Roman: Wiener Straße von Sven Regener

Lesestoff: Wiener Straße von Sven Regener. #amreading #galiani

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Der erste Satz aus Wiener Straße:

Die Tür fiel zu und es war zappenduster.

Ich kenne Sven Regener als Musiker, ich höre und sehe immer gern Element of Crime und ich glaube, dass unsere Meinungen über das Urheberrecht auseinandergehen. Was seine Bücher angeht, bin ich draußen.

Ich habe damals Herr Lehmann als Film gesehen und weiß, dass es die Lehmann-Trilogie gibt. Das war’s. Dazu kommt, dass ich zu jung und zu weit weg von der Wiener Straße in den 1980ern bin. Für mich ist das ein Straßenname ohne weitere Konnotation. Mit diesem Vorwissen bin ich an den Roman gegangen.

Zuerst funktioniert es super. Regener zieht mich in seine Welt, in die Gedanken, Gefühle und Dialoge seiner Figuren und schafft eine Atmosphäre, der ich gerne zusehe. Es ist absurd und skurril und trotzdem in so vielen kleinen Momenten so nah an meinen Gefühlen, dass ich das erste Drittel des Romanes oft grinsend dabei bin. Aber dabei bleibt es dann. Weil ich dann ahne, was sich am Ende bewahrheitet: Es gibt keine nennenswerte Story. Es gibt diese Atmosphäre, es gibt Dialoge, die mich immer wieder zum lachen bringen, aber nicht ändert sich. Nicht wird weitergeführt, sondern alles verharrt. Anfang und Ende sind lose gewählt und ich erhalte diesen kleinen Einblick in die Welt. Der ist am Anfang ganz witzig, aber dieser Witz trägt nicht bis zum Ende und vor allem nicht darüber hinaus.

Die Leute, die Regener besser kennen, sagen, dass es bei den anderen Romanen nicht anders ist. Das heißt für mich, Wiener Straße war ganz nett, aber ich muss keinen weiteren Ausflug in diese Welt machen.

Wiener Straße von Sven Regener erschien bei Galiani Berlin

Roman: Rogue One. Eine Star Wars Story von Alexander Freed

Lesestoff: Rogue One, a Star Wars Story von Alexander Freed. #amreading #starwars #rogueone

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Der erste Satz aus Rogue One. Eine Star Was Story:

Galen Erso war kein guter Farmer.

Dies ist also der Halbsatz aus dem Vorspann von Star Wars Episode 4. Die Rebellen, die die Pläne des Todessterns klauen. Ich sah und mochte den Film, ich lese gern Filmbücher, warum also nicht das hier?

Vieles ist wie beim Vorgängerroman Der Auslöser: Es ist Fanservice, der in Deutschland viel zu spät auf dem Markt erschienen ist und der inkonsistente Übersetzungen auf dem Cover hat.

Im Gegensatz zum Auslöser gibt es hier aber einen Film dazu. Deshalb ist es total schön, die Story nochmal auf Papier zu erleben. Das sogar vertieft, weil man plötzlich all das Innenleben der Figuren viel genauer beschrieben bekommt, Momente gedehnt und gezeigt werden können, die im Film zu wenig oder gar keinen Platz gefunden haben. Das macht Spaß, das lässt die Geschichte besser erleben. Dazu kommt, dass ich diesen einen Tacken besser geschrieben finde, als Der Auslöser. Handwerklich feiner.

Auf der anderen Seite, es ist tatsächlich die exakte Story des Films. Selbst beim Dreh improvisierte Szenen sind hier eingearbeitet. Freed muss also direkt am Film entlanggeschrieben haben. Das heißt, es ist zwar vertieft, aber es gibt nicht wirklich neue Szenen. So ein paar kleine Add-Ons sind dabei, aber kein ’so hätte der Film auch sein können‘, kein alternatives Ende oder sonstwas. Und: Obwohl er handwerklich besser ist als Luceno, schafft Freed es nicht, den Rhythmus aus dem Film ins Literarische zu übertragen. Stellen, die im Film extrem gutes Timing haben und gut funktionieren, funktionieren im Buch nur, weil man davor den Film gesehen hat.

Schade, dass diese literarische Interpretation des Stoffes hinter seinen Möglichkeiten bleibt. Hätte mehr werden können. Ist aber auch so eine schöne Sache, in dieser Geschichte, in dieser Welt zu schwelgen.

Rogue One. Eine Star Was Story von Alexander Freed wurde übersetzt von Andreas Kasprzak und erschien bei Penhaligon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Fireman von Joe Hill

Lesestoff: Fireman von Joe Hill. #amreading #ebook #nofilter #heyne

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Der erste Satz aus Fireman:

Wie jeder hatte auch Harper Grayson im Fernsehen schon viele brennende Menschen gesehen, doch das erste Mal, dass jemand direkt vor ihren Augen in Flammen aufging, war auf dem Pausenhof der Schule.

Eine Pandemie hat die ganze Welt verseucht. Jeder der sich mit diesen Pilzsporen ansteckt, bekommt Feuermale am Körper und die Infizierten leben in der andauernden Gefahr, in Flammen aufzugehen. Deswegen werden die Infizierten ausgestoßen und verjagt. Harper ist infiziert und trifft bei ihrer Flucht auf eine kleine Gemeinschaft, die einen Weg gefunden hat, mit der Infektionen nicht nur zu leben, sondern sie für sich zu nutzen. Aber jede Gemeinschaft wird problematisch, wenn sie extrem wird.

