Menü Schließen

Autor: Fabian Neidhardt (Seite 1 von 316)

Hörbuch: Mortal Engines – Jagd durchs Eis von Philip Reeve, gesprochen von Robert Frank

Freya erwachte früh.

Der erste Satz aus Mortal Engines – Jagd durchs Eis

Achtung, Spoiler für Mortal Engines – Krieg der Städte!

Nachdem Tom und Hester im ersten Band der Mortal Engines die fahrende Stadt London aufgehalten haben, bevor sie unzählige unschuldige Menschen töten konnte, sind sie in ihrem Luftschiff als Abenteurer und Händler unterwegs. Bis sie den falschen Passagier mitnehmen und plötzlich das Ziel einer Rebellengruppe werden.

Im ersten Band hat Philip Reeve seine phantastische Welt der fahrenden Städte aufgebaut, jetzt beginnt er, sie langsam zu füllen. London und einige der mir lieb gewonnenen Figuren gibt es nicht mehr, dafür führt Reeve direkt neue ein und gibt seiner Welt mehr Perspektiven. Mehr Hintergrund. Mehr Aspekte.

Während ich im ersten Teil anfangs noch meine Probleme mit der Sprache, dem Weltenbau und auch mit dem Sprecher Robert Frank hatte, bin ich nun gleich drin. Reeve findet eine schönen Mittelweg zwischen Einführung neuer Figuren und Begebenheiten und Nutzung schon etablierter Elemente. So waren die Probleme, die Tom und Hester diesmal zu bewältigen haben, schon im ersten Band angelegt und kommen nicht einfach so aus dem Himmel. Und Robert Frank liefert mir die Geschichte so, dass ich stundenlang zuhören kann.

Jagd durchs Eis ist wie der erste Band keine anspruchsvolle Literatur, sie ist Unterhaltung im besten Sinn: Ich habe sehr viel Spaß in dieser Welt und verbringe gern mehr als 9 Stunden in ihr.

Einzig die Beziehung zwischen Tom und Hester und die Probleme, die sie verursacht (ich will nicht spoilern und bleibe vage), haben mich rausgebracht. Dieser Part und das Verhalten der Beiden fand ich gewollt. So, wie ich die Beiden bisher kennengelernt habe, hätten sie sich nicht so entschieden.

Ich verstehe, dass Reeve diese Entwicklung braucht, um im Buch weiterzukommen. Aber das hätte auch anders laufen können. Konsequenter.

Trotzdem und immer noch: Philip Reeve und Robert Frank servieren mir eine tolle Welt und eine unterhaltsame Geschichte und natürlich will ich jetzt wissen, wie es im nächsten Teil weiter geht.

Mortal Engines – Jagd durchs Eis von Philip Reeve, übersetzt von Gesine Schröder und Nadine Püschel, wurde gesprochen von Robert Frank und erschien bei Argon. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Geschichten aus der Bahn: Die junge Frau mit der Gitarre

Nach einem Tag mit normalen Tiefen und Höhen sitzen wir in der Bahn in Berlin, unterhalten uns, wie man sich in einer Fünfergruppe unterhält, vier sitzen, einer steht, mindestens zwei sind vornübergebeugt und es laufen meist zwei Gespräche parallel, als die junge Frau gast genau neben uns sich in den Gang auf ihren Koffer setzt, die Gitarre auspackt und zu spielen beginnt.

Erst unterhalten wir uns weiter, dann sind wir aus Höflichkeit still. Sie stimmt „Ein Kompliment“ an und in meinem Kopf singe ich schon mit, als die Freundin neben mir mitsingt. Dann der Freund neben ihr. Dann der Freund, der steht. Noch denke ich, wie peinlich das ist. Dann setze ich mit ein.

In meinem Lieblingsfilm, Almost Famous, gibt es in einem Bus eine ähnliche Szene mit „Tiny Dancer“ von Elton John. Das hier fühlt sich danach an, mit Fremden in dieser Bahn den Song zu singen und mindestens im Refrain immer mehr Stimmen zu hören. Danach jubeln wir, wie man in Deutschland in einer Bahn eben jubeln kann. Und die Musikerin ist so glücklich und dankbar.

Der übernächste Song ist „Nur Ein Wort“ und im ersten Refrain muss ich aus der Bahn, während sie uns beim singen hinterherlächelt, die Bahn weiterfährt und der Song in meinem Kopf weitergeht.

Menschen, ey. Danke, liebe Freunde. Danke, liebe Musikerin.

Buch: Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt.

Der erste Satz aus Unter der Drachenwand

Veit wird im zweiten Weltkrieg verwundet und kommt nach Mondsee (unter der Drachenwand), um zu gesunden und vom Krieg eine Auszeit zu haben.

Dort trifft er auf die kauzigen Individuen einer Gemeinschaft, die auf ihre eigene Art vom Krieg betroffen sind: Seine Quartiersfrau, der Gärtner, den alle nur den Brasilianer nennen, und sein Onkel, der Kommandant im Ort. Veit ist nicht der Einzige, der hier Schutz und Ruhe sucht, im Dorf sind auch eine Gruppe an Schülerinnen aus Wien und die Darmstädterin mit ihrem frisch geborenen Kind, die ihm Zimmer neben ihm wohnt.

In diesen Umständen zimmert er sich ein Leben zurecht, aus dem er nicht so schnell wieder wegwill. Aber der Krieg lässt niemanden los.

