Autor: Fabian Neidhardt (Seite 1 von 331)

Bilderbuch: Die Schneiderin des Nebels von Agnés de Lestrade und Valeria Docampo

Jeden Morgen fängt Rosa am Flussufer
Nebel mit ihrem Schmetterlingsnetz.

Der erste Satz aus Die Schneiderin des Nebels.

Rosa schafft Kunst aus Vergänglichkeit, verarbeitet Nebel zu Stoffen, mit denen Menschen negative Dinge verdecken können. Bis sie irgendwann ein Brief erreicht.

Mixtvision erzählt schon länger großartige Geschichten und beschränkt sich nicht nur auf Bücher. Und das Team de Lestrade/Docampo hat eine meiner liebsten Geschichten erzählt, „Die große Wörterfabrik„. Jetzt also die Schneiderin des Nebels. Waren es bei der Wörterfabrik schon wunderschöne Illustrationen in einem wertigen Buch, legt Mixtvision hier nochmal einen drauf: Zum Teil stehen Bilder und Text auf transparentem Papier und der Effekt von Nebel über der Geschichte ist sehr schön in das Medium Buch gebracht. Allein dafür lohnt es sich, durch die Seiten zu blättern.

Dazu kommt dann diese kurze Geschichte, deren Lücken mehr erzählen, als der Text selbst. Einerseits Metapher, andererseits Märchen, das wir mit unseren eigenen Erfahrungen ausfüllen können. Das ist schön, lässt aber auch streitbare Fragen offen. Und ist – wie User:in Sternchenblau auf mojoreads schon anmerkt – mehr ein Bilderbuch für Erwachsene, als ein Kinderbuch.

Dennoch: ist ein wunderschön gemachtes Buch mit einer herzwarmen Geschichte.

Die Schneiderin des Nebels von Agnès de Lestrade, illustriert von Valeria Docampo, wurde übersetzt von Anna Taube und erschien bei mixtvistion.

Roman: Auftrag für Moving Kings von Joshua Cohen

An ihren Fahrzeugen sollt ihr sie erkennen: die blauen Laster, die Sie auf dem Weg zum Flughafen immer schneiden, an der Seite eine schmuddelige weiße Krone, auf den verbeulten Stoßstangen der Aufkleber PROBLEM MIT MEINEM FAHRSTIL? RUFNUMMER 1-800-212-KING!

Der erste Satz aus Auftrag für Moving Kings

David King ist Umzugsunternehmer in New York und allein sein Geschäft, seine Familie und seine Vergangenheit sind Geschichte genug. Dann holt er auch noch seinen Neffen nach dessen Militärdienst in Israel nach Amerika.

Ich mochte Joshua Cohens Buch der Zahlen sehr und habe mich auf ein neues von ihm gefreut. Aber Auftrag für Moving Kings verliert sich für mich in zu vielen Storylines, die nicht durchgezogen werden. Während das beim Buch der Zahlen Teil des Konzeptes war und immer noch in sich gegriffen hat, kann ich mich bei Moving Kings auf keine Geschichte richtig einlassen. Was ich ziemlich schade finde, weil allein die Geschichte dieses Umzugsunternehmens – das mich immer wieder an den Pizza-Lieferdienst aus Miami Punk erinnert hat – hätte ich gern gelesen. Oder die des vom Militär traumatisierten Israeli, der irgendwie in Amerika klarkommen muss. Aber in dieser Melange an Geschichten konnte ich immer nur ahnen und in keine so richtig eintauchen.

Ich mag, wie Joshua Cohen schreibt und ich mag sein Denken und seine Geschichten. Ich freue mich auf mehr von ihm, leider ist dieses Buch für mich eines seiner schwächeren.

Auftrag für Moving Kings von Joshua Cohen wurde übersetzt von Ingo Herzke und erschien bei Schöffling. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Zeit der Wildschweine: Kai Wieland am 22.7.20 in der Stadtbibliothek Stuttgart

Veranstaltungen sind immer noch ganz komisch. Der Max-Bense-Saal der Stadtbibliothek Stuttgart kann normalerweise 300 Leute fassen. An diesem Abend sind 30 Sitze nutzbar. Auch Menschen, die zu zweit kommen, müssen sich auseinandersetzen. Das ist das Konzept, das die Bibliothek ausbaldowert hat. Leider braucht jede Änderung des Konzeptes mehrere Wochen, bis es genehmigt wird. Dafür ist der Eintritt für alle Veranstaltungen derzeit frei und es gibt einen Stream inklusive oben eingebetteter Aufnahme.

