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Kategorie: Empfehlungen (Seite 1 von 112)

Roman: Wer fürchtet den Tod von Nnedi Okorafor

Mein Leben brach auseinander, als ich sechzehn war.

der erste Satz aus Wer fürchtet den Tod

Ich habe von Nnedi Okorafor noch nie etwas gehört, kenne keines ihrer Bücher, aber die Cover ihrer deutschen Ausgaben (erschienen bei Cross Cult, illustriert von Greg Ruth) sind großartig, besonders nebeneinander. Dies ist ihr erster Roman, also fing ich damit an.

Eine nicht allzu ferne Zukunft, ein Paralleluniversum, ein postapokalyptisches Afrika mit Computerresten und Magie. Die hellhäutigen Nuru unterdrücken die dunkelhäutigen Okeke. Onyesonwu ist ein Mischlingskind, überall Außenseiterin und durch Gewalt entstanden. Aber die Magie ist stark in ihr und sie lernt, damit umzugehen. Eines Tages wird sie ihren Vater, einen mächtigen Zauberer, töten.

Nnedi Okorafor verbindet afrikanische Tradition mit Fantasy und Endzeitszenario, gibt mir so viel Bekanntes, dass ich einsteigen kann und flutet mich dann mit so viel Neuem, dass ich bis zum Ende fasziniert bleibe.

Manchmal machen es mir die Schreibart und auch der Inhalt schwer, dranzubleiben, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es ist nicht nur Fantasy, sondern afrikanische, weibliche Weltsicht, die in mir aufgeht und dass ist mir vollkommen neu.

Besonders im deutschsprachigen Raum ist Okorafor ungerechtfertigterweise noch kaum bekannt, HBO hat die Verfilmungsrechte. Der Stoff soll unter der Führung von „Game of Thrones“-Schöpfer George R. R. Martin als Serie umgesetzt werden. Bis dahin lese ich das nächste Buch von ihr.

Wer fürchtet den Tod von Nnedi Okorafor wurde übersetzt von Claudia Kern und erschien bei Cross Cult. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Ich habe das Buch auch bei Tor Online und im Podcast von literaturcafe.de erwähnt.

Roman: Der die Träume hört von Selim Özdogan

Abstand zu Menschen. Ich dachte, es würde helfen. Es hat geholfen, jahrelang hat es geholfen.

der erste Absatz aus Der die Träume hört.

Nizar hat sich sein eigenes Geschäft aufgebaut, er arbeitet als Privatermittler für Onlineverbrechen, was so okay funktioniert. Bis er einerseits erfährt, dass er einen 17jährigen Sohn hat und andererseits einen Auftrag annimmt, bei dem ein Junge an einer Überdosis gestorben ist.

Selim Özdogan ist einer der Autoren, die ich nicht lese, weil sie immer ein Genre abdecken, sondern weil ich ihn wegen seiner Schreibe mag. Mal ist es dann eine Drogenutopie, mal ein Pamphlet für Identität, mal ein Migrationsstück. Jetzt ist es ein Krimi, dem ich den Autor anmerke, weil er, egal, wie die Gesichte läuft, seine ganz persönlichen Themen immer wieder reinbringt. Themen wie Identität, Herkunft und auch Drogen, diesmal erweitert durch das Darknet und die Straße.

Ich brauche am Anfang ein wenig, bis ich in der Geschichte bin, komme auf die Denkart von Nizar anfangs nicht klar. Aber dann, als ich im Rhythmus bin und die Grundrichtung des Romanes verstanden habe, bin ich drin.

Auch wenn ich nicht immer Nizars Meinung bin, verbringe ich gern Zeit mit ihm und seinen Sohn. Und ich bin mir sehr sicher, dass die Geschichte mit dem Buch noch nicht zu Ende ist. Da könnte eine Reihe draus werden.

Der die Träume hört ist entweder ein Krimi mit einer guten Portion Lebensrealität, Philosophie und Familie. Oder ein typischer Özdogan plus Krimielementen.

