Buch: Dodgers von Bill Beverly

Die Jungs kannten nur The Boxes, für sie gab es nichts anderes.

Der erste Satz aus Dodgers

Vor einem Jahr las ich zum ersten Mal über dieses Buch, über die vier Jungs, die ihr Viertel in Los Angeles noch nie verlassen hatten und nun auf einen Road Trip durch die USA aufbrachen, um einen Auftrag zu erledigen. Der Plot explodierte in meinem Kopf. Geile Idee und so viele Möglichkeiten, an die allein ich dachte. Ich war ziemlich gespannt und freute mich darauf, das Buch endlich in die Hände zu bekommen.

Jetzt ist es da, das Cover ganz anders als sonst auf der Welt, und ich bin nach dem Lesen enttäuscht. Weil, ja, es geht um diese vier Jungs und ihren Trip. Und es ist auch leicht zu lesen. Aber Bill Beverly kommt vollkommen ohne Emotionalität aus, was dem ganzen Roman eine kühle Distanz verleiht, die mich auch immer wieder fragen lässt, wie es den Protagonisten eigentlich geht.

Zusätzlich habe ich das Gefühl, dass Beverly mit seiner Idee unglaublich viele Dinge hätte machen können. Er aber kaum was damit macht. Dafür, dass die Jungs noch nie aus L.A. draußen waren, interessiert oder verwundert sie kaum etwas, als sie unterwegs sind. Sie reagieren kaum auf die Welt, was die ganze Reise irgendwie unnötig macht. Und dann baut der deutsche Klappentext auch noch Erwartungen auf, die eigentlich als Twist im letzten Drittel gedacht waren.

Dodgers ist kein schlechtes Buch. Ganz viele andere finden es sogar großartig. Ich habe es schnell lesen können und ich war auch in einer Realität, die karg und düster und ganz weit weg von meiner ist, glücklicherweise. Aber es ist nicht das Buch, die Road Novel, die Coming Of Age Geschichte, auf die ich mich gefreut habe. Schade.

Dodgers von Bill Beverly wurde übersetzt von Hans M. Herzog und erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Der Fall von Gondolin von J.R.R. Tolkien, herausgegeben von Christopher Tolkien

Endlich wieder Mittelerde! Und dann auch noch Illustriert von Alan Lee. „Der Fall von Gondolin“ ist das wahrscheinlich letzte von Christopher Tolkien herausgebrachte Werk seines Vaters, der Mann ist mittlerweile 94 Jahre alt, und erzählt die Geschichte des Menschen Tuor auf seiner Suche nach der geheimen Elbenstadt Gondolin.

Bekannt ist dieses Epos schon aus dem „Silmarillion“ und den „Nachrichten aus Mittelerde“, jedoch werden uns im vorliegenden Band alle Fassungen der Geschichte präsentiert, kommentiert und in Tolkiens Lebensgeschichte eingeordnet.

Die Idee ist nicht neu, Christopher Tolkien hat schon bei „Die Kinder Húrins“ und „Beren und Lúthien“ diese Art der Veröffentlichung angewandt. Sie funktioniert. Wissenschaftlich fundiert und liebevoll werden die unterschiedlichen Texte in ihren  Mittelerdekontext eingeordnet und ergeben in ganz unterschiedlicher Sprachqualität ein detailliertes Bild von Tolkiens Arbeit und dessen schriftstellerischer Entwicklung.

Kann man dieses Buch als Mittelerdeneuling genießen? Nein! 

Durchgängige Querverweise auf weitere Werke des Autors, selbstverständliches Erwähnen von etablierten Charakteren und die selbe Geschichte in acht Fassungen und ihren unterschiedlichen Enden sind nur für Tolkienfans ein Genuss.

Für alle, die Spaß am „Silmarillion“ hatten und die sich gern mit Literaturanalyse beschäftigen, ist „Der Fall von Gondolin“ aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Gerade durch die unterschiedlichen Fassungen taucht man in Tolkiens Phantasie ein und fühlt, wie sehr ihm die Figuren mit jeder Version mehr ans Herz wachsen.

Solltet ihr nur durch das Schauen der Herr der Ringe Filme bewogen worden sein, das Buch zu kaufen, dann probiert euch aus, lasst euch anlocken von Tolkiens Welt und freut euch, dass Legolas einen kurzen, aber typischen Auftritt hinlegen wird.

Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien, herausgebracht von Christopher Tolkien, illustriert von Alan Lee und übersetzt von Helmut W. Pesch, erschien bei der Hobbit Presse von Klett-Cotta. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Gastrezension von Felix Heller, Dauerbahnfahrer und dadurch Vielleser. In völligem Größenwahn gründete ein Orchester und singt nun Pop und Schlager auf japanisch oder türkisch. Hauptberuflich bringt er Opernsängerinnen und -sängern Bühnendeutsch bei, spielt Musicals und moderiert sich durch die Republik. 

