Roman & Hörbuch: 180° Meer von Sarah Kuttner

Der erste Absatz aus 180° Meer:

Ich bin kein schöner Mensch.
Meine Aura ist irgendwie zahnfarben. Nicht offwhite, nicht creme. Nicht einmal neutral beige.

Ich denke: Cool, ein neuer Roman von Sarah Kuttner. Muss ich nicht wissen worum es geht, ich habe ihren ersten gelesen und die Verfilmung gesehen und den zweiten als Hörbuch gehört. Sie ist nicht die perfekte Vorleserin, aber ähnlich wie Thees Uhlmann kann sie ihre Protagonisten mit Leben füllen. Und sie schafft es, dass ich immer wieder denke, ja! Genauso ist es. Sie ist Meisterin der Identifikation, der Findung von passenden Worte für Situationen, die ich, die wir alle kennen. Zumindest war das so.

Noch keine fünf Minuten im Hörbuch und ich ahne, dass es diesmal anders ist. 6 Stunden später bin ich mir sicher. Ich mag Sarah Kuttner. Ich mag ihre Sendung Kuttner plus Zwei. Ich will dieses Buch mögen und gut finden. Kann ich aber nicht.

Klar, da sind immer noch viele kleine Identifikationsmöglichkeiten, viele schöne Metaphern, viele schöne Worte. Aber die große Story einer mittelmäßigen Sängerin, deren Leben zusammenbricht und sie einfach so für Monate nach London zu ihrem Bruder zieht und ihren todkranken Vater nicht besuchen und auch sein Geld nicht haben will, weil er die Familie damals verlassen hat, funktioniert für mich überhaupt nicht.

Die anderen Bücher waren Geschichten von Menschen, die wie du und ich sind. Oder wie Freunde von uns. Das funktioniert diesmal nicht. Diese Story kann ich einfach nicht glauben. Dazu kommt noch ein komischer Sprachgebrauch, der früher entweder nicht da war oder mir nicht aufgefallen ist, eine Art von Derbheit, bei der ich an Charlotte Roche denken musste, die hier aber gewollt klingt.

Dann das Hörbuch. Was beim letzten wirklich gut funktioniert hat, geht hier vollkommen schief. Das liegt erstens an ihrer Stimme. Ich weiß nicht genau, was kaputt ist, aber irgendwas ist kaputt. Ich meine mich erinnern zu können, auch schonmal gehört zu haben, dass wegen irgendwas ihre Stimme sehr kratzig und schwach ist. Was in der Sendung für ein paar Anekdoten und Fragen noch reicht, funktioniert auf Dauer überhaupt nicht. Mir fällt es schwer, Kuttners Stimme über lange Zeit zuzuhören.

Zweitens fallen mir falsch ausgesprochene Worte mittlerweile viel zu sehr ins Gewicht. Es heißt nicht ebend. Es heißt eben. Sobald mir das einmal aufgefallen ist, werde bei jedem weiteren ebend nur noch verrückter. Und das bleibt ja nicht das einzige Wort.

Drittens und am Schlimmsten: Kuttner liest nicht konsequent. Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Hörbuch zu lesen. Entweder bin ich der Erzähler und erzähle die Geschichte aus der Haltung des Erzählers. Dann gucke ich von außen auf die Handlung und kann sie auch kommentierend lesen. Oder ich bin der Protagonist. Dann bin ich traurig, wenn der Protagonist traurig ist. So hat Kuttner das letzte Buch gelesen. Bei diesem wechselt sie zwischen diesen Positionen. Manchmal hat sie die Emotion und Haltung der Protagonistin, gibt Jule also ihre Stimme, manchmal ist sie aber Sarah Kuttner, die diese Geschichte liest und eben auch kommentiert. Dann höre ich ein Lächeln an Stellen, an der ich als Zuhörer lächeln kann, Jule aber auf keinen Fall lächeln wird. Spätestens diese Inkonsequenz macht mir das Hörerlebnis vollends kaputt. Ich kann sie leider nicht ernst nehmen.

180° Meer ist weder die auf dem Klappentext versprochene Roadnovel, noch das Buch oder Hörerlebnis, das ich mir von Sarah Kuttner erhofft habe. Ich kann ihn nicht empfehlen, weder das Hörbuch, noch den Roman. Ich hoffe auf den nächsten. Solange sehe ich mir ihre Sendungen an.

180° Meer von Sarah Kuttner erschien als Roman bei S. Fischer, das Hörbuch erschien bei Argon. Beide Verlage haben mir Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt.

 

 

 

Roman: Das Alphabet der letzten Dinge von James Hannah

Neuer Lesestoff: Das Alphabet der letzten Dinge von James Hannah. Schönes hochwertiges Cover. Samt Lesebändchen!

A photo posted by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus „Das Alphabet der letzten Dinge„:

Ich weiß genau, was du jetzt zu mir sagen würdest.

Ivo liegt im Hospiz, mit vielleicht Mitte 40,  liegt im Sterben. Damit das Sterben nicht zu sehr die Gedanken füllt, geht Ivo das Alphabet durch und füllt es mit Erinnerungen aus seinem Leben und vor allem mit Erinnerungen an die Liebe seines Lebens, Mia. Boy lost girl. Und in den letzten Zügen seines Lebens versucht er, sein Gewissen klar zu bekommen.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/146499332642/ich-möchte-ihr-sagen-ich-kann-dich-verstehen

Ähnlich wie beim „Wörterbuch der Liebenden“ arbeitet Ivo sich von A bis Z und erinnert sich Geschichten aus dem Leben. James Hannah erzählt auf eine direkte Weise, manchmal naiv, manchmal skurril und ziemlich oft traurig und lustig. Das erste Drittel des Romans haben eine Freundin und ich uns gegenseitig vorgelesen und wir hatten Spaß. Den hatte ich auch beim Rest.

