Schon länger war mir Kalbe im Ohr, weil mehrere Freund:innen und Kolleg:innen dort und immer begeistert waren. Als die Kunstlotterie dieses Jahr ausgerufen wurde, dachte ich mir, schönes Ding, ich bewerbe mich mal. Und wurde genommen. Das bedeutet, zwei Lose aus dieser Lotterie haben einen Auftritt von mir gewonnen, beide an einem Wochenende. Deshalb packe ich Bücher, Texte und Schreibmaschine ins Auto und fahre in diese Stadt, knapp sieben Stunden von Stuttgart entfernt.

Als ich ankomme, wird mir klar, warum ich mit der Bahn richtig oft hätte umsteigen müssen. Kalbe an der Milde ist zwar eine Stadt, aber hat nur ein Fünftel der Einwohner, die das Dorf hat, in dem ich groß geworden bin. Mit dem Ortsschild hört der Asphalt auf und das Kopfsteinpflaster zieht sich durch den gesamten Kern. Aber auch direkt nach dem Ortsschild hebt die erste Person, die mir auf dem Fahrrad die Hand und grüßt. Was in Stuttgart nur passiert, wenn ich die Walgrenze überschreite.

Das Orgateam samt Hund begrüßt mich und drückt mir den Schlüssel für meine Bleibe übers Wochenende in die Hand. Ein Zimmer in der alten Post. Sowieso werden viele Gebäude lange nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form genutzt. Deshalb finden auch Dinge im Gericht statt, oder eben in der alten Post.

Ein einfach eingerichtetes Zimmer, mit allem Wichtigem, bis auf Internet. Das, und ich habe das Ladegerät meines Computers vergessen. Mein Buch (ich habe immer eines dabei) habe ich bis Freitagmittag ausgelesen und es gibt in Kalbe keinen Bücherschrank. Ein Glück habe ich am Nachmittag meine erste Lesung.

Prinzip der Kunstlotterie ist, Kultur und Kunst an Orte zu bringen, wo sie sonst nicht vorkommt. Ich lese in einer Intensiv-Plegeeinrichtung, in der 5 Männer leben. Aus der Terrasse wird eine Bühne und mein Leseort, neben den Männern, fast alle im Rollstuhl, sind Angehörige und die Pfleger:innen da. Bei einer „normalen“ Lesung weiß ich in etwa, wie ein Publikum reagiert, welche Witze angebracht sind und worüber ich so reden kann.

Diesmal ist das ein bisschen anders. Und mitten im Satz fällt mir ein, dass so eine Pflegeeinrichtung nicht der beste Ort ist, um über ein Hospiz zu reden. Und Reaktionen sind auch eher spärlich. Also suche ich mir die freundlichen Gesichter und erzähle und lese knapp 90 Minuten. Und tatsächlich ist es das, was sich das Team der Künstlerstadt bei diesem Konzept gedacht hat: Ein kleines Fenster in eine ganz andere Welt, direkt im Alltag. Es funktioniert erstaunlich gut.

Während ich im Pflegeheim lese, geht in Kalbe der Tag der Nachbarschaft los, und wir fahren von der Lesung direkt dort hin. Im Hof eines ehemaligen Bauernhofes mitten im Stadtkern hängen Lampions, Nachbar:innen haben Kuchen gebacken und irgendjemand macht immer Musik. Es riecht nach Grill, Kinder und Jugendliche rennen durch die Gegend und alle, auf die ich treffe, wissen sofort, dass ich nicht von hier bin und sind offen und interessiert. Irgendwann kommt der Regen runter und meine Migräne gibt mir Bescheid, dass für mich der Abend zu Ende ist.

Am nächsten Abend sitze ich im großen Saal des Kunsthaus Salzwedel, vor dem Gebäude sind Poster von mir an einer Litfaßsäule und all das ist ein ziemlicher Kontrast zur Lesung am Tag davor. Aber irgendwie auch nicht, und wieder lese und erzähle ich rund 90 Minuten, diesmal aber mit ein bisschen mehr Lachen und Nicken und Fragen.

Und als wir im Auto zurück nach Kalbe sitzen, eröffnet mir Corinna, die „Leiterin“ der Künstlerstadt, die mich das ganze Wochenende begleitet hat, dass jetzt noch ein Geburtstag gefeiert wird, im Unordnungsamt, und ich wirklich herzlich mitkommen soll. Also gehen wir dorthin. Eine kurze Nacht später bin ich noch zum Frühstück eingeladen, danach setze ich mich ins Auto und verlasse diese urige Kleinststadt.

In den knapp zehn Jahren, die es das Konzept der Künstlerstadt schon gibt, haben sich 10 Künstler:innen von überall her entschlossen, dauerhaft in Kalbe zu bleiben. Und wenn ich mir die Menschen, die Mentalität und die Energie ansehe, mit der dieses kleine Team Kunst und Kultur in den Alltag verschiedenster Menschen bringt, kann ich das gut verstehen.

Wenn ihr also die Chance habt, Kalbe einen Besuch abzustatten – besonders als Künstler:in – macht das. Es lohnt sich. Sehr.

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