Hörbuch: Lovecraft Country von Matt Ruff, gelesen von Simon Jäger

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Atticus war schon beinahe zu Hause, als der State Trooper ihn rechts heranfahren ließ.

Der erste Satz aus Lovecraft Country

Diese Geschichte spielt in den 1950ern in Amerika, einer Zeit voller Rassismus und vorgeheuchelter Moral, sie erzählt von Atticus und seiner Familie, von ihrem für mich unvorstellbarem Alltag. Und der Magie, die plötzlich in ihr Leben tritt. Denn in dieser Realität existieren die Paralleldimensionen, die Monster und die magischen Kräfte aus H.P. Lovecrafts Geschichten tatsächlich. 

Urban Fantasy in den 1950ern, voller schwarzem Humor, der mir ein paar Mal Gänsehaut macht. Es ist eine ganz komische Mischung, die den Umgang mit Schwarzen damals viel krasser darstellt, als ich gedacht habe.

Neben einer grandiosen und schön erzählten Geschichte (die Serie dazu soll 2019 anlaufen) und Simon Jäger fasziniert mich die Art, wie die Protagonisten mit Unglaublichem umgehen.

Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass es mir in Büchern, Serien und Filmen mittlerweile zu lange dauert, bis die Charaktere in den Geschichten akzeptieren, dass es Vampire/Zeitreisen/den Teufel/Zombies/was auch immer gibt. Oft gehe ich ja mit der Prämisse in die Geschichte und meine Fähigkeit, meinen Unglauben willentlich auszusetzen, ermöglicht mir, den Fakt „Vampire/Zeitreisen/Teufel/Zombies/was auch immer“ als gegeben anzusehen. Und da es in der Geschichte darum geht, werden auch die Protagonisten irgendwann daran glauben. Warum muss ich mir dann mehrere Seiten/Minuten durchlesen/anhören/ansehen, bis sie auch irgendwann dran glauben.

In diesem Fall ist diese Zeit der Akzeptanz sehr sehr kurz. Die Personen in der Geschichte brauchen zwar auch einen Moment, dieser ist aber erfrischend kurz gehalten, was die Erzählweise beschleunigt und mehr Zeit für interessantere Sachen gibt, als da langsame Anerkennen der Magie.

Lovecraft Country ist einerseits ein schmerzhaftes Abbild des Rassismus in Amerika, der bis heute auch bei uns zu spüren ist, andererseits eine Geschichte voller Magie und schwarzem Humor. Simon Jäger synchronisiert Matt Damon und vertont vornehmlich Thriller, seine Stärke sind aber Komödien wie diese. Großer Spaß und Gänsehautfaktor in einem. Das war mein erstes Buch von Matt Ruff, es kommen weitere.

„Lovecraft Country“ von Matt Ruff, gelesen von Simon Jäger, übersetzt von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube, erschien bei Argon. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Mein Herz zwischen zwei Welten von Jojo Moyes, gelesen von Luise Helm

Jojo Moyes hatte mit Ein ganzes halbes Jahr ihren internationalen, aber auch ihren deutschen Durchbruch, seitdem werden nicht nur all ihre anderen Romane mit ähnlichem Cover neu aufgelegt, sondern das Buch wurde verfilmt und Moyes schrieb Teil 2, Ein ganz neues Leben, und dieses Jahr erschien Mein Herz in zwei Welten.

Band 1 war ‚Ziemlich beste Freunde‘ plus Liebe und sauber konsequentem Ende und ist eine gute Geschichte, emotional erzählt und von Luise Helm wunderbar gelesen. Band 2 hinterließ einen ziemlich bitteren Geschmack, weil Moyes, damit Band 2 funktionieren konnte, das bittersüße Ende des ersten Buches im Auftakt des zweiten quasi aufheben musste.

Ich habe noch nie ein offensichtlicheres Beispiel erlebt, in dem ein zweiter Teil den ersten im Nachhinein schlechter macht. Dementsprechend war ich ziemlich skeptisch über den dritten. Aber konsequenterweise wollte ich ihn hören. Ein Glück.

Mein Herz in zwei Welten lässt Louisa einen Neuanfang in Amerika machen, mit allem Stolpern und aller Faszination, aber auch mit den Fäden in die Vergangenheit, die sich nicht so leicht kappen lassen. Und natürlich ist da die Liebe. 

Es funktioniert. Als Geschichte, als nächster Teil in Louisas Leben. Aber auch als eigenständige Story. Sehr visuell erzählt, gibt es einige Szenen, die schon jetzt nach Film schreien. Der Soundtrack schwang die ganze Zeit in meinem Kopf mit.