Auf knapp 1000 Seiten erzählt Joe Hill diese Geschichte, in einer Welt, die unsere Vergangenheit hat. Die Facebook und Mary Poppins und selbst Präsident Trump kennt. Erzählt voll Popkulutur und auf eine Art, dass diese 1000 Seiten schnell runtergelesen sind und ich im Nachhinein irritiert bin, weil ich gern mehr Story gehabt hätte. Ich hätte die Protagonisten gern noch eine Weile begleitet. Gewusst, wie diese Welt sich entwickelt. Hier bleibt mir Joe Hill zu nah am Anfang der Katastrophe. Und ich habe genügend Geschichten gelesen / gesehen / gehört, die sich mit dem Umsturz der Gesellschaft nach einer Katastrophe / Apokalypse / Pandemie befassen. Was mich mehr interessiert, ist, wie es auf Dauer in einer solchen Welt ist. Wenn die Katastrophe zum Alltag wird. Das liefert Joe Hill nicht. Dennoch liefert er einen spannenden Roman, der sehr genau aufzeigt, wie aus einer Gemeinschaft eine Sekte wird und wie Gut und Böse bald nicht mehr eindeutig sind. Und das in einer Sprache, die mir wirklich Spaß macht.

Neben der nicht ganz so weiten Story ist mein größter Wermutstropfen die deutsche Übersetzung. Je mehr ich mich mit Sprache und Übersetzungen beschäftige, desto mehr fallen mir Schnitzer und Kanten darin auf. Und in diesem Roman sind einige davon drin. Ein Beispiel, es heißt im englischen Original bei der Beschreibung eines überlebensgroßen Xylofons auf einem Spielplatz:

Privately Harper referred to these last as the Xylophone of the Damned.

Im Deutschen steht dort:

Harper nannte das Gerät klammheimlich das Xylofon der Verdammten.

Das ist zwar wörtlich richtig übersetzt, aber in der feinen Bedeutungsebene müsste es insgeheim heißen, nicht klammheimlich. Ich weiß, das ist pingelig und aus dem Elfenbeinturm der Sprachkunst gesprochen, aber mir sind ein paar solcher Schnitzer aufgefallen, die nicht hätten sein sollen und mich jedes Mal aus dem Geschichtenfluss gerissen haben. Und ich gehe soweit, dass das vielleicht nicht jedem auffällt und die wenigsten den Finger drauf legen können, was sie genau stört, aber ich werde nicht der Einzige sein, der darüber stolpert. Ich habe sonst noch nie eine Übersetzung von Ronald Gutberlet gelesen, kann mir also kein Urteil erlauben. Aber hier bin ich eben immer wieder hängen geblieben, was ich schade fand.

Trotz allem, ich lese Joe Hill sehr gerne und bin gespannt, was da sonst noch kommt. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Fireman zu einer ganz guten Serie interpretiert werden könnte.

Fireman von Joe Hill wurde übersetzt von Ronald Gutberlet und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Die Terranauten von T.C. Boyle

Lesestoff: Die Terranauten von T.C. Boyle #Hanser #tcboyle #amreading #terranauts

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Der erste Satz aus Die Terranauten:

Man hatte uns von Haustieren abgeraten, desgleichen von Ehemännern oder festen Freunden, und dasselbe galt natürlich für die Männer, von denen, soviel man wusste, keiner verheiratet war.

T.C. Boyle macht, was er am besten kann: Er nimmt eine historische Fogur oder ein historisches Ereignis und spinnt davon ausgehend eine Geschichte, die Fiktion und Tatsachen so sehr miteinander verwebt, dass man nicht so genau weiß, was nun wahr ist und was Boyle. Diesmal lehnt er sich an die Biosphäre 2 Experimente in den 1990ern und erzählt die Geschichte von acht Terranauten, die zwei Jahre in dieser künstlichen Welt verbringen, erzählt aus drei Ich-Perspektiven.

Während die Basis und der Anfang noch der Realität entsprechen, erforscht Boyle, was hätte passieren können, wenn die Experimente so lange gemacht wären, wie es geplant war. Tatsächlich wurden die Experimente wegen Geldmangels sehr schnell abgebrochen, in Boyles Roman nicht. Also verfolgt man aus drei Sichten – zwei innerhalb der Kuppel, eine außerhalb – das Geschehen. T.C. Boyle weiß, wie er unterhaltsam erzählen kann, immer nah an der Komik, auch in den ernsten Momenten. So führt er uns durch zwei Jahre in der Kuppel, bei denen schnell klar wird, dass das, wenn auch simulierte, Leben in einer Atmosphäre nicht leicht ist, manchmal sogar fast tödlich.