Trotzdem hatte ich immer wieder einen schalen Geschmack beim lesen. Auf der einen Seite ist der Klappentext so plump und heischend, er verrät zu viel und zwingt den Leser, durch den Text zu eilen, um endlich das große Geheimnis zu erfahren. Das ist schade, denn der Weg dahin ist ziemlich schön, wenn man ihn genießen kann.

Auf der anderen Seite gibt es Aspekte in Ivos Leben, mit denen ich nicht klar komme. Entscheidungen, die ich als Leser einfach nicht nachvollziehen kann. So nah ich ihm in manchen Situationen bin, in anderen gar nicht bei ihm, weil ich denke, ich und zu viele andere Menschen würden nie so handeln. Aber dann, vielleicht doch. Ich weiß es nicht, aber mir hat das manchmal ein komisches Gefühl gegeben. Das Ende dagegen ist ein intensives, das mich erstmal einen Moment still sitzen hatte lassen.

Das Alphabet der letzten Dinge“ ist ein Buch mit einem tollen Cover und einer schönen Geschichte, die mir durch den Klappentext verleidet wurde und mich von Zeit zu Zeit nicht ganz überzeugen konnte. Dennoch habe ich sie gern gelesen.

Das Alphabet der letzten Dinge“ von James Hannah wurde übersetzt von Eva Bonné und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Willkommen in Night Vale von Joseph Fink und Jeffrey Cranor

Lesestoff: Willkommen in Night Vale von Joseph Fink und Jeffrey Cranor. Urban Fantasy, baby.

A photo posted by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Absatz aus Willkommen in Night Vale:

Die Geschichte von Night Vale ist lang und verschlungen, sie reicht Tausende Jahre zurück, bis zur ersten Besiedelung der Wüste.

Darum wird es im Folgenden nicht gehen.

Worum es überhaupt geht in diesem Roman, ist für ziemlich lange Zeit nicht klar. Aber auch nicht wichtig. Willkommen in Night Vale lebt von seiner Skurrilität, sowohl in den Figuren und in der Geschichte, aber auch im Schreibstil.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/145702602327/die-ganze-welt-ist-eine-grafik-die-dir-wenn-du

Ursprung dieser Welt, die Fink und Cranor in diesem Roman beschreiben, ist ein Podcast, in zweimal im Monat die Neuigkeiten der Stadt Night Vale im Stil von Radiosendungen verteilt. Es gibt mittlerweile mehr als 80 Episoden, ein paar Sondersendungen, Live-Shows und im englischen Raum mehr als ein Buch. Heißt, wenn man, wie ich, nur dieses Buch liest, dann weiß man nicht, wie viele Insider man verpasst.

Im ersten Drittel des Buches war ich fasziniert von der Unvorhersehbarkeit, den skurrilen Figuren und dem immer wieder irritierendem Stil. Im zweiten Drittel fand ich genau diese Dinge dann anstrengend. Da fehlte mir eine Story,  die mich dazu bringt, weiterzulesen. Weil sich dann doch irgendwann alles im Kreis dreht. Das macht ne Weile Spaß, dann wird es anstrengend.  Das letzte Drittel dagegen zieht wieder an, da greift dann endlich die Story und zumindest ein paar der viel zu vielen Fäden laufen dann endlich zusammen.

Willkommen in Night Vale ist ein abgefahrenes Buch, welches sich nicht einfach einordnen lässt. Ich kann nicht sagen, für Fans von was das Buch funktioniert. Deshalb am besten die Leseprobe antesten und wem der Stil gefällt, der wird auch mit dem Rest des Buches seinen Spaß haben. Alle anderen: Sorry, nicht alle Welten öffnen sich jedem.

Willkommen in Night Vale von Jeffrey Cranor und Joseph Fink wurde übersetzt von Wieland Freund und Andrea Wandel und erschien bei der Hobbit Presse bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Manche der Links gehen zu Amazon, ihr seid aber mündig. Holt euch eure Bücher, wo ihr wollt.

Roman: Das Syndrom von John Scalzi

Der erste Satz aus Das Syndrom:

Zufällig fiel mein erster Arbeitstag auf den ersten Tag des Haden-Streiks, und ich gebe ehrlich zu, dass es ein ungünstiges Timing war.

Erinnert ihr euch an Schmetterling und Taucherglocke? An das Locked-In-Syndrom? Stellt euch vor, ein Grippevirus sperrt die Bewusstseine eines signifikanten Anteils der Menschheit in ihre Körper, sodass sie sich nicht mehr bewegen können. Wenn das genügend wichtige Leute betrifft, wird auch etwas dagegen gemacht. In Scalzis Version wird den eingesperrten Menschen, die Haden genannt werden, ein Roboter zur Verfügung gestellt, den sie anstatt ihres eigenes Körpers verwenden, um Teil der Gesellschaft zu sein. Chris ist ein Haden und fängt beim FBI an.

Scalzi baut ein spannendes Science-Fiction-Szenario und lässt darin einen klassischen Krimi spielen Mit Mord und Komplott und Verschwörung. Samt Partnerin, die ihn auf Trab hält. Nur eben ein Stückchen in der Zukunft.

