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Hörspiel: Black Box von Jennifer Egan, gesprochen von Luise Helm

Menschen sehen selten so aus wie man es erwartet, selbst, wenn man Fotos von ihnen kennt.

Der erste Satz aus Black Box

Vor zehn Jahren habe ich mein erstes Buch von Jennifer Egan gelesen, A visit from the goon squad. Seitdem tauche ich immer wieder gern in ihre Geschichten und ihre Gedankenwelten. Schon damals wusste ich von ihrer Geschichte „Black Box“, die Egan zuerst als Tweets veröffentlicht hat, jeder Satz also kürzer als 140 Zeichen. Beim New Yorker kann man die ganze Geschichte lesen, aber ich bin damals an diesem poetischen und verdichteten Englisch gescheitert. Dass es dann irgendwann eine deutsche Fassung bei Schöffling gab, habe ich nicht mitbekommen, vor kurzem aber diese Hörspielfassung entdeckt.

Hörspiel ist in diesem Fall nicht ganz richtig. Eher ein mit Geräuschen und Musik versetztes Hörbuch. Luise Helm erzählt diese mit der Distanz, die Egan schon im Roman aufbaut, der Soundtrack tut sein Übriges.

Das Hörspiel geht nur 78 Minuten, quasi kaum mehr als eine Stunde. Sehr kurz also. Aber Jennifer Egan hat eine Geschichte verfasst, die so dicht und poetisch ist, die in ihren Lücken so viel Raum lässt, dass sich mir eine ganze Welt erschließt, die sehr lange nachhallt.

Black Box von Jennifer Egan wurde übersetzt von Brigitte Walitzek, gesprochen von Luise Helm und erschien bei Buch Funk.

Was übrig bleibt: „Genauso, fürchte ich, wird es in den ersten Augenblicken im Kreißsaal sein, nachdem man mir mein…“

“Genauso, fürchte ich, wird es in den ersten Augenblicken im Kreißsaal sein, nachdem man mir mein Baby auf die Brust gelegt hat; dann wird es mich ähnlich überkommen wie bei der dämmernden Erkenntnis jener Momente: Auch das hier ist frei von Magie, bloß das schlichte gute alte Leben, wie ich es kenne und fürchte.”

Mutterschaft, von Sheila Heti, übersetzt von Thomas Überhoff
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Leere Postkarten Revisited

Niklas Ehrentreich hat dieses wunderbare Projekt. Auf Rahmen & Reiz gibt es jede Woche eine neue Gästin oder einen neuen Gast und Schreibimpulse für Nik und diese Person. Raus kommen jede Woche wunderbare neue Texte, die aus diesen Impulsen entstehen.

Stelle dir vor, du findest eine alte Geschichte, die du geschrieben hast. Wie ist es ihr und ihren Figuren ergangen, seit du sie zuletzt gesehen hast?

Niks Schreibimpuls an mich

Nik hat mich durch seinen Impuls ziemlich weit in die Vergangenheit geschickt, eine Mischung aus Nostalgie und Scham für mein jüngeres ich. Aber Leere Postkarten von etwa 2006 ist immer noch irgendwie ein netter Text. Also habe ich mich gefragt, wie es da weitergegangen ist. Danke Nik, für diese tolle Aufgabe. Viel Spaß mit dem Text:

Die letzte Postkarte ist sieben Jahre her, und hätte ich gewusst, dass keine mehr kommt, dann hätte ich. Aber wer hätte nicht, wenn wir gewusst? Und dann vielleicht auch nicht. Weil damals war ich noch verheiratet, hatte Kinder und diesen Job. Jede deiner Karten war ein Ausschnitt eines Lebens, das ich nicht gewählt. Eine glühende Erinnerung an unseren letzten Abend am Strand. Ich mit großen Worten und dem Bild eines fantastischen Lebens, du mit der Gitarre. Better Man, die ganze Nacht. Von Pearl Jam, nicht Taylor Swift.

Du hast sie im Bus liegen lassen. Pass auf sie auf.

Jahrelang hing sie an der Wand, neben der Weltkarte. 41 Postkarten, die mich immer kurz haben schwelgen lassen, wenn sie angekommen sind. Bevor dann Timo gerufen hat. Oder Layla abgeholt werden musste. Oder noch ganz schnell einkaufen, tanken, die Nachrichten. 786 kleine Gründe, gestresst zu bleiben und sich aufzuregen. Und doch niemals die Kraft, irgendwas zu ändern.

Bis dieses Taxi von links kräftig genug ist. Und ich nach sieben Monaten Klinik das Haus räumen lasse, nur deine Postkarten und diese Gitarre. 

An guten Tagen sieht niemand das Humpeln, aber als ich nach 34 Stunden unterwegs sein dem kleinen Boot hinterher sehe und die Luft so heiß ist, dass ich nur flach atmen kann, habe ich nicht mehr die Kraft, das linke Bein sauber aufzusetzen. 