Ich lese schnell, lerne viel Neues und will wissen, wie es weiter geht, ich genieße die Zeit im Roman, all die 600 Seiten. Die Prämisse, mit der T.C. Boyle aber schreibt – ein Grundszenario entwickeln und dann gucken, wo es uns hinführt – führt aber auch zu dem Problem, dass es keine eindeutigen Bögen und Abschlüsse in manch seinen Geschichten gibt. So auch hier. Der Schluss des Romanes ist nicht der Schluss der Geschichte, wenn es sowas überhaupt gibt. Deshalb fühlt sich aber der gewählte Schluss ein wenig beliebig an. Es hätte schon 100 Seiten früher zu Ende sein können, aber auch 100 Seiten mehr. Aber 600 Seiten sind auch Brett. Nun bin ich gespannt auf den kommenden Roman, laut Boyles Aussage auf der Lesung wird es um Albert Hofmann und die Entdeckung von LSD gehen.

Die Terranauten von T.C. Boyle wurde übersetzt von Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Ich habe über den Roman auch im Literaturcafé-Podcast geredet. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Roman: Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro

Lesestoff: Der begrabene Riese von Kathi Ishiguro. #amreading #bookstagram

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Der erste Satz aus Der begrabene Riese:

Nach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England später berühmt wurde, hättet ihr lange gesucht.

Dieses wunderbare Cover, dieser schöne Titel und meine Begeisterung für Alles, was wir geben mussten, mehr brauchte ich nicht, um diesen Roman lesen zu wollen. Es gibt keinen Klappentext und das ist auch kein Wunder, weil die Geschichte tatsächlich extrem schwer in Worte fassbar ist. Es geht um die Reise eines Ehepaares durch England im fünften Jahrhundert, auf der Suche nach ihrem Sohn. Dabei verpasst Ishiguro seiner Geschichte einen spirituellen Anstrich, gibt seiner Geschichte das plus X, welches ich in Geschichten sonst sehr mag. Hier funktioniert es für mich nicht. Über den Großteil des Romanes quäle ich mich durch undurchdringliche Dialoge und eine ebenso wirre Geschichte, die gleichzeitig extrem zäh ist. Der titelgebende Riese kommt dabei nur am Rande vor.

Zwar zieht die Geschichte, das gesamte Buch im letzten Drittel sehr an und insgesamt lässt sie mich doch mit einigen schönen Bildern und Gedanken zurück, aber der Weg dahin ist sehr sehr anstrengend und er ist auch nicht mit toller Atmosphäre oder ausgeschmückter Landschaft versehen. Es ist wirr und langatmig und undurchschaubar. Die erste Hälfte hätte gestrichen werden können, der Roman hätte mindestens so gut funktioniert, wie er es jetzt tut.

Das ist schade, denn es ist mein zweiter Roman von Kazuo Ishiguro und nachdem ich vom ersten extrem begeistert war, weiß ich nach diesem nicht, ob ich das nächste Mal genauso begeistert wieder nach einem seiner Bücher greifen werde.

Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro wurde übersetzt von Barbara Schaden und erschien bei Blessing. Der Verlag hart mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Film & Verlosung: Sieben Minuten nach Mitternacht

Conors Mutter wird bald an Krebs sterben und er kommt überhaupt nicht drauf klar. Er flüchtet sich in seine Zeichnungen und seine Fantasie und sieht sich eines Nachts, sieben Minuten nach Mitternacht, einem Baummonster gegenüber, dass ihm weder etwas Böses will, noch ihm helfen will, sondern ihm Geschichten erzählt, über böse Hexen und gute Könige.

Ich will gar nicht zu tief in die Geschichte einsteigen, es geht um die Beziehung von Sohn und Mutter, um Verlust und natürlich um Liebe.

Ich habe den Roman zum Film noch nicht gelesen, aber in der Vergangenheit hat sich diese Reihenfolge als die bessere herausgestellt. Klar, meine Fantasie wird beschnitten, mir wird vorgegeben, wie Figuren aussehen und wie sie sprechen (Ford Prefect ist meiner Fantasie immer Mos Def). Aber auf der anderen Seite denke ich im Film nicht die ganze Zeit, hey, aber im Buch war das anders. Und da kaum etwas meine eigene Fantasy schlagen kann, kann ich gut auf die Interpretation anderer aufbauen.

Also bin ich ganz unvoreingenommen in den Film und kam fasziniert wieder raus. Sieben Minuten nach Mitternacht ist manchmal düster und ergreifend und dann wieder lustig und leicht, es ist kein Märchen, sondern ein Fantasydrama, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich für Kinder geeignet ist.

Patrick Ness hat den Roman zum Film geschrieben. Wikipedia erzählt den Hintergrund:

Das Buch ist von einer Idee von Siobhan Dowd inspiriert, deren unerwarteter Tod verhinderte, dass sie die Geschichte selbst aufschreiben konnte. Dowd starb 2007 nach drei Jahren Krankheit mit 47 Jahren an Brustkrebs.

Siobhan Dowd wird mehrmals genannt und ich hatte mich im Kino noch gefragt, was dieses ‚inspiriert von‘ bedeutet. Mit diesem Wissen hebt sich die Geschichte auf eine ganz neue Ebene und wenn ich das Buch in den Händen habe, werde ich es auch lesen wollen.

Wie in den Geschichten, die das Monster dem Jungen erzählt, so ist auch der Film selbst nicht in gut und böse aufgeteilt. Und es gibt kein Happy End. Er ist trotz all seiner fantastischen Elemente voller realistischer Gefühle und geht damit ungleich näher, als jedes ‚vielleicht leben sie noch heute‘.