Ich lese Krimis nicht so häufig. Und wenn, dann nicht des Krimis, sondern des Settings wegen. Wie bei William Shaw, dessen Bücher in den 1960ern in London spielen. Bei bei Lauren Beukes, deren Realität immer noch ein gewisses Extra haben. Bei Scalzi ist es genauso. Und dazu kommt, dass Scalzi sehr unterhaltsam, sehr filmisch erzählt: Schnelle Schnitte, gute Dialoge und eine gut verfilmbare Story. Ich habe den Roman in zwei Zugfahren runtergelesen und hatte meinen Spaß dabei, auch wenn es mir manchmal zu viele Namen und Personen auf einmal waren. Zeitweise war ich verwirrt, wer nun wer ist.

Und eine Sache, die Scalzi sich hätte sparen können: Bevor der Roman beginnt, findet man sowas wie einen Wikipedia-Eintrag, der die ganze Sache mit dem Locked-In-Syndrom und den Robotern erklärt. Das bräuchte er nicht. Innerhalb der ersten Seiten der Geschichte versteht man sowieso, wo wir uns befinden und worum es geht. Der Lexikoneintrag macht den Leser dümmer, als er ist. Schade drum.

Die größten Sachen, die mich stören, betreffen aber nicht Scalzi, sondern die deutsche Umsetzung: Das Cover kommt überhaupt nicht an die Geschichte ran und verprellt mögliche Leser. Schlimmer noch, der Titel: Der englische Titel, „Lock In“, konnte wohl nicht verwendet werden, weil der Verlag ein halbes Jahr später einen Roman mit dem Titel „Locked In“ veröffentlicht hat. Dieser heißt im Original „Try Not To Breathe“. Was sind das denn für Überlegungen, so ein Titelchaos anzurichten, das ja nur noch mehr Probleme anrichtet?

Während „Lock In“ schon ziemlich genau sagt, worum es im Roman geht, ist „Das Syndrom“ ein so offener Titel, dass sich niemand etwas drunter vorstellen kann, besonders in Verbindung mit dem Cover. Wenn man also Scalzi nicht kennt, wird man hier leider nicht anfangen ihn zu lesen. Was schade ist, mir hat’s Spaß gemacht. Und ich ahne, dass es noch weitere Geschichten in diesem Setting geben wird. Dafür macht diese Welt zu viel Spaß. Wer nach diesem Roman gleich weiterlesen will, der amerikanische Originalverlag, Tor, hat auf ihrer Homepage eine Kurzgeschichte veröffentlicht, die zum Roman gehört, die die Entstehung der Welt noch besser erklärt: „Unlocked

Achja, und: lest nicht den Klappentext. Er stimmt nicht. Wer hätte das gedacht.

Das Syndrom von John Scalzi wurde übersetzt von Bernhard Kempen und erschien bei Heyne. Der Roman hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Das Lied des Quarktiers von Jasper Fforde

Lesestoff: Das Lied des Quarktiers von Jasper Fforde.

A photo posted by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus Das Lied des Quarktiers:

Ich arbeite in der Zaubererindustrie.

Das also ist Teil der der Drachentötertrilogie von Jasper Fforde. Der Roman setzt da ein, wo „Die letzte Drachentöterin“ aufhört: Die Drachen leben, Jennifer Strange war für eine Zeitlang berühmt und das Quarktier hat sich geopfert, damit alle anderen leben können. Danach geht das Leben in der Zaubereragentur KAZAM geht so absurd weiter, wie es immer war. Nur dass es neue Probleme gibt.

Eigentlich total egal. Bücher wie diese liest man nicht der Geschichte, sondern des Lesevergnügen wegen. Das macht den Klappentext auch so schlecht. Um überhaupt etwas sagen zu können, verrät er Dreiviertel des Buches. Aber da das Teil 2 einer Trilogie ist, werden eh kaum Menschen bei diesem Buch anfangen. Wieso also der krude Versuch, die Story auf dem Klappentext wiederzugeben? Wem das erste Buch gefallen hat, der wird auch zu diesem greifen. Und genau diesen Leuten wird auch dieser Teil gefallen, weil wir eben wieder in diese Welt von Jennifer Strange eintauchen können. Diese Welt voller praktischer Magie.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/117421723952/wenn-man-an-jemanden-denkt-und-im-nächsten-moment

Weil sie einfach Spaß macht. Das Absurde, die liebenswerten Figuren, die menschlichen Probleme. Und natürlich auch die Story, dieses „wie geht es weiter?“, das alles zusammenhält.

Klar, ich bin nicht die primäre Zielgruppe der Drachentöter-Trilogie, sie wird explizit als Jugendbuch verkauft. Vielleicht komme ich deshalb nicht klar mit dem Covermotiv und der Schrift auf dem Cover. Ich mag aber auch die Cover von Terry Pratchett-Romanen nicht wirklich, während ich den Inhalt sehr gerne lese.

Hier finde ich es schade, denn Bücher wie dieses, Welten wie diese könnten noch mehr Menschen begeistern, für ein paar Stunden aus unserer Realität in eine gar nicht so ferne Welt entführen und sie Spaß haben lassen. Wenn es sie erreichen würde.

Ich freue mich auf den dritten Teil der Trilogie und hoffe, ich komme irgendwann dazu, auch die restlichen Bücher von Fforde zu lesen.