Arno Geiger erzählt nicht nur das Schicksal von Veit, sondern webt mit Briefen noch weitere Geschehnisse mit ein: Das Leben im Luftschutzkeller in Darmstadt, ein exemplarisches Schicksal einer jüdischen Familie oder die junge Liebe einer Schülerin.

Ich brauchte eine Weile, bis ich in der Sprache war, bis ich Veit folgen konnte. Irgendwann kannte ich ihn, konnte mit Veit zumindest bis zu einem gewissen Grad mitfühlen, verstand seine Motivation und wieso er tat, was er tat. Und irgendwann mochte ich auch die Sprache und die Bilder.

Aber bis zum Ende blieb der Roman über große Strecken zäh. Und so beklemmend die Briefe aus dem Luftschutzbunker oder aus der Sicht der jüdischen Familie beschrieben werden, leider ist das die Art, wie sehr oft über diese Zeit berichtet wird. Was es nicht schlechter macht, aber bei mir Ermüdungserscheinungen hervorgerufen hat.

Was mich tatsächlich aufgeregt hat, war die gefühlt verzweifelte Anstrengung, zu verbergen, dass Veit ja eigentlich ein Nazi ist. Begriffe wie Hitler und der Führer werden vermieden und nicht ausgeschrieben, der Hitlergruß wird nie so genannt und bis fast zum Ende enthält sich Veit einer Positionierung.

Ich verstehe, dass dies damals vielleicht die realistischste Art war, mit Nazis umzugehen, wenn man nicht ganz auf ihrer Seite war, aber sich nicht traute, sich offen gegen sie zu stellen. Aber in einem Roman aus der Ich-Perspektive will ich dann nicht nur die Handlungen und nach außen getragenen Haltungen interpretieren müssen, ich will wissen, wie Veit darüber denkt. Und das verbietet er mir.

Ich mochte einige Momente und Stellen in diesem Roman, aber ich musste viel Energie aufbringen, um sie herauszuarbeiten. Ich kann nicht abschätzen, ob sich das gelohnt hat.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger erschien bei Hanser. Mir wurde im Rahmen von Stuttgart liest ein Buch ein Exemplar zur Verfügung gestellt.

Geschichten aus der Bahn: Der Mann mit dem Buch

Wir setzen uns zu ihm in den Vierer, er nickt uns freundlich zu und fragt dann in einfachem Deutsch, ob die Bahn tatsächlich die in seine Richtung sei. Wir bestätigen das und er ist beruhigt und fängt an, in seiner Tasche zu suchen, bis er vorsichtig einen Gefrierbeutel herauszieht, mit rotem Schiebeverschluss.
Er schiebt ihn auf und holt ein Buch heraus. Es ist abgegriffen, eine alte Ausgabe von Penguin, ich schätze, auf spanisch.
Schlägt es vorsichtig auf und versinkt in seiner Welt.

Bericht: Dodow, die Einschlafhilfe

Manchmal hört der Kopf einfach nicht auf, zu denken. Du liegst im Bett, versuchst, die Zeit, die du zum Schlafen hast, auch dafür zu nutzen, aber es klappt einfach nicht. Passiert mir immer wieder. Als ich damals von Dodow gelesen habe, mochte ich die Idee sehr: Ein Lichtmetronom, welches dir mit dem Atemrhythmus helfen soll. Durch kontrolliertes Atmen und die Konzentration auf das Licht sollen Körper und Geist beruhigt werden und dich damit schneller zum Schlafen bringen.

Hört sich gut an und sieht tatsächlich auch gut aus. Das Gerät ist handtellergroß und reagiert auf der ganzen Oberfläche auf Berührung, die das Metronom aktiviert. Dodow fühlt sich hochwertig an, es macht Spaß, es anzusehen und es zu berühren. Die Bedienung ist supereinfach und es findet auf jedem Nachttisch Platz. Wenn du dann im Bett liegst, wird der Lichtkegel an der Decke über dir größer und kleiner. Alles cool. Soweit.

Mehrere Nächte leuchtet also dieses blaue Licht über mir und ich atme im Rhythmus und das fühlt sich gut an. Aber einen echten Effekt haben weder ich, noch meine Freundin noch Freunde, denen ich Dodow ausleihe. Gedanken kann ich mir auch machen, wenn ich nebenher kontrolliert atme. So viel Aufmerksamkeit und Konzentration braucht so ein Licht dann doch nicht. Meine Gedanken wandern dennoch davon.

Zusätzlich bin ich bis heute irritiert davon, dass Dodow blau leuchtet. Laut der Firma ist blau zwar die beste Farbe, um einzuschlafen. Aber nachdem mir jahrelang erklärt wird, dass blaues Licht die Ausschüttung von Melatonin (unserem Schlafhormon) verhindert, kann ich das irgendwie nicht glauben. Und selbst, wenn dieses Blau anders ist, fühlt es sich falsch an, zum einschlafen auf blaues Licht zu gucken.

Und letztlich frage ich mich, warum ich für die Aufgabe, ein pulsierendes Licht an die Wand zu werfen, ein extra Gerät brauche. Müsste das nicht auch per Smartphone und App möglich sein?

Wie gesagt, ich mag die Idee, das Design und die Verarbeitung von Dodow. Aber bei mir hat es leider nicht geklappt. Vielleicht konnte ich mich aber auch nicht darauf einlassen, wie es andere können.

Livlab, die Firma hinter Dodow, hat mir ein Testexemplar zur Verfügung gestellt.