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Gewinnspiel: Was man von hier aus sehen kann, ab 29.12. im Kino

Ganz knapp vor Jahresende kommt Was man von hier aus sehen kann ins Kino. Vor 5 Jahren habe ich mir die Hörbuchversion des Romanes von Mariana Leky angehört, gelesen von Sandra Hüller.

Luise (Luna Wedler) ist bei ihrer Großmutter Selma (Corinna Harfouch) in einem abgelegenen Dorf im Westerwald aufgewachsen. Selma hat eine besondere Gabe, denn sie kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Ort. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Das ganze Dorf hält sich bereit: letzte Vorbereitungen werden getroffen, Geheimnisse enthüllt, Geständnisse gemacht, Liebe erklärt….

Ich mochte die Geschichte, aber nicht die Art, wie Hüller sie gelesen hat. Jetzt gibt’s den Film. Ich hab ihn leider noch nicht gesehen – Rezension folgt – der Trailer fühlt sich aber sehr leicht und skurril an, erinnert mich an Amélie, im besten Sinn. Und Studiocanal und DuMont haben mir ein paar Dinge zur Verfügung gestellt, die ich an euch verlosen darf. Es gibt ein Paket mit 2 Freikarten, 2 Filmplakaten, Buch und Hörbuch.

Schreibt mir eine Mail (Kommentare lass ich nicht gelten) mit eurer Adresse und sagt mir, welchem Tier ihr gern auf einer Lichtung oder im Traum begegnen würdet.

Einsendeschluss ist Dienstag, der 27. Dezember, 12:42 Uhr. Der Zufall entscheidet, dann geht das Paket direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

Roman: Mittnachtstraße von Frank Rudkoffsky

Mit sieben passten seine Beine noch quer unter den Tisch, und er konnte gerade so aufrecht sitzen, es war zwar höllisch unbequem, aber immerhin ein sicheres Versteck.

Der erste Satz aus Mittnachtstraße

Sein Job macht ihn fertig, seine Familie ist gerade nur Ballast und keine Freude mehr und jetzt kommt raus, dass sein cholerischer Vater demenzkrank ist. Und Malte muss da irgendwie durch. Was bedeutet, ziemlich weit zurück in die Vergangenheit zu gehen, um ganz alte Dinge endlich zu klären. Was nie leicht ist.

Frank Rudkoffsky erzählt mit Mittnachtstraße eine Geschichte über Familie und Väter und toxische Beziehungen und Dinge, die alte Menschen gern „Tradition“ nennen. Und das ganze in einem Schrebergarten, was mich erstmal ziemlich abgeschreckt hat, weil das so gar nicht meine Szene ist. Aber Rudkoffsky erzählt frisch und modern, post-pandemisch mit so vielen kleinen Details, bei denen ich denke, „ja, ich auch!“, sodass das Setting für mich dann doch ziemlich gut funktioniert. Es ist ein Kammerspiel zwischen Schrebergarten und Klimawandel, zwischen Vater sein und immer im Schatten des eigenen stehen, klar und eindrücklich erzählt.

Mittnachtstraße von Frank Rudkoffsky erschien bei Voland & Quist. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Transparenz: Frank und ich sind befreundet, was mich im besten Fall ehrlicher und unbarmherziger macht.

Film: Einfach mal was Schönes

Karla ist Ende 30 und will eigentlich Kinder, aber findet nicht den richtigen Mann dafür. Also beschließt sie irgendwann, mithilfe eines Spenders ein Kind zu bekommen. Nur, dass sie gleichzeitig den mehr als 10 Jahre jüngeren Ole kennenlernt, der noch lange nicht an Kinder denkt, aber sehr gern mit Karla zusammen ist.

Das ist die Hauptstory, mit Karoline Herfurth in der Hauptrolle, die auch Regie geführt und das Drehbuch geschrieben hat. Neben dieser Geschichte spricht Herfurth eine ganze Reihe an Aspekten und Themen an, die sich um Elternschaft und Kinder drehen. Fast nebenher werden in ihrer Welt auch Homosexualität und Menschen mit Behinderung miterzählt. Ich mag die Blickwinkel und die Bilder, die Caroline Herfurth zeichnet, wie die Art, wie sie Geschichten erzählt. Weil es eben einerseits immer noch nur Boy meets Girl ist, aber andererseits eben erstmal Girl. Und dann Girl meets Boy. Es ist erfrischend, die Geschichte so zu sehen, mit Aspekten, die ich bisher selten bis nie in Filmen gesehen habe.

