literaturcafe.de-Podcast: Bücher, Buchpreis, Filme und zu preisende Hörbücher

Mein letztes Gespräch über Bücher mit Wolfgang Tischer ist von Mai. Zeit, sich mal wieder zusammenzusetzen, und zu reden. Diesmal über den Deutschen Buchpreis und zwei Bücher der Longlist: »Nach Onkalo« von Kerstin Preiwuß und »Wiener Straße« von Sven Regener, über die Verfilmung von »The Circle« und »Wunder« und über Hörbücher von Selim Özdoğan (»Capsaicin«) und Margaret Atwood (»Oryx und Crake«). Und dazwischen natürlich über alles andere. Hier könnt ihr einfach auf Play drücken, drüben bei literaturcafé.de gibts sogar Kapiteleinteilungen und alle Links. Viel Spaß!

Interview: Selim Özdogan, Autor von „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“

Eigentlich sollte man nicht immer einen Grund für ein Interview brauchen. Manchmal ist ein Grund aber ein ganz guter Startpunkt, um über alles Mögliche reden zu können. Das habe ich mir Selim Özdogan, Autor von „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ gemacht. Los gehts!

Selim, der neue Roman ist draußen, du bist auf Lesetour. Ganz abgesehen davon, wie geht’s dir gerade?
Sehr gut.

Gibt es ein Ritual, das du hast? Irgendetwas, womit du deine Tage beginnst?
Kaffee, Twitter, Yoga. In der Reihenfolge. So ziemlich jeden Tag.

In deinem neuen Roman „Wieso Heimat, ich wohne zu Miete“ hast du mit Krishna Mustafa einen Menschen, der naturstoned ist, jemand, der keine Drogen nimmt und fast durchgehend gut drauf ist. Im Roman zuvor, „DZ“, ging es um den gleichnamigen Staat, in dem alle Drogen legal sind. Warum nehmen sie so eine wichtige Rolle ein?
Droge kann man ja auch als Metapher für Wahrnehmung sehen und dafür, wie sehr Wahrnehmung veränderbar ist. Wie dünn der biochemische Faden ist, an dem das hängt, was wir Realität nennen. Es gibt nichts anderes als Wahrnehmung. Ein Text erzählt dir, wie der Protagonist, die Welt wahr nimmt. Und für die Dauer des Textes kann man die Welt auch so sehen und fühlen. Das ist auch eine Wahrnehmungsveränderung. Eine Droge.

Es geht mir nicht um Substanzen, es geht darum die Grenzen, die klar scheinen, aufzulösen. Wobei auflösen nicht das richtige Wort ist, weil sie ja gar nicht wirkich existieren, außer im Kopf.

Schreibst du auch auf türkisch? Gibt es Dinge, die man nur auf Türkisch sagen kann? Und Dinge, die nur auf Deutsch gehen?
Ich vermute, dass man auf jeder Sprache alles sagen kann. Nur vielleicht nicht so elegant. Ich empfinde Türkisch als die emotional exaktere Sprache, aber ich schreibe nicht auf Türkisch. Erstens ist mein Türkisch leider schlechter als mein Deutsch, zweitens lesen in der Türkei weniger Menschen Bücher und ich habe mich in die Position gebracht, vom Schreiben leben zu müssen.

Die Titel deiner Bücher sind manchmal „normale“ Titel und manchmal für sich selbst stehend schon so etwas wie Sprichworte. Welche sind dir lieber?
Ich mag die alle gleich gern, bis auf die beiden, wo der jeweilige Verlag mir reingeredet hat. Die Titel müssen einfach zum Buch passen.

Gibt es erst die Titel oder erst die Ideen für die Geschichten?
Erst die Idee, dann der Titel, dann das Schreiben. Fast immer diese Reihenfolge.

