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Roman: Vater Unser von Angela Lehner

Man hat mir die Hände auf dem Rücken verbunden.

Der erste Satz aus Vater Unser

Eva wird in einem Polizeiwagen in die Psychiatrie gebracht und von Anfang an ist klar, dass ich Eva nicht alles glauben kann. Sie erzählt ihre Version einer Wahrheit, schnoddrig kommentiert und inkonsequent, sodass ich mit ihr auf die Reise gehen und um jedes Stück Wahrheit ringen muss.

Anfangs bin ich von dieser Erzählweise, diesem Spiel ziemlich begeistert und folge Angela Lehner durch ihren Roman, versuche Wahrheit von Wahn zu unterscheiden und mich immer tiefer in ihrer Familiengeschichte zu verstricken. Aber leider ging das Buch für mich nicht darüber hinaus. Irgendwann konnte mich die Sprache allein nicht halten und die Geschichte dahinter (wie ich sie gesehen habe) hat mich nicht genügend gepackt.

Als dann am Ende die Wahrheit einigermaßen klar auslag, hatte ich sie schon so lange geahnt, dass sie mich nicht mehr berührt hat, wie es die Sprache am Anfang gemacht hat.

Angela Lehner hat mit ihrem Debüt eindrücklich gezeigt, wie schön sie erzählen und mit Worten umgehen kann. Beim nächsten Buch freue ich mich auf eine ebenso starke Geschichte.

Vater Unser von Angela Lehner erschien bei Hanser. Der Verlag hat mir im Rahmen meiner Juryarbeit für Das Debüt 2019 ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Comic: Fortmachen von Nils Knoblich

Na, Kleiner, wie kann ich dir helfen?

Der erste Satz aus Fortmachen

Nils Knoblich erzählt fast dokumentarisch die Geschichte seiner Familie und ihrem Ausreiseantrag aus der DDR, mit all den Folgen. Zeichnet seine Erinnerungen und sich selbst am Küchentisch im Gespräch mit seinen Eltern und Großeltern, samt aller Gefühle von damals und heute.

Ich bin zu jung und zu weit im Westen aufgewachsen, um den Fall der Mauer mit all den Konsequenzen bewusst mitzuerleben. Erst durch Erzählungen und Dokumentationen kamen mir die DDR und der Osten näher.

Total schön, diese Art von Erzählung in Form eines Comics zu bekommen, inklusive all der Vor- und Nachteile des Mediums. Und noch schöner, Fortmachen ist erfrischend subjektiv und einseitig, im besten Sinn. Während viele Dokumentationen, aber auch Erinnerungen dieses balancierende „Aber es war nicht alles schlecht“-Gefühl transportieren (vollkommen legitim, übrigens), spricht Familie Knoblich ganz klar aus, wie scheiße die DDR für sie war und wie schlimm sie behandelt worden sind.

Gerade dieses persönliche Empfinden in Comicform hat mir viel Spaß gemacht und Facetten der DDR nochmal näher gebracht.

Fortmachen von Nils Knoblich erschien in der Edition Moderne. Der Autor hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Film & Verlosung: Giant Little Ones

Am Anfang ist Giant Little Ones der typische Boy meets Boy-Teeniefilm: Franky und Ballas sind beste Freunde und beliebte Jungs in der Schule, inklusive passender Freundinnen. Bis sie sich irgendwann betrunken näher kommen, was besonders Ballas überhaupt nicht verkraftet und hohl dreht. Und dann aber macht dieser kleine Film aus Kanada ein paar wirklich schöne Sachen.

Er spielt auf mehreren Ebenen mit dem Thema „Sexuelle Orientierung“, lässt seine Figuren unerwartet handeln und ist dadurch erfrischend neu und real.

Auch wenn, wie bei vielen Filmen über homosexuelle Liebe, die (allgemein noch nicht gang anerkannte) homosexuelle Liebe selbst immer noch Teil des Problemes ist (was es wohl auch im größten Teil unserer Realität ist), legt sich Giant Little Ones in der Hinsicht nicht fest, sondern lässt Frankys sexuelle Orientierung offener, sodass ich als Zuschauer immer wieder neu spekuliere und mich nicht einfach auf Klischees ausruhen kann. Zusätzlich sind die Reaktionen der Eltern anders, als ich sie „kenne“, was die Geschichte nochmal greifbarer macht.