Luise Helm tut den Rest. Ich mag die Stimme, die Art, wie sie eine Geschichte erzählt und sie mir als Zuhörer näher bringt, ohne es zu übertreiben.

Wem ‚Ein ganzes halbes Jahr‘, kommt auch hier auf seine Kosten. Den zweiten Teil könnt ihr überspringen. Dieser hier lohnt dafür wieder.

Mein Herz in zwei Welten von Jojo Moyes wurde übersetzt von Karolina Fell und erschien bei Wunderlich, das Hörbuch wurde gelesen von Luise Helm und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Carter von Ally Klein

„Seit wann bist du zurück?“

Der erste Satz aus Carter

Da ist ein namenloses, geschlechtsloses, fast körperloses Ich. Und da ist Carter, das Gegenteil. Körperlich, offen für alles, süchtig nach der Berührung, nach dem Spaß. Die Beiden treffen aufeinander und der Ich-Erzähler kommt ins Straucheln.

Ally Klein geht es nicht um die Geschichte, ihr geht es um die Atmosphäre, um das Erkunden des Gefühls und blinden Tasten nach dem eigenen Sein. Die Geschichte selbst ist für sie dabei nur Mittel, schmuckloses Beiwerk. Ich strebe aber nach Geschichten. Ich will wissen, was passiert, wie es passiert, warum es passiert. Dieses Ich macht es mir schwer, aber nachdem ich über die ersten paar Seiten bin, nachdem ich mich auf ihn (oder sie) eingestellt habe, bin ich drin.

Ich mag die Sprache, das Suchen der Worte, die Art, Dinge zu beschreiben. In meinem ersten Roman gibt es einen bisschen sonderbaren Charakter, der kaum mit Leuten spricht, aber extrem viel liest und ganz anders mit der Sprache umgeht:

Ich konnte zwar Deutsch sprechen, doch Alex spielte mit den Worten. Er wählte jedes seiner Worte bewusst aus, er war wie ein Mönch der Worte. Machte lange Pausen, nur um unter zehn möglichen das einzig wirklich passende herauszupicken. Nahm sie zurück, wenn sie nicht passten, und spuckte ein weiteres aus. Er ließ sie durch seine Finger gleiten, wie Stoff, den man auf seine Qualität hin überprüft. Er ließ keine unbewusste Zweideutigkeit in seinen Redewendungen aufkeimen.

aus ‚Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen‘

Daran musste ich denken, als ich Carter las. Und obwohl ich mehr auf Story, als auf Atmosphäre stehe, konnte ich hier beides genießen. Ich kam mir manchmal vor wie auf einem Trip und war die ganze Zeit auf der Suche nach Hinweisen, Konkretem. Wollte wissen, was wirklich passiert und was nur in seinem Kopf (für mich ist es eindeutig ein Er). Und dass ich am Ende wieder am Anfang bin, hat mich erst geärgert und dann sehr gefreut.

Transparenz: Ally und ich sind befreundet. Ich kannte frühere Ausschnitte aus Carter, sie kennt Rohversionen meiner Texte. Gerade deshalb bin ich überrascht. Weil ich ‚weiß‘, dass wir ganz unterschiedlich arbeiten, ganz unterschiedlich lesen. Ich dachte, ich lese ihren Roman mit der zugewandten Haltung eines Freundes. Ich war aber unvoreingenommener, gefangener Leser. Dafür: Danke!

Carter ist ein dichtes Buch, ein fast absatzloser Trip voller Eindrücke, der viel Platz für die eigene Interpretation lässt. Viel Platz zum Nachdenken.

Carter von Ally Klein erschien bei Droschl. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells

Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.

Der erste Satz aus Vom Ende der Einsamkeit

Jules wacht nach einem Unfall im Krankenhaus auf und rekapituliert sein Leben, seine Kindheit mit seinen Geschwistern und ohne Eltern, da sie früh ums Leben kommen. Beleuchtet Momente und holt Erinnerungen hoch, die sich verloren angefühlt haben. 

Dies ist mein erster Roman von Benedict Wells. Immer nur knapp zwei Jahre älter als ich, konnte ich an seinem Lebensweg den ablesen, den ich nicht eingeschlagen, aber immer beneidet habe. Weil ich mich nicht traute. Vielleicht auch, weil ich es nicht gekonnt hätte.

