Alltags in London 1968.

Klar kenne ich die Musik aus der Zeit, kenne die Busse, die Farben, die Klamotten und das Lebensgefühl der einen Seite, und mag es. Shaw schafft es aber, mir neben dem klischeehaften und oft positivem Bild des Swinging London und der aufsteigenden Hippie-Ära plötzlich die andere, die düstere und realistische Seite zu zeigen, die der Arbeiter und einer in jeder Generation festgefahrenen Gesellschaft. Und weiter noch zeigt er mir all die Ecken und Kanten innerhalb des Swinging London, zeigt mir, dass nicht alles geil und schön und neu war, sondern eben auch anstrengend und manipulativ und verstörend und gewaltsam.

Der Krimi in Kings of London läuft bei mir nebenher. Aber das Zwischenmenschliche und Shaws Abbild von 1969, extrem lesenswert. Ich freue mich auf den letzten Teil der Trilogie, kommt Ende des Jahres.

Achja, Kleinigkeit, aber: Während das Cover und die CI sehr schön sind, verstehe ich zwei Sachen nicht: Warum wird der englische Originaltitel („House of Knives“) durch einen anderen englischen Titel ersetzt? Und warum macht sich keiner die Mühe, den Klappentext über den Autoren zumindest an dieses Buch anzupassen? Es ist einfach exakt der Gleiche des ersten Teils.

Kings of London von William Shaw wurde übersetzt von Conny Lösch und erschien bei Suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Roman: Unter Null von Bret Easton Ellis

Der erste Satz aus Unter Null:

Auf den freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser.

Das also ist das Debüt des Mannes, der mit American Psycho so bekannt geworden ist. Die Legende besagt, Ellis hat Unter Null auf Speed und als Hausarbeit für seinen Creative Writing-Kurs geschrieben, so im Rausch, dass er sich nicht mehr wirklich daran erinnern kann, es geschrieben zu haben. In etwa so liest sich der Roman auch.

Clay fliegt über Weihnachten nach Hause nach L.A. und verbringt dort einige Tage mit alten Freunden. Tage voller Alkohol, Drogen und exzessiven Parties. Und irgendwann geht er wieder. Das ist die Story. Aber es geht auch nicht um die Story, sondern um das Gefühl, die Atmosphäre, die Szene. Ein distanziertes, fast taubes Gefühl, nihilistisch, zerstörend und verstörend. Und definitiv nicht meine Szene.

Eine Zeitlang war ich fasziniert von dem, was Ellis beschreibt. Aber irgendwann kommt der Punkt, dass die Szenen austauschbar sind und weder Story, noch Atmosphäre weiterbringen. Erst gegen Ende beginnt Ellis, die Szene nochmal krasser zu beschreiben, das Gefühl zu verstärken, sodass ich nach der letzten Seite erstmal dasaß und dieses Gefühl wieder abschütteln musste. Vielleicht ist das die Idee des Romans. Mir eine Lebenswirklichkeit zu zeigen, mit der ich absolut nichts zu tun habe und mich unglaublich froh zu machen, dass dem so ist. Tatsächlich hätte das Unter Null dafür aber auch nur halb so dick sein müssen.

Unter Null von Bret Eaton Ellis wurde übersetzt von Sabine Hedinger und erscheint mittlerweile bei KiWi.

Roman: American Gods (Directors Cut) von Neil Gaiman

Der erste Satz aus American Gods:

Shadow hatte drei Jahre im Gefängnis gesessen.

Shadow ist ein kleiner Gauner, aber eigentlich guter Kerl. Ein großer, hagerer und guter Kerl. Ein Banküberfall, der daneben geht, bringt ihn ins Gefängnis und er kommt raus, kurz nachdem Laura, die Liebe seines Lebens, gestorben ist.

Und dann ist er wieder in dieser Welt, ohne eine Ahnung, wohin es nun gehen könnte, als dieser Typ, Wednesday, ihn anspricht und ihm einen Job als Handlager anbietet, den Shadow irgendwie annimmt. Damit geht es los. Und dann kommt eine Reise durch Amerika. Mit Göttern, Schlachten, Liebe, Zombies, Autos und allem dazwischen.

Ich habe Neil Gaiman als Schriftsteller erst relativ spät kennengelernt, erst mit dem Ozean am Ende der Straße. Aber witzigerweise, vor rund 5 Jahren sitze ich an einem kleinen See in einem Dorf ohne Namen in Polen, kurz vor dem 50sten Geburtstag eines Verwandten und lese Sandman Slim, begeistert. Ein Mädchen ist dort und ich erzähle ihr davon und sie sagt, sie habe kürzlich auch ein Buch gelesen, das in eine ähnliche Richtung geht, das hieße American Gods. Ich hab das abgespeichert, unter den Büchern, die irgendwann gelesen werden sollten.