Das Lied des Quarktiers von Jasper Fforde erschien bei One und wurde übersetzt von Barbara Neeb und Katharina Schmidt. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Taqwacore von Michael Muhammad Knight

Der erste Satz aus Taqwacore:

Bismillahir, Rahmanir und so weiter –

Yusef zieht zum Studieren nach Buffalo und seine Eltern sind ziemlich froh, dass er in eine WG zieht, in der nur Muslimen wohnen. Was sie nicht wissen: In dieser WG wird der Islam ganz schön lax gelebt. Oder extrem, wie man es nimmt. Hier kommt der Islam klar mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Hier versucht eine Generation junger Muslime, den Islam in eine neue Zeit zu bringen.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/140973774052/irgendwo-da-draußen-gibt-es-einen-coolen-islam

Ähnlich wie bei „Unter Null“ von Bret Easton Ellis erzählt Knight keine komplexe Geschichte, sondern beschreibt eine Atmosphäre, eine Szene, die einerseits vollkommen vom Islam durchdrungen ist und ihn auf der anderen Seite sehr speziell ablehnt. Die letzten zehn Seiten des Buches sind Glossar, eine Liste der am häufigsten verwendeten arabischen Ausdrücke. Diese Liste braucht man, ich habe in diesem Buch ein Lesezeichen an der Stelle, wo ich im Roman bin und eines hinten beim Glossar, weil ich andauernd Worte nachschlagen muss.

Aber die irgendwann weiß man einigermaßen, was all die Begriffe bedeuten und dann ist man Teil der Gang, fühlt sich verbunden, versteht ein wenig mehr, was Islam alles bedeuten kann und welche Kämpfe innerhalb dieses Begriffes geführt werden.

Taqwacore kommt auf den ersten Blick provokanter daher, als ich es nach dem Lesen empfunden habe. Was überhaupt nicht enttäuschend gemeint ist. Es ist eine spannende Lektüre, die einem fast nebenher Lebensarten näher bringt, die ich sonst nur gefüllt mit Vorurteilen kenne. Dieser Roman hat einige davon abgebaut.

Taqwacore von Michael Muhammad Knight wurde übersetzt von Yamin von Rauch und erschien irgendwann mal bei Heyne Hardcore, mittlerweile ist er nur noch bei Rogner & Bernhard zu haben.

 

Roman: Blauschmuck von Katharina Winkler.

Lesestoff: Blauschmuck von Katharina Winkler. Geiles Cover, viel gutes gehört. Ich bin gespannt. #suhrkamp

A photo posted by Fabian Neidhardt (@jahfaby) on

Der erste Satz aus Blauschmuck:

Wir Kinder sind eine Herde.

Blauschmuck kommt mit einem so schönem Cover, das mich das Buch sofort in die Hand nehmen lässt. Aber die Geschichte einer türkischen Frau, einer türkischen Ehe voller Gewalt hatte mich nicht angesprochen, weshalb ich nicht vorhatte, es zu lesen. Aber dann habe mich so viel positives gehört und gelesen, dass ich dachte, gib dem Buch eine Chance.

Ein guter Gedanke, denn Katharina Winkler erzählt mit einer Wucht. Es ist immer noch die leider viel zu oft gehörte Geschichte von Gewalt in einer Ehe, oft einem nicht durchschaubarem System von Ehre geschuldet. Aber Katharina Winkler erzählt diese Geschichte einer einzigartigen Sprache, einer sehr verkürzten, lyrischen und unglaublich bildhaften Sprache. Ein Beispiel, der „Blauschmuck“, das sind die blauen Flecken, welche die Frauen an verschiedenen Stellen ihres Körpers tragen. Katharina Winkler greift dabei nicht auf abgedroschene Bilder, Symbole und Metaphern aus der deutschen Sprache zurück, sondern verwendet für meine Ohren, für mein Leseempfinden neue Bilder, extrem poetisch. Eben diese  Bildhaftigkeit bringt mir den brutalen, den gewaltsamen Inhalt viel näher, als es eine nüchterne Beschreibung der Tatsachen.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/142888550717/die-zeit-wird-schwächer-täglich-soll-sie-einen

Es ist ein schmales Buch, manche Seiten sind nur zum Drittel beschrieben und in zwei Bahnfahrten ist man durch. Aber kaum ein anderes Buch hat noch so lange in mir nachgehallt. Schon beim lesen und lange danach war ich aufgewühlt und wütend und wusste aber nicht, auf wen ich wütend sein soll. Auf Yunus, den gewaltvollen Mann in der Geschichte? Auf ein Land, eine Tradition, eine Kultur in der so ein Rollenbild, so ein Begriff von Ehre kultiviert wird? Auf der anderen Seite, solche Männer, solche Traditionen gibts es in allen anderen Ländern auch.

Im besten Fall hinterfragt der Roman anhand grundsätzlich Rollenbilder und Traditionen, an einem Beispiel einer türkischen Ehe. Leider kann man dieses Beispiel aber auch als „Warnung vor der Islamisierung“ nutzen. Was auch immer eine Islamisierung sein soll.

Eine Sache, die mich nicht an der Geschichte, aber am Buch gestört hat, sind die offenen Fragen. Im Klappentext und auf den ersten Seiten steht explizit, „Dies ist eine wahre Geschichte“. Nach der Lektüre gibt es noch einen Abriss, wie es mit Filiz, der Protagonistin, weitergegangen ist. Und es ist ganz klar, dass es nicht die Geschichte von Katharina Winkler selbst ist. Dann frage ich mich aber, woher sie diese Geschichte kennt, wie sie dazu kommt, sie aufzuschreiben. Die Antwort darauf erzählt sie natürlich in vielen Interviews, warum sie nicht in einem kurzen Abschnitt noch im Nachwort erwähnt wird, verstehe ich nicht.

Ich will nicht sagen, es ist ein gutes Buch, weil das in mehrerer Hinsicht die falsche Bezeichnung für diese Geschichte wäre. Es ist ein krasses, und sehr lesenswertes Buch.

