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Kategorie: Erinnerungen (Seite 1 von 27)

Bericht: Die Hörmich 2019

Ich konnte nicht glauben, dass es seit 2013 eine eigene Hörspielmesse gibt, von der ich noch nie gehört habe. Bis zum Sommer diesen Jahres. Also war klar, dass wir (Chantal und ich) da sein werden.

Der Pavillon in Hannover ist ein Kulturzentrum, das ganz schön cooles Zeug macht, unter anderem diese Messe. Es gibt ein paar Räume, zwei Säle und Theaterbühnen, offen für alle Arten von Gemeinschaften. Für einen Tag im Jahr ist der Pavillon voller Hörspielfreund-, Sprecher- und Produzentïnnen, die sich durch die Gänge schieben. Im großen Saal gibt es Programm, die Messe selbst streckt sich auf drei Räume und das Foyer.

Als wir ankommen, eine Stunde nach Eröffnung, schieben sich Massen an Menschen durch die Gänge. Eine Mischung aus Fanconvention (Ein Raum gehört dem Northern Outpost, den Star Wars Fans Hannover und ist voller Cosplayer, Merchandise, Ausstellungsstücken und mittendrin Hans-Georg Panczak, der deutschen Stimme von Luke Skywalker. Ein anderer ist den Masters of the Universe gewidmet.), Markt für alte Kassetten, Bücher und Schallplatten und Ständen mit neuen Hörspielen.

Die erste Runde durch die paar Räume ist (abgesehen von den echt vielen Leuten) schnell durch und im Vergleich zu den Buchmessen ist das Angebot extrem klein. Erstmal. Weil nach der ersten Ernüchterung das Hallo kommt. Da sind die Freunde des Ronin Hörverlages, ich treffe Robert Frank endlich mal persönlich, Santiago Ziesmer springt auch rum (mit ziemlich coolem Shirt) und dann sind da auch die Sprecherkollegïnnen und natürlich ganz viele neue Menschen mit ähnlichen Interessen.

Jemand kennt jemanden, der dich kennt und ziemlich schnell stehen wir in verschiedenen Kreisen und reden und Leute müssen sich an uns vorbeidrücken, wie wir uns vorher vorbeidrücken mussten.

Zwei Dinge, dir mir sehr aufgefallen sind: Alle sind auf Augenhöhe. Egal ob die Jungs vom Spezialgelagert Sonderpodcast (mit einem wunderschönen Modell des Schrottplatzes von Justus Jonas Onkel), Ivar Leon Menger oder Dagmar Bittner (die beim neuen Hörspiel um Hugo, das Schlossgespenst, dabei ist), jede und jeder kommt gern mit dir ins Gespräch, hört dir zu und erzählt. Der Tag fühlt sich extrem familiär an, auf die schönste Weise.

Und: Ich war noch nie auf einer Veranstaltung, die einen so großen Anteil an Menschen mit Behinderung hatte. Sehr viele Leute waren mit Blindenstöcken und Rollstühlen unterwegs und ich musste mich erst an die Situation gewöhnen. Wie wenn man aus Stuttgart in eine Stadt mit Radwegen und Radfahrern kommt, dann muss man sich erstmal daran gewöhnen, anders über die Straße zu gehen. Ähnlich war das für mich auf der Hörmich. Und dann war es genauso schön.

Statt also nach einer Stunde zu gehen, wie es sich nach dem ersten Rundgang anfühlte, blieben wir, bis die Stände abgebaut wurden, immer noch im Gespräch mit unterschiedlichen Leuten. Und gingen dann mit vielen neuen Ideen, Gesichtern und Lächeln.

Ja, irgendwie ist die Hörspielszene klein und nerdig, aber sie ist auch herzlich und offen und ziemlich ansteckend. Nächstes Jahr sind wir dann wohl wieder bei der Hörmich.

Stockbrot, der graue Michel und Konfetti im Sarg

Eine Woche mit FSJ-Kultur-Freiwilligen in einem Tagungshaus irgendwo im Schwäbischen.Tagsüber darf ich ihnen Hörspiel beibringen, die Abende verbringen wir beim Open Air Kino oder am Lagerfeuer und manche Sachen ändern sich kaum.

Es gibt Stockbrot und fast allen verbrennt es, es gibt zwei Gitarren und eine Ukulele, wir singen die Songs, die wir auch vor 15 Jahren gesungen haben: Hotel California, Losing my religion, Über den Wolken, Save Tonight und als Neuzugang I see fire und Rolling in the deep, aber immer noch auf keinen Fall und dann eben doch Wonderwall. Nur dass mittlerweile niemand mehr Papier oder sogar das Ding in der Hand hat, sondern alle die Texte über die WhatsApp Gruppe bekommen.

Und dann ist da Helmut, der nicht so heißt. Der Steinmetz, der auch Workshopleiter ist und wahrscheinlich doppelt so alt wie ich, aber mit seinen kurzen Strohhaaren aussieht, wie ein grauer Michel aus Lönneberga.

