Kategorie: Leben (Seite 1 von 292)

Lesung: Frank Rudkoffsky mit „Mittnachtstraße“ in der Stadtbibliothek Stuttgart am 27.6.23

Die Überschrift nur die halbe Wahrheit. Weil nicht nur Frank Rudkoffsky auf der Bühne saß, sondern auch Mareike Fallwickl. Die beiden kennen sich lang genug, damit aus der Lesung mehr ein Gespräch auf Augenhöhe wird, in dem Frank immer wieder aus seinem Buch liest.

Ich kenne beide auch schon eine Weile, Mareike steht auf der Rückseite meines Buches, mit Frank hänge ich hier in Stuttgart immer wieder rum. Es macht Spaß, den beiden zuzuhören, in ihren Gedanken und Ausführungen über Feminismus, in der Frage, ob unsere Generation in dieser Hinsicht verloren ist und darüber, was Männer kosten.

Wir applaudieren, wir lachen, wir hören zu. Und ich mags. Auch, weil der Großteil des Publikums sich genauso auf Augenhöhe sieht, wie die beiden auf der Bühne. Die anderthalb Stunden sind schnell vorbei. Und ich hab Lust auf das nächste Mal.

Was übrig bleibt: „Er sagte: “Ich hab Hunger.” Und wenn ich jetzt sage: Es war Ende des Monats. Und wenn…“

“Er sagte: “Ich hab Hunger.”
Und wenn ich jetzt sage: Es war Ende des Monats. Und wenn ich jetzt sage: Er hatte noch genau 34 Cent im Portemonnaie. Und wenn ich jetzt sage: Er hatte morgens eine Scheibe Toast gegessen. Und wenn ich jetzt sage: Das war alles, was er an diesem Tag gegessen hatte. Und wenn ich jetzt sage: Er hatte am Tag zuvor Pfandflaschen weggebracht und sich von dem Geld Brötchen gekauft. Und wenn ich jetzt sage: Sein Konto war so weit im Minus, dass der Automat kein Geld mehr ausspuckte. Sagst du dann: Wir leben doch in Deutschland? Sagst du: Hier hungert doch keiner? Sagst du: Man bekommt doch Geld vom Geldamt, wenn man keine Arbeit hat? Sagst du: Man muss eben mit dem Geld haushalten, das man bekommt? Sagst du: Selbst Schuld! Sagst du: Wenn man arbeiten will, dann findet man auch Arbeit? Sagst du: So ist es eben?
Ich sage dir: Er hatte Hunger.”

Nordstadt von Annika Büsing
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Roman: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Vielleicht liegen noch viele Jahre vor ihm, vielleicht nur noch ein paar.

Der erste Satz aus gehen, ging, gegangen.

Als Gehen, ging, gegangen 2015 rauskam, wusste ich irgendwann, dass es in dem Buch um Geflüchtete geht. Ich wollte nicht noch ein Buch über das Schicksal und Trauma einer Familie lesen und das Cover hat mir auch überhaupt nicht gefallen. Dazu kam, dass es ganz viele ganz überschwängliche Meinungen zu dem Buch gab, was mich manchmal eher abschreckt, etwas zu lesen, zu gucken, zu hören.

Aber dann war ich ohne genügend Lesestoff unterwegs und ziehe neben funny girl auch dieses Buch aus dem Bücherschrank und denke, warum nicht.

Richard ist emeritierter Professor, verwitwet und hat nichts mehr zu tun, als er auf die Gruppe an Geflüchteten aufmerksam wird, die am Alexanderplatz in einen Hungerstreik gegangen sind. Er versteht nicht ganz, was da passiert und warum sie sich so verhalten. Aber er hat ja Zeit, warum das nicht als Forschungsprojekt angehen?

Das Spannende an Gehen, ging, gegangen ist genau dieses Setting. Erpenbeck geht (erstmal) nicht den Weg der größten Emotionalität, sondern lässt Richard sich genau die Fragen stellen, die sich wohl viele gestellt haben. Nur dass Richard sich tatsächlich mit den Geflüchteten auseinandersetzt, stellvertretend für uns.

Ich hatte mit dem Anfang des Romanes meine Schwierigkeiten. Einerseits war er ganz anders, als ich dachte. Andererseits wollte ich ja eigentlich keinen Roman über einen sehr deutschen Rentner lesen. Aber mit ihm kommen wir den jungen Männern nahe, die er besucht und mit denen er seine Gespräche führt. Kommen ihren Erfahrungen, ihren Träumen und ihrem Wesen näher. Auf eine Art, wie ich es nie erwartet habe. Weil ich dem alten Rentner irgendwie doch ähnlicher bin als ich dachte.

Leider ist Erpenbecks Buch immer noch aktuell. Eine Geschichte über Menschlichkeit, wie sie uns im Alltag verlorengeht und wie wir sie wieder finden können.

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck erschien bei unterschiedlichen Verlagen, die Taschenbuchausgabe bei Penguin. Bücherschrankfund.

Mein 2022 als Liste

Wie 202120202019 und 2018: Über Freunde, die über keine sozialen Netzwerke verfügen, kommt diese Liste. Ich liebe sie, weil sie diesen Freundeskreis trotz allen Abstands immer wieder zusammenführt.

