Menü Schließen

Kategorie: Texte (Seite 3 von 21)

Straßenpoesie: Was ist Glück?

für Simon

 

Und du fragst, was ist Glück?

Glück ist, Hunger nur vor dem Esssen zu haben,

sagt der Junge auf dem Plakat in der U-Bahn.

Glück ist, sich nochmal von dem Menschen verabschieden zu können,

sagt die alte Frau neben dem Grab und den Blumen.

Glück ist, neben dir aufwachen zu können,

sagt die Wochenendbeziehung am Wochenende.

Glück ist Glück ist Glück ist Glück,

sagt der Fan von Gertrude Stein.

Glück ist, die Bahn zu erwischen,

sagt der Vater.

Glück ist, zu wissen, niemals zu Wissen, was

Glück ist und alles für Glück halten zu können.

Und du sagst, dann habe ich ja Glück. Während du die Kamera hältst und allein in dieser Nacht 18 Stunden Glück erfahren durftest.

Straßenpoesie: Schön oder Schlau

für Steffen

Also, bevor du von welchem Gott auch immer wieder zurück auf diesen Planeten geschickt wirst, und du als schreiender Embryo aus dem Schoß deiner Mama rutschst und wieder mal keine Ahnung hast, wie du die Zeit hier verbringen sollst, bevor es zurück geht an den Anfang, also an das Ende, bevor all das geschieht, stellt dir Mutter Natur eine einzige Frage.

Schön oder Schlau?

Bedenke, es gibt keine Kombinationsmöglichkeit. Bedenke, die Schönen werden es einfach haben, in jeder Hinsicht. Bedenke, die Schlauen werden kämpfen müssen, um es schön zu haben. Und häufig daran scheitern.

Wenn du dich dann entschieden hast, was die wenigsten schaffen, wirst du deine Entscheidung vergessen und schmerzlich neu lernen.

Aber das ist okay.

Denn Mutter Natur ist es vollkommen egal, wie du Schön oder Schlau definierst.

Straßenpoesie: Frau mit Kind

für Timo

Eine Frau mit einem kurzem Rock
Und einer langen Jacke.
Eine Frau, die mutiger ist, als du.
Die Nachts auf Dächer steigt
Und nackt mit dir ins Meer geht.
Eine Frau, die mit Karussellgrinsen
Auf der Schaukel sitzt.
Eine Frau mit großem inneren Kind.
Eine Frau mit Kind.
Eine Frau die keine Kinder braucht.
Weil sie selbst eines ist. Innerlich.
Eine Frau, die dann doch früh Kinder bekommt.
Eine Frau, die ihres Kindes beste Freundin ist.
Eine Frau, die dich als Vater nicht braucht,
Aber will.
Ein Kind, für das du gern den Vater machst.
Ein Mann, der noch selbst nicht genug erlebt hat,
Um Vater zu sein.
Ein Mann, der eine Mutter hat.
Ein Mann mit großem inneren Kind.
Ein Mann mit Kind.
Ein Mann, der sich auf einen Spielkameraden freut.
Ein Mann, der sich auf Sex freut.
Ein Mann, der sich auf eine Frau mit Kind freut.

Gedicht: Der Saal mit all den Tischen

Ich hab ihn nie gesehen,
den Saal mit all den Tischen.
Doch ruf ich bei dir an,
dann hör ich ihn im klingeln.

Auf jeden Tisch ein kleines Schild
aus Papier. Mit der Hand beschrieben und vergilbt.
Auf einem steht dein Name drauf.

Hinter jedem Schild ein Telefon.
Alt und schwarz. Und jedes klingelt.
Und niemals
hebt jemand
ab.

Straßenpoesie: Selbstmord der besten Freundin

Normalerweise, wenn etwas passiert, dann liegen die Leute in meinen Armen und ich sage, “Es gibt Schlimmeres.” Doch jetzt liegst du in meinen Armen und ich kann nichts sagen. Und dann siehst du mich an, mit diesen roten, verheulten Augen. Bevor du fragen kannst, sage ich, “Ich weiß nicht, warum.“ Und bevor du es sagen kannst, “Ja, es ist unglaublich feige.“ Du nickst und legst den Kopf wieder an die nasse Stelle meines Shirts. Und ich denke über dieses Mädchen nach, dass ich kaum kenne, fahre dir dabei durchs Haar, rieche dein Shampoo. Und werde traurig. Weil ich, verdammt noch mal, nichts sagen kann. Mir gehen die Gedanken durch und ich denke, dass du vielleicht auch die andere hättest sein können. Ich drücke dich fester an mich. Doch du machst dich los, schniefst den Rotz wieder in die Nase, siehst mich störrisch an und sagst, „Wenigstens war sie konsequent.“