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Buch: Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich von Nora Hespers

Ich habe noch nie so geweint.

Der erste Satz aus MEIN OPA, SEIN WIDERSTAND GEGEN DIE NAZIS UND ICH

Theo Hespers war Widerstandskämpfer, der letztendlich von den Nazis erhängt wurde. Und er ist der Opa von Nora Hespers, die sich seit ein paar Jahren mit ihrem Podcast „Die Anachronistin“ mit ihrem Großvater und den Parallelen zur heutigen Zeit beschäftigt. Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich ist sowas wie die Buchversion davon.

Auf rund 440 Seiten wechselt Nora zwischen der Geschichte ihres Großvaters damals und der Aufarbeitung dieser Geschichte und ihrer Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater.

Nora kommt vom Radio, sie weiß, wie sie diese Geschichte erzählen muss und wie sie mich berühren kann. In ihrer Flapsigkeit kommt es mir manchmal vor, als sitzen wir gemeinsam am Tisch und sie erzählt diese Geschichte. Auf Augenhöhe, voller Verletzlichkeit und ohne zu großen Pathos. Dadurch schafft sie es, mich diesem Thema auf ganz persönliche Weise nahe zu bringen.

Die eine Sache, die ich gern anders hätte, ist die Länge des Buches. Ja, große und chaotische Geschichte mit tausend losen Enden und Seitengeschichten. Besonders für Nora, sie sich seit Jahren mit dieser Geschichte auseinandersetzt. Sie weiß noch viel mehr, als sie schreibt. Aber ganz manchmal verliert sie sich doch in all dem Wissen und macht Nebenpfade auf, die alle interessant und wichtig sind, aber von der eigentlichen Geschichte ablenken. Ich schätze, um rund 50 Seiten hätte Nora mit ihrem Lektor das Buch kürzen können.

Aber immer noch: Eine wichtige Geschichte und ein wichtiges Buch, das mich auch über meine Großeltern und ihren Anteil in der Geschichte hat nachdenken lassen, das mir nur einen Tacken zu lang ist.

Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich von Nora Hespers erschien bei suhrkamp nova. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Nora und ich kennen uns, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Bericht: Leipzig liest extra 2021

Alles anders dieses Jahr. Statt vom Schlafplatz zur Messe zu pendeln und Abends manchmal in der Stadt zu sein, gibt es dieses Jahr keine Messe. Und ich bin nicht „nur“ als Journalist vor Ort, sondern als Autor, der lesen darf. Zweimal!

Die Moritzbastei ist an diesem Donnerstag der langen Leipziger Lesenacht sehr viel leerer als sonst und trotzdem irgendwie geschäftig. Alle sind getestet, alles ist abgepackt und alle bleiben auf Abstand, es werden gleichzeitig aus drei Ecken Lesungen gestreamt und ich darf mit Lisa Krusche und Matthias Jügler die erste Runde bestreiten.

Sowohl Fabian Reimann als auch unser Techniker (sorry, ich habe seinen Namen nie erfahren) sind toll und obwohl wir nur in diese zwei dunklen Linsen performen, kommt ein ganz okayes Gefühl auf. Besonders weil der Techniker, stellvertretend für alle, an den richtigen Stellen nickt und lächelt. Danach sitze ich im größten Raum der Moritzbastei, Lisa mir gegenüber und wir flüstern, weil man uns sonst auf den Lesungen hört. Aber wir können reden und begrüßen leise Raphaela Edelbauer, Nastasja Penzar und Shida Bazyar, die auch an dem Abend lesen. Fühlt sich an wie eine zögerliche Buchmesse, wie ein Treffen von alten Bekannten, die man viel zu lange nicht gesehen hat. Immer noch ohne Umarmung, immer nur ein paar Worte, aber eben ein bisschen so wie das, was die Buchmesse in Leipzig ausmacht.

Es geht erst Sonntag weiter für mich, also lungere ich mit Freund:innen in der Stadt rum und mache Dinge, für die ich in Leipzig sonst nie Zeit habe: Spaziere durch Parks, fahre auf der Critical Mass mit, bin bei einer Demo gegen Polizeigewalt in Kolumbien, klettere auf den Wackelturm. Und rede mit ein paar Menschen, die ich viel zu lange nicht gesehen habe.

Sonntag dann die Lesung bei den Unabhängigen. Wieder auf Platz 1, diesmal mit Linn Penelope Micklitz an meiner Seite und zumindest einer Handvoll echtem Publikum vor uns.

Auch wenn es wirklich wenige Menschen waren, es macht einen großen Unterschied. Leider kann ich diesmal nicht länger bleiben, weil ich noch eine ganze Weile brauche, um zurück nach Stuttgart zu kommen. Aber als ich am Bahnhof sitze, ploppt dieses kleine Hörstück auf, das Lydia Herms für Deutschlandfunk Nova über mein Buch produziert hat. Wow.

Leipzig war dieses Jahr ganz anders. Aber hat mir dadurch Möglichkeiten gegeben, die ich sonst nie so deutlich hätte ergreifen können. Ich freue mich darauf, wenn wir uns alle nächstes Jahr wieder umarmen können und dieses Gefühl von Familie wieder lauter und intensiver da sein darf. Aber wenn ein bisschen aus diesem Jahr mit rüberschwappt, freut mich das genauso.

Immer noch wach: Bonusmaterial

Spoilerwarnung: Alternative und gelöschte Szenen werden viel über den Inhalt des Buches verraten. Am besten also erst weiterlesen, wenn ihr das Buch gelesen habt. 
Ich werde hier immer wieder neues Material hinzufügen. 
Schaut also immer wieder vorbei.

Gelöschte Szene: Paris

Lisa wollte die Mona Lisa sehen, in echt.

