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Schlagwort: Review (Seite 9 von 29)

Roman: Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer

Der erste Absatz aus Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel:

Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.

Klopfen Sie!

Eine Expedition dreier Gesandter aus Deutschland in ein scheinbar bodenloses Loch in Island knapp vor dem 2. Weltkrieg. Der Lyriker unter diesen dreien erzählt diese Geschichte, die schon in der Rahmenhandlung etwas ausschweifendes, phantasierendes hat.

Anfangs war ich gespannt und habe mich gerne in diese Geschichte fallen lassen, die hier und da an Jules Verne erinnerte, er wird auch erwähnt, wie kann es auch anders sein bei einer Geschichte, die eine Expedition in das Innere der Erde beschriebt.

Die Sprache hat etwas zwischen Tristram Shandy und den Zamonien Romanen von Walter Moers. Unterhaltsam, definitiv. Und natürlich will ich wissen, wie es weitergeht, obwohl ich mit der nordischen Mythologie und der Geschichte von Ymir überhaupt nichts anfangen kann. Aber gerade in der Sprache will Philip mir einfach zu viel. Ich will selbst denken können, mitraten und meine Assoziationen haben können. Das wird mir hier nicht erlaubt, weil Krömer auf so vielen Ebenen Wortspiele, Referenzen und Auflösungen hintereinanderpackt, dass ich gar nicht die Chance habe, meinen eigenen Kopf anzustrengen.

Deshalb blieb Ymir für mich eine nette Geschichte, die bei einem minimalerem Erzählstil sich hätte mehr entfalten können.

Ich habe über das Buch auch im Podcast des Literaturcafé geredet.

Ymir, oder: Aus der Hirnschale der Himmel von Philipp Krömer erschien beim homunculus verlag und steht auf der Shortlist des „Das Debüt 2016“ Bloggerpreises. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Gedichte: Hold Your Own von Kate Tempest

Die erste Strophe aus Hold Your Own:

Picture the scene:
A boy fifteen.
With the usual dreams
And the usual routine.

Lyrik und ich, wir werden echt selten warm. In meinem Sprechkunststudium bin ich immer wieder mit ihnen in Kontakt gekommen. Wenn es gefunkt hat, dann richtig. Aber das passiert eben nicht oft. Ich möchte Geschichten lesen und diese fehlen mir bei Lyrik oft. Ich habe Hold Your Own gelesen, weil ich von dem Roman von Kate Tempest sehr mochte. Ich weiß von ihren Songs, dass dort die Protagonisten des Romans wieder auftauchen. Ich hoffte, das sei auch hier der Fall. Ist es nicht, zumindest nicht direkt. Aber man liest aus ihren Gedichten das selbe Milieu heraus, die gleichen Probleme, die gleichen Themen.

Aber eben in Gedichten. Wenn ich die Geschichte in ihnen finde, funktioniert das für mich. In seltenen Fällen, wenn ich nur die Atmosphäre spüre. Es gibt Sätze, Passagen oder ganze Gedichte, die ich mag.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/153182242812/the-world-is-getting-stranger-every-day-youre

Aber größtenteils bin ich darauf zurückgeworfen, wenigstens den Flow zu spüren, den Rhythmus, der den Originalfassungen so stark inne wohnt, dass man nicht drumherum kommt, ihn zu spüren. Dies ist das Tolle an dieser Version: Man bekommt die Originalfassung neben der deutschen Übersetzung. Leider kommt diese überhaupt nicht an das Original ran. Ich ahne, wie schwer Lyrikübersetzungen sind. Diese reicht, um mal etwas nachzusehen, was man im englischen nicht versteht, aber sie ist in keiner Hinsicht ein Ersatz.

Ich werde mir wohl keine Gedichte mehr von Kate Tempest durchlesen, da warte ich lieber auf ihren nächsten Roman.

Hold Your Own von Kate Tempest wurde übersetzt von Johanna Wange und erschien bei suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch und Film: Nebel im August (und nebenbei: Der Anhalter)

Das Buch:

Der erste Satz aus Nebel im August:

Die Tür zum Vorraum steht einen Spalt offen, dort brennt eine Glühbirne, doch ihr funzeliges Licht schafft es kaum bis ins Krankenzimmer.

Robert Domes hat so etwas wie einen Tatsachenroman geschrieben, über Ernst Lossa:

Ernst Lossa (* 1. November 1929 in Augsburg; † 9. August 1944 in Irsee) war eine Halbwaise aus der Minderheit der Jenischen, die in der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie, der Aktion Brandt, ermordet wurde und durch die Aufarbeitung dieses Mordes nach 1945 exemplarische Bekanntheit erlangte. Ernst wuchs in Kinderheimen auf und wurde in der Zweiganstalt Irsee der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee im Alter von 14 Jahren durch Injektion eines tödlichen Mittels ermordet.