Du bist jetzt bis November auf Lesungen, liest aus dem aktuellen Roman und beantwortest oft ähnliche Fragen. Wie gut kannst du dich auf den nächsten Roman konzentrieren und kannst du auf Reisen schreiben?
Ich kann auf Reisen schreiben, mache es aber in der Regel nicht, bzw. nicht so gerne, weil ich Lesereisen auch als eine angenehme Abwechslung von meinem Alltag erlebe, der ja vom Schreiben geprägt ist. Wenn aber Abgabetermine oder Ähnliches drängt, schreibe ich halt im Zug oder im Hotel.

Sollte man deine Texte lesen oder vorgelesen bekommen, vielleicht sogar von dir?
Der Anspruch ist immer, dass der Text auch funktioniert, wenn er nicht vorgetragen wird. Außer bei den Bandcamp-Sachen.

Ich habe beim Schreiben immer einen bestimmten Rhythmus und Klang im Ohr und ich glaube, dass die Literatur dem Lied entsprungen ist. Dass sie auf eine orale Tradition zurück geht, steht ja außer Frage.

Aber wir haben halt viel mit gedrucktem Text zu tun und es kann einen zeitlichen und interpretativen Vorteil haben, selber zu lesen. Man ist schneller fertig und der Sprecher kann nicht die Richtung festlegen, die Bilder sind meine eigenen.

Du experimentierst viel mit Veröffentlichungsmöglichkeiten. Manche deiner Texte gibt es nur als Hörbücher, einige davon kostenlos auf Bandcamp. Die Geschichtensammlung „Freikarte fürs Kopfkino“ gab es exklusiv auf torbooks, einer Seite, die hauptsächlich illegale Buchdownloads angeboten hat. Woher diese Experimentierfreude?
Wir sind ja alles nur Enkel Adenauers.

Nein, weil ich es als meine Aufgabe ansehe, Grenzen aufzulösen.

Neben den normalen Buchverkäufen gibt es bei vielen der vorher erwähnten Sachen die Möglichkeit, zu spenden oder zu zahlen, was man will. Warum? Und was für Erfahrungen hast du damit gemacht?
Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich mit den selber festzulegenden Preisen und Spenden kaum Geld verdient. Aber darum ging es ja auch nicht. Ich halte Ideen für unabhängig vom Kommerz. Es ist schön, dass einfach mal zu entkoppeln.

In deinen Hörbüchern verwendest du Samples aus anderen Texten und Reden, manche deiner Sachen stehen unter Creative Commons-Lizenzen. Ein Kommentar zum Copyright und zum Urheberrecht?
Da gibt es so viel zu sagen … Vielleicht so: Die Kausalketten, die in der öffentlichen Debatte geschmiedet werden, halten in meinen Augen nicht. Man sieht die Literatur, die kulturelle Vielfalt, usw. bedroht und es wird so getan, als könnten  Autoren von ihren Büchern leben und illegale Ebookdownloads würden ihre Existenzgrundlage gefährden. Das stimmt nicht so nicht. Die wenigsten Autoren leben von Buchhonoraren. Die Literatur entsteht nicht, weil Autoren davon leben, sondern sie entsteht, obwohl sie nicht davon leben können.

Ideen können nicht vollständig kommerzialisiert werden und sie können – einmal in der Welt – auch nicht mehr ausgerottet werden.

Niemand kann die Frage beantworten, woher genau eine Idee kommt. Irgendwo, irgendwie geschieht ein Wunder:  Fumps, eine Idee. An der arbeitet man dann. Ich würde die Idee nie als meine eigene beanspruchen, weil ich letztlich nicht weiß, wo sie herkommt. Jah gave me song to sing, sagt Bob Marley.

Geistiges Eigentum ist ein seltsames Konzept. Wie kannst du etwas besitzen, dass man nicht anfassen kann? Wie kannst du ein Talent, das dir geschenkt worden ist, als eigene Leistung betrachten? Wie kannst du etwas, dass du verbreitet sehen möchtest, einschränken durch Kaufkraft?