Sieben Minuten nach Mitternacht läuft ab 4. Mai im Kino.

Verlosung:

Studiocanal hat mir zweimal zwei Freikarten fürs Kino plus Roman zur Verfügung gestellt.

Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) mit eurer Adresse und sagt mir, welches Märchen beschäftigt euch bis heute?

Der Zufall entscheidet dann. Einsendeschluss ist Donnerstag, 27. April, 12 Uhr. Dann gehen die Pakete direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

 

Film: Es war einmal in Deutschland…

Ein Jahr nach Kriegsende versucht der jüdische David Bermann mit Freunden, einen Wäschehandel aufzumachen und reist als Handelsvetreter durch die Gegend um Frankfurt. Dank kleiner Tricks und Flunkereien floriert das Geschäft, aber David muss sich gleichzeitig vor den Amerikanern in Acht nehmen. Er steht im Verdacht, mit den Nazis kollaboriert zu haben.

So viel erzählt auch der Trailer. Und wenn es nur nach dem Trailer geht, dann hätte ich mir den Film nicht angesehen. Ich wusste nicht, was mich erwartet, ich habe die Romane von Michel Bergmann nicht gelesen, kenne also auch nicht die Vorlagen, „Die Teilacher“ und „Machloikes“ und der Trailer, als auch die Beschreibungen nennen den Film eine Komödie. Dabei ist er viel mehr.

Was im Trailer plump und extrem verfälschend zusammengeschnitten ist, verschweigt den gesamten Teil der Tragik, die unter dem schwarzen Humor und der fröhlichen Musik liegt. Die Ahnung des Grauens und der Angst, die noch nichtmal ein Jahr her ist. Klar ist der Film auch witzig und ich kann an vielen Stellen lachen. Aber es geht eben auch tiefer. Gerade Moritz Beibtreu, dessen Charakter mir im Trailer noch extrem unsympathisch rüberkommt, zeigt, was alles unter dem Chuzpe liegt, den er vor sich herträgt. Dazu kommt ein durch das Setting, die Geräusche, die Musik und den Farbton (der in Nebel im August schrecklich war) ein Gefühl auf, dass sich authentisch gibt.

All das macht „Es war einmal in Deutschland…“ zwar nicht zu dem großen Kinohit des Jahres, aber zu einem netten sehenswerten Film, der auch viel Lust auf die zugehörigen Romane macht. Und der einen besseren Trailer als den vorliegenden verdient hat.

Es war einmal in Deutschland… läuft seit 6. April im Kino, und basiert (lose?) auf den Romanen „Die Teilacher“ und „Machloikes„, geschrieben von Michel Bergmann und erschienen bei dtv. X-Verleih hat mir die Kinotickets zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Armada von Ernest Cline, gelesen von Gerrit Schmidt-Foß

Neues auf die Ohren: Armada von Ernest Cline, gelesen von Gerrit Schmidt-Foß. #argon #amlistening #hoerbuch

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Der erste Satz aus Armada:

Ich starrte gerade aus dem Fenster des Klassenraums und träumte von Abenteuern, als ich die fliegende Untertasse entdeckte.

Zack Lightman ist der 0815-Nerd, der ohne Vater aufwuchs und sehr gern sein Lieblingscomputerspiel „Armada“ zockt, bis er bemerkt, dass „Armada“ zwar auch ein gutes Spiel ist, bei dem man hilft, die Erde vor den Angriffen der Außerirdischen zu schützen, aber in erster Linie dazu dient, Computerspieler zu trainieren und die besten Spieler herauszusuchen.

Sowohl in seinem Film „Fanboys“, als auch im ersten Roman „Ready Player One“ arbeitet Ernest Cline mit extrem vielen Popkulturreferenzen. Einerseits finde ich das gut. Wie oft frage ich mich bei Zombiefilmen/-serien/-romanen, wieso es in der jeweiligen Realität noch nie einen anderen Zombieroman/-film/-serie gibt, noch nichtmal das Wort „Zombie“ existiert. Bei Cline wissen die Leute in seinen Geschichten, was wir wissen. Wenn wir es wissen. Und das ist der feine Grat zwischen „die Anspielung habe ich gerade verstanden“ und „da gehts um irgendwas, was ich nicht kenne“. Hier packt mir Cline zu viel rein, zu viele Anspielungen, zu viele Selbstverständlichkeiten, von denen ich irgendwann auch denke, dass sie die eigene Geschichte mehr verdecken, als sie zu bereichern.

Die eigene Geschichte ist gut, lehnt an reale Ereignisse an (der Bradley Trainer oder America’s Army) und ich habe großen Spaß sie zu hören und will wissen, wie es weiter und ausgeht. Sie unterhält sehr, ich höre mir die 12 Stunden in drei Tagen an, wie eine Serie, die man durchguckt, nur dass ich nebenher unterwegs sein kann. Aber leider ist mir an vielen Stellen zu plump erzählt. Viele Andeutungen sind zu offensichtlich, viele Momente nicht gut genug in der Geschichte verwebt, sodass mir viele Wendungen in der Geschichte klar sind, bevor sie passieren, weil es eben doch nicht nur Andeutungen sind. Das fand ich in Ready Player One konsistenter. Trotzdem, ich habs mir sehr gern angehört. Natürlich auch wegen Gerrit Schmidt-Foß.

