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Kategorie: Erinnerungen (Seite 1 von 26)

Geschichten aus der Bahn: Die junge Frau mit der Gitarre

Nach einem Tag mit normalen Tiefen und Höhen sitzen wir in der Bahn in Berlin, unterhalten uns, wie man sich in einer Fünfergruppe unterhält, vier sitzen, einer steht, mindestens zwei sind vornübergebeugt und es laufen meist zwei Gespräche parallel, als die junge Frau gast genau neben uns sich in den Gang auf ihren Koffer setzt, die Gitarre auspackt und zu spielen beginnt.

Erst unterhalten wir uns weiter, dann sind wir aus Höflichkeit still. Sie stimmt „Ein Kompliment“ an und in meinem Kopf singe ich schon mit, als die Freundin neben mir mitsingt. Dann der Freund neben ihr. Dann der Freund, der steht. Noch denke ich, wie peinlich das ist. Dann setze ich mit ein.

In meinem Lieblingsfilm, Almost Famous, gibt es in einem Bus eine ähnliche Szene mit „Tiny Dancer“ von Elton John. Das hier fühlt sich danach an, mit Fremden in dieser Bahn den Song zu singen und mindestens im Refrain immer mehr Stimmen zu hören. Danach jubeln wir, wie man in Deutschland in einer Bahn eben jubeln kann. Und die Musikerin ist so glücklich und dankbar.

Der übernächste Song ist „Nur Ein Wort“ und im ersten Refrain muss ich aus der Bahn, während sie uns beim singen hinterherlächelt, die Bahn weiterfährt und der Song in meinem Kopf weitergeht.

Menschen, ey. Danke, liebe Freunde. Danke, liebe Musikerin.

Geschichten aus der Bahn: Der Mann mit dem Buch

Wir setzen uns zu ihm in den Vierer, er nickt uns freundlich zu und fragt dann in einfachem Deutsch, ob die Bahn tatsächlich die in seine Richtung sei. Wir bestätigen das und er ist beruhigt und fängt an, in seiner Tasche zu suchen, bis er vorsichtig einen Gefrierbeutel herauszieht, mit rotem Schiebeverschluss.
Er schiebt ihn auf und holt ein Buch heraus. Es ist abgegriffen, eine alte Ausgabe von Penguin, ich schätze, auf spanisch.
Schlägt es vorsichtig auf und versinkt in seiner Welt.

Geschichten von der Straße: Der Mann mit dem Buch in der Hand

Der Mann hat einen schweren Rucksack auf und in der einen Hand eine volle Tasche, es ist richtig warm und er lässt sich von nichts davon abhalten, beim gehen sein Buch weiterzulesen. Er hält es in der freien Hand, den Rücken komplett gebrochen und er bleibt neben uns an der Ampel stehen. Es muss spannend sein, was er liest, dass er nicht bin zuhause warten will.
Er stellt die Tasche ab, um umzublättern und ich erhasche wenigstens einen Blick auf den Autor. Albert Camus.

Die Leipziger Buchmesse 2019 in Blitzlichtern

Aufgrund von Krankheit hätte dieser Besuch der Leipziger Buchmesse ins Wasser fallen können. Tat es nicht. Aber es war klar, dass dieses Jahr alles ruhig angegangen wird.

Also Kulturbeutel auf und durch die Messe gehen. Die Buchmesse ist wie eine Zeitschrift. Erst blätterst du zu all den guten Artikeln, die dich interessieren. Dann fängst du von vorne an und liest, was noch ganz gut sein könnte. Dann beginnst du wieder von vorne und liest alles andere und findest tolle Dinge, die du erst jetzt wahrnehmen kannst.

Der erste Tag ist also gefüllt von Menschen, die ich schon kenne und besuche. Nicht alle sind da, dafür Menschen, die ich neu kennenlerne. Buchmesse ist ein Familientreffen mit immer größer werdender Familie.

I got no deeds to do, no promises to keep
I’m dappled and drowsy and ready to sleep
Let the morningtime drop all its petals on me
Life, I love you, all is groovy

Simon & Garfunkel: The 59th Street Bridge Song

Wie in den letzten Jahren habe ich Simon & Garfunkel im Ohr, während ich durch die Hallen laviere und mir Dinge ansehe, Lächeln im Gesicht, Bücher und Geschichten um mich.

Irgendwann verschwimmen die Tage. Ich fotografiere die Bücher und Dinge, die mich interessiere, darf für die Leipziger Autorenrunde einspringen und über Creative Commons reden. Und am Sonntag werde ich zum ersten Mal Cosplayer.

Es reicht eine Narbe um aus mir einen Casual Harry Potter zu machen. Nächstes Mal lasse ich mir die Harre ein wenig wachsen.

Ich laufe knapp 46 Kilometer in vier Tagen, bin voller neuer Buchideen und Erinnerungen und Verbindungen. Und schon bei der Fahrt nach Hause freue ich mich auf das nächste Mal.

Bericht: Z2X18

Nach 2016, 2017 und dem Abstecher in Stuttgart bin ich zum vierten Mal auf dem Festival für neue Visionäre der Zeit. Es ist immer noch mehr Kongress als Festival, es werden jedes Mal mehr Menschen und immer noch, immer stärker fühlt es sich für mich an wie ein Familientreffen. 

Ich schaffe es dieses Jahr, nur am Samstag da zu sein. Also frage ich die Meeresbiologin Julia Duerschlag, wie der Müll ins Meer kommt und was wir dagegen tun können, arbeite mit Tizia und Michael von fairlanguage an einer gerechten Sprache und höre mir an, wie Vanessa und Minh Thu über ihren Rice and Shine Podcast reden und Fragen beantworten. 

Das ist schön, es macht alles Spaß und ich lerne viel. Aber 2 Stunden sind für solche Themen dann doch zu wenig, sodass oft dann immer noch das Gefühl bleibt, dass es – ob jetzt das Müllproblem oder die Sprache oder was auch immer – kompliziert ist.

Ist das der Mittelweg, damit wir mehr als einen Workshop mitnehmen können? Und trotzdem verpasse ich ja all die Sachen, die parallel passieren. Ich habe dafür keine Lösung, aber mir ist das aufgefallen. Und noch was anderes, ein Minderheiten-Mehrheitsdilemma, dass mir seit dem Wochenende nicht mehr aus dem Kopf geht. Kommt aber im extra Beitrag.

Trotzdem: Jedes Mal eine Freude. Dinge zu lernen, Menschen wiederzutreffen und neu kennenzulernen. Jedes Mal gerne wieder. Danke.