5 Jahre später, nachdem ich also für Gaiman sensibilisiert bin, kommt mir dieses „Directors Cut“ von American Gods in die Quere. Directors Cut ist natürlich ein komisches Wort für ein Buch. Deshalb steht auf der Rückseite auch das das Wort Author’s Cut. Aber auch verständlich, weil man, obwohl es falsch ist, sofort weiß, was die Leute bei Eichborn damit meinen.

Ich kann nicht sagen, wie weit diese Version sich von der ursprünglich veröffentlichten Unterscheidet. Es sind etwa 50 Seiten mehr, was bei rund 670 Seiten echt nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt. Und es ist ein gutes Buch. Ich habe es sehr gerne gelesen, bin gerne mit Shadow gereist und weiß, ist nicht das letzte Buch, das ich von Gaiman gelesen habe.

Zwei Sachen, die mir mehr als Autor, als als Leser aufgefallen sind. Einerseits, ein passiver Protagonist. Da bin ich also in einer Schreibschule und da wird viel über Protagonisten geredet und dass ein Protagonist spannend und aktiv sein sollte. Nun haben wir hier einen Protagonisten, der sympathisch ist, keine Frage. Shadow ist ein cooler Kerl. Aber eigentlich macht er kaum was. Der Großteil der Geschichte passiert um und mit Shadow, aber er handelt erst spät relativ spät selbst. Und ich find’s cool. Ich mag es, wie das Leben manchmal einfach Leute mitreisst. Genauso die andere Sache, Geschichten ohne Happy End.

Habt ihr (500) Days of Summer gesehen? Vielen gefällt dieser Film nicht, weil (SPOILER) er nicht gut ausgeht, zumindest nicht im klassischen Sinn einer Liebesgeschichte. Weil die beiden, das Mädchen und der Junge, am Ende eben nicht zusammenkommen. Ich mag das. Mag die Idee, dass es Menschen in deinem Leben gibt, die wichtig sind. Und trotzdem irgendwann wieder gehen.

Als ich meinem Mentor in Hildesheim von meinem Roman erzählt habe, sagte er, „Willst du, dass es ein Bestseller wird? Dann müssen die beiden am Ende zusammenkommen.“ Müssen sie?

American Gods ist nicht in erster Linie eine Liebesgeschichte. Aber die Liebe kommt genauso vor. Und dann erscheint irgendwann Sam, ein witziges, mutiges und freches Mädchen, von dem ich mehr wissen will und kaum mehr bekomme. Eine Autofahrt ist sie da und dann verschwindet sie. Und bis zum Ende hoffe ich, dass Sam nochmal erscheint. Tut sie, aber nicht so, wie man denkt. Und ich bin enttäuscht und erfreut zur gleichen Zeit. Sehr schön, das. Zurück zum Eindruck als Leser:

Sehr schönes Buch! Für eine ganze Weile taucht man ein, in diese Magische Welt, die unserer sehr ähnlich ist, und hat dabei viel viel Spaß. Und endet mit der Hoffnung, dass es vielleicht doch unsere Welt ist und da draußen noch so viel unentdecktes ist.

Achja, eine Sache noch. Dieser Roman ist einer, bei dem der Klappentext nicht nur schlecht, sondern schlicht falsch ist. Also einfach nicht lesen oder wenigstens nicht glauben.

American Gods von Neil Gaiman in der Directors Cut Edition wurde übersetzt von Hannes Riffel und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Die Wolke von Gudrun Pausewang

Der erste Satz aus Die Wolke:

An diesem Freitagmorgen wehte eine starke Brise.

In einem Bücherschrank gefunden. Irgendwann mal den Film gesehen gehabt. Gedacht, könnte eines der Bücher sein, die man mal gelesen haben sollte. Also los.

Ziemlich knapp nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl veröffentlicht Frau Pausewang ihre Geschichte eines Reaktorunfalls in Deutschland aus der Sicht eines 14 Jahre alten Mädchens. Damit ist der Roman nun fast 30 Jahre alt. Auf der einen Seite liest man ihm das Alter an. Manche Beschreibungen, manche Sätze schmecken wie die 1980er. Bis zum Ende des Romans bin ich nicht auf den Namen der Protagonistin klar gekommen! Janna-Berta. Ja, der Name wird irgendwann erklärt und gerechtfertigt, trotzdem bin ich immer wieder am Namen hängen geblieben.

Und das Buch hat ziemlich durchgehend den moralischen, mahnenden und belehrenden Ton einer Lehrerin, die dir sagt: Siehst du, was passiert!