Ich kenne ihn schon lange als Synchronsprecher- vor allem von Leonardo DiCaprio und Jim „Sheldon Cooper“ Parsons – aber habe ihn nie als Hörbuchsprecher gehört. Anfangs fällt es mir schwer, seine Stimme als die eines Jugendlichen anzunehmen, aber nach der Eingewöhnungszeit war ich voll drin. 12 Stunden sehr gut unterhalten gewesen.

Kein Nachhall, kein tagelanges Grübeln über die Moral. Aber Unterhaltung. In diesem Fall reichte es vollkommen. Gerne wieder.

Armada von Ernest Cline wurde gesprochen Gerrit Schmidt-Foß und übersetzt von Sara Riffel. Das Buch erschien bei Fischer-Tor, das Hörbuch bei Argon. Argon hat mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt.

PS: Schön: Fischer-Tor hat sich auch die Rechte für Ready Player One geholt, sodass die Bücher beim selben Verlag und mit einem einheitlichen Design kommen. Nicht so schön: Ich mag die Cover überhaupt nicht. Sorry.

Roman: Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes

Lesestoff: Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes. #btb #amreading

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Der erste Satz aus Vom Ende einer Geschichte:

Ich erinnere mich in ungeordneter Reihenfolge an:

Tony ist mittlerweile ein alter Mann, aber in seiner Jugend war Adrian sein wichtigster Freund. Sie haben sich vor Jahrzehnten aus den Augen verloren und Tony kann nur immer wieder seine Erinnerungen auffrischen. Bis er genau diese hinterfragen muss.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/158963986362/dieses-letzte-bild-habe-ich-nicht-wirklich

Im Nachhinein ist die Geschichte, die Barnes erzählt, nicht besonders komplex und vielleicht auch nicht unglaublich außergewöhnlich. Im Nachhinein war alles schonmal da. Aber Barnes etabliert eine Wahrheit, die er dann langsam dekonstruiert und ich kann nicht anders, weiterzulesen, weil ich doch wissen will, was die andere Wahrheit ist.

Barnes füllt diese kurze Geschichte mit Gedanken und Reflexion, erzählt die Anfänge von Tony und Adrian aus Tonys Sicht und überspringt dann knapp 40 Jahre, um dann den Anfang auseinanderzunehmen. Ich mochte viele der Gedanken, viele Sätze hätte ich mir anstreichen können. Aber manchmal fällt er in den Ton eines belehrenden alten Mannes, der sich anhört, als ob er alles weiß. Ironisch, weil es ja gerade darum geht, dass er nicht alles weiß.

Das Buch lebt von seiner Atmosphäre, von seinen Gedanken, von seinen Worten. Gelesen habe ich es, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Und ich habe es sehr gern gelesen.

Vom Ende einer Geschichte von Julian Barnes wurde übersetzt von Gertraude Krueger und erschien bei btb.

Sachbuch: Talk like TED von Carmine Gallo

Nachdem ich bestätigt bekommen habe, dass ich meinen TEDxStuttgart Talk halten werde, bekam ich dieses Buch als „Hausaufgabe“: Talk like TED. Carmine Gallo ist Sprecher und Coach für Sprecher und hat schon mehrere Bücher über über das Halten von Vorträgen geschrieben, die alle so klingen, als ob sie sich inhaltlich extrem ähnlich sind.

Vielleicht, wenn man nicht Sprechkunst studiert hat, lernt man ein paar Sachen durch das Buch. Wenn nicht, dann hat man, trotzdem Spaß beim lesen und wird an ein paar Sachen erinnert. Das größte Problem des Buches ist seine amerikanische Art. Bevor das Buch losgeht, muss ich mich durch Seiten Eigenlob lesen. Gallo legt den Penis auf den Tisch und erklärt mir ganz genau, wieso er der Beste ist, dieses Buch geschrieben zu haben. Und viele Sachen werden nicht einmal, sondern siebenmal bekräftigt, damit es auch jeder Leser verstanden hat. Das macht das Lesen anstrengend und Gallo erstmal sehr unsympathisch und suspekt. Wer sich selbst so anpreisen muss, der kann nicht so gut sein, wie er behauptet. Der Eindruck verfliegt im Laufe des Buches. Aber dafür muss man auch weiterlesen und nicht abgeschreckt sein.

Talk like TED ist ähnlich zu vielen Ted Talks: Es ist unterhaltsam, enthält schöne Anekdoten und eigentlich ist der Großteil des Inhalts bekannt, aber es ist trotzdem schön, immer wieder mal daran erinnert zu werden, es immer wieder zu hören.

Talk like TED von Carmine Gallo erschien bei Macmillan. Die deutsche Version wurde übersetzt von Silvia Kinkel und erschien beim Redline Verlag.

