Menü Schließen

Kategorie: Leben (Seite 1 von 262)

Roman: Miroloi von Karen Köhler

„Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten.“

Der erste Absatz aus Miroloi von Karen Köhler.

Eine Insel mit abgeschnittener Gesellschaft, eine junge Frau, die dort niemals willkommen war.

Schon in ihrer Geschichtensammlung Wir haben Raketen geangelt erzählt Karen Köhler mit schlichter, bildhafter Sprache, das passiert auch hier.

Obwohl schon der Anfang krass losgeht, schafft Karten Köhler mich, mit ihrer Sprache einzufangen und darüber hinaus, trotz des – mit Verlaub – beschissenen Lebens der Protagonistin, ihr Eigenheiten zu geben, die ich bewundere.

Ich komme aber auch nicht umhin, manche Facetten dieser Welt als fast zu plumpe Allegorien der unseren zu sehen. Vielleicht kann ich das als weißer Mann mit meinem Erfahrungshorizont nicht greifen, aber in einigen Momenten kann ich die eigentlich sehr kluge und raffinierte und selbstbewusste Protagonistin in ihrer Naivität und die Dinge, die im Dorf passieren, nicht ernst nehmen. Das wird im Laufe des Romanes immer schlimmer.

Schade, weil Köhler nicht nur eine sehr schöne Sprache hat, die ich gerne lese, sondern auch das Versprechen für mehr legt, das nicht eingehalten wird.

Besonders am Ende des Romanes habe ich das Gefühl, jetzt könnte es richtig losgehen. Diesen Teil der Geschichte muss ich mir aber ausdenken.

Miroloi von Karen Köhler erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Was übrig bleibt: „Du siehst, nie ist nichts, aber das stört mich nicht, weil ich beim Waschen wasche und beim Flicken…“

“Du siehst, nie ist nichts, aber das stört mich nicht, weil ich beim Waschen wasche und beim Flicken flicke, beim Lachen lache und beim Schlafen schlafe. Am liebsten aber koche ich beim Kochen.”

Miroloi – Karen Köhler
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Storys: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen von Pippa Goldschmidt

Das GPS gab den ersten Hinweis darauf – jedenfalls für uns -, dass etwas schiefgelaufen war.

der erste Satz aus Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen.

Wunderschönes Cover, ein Buch, das ich gern in der Hand halte, und ein Titel, der mich ziemlich neugierig macht.

17 Geschichten von Pippa Goldschmidt, die nicht alle etwas mit dem Weltraum zu tun haben, aber alle auf ihre ganz eigene Art und im besten Sinne nerdy sind.

Ich glaube, das ist bei jeder Sammlung von Geschichten so, nicht alle werden dir gefallen, aber selbst die schwächeren Stories in diesem Buch zeigen mir neue Facetten. Von Weiblichkeit, von Physik, von Geschichte, von Männern.

Immer wieder kam ich an den Punkt, an dem ich die Protagonistinnen der Geschichten nicht verstanden, nicht nachvollziehen konnte. Und das habe ich gelernt: Ich weiß nicht genug, um alles nachvollziehen, alles verstehen zu können.

Und ich liebe die Übersetzungen von Zoë Beck, in diesem Fall besonders den Titel.

Eine schöne und schön verpackte Sammlung kleiner, im besten Sinne, nerdiger Geschichten. Gerne mehr davon.

Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen von Pippa Goldschmidt wurde übersetzt von Zoë Beck und erschien bei CulturBooks. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Das Debüt 2019: Meine Juryentscheidung

Bereits zum vierten Mal darf ich Teil der Jury für den Bloggerpreis von Das Debüt sein und ich bin da ziemlich dankbar für. Weil die Bücher, die ich dadurch lesen darf, wahrscheinlich sonst übersehen hätte. Schon für 20162017 und 2018 habe ich als Juryblogger die fünf Romane gelesen, dies Jahr also wieder. Allein das Erstellen der Shortlist, die vom Team von Das Debüt ausgefuchst wird, ist eine langwierige und mutige Aufgabe, danach liegt es in den Händen von uns Bloggern, über das Beste zu entscheiden. 13 Menschen mit eigener Meinung und Leseempfinden, die sich in einer Facebookgruppe austauschen und im besten Sinne aneinandergeraten.