Und trotzdem, sobald man in der Sprache ist, werden viele Momente im Buch zeitlos. Die Flucht der Menschen vor der Wolke, die Angst, die Reaktionen, aber auch die Menschlichkeit findet man genauso in modernen Katastrophenfilmen, aber auch in den Medien in Berichten über Katastrophen. Beeindruckend, wie wir Menschen unser Verhalten in 30 Jahren wohl kaum geändert haben. Erschreckend, wie schnell wir auch Katastrophen verdrängen, verharmlosen und durch die nächste Katastrophe ersetzen.

Für mich war dieses Buch eine Erinnerung, ein Innehalten und eben doch eine Mahnung, auch nach 30 Jahren noch.

Die Wolke von Gudrun Pausewang erschien bei Ravensburger.

Roman: Verschwörung von David Lagercrantz, nach Stieg Larsson

Der erste Satz aus Verschwörung:

Diese Geschichte beginnt mit einem Traum, der für sich genommen nicht weiter bemerkenswert ist.

Es war abzusehen, dass es irgendwann einen neuen Band in der Millenium-Reihe gibt, läuft doch seit damals ein Rechtsstreit wegen des Erbes von Stieg Larsson. Larsson hatte damals eine Reihe von zehn Romanen geplant, neben den drei vollendeten Manuskripten gibt es anscheinend einen fast vollendeten vierten Band und mindestens die Exposés für Band fünf und sechs. Diese liegen aber auf einem Laptop im Besitz von Larssons ehemaliger Lebensgefährtin und diese rückt sie nicht raus, solange die Erbschaftsfrage nicht geklärt ist.

Ich hatte eigentlich gedacht, irgendwann legt sich der Streit bei und wir bekommen das vierte Buch von Larsson. Stattdessen aber kam es zu keiner Einigung und Larssons Familie beauftragte David Lagercrantz mit dem Schreiben des vierten Bandes.

Wahrscheinlich wäre nichts an die Erinnerung des Gefühls rangekommen, das Larsson damals mit seinen Büchern bei mir ausgelöst hat. Aber Lagercrantz ist ziemlich weit weg davon. Ja, es ist ein ganz guter Thriller, ein spannender Roman, den man gut runterlesen kann. Aber er fühlt sich nicht nach einer echten Geschichte von Lisbeth und Mikael an. Die Geschichte hätte auch ganz eigenständig funktioniert. Wahrscheinlich hat sie das ursprünglich auch. Die Geschichte liest sich, als ob Mikael und Lisbeth später eingebaut worden sind, und dass noch nichtmal sauber, nicht so zwiespältig, wie die Beiden in der Trilogie sind. Sondern viel gemäßigter, angepasster, ohne ihre Ecken und Kanten. Dadurch wird das Ganze zu einer ziemlich teuer verkauften Fan-Fiction, die man lesen kann, die aber nicht wirklich was mit Lisbeth und Mikael zu tun hat.

Spoiler-Alarm!

Bemerkenswert ist, dass das Buch keine Spuren in der Figurenkonstellation der alten Trilogie hinterlässt. Es stirbt keiner der bekannten Figuren. Jeder, der stirbt, wurde erst in diesem Buch eingeführt. Falls es irgendwann zu einer Einigung kommt, kann man alles noch von Larsson selbst existierende einfach hinterherschieben, ohne große Veränderungen vornehmen zu müssen.

Verschwörung von David Lagercrantz, wurde übersetzt von Ursel Allenstein und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Girl on the Train von Paula Hawkins

Der erste Satz aus Girl on the Train:

Sie liegt unter einer Silberbirke bei den alten Gleisen unter einem Steinhügel.

Girl on the Train soll ein Thriller sein. Rachel pendelt jeden Morgen mit dem Zug aus den Vororten nach London und fantasiert sich die Leben der Leute in den an den Gleisstrecken liegenden Häusern zusammen. Gerne betrachtet sie besonders ein Pärchen – sie nennt sie Jess und Jason – , dessen Haus sie jeden Morgen sieht. Eines Tages erfährt sie, dass Jess verschwunden ist und sie beschließt, bei der Suche zu helfen.

Etwas ähnliches steht auch in der Inhaltsangabe. Hätte etwas werden können, wurde es für mich aber nicht. Weil zu viele Sachen unsauber sind. Die Geschichte wird aus der abwechselnden Ich-Perspektive von drei Frauen erzählt, um die sich die Geschichte spannt, unter anderem Rachel und „Jess“. Damit das aber funktioniert, musste Rachel Hawkins Zeitsprünge einbauen, wie sollte Jess sonst erzählen können, wenn sie verschwunden ist? Was bedeutet, dass man im Lesefluss ständig unterbrochen wird, weil man zum Anfang des vorherigen Kapitels blättern muss, um zu sehen, ob wir uns am gleichen Tag, ein Jahr früher oder sonst wo befindet.

