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Das Leben in der Pappschachtel

Ich sitze auf der Bank und warte auf die Bahn. Neben mir sitzt ein Mann, vielleicht doppelt so alt wie ich. Sein Haar ist dunkel und mit silbernen Strähnen durchzogen und geht in den Bart über. In seinen Händen hält er eine Pappschachtel, die aussieht, wie ein Schuhkarton für Kinderschuhe. Im Deckel ist ein Loch. Der Mann hebt die Schachtel in die Höhe und drückt ein Auge an das Loch, das andere kneift er zu. So sitzt er neben mir, die Beine übereinandergeschlagen und unter der Schachtel sehe ich ihn immer wieder grinsen. Irgendwann nimmt er die Schachtel runter und ich tue so, als hätte ich ihn nicht beobachtet. Trotzdem spricht er mich an. „Wissen Sie“, sagt er, „hier drin ist das Leben.“ Ich sehe zur Schachtel rüber, die er mit beiden Händen hält. „Wenn ich hier rein sehe, durch das Loch, dann kann ich das Leben beobachten.“, sagt er. „Nicht das ganze Leben, nur einen Ausschnitt. Und nur in kleiner Form.“ Er lacht. „Weil mehr passt da auch nicht rein.“ Gemeinsam sehen wir uns die Schachtel an. Seine Finger streichen über die Oberfläche. „Sie wären erstaunt, das Leben aus dieser Perspektive zu sehen.“, sagt er. „Das Leben hier drin zeigt ganz deutlich, wie merkwürdig das Leben hier draußen ist. Deshalb kann ich mein Leben hier draußen einfacher leben.“ Für einen Moment blickt er auf die Schachtel, dann hebt er sie wieder an sein Auge. Für ein paar Minuten sitzen wir nebeneinander und der Mann kichert immer wieder. Dann reißt er die Schachtel runter und sieht zur Uhr. „Ich muss los“, sagt er springt auf und steigt in die Bahn, die gerade vor uns steht. Die Schachtel hat er neben mir liegen lassen. Ich sehe zu ihm, durch die Scheibe und zeige auf die Schachtel. Doch er lächelt und nickt und zeigt auf mich. Dann winkt er und verschwindet im Tunnel. Ich hebe die Schachtel auf und bin erstaunt, wie leicht sie ist. Vorsichtig hebe ich sie an mein Auge und kneife das andere zu. Jetzt bemerke ich, dass der Boden der Schachtel voller kleiner Löcher ist und ich durch ihn hindurch sehe.

 

Was heißt Freundschaft eigentlich?

Wenn uns jemand fragt, sagen wir, er ist ein Freund. Aber eigentlich muss man sagen, er ist nur da.
Er kommt oft, hat manchmal was zu essen oder knabbern dabei und immer wieder eine kleine neue Anekdote. Dann steht oder sitzt er neben einem und erzählt und fragt nach dem eigenen Befinden. Manchmal hilft er, was er so kann. Aber größtenteils ist er einfach nur da. Jetzt, beispielsweise, sind wir mitten im Renovieren der neuen Wohnung. Er kommt, der erste Besucher überhaupt, bringt Brötchen und Geschichten, und sagt irgendwann, kann ich mich auf die Couch setzen? Und wir sagen, klar, fühl dich wie zuhause.
Dann sitzt er auf der Couch, ein Überbleibsel des Vormieters, dreckig und perfekt, um uns in der Renovierungsphase als Sitzmöglichkeit zu dienen. Hat sein Smartphone in der Hand und regiert die Welt auf 4 Zoll. Manchmal döst er eine Weile dort oder wechselt ein paar Worte mit jemandem, der sich zu ihm gesellt. Aber im Großen und Ganzen ist er nur da.
Ich stelle mir vor, im Zeitraffer, wie wir um ihn herum streichen, den Boden erneuern und die neuen Möbel reinbringen, ihn vielleicht einmal auf die neue Couch versetzen müssen, und er als Ruhepol mittendrin sitzt.
Und dann frage ich mich, ob das nicht der kleinste gemeinsame Nenner von Freundschaft ist. Einfach nur da zu sein.

Hallo 2015. Wunsch- und Vorsatzvorschläge.

Dies ist das Jahr, in dem Marty McFly am 21. Oktober landen wird. Und dies ist das nächste Jahr unseres Lebens. Was könnten wir also tun?

  • Den Mut zum Scheitern haben.
  • Weniger Gedanken über das Aussehen machen.
  • Sich für Andere freuen.
  • Lieber ein Buch lesen, anstatt Facebook zu checken.
  • Dinge zum ersten Mal tun.
  • Sich bei jemandem melden, nicht nur an ihn denken.
  • Weniger networken, mehr kommunizieren.
  • Bewusst leben.
  • Öfter mit der Hand schreiben.
  • Lächeln.

Was übrig bleibt: „Characters and voices in these stories began in what is real, but became, in fact, dreams. They bear…“

“Characters and voices in these stories began in what is real, but became, in fact, dreams. They bear no relation to living persons, except that love or loss lends a reality to what is imagined.”

Black Tickets – Jayne Anne Phillips
Originalpost auf „was übrig bleibt“ http://wasuebrigbleibt.tumblr.com/post/106704092067
„was übrig bleibt“ ist eine Sammlung, sind unterstrichene Sätze, gefundene Worte & liegengebliebene Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Tolle Worte VII: Mudita. Das Gegenteil von Schadenfreude.

Hier in Deutschland kennen wir alle das Wort Schadenfreude. In Deutschland ist das Wort so geprägt, dass es unverändert ins englische, französische, niederländische, italienische, spanischeportugisische und polnische übernommen worden ist.

Ein Wort, dass es aber in keiner der Sprachen gibt, ebensowenig im Deutschen, ist mudita. Mudita kommt aus dem Sanskrit und ist das Gegenteil von Schadenfreude:

Sympathetic or unselfish joy, or joy in the good fortune of others.

Auf deutsch: die empathische Freude über das Glück von anderen. Dabei geht es vielleicht gar nicht so sehr darum, das Wort zu lernen und zu benutzen, als um den Inhalt. Sich für andere mitfreuen, wenn ihnen was gutes widerfährt. Das ist doch ein guter Vorsatz. Also: Mudita, baby!

(via Austin Kleon)