Autor: Fabian Neidhardt (Seite 1 von 336)

Ein jahr Masterclass mit Neil Gaiman, Margaret Atwood und anderen. Ein Bericht.

Seit ein paar Jahren bin ich großer Fan von Neil Gaiman, seinen Büchern und seinen Vorträgen. Ich mag ihn, ich mag auch seine Frau Amanda Palmer sehr, wie sie mit Kunst umgehen und wie sie Geschichten erzählen. Deshalb war ich froh, dass ich letztes Jahr zum Geburtstag den Zugang zu einem Jahr Masterclass geschenkt bekommen habe, wo auch Neil Gaiman einen Kurs hat. Unter anderem.

Nun ist das alles knapp ein Jahr her. Ich habe 4% des Inhaltes auf Masterclass gesehen, mochte beispielsweise den Astronauten Chris Hadfield sehr, aber auch Natalie Portman. Aaron Sorkin bewundere ich für seine Drehbücher und Filme, seine Masterclass dagegen habe ich abgebrochen. Im mündlichen Reden ist er lange nicht so stark. Ein großes Highlight dagegen war Margaret Atwood. Diese Dame hat einen Witz und eine Energie, die mich inspiriert und motiviert. Allein für sie war es das Jahr wert.

Gaiman, für den ich eigentlich gekommen bin, konnte mich nicht ganz überzeugen. Die Stunden mit ihm waren zwar unterhaltsam, aber lange nicht so gut, wie beispielsweise Atwood. Im Podcast von literaturcafé.de rede ich länger drüber.

Mein Jahr bei Masterclass läuft in einigen Tagen ab. Es gibt noch einige tolle Menschen, die ich gern sehen würde. Aber neben den Videos dort gibt es eben noch alles andere, was ich gern sehen würde. Und Masterclasses kann man nicht ganz so nebenher gucken, wie es bei ein paar Serien der Fall ist. Kann sein, dass ich mir irgendwann mal wieder ein Jahr Masterclass hole. Aber erstmal greife ich auf das ganze andere Angebot des Internets zurück.

Das Debüt 2020: Meine Juryentscheidung

Zum fünften Jahr durfte ich als Teil der Bloggerjury meine Entscheidung mit einfließen lassen in das beste Debüt 2020. Die Stimmen sind schon ausgezählt und Deniz Ohdes „Streulicht“ hat gewonnen. Auch bei mir. Hier ist meine Entscheidung:

Platz 1: Streulicht von Deniz Ohde

Deniz Ohde schafft es mit ihrer Geschichte und ihrer so wunderbar klaren und direkten Sprache, mich nicht nur von vorneherein abzuholen, sondern im besten Sinn wütend und beschämt zu machen, auf diese Gesellschaft, von der ich Teil bin. Ihre Protagonistin hätte mit mir in der Schulbank sitzen können und ich habe Gänsehaut von der Ahnung, dass auch ich ihr so begegnet sein könnte, wie es die Figuren in ihrem Buch tun.

Platz 2: Hawaii von Cihan Acar

Lange nicht mehr von einem Titel erst in die Irre und dann so sehr in die Heimat geführt worden, wie bei Cihan Acar. Ich habe nichts mit Fußball, türkischen Banden und Wetten am Hut, konnte Kemal aber wunderbar durch seine Tage begleiten, immer am Lächeln, weil mir trotz der Fremde so viel bekannt vorkam. Cihan Acar hat eine auf seine Art einfache und klare Sprache, inklusive klarer Haltung, Slang und glücklicherweise nur spärlich eingesetztem Dialekt.

Platz 3: Wir verlassenen Kinder von Lucia Leidenfrost

Ich musste mich eine ganze Weile einlesen in diese semidystopische Welt, bis ich irgendwann weniger verstehen wollte, als einfach mitzufühlen. Und das funktioniert bei Lucia Leidenfrost besonders in den Teilen wunderbar, wenn der Text körperlos ganzheitlich ‚wir‘ wird. Auf diese Welt muss man sich einlassen. Aber dann kann man ganz drin eintauchen.