Dazu kommt, dass die Protagonistin eine mir unglaublich unsympathische Person ist, und noch dazu Alkoholikerin und die Geschichte nur deshalb funktioniert, weil sie einen Blackout hat, sich nicht mehr an gewisse Dinge erinnern kann. Und das hält sich den gesamten Roman über, bis sie – oh Wunder – am Ende die Klarheit erlangt und sich erinnert und die Lösung der Geschichte hat. Klassischer Fall von Deus Ex Machina. Leider wird das beim lesen recht schnell klar, also liest man auf den Augenblick hin, in dem sie sich erinnert.

Dann kommt dazu, dass die drei Ich-Perspektiven unsauber sind. Klar, sie führen dem Leser ganz eindeutig vor Augen, dass die Leben der Anderen nie so glamourös sind, wie wir es uns vorstellen. Aber wenn da nicht jedesmal der Name der Person drüber stehen würde, müsste man relativ lange lesen, bis man weiß, wer da gerade erzählt. Alle drei Frauen haben die gleiche Art der Sprache und sind, soweit wir sie kennenlernen, auch in ihrem Verhalten und ihren Gedanken sehr ähnlich. Da mir schon die erste nicht sympathisch war, wurden mir die anderen beiden das auch nicht. Also schleppt sich die Geschichte von einem Selbstmitleidsmonolog zum nächsten, bis dann endlich die Erinnerung und das Ende kommt.

Eine letzte Sache, die aber nicht an der Story, sondern an der Vermarktung liegt. Der Untertitel im Deutschen, der aus englischen Übernommen wurde, lautet:

Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich.

Das ist die Ironie schlechthin, denn das ist das Einzige, das wir aus dem Buch lernen: Dass die Personen, die wir sehen, nie das Leben haben, dass wir uns vorstellen. Dass wir sie alles andere als kennen. Wer kam auf die Idee, diesen Roman damit zu bewerben? Das grenzt an bewusster Irreführung und hat nichts auf dem Cover zu suchen.

Ich habe Girl on the Train gelesen, um das hier schreiben zu können, aber ich kann es keinem empfehlen. Lest, aber lest was anderes.

Girl on the Train von Paula Hawkins wurde übersetzt von Christoph Göhler und erschien bei Blanvalet. Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Roman: The Circle von Dave Eggers

Der erste Satz aus The Circle:

My got, Mae thought. It’s heaven.

Und schon sind wir mittendrin. Mae ist Ende 20 und hat einen Job bei dem Circle bekommen, DER Firma überhaupt. Wie eine Fusion von Facebook und Google und Amazon, die eine Firma, über die all deine Internetaktivitäten laufen. Die Firma mit den tollsten Büros und der besten Atmosphäre, eine Firma, bei der jeder arbeiten will. Alles ist offen und hell und transparent. Und es ist doch ganz klar, wenn alle alles wissen, braucht keiner Angst vor irgendwas haben und alle sind für alle da. Und je mehr Kameras wir haben, desto sicherer werden die Straßen. Und wenn wir unseren Kindern Chips einsetzen, dann wissen wir immer, wo sie sind und dann kann nichts passieren …

Das Bestechende und Faszinierende an dem Roman ist seine Nähe zur Realität. Ganz viele Sachen, die Eggers beschreibt, sind heute schon in Benutzung. Und dann dreht er langsam die Schreibe immer weiter in eine konsequente Richtung. Und da setzt das Problem an. Während ich anfangs fasziniert bin und mich angesichts der Technik, die ich auch benutze ertappt fühle, dann aber irgendwann den Kopf schüttele und sage, nein, das geht mir zu weit, sagt Mae zu allem Ja. Und dann wird die Geschichte für mich unglaubwürdig und das Buch verliert seinen Reiz.

Ich bin nicht der erste, der das sagt, aber auch mich erinnert das Buch sehr an Cory Doctorows „Little Brother“ und seinen Nachfolger „Homeland„. Und vielleicht habe ich mich zu sehr mit „Little Brother“ auseinandergesetzt, aber spätestens ab der Hälfte von The Circle las ich das Buch, ohne in der geschichte zu sein. Ich konnte mich einfach nicht mehr auf diese Realität einlassen. Und das wurde bis zum Ende nicht besser.

Die Idee von The Circle ist bestechend, aber die Konsequenz, die Eggers zieht, kann ich nicht glauben, deshalb würde ich „Little Brother“ immer vorziehen.

The Circle von Dave Eggers erschien bei Penguin Books. Die deutsche Fassung erschien bei KiWi und wurde übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Roman: Broken Monsters von Lauren Beukes

Der erste Satz aus Broken Monsters:

Die Leiche.