Wikipedia-Artikel Über Ernst Lossa

Domes hat diese Geschichte weiter recherchiert und faktennah fiktionalisiert. Leider liest man dem Roman an, dass er an die Zielgruppe „Jugendliche, die in der Schule gerade Anne Frank durchgenommen haben“ gerichtet ist. Einerseits formal, einige Worte sind mit * versehen und werden im Glossar erklärt. Nur sind da Worte bei wie KZ, Rommel und die Braunen. Worte, bei denen ich mir vorkomme, wie ein dummer Junge, weil Domes denkt, er müsse sie mir erklären. Aber auch vom Sprachstil wird nicht nur über einen Jungen geredet sondern auch so, als würden junge Menschen angesprochen. Domas hat streckenweise einen Erzählton drauf, der an Großväter erinnert, die ihren Enkeln in einfachen Worten eine Geschichte erzählen. Ich hatte durch diese Kniffe oft das Gefühl, als Leser nicht ernst genommen zu werden, was ich sehr schade fand.

Inhaltlich ist es dennoch ein sehr spannendes Buch, in dem nicht nur über die Euthanasie der NS-Zeit berichtet wird, sondern auch über die Willkür, mit der Menschen in eine Irrenanstalt gesteckt werden, die dort überhaupt nichts zu suchen hatten.

Kurze Nebenempfehlung und Erklärung, warum mich besonders dieser Aspekt so angetriggert hat: Die Audiodokumentation „Der Anhalter“, die von Hörweiten für den WDR produziert wurde. Es geht um Heinrich, einen Anhalter auf dem letzten Weg zu Dignitas in der Schweiz, der eine grausame und erschütternde Lebensgeschichte hat, der auf den Grund gegangen wird. Zweieinhalb spannende und extrem gut gemachte Stunden Audiodokumentation, extrem hörenswert. Dort geht es unter anderem auch um eben jene Willkür, mit der Menschen auch nach 1945 in Irrenanstalten und Psychiatrien gesteckt worden sind, Heinrich ist dies nämlich passiert.

Ich hatte „Der Anhalter“ kurz vor lesen dieses Romanes gehört und dieser Aspekt des Romanes war für mich der große neue, der Teil, der bis heute aktuell ist: Dass jemand ganz Normales unter dem Deckmantel der Verrücktheit der Euthanasie zum Opfer fällt.

Insofern hat mich der Roman, obwohl ich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, berührt und zum Nachdenken gebracht. Dafür ein großes Lob.

Der Film:

An heute läuft die Verfilmung des Romanes im Kino. Gut produziert, mit großen Schauspielern wie Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt und Henriette Confurius, mit sehr gut ausgesuchten Jungschauspielern für Ernst (Ivo Pietzcker) und seiner ersten Liebe Nandl (Jule Hermann) und einer unglaublich berührenden Szene mit Karl Markovics als Ernsts Vater. Für mich die beste Szene im ganzen Film. Trotzdem hatte ich meine großen Probleme mit dem Film.

Damit der Film nach 1943 aussieht, ist er mit einem Sepiafilter überzogen, im Trailer sieht man das ganz gut bei den Ernteszenen. Das Problem mit Sepia in deutschem Film: Es sieht alles aus wie ein Film von Til Schweiger. Seit Barfuss hat jeder seiner tragikkomischen Filme diese Sepia-Ästhetik. Was dazu führt, dass ich die erste halbe Stunde bei Nebel im August darauf warte, dass es gleich witzig wird, dass gleich Til Schweiger oder seine Tochter zu sehen sind. Passiert natürlich nicht, aber dieses Gefühl ist da. Und das ist schade, denn das Thema hat mehr Ernsthaftigkeit verdient.

Ungleich schlimmer ist aber die Verlagerung der Prioritäten. Denn während das Buch für seinen Reiz darin hatte, zu zeigen, wie brutal und willkürlich das System auch normalen Menschen gegenüber war (und das auch noch lange nach der NS-Zeit), legt der Film seinen Fokus wieder auf die Euthanasie und macht gleichzeitig aus Ernst ein Märtyrer, der sterben musste, weil er sich auflehnte.

Keine Frage, es ist gut, weiterhin über Euthanasie zu reden. Aber das spannende, erschütternde Neue war für mich etwas, was im Film komplett weggefallen, sogar ins Gegenteil verfälscht ist.

Damit wird aus dem Film zwar ein guter Film über die Euthanasie, schafft es aber nicht, die bis heute aktuellen Themen so aufzugreifen, wie sie im Buch noch angelegt sind.

Über dieses und noch ein paar andere Bücher habe ich auch mit Wolgang Tischer von literaturcafe.de seinem Podcast geredet.

Nebel im August von Robert Domes erschien bei cbt. Der Film ist seit. 29. November im Kino zu sehen. Ich habe ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt bekommen.

Roman: Nach allem was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati

Der erste Satz aus Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte:

Die Kantonspolizei Basel-Stadt hatte Beat Marotti für die Überwachung der Schalterhalle eingeteilt.