Deshalb wollte ich lange Zeit nicht in seine Bücher eintauchen, deshalb las ich dieses wohl auch mit einem überkritischem Blick, der mich im ersten Drittel des Romanes noch auf ein paar Kleinigkeiten aufmerksam machte. Zwei, drei Vorahnungen im Sinne von ‚wenn ich damals schon gewusst hätte, dann…‘, die unnötig sind. Auch gibt es ein Kapitel in dem die Erzählperspektive wechselt und für einen kurzen Moment nicht mehr ein Mann in Gedanken sein Leben abspielt und wir in seinem Kopf dabei sein, alles miterleben dürfen, schambefreit und unzensiert, sondern wir als existenter Leser angesprochen werden und für dieses Kapitel dem Erzähler klar ist, dass wir da sind und ich mir für diese Passage nicht mehr sicher bin, ob er mir vielleicht doch Dinge verschweigt.

Alles Kleinigkeiten, die mir nur auffielen, weil ich einerseits nach solchen Dingen gesucht habe und andererseits, weil die Geschichte sonst großartig erzählt ist.

Wells braucht keinen großen Plot erzählen, er schafft Atmosphäre und so ein Gefühl, dass ich in der Geschichte bin, in ihr bleiben will und von ihr berührt werde. Immer wieder neu identifiziere ich mich, vergleiche mein Leben, meine Gedanken, meine Träume und hänge auch nach dem Ende der Geschichte den Figuren nach. Vom Ende der Einsamkeit hat mich unterhalten, mich berührt, mich zum Nachdenken gebracht. Was will man von einem Roman mehr?

Für mich heißt das nun, ganz viele Romane nachholen. Ein Glück stehen schon alle im Bücherregal.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Der Blumensammler von David Whitehouse

Der erste Satz aus Der Blumensammler:

Dreitausend Meter unter dem Meeresspiegel ächzen die Knochen unter der Last der Einsamkeit.

Der erste Roman von David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek, hatte mich ernüchtert und irgendwie enttäuscht zurückgelassen. Aber ich sah dieses Cover, den Titel und den Klappentext und dachte, ich will es nochmal probieren.

Drei Männer und drei Geschichten, von denen nur eine die des Blumensammlers ist, wunderbar skurril und mit feinen Worten und Bildern erzählt. Das konnte David Whitehouse schon im Roman zuvor, das Ding mit den Worten und den Bildern.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/174529397672/es-taucht-aus-dem-nichts-auf-wie-es-erinnerungen

Diesmal aber fühle ich mich aber auch in der Geschichte und mit den Figuren wohl. Mit dem ehemaligen Waisenkind, das in der Londoner Notrufzentrale arbeitet. Mit dem alten Professor, der eigentlich nur mit seiner Frau zusammen sein will. Und natürlich mit Peter, dem Tatortreiniger, der in der Bibliothek in einem alten Buch einen Liebesbrief mit den Namen von sechs seltenen Blumen findet. Er beschließt, diese zu finden.

Whitehouse fädelt die Geschichten ineinander und ich ahne, dass alles irgendwie zusammengehört. Was es natürlich auch tut. Trotzdem und gerade deshalb lese ich mich ziemlich schnell durch das Buch, stets mit dem Smartphone in der Hand, weil ich die Blumen nachschlagen will, um die es geht. In ein paar Tagen habe ich die knapp 400 Seiten durch, lächelnd und gut gelaunt, weil es dann doch nochmal überraschend ist.

Es gibt zwei Dinge, die mich an der Geschichte wundern, die ich gern noch erörtert hätte. Bei einem Roman, der von Anfang bis Ende sauber geknüpft ist, stellen sich mir diese beiden Fragen (,die ich hier nicht stellen kann, ohne zu spoilern).  Aber ich kann sie auch als Interpretationsfreiraum sehen, welcher dem Leser gelassen wird.

Der Blumensammler ist ein innerlich und äußerlich schönes Buch, voller Liebe für die Natur und die losen Fäden des Lebens, mit einem besonderen Blick auf Charaktere und das Schicksal jedes Einzelnen.

Das erste Kapitel ist eine gute Leseprobe. Wenn man die Erlebnisse dort annehmen kann, dann kann man sich auf den Rest des Romanes freuen. Wenn man dort abgeschreckt wird, liest man lieber was anderes.

Der Blumensammler von David Whitehouse wurde übersetzt von Dorothee Merkel und erschien bei Tropen. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing, gelesen von Sascha Rotermund

Der erste Satz aus Die Tyrannei des Schmetterlings:

Afrika.
Die durchweichte Zeit.

Ich mochte „Der Schwarm“. Ich habe auch eine okaye Erinnerung an „Limit“. Und Schätzing ist einer der präsentesten Autoren, die ich kenne. Ich kenne keinen anderen schreibenden Menschen, den ich so oft auf Plakaten in der Stadt gesehen habe. Schätzing weiß sich zu verkaufen. Und das ist das Problem.