Blauschmuck von Katharina Winkler erschien bei Suhrkamp. Der Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Bericht: Lesung von Thees Uhlmann am 23.3. im Wizemann in Stuttgart

Bis letzten Sonntag war ich auf der Buchmesse in Leipzig (Bericht folgt) und Markus Naegele, Verlagsleiter von Heyne Core, erzählte im Interview mit Wolfgang Tischer vom Literaturcafé.de Lesungen sollten Rock’n’Roll sein.

Gestern sitze ich in der ersten Reihe bei Lesung von Thees Uhlmann mit seinem ersten Roman Sophia, der Tod und ich und er macht genau das. Klar, Uhlmann ist seit mehr als 20 Jahren mit seiner Band Tomte und solo als Musiker unterwegs und diese Bühnenerfahrung merkt man ihm an. Mit seiner leichten Out-of-Bed-Frisur, dem Weinglas und seinem abgegriffenem Leseexemplar seines Buches kommt er auf die Bühne im Wizemann, in deren Mitte nur ein kleiner schwarzer Tisch und das Mikro stehen.

Mein Gott ist eine Frau mit einem unglaublich kurzem Rock, die an der Bar sitzt und sich betrinkt und sagt, es gibt keinen Gott.

Thees Uhlmann

Er wartet ab, bis das Publikum den ersten Applaus abebben lässt und erzählt angesichts der Ereignisse in Brüssel am gestrigen Tag, dass er eigentlich ein unpolitischer Künstler ist, aber trotzdem etwas über seinen Gott loswerden will. Dann beginnt er mit dem eigentlichen Abend.

Sind wir ehrlich, wir kommen nicht auf eine Lesung, weil wir das Buch vorgelesen bekommen wollen. Dafür könnten wir uns auch das Hörbuch holen. Wir wollen eine Show erleben, Anekdoten hören und eine gemeinsame Erinnerung schaffen. Uhlmann ist Profi drin.
Die Lesepassagen behandelt er wie Songs, er liest das Buch nicht vor, er performt es. Er überspitzt die Figuren und die Stimmen, macht Sachen, die man als Sprecher nie machen würde, aber Thees auf der Bühne lebt das einfach und es macht unglaublich Spaß, ihm zuzusehen.
Zwischen den Lesestücken erzählt er. Kleine Geschichten, die ihm scheinbar spontan einfallen, aber auch, wie es überhaupt zu dem Buch gekommen ist und wie die gesamte Lesetour war. Stuttgart ist nämlich Abschluss einer wochenlangen Lesereise und Uhlmann lässt es extra krachen.

Insgesamt performt Uhlmann rund zweieinhalb Stunden mit einer kleinen Pause dazwischen, erzählt, liest, trinkt und hat Spaß. Im Laufe der Zeit wird immer klarer, wie professionell Uhlmann ist. Er weiß, wie er die Geschichten erzählen muss und er baut einen Bogen über den ganzen Abend und natürlich wurde keine Geschichte einfach so erzählt. Am Ende führen alle Fäden zusammen, was die Show umso größer macht. Gleichzeitig ist Uhlmann das beste Beispiel eines 12-jährigen im Körper eines knapp 42-jährigen. Er ist ein Lausbub, er freut sich, wenn wir uns freuen und er reagiert geil auf das Publikum.

Aber in wenigen Momenten überspannt er den Bogen. Nach der Pause kommt er mit der ganzen Weinflasche auf die Bühne und leert sie fast provokativ. Ich habe, wenn überhaupt, ein distanziertes Verhältnis zu Alkohol, aber wenn jemand trinken will, darf er das gerne tun. Problematisch wird es, wenn Menschen sich für ihr Verhalten verteidigen.

Als Uhlmann sich gerade wieder kräftig einschenkt, sieht er ins Publikum und blafft uns an, „bei Bukowski habt ihrs doch auch gefeiert!“ Ähnlich gab es Momente, in denen er seine Ausschweifungen verteidigt. Wir sitzen da und haben alle Spaß, wenn Thees Uhlmann auf der Bühne Spaß hat, aber in dem Moment, in dem er sagt, „vielleicht sabbel ich gerade ein bisschen viel, aber ich mache das heute Abend nur für mich!“, wird uns als Publikum eine Bewertung, eine Abwertung ihm gegenüber aufgedrückt, die wir davor nicht gehabt haben müssen.

Wie ähnlich der Abend einem Konzert ist, wird am Ende nochmal klar, weil sich keiner wundert, warum Thees Uhlmann keine Fragen beantwortet hat, sondern wir traurig waren, dass es keine Zugabe gab.

Thees Uhlmann macht aus einer Lesung eine Ein-Mann-Performance, einen geilen Abend, bei dem er in manchen Momenten leider ein wenig überdreht. Aber vielleicht gehört das auch zu einem geilen Abend.

PS: Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber ich ahne, dass das Hörbuch in diesem Fall die bessere Wahl ist, weil Thees Uhlmann das Werk durch seine Leseperformance um ein wichtige Ebene erweitert. Aber entscheidet selbst.

Sophia, der Tod und ich von Thees Uhlmann erschien bei KiWi, das Hörbuch  erschien bei Grand Hotel van Cleef. Danke an Chimperator Live für die Gästeliste. 

Roman: Wieso Heimat, ich wohne zur Miete von Selim Özdogan

Der erste Satz aus Wieso Heimat, ich wohne zur Miete:

Maria war anders als die übrigen Ausländerinnen, die mit Recep geschlafen hatten.

Krishna Mustafa ist der Sohn von Maria und Recep, Deutschtürke, der für ein halbes Jahr nach Istanbul geht, um den Liebeskummer zu vergessen und seinen Vater und seine Identität zu finden.