„Mein Vater hat mich nach dem Gemälde benannt. Er hieß Leonhard und er hat immer gesagt, ich sei sein Meisterwerk. Wir waren sogar in Paris, standen vor dem Louvre. Ich konnte damals noch gerade so mit dem Stock laufen und wollte keinen Rollstuhl und wir hatten die Reise sehr spontan gemacht. Das war die letzte Chance. Aber schon am Morgen war die Schlange vor der Pyramide so lang! Nach zwei Stunden konnte ich nicht mehr.“

*

Mitte Januar, es ist kalt und klar, schneefrei und für Paris sind das wohl wenig Touristen. Ich schiebe den Vorhang in meinem Hotelzimmer zur Seite. Unter mir verläuft eine zweispurige Straße, die Reihe von Bäumen rechts und links sind kahl und auf den Dächern der Autos spiegelt sich die Sonne. Mir ist klar, dass es nicht darum geht, die Mona Lisa zu sehen. Ich muss sie tatsächlich betrachten, ich muss Paris erleben. Ich muss hier ankommen.

Ich verbringe jeden Morgen in einem Café. Wenn die Kälte es zulässt, sitze ich draußen, manchmal in Decken gehüllt, manchmal unter Heizpilzen oder in den warmen Pavillons, die vor den Läden stehen. Ich studiere die Karten und das Interieur und teste Getränke, die ich nicht kenne, bis mir immer wieder aufs neue einfällt, dass ich keine der neuen Ideen mit in den Türrahmen nehmen kann.

Ich spaziere über Kopfsteinpflaster, Asphalt und Gras, unter dem Eiffelturm hindurch, am Triumphbogen und Notre-Dame vorbei und wenn ich irgendwo Menschenschlangen sehe, nehme ich einen anderen Weg.

Einen Tag verbringe ich auf dem Père Lachaise. Die von Bäumen gesäumten Gassen führen an den Stätten vorbei, verwittert und oft mehr als nur ein Grab, der Friedhof ist weitläufig und friedlich, wie ein Viertel nur für Tote. Selbst hier tummeln sich Touristen, bei Wilde, bei Piaf, bei Morrison.

Ich komme immer wieder am Louvre vorbei, beobachte die Menschen, wie sie langsam an den Absperrungen entlang um die Pyramide trotten. Ich weiß, ich werde die Mona Lisa niemals für mich alleine haben.

An meinem letzten Tag gehe ich an den Grundmauern der alten Burg und der umgedrehten Pyramide vorbei, durch das Carrousel du Louvre zum Nebeneingang und bin, obwohl das Museum noch nicht geöffnet hat, trotzdem nicht der erste.

Ich eile in den ersten Stock, dem Lächeln hinterher, das den Weg weist, vorbei an allen anderen Gemälden bis in den Saal, an dessen Ende eine Extrawand steht. Mittig, ganz alleine und hinter Glas hängt dort die Mona Lisa.

Eine extra Absperrung, ich komme nur auf etwa zwei Meter an das Gemälde ran. Ich stehe wenigstens in der ersten Reihe.

Ich betrachte den goldverzierten Rahmen, das darin liegende Bild und meine Spiegelung im Sicherheitsglas. Der Hintergrund könnte auch eine Zeichnung von Mordor sein, wie es vor Frodo und Sam liegt, eine düstere zerklüftete Landschaft im Nebel. Mir ist nie aufgefallen, dass sie auf einem Balkon sitzt, erst jetzt erkenne ich die Balustrade und die Säulen. Ich sehe mir die Frau genau an. Der fast transparente Stoff über ihren Haaren, die scheinbar fehlenden Augenbrauen und ihr Arm auf der Lehne. Sie sieht mich an und lächelt. Und es löst überhaupt nichts in mir aus.

Es ist überraschend klein, das Gemälde. Nett, keine Frage, aber mehr irgendwie auch nicht. Die Leute neben mir schießen Fotos, manche haben die Kopfhörer des Audio-Guides auf und machen ziemlich schnell Platz für andere. Ich bleibe noch ein wenig länger, dann trete ich einen Schritt zurück und sofort rückt jemand nach.

Den Rest des Tages sehe ich mir französische Gemälde, griechische Büsten, römische Statuen und ägyptische Inschriften an und je später es ist, desto größer wird der Pulk um die Mona Lisa. Kurz bevor das Museum schließt, stehe ich wieder bei ihr, diesmal seitlich und weiter hinten. Sie sieht immer noch mich an und lächelt. Ich nicke ihr zu, dann ziehe ich das Notizbuch aus der Tasche und streiche Lisas Zeile durch.

Ich fühle mich nicht groß und erhaben, keine Dankbarkeit, kein erkämpfter Sieg. Aber ich bin hier. Auf dich, Lisa. Und deinen Vater.

Hörbuch: Blutige Nachrichten von Stephen King

Machen wir’s kurz: Seit knapp 20 Jahren lese (und höre) ich Stephen King und immer wieder bin ich neu begeistert. Dabei sind es manchmal knapp 1500 Seiten, manchmal nur 64. Blutige Nachrichten beinhaltet vier Novellen, und wie seit Jahren liest David Nathan auch diese. Allein seine Stimme bringt mich zurück in die Welten von Stephen King, der immer noch so extrem produktiv ist. Alle vier Geschichten sind mindestens gut und unterhaltsam, aber die kürzeste, Chucks Leben, ist sofort zu einer meiner liebsten Geschichten von King geworden.

Allein für diese lohnt sich diese Sammlung sehr. Und wie immer bei Stephen King: Je mehr du von ihm kennst, desto größer sind die Welten, die er baut. Hoffentlich tut er das noch eine ganze Weile.

Blutige Nachrichten von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt und gelesen von David Nathan und erschien bei Heyne. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.