Gedichte: Hold Your Own von Kate Tempest

Lesestoff: Hold Your Own von Kate Tempest. #amreading #katetempest #suhrkamp #nofilter #lyrik #bookstagram #books

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Die erste Strophe aus Hold Your Own:

Picture the scene:
A boy fifteen.
With the usual dreams
And the usual routine.

Lyrik und ich, wir werden echt selten warm. In meinem Sprechkunststudium bin ich immer wieder mit ihnen in Kontakt gekommen. Wenn es gefunkt hat, dann richtig. Aber das passiert eben nicht oft. Ich möchte Geschichten lesen und diese fehlen mir bei Lyrik oft. Ich habe Hold Your Own gelesen, weil ich von dem Roman von Kate Tempest sehr mochte. Ich weiß von ihren Songs, dass dort die Protagonisten des Romans wieder auftauchen. Ich hoffte, das sei auch hier der Fall. Ist es nicht, zumindest nicht direkt. Aber man liest aus ihren Gedichten das selbe Milieu heraus, die gleichen Probleme, die gleichen Themen.

Aber eben in Gedichten. Wenn ich die Geschichte in ihnen finde, funktioniert das für mich. In seltenen Fällen, wenn ich nur die Atmosphäre spüre. Es gibt Sätze, Passagen oder ganze Gedichte, die ich mag.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/153182242812/the-world-is-getting-stranger-every-day-youre

Aber größtenteils bin ich darauf zurückgeworfen, wenigstens den Flow zu spüren, den Rhythmus, der den Originalfassungen so stark inne wohnt, dass man nicht drumherum kommt, ihn zu spüren. Dies ist das Tolle an dieser Version: Man bekommt die Originalfassung neben der deutschen Übersetzung. Leider kommt diese überhaupt nicht an das Original ran. Ich ahne, wie schwer Lyrikübersetzungen sind. Diese reicht, um mal etwas nachzusehen, was man im englischen nicht versteht, aber sie ist in keiner Hinsicht ein Ersatz.

Ich werde mir wohl keine Gedichte mehr von Kate Tempest durchlesen, da warte ich lieber auf ihren nächsten Roman.

Hold Your Own von Kate Tempest wurde übersetzt von Johanna Wange und erschien bei suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Blauschmuck von Katharina Winkler.

Lesestoff: Blauschmuck von Katharina Winkler. Geiles Cover, viel gutes gehört. Ich bin gespannt. #suhrkamp

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Der erste Satz aus Blauschmuck:

Wir Kinder sind eine Herde.

Blauschmuck kommt mit einem so schönem Cover, das mich das Buch sofort in die Hand nehmen lässt. Aber die Geschichte einer türkischen Frau, einer türkischen Ehe voller Gewalt hatte mich nicht angesprochen, weshalb ich nicht vorhatte, es zu lesen. Aber dann habe mich so viel positives gehört und gelesen, dass ich dachte, gib dem Buch eine Chance.

Ein guter Gedanke, denn Katharina Winkler erzählt mit einer Wucht. Es ist immer noch die leider viel zu oft gehörte Geschichte von Gewalt in einer Ehe, oft einem nicht durchschaubarem System von Ehre geschuldet. Aber Katharina Winkler erzählt diese Geschichte einer einzigartigen Sprache, einer sehr verkürzten, lyrischen und unglaublich bildhaften Sprache. Ein Beispiel, der „Blauschmuck“, das sind die blauen Flecken, welche die Frauen an verschiedenen Stellen ihres Körpers tragen. Katharina Winkler greift dabei nicht auf abgedroschene Bilder, Symbole und Metaphern aus der deutschen Sprache zurück, sondern verwendet für meine Ohren, für mein Leseempfinden neue Bilder, extrem poetisch. Eben diese  Bildhaftigkeit bringt mir den brutalen, den gewaltsamen Inhalt viel näher, als es eine nüchterne Beschreibung der Tatsachen.

http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/142888550717/die-zeit-wird-schwächer-täglich-soll-sie-einen

Es ist ein schmales Buch, manche Seiten sind nur zum Drittel beschrieben und in zwei Bahnfahrten ist man durch. Aber kaum ein anderes Buch hat noch so lange in mir nachgehallt. Schon beim lesen und lange danach war ich aufgewühlt und wütend und wusste aber nicht, auf wen ich wütend sein soll. Auf Yunus, den gewaltvollen Mann in der Geschichte? Auf ein Land, eine Tradition, eine Kultur in der so ein Rollenbild, so ein Begriff von Ehre kultiviert wird? Auf der anderen Seite, solche Männer, solche Traditionen gibts es in allen anderen Ländern auch.

Im besten Fall hinterfragt der Roman anhand grundsätzlich Rollenbilder und Traditionen, an einem Beispiel einer türkischen Ehe. Leider kann man dieses Beispiel aber auch als „Warnung vor der Islamisierung“ nutzen. Was auch immer eine Islamisierung sein soll.