Ich erzähle ihm vom Schreiben und er vom Stein, ich vom Text formen, er vom wegnehmen, bis nichts mehr wegzunehmen ist und irgendwann sind wir beim Sterben. Ich erzähle von meiner Zeit im Hospiz und den Menschen und Erlebnissen, die mich geprägt haben und er von seinem Vater, der Anfang des Jahres gestorben ist, bis zum Ende seiner über 90 Jahre ein sturer Kopf, der durch ambulante Begleitung zu Hause sterben durfte. An Fasching, sodass die beiden Frauen, die ihn die letzten 15 Jahre begleitet haben, direkt vom Feiern kommen, im Kostüm an seinem Bett stehen und um ihn weinen, ihm immer wieder durch die Haare fahren und sich schon dort Geschichten über ihn erzählen.

Als sie gehen, bleibt Konfetti hinter dem Ohr und im Haar und Helmut verstummt lächelnd bei dem Gedanken, dass es mit ihm im Sarg gelandet ist und wir starren beide ins Feuer, während die Menschen um uns herum diskutieren, ob sie nun Werwolf spielen wollen oder doch noch weiter singen.

„Ja mei, is des beautiful!“

Der alte Herr setzt sich im Ludwigs Festspielhaus Füssen eine Reihe vor mich und ich bin verwirrt ob der totalen Durchmischung von Bayerisch und Englisch. Wir sitzen gemeinsam in Ludwig² – Das Musical und ich erfahre im Laufe des Abends, dass er und seine Frau aus der Gegend stammen, aber schon vor vielen Jahren nach Kanada ausgewandert sind. „Damals haben sie uns mit Handkuss genommen“ grinst er. Jetzt sind sie auf Heimaturlaub, im Camper. Und sie müssen das Stück sehen, denn er ist ein Nachfahre von Sybilla Meilhaus, der Erzieherin Ludwigs, die ihm jahrelang nah stand.
Auf der Bühne sind unter anderem Jan Ammann, Andrea Jörg, Felix Heller, Nicole Ciroth und Julian Wejwar, der alte Herr vor mir dreht ein wenig an seinem Hörgerät. Er lacht öfter als die meisten, er klatscht, wenn ihm was gefällt, er hält die Hand seiner Frau, die immer wieder ihren Kopf an seine Schulter legt. Und am Ende hat er Tränen in den Augen, als wir stehend applaudieren.
Das war nicht mein bestes Musical. Der dramaturgische Bogen war durchwachsen, die historischen Ungenauigkeiten schal und manche Regieentscheidung kann ich nicht nachvollziehen. Aber das Bühnenbild ist größtenteils großartig, manche Lieder bleiben mir im Ohr und einige der Szenen und Darsteller:innen berühren mich. Und der alte Herr, seine Freude. Ein grau gewordenes Kind.
Er ist Teil des Grundes, warum auch ich über den Abend sagen kann,

„Ja mei, war des beautiful.“

Geschichten aus der Bahn: Die junge Frau mit der Gitarre

Nach einem Tag mit normalen Tiefen und Höhen sitzen wir in der Bahn in Berlin, unterhalten uns, wie man sich in einer Fünfergruppe unterhält, vier sitzen, einer steht, mindestens zwei sind vornübergebeugt und es laufen meist zwei Gespräche parallel, als die junge Frau gast genau neben uns sich in den Gang auf ihren Koffer setzt, die Gitarre auspackt und zu spielen beginnt.

Erst unterhalten wir uns weiter, dann sind wir aus Höflichkeit still. Sie stimmt „Ein Kompliment“ an und in meinem Kopf singe ich schon mit, als die Freundin neben mir mitsingt. Dann der Freund neben ihr. Dann der Freund, der steht. Noch denke ich, wie peinlich das ist. Dann setze ich mit ein.

In meinem Lieblingsfilm, Almost Famous, gibt es in einem Bus eine ähnliche Szene mit „Tiny Dancer“ von Elton John. Das hier fühlt sich danach an, mit Fremden in dieser Bahn den Song zu singen und mindestens im Refrain immer mehr Stimmen zu hören. Danach jubeln wir, wie man in Deutschland in einer Bahn eben jubeln kann. Und die Musikerin ist so glücklich und dankbar.

Der übernächste Song ist „Nur Ein Wort“ und im ersten Refrain muss ich aus der Bahn, während sie uns beim singen hinterherlächelt, die Bahn weiterfährt und der Song in meinem Kopf weitergeht.

Menschen, ey. Danke, liebe Freunde. Danke, liebe Musikerin.

Geschichten aus der Bahn: Der Mann mit dem Buch

Wir setzen uns zu ihm in den Vierer, er nickt uns freundlich zu und fragt dann in einfachem Deutsch, ob die Bahn tatsächlich die in seine Richtung sei. Wir bestätigen das und er ist beruhigt und fängt an, in seiner Tasche zu suchen, bis er vorsichtig einen Gefrierbeutel herauszieht, mit rotem Schiebeverschluss.
Er schiebt ihn auf und holt ein Buch heraus. Es ist abgegriffen, eine alte Ausgabe von Penguin, ich schätze, auf spanisch.
Schlägt es vorsichtig auf und versinkt in seiner Welt.