Das ist also der neue Roman von Lauren Beukes. Kennen und lieben gelernt habe ich die Schriftstellerin aus Johannesburg durch ihren zweiten Roman „Zoo City„. Im gewissen Sinne auch ein Krimiroman, der aber einerseits durch seinen Spielort Johannesburg, andererseits durch das Erweitern unserer Realität durch ein wenig „Magie“ punktet. Ähnlich wie bei Filmen von Neill Blomkamp hatte Zoo City eine eigene Atmosphäre, die eindeutig nicht USA ist.

Broken Monsters dagegen spielt in den Staaten, in Detroit, dieser verfallenen Stadt, die gefühlt ihren Tiefpunkt durchschritten hat und derzeit wieder gut wiederbelebt wird. Und in diese Stadt also setzt Beukes ihre Protagonisten. Da ist die Polizistin mit der Tochter in der Pubertät. Da ist der Obdachlose, der in verlassenen Häusern nach Wertvollem sucht. Da ist der Journalist, auf der Suche nach der nächsten Story. Da ist der Typ, der diese eine Stimme hört, dieses Wesen in sich trägt. Und natürlich ist da die erste Leiche, halb Mensch, halb Tier.

Keine Frage, Beukes kann erzählen. Sie verwebt die Geschichten und man will gar nicht aufhören, bis zum Ende bleibt man dran. Und ja, es ist ein spannender Kriminalroman. Aber im Gegensatz zu ihrem früheren Werk hat es für mich zwei Schwachpunkte. Einerseits spielt es in dem nicht ganz so faszinierenden Detroit, dem ich im Gegensatz zu Johannesburg nicht ganz so viel Faszination entgegenbringen kann. Und andererseits kommt die Beukessche Magie erst ehr spät zum Einsatz. Und deshalb ist es „nur“ ein relativ normaler Thriller. Wie gesagt, nicht schlecht, aber im Gegensatz zu Zoo City ein wenig enttäuschend.

Broken Monsters von Lauren Beukes wurde übersetzt von Alexandra Hinrichsen und erschien bei rowohlt. Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Roman: Toller Dampf voraus von Terry Pratchett

Der erste Satz in „Toller Dampf voraus„:

Es ist nicht ganz leicht, Nichts zu verstehen, aber das Multiversum ist voll davon.

Die Scheibenwelt begleitet mich seit rund 15 Jahren. Ein riesiger Quell von Fantasie und Geschichten, von denen ich nach lange nicht alle gelesen habe und die mich immer noch begeistern. Eingeschossen habe ich mich aber auf die Romane über Tiffany Weh und Feucht von Lipwig.

Toller Dampf voraus ist der dritte und letzte Roman über Herrn Lipwig. Nachdem er die Post und das Bankenwesen in Ankh-Morpork revolutioniert hat, ist er nun für die Eisenbahn zuständig, die vor kurzem erfunden wurde.

Angesichts des Dahinscheiden von Sir Terry Pratchett und mit dem Wissen, dass dies der vorletzte Roman aus der Scheibenwelt ever ist, habe ich das Buch mit einer gewissen Melancholie gelesen. Natürlich hatte ich unglaublich Spaß und habe gelacht und nachgedacht. Und irgendwie kommt es mir vor, dass Pratchett das auch gewusst hat, dass er wohl nicht mehr so viele Romane schreiben wird können, und er deshalb in diesem Roman ganz vielen seiner Figuren aus früheren Scheibenweltgeschichten einen kurzen Auftritt gewährt. Der Tod natürlich, die Stadtwache und die Wir-sind-die-Größten! Und am Ende, wenn alles gut gegangen ist und ich nach der letzten Seite aus der Scheibenwelt wieder in unsere Realität drifte, muss ich grinsen.

Hab‘ Dank, Terry Pratchett, für diesen und jeden anderen großartigen Roman, den du uns gegeben hast. Ich werde noch lange darin lesen.

Toller Dampf voraus von Terry Pratchett wurde übersetzt von Gerald Jung und erschien bei Manhattan. Der Roman wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Ewige von Joann Sfar

Der erste Satz aus Der Ewige:

Ich wecke sie, wenn ich Geige spiele.

Was zum Teufel? Was soll das denn bitte? Vor einiger Zeit sehe ich in diesem Internet dieses Cover und denke, ja, das könnte cool sein. Dann lese ich den Klappentext und denke, yeai, das wird eine unterhaltsame, seichte Lektüre:

In New York begibt sich ein junger Ukrainer in die Psychoanalyse, er will endlich seine Biografie aufarbeiten. Am Anfang des letzten Jahrhunderts starb er auf einem Schlachtfeld in Europa – nur um kurz darauf als Vampir wiederaufzuerstehen. Ein Zustand, mit dem er sich nie anfreunden konnte, der ihm zuwider war, der ihn von seiner großen Liebe entfernte und der neben dem ungemütlichen Blutsaugen auch noch andere Unannehmlichkeiten mit sich brachte. Der so höfliche, wohlerzogene Mann verliebt sich nun hundert Jahre später in seine Therapeutin. Beiden ist nicht bewusst, wie verwoben ihre Geschichten sind und in welcher Gefahr sie schweben.