Eine Sache, die mich nicht an der Geschichte, aber am Buch gestört hat, sind die offenen Fragen. Im Klappentext und auf den ersten Seiten steht explizit, „Dies ist eine wahre Geschichte“. Nach der Lektüre gibt es noch einen Abriss, wie es mit Filiz, der Protagonistin, weitergegangen ist. Und es ist ganz klar, dass es nicht die Geschichte von Katharina Winkler selbst ist. Dann frage ich mich aber, woher sie diese Geschichte kennt, wie sie dazu kommt, sie aufzuschreiben. Die Antwort darauf erzählt sie natürlich in vielen Interviews, warum sie nicht in einem kurzen Abschnitt noch im Nachwort erwähnt wird, verstehe ich nicht.

Ich will nicht sagen, es ist ein gutes Buch, weil das in mehrerer Hinsicht die falsche Bezeichnung für diese Geschichte wäre. Es ist ein krasses, und sehr lesenswertes Buch.

Blauschmuck von Katharina Winkler erschien bei Suhrkamp. Der Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Kings of London von William Shaw

Der erste Absatz aus Kings of London:

De Gaulle wurde wiedergewählt. Robert Kennedy erschossen.Die Amerikaner kommen in Vietnam nicht weiter und stellen sich hinter Nixon. Die Sowjets haben Panzer nach Prag geschickt. Es ist Herbst 1968. Und London bleibt London. Obwohl es schon den ganzen Sommer über geregnet hat, regnet es immer noch.

Wir tauchen wieder ein in das London der 1960er. Wieder begleiten wir die Polizisten Breen und Tozer nach einem Fall, wie schon bei Abbey Road Murder Song. Und diese beiden Sachen, machen den Roman so schön.

Krimis gibt’s in rauen Mengen. Kann man mögen, lieben oder uninteressant finden. Hier geht es aber neben dem eigentlichen Krimi eben auch um die beiden Menschen und ihre Beziehung, was nochmal cooler, aber auch nicht einzigartig ist. Zusätzlich und am eindrücklichsten sind daher die Schilderungen des Alltags in London 1968.

Klar kenne ich die Musik aus der Zeit, kenne die Busse, die Farben, die Klamotten und das Lebensgefühl der einen Seite, und mag es. Shaw schafft es aber, mir neben dem klischeehaften und oft positivem Bild des Swinging London und der aufsteigenden Hippie-Ära plötzlich die andere, die düstere und realistische Seite zu zeigen, die der Arbeiter und einer in jeder Generation festgefahrenen Gesellschaft. Und weiter noch zeigt er mir all die Ecken und Kanten innerhalb des Swinging London, zeigt mir, dass nicht alles geil und schön und neu war, sondern eben auch anstrengend und manipulativ und verstörend und gewaltsam.

Der Krimi in Kings of London läuft bei mir nebenher. Aber das Zwischenmenschliche und Shaws Abbild von 1969, extrem lesenswert. Ich freue mich auf den letzten Teil der Trilogie, kommt Ende des Jahres.

Achja, Kleinigkeit, aber: Während das Cover und die CI sehr schön sind, verstehe ich zwei Sachen nicht: Warum wird der englische Originaltitel („House of Knives“) durch einen anderen englischen Titel ersetzt? Und warum macht sich keiner die Mühe, den Klappentext über den Autoren zumindest an dieses Buch anzupassen? Es ist einfach exakt der Gleiche des ersten Teils.

Kings of London von William Shaw wurde übersetzt von Conny Lösch und erschien bei Suhrkamp. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

 

Roman: Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky

Der erste Satz aus Der Hals der Giraffe:

„Setzen“, sagte Inge Lohmark, und die Klasse setzte sich.

Stuttgart liest ein Buch und ich lese mit. Ein Buch über eine Lehrerin in einer Schule, die in vier Jahren schließt, weil es in der Gegend nicht genügend Kinder gibt. Ein spannendes Thema, ein toller Titel und sehr schön gelayoutet.

Also her damit. Die ersten Seiten spannend und ich will weiterlesen über diese Lehrerin und was ihr passiert in dieser Schule. Aber nach kurzer Zeit setzt dann Ernüchterung ein, denn es passiert eigentlich gar nichts. Der Roman beschreibt drei Tage aus dem Leben von Inge Lohmark, etwa über ein halbes Jahr verteilt und diese sind eher ein Stillleben, als eine Geschichte. Und der nüchterne, zackige und immer wieder zynische Ton, der anfangs noch fasziniert hat, zieht sich durch, verliert aber schnell an Reiz.

Wäre Inge Lohmark eine Person an einem Tisch mit mir, die mir diese Geschichte erzählt, irgendwann wäre ich gegangen, weil es mich nicht interessiert.

Was wirklich Schade ist, den sowohl dem Cover, dem Satz und den Illustrationen im Buch sieht man an, mit wieviel Liebe sie gemacht sind, Judith Schalansky hat das Glück, selbst Buchgestalterin zu sein und ihre Bücher selber machen zu können und zu dürfen. Es ist ein unglaublich schönes Buch und die ersten Seiten der Geschichte machen mich begeistert. Nur dann setzte Ernüchterung ein und am Ende war ich enttäuscht. So sehr, dass es einen Schatten auf das ganze Buch wirft.

Die allgemeine Rezeption scheint eine andere zu sein, und das ist das Schöne an Meinungen, dass jeder eine Andere hat. Mein Buch war es nicht.

Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky erschien bei Suhrkamp.