Ich möchte natürlich bezahlt werden, aber nicht für die Idee, sondern für die Arbeit, die ich da reinstecke. Und das auch nur, weil wir nun mal in diesem System leben.

Die Ideen sind frei, das System arbeitet aber mit Zwang.

Die Liste deiner Veröffentlichung reicht bis ins Jahr 2019, zwei Romane sind schon angekündigt. Wieviele weitere Projekte gibt es noch?
Es gibt noch einige Nebenprojekte, von denen ich nicht sagen, wie viele davon realisiert werden, weil da auch andere Leute mit drinhängen. Bei einem Roman bin ich ja immer vollständig eigenverantwortlich. Es gibt aktuell kein Romanprojekt, außer die angekündigten, aber das kann sich noch heute ändern …

Und gibt es Projekte, die du großartig findest, die aber realistisch gesehen niemals geschehen werden?
Nein. Der limitierende Faktor ist immer nur Zeit. Und so alt bin ich noch nicht …

Sprichst du lieber vor Publikum oder in deiner Aufnahmekabine für deine Hörbücher?
Kommt sehr auf den Text an und was ich erreichen möchte.

Musik spielt in vielen deiner Texte eine Rolle, du beschreibst dich auch als „DJ der Worte“. War Musiker sein mal eine Alternative?
Leider nein, es mangelt an Talent. Aber ich habe den Klang von Sprache immer auch als Musik empfunden.

Was waren die letzten Bücher, die du gern gelesen hast?
Auerhaus, A brief history of seven killings (noch nicht fertig), Der Susan Effekt (trotz deutlicher Schwächen)

Du hast selbst vor kurzem ein halbes Jahr in Istanbul verbracht. Was müsste sich ändern, damit du nicht mehr nach Köln zurückkehren wölltest?
Die Gesamtsituation in Deutschland müsste sich deutlich ändern, damit ich nicht mehr hier sein möchte. Die Stimmung zur Zeit stufe ich als temporär ein.

Der Name dieser Seite, mokita, bedeutet „Die Wahrheit, die jeder kennt, aber keiner ausspricht“. Was ist ein mokita für dich?
Man sucht draußen Dinge, die man nur drinnen finden kann.

Danke für die Zeit, dir alles Gute und auf bald!

Roman: Wieso Heimat, ich wohne zur Miete von Selim Özdogan

Der erste Satz aus Wieso Heimat, ich wohne zur Miete:

Maria war anders als die übrigen Ausländerinnen, die mit Recep geschlafen hatten.

Krishna Mustafa ist der Sohn von Maria und Recep, Deutschtürke, der für ein halbes Jahr nach Istanbul geht, um den Liebeskummer zu vergessen und seinen Vater und seine Identität zu finden.

30 Kapitel lang erzählt Ödzdogan die Geschichte von Krishnas Zeit in Istanbul, erzählt von den Unterschieden zwischen Deutschen und den Türken, von den Menschen, die genau dazwischen sind, Istanbul, einer lebendigen und pulsierenden Stadt und eben von genau der Frage nach der Identität eines jeden Einzelnen.

Dabei erinnert er von der Form an Erich Kästner, jedes Kapitel hat eine Überschrift, die eine Ouvertüre ist und das gesamte Kapitel zusammenfasst. Krishna erinnert an den shakespeareschen Narr, der naiv und fasst einfältig durch sein Leben streift und genau dadurch allen anderen, aber besonders dem Leser seine eigenen Vorurteile und Verhaltensweisen spiegelt. Das macht er aber in so einer extremen Art, dass Krishna Mustafa als Figur sehr unrealistisch wird. Wie ein Herr Keuner oder ein Eulenspiegel. Was den Erkenntnissen und den Gedanken nicht schadet.