Aber dann schlägt man das Buch auf und alles kommt anders. Achtung, Spoiler.

Erst die Geschichte. Die erste Hälfte des Romans ist die Geschichte von Jonas, wie er ein Vampir wird und in Europa versucht, sich um die Liebe seines Lebens zu kümmern. Problem ist aber, diese Liebe hat ihn eigentlich nie geliebt. Und dann kommt dazu, er „entfernt“ sich von seiner Liebe, weil sie von einem anderen Vampir getötet wird. Achja, und weil sein Bruder sie heiratet. Was passiert hier eigentlich? Und nach rund 200 Seiten bricht alles ab, wir springen knapp 100 Jahre und ein paar tausend Kilometer in die Vereinigten Staaten zu der Psychoanalytikerin, deren Fähigkeiten darin zu bestehen scheinen, ziemlich große Brüste zu haben. Natürlich treffen sich die Beiden auch, aber alles, was man mitbekommt, sind drei Tage, in denen so viel krudes Zeug passiert, das nichts mit dem Klappentext zu tun hat. Ich habe schon viel komische und unpassende Klappentexte gelesen. Aber das hier toppt alles um Längen!

Und dann die Sprache. Auch hier: Was soll das denn bitte? Da versucht der Autor (vielleicht auch der Übersetzer), einen relativ literarischen Stil beizubehalten und der Geschichte, die überhaupt nicht literarisch ist, vielleicht doch ein wenig einen seriösen Anstrich zu geben. Und dann tauchen alle paar Seiten plötzlich so Worte wie „schlabberte“ und „Möse“ drin auf, dass so fehl am Platz wirkt, dass ich über jedes dieser Worte gestolpert bin. Genauso wie die Geschichte hat auch die Sprache nicht funktioniert.

Ich kann es wirklich nicht fassen. Ich will gar nicht über Joann Sfar schreiben. Ich kenne seine Filme und seine Comics nicht. Und nach diesem Buch habe ich keine Eile, sie kennenzulernen. Vielleicht gibt es für diese Art von Roman eine Zielgruppe, die ihn feiern. Aber sie werden ihn nie lesen, denn niemand vermutet dieses Buch hinter dem Umschlag und dem Klappentext. Und diejenigen, die gerne geliefert haben wollen, was der Umschlag und Klappentext versprechen, die werden enttäuscht. Nene, lest lieber was anderes. Aber lasst die Finger hiervon.

Der Ewige von Joann Sfar wurde übersetzt von Thomas Brovot und erschien bei Eichborn.

 

Roman: Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky

Der erste Satz aus Der Hals der Giraffe:

„Setzen“, sagte Inge Lohmark, und die Klasse setzte sich.

Stuttgart liest ein Buch und ich lese mit. Ein Buch über eine Lehrerin in einer Schule, die in vier Jahren schließt, weil es in der Gegend nicht genügend Kinder gibt. Ein spannendes Thema, ein toller Titel und sehr schön gelayoutet.

Also her damit. Die ersten Seiten spannend und ich will weiterlesen über diese Lehrerin und was ihr passiert in dieser Schule. Aber nach kurzer Zeit setzt dann Ernüchterung ein, denn es passiert eigentlich gar nichts. Der Roman beschreibt drei Tage aus dem Leben von Inge Lohmark, etwa über ein halbes Jahr verteilt und diese sind eher ein Stillleben, als eine Geschichte. Und der nüchterne, zackige und immer wieder zynische Ton, der anfangs noch fasziniert hat, zieht sich durch, verliert aber schnell an Reiz.

Wäre Inge Lohmark eine Person an einem Tisch mit mir, die mir diese Geschichte erzählt, irgendwann wäre ich gegangen, weil es mich nicht interessiert.

Was wirklich Schade ist, den sowohl dem Cover, dem Satz und den Illustrationen im Buch sieht man an, mit wieviel Liebe sie gemacht sind, Judith Schalansky hat das Glück, selbst Buchgestalterin zu sein und ihre Bücher selber machen zu können und zu dürfen. Es ist ein unglaublich schönes Buch und die ersten Seiten der Geschichte machen mich begeistert. Nur dann setzte Ernüchterung ein und am Ende war ich enttäuscht. So sehr, dass es einen Schatten auf das ganze Buch wirft.

