Roman: Später von Stephen King

Ich fange nicht gern mit einer Rechtfertigung an – wahrscheinlich gibt es dagegen sogar eine Regel wie die, einen Satz nie mit einer Präposition enden zu lassen -, aber nach dem Durchlesen der 30 Seiten, die ich bisher geschrieben habe, glaube ich, das tun zu müssen.

Der erste Satz aus Später

Über diesen Anfang musste ich erstmal hinwegkommen. Wie über den Titel, der sich mir bis jetzt nicht richtig erschließt. Aber dann.

Jamie kann tote Menschen sehen und mit ihnen reden, zumindest eine kurze Zeit nach ihrem Ableben. Als der größte Autor seine Mutter (Literaturagentin) zu früh stirbt, muss er aus ihm den Rest des letzten großen Romanes rausbekommen, bevor es zu spät ist. Damit geht’s los.

Stephen King nimmt die Idee von 6th Sense und spinnt sie weiter, auf seine Art. Seit knapp 20 Jahren lese ich ihn und ich bin regelmäßig begeistert, wie King immer wieder neu erzählt und ausprobiert. Gleichzeitig aber behält er einen eigenen Ton, der ganz oft auf Augenhöhe mit den Leser:innen ist, und er erzählt immer wieder aus einem verknüpften Universum: Je mehr ich von King kenne, desto toller funktionieren die Geschichten durch ihre Anspielungen und Referenzen.

Später war für mich ein Buch für einen Tag. Aufschlagen, über diesen komischen Anfang kommen, komplett eintauchen und ein paar Stunden später wieder zuschlagen. Ich mag Jamie, auch weil er mich an Kings andere junge Protagonist:innen erinnert. Ich mag auch die Geschichte, sie macht Spaß und Gänsehaut in richtigem Maß. War ein guter Tag dank des Buches. Es gibt noch ein paar bessere Geschichten von Stephen King, aber seit mehreren Jahrzehnten schafft er es immer wieder neu, mich zu überraschen und sehr gut zu unterhalten. Ich bin gespannt, was da noch kommt.

Später von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Love is a Mix Tape von Rob Sheffield

Playback: Später Abend, Brooklyn, ein Becher Kaffee und ein Stuhl am Fenster.

Der erste Satz aus Love is a Mixtape von Rob Sheffield

Rob Sheffield ist Musikjournalist, quasi schon immer. Dann kommt Renée in sein Leben und dreht die Lautstärke und die Farben auf. Und dann stirbt sie ziemlich überraschend und ziemlich jung an einer Lungenembolie.

Anhand ihrer gemeinsam Musik arbeitet Sheffield sich durch seine Erinnerungen mit Renée. Tape für Tape.

Sheffield schreibt genauso witzig und ehrlich über die Musik, wie er über Renée schreibt, und er öffnet sich vollkommen. 100% Verletzlichkeit und Schmerz. Das funktioniert ziemlich gut, aber ich glaube, es funktioniert unter anderem deshalb so gut, weil wir wissen, dass diese Geschichte real ist.

Ähnlich, wie der Hintergrund von Tears in heaven den Song auflädt, macht es das Wissen um „die Wahrheit“ auch mit diesem Text. Nicht falsch verstehen, Rob Sheffield legt ein großartiges Buch hin, das mich seinen Schmerz, aber auch die ganze Freude mit Renée spüren lässt. Aber manche Szenen sind so aufgeladen, dass sie mich überfordern. Bei einem konstruierten Roman könnte ich das kritisieren. Hier trauert Sheffield auf diese Weise und das kann ihm niemand absprechen.

Am Ende hat Sheffield eine schmerzhaft schöne Geschichte über Musik und die Liebe und das Leben erzählt, die lange nachklingt.

Love is a mixtape von Rob Sheffield wurde übersetzt von Kristian Lutze und erschien bei KiWi. Und die alte Ausgabe sieht viel besser aus.

Was übrig bleibt: „Schließlich gewöhnt man sich an wundersame Dinge. Man hält sie für selbstverständlich. Man kann zwar…“

“Schließlich gewöhnt man sich an wundersame Dinge. Man hält sie für selbstverständlich. Man kann zwar versuchen, das nicht zu tun, aber man tut es trotzdem. Es gibt einfach zu viele Wunder. Die sind überall.”

Später von Stephen King
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Roman: Zeit der Wildschweine von Kai Wieland

Ich nahm damals Unterricht im Kickboxen, weil ich ohnehin wie ein Kämpfer aussah.

Der erste Satz aus Zeit der Wildschweine

Leon ist Reisejournalist und nimmt den durchgeknallten Fotografen Janko mit auf eine Tour durch französische Lost Places – immer auf der Flucht vor dem eigenen Leben in der Provinz.

Schon im ersten Kapitel bettet Kai Wieland seinen Roman in Popkultur ein. Janko trägt sie als Tattoos über seinen ganzen Körper und Janko reagiert nie so, wie Leon oder wir es erwarten. Personalisierung des Zwiespalts, die sich durch Leon und den Roman zieht.

Kai Wieland erzählt klar und geradeheraus eine Geschichte, an die ich mich erst herantasten muss. Weil viel im ersten Drittel total gewöhnlich, fast überlesbar ist und ich mich wundere, was das da soll. Bis ich im zweiten Drittel – mitten in den fremden Ländern und Orten und zwischen faszinierenden Personen – verstehe, dass genau das „unser“ Problem ist. Unsere Begeisterung für Außergewöhnliches, die es uns erlaubt, uns vor den Dingen, die unsere Leben im Alltag prägen, wegzulaufen. Und dass es eben nicht nicht überlesbar ist, das erste Drittel. Sondern das, worauf es, wenn wir all die kurzen Kicks hinter uns lassen, ankommt.

Zeit der Wildschweine erzählt klar und schnörkellos den Zwiespalt zwischen Abenteuer und Alltag und wie der eine oder die andere damit umgehen.

Zeit der Wildschweine von Kai Wieland erschien bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Kai und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.