Der die Träume hört von Selim Özdogan erschien bei der Edition Nautilus. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Fabian von Erich Kästner

War ja klar, dass ich irgendwann Fabian lesen musste. Und war auch klar, dass es in der ‚alten‘ Fassung mit eben diesem Namen sein musste.

Dr. Jakob Fabian lebt im Berlin der 1920er und muss sich durch die Facetten des Unmoralischen schlagen, was für ihn als Moralisten sehr schwer ist. Berlin ist geprägt durch die sexuelle Offenheit der beiden ‚goldenen‘ Jahrzehnte und auch durch das langsam rechtsradikaler werdende politische Klima. Und dann kommt da noch die Liebe dazu.

Für einen fast 90 Jahre alten Roman kann ich Fabian sehr gut runterlesen, fühle mich oft mit dem Protagonisten und seiner sachlichen Erzählart verbunden und bleibe am Ende mit einem tumben, fast schalen Gefühl zurück. Im besten Sinne ein Buch, das mich berührt, in dem ich mich oder die Welt immer mal wieder reflektiert sehe und das immer noch seinen Zweck hat.

Fabian von Erich Kästner erscheint im Atrium Verlag.

Sachbuch: Tiere essen von Jonathan Safran Foer

Als ich klein war, verbrachte ich das Wochenende oft bei meiner Großmutter.

Der erste Satz aus Tiere Essen.
Eine Anekdote: Ein befreundetes Ehepaar, etwa zwei Jahrzehnte älter, erzählt vor kurzem, dass sie nun Vegetarisch leben. Jahrelang hatten wir Gespräche über dieses Thema gehabt und ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Ich frage überrascht, wie es kommt und sie erklären, dass sie auf Netflix eine Doku gesehen haben und das nicht mehr verantworten können. (Leider konnte ich nicht rekonstruieren, welche genau.)
Beim nächsten Besuch erzählen sie, dass sie nun auch keine Milch mehr trinken und auf Hafer umgestiegen sind. Ich frage, warum und sie sagen, dass sie eine Doku gesehen haben. Ich nicke und lächele und frage, was als nächstes passiert und sie sagen: "Nichts. Wir gucken keine Dokus mehr."

Als Tiere essen vor 9 Jahren veröffentlicht wurde, habe ich das zwar mitbekommen, hatte aber bis dahin nichts von Jonathan Safran Foer gelesen. Und ich dachte, nicht noch mehr Kritik an Fleischkonsum. Die Ironie ist: Zwei Monate nach Veröffentlichung des Buches wurde ich Vegetarier. Und damit hatte sich die Lektüre dieses Buches auch irgendwie erledigt.

Vor ein paar Monaten landete das Buch dann doch in unserem Haushalt und wurde mir von meiner Freundin immer wieder und verstärkt ans Herz gelegt. Mittlerweile kenne ich ein paar Werke von Foer, Hier bin ich hat einen wirren, aber doch bleibenden Eindruck hinterlassen.

Und dann ist dieses Buch doch ganz anders, als erwartet. Kein Roman, aber auch kein Sachbuch, wie ich Sachbücher kenne. Mehr eine Art Biographie eines bestimmten Lebensaspektes: Als Jonathan Safran Foer Vater wird, fragt er sich, was für eine Welt er hinterlassen will und nach welchen Werten er seine Kinder erziehen will.

Diese Frage und all seine Recherchen zum Thema Tiere essen erzählt er, als würden wir gemeinsam am Tisch sitzen. Foer ist mir nah und menschlich, mit all seinen Fragen und Zweifeln, aber auch mit seinen Versuchen und seinem Scheitern auf dem Weg zu diesem Buch.

Er beginnt die Geschichte mit seiner jüdischen Großmutter, die aus Deutschland fliehen musste und fast verhungert wäre und die auf seine Frage, warum sie selbst damals kein Schweinefleisch gegessen hat, antwortet: Wenn nichts mehr heilig ist, wofür lohnt es sich zu leben?