Die allgemeine Rezeption scheint eine andere zu sein, und das ist das Schöne an Meinungen, dass jeder eine Andere hat. Mein Buch war es nicht.

Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky erschien bei Suhrkamp.

Roman: Mr. Mercedes von Stephen King

Der erste Satz aus Mr. Mercedes:

Augie Odenkirk besaß einen Datsun Baujahr 1997, der noch ziemlich gut lief, obwohl er allerhand Meilen auf dem Buckel hatte, aber Benzin war teuer, vor allem wenn man keinen Job hatte, und das City Center stand am anderen Ende der Stadt weshalb er beschloss, den letzten Bus des Abends zu nehmen.

Ich habe seit Der Anschlag keinen Roman mehr von Stephen King konsumiert, vielleicht, weil ich ihn derzeit als seinen besten erachte. Jetzt dachte ich aber, es ist Zeit, sich einen neuen vorzunehmen und meine Wahl fiel auf diesen.

Mr. Mercedes ist ein Thriller und ein Beweis dafür, dass King keineswegs auf das Horrorgenre festgenagelt ist. Aber das ist er ja schon lange nicht mehr. Der Roman beginnt mit einem Vorfall, in dem ein Mercedes ungebremst in eine Menschenmenge fährt und dann entkommt. Hodges, der zuständige Polizist, der diesen Fall nie lösen konnte, geht irgendwann in Rente. Sitzt in seinem Sessel und denkt ernsthaft darüber nach, sich umzubringen, als der Mercedes Killer sich bei ihm meldet, um ein Spiel zu spielen. Und das weckt die Lebensgeister des alten Mannes noch einmal.

Schon beim lesen dachte ich manchmal, die Story und die Figuren sind in dieser Geschichte ein wenig zu stereotyp. Hatten wir alles so schonmal. Was der Lesefreude keinen Abbruch tut. Das ist ein King-typisches dickes Buch, trotzdem liest man es schnell und gerne, es macht einfach Spaß. Aber es gibt diesmal ein paar Haken. Für den einen kann Stephen King nichts. Ich bin bei der Übersetzung mehr als einmal gestolpert. Zum einen geht der Übersetzer davon aus, dass es der iPad ist. Da es ein Eigenname ist, definiert Apple den Artikel und Apple, wie auch Wikipedia und der Rest der Welt, sagt das iPad. Jedesmal also, wenn da steht:

Sie hatte ihren iPad im Auto liegen lassen.

Dann stört mich das extrem im Lesefluss. Reisst mich aus der Geschichte. Und das sollte eine Übersetzung nicht passieren. Weiterhin ist, ohne zuviel verraten zu wollen, im Laufe der Geschichte ein gewisser Autoschlüssel des Mercedes relevant, der im englischen valet key heißt. Valet kommt vom französischen Diener und beschreibt die Leute, die für einen die Autos vor dem Hotel oder Restaurant oder so entgegennehmen und sie für einen einparken. Dafür gibt es spezielle Fahrzeugschlüssel, mit denen man den Wagen eingeschränkt benutzen kann. Man kann die Türen öffnen und den Motor starten, aber den Kofferraum nicht öffnen. Diese Schlüssel heißen valet keys. Im Deutschen heißen die Werkstattschlüssel, weil wir hierzulande kaum so einen Fahrdienst in Anspruch nehmen, dafür aber den Wagen öfter mal in die Werkstatt bringen. In der deutschen Ausgabe steht nun einfach Valetschlüssel, ohne eine Erklärung. Und ich unterbreche mein Lesen und bin verwirrt und muss googeln, um überhaupt herauszufinden, was das sein soll. Und um herauszufinden, dass das definitiv kein deutsches Wort ist. Das dürfte nicht passieren.

Aber wie gesagt, nicht die Schuld von Stephen King. Was aber auf seine Kappe geht ist die eigenartige Form des Erzählers, den er für dieses Buch gewählt hat. Ein auktorialer Erzähler, der die Gedanken und Ansichten aller Figuren hat und auch Wissen über die Zukunft hat. Nicht gegen einzuwenden, wenn es konsequent verwendet wird. Aber in einigen Moment nutzt King seine Macht als Schriftsteller aus und verwehrt dem Leser bewusst Informationen, die den Figuren schon vorliegen. Meiner Meinung nach, um an manchen Stellen noch Spannung zu schüren, da steht dann beispielsweise, und diesen Satz erfinde ich jetzt, er steht so nicht im Buch:

Er kauft eine Spitzhacke, vier Meter Seil, Gummihandschuhe und ein Ding, das so groß ist, dass es fast nicht in sein Auto passt.