Serie: Sneaky Pete

Ich habe mir die erste Folge von Sneaky Pete nur angesehen, weil ich Giovanni Ribisi mag. Ich mochte ihn als Bruder von Nicholas Cage in „Nur noch 60 Sekunden“ und seitdem ich gucke ich ihn mir gerne an, so auch hier:

Ribisi spielt Marius, einen Trickbetrüger, der aus dem Gefängnis kommt und innerhalb einer Woche 100.000 Dollar zusammenbekommen muss, um seinen Bruder freikaufen zu können. Dafür gibt er sich als Pete, seinen Zellengenossen aus und schleicht sich in die Familie ein, um von ihnen das Geld zu bekommen. Stattdessen wird er in die Probleme dieser Familie gezogen.

Sneaky Pete hinterlässt nach der ersten Folge ein gutes Gefühl, das könnte eine nette Trickbetrügerkomödie werden, ich musste oft an Hustle denken. Stattdessen wird die Serie zeitweise ziemlich düster und ernster, als ich gedacht hätte. Dabei verliert sie trotzdem nicht ihren Charme, sondern balanciert zwischen Komödie und Thriller, hat geile Schauspieler, unter anderem Bryan Cranston, der sich spätestens seit Breaking Bad sehr wohl fühlt in der Rolle des Bösen.

Das wird bestimmt nicht meine Lieblingsserie und sie ist nicht überragend, aber sie ist mehr als solide. Sie ist gut, ich habe sie gern angesehen und ich bin sehr gespannt auf die zweite Staffel, weil dieser letzte Cliffhanger wirklich gut ist.

Eine Sache, die mir nicht nur bei dieser Serie in letzter Zeit aufgefallen ist: Die Freiheit, sich nicht sklavisch an eine bestimmte Laufzeit für jede Folge halten zu müssen – sie ist ja nicht für einen bestimmten Slot im Fernsehen gedacht – tut den aktuellen Serien gut. Sie können atmen, wo sie atmen müssen und sie können kürzer sein, wo sie früher unnötig lang gewesen wären. Deswegen schwankt auch bei Sneaky Pete die Laufzeit der Folgen zwischen 45 und 55 Minuten.

Sneaky Pete ist für Amazon Prime Kunden kostenlos und allen anderen leider erstmal vorenthalten. Ich verstehe nicht, wieso Amazon die Eigenproduktionen nicht auch für alle anderen zumindest käuflich verfügbar macht. Seit 17. Januar gibts die erste Staffel auf Englisch, die deutsche Synchronisation folgt am 17. Februar.

Roman und Hörbuch: Das Nest von Cynthia D’Aprix Sweeny, gelesen von Johann von Bülow

Der erste Satz aus Das Nest geht über die halbe erste Seite und ist wohl der längste im ganzen Buch. Ein Buch über die mittlerweile erwachsenen vier Geschwister Plumb, die eigentlich jeweils 500.000 Euro aus einem Fond bekommen sollten, wenn Melody, die Jüngste, 40 wird. Aber wenige Monate vorher verursacht Leo, der Älteste, einen Vorfall, der das Geld fast vollkommen aufbraucht.

Die Geschwister hatten mit dem Geld gerechnet, das Leben damit geplant und haben jetzt mehr oder weniger Probleme. Und sie müssen, obwohl ihre Leben weit auseinander gedriftet sind, sich wieder miteinander beschäftigen.

Cynthia D’Aprix Sweeney erzählt ausschweifend, detailliert, breit. Es geht nicht nur um die vier Geschwister, sondern auch um ihre Mutter, ihre Kinder und Lebenspartner, ihre Arbeitskollegen und sonstige Menschen, die mit ihnen zusammentreffen. Wir lernen die Hintergründe, die Motivationen und die Wünsche kennen. Und Dutzende Handlungsstränge. nach einem Drittel des Romans ist mir klar, dass es gar nicht um die Familie geht und wie sie ihre Geldprobleme lösen. Sondern um das Gesellschaftsbild, welches D’Aprix Sweeny zeichnet. Dieses ist tatsächlich spannend, weil sie immer wieder Charaktere erzählt, die ich kenne, die jeder aus seinem Leben kennt. Insofern lache und nicke ich und sage, jaja, kenn ich auch! Und am Ende bin ich auch berührt.

Aber Das Nest hat auch extrem langatmige Strecken. Episoden, bei denen ich mir bis heute nicht sicher bin, ob ich sie gebraucht hätte. Machmal kommt mir die Grenze dessen, was noch erzählt wird, und was dann zu viel ist, willkürlich vor.

Bevor ich das Buch angefangen habe, war ich auf der Lesung von Cynthia D’Aprix Sweeney und Johann von Bülow, der das Hörbuch gesprochen hat. Natürlich weiß sie, welche Stellen sie heraussuchen muss, natürlich kann er die Stellen so lesen, dass man Lust auf mehr hat. Also höre ich mir das gesamte Buch an, 12 Stunden.

Ich bin oft überrascht, auf der Bühne liefert Johann von Bülow eine großartige Show und es ist toll, ihm zuzuhören. Aus 12 Stunden gedehnt fällt er mir zu oft in einen coolen Duktus, lässt fast alle Figuren mit einer ähnlichen Art von Überheblichkeit sprechen und denken, sodass ich mir manchmal denke, vielleicht hätten sie anders gewirkt, wenn ich es selbst gelesen hätte. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob ich es tatsächlich komplett gelesen hätte, weil, wie gesagt, war er mir Streckenweise viel zu lang.