Irgendwann hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass noch eine Postkarte kommt. Ich dachte, Taha’a muss großartig sein, besser als alles andere und du bist immer noch hier. Erst auf der Reise ist mir in den Sinn gekommen, dass du mir einfach nicht mehr schreibst, weil du es aufgegeben hast. Oder du seit sieben Jahren nur drei Straßen weiter wohnst und wer schickt heute noch Postkarten? Aber wenn ich das vergilbte Datum auf der letzten richtig deute, dann hast du bis zuletzt an mich gedacht.

Hörbuch: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten von Alice Hasters

An der Journalistenschule besuchte ich ein Seminar, in dem wir lernten, Zeitungskommentare zu verfassen.

Der erste Satz aus Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten gehört zu den Büchern, die ich immer mal lesen wollte, aber immer irgendwas anderes zur Hand hatte. Warum dann also nicht das Hörbuch? Das hat mit Wir können mehr sein auch gut geklappt. Und wie bei Aminata Touré liest Alice Hasters hier selbst.

Alterstechnisch ist Alice Hasters mir nochmal näher als Aminata Touré. Sie hat wie ich Journalismus gelernt und im Radio gearbeitet. Das macht einerseits, dass sie weiß, wie sie mit einem Mikro umgehen muss. Sie liest weniger vor, als dass sie ihre Geschichte erzählt. Und andererseits gibt es in ihrer Biografie ein paar mehr Punkte, bei denen ich denke, „ich auch!“ Was die Dinge und Erfahrungen, die anders sind, umso krasser machen. Frau sein. Schwarz sein. Einen sichtbaren Migrationshintergrund haben.

Rund sieben Stunden erzählt Alice Hasters, was diese Dinge für einen Unterschied machen. Sie erzählt ihre Wut, ihre Fragen, ihre eigenen Dilemma. Und das meistens so, dass ich danach die Welt ein wenig mehr durch ihre Augen sehe. Es gibt ein paar wenige Passagen, bei denen ich im ersten Moment denke, „ist das nicht ein bisschen übertrieben reagiert? Ist das wirklich so schlimm?“ Um dann zu verstehen, dass genau das der Mechanismus ist, der manchmal auch mir mein Erleben, meine Sorgen, meine Erfahrungen abspricht. Wer bin ich also, das bei anderen Menschen zu machen?

Dieses Buch hat mir ein paar meiner blinden Flecken aufgezeigt, mir einiges beigebracht und mein Verhalten (hoffentlich) nachhaltig geprägt.

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten von Alice Hasters erschien bei Tacheles.

Hörbuch: Die Tribute von Panem – Das Lied von Vogel und Schlange von Suzanne Collins, gelesen von Uve Teschner

Coriolanus ließ den Kohl in den Topf mit kochendem Wasser gleiten und schwor sich, ihn eines Tages für immer vom Speiseplan zu verbannen.

Der erste Satz aus DAS LIED VON VOGEL UND SCHLANGE

Ich mochte die Panem-Trilogie, besonders die Filme. Jetzt also ein Prequel, in dem wir lernen, wie Präsident Snow wird, was er ist, wenn Katniss auf ihn trifft. Und das auch noch gelesen von Uve Teschner. Klar höre ich mir das an. Knapp 17 Stunden zurück nach Panem, knapp 65 Jahre vorher.

Coriolanus ist ein junger Mann und muss auf seine eigene Art zusehen, dass er überlebt. Als Student der Akademie wird er Mentor für die Hungerspiele und bekommt ausgerechnet das Mädchen aus Distrikt 12 zugeteilt. Und Lucy macht es ihm auf unterschiedliche Arten richtig schwer.

Ich liebe es, Uve zuzuhören. Mache ich regelmäßig und stundenlang. Und Suzanne Collins kann schreiben. Sie erzählt die düstere und krasse Welt und einen Jungen, mit dem ich Mitgefühl habe und mit dem ich zittere, ob er sein Ziel erreicht. Und dann sind da all die schönen Verweise auf die Trilogie, die Suzanne Collins wirklich schön einwebt, von der Musik über die Spotttölpel bis zu Panem generell. Das macht Spaß und ist spannend. Aber.

Ähnlich wie bei Anakin und seiner „Verwandlung“ zu Darth Vader habe ich die ganze Zeit gedacht, „wie soll aus diesem emphatischen Jungen bitte dieser Präsident werden?“ Auch beim zweiten Mal hören bin ich da nicht drübergekommen. Was Coriolanus in diesem Buch passiert, kann überall hinführen, aber eigentlich nicht zu dem Präsidenten, der er später ist. Das ist mein größtes Problem mit dieser Geschichte. Was die Geschichte nicht schlechter macht, aber immer in meinem Kopf hängt. Und jetzt bin ich auf mehreren Ebenen sehr gespannt, wie die Verfilmung wird.

Die Tribute von Panem: Das Lied von Vogel und Schlange von Suzanne Collins, übersetzt von Sylke Hachmeister und Peter Klöss und gesprochen von Uve Teschner, erschien bei Oetinger Audio.