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ ist ein Science-Fiction-Zukunfs-Philosophie-Krimi-Thriller plus Liebesgeschichte, der ganz klein beginnt und anfangs noch extrem spannend ist. Dann irgendwann erst ein großes und dann ein unendlich weites Bild entwirft, in dem sich jeder Handlungsfaden, jede Struktur und auch jede Ordnung in meinem Kopf verliert. 

Schätzing kann grundsätzlich schreiben. Ganz viele Momente sind schöne kleine Edelsteine, die für sich toll funktionieren. Aber innerhalb eines Buches ist das, was Schätzing versucht, nicht möglich. Leider kommt es mir vor, als ob Schätzing sich gern schreiben sieht und innerhalb eines Buches alles an Fähigkeiten und Infos und Möglichkeiten reinquetscht, was ihm in dem Moment einfällt. In so einem Extrem, dass Schätzing streckenweise nur noch Information ohne jede prosaische Form hinklotzt und selbst das Ende sich nur rangeklatscht anfühlt, ohne jede Anstrengung, nur damit das Buch zu Ende geht. Vom Ende einer Geschichte kann ich gar nicht sprechen, jede seiner Geschichte hat Schätzing auf dem Weg verloren. Was total schade ist.

Denn in diesem Buch stecken viele gute Ideen und Momente und Geschichten. Aber nicht so, wie Schätzing sie zusammenquetscht. Wenn Schätzing nicht Schätzing wäre und so bekannt wäre, hätte ihm kein Verlag das durchgehen lassen, was er hier veröffentlicht hat.

So weiß ich nicht, was genau ich da in der Hand halte und was ich damit anfangen soll. Und ich glaube, Sascha Rotermund ging es genauso. Als ob er nicht weiß, was genau er da liest, kämpft er sich besonders durch den Anfang und legt eine klischeehafte Actionstimme über Stellen, in denen gar keine Action passiert. Das macht das Zuhören streckenweise ziemlich anstrengend. Es wird im Laufe der Stunden viel besser und an den meisten Stellen mag ich, was Rotermund macht, aber der Anfang war holprig.

Ich bleibe ratlos zurück, weil ich in diesem Buch viel Schönes erfahren habe, viel Spaß hatte, aber es nicht so richtig gut finden kann oder es gar empfehlen kann. Schade.

Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing erschien bei Kiepenheuer und Witsch. Das Hörbuch wurde gesprochen von Sascha Rotermund und erschien beim Hörverlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Stories: Good Home von T.C. Boyle

Der erste Satz aus Good Home:

Es gab zwei Arten von Wahrheiten: gute und schmerzhafte.

T.C. Boyle ist optimaler Alleinunterhalter. Jede Lesung ein Spaß, ähnlich die Romane. Good Stories kondensiert dies, 20 Einblicke in 420 Seiten. Boyle umgeht dabei oft das deutsche Prinzip einer Kurzgeschichte, gibt mehr einen Einblick in menschlicher Lebensumstände, die meinem sehr fern sind, als einen überraschenden Twist oder eine unerhörte Neuigkeit. Es ist Auffächern des Alltags.

Good Home ist wie ein Fernseher der regelmäßig und unkontrolliert den Kanal wechselt. Meist dann, wenn ich diesen Ausschnitt der Welt, die Motivation der Figuren und ihr Handeln, wenn schon nicht gutheißen, dann zumindest nachvollziehen konnte, wechselte der Sender. Mehr als einmal blätterte ich um, entrüstet, dass es nicht weitergeht. Nur um mich dann in die neue Situation einzufinden.

Nicht alle Geschichten haben mir getaugt, nicht alle Situationen fand ich interessant. Aber selbst sie sind Teil dieser Möglichkeit, in menschliches Handeln, meist in ihre Abgründe zu blicken. Dass ich nach den meisten Geschichten mehr wollte, quasi mitten im Ritt rausgeworfen wurde, war in den Momenten zwar ärgerlich, erhält die Erinnerungen aber umso leuchtender. Treibt die Fantasie umso weiter an.

Und, Hanser hat ein ziemlich schönes Cover und wertig gemachtes Buch hingelegt. Nicht nur wegen des Inhalts habe ich dieses Buch sehr gerne in der Hand.

Good Home von T.C. Boyle wurde übersetzt von Anette Grube und Dirk van Gunsteren und erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Hörbuch: Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinian, gelesen von Luise Helm

Der erste Satz aus Wir sehen uns am Meer:

Jemand war an der Tür.

Es ist kurz nach dem 11. September 2001 in New York und die Stimmung ist sowieso angespannt. Liat ist Studentin aus Israel und für ein halbes Jahr in der Stadt, als sie den Künstler Chilmi kennenlernt. Chilmi ist gutaussehend und charmant, aber vor allem ist er Palästinenser.