Ich liebe es, wie und wie breit Herfurth die Themen Mutterschaft und Frau sein erzählt, mit vielen Aspekten, die oft eben nicht erzählt werden. Leider zerfasert der Film deshalb manchmal ein bisschen. Es gibt Erzählfäden und Sichtweisen, die nur einmal angerissen werden und dann nicht mehr auftauchen. Aber das ginge auch nicht, alle Aspekte bis zum Ende durchzuspielen, nicht in einem Film. Und leider endet der Film dann doch ein bisschen klischeehaft, was nach all den neuen Bildern und Geschichten ein bisschen schade ist.

Trotzdem: Einfach mal was Schönes erzählt neu und breit über Mutter und Kind und Frau sein. Und obwohl er sich manchmal in den ganzen Geschichten verhaspelt, zeigt er viele Dinge, wie ich sie noch nie gesehen habe. Gerne mehr davon.

Roman: funny girl von Anthony McCarten

Ich heiße Azime. Naja, eigentlich nicht. Den Namen habe ich geändert, damit meine Eltern nicht so viele neue Fensterscheiben bezahlen müssen.

Die ersten drei Sätze aus funny girl.

Azime ist Anfang 20, lebt in London und ist eigentlich aufgeklärter und freier, als es ihre kurdischen Eltern gerne hätten. Aus diesem Käfig macht Azime wortwörtlich eine Bühne, zieht sich eine Burka über und stellt sich auf Comedy-Bühnen.

McCarten schreibt flüssig und schnell und unterhaltsam, ich hab den Roman in zwei Zügen durchgehabt. Und irgendwie geht es auch um dieses heikle Thema. Aber so richtig traut sich McCarten dann doch nicht ran. Ich hatte bis zum Ende das Gefühl, dass wir am Rand dieses Dilemmas entlangschrabben, als es wirklich durchzuspielen.

funny girl macht Spaß und bringt mir das Zwischen den Welten und Kulturen-Dilemma nochmal näher. Aber so tief und berührend, wie der Grundkonflikt sein könnte, wird der Roman leider nie.

funny girl von Anthony McCarten wurde übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié und erschien bei Diogenes. Bücherschrankfund.

Bericht: „Brüchige Männlichkeit“ im Literaturhaus Stuttgart am 16.11.22

Ein Mittwochabend, diese drei Männer zusammen mit Carolin Callies auf der Bühne und zwischen den Besucher:innen ziemlich viele leere Stühle. Komisch eigentlich, sagt auch Stefanie Stegmann, Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses. Im Vorfeld sei diese Veranstaltung die gewesen, auf die sie am häufigsten angesprochen worden ist. Und im Livestream sähe das auch nochmal anders aus. Hier im Saal gehöre ich zu den jüngsten und und bin mit wenigen anderen Männern weit in der Unterzahl.

Joachim Zelter, Heinz Helle und Frank Rudkoffsky haben mit „Professor Lear„, „Wellen“ und „Mittnachtstraße“ jeweils einen Roman geschrieben, der sich unter anderem mit dem Motiv brüchiger Männlichkeit auseinandersetzt, mit der Dekonstruktion dessen, was wir als „Mann“ und „männlich“ sehen.

Die drei lesen einen Ausschnitt, eine Ahnung dieser Dekonstruktion und reden danach mit Carolin und miteinander. Keine Diskussion, weil die Leute auf der Bühne sich einig sind, mehr ein sich ergänzendes Gespräch. Das ist schön, die vier funktionieren gut auf der Bühne, machen Spaß und sind sympathisch. Aber bei den Menschen, die zu dieser Veranstaltung kommen, rennen sie natürlich offene Türen ein. Hier sind alle der Meinung, dass Männer auch weinen dürfen. Dass Männer ihren Anteil leisten müssen, Frauen nicht nur Raum zu geben, sondern sie auch darin zu unterstützen. Und dass es noch viel zu tun gibt.

Spannend wird es, als Fragen aus dem Publikum kommen. Wir sind nämlich so wenige, dass sich das zu einer Diskussion im ganzen Raum ausspinnt, nicht nur zu einem Hin und Her zwischen Bühne und Publikum. Warum also sitzen selbst bei diesem Thema nur Männer auf der Bühne? Und wem genau erzählen Männer was von Schmerz und Wut und Tränen? Und wie soll es jetzt weitergehen?

Heinz Helle gibt auf die Frage, warum Männer solche Dinge erzählen und hinterfragen sollten, eine Antwort, die ich zuerst von Chimamanda Ngozi Adichie gehört habe und die seitdem sehr in mir nachklingt: Noch sind lange nicht alle Männer auf dem Stand der drei auf der Bühne und einige hören leider nur anderen Männern zu. Deshalb müssen besonders Männer Feministen werden.

Ich habe oft genickt an diesem Abend und habe neue tolle Menschen kennengelernt, aber ich bin in vielen Fragen genauso ratlos, wie vorher auch noch. Ist noch viel zu tun. Und ich freue mich auf den nächsten Abend dieser Art, der vielleicht ein paar Antworten liefert.