30 Kapitel lang erzählt Ödzdogan die Geschichte von Krishnas Zeit in Istanbul, erzählt von den Unterschieden zwischen Deutschen und den Türken, von den Menschen, die genau dazwischen sind, Istanbul, einer lebendigen und pulsierenden Stadt und eben von genau der Frage nach der Identität eines jeden Einzelnen.

Dabei erinnert er von der Form an Erich Kästner, jedes Kapitel hat eine Überschrift, die eine Ouvertüre ist und das gesamte Kapitel zusammenfasst. Krishna erinnert an den shakespeareschen Narr, der naiv und fasst einfältig durch sein Leben streift und genau dadurch allen anderen, aber besonders dem Leser seine eigenen Vorurteile und Verhaltensweisen spiegelt. Das macht er aber in so einer extremen Art, dass Krishna Mustafa als Figur sehr unrealistisch wird. Wie ein Herr Keuner oder ein Eulenspiegel. Was den Erkenntnissen und den Gedanken nicht schadet.

Überhaupt ist der gesamte Roman eher eine Sammlung toller Ideen, Gedankengänge und unterschreichenswürdiger Sätze, aber weniger eine ereignisreiche Geschichte. Natürlich passieren Dinge. Aber in welcher Reihenfolge sie passieren, spielt kaum eine Rolle. Wieso Heimat, ich wohne zur Miete liest sich mehr wie eine Reihe von Anekdoten mit dem gleichen Protagonisten, denn wie ein Roman mit einer großen Handlung und einem überraschenden Twist am Ende. Aber auch das ist in Ordnung. Ich hatte viel Spaß beim Lesen, habe Neues gelernt, habe Krishna Mustafa (oder Selim Özdogan?) oft Recht gegeben und freue mich darauf, endlich mal Istanbul zu besuchen.

Der Roman hat übrigens auch eine eigene Webseite, mit mehr Dingen aus diesem Universum.

Wieso Heimat, ich wohne zur Miete von Selim Özdogan erschien bei Haymon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: All die verdammt perfekten Tage von Jennifer Niven

Der erste Satz aus All die verdammt perfekten Tage:

Ist heute ein guter Tag zum Sterben?

Finch überlegt sich jeden Tag, ob er heute sterben will. Violet versucht, den Tod ihrer Schwester zu verarbeiten. Sie treffen sich auf dem Glockenturm der Schule, als beide versuchen, sich umzubringen. Dieses gemeinsame Geheimnis bringt die beiden zusammen und Violet lernt wieder, zu leben, von diesem Jungen, der eigentlich sterben will.

Der Anfang liest sich, wie „A long way down“ von Nick Hornby. Das Buch ist aber nicht so. Nicht wirklich zumindest. Aber es geht auch um Selbstmord und wie damit umzugehen. Jennifer Niven (soweit ich weiß, nicht verwandt mit John Niven) schreibt leicht lesbar und spannend, ich hatte das Buch in zwei Tagen durch, wobei ich mit den ersten Seiten wirklich zu kämpfen hatte. Den Charakter von Finch konnte ich kaum greifen, bis ich verstanden habe, dass er sich selbst nicht greifen kann. All die verdammt perfekten Tage schwimmt im Fahrwasser von „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, erinnert in vielen Momenten daran, aber im Laufe der Geschichte auch an „Elizabethtown„, mit verdrehten Rollen.

Es ist eine gute Geschichte, mal ein lustiger, mal ein trauriger Roman. Manchmal habe ich die Tränen hinter den Auge gespürt, manchmal musste ich lachen. Man kann ihn sehr gerne lesen, wenn man auf die Geschichte von Leben und Tod, von Liebe und Jugend, auf Road-Trip und auch auf eine gute Art von Kitsch steht.

Wer es nicht lesen will, kann noch eine Weile warten und den Film sehen, der bald gedreht wird.

Eigentlich hat es nicht mit dem Buch zu tun, aber wie Jennifer Niven das Buch mit anderen Medien verknüpft, kommt sehr nah daran, was ich mit meinen Büchern machen will. Das Buch hat einen Instgram-Account, mehrere Playlists, passende Webseiten, gibt die Möglichkeit, die Orte des Buches auch zu besuchen und Niven hat sogar ihre Traumbesetzung für die Verfilmung gesetzt. Das ist ganz schön großartig!

All die verdammt perfekten Tage von Jenniver Niven wurde übersetzt von Alexandra Ernst und erschien bei Limes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Hotel Alpha von Mark Watson

Der erste Satz von Hotel Alpha:

Das Alpha Stand in Flammen.

Auf Mark Watson bin ich aufmerksam geworden, weil er bei den Buchwochen in Stuttgart gelesen hatte. Cooler Typ, schöne Lesung und ein toller Start in dieses Buch.

Da ist dieses Hotel, das Alpha. In den 60ern macht Howard York dieses Hotel auf und stellt Graham als Portier ein. Seit einem Brand im Jahr 1984 lebt der blinde Junge Chas bei den Yorks. Graham und Chas erzählen abwechselnd diese Geschichte, die Geschichte über das Hotel, die Geschichte über die Welt und natürlich ihre ganz eigene.

Ein Hotel ist ja grundsätzlich schon ein skurriler Ort, an dem Geschichten passieren können. Watson verknüpft aber mehrere Lebensgeschichten mit diesem Ort und den Geschichten dort, sodass es nicht einfach Anekdoten sind,  sondern daraus ein Netz wird, eine Verwebung, Leben.

