“Ich habe mich schon immer geschminkt. Der Lippenstift ist blutrot. Nur die Lippen sind nicht mehr da. Die sind irgendwann einfach weggegangen. Vielleicht haben die Mundwinkel sie verjagt. Als die immer fester wurden. Und sich nach unten verzogen. Ich trage Make- up auf, es bleibt in den Falten meines Gesichts hängen. Ich sehe mein Gesicht damals. An diesem Morgen. Damals, in Paris. Im Hotelbett hinter mir schlief Wolfgang. Es war unser erstes Wochenende zusammen. Es hatte diesen Nebel draußen, den nur Herbste bringen. Ich sah auf die zinnfarbenen Dächer und wußte absolut nicht, was ich machen sollte, vor Glück. Ich zog mich also an und ging raus. Es war noch kühl. Ich saß in einem Straßencafé und trank Kaffee. Sah zu dem Hotelzimmer hoch. In dem meine erste große Liebe lag. Komisch, daß ich die meisten Sachen nur in der Erinnerung richtig fühlen kann. […] Ich glaube wirklich, so glücklich wie damals allein in diesem Café, war ich nie mehr. Anders glücklich. Aber nie mehr so. Bei späteren Glücken wußte ich ja schon, daß Glück eine endliche Sache ist. Damals glaubte ich, das wäre jetzt für immer so. Ich habe Wolfgang später verlassen. Ich dachte ja, da warten noch viel größere Sachen auf mich. Aber dann habe ich gemerkt, daß mein Leben einfach zu kurz ist, für diese ganzen großen Sachen. Und jetzt stehe ich da, morgens, und schminke meine Lippen. Die gar nicht mehr da sind. Und für wen weiß ich nicht.”

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot – Sibylle Berg
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