Ich weiß, Das Nest ist international erfolgreich und wird für Amazon verfilmt. D’Aprix Sweeney, sie schreibt auch das Drehbuch, meinte nach der Lesung zu mir, dass viel gekürzt wird, um den Stoff auf Filmlänge zu bekommen. Das kann dem Buch ganz gut tun. In der jetzigen Form fand ich Buch und Hörbuch nett, aber in keine Richtung herausragend.

Das Nest von Cynthia D’Aprix-Sweeney wurde übersetzt von Nicolai Schweder-Schreiner und erschien bei Klett-Cotta. Das Hörbuch wurde gesprochen von Johann von Bülow und erschien bei Der Audio Verlag. Der Verlag hat mir Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.

Roman: Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer

Lesestoff: Ymir von Philipp Krömer. #dasdebut #homunculus #bookstagram #amreading

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Der erste Absatz aus Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel:

Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.

Klopfen Sie!

Eine Expedition dreier Gesandter aus Deutschland in ein scheinbar bodenloses Loch in Island knapp vor dem 2. Weltkrieg. Der Lyriker unter diesen dreien erzählt diese Geschichte, die schon in der Rahmenhandlung etwas ausschweifendes, phantasierendes hat.

Anfangs war ich gespannt und habe mich gerne in diese Geschichte fallen lassen, die hier und da an Jules Verne erinnerte, er wird auch erwähnt, wie kann es auch anders sein bei einer Geschichte, die eine Expedition in das Innere der Erde beschriebt.

Die Sprache hat etwas zwischen Tristram Shandy und den Zamonien Romanen von Walter Moers. Unterhaltsam, definitiv. Und natürlich will ich wissen, wie es weitergeht, obwohl ich mit der nordischen Mythologie und der Geschichte von Ymir überhaupt nichts anfangen kann. Aber gerade in der Sprache will Philip mir einfach zu viel. Ich will selbst denken können, mitraten und meine Assoziationen haben können. Das wird mir hier nicht erlaubt, weil Krömer auf so vielen Ebenen Wortspiele, Referenzen und Auflösungen hintereinanderpackt, dass ich gar nicht die Chance habe, meinen eigenen Kopf anzustrengen.

Deshalb blieb Ymir für mich eine nette Geschichte, die bei einem minimalerem Erzählstil sich hätte mehr entfalten können.

Ich habe über das Buch auch im Podcast des Literaturcafé geredet.

Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philipp Krömer erschien beim homunculus verlag und steht auf der Shortlist des „Das Debüt 2016“ Bloggerpreises. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Gedichte: Hold Your Own von Kate Tempest

Lesestoff: Hold Your Own von Kate Tempest. #amreading #katetempest #suhrkamp #nofilter #lyrik #bookstagram #books

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Die erste Strophe aus Hold Your Own:

Picture the scene:
A boy fifteen.
With the usual dreams
And the usual routine.

Lyrik und ich, wir werden echt selten warm. In meinem Sprechkunststudium bin ich immer wieder mit ihnen in Kontakt gekommen. Wenn es gefunkt hat, dann richtig. Aber das passiert eben nicht oft. Ich möchte Geschichten lesen und diese fehlen mir bei Lyrik oft. Ich habe Hold Your Own gelesen, weil ich von dem Roman von Kate Tempest sehr mochte. Ich weiß von ihren Songs, dass dort die Protagonisten des Romans wieder auftauchen. Ich hoffte, das sei auch hier der Fall. Ist es nicht, zumindest nicht direkt. Aber man liest aus ihren Gedichten das selbe Milieu heraus, die gleichen Probleme, die gleichen Themen.

Aber eben in Gedichten. Wenn ich die Geschichte in ihnen finde, funktioniert das für mich. In seltenen Fällen, wenn ich nur die Atmosphäre spüre. Es gibt Sätze, Passagen oder ganze Gedichte, die ich mag.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/153182242812/the-world-is-getting-stranger-every-day-youre

Aber größtenteils bin ich darauf zurückgeworfen, wenigstens den Flow zu spüren, den Rhythmus, der den Originalfassungen so stark inne wohnt, dass man nicht drumherum kommt, ihn zu spüren. Dies ist das Tolle an dieser Version: Man bekommt die Originalfassung neben der deutschen Übersetzung. Leider kommt diese überhaupt nicht an das Original ran. Ich ahne, wie schwer Lyrikübersetzungen sind. Diese reicht, um mal etwas nachzusehen, was man im englischen nicht versteht, aber sie ist in keiner Hinsicht ein Ersatz.

Ich werde mir wohl keine Gedichte mehr von Kate Tempest durchlesen, da warte ich lieber auf ihren nächsten Roman.

Hold Your Own von Kate Tempest wurde übersetzt von Johanna Wange und erschien bei suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch und Film: Nebel im August (und nebenbei: Der Anhalter)

Lesestoff: Nebel im August von Robert Domes. #cbt

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Das Buch:

Der erste Satz aus Nebel im August:

Die Tür zum Vorraum steht einen Spalt offen, dort brennt eine Glühbirne, doch ihr funzeliges Licht schafft es kaum bis ins Krankenzimmer.