Überhaupt ist der gesamte Roman eher eine Sammlung toller Ideen, Gedankengänge und unterschreichenswürdiger Sätze, aber weniger eine ereignisreiche Geschichte. Natürlich passieren Dinge. Aber in welcher Reihenfolge sie passieren, spielt kaum eine Rolle. Wieso Heimat, ich wohne zur Miete liest sich mehr wie eine Reihe von Anekdoten mit dem gleichen Protagonisten, denn wie ein Roman mit einer großen Handlung und einem überraschenden Twist am Ende. Aber auch das ist in Ordnung. Ich hatte viel Spaß beim Lesen, habe Neues gelernt, habe Krishna Mustafa (oder Selim Özdogan?) oft Recht gegeben und freue mich darauf, endlich mal Istanbul zu besuchen.

Der Roman hat übrigens auch eine eigene Webseite, mit mehr Dingen aus diesem Universum.

Wieso Heimat, ich wohne zur Miete von Selim Özdogan erschien bei Haymon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: DZ von Selim Özdogan

Der erste Satz aus DZ:

Wir kennen hier kein Wort für Schmerz.

„Hier“ meint in diesem Kontext die DZ, die niemals ausgeschriebene Abkürzung für ein Land, das in naher Zukunft etwa inmitten des jetzigen Indien entsteht und in dem alle Drogen legal sind. Selim Özdogan schafft in seinem Roman eine Welt, von der viele Menschen hier träumen. Und führt gleichzeitig all die Probleme damit auf. Wer in der DZ lebt, gilt in der restlichen Welt ans Junkie und wird an jeder Grenze bis auf die Knochen durchsucht. Und wer einen Touristenstempel der DZ im Pass hat, wirkt so unschuldig wie heutzutage einer, der gerade von einem Wochenendtrip aus Amsterdam kommt.

Damian und Ziggy sind Brüder, Damian lebt in der DZ, Ziggy ist in Deutschland geblieben und hat eine Familie gegründet und schon lange keinen Kontakt mehr zu seinem Bruder. Allein der Kontakt in die DZ macht einen schon verdächtig. Aber als die Mutter der beiden im sterben liegt, bitte sie Ziggy, sich auf die Suche nach seinem Bruder zu machen, damit sie ihn ein letztes Mal sehen kann.

Da ist diese neue Droge, wmk, die dich alle Sprachen der Welt verstehen lässt, aber auch zur Folge hat, 12 Stunden lang überhaupt keiner Sprache mehr fähig zu sein. wmk bedeutet ausgeschrieben aber wortmachtklang und ist im gesamten Internet verstreut der Nickname von Selim selbst. Ich glaube, DZ kann vieles bedeuten, neben dem offensichtlichen Drogenzone aber auch einfach die Zusammensetzung von Damien und Ziggy, deren Namen wiederum beides derer von Söhnen Robert Nesta „Bob“ Marleys sind. Bezeichnenderweise heißt auch der Vater im Roman Robert.

Selim beschreibt abwechselnd aus der Sicht der beiden Brüder diese Geschichte und das Leben in einer nahen Zukunft, die sich, kurzfristig gesehen, wie eine Utopie anhört, aber immer tiefergehend im Grunde genauso festgefahren ist, wie unsere heutigen Verhältnisse. DZ ist ein Roman voller Drogen und Beschreibungen über Drogenerlebnisse, ohne sich dabei auf eine Seite zu stellen. Gleichzeitig aber ist es ein Buch voller Ideen und Fragestellungen, mit denen wir uns auch jetzt auseinandersetzen müssen. Und dann ist es aber auch ein Buch voller Verbindungen und kleinen Hinweisen. Und an Ende nicht nur der Ahnung, dass der erste Satz des Romans eine ausgesprochene Lüge ist.

Ich will gar nicht weiter schreiben. Schnappt euch  DZ, es hat ein tolles psychedelisches Cover, und taucht ein in eine Welt voller Wort, Macht, Klang. Viel Spaß dabei!

Über Selim werde ich bald nochmal schrieben, beziehungsweise, mit ihm. Ein Interview ist in Vorbereitung.

DZ von Selim Özdogan erschien beim Haymon Verlag.