Dorit Rabinian erzählt nicht nur eine klassische Boy meets Girl – Geschichte, sondern verwendet sie, um daran den Konflikt Israel – Palästina anzureissen. In Israel schlug der Roman hohe Wellen, galt als zu gefährlich, um ihn in Gymnasien zu empfehlen.

Ich kenne mich viel zu wenig mit der Geschichte und dem Leid dieses Konfliktes aus und kann deshalb nur ahnen, um was es wirklich geht. Aber ich kann es nicht spüren. Mir fehlt das Wissen, um die Größe der Tragik zu verstehen.

Bleibt eine Liebesgeschichte mit Deadline, poetisch geschrieben und einfühlsam erzählt von Luise Helm. Irgendwas stört mich an der Art, wie sie dieses Buch spricht, bis ich ans Ende komme und es Licht über den ganzen Roman wirft.

Ich glaube, Romane wie dieser sind wichtig, weil sie gesellschaftliche Themen in neues Licht rücken und auch Menschen wie mich auf Konflikte aufmerksam macht, die mir bisher im Dunkeln lagen. Aber die Geschichte selbst ist leider nur nett. Es gibt gute und auch gut geschriebene Szenen. Aber alles in allem berührt mich die Geschichte nicht, wie ich glaube, dass sie es sollte.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinian wurde übersetzt von Helene Seidler und gesprochen von Luise Helm. Das Taschenbuch erschien bei Droemer, das Hörbuch bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Das schönste Mädchen der Welt von Michel Birbæk. (Nicht der Film.)

Der erste Satz aus Das schönste Mädchen der Welt:

Die Autobahn rast unter uns hindurch wie eine endlose Straßenrolle.

Leo Palmer ist Ex-Musiker, Studioinhaber und Sprecher von Pornobüchern, mit denen er sich über Wasser hält. Er lebt so vor sich hin, bis er im Zug Mona kennenlernt, eine verheiratete Frau, der er den Kopf verdreht. Und dann stirbt Prince und Leo ist vollkommen in seiner Vergangenheit.

Eigentlich egal, was der Plot ist, ich mag Birbæk und seine Schreibe, ich bin also vollkommen befangen. Aber seit dem letzten Buch sind acht Jahre und ich bin gespannt, ob Birbæk sein Niveau halten kann.

Kann er. Wie damals unterhält er mit lockerer Sprache, erzählt eine Geschichte, die ganz seicht startet und Laufe der Seiten immer mehr Tiefe ahnen lässt. Samt einem Schluss, der Licht auf den Anfang wirft. Manchmal scheint mir zu sehr die Comedy-Seite von Birbæk raus, manche Witze sind mir zu plump, zu sehr auf eine vorgelesene Version getrimmt.

Dafür, dass ich für Prince zu jung war und kaum etwas mit ihm und seiner Musik anfangen kann, lese ich die Leidenschaft, die ich auch auf andere Dinge umlegen kann. Wahrscheinlich entgehen mir superviele Insider und Referenzen auf Prince, trotzdem funktioniert das Buch. Ich mag die Charaktere, die Geschichte und den Stil, fühle mich wohl in der Welt. Unterhalten und vielleicht noch ein wenig mehr.

Was braucht es sonst noch? Vielleicht noch weitere Romane. Mal sehen, ob das passiert.

Zwei Anmerkungen: In der deutschen Unterhaltungsbranche muss es doch jemandem auffallen, dass im selben Jahr sowohl ein Buch (dieses), aber auch ein Film mit diesem Namen erscheinen. Sind ganz unterschiedliche Geschichten und ich verstehe, dass Birbæk das Buch nach dem Song von Prince benannt hat. Führt dennoch zu Verwirrungen.

Und mit dem Wechsel zu RandomHouse / Blanvalet wurden alle Bücher von Birbæk neu aufgelegt, mit einem frech von den Büchern von Nick Hornby geklauten Design. KiWi hat das Design vor kurzem geändert, aber jeder, der die bisherigen Cover kennt, wird irritiert sein. Es ist ja in Ordnung, der Vermarktung wegen Cover an Bekanntes anzugleichen und in diesem Fall gehe ich davon aus, dass Freunde von Hornbys Geschichten auch bei Birbæk Gefallen finden. Aber so ähnlich, das finde ich schon sehr dreist.

Das schönste Mädchen der Welt von Michel Birbæk erschien bei blanvalet. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Hörbuch: Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky, gelesen von Sandra Hüller

Der erste Satz aus Was man von hier aus sehen kann:

Wenn man etwas gut Beleuchtetes lange anschaut und dann die Augen schließt, sieht man dasselbe vor dem inneren Auge noch mal, als unbewegtes Nachbild, in dem das, was eigentlich hell  war, dunkel ist, und das, was eigentlich dunkel war, hell erscheint.