Wie jedes Jahr habe ich durch die Juryarbeit Bücher kennengelernt, die mir sonst entgangen wären, das mich mich sehr froh und dankbar. Dann also, bis zum nächsten Mal.

Was übrig bleibt: „Abends ließ ich mir ein Bad ein, stellte eine Kerze auf den Wannenrand, legte mich auf die kratzige…“

“Abends ließ ich mir ein Bad ein, stellte eine Kerze auf den Wannenrand, legte mich auf die kratzige Emaille, dann schlug ich im warmen Wasser liegend “Bildung” auf und las einige Sätze über die griechische Antike, und weil ich glaubte, dass elitäre Personen sich jeden Satz genau merkten und jeden Satz genau verstanden, und weil ich mir keine Vorstellung mehr von “verstehen” machten konnte, weil ich nicht wusste, wie sich “verstehen” bemerkbar machte, weil “verstehen” zu einem mystischen Zustand elitärer Personen geworden war, kam ich über den ersten Absatz nicht hinaus.”

Streulicht von Deniz Ohde
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Immer noch wach: Der Soundtrack zum Roman

Spätsommer 2019, wir sitzen im Camper in einer Senke direkt am Ufer eines Flusses mitten in Rumänien und hören dem Regen und der Musik zu. Am nächsten Morgen wird die Wiese so nass sein, dass wir uns durch den Schlamm kämpfen müssen, bis der Bus wieder auf Asphalt trifft. Jetzt genießen wir das Prasseln und Songs, die die Frau neben mir ausgesucht hat.

Ich denke über das Manuskript nach, aus dem Immer noch wach wird. Sagmal, frage ich, wenn der Roman rauskommt, machst du mir einen Soundtrack dazu? Sie schiebt ihren Kopf aus der Kuhle, taucht aus der Musik und dem Regen auf. Sagt, klar.

Knapp anderthalb Jahre später hat der Roman einen Veröffentlichungstermin, diesen wunderbaren neuen Titel und das Cover und ich habe den Soundtrack vergessen und gedacht, dass sie auch. Stattdessen habe ich an Weihnachten einen Link zur Spotify-Playlist. Viel Spaß beim lesen, viel Spaß beim hören und zusammenpuzzeln, welche Szene zu welchem Song gehört.

Mein 2020 als Liste

Wie letztes und vorletztes Jahr: Über Freunde, die über keine sozialen Netzwerke verfügen, kam diese Liste. Ich beantworte sie für sie, für euch und für mich. Wer mitmachen will, ist eingeladen.

Das beste Buch / die besten Bücher im Jahr 2020 gelesen:

  • Der beste Roman war „High Fidelity„, den ich nach knapp 20 Jahren nochmal gelesen habe und der großartig war. Wie übrigens auch die (leider nach der ersten Staffel abgesetzte) Serie mit Zoë Kravitz.
  • Die beiden besten Geschichtensammlungen sind einerseits das Gesamtwerk von Ted Chiang (wobei ich fairerweise sagen muss, dass ich sie noch nicht ganz gelesen habe) und „Blutige Nachrichten“ von Stephen King. Wirklich. Vier unfassbar schöne Novellen. Ich lege sie euch sehr ans Herz.

Die besten Stellen:

Von da an verbrachte ich immer mehr Zeit mit anderen Scheidungskindern. Wir machten lange Spaziergänge, den Blick zu Boden gesenkt. Vor uns lag eine neue düstere Landschaft, und wir wollten nichts lieber, als und darüber auszutauschen. Wir verabschiedeten uns von der Kindheit, lernten, wie die Erwachsenen zu reden, und schielten verstohlen zu den Spielplätzen, die hinter uns lagen.

Tales from the Loop – Simon Stålenhag

Ich habe von Leuten wie euch gehört, die sich ihren Tod vom Leib halten. Ihr mögt ihn nicht, und so lässt er sich aus Höflichkeit nicht blicken. Aber er ist dennoch immer in eurer Nähe. Wenn ihr den Kopf wendet, duckt sich der Tod hinter euch. Wohin ihr auch schaut, versteckt er sich sofort. Ihm genügt eine Teetasse als Versteck oder ein Tautropfen. Oder eine sanfte Brise.