Vor der eigentlichen Vergabe meiner Punkte hier meine Gewinner der Nebenkategorien.

Schönstes Cover: Vater Unser von Angela Lehner, erschienen bei Hanser. Sehr simpel, poppig und quer. Dicht gefolgt von 3 Kilometer von Nadine Schneider, erschienen bei Jung und Jung.

Schönster Titel vor dem Lesen: Wie man Dinge repariert von Martin Peichl, erschienen bei edition atelier. Das Cover gefällt mir gar nicht, aber der Titel macht mich ziemlich an.

Schönster Titel nach dem Lesen: Ich kann dich hören von Katharina Mevissen, erschienen bei Wagenbach. Während der Klappentext auch nach dem Lesen nicht so richtig greifbar wird, ist der Titel nach dem Lesen so schön und doppeldeutig aufgeladen, dass es mich sehr freut.

Ich bin einer von denen, die atmen.

Schönster erster Satz: Der kommt aus Ich kann dich hören von Katharina Mevissen, erschienen bei Wagenbach.

Jetzt meine ganz persönlichen Top 3.

Platz 3: Vater Unser von Angela Lehner, erschienen bei Hanser. Eine junge Frau auf dem Weg in die Psychiatrie und schon auf den ersten Seiten ist klar, dass es sich um eine ziemlich unzuverlässige Erzählerin handelt. Ich mag die schnoddrige Art und die Kommentare und ringe mit der Erzählerin um die Wahrheit. Das habe ich sehr gern gemacht.

Platz 2: Wie man Dinge repariert von Martin Peichl, erschienen bei edition atelier. Sehr überraschend auch für mich, weil ich die ersten Seiten als extrem prätentiös gelesen habe, pseudointellektuelles Geschreibe, das mir nichts gibt. Wenn ich für diesen Preis nicht weitergelesen hätte, wäre ich nie reingekommen in Peichls Kopf und seine Art, die Liebe und den Verlust derer, die wir lieben, zu beschreiben. Ich glaube, das Buch tut sich mit seinem Anfang keinen Gefallen und bin froh, dass ich darüber hinweggekommen bin.

Platz 1: Ich kann dich hören von Katharina Mevissen, erschienen bei Wagenbach. Os, der Cellist, der sich in eine Stimme auf einem gefundenen Aufnahmegerät verliebt und sich auch noch mit seinem Vater auseinandersetzen muss. Mehrere Stränge, denen ich gerne folge, eine elliptische, sehr mündliche Sprache und ein paar Spielereien im Buch, die es mich sehr gerne lesen lassen.

Wie alle in diesem Jahr ist auch dieses kein Buch, dass man gelesen haben muss, aber eines, bei dem ich sehr froh bin, dass ich es getan habe.

Und nun bin ich gespannt, wie die anderen Jurorïnnen entscheiden und wer tatsächlich die Plätze bekommt.

Mein 2019 als Liste

Wie letztes Jahr: Über Freunde, die über keine sozialen Netzwerke verfügen, kam diese Liste. Ich beantworte sie für sie, für euch und für mich. Wer mitmachen will, ist eingeladen.

Das beste Buch / die besten Bücher im Jahr 2019 gelesen:

– Multiple Choice von Alejandro Zambra (Suhrkamp). Lange kein Buch mehr gehabt, mit dem ich mich so sehr beschäftigt habe und gleichzeitig mich mit mir beschäftigt habe.

– Miami Punk von Juan S. Guse (S. Fischer). Ähnlicher Ritt wie DFW und Joshua Cohen, anstrengend, aber geil.

– Tiere Essen von Jonathan Safran Foer (KiWi). Doch anders, als gedacht. Und immer noch sehr wichtig und prägend.

– The Electric State von Simon Stålenhag (Fischer Tor). Ein grandioses Parallelunversum, das Stålenhag da schreibt und malt.