Marie Malcovati erzählt einen Episodenroman mit drei Hauptpersonen. Da ist Marotti, der Polizist, der sich den Fuß verletzt hat und der deshalb vor den schwarzweißen Monitoren sitzt und Menschen beobachtet. Da ist Lucy, die Synchronübersetzerin, die gerade ihre Großmutter verloren hat und auf einer Bank in der Schalterhalle gestrandet ist. Und da ist Simon, der Milliardärssohn, der nichts mit seinem Leben anfangen kann und neben Lucy auf der Bank landet, wo Moretti sie beobachtet.

Es ist schwer, die Geschichte knapp zusammenzufassen, denn in der erzählten Zeit passiert gar nicht so viel. Zwei Personen sitzen auf einer Bank und werden von einer weiteren Person beobachtet. Und wir können die Gedanken und Erinnerungen der drei Personen lesen. Im Wortsinn. Und das macht Spaß.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/149749168452/es-gab-nichts-beruhigenderes-als-bewegung-als

Jeder der Figuren hat seinen Charakter. Manche mag ich, andere kann ich verstehen. Es ist schön, Gedanken zu lesen, dich ich selbst auch mal hatte. Schön, zu sehen, welche Kapriolen das Leben schlägt.

Marie Malcovati hat Drehbuch studiert und das liest man dem Buch an. Nicht nur sieht einer der drei Charaktere alles nur über Bildschirme, sondern auch wie die Szenen geschrieben sind und wie das Licht und das Setting beschrieben werden, alles ist sehr visuell.

Andererseits setzt sie auch Techniken aus dem Film- und Serienbereich ein, die mich eher abschrecken, Cliffhanger der ganz plumpen Art. So enden manche Szenen mit Sätzen wie „Und was er sah, änderte sein Leben.“ Marie Malcovati schreibt gut genug, sie hat solche Clickbaitsätze nicht nötig. Ich hätte auch so weitergelesen. Weil er aber da steht, hinterlässt er einen schalen Beigeschmack.

Eine andere Sache, dich ich schade fand, irgendwann ist sie nicht mehr ganz konsequent mit den Erzählperspektiven und führt neue Figuren ein. Natürlich, das gibt neue Einblicke, aber die konsequentere Variante hätte mir besser gefallen.

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte ist ein sehr kurzer, guter Episodenroman, der meistens Spaß macht. Ich bin gespannt, was noch von Marie Malcovati kommt.

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte von Marie Malcovati erschien beim Nautilus Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Film: BFG – Big Friendly Giant

Seit Donnerstag läuft Big Friendly Giant im Kino. Ich mochte das Buch und der Trailer sah gut aus, nach an den originalen Illustrationen von Quentin Blake. Also sind wir gestern ins Kino.

Es gibt tatsächlich viele schöne Sachen an und in diesem Film. Mark Rylance spielt einen großartigen Riesen und tatsächlich sieht ein Großteil des Films aus wie eine in Bewegtbild umgewandelte Version der Zeichnungen. Auch die Sprache ist wunderbar. Wunderbar nah an der grandiosen Übersetzung von Adam Quidam und wunderbar lustig in ihrem Gebrauch.

Trotzdem konnte mich der Film über weite Strecken hinweg nicht bannen. Ich war dabei, ja. Aber ich war nicht drin. Aus mehreren Gründen. Zuerst die Kamerafahrt, zu viele Szenen sehen so aus, als seien sie gedreht damit man zeigen kann, wie toll der 3D-Effekt ist. Solange die Filmemacher das 3D-Feature nicht als natürlichen Teil ihrer Werkzeugkiste sehen, sondern es noch immer als den neuen heißen Scheiß sehen, den sie ausstellen müssen, möchte ich solche Szenen nicht sehen.

Dann die Darstellerin der Sophie, Ruby Barnhill. Sie sieht aus, wie die Sophie im Buch. Und sie verhält sich auch so. Aber es tut mir leid, ich kaufe ihr ihr Spiel einfach nicht ab. In keinem Moment fühle ich mit ihr oder kann ihre Wandel mitempfinden. Das kann am schauspielerischen Talent liegen oder an der Synchronisation, das kann ich noch nicht einschätzen. Dafür müsste ich die originale Fassung nochmal sehen.

Zuletzt die Geschichte. Während Dahl im Roman eine eindeutige Linie fährt und Sophie(chen) und der Riese die Mission haben, die anderen bösen Riesen vom Menschen fressen abzuhalten, verstärkt Steven Spielberg das im Roman schwächer ausgesprägte Thema der Einsamkeit des Riesen und Sophie. Dadurch wird der Film emotionaler und ernster, aber er verliert auch an Stringenz, weil wir als Zuschauer schnell zwischen diesen Themen wechseln müssen und dadurch beide Themen ihre Kraft verlieren.

Ich wollte den Film mögen und habe mich auf ihn gefreut. Ich fand ihn auch nicht schlecht. Aber leider auch nicht gut.