Robert Domes hat so etwas wie einen Tatsachenroman geschrieben, über Ernst Lossa:

Ernst Lossa (* 1. November 1929 in Augsburg; † 9. August 1944 in Irsee) war eine Halbwaise aus der Minderheit der Jenischen, die in der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie, der Aktion Brandt, ermordet wurde und durch die Aufarbeitung dieses Mordes nach 1945 exemplarische Bekanntheit erlangte. Ernst wuchs in Kinderheimen auf und wurde in der Zweiganstalt Irsee der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee im Alter von 14 Jahren durch Injektion eines tödlichen Mittels ermordet.

Wikipedia-Artikel Über Ernst Lossa

Domes hat diese Geschichte weiter recherchiert und faktennah fiktionalisiert. Leider liest man dem Roman an, dass er an die Zielgruppe „Jugendliche, die in der Schule gerade Anne Frank durchgenommen haben“ gerichtet ist. Einerseits formal, einige Worte sind mit * versehen und werden im Glossar erklärt. Nur sind da Worte bei wie KZ, Rommel und die Braunen. Worte, bei denen ich mir vorkomme, wie ein dummer Junge, weil Domes denkt, er müsse sie mir erklären. Aber auch vom Sprachstil wird nicht nur über einen Jungen geredet sondern auch so, als würden junge Menschen angesprochen. Domas hat streckenweise einen Erzählton drauf, der an Großväter erinnert, die ihren Enkeln in einfachen Worten eine Geschichte erzählen. Ich hatte durch diese Kniffe oft das Gefühl, als Leser nicht ernst genommen zu werden, was ich sehr schade fand.

Inhaltlich ist es dennoch ein sehr spannendes Buch, in dem nicht nur über die Euthanasie der NS-Zeit berichtet wird, sondern auch über die Willkür, mit der Menschen in eine Irrenanstalt gesteckt werden, die dort überhaupt nichts zu suchen hatten.

Kurze Nebenempfehlung und Erklärung, warum mich besonders dieser Aspekt so angetriggert hat: Die Audiodokumentation „Der Anhalter“, die von Hörweiten für den WDR produziert wurde. Es geht um Heinrich, einen Anhalter auf dem letzten Weg zu Dignitas in der Schweiz, der eine grausame und erschütternde Lebensgeschichte hat, der auf den Grund gegangen wird. Zweieinhalb spannende und extrem gut gemachte Stunden Audiodokumentation, extrem hörenswert. Dort geht es unter anderem auch um eben jene Willkür, mit der Menschen auch nach 1945 in Irrenanstalten und Psychiatrien gesteckt worden sind, Heinrich ist dies nämlich passiert.

Ich hatte „Der Anhalter“ kurz vor lesen dieses Romanes gehört und dieser Aspekt des Romanes war für mich der große neue, der Teil, der bis heute aktuell ist: Dass jemand ganz Normales unter dem Deckmantel der Verrücktheit der Euthanasie zum Opfer fällt.

Insofern hat mich der Roman, obwohl ich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, berührt und zum Nachdenken gebracht. Dafür ein großes Lob.

Der Film:

An heute läuft die Verfilmung des Romanes im Kino. Gut produziert, mit großen Schauspielern wie Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt und Henriette Confurius, mit sehr gut ausgesuchten Jungschauspielern für Ernst (Ivo Pietzcker) und seiner ersten Liebe Nandl (Jule Hermann) und einer unglaublich berührenden Szene mit Karl Markovics als Ernsts Vater. Für mich die beste Szene im ganzen Film. Trotzdem hatte ich meine großen Probleme mit dem Film.

Damit der Film nach 1943 aussieht, ist er mit einem Sepiafilter überzogen, im Trailer sieht man das ganz gut bei den Ernteszenen. Das Problem mit Sepia in deutschem Film: Es sieht alles aus wie ein Film von Til Schweiger. Seit Barfuss hat jeder seiner tragikkomischen Filme diese Sepia-Ästhetik. Was dazu führt, dass ich die erste halbe Stunde bei Nebel im August darauf warte, dass es gleich witzig wird, dass gleich Til Schweiger oder seine Tochter zu sehen sind. Passiert natürlich nicht, aber dieses Gefühl ist da. Und das ist schade, denn das Thema hat mehr Ernsthaftigkeit verdient.

Ungleich schlimmer ist aber die Verlagerung der Prioritäten. Denn während das Buch für seinen Reiz darin hatte, zu zeigen, wie brutal und willkürlich das System auch normalen Menschen gegenüber war (und das auch noch lange nach der NS-Zeit), legt der Film seinen Fokus wieder auf die Euthanasie und macht gleichzeitig aus Ernst ein Märtyrer, der sterben musste, weil er sich auflehnte.

Keine Frage, es ist gut, weiterhin über Euthanasie zu reden. Aber das spannende, erschütternde Neue war für mich etwas, was im Film komplett weggefallen, sogar ins Gegenteil verfälscht ist.

Damit wird aus dem Film zwar ein guter Film über die Euthanasie, schafft es aber nicht, die bis heute aktuellen Themen so aufzugreifen, wie sie im Buch noch angelegt sind.

Über dieses und noch ein paar andere Bücher habe ich auch mit Wolgang Tischer von literaturcafe.de seinem Podcast geredet.

Nebel im August von Robert Domes erschien bei cbt. Der Film ist seit. 29. November im Kino zu sehen. Ich habe ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt bekommen.