Das beste Buch / die besten Bücher im Jahr 2022 gelesen:

So richtig begeistert haben mich dieses Jahr Candy Haus von Jennifer Egan, Haha Heartbreak von Olivia Kuderewski und Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck.

Honorable Mentions: Fairy Tale von Stephen King, Die Träume anderer Leute von Judith Holofernes und RCE von Sibylle Berg.

Verlag 2022:

Dauberbrenner Haymon. Wir arbeiten gemeinsam am nächsten Buch und es wird großartig. Unter anderem, weil ich das Glück habe, mit diesen wunderbaren Leuten zusammenzuarbeiten.

Die besten Stellen:

Seit mehr als zehn Jahren sammele ich meine Lieblingsstellen aus Büchern.

Größte literarische Enttäuschung des Jahres:

Mieses Karma von David Safier. Ich hab mir früher echt gern seine Romane angehört, da sind das schöne Geschichten zum runterhören gewesen. Auf einer Reise ohne Internet und mit nur einem Buch (eigene Schuld, ich weiß) habe ich mir das aus einer Bücherkiste genommen. Was als Hörbuch gut funktioniert, kann ich selbst kaum lesen. Hab’s durchgezogen, aber werde das nie wieder machen.

Bücher, auf die man sich 2023 freut:

Gerade lese ich Momo von Michael Ende, zum ersten Mal nach knapp 20 Jahren wieder. Und danach kommen Zensus von Jesse Ball und Morgen, Morgen und wieder Morgen von Gabrielle Zevin dran und ich bin sehr gespannt.

Aber natürlich freue ich mich am meisten auf mein eigenes Buch. Und hab auch die größte Angst davor.

Bester Film:

Ich mochte She said, Einfach mal was Schönes und Everything, everywhere all at once. Aber ein neuer Lieblingsfilm war nicht dabei.

Beste Serie:

Andor, For all Mankind, die letzte Staffel This is us.

Bestes Konzert:

Das ganze Watt en Schlick Festival, ganz besonders aber Danger Dan und Noga Erez. Das hat mich nachhaltig begeistert.

Bestes Lied/Stück:

– Noga Erez „Nails“
– Danger Dan „Gute Nachricht“

Beste*r Musiker*in:

Noga Erez. Da war auf dem Festival die ganze Zeit Musik und wenn ich die Namen nicht kannte, dann hab ich da nur mit halbem Ohr zugehört. Als als Noga Erez auf die kommt, braucht es nur ein paar Beats, bis wir ganz vorne stehen. Das war richtig krass.

Bestes Spiel:

Fortnite. Ich hab mit letztes Jahr eine Playstation 4 gekauft, als alle dachten, sie bekommen die 5er. Immer wieder versinke ich in Spielen, bis mir ein Freund Anfang des Jahres sagt, er spielt Fortnite. Und ich lache und denke Spiel für 11jährige. Denke dummes Ballerspiel. Denke teures Geld-aus-der-Tasche-ziehen. Aber wenn er das sagt, dann schau ich mir das mal an. Ist nun also ein paar Monate her und seitdem habe ich nur zwei andere Spiele angespielt. Es macht Spaß, mit Menschen zu spielen, die ich kenne. Gemeinsam über diese Insel zu rennen und zu versuchen zu überleben. Und nebenher über das Leben mit all den Tiefen und Höhen zu reden. Es ist ein bisschen wie auf einer WG-Party in der Küche. Du unterhältst dich da mit jemandem, den oder die du kaum kennst und gerade deshalb kannst du viel tiefer, viel verletzlicher sein. Ähnlich ist es, wenn du auf einer Ebene eben gerade versuchst, dass du im Spiel nicht zu früh stirbst. Ich tauche da gerade sehr gerne ein.

Der eigene Höhepunkt 2022:

Ganz viele meiner Sorgen zu überwinden und mit dem Camper in Schweden sein. 5 Wochen, 9000 Kilometer, 15 Nationalparks. Sven Hedin war schwedischer Geograph und Abenteurer, eines seiner bekanntesten Zitate ist „Von all den Sorgen, die ich mir gemacht habe, sind die wenigsten eingetroffen.“ Daran musste ich immer wieder denken und mich daran gewöhnen, dass es okay ist, ist Sorgen zu haben und dann zu verstehen, dass sie nicht eintreten.

Der eigene Tiefpunkt 2022:

Ich bin natürlich unfassbar dankbar für Haymon und die Möglichkeit, für sie noch ein Buch zu schreiben. Aber das ist das erste Mal, das ich ein Buch auf eine Deadline hin schreibe. Bisher hatte ich immer Jahre und hab gehofft, dass es endlich irgendjemand haben will, das aktuelle Manuskript. Das ist 2019 passiert und damit habe ich Punkt 1 meiner Bucket List abgearbeitet. Punkt 2, mehr Bücher schreiben, kommt nun direkt danach. Aber es ist eben neu. Und das macht mich unsicher. Und mitten im Schreiben, nachdem ich die ersten Rückmeldungen hatte, wusste ich überhaupt nicht, ob ich das überhaupt kann. Hab das Buch vor lauter Szenen nicht gesehen. Und im August habe ich so sehr an mir und meinem Können gezweifelt, dass ich mich wirklich gefragt habe, ob dieser Wunsch „Bücher schreiben“ wirklich richtig ist.