Dazu kommt dann noch eine im besten Sinne unauffällige Synchronisation ins Deutsche und ein im besten Sinne auffälliger Soundtrack.

Ab heute ist Giant Little Ones auf DVD, Blu-ray und online verfügbar. Und:

Gewinnspiel

Ich darf zwei DVD oder Blu-ray verlosen, was den Gewinnern besser taugt. Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) mit eurer Adresse und sagt mir, welche Individuum meets Individuum-Geschichte hat euch in letzter Zeit überrascht?

Einsendeschluss ist Freitag, der 3. April. Der Zufall entscheidet, dann gehen die Pakete direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

Was übrig bleibt: „Ich habe von Leuten wie euch gehört, die sich ihren Tod vom Leib halten. Ihr mögt ihn nicht, und so…“

“Ich habe von Leuten wie euch gehört, die sich ihren Tod vom Leib halten. Ihr mögt ihn nicht, und so lässt er sich aus Höflichkeit nicht blicken. Aber er ist dennoch immer in eurer Nähe. Wenn ihr den Kopf wendet, duckt sich der Tod hinter euch. Wohin ihr auch schaut, versteckt er sich sofort. Ihm genügt eine Teetasse als Versteck oder ein Tautropfen. Oder eine sanfte Brise.”

Das Bernstein-Teleskop – Philip Pullman
Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.

Lesung: Jasmin Schreiber am 4. März 2020 im Merlin in Stuttgart

Vor ein paar Jahren sind Jasmin Schreiber und ich uns online begegnet, ihre Twittergemeinde ist groß und während ich ins Hospiz ging, machte Jasmin eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin und schreibt darüber und über den Tod generell auf ihrem Blog Sterben üben. Wir haben ähnliche Themen.

Ende Februar erschien ihr Debütroman Marianengraben, eine Road Novel mit einer jungen Frau und einem alten Mann, beide auf dem Weg, den Tod geliebter Menschen zu verarbeiten.

An diesem Mittwoch steigt ihr Buch auf Platz 13 der Bestsellerliste ein und Jasmin sitzt im Merlin in Stuttgart auf der Bühne, neben Maike Sander, Trauerbegleiterin aus Stuttgart, die moderiert.

Das Merlin ist einigermaßen klein und gemütlich und relativ schnell voll, und sehr pünktlich gehen die beiden Frauen auf die Bühne.

Maike ist gut vorbereitet und begeistert, ist ja auch ihr Thema, um das es in diesem Buch geht. Aber die Sache ist, Jasmin braucht keine Moderation. Sie ist schlagfertig und redet gern, sie weiß, wie man Menschen unterhält und irgendwann ist auch das Stuttgarter Publikum warmgelaufen und reagiert auch, was wiederum Jasmin anstachelt.

Und dann blitzt zwischen all den kleinen Witzen und Anekdoten diese entwaffnende Ehrlichkeit auf, die beiläufigen Kommentare über ihre Depression und ihr eigenes Gefühl, was ihr Buch anging, als sie es dem Verlag gab. Diese Verletzlichkeit, diese kleinen Zweifel, die Jasmin zulässt und zeigt, machen den Abend für mich besonders.

Trotzdem ist es gut, dass Maike da ist. Sie fängt Jasmin immer wieder ein, wenn sie sich in Geschichten und Anekdoten über Tiere und das Meer verliert, und führt uns alle durch den Abend, bis zur Fragerunde und dem anschließenden signieren.

Ein Debüt in Zeiten des Coronavirus bedeutet viel weniger Aufmerksamkeit, Werbefläche und ausgefallene Lesungen. Schade, weil Jasmin Schreiber auf der Bühne nicht nur Spaß macht.

Marianengraben von Jasmin Schreiber erschien bei Eichborn.