Wenn Luisas Oma von einem Okapi träumt, stirbt am nächsten Tag jemand. Aber das ist das einzig skurrile an diesem Ort. Da ist Martin, Luisas Schulfreund, der Gewichtheber werden will und deshalb alles hochhebt, was er findet. Da ist Marlies, die immer schlecht drauf ist und niemals das Haus verlässt. Und da ist der Optiker, der seit Jahrzehnten seine Liebe geheim hält.

Mariana Leky führt uns durch Luisas Leben, mit all den kleinen und großen Eigenheiten, mit all den guten und schlimmen Sachen, die so ein Leben begleiten. Es ist ein netter kleiner Roman über das Leben und den Tod, über die Liebe und die Trauer, verpackt in schöne Bilder und sepiafarbene Sprachspiele.

Manchmal bricht Leky ihre Erzählform, was wahrscheinlich kaum jemandem auffällt und auch nicht schlimm ist, das Buch funktioniert trotzdem. Ich brauchte ein bisschen, bin ich drin war, in der Betroffenheitsprosa, die es doch irgendwoe ist, dann hatte ich bis zum Ende Unterhaltung.

Womit ich mich aber sehr schwer getan habe, ist Sandra Hüller als Sprecherin. Hüller habe ich erst seit Toni Erdmann im Bewusstsein, eine bemerkenswerte Schauspielerin, keine Frage. In diesem Hörbuch aber hilft sie mir als Hörer nicht, die Geschichte noch besser zu verstehen. Sie spricht schön und verständlich, aber sie füllt die Geschichte nicht mit Leben. Sie liest die Worte runter, in der immer gleichen leicht traurigen Haltung. Es sei denn, der Text zwingt sie dazu. Das kann ich mir anhören, aber Hüller macht es mir nicht so leicht, wie sie könnte. Meiner Meinung nach sogar sollte.

Es gibt vollkommen andere Meinungen zu ihrer Perfomance, sie war sogar nominiert als beste Interpretin für den deutschen Hörbuchpreis. In der Begründung heißt es ‚große Beiläufigkeit‘ und ‚angemessene Ruhe im Erzähltempo‘. Ich empfand es als nett und ohne Haltung runtergelesen.

Insgesamt eine nette Geschichte, die ich vielleicht lieber hätte lesen sollen.

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky wurde gelesen von Sandra Hüller und erschien bei tacheles!. Die Buchfassung erschien bei Dumont. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Roman: Artemis von Andy Weir

Der erste Satz aus Artemis:

Ich sprang über das graue, staubige Gelände zur riesigen Wölbung der Conrad-Blase.

Jazz lebt in Artemis, in der einzigen Stadt auf dem Mond, eigentlich nicht mehr als eine Raumstation für 2000 Einwohner und die Touristen. Jazz ist die geduldete Schmugglerin und alles ist einigermaßen okay, bis sie sich als Saboteurin versucht und dann alles schief geht.

Ich mochte Der Marsianer sehr und wollte unbedingt den kommenden Roman von Andy Weir lesen. Hätte ich Artemis mit diesem Cover irgendwo stehen sehen, hätte ich es erstmal stehenlassen. Anfangs konnte ich weder mit dem Bild noch mit der Schrift etwas anfangen und besonders der extrem große Hinweis auf das Vorgängerbuch macht jede schöne Gestaltung kaputt. Aber ich kann es nachvollziehen, weil niemand was mit dem Namen Andy Weir anfangen kann. Dafür ist er noch viel zu unbekannt. Wieso also nicht nicht die Bekanntheit des Vorgänger nutzen? Je länger ich das Buch aber in den Händen halte, desto besser gefällt mir das Cover.

Die Geschichte ist, wie der Marsianer auch, literarisch nicht anspruchsvoll, aber sehr spannend, unterhaltsam und gut runterzulesen. Ich ahne den Einfluss des Lektors, Weir hält sich bei den technischen und physikalischen Erklärungen mehr zurück als beim Marsianer und schafft eine schöne Balance zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung. Ich begleite Jazz gern durch ihre Welt, durch die Aufdeckung des Komplotts auf dem Mond und die Sorgen, die unseren auf der Erde erstaunlich ähnlich sind. Einzig ihre schnoddrige Art wirkt mir manchmal zu plump. Zu künstlich. Dann kommt mir Jazz vor, wie die Frau, die sich Männer gerne vorstellen.

Trotzdem, ich brauche nur wenige Tage für das Buch und bleibe lächelnd zurück, vorfreudig auf den kommenden von Andy Weir und die garantierte Verfilmung von Artemis.