Watson treibt das Ganze noch ein wenig weiter und hat neben dem Roman zusätzlich 100 kurze Geschichten geschrieben, die mal mehr, mal weniger mit der Hauptgeschichte zu tun haben, aber alle im Alpha spielen. Erweitert den Roman quasi um ein ganzes Universum. Die Geschichten gibt’s kostenlos auf hotelalphastories.de. Ich kannte Mark Watson vorher nicht, weder als Schriftsteller, noch als Comedian, aber sobald mir ein neues (oder altes) Buch von ihm in die Hände fällt, werde ich auch das lesen.

Hotel Alpha von Mark Watson wurde übersetzt von Andrea Kunstmann und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Unter Null von Bret Easton Ellis

Der erste Satz aus Unter Null:

Auf den freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser.

Das also ist das Debüt des Mannes, der mit American Psycho so bekannt geworden ist. Die Legende besagt, Ellis hat Unter Null auf Speed und als Hausarbeit für seinen Creative Writing-Kurs geschrieben, so im Rausch, dass er sich nicht mehr wirklich daran erinnern kann, es geschrieben zu haben. In etwa so liest sich der Roman auch.

Clay fliegt über Weihnachten nach Hause nach L.A. und verbringt dort einige Tage mit alten Freunden. Tage voller Alkohol, Drogen und exzessiven Parties. Und irgendwann geht er wieder. Das ist die Story. Aber es geht auch nicht um die Story, sondern um das Gefühl, die Atmosphäre, die Szene. Ein distanziertes, fast taubes Gefühl, nihilistisch, zerstörend und verstörend. Und definitiv nicht meine Szene.

Eine Zeitlang war ich fasziniert von dem, was Ellis beschreibt. Aber irgendwann kommt der Punkt, dass die Szenen austauschbar sind und weder Story, noch Atmosphäre weiterbringen. Erst gegen Ende beginnt Ellis, die Szene nochmal krasser zu beschreiben, das Gefühl zu verstärken, sodass ich nach der letzten Seite erstmal dasaß und dieses Gefühl wieder abschütteln musste. Vielleicht ist das die Idee des Romans. Mir eine Lebenswirklichkeit zu zeigen, mit der ich absolut nichts zu tun habe und mich unglaublich froh zu machen, dass dem so ist. Tatsächlich hätte das Unter Null dafür aber auch nur halb so dick sein müssen.

Unter Null von Bret Eaton Ellis wurde übersetzt von Sabine Hedinger und erscheint mittlerweile bei KiWi.

Roman: Oktober und wer wir selbst sind von Peter Kurzeck

Der erste Satz aus Oktober und wer wir selbst sind:

Dass also auch dieser wie jeder Sommer, sagst du dir.

Kurzeck erzählt keine Geschichten, Kurzeck erzählt Leben. Schreibt nieder, was passiert und was er denkt und was ihn an was erinnert. Dabei erinnert mich seine Schreibe daran, wie Araber schreiben. Die Vokale werden nicht geschrieben, und dennoch versteht man jedes Wort aus dem Kontext. Ähnlich ist es bei Kurzeck. Er lässt viele Worte weg, weil klar ist, welche es sein müssen. Schreibt extrem elliptisch und überlässt dem Leser das denken.

Man kann nicht wirklich runterlesen, diese Gedanken. Man muss aktiv lesen, sich aktiv in den Kanal Kurzeck schalten, der einfach durchgehend läuft. Es gibt keine Absätze, keine Ruhepause.

Es gibt viele schöne Gedanken, mein Exemplar des Buches ist voller Eselsohren und unterstrichenen Sätzen. Es gibt viel Atmosphäre, viele Bilder. Aber keine Geschichte. Kein Plot. Man das Buch irgendwo anfangen und irgendwo aufhören. Das Buch selbst fängt irgendwo an und hört irgendwo auf. Die erste Hälfte macht das Spaß. Tolle Bilder, schöne Sätze, angenehmes Gefühl. Aber irgendwann ist es mir wirklich anstrengend, dabeizubleiben. Und ich weiß, es gibt noch ein halbes Dutzend weiterer Bücher, die genau so funktionieren.

Man kann das schon machen, dieses Einschalten von Kanal Kurzeck. Aber ich brauche das nicht nochmal. Da lese ich lieber Geschichten, habe genug eigenes Leben in mir.

Oktober und wer wir selbst sind von Peter Kurzeck erschien bei Fischer.

Roman: American Gods (Directors Cut) von Neil Gaiman

Der erste Satz aus American Gods:

Shadow hatte drei Jahre im Gefängnis gesessen.

Shadow ist ein kleiner Gauner, aber eigentlich guter Kerl. Ein großer, hagerer und guter Kerl. Ein Banküberfall, der daneben geht, bringt ihn ins Gefängnis und er kommt raus, kurz nachdem Laura, die Liebe seines Lebens, gestorben ist.

Und dann ist er wieder in dieser Welt, ohne eine Ahnung, wohin es nun gehen könnte, als dieser Typ, Wednesday, ihn anspricht und ihm einen Job als Handlager anbietet, den Shadow irgendwie annimmt. Damit geht es los. Und dann kommt eine Reise durch Amerika. Mit Göttern, Schlachten, Liebe, Zombies, Autos und allem dazwischen.

Ich habe Neil Gaiman als Schriftsteller erst relativ spät kennengelernt, erst mit dem Ozean am Ende der Straße. Aber witzigerweise, vor rund 5 Jahren sitze ich an einem kleinen See in einem Dorf ohne Namen in Polen, kurz vor dem 50sten Geburtstag eines Verwandten und lese Sandman Slim, begeistert. Ein Mädchen ist dort und ich erzähle ihr davon und sie sagt, sie habe kürzlich auch ein Buch gelesen, das in eine ähnliche Richtung geht, das hieße American Gods. Ich hab das abgespeichert, unter den Büchern, die irgendwann gelesen werden sollten.