Dann beschreibt Foer 400 Seiten lang sehr anschaulich, was es heutzutage für die Umwelt, für uns Menschen, aber vor allem für die Tiere bedeutet, wenn wir Tiere essen. So anschaulich, dass mir Stellenweise übel wird. Sehr eindrücklich und anhand vieler eigener Beispiele (und Quellen, die mir aber gar nicht so wichtig sind) macht er deutlich, dass der Verzehr von Tier nach den üblichen Produktionsarten heutzutage weder gesundheitlich, moralisch und auch nicht ökologisch zu vertreten ist. Fleischgenuss ist keine Frage des Müssens. Es ist eine Frage des Wollens. Purer Luxus. Aber darf Luxus diesen Preis haben, fragt Foer. Denn, wenn nichts mehr heilig ist, wofür lohnt es sich zu leben?

Für mich war das Buch eine eindrückliche Bestätigung und ein weiterer Schritt Richtung Veganismus. Gleichzeitig ist für mich hier aber auch das Problem. Ich glaube, viele können dieses Buch als Bestätigung ihrer Sichtweise nehmen. Aber die Menschen, bei denen Bücher (und Dokus) wie dieses die größte Veränderung und Bereicherung bringen könnten, werden sich wohl hüten, es zu lesen.

Tiere essen ist ein großartiges und wichtiges und sehr aktuelles Buch, nur weiß ich nicht, wie ich die richtigen Leute dazu bringe, es zu lesen.

Tiere essen von Jonathan Safran Foer wurde übersetzt von Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit und erschien bei KiWi.

Buch: Frontal von John Scalzi

Fast hätte ich den Tod von Duane Chapman verpasst.

Der erste Satz aus Frontal.

Was Fischer Tor auf ihrer eigenen Seite komplett verschweigt und auf Amazon nur im vorletzten Halbsatz streift: Frontal ist das Sequel zu Das Syndrom, in Deutschland bei Heyne erschienen.

Stellt euch vor, ein Grippevirus sperrt die Bewusstseine eines signifikanten Anteils der Menschheit in ihre Körper, sodass sie sich nicht mehr bewegen können: Das Locked-in-Syndrom. Wenn das genügend wichtige Leute betrifft, wird auch etwas dagegen gemacht. In Scalzis Version wird den eingesperrten Menschen, die Haden genannt werden, ein Roboter zur Verfügung gestellt, den sie anstatt ihres Körpers verwenden, um Teil der Gesellschaft zu sein. Chris ist ein Haden und beim FBI.

Im ersten Band beginnt Chris ganz neu beim FBI und muss sich nicht nur mit dem ersten Fall, sondern auch mit seiner Kollegin beschäftigen, die anfangs (natürlich) nichts mit ihm anfangen kann. Ich mochte das Buch, diesen Krimi in der Zukunft und habe mich gefreut, als es ein Sequel gab.

In Frontal spinnt Scalzi die Welt, die er in Das Syndrom aufbaut, weiter. Wie ist eine Welt, die sich langsam daran gewöhnt, dass Menschen, die nicht anders an der Weilt teilnehmen können, Roboteranzüge haben? Welche Sportarten entwickeln sich neu? Welche Proteste könnte es gegen Menschen in Roboterkörpern geben? Und wann wollen die ersten Menschen solche Körper, einfach, weil sie besser sind, als Fleisch und Blut?

All das spielt Scalzi in Frontal durch, schickt Chris und seine Kollegin Vann in einen neuen Fall, neue Verschwörungen, neue Probleme.

Ich mag Scalzis leichte Art, mag, wie die Welt immer größer wird und trotzdem in ganz vielen Belangen unserer gleich bleibt. Was mich, ähnlich zum ersten Band, stört, ist der „Zeitungsartikel“, der dem Roman vorgestellt ist und den Leserïnnen die Welt erklären soll. Brauchte es schon beim ersten Buch nicht, braucht es auch hier nicht. Man muss auch nicht den ersten Band lesen, aber die Größe und Vielfalt dieser Welt geht auf, wenn man ihn kennt.

Scalzi hat ganz viele Erzählwelten, ich hoffe, er bleibt dieser noch eine Weile treu. Das ist keine große Literatur, aber es ist mehr als nur Unterhaltung und ich bin gern dort.

Frontal von John Scalzi wurde übersetzt von Bernhard Kempen und erschien bei Fischer Tor. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.