Jetzt bin ich da durch und ich glaube, wir haben ein tolles Buch gemacht und ich bin da sehr dankbar für. Aber ich weiß auch, dass ich nächstes Mal Dinge anders machen muss.

Schönste Erinnerung(en):

Wahrscheinlich die zusammengefasste Erinnerung an die Zeit in Schweden. Da hat sich richtig viel richtig gut angefühlt.

Was 2022 übelst gefehlt hat:

Wir waren viel Reisen und ich habe dieses Buch geschrieben. Und einen neuen Roboter gebaut und zwei Hochzeiten als Trauredner bestritten. War alles toll, hat mir aber auch Zeit für Workshops genommen. Davon musste ich einige absagen und tat mir richtig weh, weil ich die richtig gern mache.

Das Jahr zusammengefasst:

Immer noch Sven Hedin: Von all den Sorgen, die ich mir gemacht habe, sind die wenigsten eingetreten.

Der peinlichste Moment:

Glücklicherweise nichts, was sich richtig tief eingegraben hat in das Gedächtnis.

Ein unentdecktes Talent, das endlich entdeckt wurde:

Einigermaßen okay Nagellack auf die eigenen Fingernägel bekommen.

Die ersten Male:

  • Nagellack tragen. Auf der Reise in Schweden haben wir viele Podcasts und Gespräche gehört und uns natürlich auch viel über toxische Männlichkeit und Vorbilder unterhalten. Und ich sag so, ich hab eigentlich kein Problem damit Röcke zu tragen, oder Nagellack, aber Röcke find ich irgendwie nicht praktisch. Und Nagellack, da bin ich zu faul für. Das hat eine Freundin mitbekommen und so hatte ich kurz nach Schweden zum ersten Mal lackierte Fingernägel. Erstmal musste ich mich selbst dran gewöhnen, wie damals beim Tattoo. Immer irritierend, runterzusehen und da ist Farbe, wo mehr als 35 Jahre keine war. Und dann musste ich mich daran gewöhnen, plötzlich Komplimente für einen Aspekt meines Aussehen zu bekommen, das mir meist egal ist. Ich bin aber tatsächlich meist immer noch zu faul, deshalb trage ich ihn, bis er richtig gebrochen ist oder auf einem Finger gar nicht mehr vorhanden. Dann kommt neuer drauf.
  • Nagellack kaufen.
  • Bis in den Polarkreis fahren.
  • In Dänemark, Norwegen und Schweden sein.
  • Ein Buch auf Deadline beenden.
  • Ein ganzes Jahr mit einem Hund im Haushalt verbringen und mit verantwortlich sein.
  • Und beim letzten Essen des Jahres: mir eine Blase am Gaumen holen.

Was man 2022 gelernt hat:

Es ist okay, genügsam zu sein und zufrieden mit dem, das ich habe. Es ist aber genauso okay, meine Komfortzone zu verlassen und sich diesen Sorgen auszusetzen, die dann meist nicht eintreten. Jip. Das hat mein Jahr geprägt.

Was man 2022 vor allem hinter sich lassen will:

  • All die großen Dinge, die uns in den letzten Jahren passiert sind und die niemand braucht.
  • Grundsatzdiskussionen

Worauf man sich 2023 freut:

  • Mein Buch und all das Drumherum.
  • Ein paar der Ideen und Projekte, die in meinem Kopf wachsen, zu realisieren.
  • Zeit mit guten und lieben Menschen und Wesen zu verbringen.
  • Umarmungen?
  • Euch.

Uns allen das beste 2023. Liebe, Fabian.

Film: Was man von hier aus sehen kann

Seit heute läuft Was man von hier aus sehen kann offiziell im Kino, wir saßen gestern in der Preview. Ich kann verstehen, warum viele Kritiker:innen den Vergleich zu Amélie ziehen. Ging mir schon beim Trailer so und geht mit nach dem Film immer noch so. Viele Szenen leicht überbelichtet, alles so ein bisschen absurder als unsere Realität und dazu ein sanfter Soundtrack. Aber die Leute, mit denen ich im Kino war, sehen das anders.

Wo wir uns einig waren, dass der Film zu gewollt ist und sich nicht entscheiden kann, ob er sich ernst nehmen will. Dadurch gibt es ein paar merkwürdige Szenen, die nicht so richtig reinpassen. Schade eigentlich, weil es auch ein paar echt schöne Momente gab. Die Szene mit den Briefen war schon im Buch eindrucksvoll und bleibt es auch im Film. Und Karl Markovics spielt den Optiker großartig. Aber der Rest? Zerfällt zwischen „absurd lustig sein“ und „ein realistisches Drama erzählen“.

Was man von hier aus sehen kann ist ein netter Film mit ein paar Lachern und ein paar sehr schönen Szenen. Aber leider nicht arg viel mehr.