5 Jahre später, nachdem ich also für Gaiman sensibilisiert bin, kommt mir dieses „Directors Cut“ von American Gods in die Quere. Directors Cut ist natürlich ein komisches Wort für ein Buch. Deshalb steht auf der Rückseite auch das das Wort Author’s Cut. Aber auch verständlich, weil man, obwohl es falsch ist, sofort weiß, was die Leute bei Eichborn damit meinen.

Ich kann nicht sagen, wie weit diese Version sich von der ursprünglich veröffentlichten Unterscheidet. Es sind etwa 50 Seiten mehr, was bei rund 670 Seiten echt nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt. Und es ist ein gutes Buch. Ich habe es sehr gerne gelesen, bin gerne mit Shadow gereist und weiß, ist nicht das letzte Buch, das ich von Gaiman gelesen habe.

Zwei Sachen, die mir mehr als Autor, als als Leser aufgefallen sind. Einerseits, ein passiver Protagonist. Da bin ich also in einer Schreibschule und da wird viel über Protagonisten geredet und dass ein Protagonist spannend und aktiv sein sollte. Nun haben wir hier einen Protagonisten, der sympathisch ist, keine Frage. Shadow ist ein cooler Kerl. Aber eigentlich macht er kaum was. Der Großteil der Geschichte passiert um und mit Shadow, aber er handelt erst spät relativ spät selbst. Und ich find’s cool. Ich mag es, wie das Leben manchmal einfach Leute mitreisst. Genauso die andere Sache, Geschichten ohne Happy End.

Habt ihr (500) Days of Summer gesehen? Vielen gefällt dieser Film nicht, weil (SPOILER) er nicht gut ausgeht, zumindest nicht im klassischen Sinn einer Liebesgeschichte. Weil die beiden, das Mädchen und der Junge, am Ende eben nicht zusammenkommen. Ich mag das. Mag die Idee, dass es Menschen in deinem Leben gibt, die wichtig sind. Und trotzdem irgendwann wieder gehen.

Als ich meinem Mentor in Hildesheim von meinem Roman erzählt habe, sagte er, „Willst du, dass es ein Bestseller wird? Dann müssen die beiden am Ende zusammenkommen.“ Müssen sie?

American Gods ist nicht in erster Linie eine Liebesgeschichte. Aber die Liebe kommt genauso vor. Und dann erscheint irgendwann Sam, ein witziges, mutiges und freches Mädchen, von dem ich mehr wissen will und kaum mehr bekomme. Eine Autofahrt ist sie da und dann verschwindet sie. Und bis zum Ende hoffe ich, dass Sam nochmal erscheint. Tut sie, aber nicht so, wie man denkt. Und ich bin enttäuscht und erfreut zur gleichen Zeit. Sehr schön, das. Zurück zum Eindruck als Leser:

Sehr schönes Buch! Für eine ganze Weile taucht man ein, in diese Magische Welt, die unserer sehr ähnlich ist, und hat dabei viel viel Spaß. Und endet mit der Hoffnung, dass es vielleicht doch unsere Welt ist und da draußen noch so viel unentdecktes ist.

Achja, eine Sache noch. Dieser Roman ist einer, bei dem der Klappentext nicht nur schlecht, sondern schlicht falsch ist. Also einfach nicht lesen oder wenigstens nicht glauben.

American Gods von Neil Gaiman in der Directors Cut Edition wurde übersetzt von Hannes Riffel und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Die Wolke von Gudrun Pausewang

Der erste Satz aus Die Wolke:

An diesem Freitagmorgen wehte eine starke Brise.

In einem Bücherschrank gefunden. Irgendwann mal den Film gesehen gehabt. Gedacht, könnte eines der Bücher sein, die man mal gelesen haben sollte. Also los.

Ziemlich knapp nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl veröffentlicht Frau Pausewang ihre Geschichte eines Reaktorunfalls in Deutschland aus der Sicht eines 14 Jahre alten Mädchens. Damit ist der Roman nun fast 30 Jahre alt. Auf der einen Seite liest man ihm das Alter an. Manche Beschreibungen, manche Sätze schmecken wie die 1980er. Bis zum Ende des Romans bin ich nicht auf den Namen der Protagonistin klar gekommen! Janna-Berta. Ja, der Name wird irgendwann erklärt und gerechtfertigt, trotzdem bin ich immer wieder am Namen hängen geblieben.

Und das Buch hat ziemlich durchgehend den moralischen, mahnenden und belehrenden Ton einer Lehrerin, die dir sagt: Siehst du, was passiert!

Und trotzdem, sobald man in der Sprache ist, werden viele Momente im Buch zeitlos. Die Flucht der Menschen vor der Wolke, die Angst, die Reaktionen, aber auch die Menschlichkeit findet man genauso in modernen Katastrophenfilmen, aber auch in den Medien in Berichten über Katastrophen. Beeindruckend, wie wir Menschen unser Verhalten in 30 Jahren wohl kaum geändert haben. Erschreckend, wie schnell wir auch Katastrophen verdrängen, verharmlosen und durch die nächste Katastrophe ersetzen.

Für mich war dieses Buch eine Erinnerung, ein Innehalten und eben doch eine Mahnung, auch nach 30 Jahren noch.

Die Wolke von Gudrun Pausewang erschien bei Ravensburger.