Secondo ist die Reihe, in der Autorïnnen aus ihrem zweiten Buch lesen und darüber reden. Letztes Mal war ich bei Mareike Fallwickl, dieses Mal also Kai Wieland mit Zeit der Wildscheine, mit Popkultur, Fotografie und Lost Places. Moderatorin Caroline Grafe lässt Kai gleich mal lesen.

Neben den beiden wirft ein Beamer das Bild eines Blattes samt Stift an die Wand und ich denke, das ist einfach stimmungsvolle Untermalung von Schreiben. Aber als Kai anfängt, verstehe ich, dass rechts von ihm Stefan Dinter sitzt und der Beamer das Blatt zeigt, das vor ihm liegt.

Statt also Kai beim lesen zuzusehen, beobachte die Stefans Finger, wie er das, was Kai aus dem ersten Kapitel liest, in einen Comic bringt. Ich muss das nicht bei jeder Lesung haben und Stefans Stil ist comichafter, als ich Kais Buch sehe, aber in diesem Kontext eines sonst sehr distanzierten Abends haben die Zeichnung und die Geschichte für mich optimal ineinandergegriffen. Stefan kennt den Text, ist ihm manchmal ein wenig voraus und schafft dadurch ein sehr schönes Erlebnis beim Zusehen.

Kai Wieland kommt aus dem Stuttgarter Umkreis und viele der Gäste sind Familienmitglieder und Bekannte, Heimspiel also. Aber Kais stiller Humor hätte wohl auch jeden anderen Raum zum schmunzeln gebracht.

Noch habe ich Zeit der Wildscheine nicht gelesen. Jetzt bin ich gespannt.

Zeit der Wildschweine von Kai Wieland erschien bei Klett-Cotta. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Digital einen Raum schaffen

Ich liebe es, Workshops zu geben. Seit rund zehn Jahren arbeite ich mit Menschen an Kreativem Schreiben, Poetry Slam, Vorlesen Lernen, Interviewtechnik, Hörspielen und grundsätzlich am Geschichten erzählen. Ich freue mich, wenn ich Menschen unterhalten, ihnen etwas beibringen kann. Ich lerne gerne neue Menschen kennen, mag es, eigene Haltungen immer wieder neu hinterfragen zu müssen, wenn ich sie anderen erzähle.
Ich lerne selbst extrem viel dabei und habe einige tolle Freunde durch diese Sachen gewonnen.

Letzte durfte ich zum ersten Mal seit ein paar Monaten und zum ersten Mal komplett digital Hörspiel unterrichten. Tatsächlich hat mir die Vorstellung ein wenig Sorge gemacht. Weil irgendwas immer nicht geht und manchmal sogar in normalen Workshops relativ wenig Feedback von Menschen kommt. Wie soll das werden, wenn alle auf den Bildschirm starren. Aber dann.

Die Gruppe kennt sich schon und sie ist daran gewöhnt, die Funktionen zu nutzen, die Zoom zur Verfügung stellt. Das heißt, es gibt wie überall die etwas ruhigeren Menschen, die eher zuhören. Aber die progressiveren können sich durch all die Möglichkeiten einschalten und auf mehreren Ebenen kommentieren. Und tatsächlich schaffen wir nicht nur großartige Hörspiele und viel Spaß, sondern schon am ersten Tag diese Art von Raum und Atmosphäre, die mich so erfüllt, dass ich mich jedes Mal darauf freue, die Gruppe wiederzusehen. Und ich tatsächlich traurig bin, als es vorbei ist.

Keine Frage, Workshops im echten Leben sind besser. Aber diese Gruppe, diese Woche hat mir gezeigt, dass das auch ziemlich gut im Digitalen geht, Raum zu schaffen. Und die Hoffnung, sich irgendwann richtig zu sehen, bleibt. Danke.