Das Bernstein-Teleskop – Philip Pullman

Sich in Renée zu verlieben war keine Sache, aus der man heil wieder rauskommt. Ich hatte keine Chance. Sie hat einen Stock in meine Speichen geschlagen. Sie konnte mitten in der Nacht aufwachen und Sachen fragen wie: „Was, wenn Bad Leroy Brown ein Mädchen wäre?“ oder „Warum gibt es keine Werbespots für Salz so wie für Milch?“. Dann schlief sie wieder ein, während ich wach blieb und still für das fremde Wesen dankte, das da neben mir lag.

Live is a Mix Tape von Rob Sheffield

Bücher, auf die man sich 2021 freut:

  • Lux von Olivia Kuderewski. Livi hat mit mir in Hildesheim studiert, ich durfte eine Zeitlang ihr Mitbewohner sein. Ich kenne diesen Roman in vielen frühen Stadien und freue mich jetzt auf das Endprodukt.
  • Der Wal von Ally Klein. Ally ist eine Freundin. Dies ist ihr zweiter Roman. Ich weiß so gut wie nichts darüber und ich freue mich sehr.
  • Sprich mit mir von T.C. Boyle. Naja, aus Prinzip.
  • Ready Player Two von Ernest Cline. Ich mag den ersten Teil. Da kann jetzt viel schief gehen. Aber das kann auch ziemlich gut funktionieren.

Bester Film:

Ich habe dieses Jahr mehr Serien als Filme gesehen, aber ich mochte Joker, Liebe, Ford vs Ferrari und Spiderman: Into the Spiderverse

Beste Serie:

Superschwer, weil viel gesehen, was in verschiedene Richtungen ging. Wie oben schon erwähnt High Fidelity. Dann Little Fires Everywhere, Fleabag, The Queens Gambit und Tales from the Loop. Aber wohl noch vieles mehr.

Bestes Konzert:

Nichts gesehen.

Beste Theatererfahrung:

  • Tag Y von der Theater Rampe in Stuttgart. Eine einstündige Telefonperformance, bei der ich durch den Süden von Stuttgart spaziert bin, durchweg mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
  • Frankenstein vom National Theatre in London, als Stream.

Bestes Album:

Hej Google, spiel Musik.

Bestes Lied/Stück:

Hej Google, spiel Musik.

Beste*r Musiker*in:

Hej Google, spiel Musik.

Der eigene Höhepunkt 2020:

  • 18 Jahre nach dem Wunsch, ein Buch bei einem Verlag zu veröffentlichen, endlich den Vertrag zu unterschreiben, der das nächstes Jahr möglich macht.
  • Punkt 2 meiner Bucketlist weiter abhaken: Meinen kleinen, 30 Jahre alten Fiat aus der Garage holen, reparieren und wieder anmelden. Nun fehlt der Oldtimer-Status.

Der eigene Tiefpunkt 2020:

Unser Opfer dieses Jahr war, nicht nach Hamburg ziehen zu können. Aber ehrlich gesagt hat dieses Jahr auch viel Demut gelehrt und Dankbarkeit, deshalb ist das schon okay.

Was 2020 übelst gefehlt hat:

  • Umarmungen

Das Jahr zusammengefasst:

  • Durch die Höhepunkte, besonders den Roman, lief das Jahr trotz seiner allgemeinen Scheiße wirklich okay für mich. Mehr als das, ich konnte das erkennen und dafür dankbar sein. Ich bin gespannt und hoffnungsvoll, wie unsere neue Normalität aussehen wird.

Der peinlichste Moment:

  • Frag mich in ein paar Jahren nochmal.

Ein unentdecktes Talent, das endlich entdeckt wurde:

  • Frag mich in ein paar Jahren nochmal.

Die ersten Male:

  • einen Verlagsvertrag unterschreiben

Was man 2020 vor allem hinter sich lassen will:

  • Verschwörungstheorien

Worauf man sich 2021 freut:

Auf ganz ganz viel, aber ganz oben steht dieses Buch, das ich mit dem Haymon Verlag machen durfte und das ab 16. Februar überall zu haben ist: Immer noch wach