Artemis von Andy Weir wurde übersetzt von Jürgen Langowski und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Die Unversehrten von Tanja Paar

Der erste Satz aus Die Unversehrten:

‚Kann ich ein Glas Wasser, Vio‘, sagt sie und ich ergänze ‚haben‘.

Das Cover war mein Highlight der Buchmesse, also habe ich das Buch mitgenommen. Aber der Klappentext hat mich skeptisch gemacht. Ich war mir sicher, dass mir diese Dreiecksgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann zu sehr Betroffenheitsprosa sein würde. Aber das Cover.

Tatsächlich überrascht Tanja Paar mich. Sie schreibt extrem minimal, die Szenen sind kurz, vieles wird nur angerissen und das ganze Buch erinnert mich an einen Comic, in dem auch immer nur Standbilder gezeigt werden und der Hauptteil der Geschichte zwischen den Bildern geschieht. Es ist experimentell und es ist gewagt, manchmal funktioniert es, oft aber leider nicht.

Mehrmals komme ich mir vor, als ob ich die Rohfassung einer viel größeren Geschichte lese, einzelne Szenen, die unvollständig und zu kurz sind. Dadurch nimmt mir die Geschichte die Zeit, die ich bräuchte, um auf die emotionale Ebene zu kommen, die ich für die Geschichte bräuchte.

Die Geschichte ist krasser, als es der Einband suggeriert. Das ist gut, aber in mir rührt sich kaum was, weil ich nicht den Platz bekomme, dass es sich entfalten kann.

Weiterhin ist Österreichisch doch ein wenig anders, als Deutsch, sodass ich immer wieder über die kleinen grammatischen Unterschiede oder für mich ungewohnte Worte stolpere. Das holt mich mehr aus der Geschichte, als es sollte.  Und als letztes wirft das Ende der Geschichte für mich einen sehr großen Schatten über den Rest.

Paar hat eine spannende Schreibe und ich bin gespannt, wie das nächste Werk wird, aber dieses Mal hat es mich nicht berührt.

Die Unversehrten von Tanja Paar erschien im Haymon Verlag. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Beobachtungen aus der letzten Reihe von Neil Gaiman

Der erste Satz aus Beobachtungen aus der letzten Reihe:

Ich bin dem Journalismus entflohen – oder habe mich ungeschickt von ihm gelöst -, weil ich die Freiheit haben wollte, mir selbst Sachen auszudenken.

Ich kenne Gaiman noch gar nicht so lange, aber ich lese seine Bücher gern, ich mag dieses Realität plus einen Hauch Magie. Ich sehe ihn mir auch gern an, wenn er Reden und Vorträge hält. Nun ist ein ganzes Buch davon entstanden, eine Sammlung von Vorworten, Essays, Reden und Vorträgen, die Gaiman in mehr als 20 Jahren in der Unterhaltungsbranche verfasst hat.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/172557336962/und-literatur-schenkt-und-empathie-sie-versetzt

Einigermaßen sortiert nach Dingen über das Schreiben selbst, über andere Menschen und über seine eigenen Geschichten. Gaiman schreibt selbst, es ist kein Buch, dass man einfach von vorne nach hinten lesen sollte. Ich habe es getan und es klappt tatsächlich nicht gut. Weil Gaiman zwar extrem gut Geschichten erzählen und Vorträge halten kann, aber gelesen funktionieren diese Vorträge leider nicht so gut, wie wenn man sie hört. Und wenn man einen nach dem anderen liest, merkt man eben doch, dass sie aus einem Kopf kommen und manche Bilder, Ideen und Anekdoten – so gut sie sind – immer wieder von Gaiman verwendet worden. Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, schon zu kennen, was ich las.

Es sind viele schöne Texte in diesem Buch, viele Leseempfehlungen und viele tolle Gedanken, richtig spannend wird es aber dann, wenn Neil Gaiman seine alten Texte nochmal kommentiert und in Zusammenhang bringt.

Es ist eine gute Zusammenstellung zum Teil sonst kaum erhältlicher Texte und ich hatte meine Freude, es zu lesen. Aber ich kann es nur Fans empfehlen und wünschte mir mehr Aufmerksamkeit und ein wenig mehr Zeit bei der Komposition.

Eine Sache noch, im Original heißt das Buch ‚The View from the Cheap Seats‘. Der titelgebende Aufsatz heißt im Buch auch ‚Die Aussicht von den billigen Plätzen‘. Warum das Buch selbst eine ungenauere Übersetzung erhalten hat, weiß ich nicht, aber es irritiert mich.

Beobachtungen aus der letzten Reihe von Neil Gaiman wurde übersetzt von Rainer Schumacher und Ruggero Leò und erschien bei Eichborn. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.