Die besten Stellen:

Hör nicht auf mich, lieber Sohn, hör nicht auf mich. Ich hoffe, die Zeit wird in deiner Erinnerung einen Schleier über meine Schreie breiten, über meine Entgleisungen, meine öden Witze. Ich hoffe, die Zeit löscht fast alle meine Worte aus und bewahrt nur das warme sachte Murmeln der Liebe.

Multiple Choice  – Alejandro Zambra

Ihr Haar war noch feucht vom Duschen, und ohne Make-up war ihr Teint blass und glatt. Es war ein entspanntes Gesicht, das vertrauteste der Welt, das Gesicht am Küchentisch im Zentrum seines Lebens.

Das Licht – T.C. Boyle


Ich lehnte am Fenster, wir redeten über Allfälliges. Mehr passierte nicht. Und ich weiß, es sind ereignisreichere Geschichten von der Liebe erzählt worden, und doch bestehe ich darauf, dass meine Geschichte eine der schönsten ist. Nimm es oder lass es.

Unter der Drachenwand – Arno Geiger


Der ganze Blog über die besten Stellen: was übrig bleibt.

Größte literarische Enttäuschung des Jahres:

– Unter der Drachenwand von Arno Geiger

– Miroloi von Karen Köhler

– Das Licht von T.C. Boyle


Alle drei nicht schlecht, alle drei mit ihren Stärken. Aber bei weitem nicht so, wie ich es jeweils erwartet hatte.


Bücher, auf die man sich 2020 freut:

Ich bin noch lange nicht durch mit den Büchern, die hier noch liegen, als dass ich mich schon um ein kommendes Programm kümmern könnte.

Bester Film:

Ich habe zwar viel gesehen und in diesem Moment ist nichts im Kopf. Sowieso war das mehr ein Jahr der Serien. Und, dank einer kleinen Gruppe bei Facebook, ein Jahr der Dokus.

Beste Serie:

Ich mochte ganz viel. This is us Staffel 3, Sex Education, Die ersten drei Staffeln American Horror Story, The Mandolorian und His Mortal Instruments. Und vieles vieles mehr.

Bestes Konzert:

Amanda Palmer im Theaterhaus in Stuttgart. Sehr eindrücklich schmerzhaftes Erlebnis.

Bestes Album:

Hej Google, spiel Musik.

Bestes Lied/Stück:

Hej Google, spiel Musik.

Beste*r Musiker*in:

Hej Google, spiel Musik.

Der eigene Höhepunkt 2019:

Die Entscheidung, 2020 nach Hamburg zu gehen. Zu realisieren, dass das, was ich mache, nicht nur funktioniert, sondern mir auch sehr viel Spaß macht. Ein Ding auf meiner Bucketlist abstreichen: meinen 29 Jahre alten Fiat wieder aus der Garage holen und fit machen. Der Anruf meines Agenten, dass es da einen Verlag gibt, der mein Buch will.

Der eigene Tiefpunkt 2019:

Während der Serienschule bei der UFA zwar extrem viel zu lernen, aber zu realisieren, dass es nicht das ist, was ich machen will. Und für rund vier Monate nicht ins alte Leben zurückzukommen. Da waren ziemlich viel Zweifel im Spiel. Aber die Höhepunkte machen das mehr als wett.

Das Jahr zusammengefasst:

Nicht nur das immer zugrundeliegende Gefühl zu haben, dass schon alles gut wird. Sondern in vielen Moment eine greifbare Bestätigung dessen.


Der peinlichste Moment:

– Auf der Bühne des Goethe-Institut in Bukarest zu realisieren, dass mein Englisch nicht so gut ist, wie ich dachte.

– Bei einem Workshop „Vorlesen lernen für Autorïnnen“ provokant zu fragen, „Warum seid ihr hier? Ihr könnt doch alle lesen.“ Und die erste Person, die streckt, sagt, sie habe Legasthenie.

Ein unentdecktes Talent, das endlich entdeckt wurde:

Keine Ahnung.

Die ersten Male:

– Relativ regelmäßig meditieren. Per Headspace. Stand heute Morgen: 83 Tage in Folge.

– Weiter in den Osten kommen als Polen: Zwei Wochen Rumänien im Wohnmobil.