Was soll das denn bitte? Traut hier jemand seiner eigenen Geschichte nicht und glaubt, er muss sie mit solchen Tricks spannender machen? Mich hat jede dieser Stellen, die tatsächlich ein paar Mal vorkommen, wirklich gestört und den Spaß genommen.

Alles in allem ist es immer noch ein Buch, das man lesen kann. Aber es gehört weder zu den besten Büchern von Stephen King, noch zu den besten Thrillern.

Roman: Die letzte Drachentöterin von Jasper Fforde

Der erste Satz aus Die letzte Drachentöterin:

Ich war mal berühmt.

Ich hatte schon viel über Jasper Fforde gehört, viel Gutes. Aber bisher noch nichts von ihm gelesen. Als ich dann im Blog der Übersetzerin Isabel Bodgan las, dass es einen neuen Roman geben wird, der von ihr übersetzt wurde, wollte ich zumindest mal reinlesen. Hätte ich das Buch sonst wo gesehen, ich glaube, ich hätte es nicht mitgenommen, weder Cover, noch Titel oder Buchrücken haben mich überzeugt. Das kam mir zu Klischee, zu abgedroschen, zu Genre vor. Ein Glück habe ich es trotzdem gemacht.

Jennifer Strange ist ein junges Mädchen in einer Welt, die fast so ist, wie unsere, nur, dass es Zauberer gibt. Natürlich gibt es für die Zauberer genauso Gesetze wie für alles andere und auch Zauberer müssen ihre Miete zahlen. Deshalb übernehmen sie auch Aufgaben wie, alle anderen. Neue Stromkabel verlegen, Botengänge erledigen oder Abwasserrohre reinigen, mit Magie ist viel möglich. Und Jennifer ist für die Koordination der Zauberer zuständig. Bis es plötzlich Probleme gibt und die haben mit Drachen und gierigen Menschen zu tun.

Ich glaube, ich habe durchweg geschmunzelt. Jennifer ist ein freches Mädchen und es macht Spaß, ihr durch die Geschichte zu folgen, unter anderem, weil sie unglaublich skurril und verdreht ist. Ich musste an Terry Pratchett denken, besonders an die Serie um Tiffany Weh und die Bücher um Feucht von Lipwig. Natürlich auch an das Phantastische bei Neil Gaiman. Und an das Absurde von Douglas Adams.

Die Sprache ist toll, die Gedanken sind toll und der Erzählrythmus ist super! Ein toller Roman, offiziell für Jugendliche, aber sind wir nicht alle ein bisschen Kind? Und, oh Vorfreude! Ein Teil 1 einer neuen Trilogie. Ich freue mich auf die weiteren Teile und werde einiges von Jasper Fforde nachholen müssen.

Die letzte Drachentöterin von Jasper Fforde wurde übersetzt von Isabel Bogdan und erschien bei One.

Roman: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek von David Whitehouse

Der erste Satz aus Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek:

Lippen.

Ich hatte das Buch in der Buchhandlung gesehen und ich mochte den Titel und das Cover. Der Buchrücken versprach eine spannende und lustige Abenteuerreise. Und ich freute mich auf eine unterhaltsame Roadnovel. Hätte ich doch bloß nicht drauf gehört. Das Buch ist eine Mogelpackung, in jeder Hinsicht. Es geht nicht um eine Reise mit dem Bücherbus. Es geht um eine Flucht mit dem Bücherbus. Und die Flucht beginnt erst etwa ab der Hälfte des Buches. Und es ist keine leichte Abenteuerliteratur. Streckenweise ist der Roman so brutal und voller Gewalt, dass ich nicht durchgehend lesen konnte, sondern das Buch zur Seite legen musste.

Wenn man dann seine Erwartungen hinter sich gebracht hat und sich darauf einstellt, etwas ganz anderes zu lesen, als geplant, dann ist das auch gut möglich. Whitehouse hat eine Sprache voller Bilder, eine sehr lyrische Prosa. Sie klingt manchmal ein wenig gewollt, und der Erzähler hat eine Haltung, die ich nicht immer mag, aber im Großen steckt im Buch einige Stellen, die ich unterstreichen möchte. Die Geschichte ist eine Erzählung über das Leben und die Literatur und wie aller miteinander zusammenhängt. Eine Geschichte, die man gut lesen kann und die auch bis zum Ende spannend ist, auch wenn besonders die Nebenfiguren klischeehafte und eindimensionale Züge haben und die Handlung stellenweise lückenhaft und unglaubwürdig ist.

Also, wenn man sich darauf einstellt, dann bekommt man eine Geschichte mit vielen schönen Wortkombinationen. Aber mit dem Cover, dem Titel und dem Klappentext wird hier etwas versprochen, was nicht gehalten wird.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek von David Whitehouse wurde übersetzt von Dorothee Merkel und erschien im Tropen Verlag.