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Sieben Minuten im Bus, drei Minuten in der U-Bahn, vier Minuten beim Mittagessen. Die Art, wie wir lesen und wie wir vielleicht schreiben sollten.

Pop-Songs werden immer kürzer, Kinofilme immer rasanter geschnitten. Die Konsumenten haben keine Geduld mehr. Sie zappen nicht mehr nur zwischen Fernsehkanälen. Sie springen von Online-Artikel zu Online-Artikel, ohne einen zu Ende zu lesen, sie konsumieren dutzende YouTube-Clips statt eines Films, wenn sie iPod hören, hüpfen sie jede Minute zum nächsten Song. One Minute Media, das ist die Zukunft, ob wir wollen oder nicht. Wenn ich tatsächlich mal ein Buch schreibe, irgendwann, werde ich es in tausend kurze Absätze brechen. Schau dir doch mal an, wie die Leute Bücher lesen: Sieben Minuten im Bus, drei Minuten in der U-Bahn, vier Minuten beim Mittagessen, zwei Minuten am Klo.

Michel Reimon – #Incommunicado

Michel Reimon hat die erste Version seines Romanes #Incommunicado 2012 veröffentlicht und die Tendenz, dass wir immer schneller zwischen immer kürzeren Konsumhäppchen hin und her springen, hat sich verschärft.

Natürlich, es gibt auch Gegenbewegungen, Longreads wie das Langstrecke-Projekt der Süddeutschen Zeitung. Aber die Nutzerzahlen von Twitter und dem 6 Sekunden-Video-Service Vine steigen, in immer mehr journalistischen Artikeln gibt es die twitterbare Infobits, unter dem Schlagwort tl;dr (Abkürzung für „Too long; didn’t read“, auf Deutsch: „Zu lang, hab’s nicht gelesen“) geben Autoren minutengerechte Zusammenfassungen ihrer langen Gedanken über ihren Artikeln und selbst die Süddeutsche hat ihr Ressort für Kürzesttexte: SZ Espresso. Die Frage ist also, ob Michel Recht hat und auch die Literatur in Kurzen Häppchen zu liefern ist.

Aber dann kommen die empörten Rufe, wie die Literatur dem Untergang geweiht ist. Physisch schon stark geschwächt durch die eBooks und jetzt auch noch durch die Anpassung der Schreibe an die Lesegewohnheiten der Massen? Müsste Literatur nicht über allen Modeerscheinungen stehen und unabhängig von ihrer Erscheinungsform geschrieben werden? Das ist ebenso ein Mythos, wie die Idee, Literatur sei die einzige Kunst, die nur von gottgegebenen und musengeküssten Genies produziert wird. Tatsächlich ist die Anpassung von Literatur an Mode, Format und Lesegewohnheiten der Masse so alt, wie Literatur selbst.

Charles Dickens schrieb seine Romane nicht für die Veröffentlichung als Buchform, sondern als Fortsetzungsgeschichten für Zeitschriften, oft mehrere parallel. Nur so konnte er neben seiner journalistischen Texte auch Literatur veröffentlichen, bis er als Autor anerkannt war. Deshalb finden sich in seinen Romanen oft episodenartige Teile.

Bei Brechts Kalendergeschichten ist der Name Programm. Sie heißen Kalendergeschichten, weil sie Kalendergeschichten sind.

Volkskalender bildeten − abgesehen von Gesangbuch und Bibel − im 17. und 18. Jahrhundert oft das einzige Lesematerial der „ungelehrten“ Volksschichten. Neben kalendarischen und astronomischen Informationen enthielten sie Wetterregeln, Gesundheitstipps, praktische Ratschläge, Kochrezepte und allgemeine Lebensweisheiten. Die zur Steigerung ihres Unterhaltungswerts eingefügten Erzählungen handelten von „merkwürdigen Begebenheiten“ und belustigenden Ereignissen im Alltagsleben der einfachen Leute, häufig vor dem Hintergrund einschneidender geschichtlicher Vorgänge. Die sprachliche Gestaltung dieser Erzählungen war schlicht und an die mündliche Rede angelehnt. Das Zeitalter der Aufklärung entdeckte die Kalendergeschichte als Mittel der Volkspädagogik zur Bekämpfung des Aberglaubens und zur moralischen Belehrung.

Wikipedia über Kalendergeschichten

Vor dem Zeitalter des Buchdrucks, als die Anfertigung von schriftlichen Kopien noch richtige Arbeit war – eine Bibel zu kopieren, brauchte es drei Leute und etwa 5 Jahre Zeit – nutzten Literaten andere Formen der Veröffentlichung: Das Drama, die Ballade, der Minnesang aus dem Mittelalter, die griechischen Epen, mit all diesen Formen konnte man Geschichten an ein Publikum bringen, die einem zuhörten, weil sie oft noch gar nicht lesen konnten.

Als der Roman als literarische Form aufkam, was erst ein paar Jahrhunderte her ist, gab es einen Aufschrei, die Hochkultur des Drama könnte durch das „Medium für die Massen“, den profanen Roman, ersetzt werden. Und heute schreien wir auf, wenn nachfolgende Medien und Formen mit der „Hochkultur Roman“ konkurrieren.

Worauf ich hinauswill: Jede Zeit hat seine alteingesessenen Medien, sei es das Drama, die Kalendergeschichte, der Roman oder der Tweet. Und in jeder Generation gibt es Geschichtenerzähler, die sich Gehör verschaffen wollen und sich dem Strom der Zeit anpassen. Was die Qualität nicht zwingend mindert. Aber zumindest unseren Horizont erweitert.

Wenn wir also auch in Zukunft Romane schreiben wollen, sollten sie vielleicht wirklich an unsere aktuellen Lesegewohnheiten angepasst sein: Sieben Minuten im Bus, drei Minuten in der U-Bahn, vier Minuten beim Mittagessen, zwei Minuten am Klo.

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