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Aufklärungsbuch: Kommt gut von Jüne Plā

Sexualität ist ein Thema, über das man nicht spricht.

Der erste Satz aus Kommt gut

Ich sah das Buch auf dem Nachttisch einer Freundin, der 12-jährige in mir musste über den Titel grinsen und ich mochte das Cover und die Zeichnungen. Also kaufe ich mir das Buch.

Ich habe vorher noch nie etwas von Jüne Plā und ihren Juissance Club auf Instagram gehört. Aber ab dem Vorwort mag ich ihre offene und verspielte Art, die sich durch das Buch zieht.

251 Seiten über Genitalien, Lustzonen, Masturbation und Ejakulation, inklusive anschaulicher Zeichnungen.

Ich glaube, wir brauchen noch viel mehr Kommunikation und Offenheit über Dinge, die eigentlich normal sind, aber unnormal werden, weil wir nicht drüber reden. Sexualität und sexuelles Vergnügen – besonders weibliches – gehören dazu. Jüne trägt mit ihrem Club und diesem Buch extrem viel bei. Ich habe viel Spaß gehabt und einiges gelernt und freue mich, immer wieder in diesem Buch Dinge nachschlagen zu können. Wäre eine bessere Welt, wenn wir mehr dieser Offenheit hätten.

Danke, Jüne.

Kleiner Wermutstropfen: Sina de Malafosse hat das Buch zwar sehr flüssig, ist aber extrem inkonsistent, was die inklusive Sprache angeht. Das hat mich manchmal rausgeworfen, weil ich nicht herausgefunden habe, nach welcher Form sie * oder / einsetzt. Ansonsten aber: Ein offenes, lockeres Aufklärungsbuch über unsere Körper und die Möglichkeiten, diese zu erregen. Ich liebe die Selbstverständlichkeit, die Jüne an den Tag legt.

Kommt gut von Jüne Plā wurde übersetzt von Sina de Malafosse und erschien bei echt emf.

Film & Verlosung: Schachnovelle, ab 23. September im Kino

Stefan Zweigs letzte Erzählung, die Geschichte einer Schiffsreise, eines Schachweltmeisters und eines österreichischen Notars, der sich mit einem Schachbuch gegen die Foltermethoden der Nazis „behauptet“ hat.

Ich habe die Schachnovelle gelesen und gehört, aber keine der bisherigen Verfilmungen gesehen. Jetzt also eine neue, die wahrscheinlich durch den Erfolg des Damengambit nur profitieren kann. Tatsächlich hat mich die Gestaltung, besonders die der Schachspiele, oft an das Damengambit erinnert, was aber Zufall sein dürfte, da beide Produktionen zur etwa zur gleichen Zeit entstanden sind.

Der Trailer ist mir noch zu heischend, zu „böse Nazis“. Der Film dagegen macht ziemlich viel ziemlich gut. Schöne Bilder, große Sets und tolles Schauspiel. Besonders Albrecht Schuch, den ich seit Systemsprenger und Berlin, Alexanderplatz sowieso sehr mag, kann ich ewig zusehen. Seine Rolle hat etwas von einem jungen Hans Landa, aber er füllt sie sehr gut aus.

Und dann kriegt der Film es hin, eine saubere Balance zwischen Originalgetreue und neuer Interpretation zu halten. Ganz oft denke ich, stimmt, so war das. Und dann überrascht mich der Film mit neuen Momenten und Fragestellungen, die nicht im Buch sind, inklusive eines neuen Endes.

Besonders für Menschen, die das Buch kennen, bietet die Schachnovelle als Film eine sehr schöne neue Auseinandersetzung mit dem Stoff. Ab 23. September im Kino.

Gewinnspiel:

Ich darf 2 Pakete verlosen, jeweils mit der limitierten und illustrierten Buchausgabe der Büchergilde, dem Hörbuch, gelesen von Christoph Maria Herbst, und dem Filmplakat. Schreibt mir eine Mail (oder einen Kommentar) und sagt mir, welchen Klassiker ihr gern mal als Film sehen wollt.

Einsendeschluss ist Donnerstag, der 23. September, 12 Uhr. Der Zufall entscheidet, dann gehen die Pakete direkt raus. Die Adressen werden für nichts anderes verwendet und direkt danach wieder gelöscht. Viel Erfolg!

Roman: Der Astronaut von Andy Weir

Was ist zwei plus zwei?

Der Erste Satz aus Der Astronaut

Ein Astronaut wacht ohne seine Erinnerungen als einziger Überlebender in einem Raumschiff auf, das auf der Mission zu sein scheint, die Menschheit zu retten.

Ich mochte Der Marsianer damals sehr, Artemis dagegen fühlte sich zu lektoriert und gewollt an. Deshalb war ich jetzt zwiegespalten. Dazu kam, dass sowohl Cover als auch Inhaltsangabe sich anfühlen wie Der Marsianer im neuen Gewand. Und ich wusste nicht, ob ich die quasi gleiche Geschichte nochmal lesen wollte.

Ich muss mich anfangs durch den etwas langen Teil der ersten Orientierung kämpfen (Überwindung des Unglaubens), dann war ich vollkommen drin. Der Astronaut hat all die coolen Sachen aus dem Marsianer – die lockere selbstironische Sprache, die nerdige Liebe für die Wissenschaften – aber zusätzlich noch ein paar Ebenen mehr. Selbst für die Erinnerungslücken gibt’s eine okaye Erklärung, mit der ich mich abfinden kann.

Andy Weir hat mit seinem dritten Buch wieder eine coole, warme, nerdige Geschichte geschrieben, wie der Marsianer, aber doch neu und mehr. Wenn das so weitergeht, freue ich mich auf noch vieles mehr.

Der Astronaut von Andy Weir erschien bei Heyne und wurde übersetzt von Jürgen Langowski. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Über die Überwindung des Unglaubens

Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass es mir in Büchern, Serien und Filmen mittlerweile zu lange dauert, bis die Charaktere in den Geschichten akzeptieren, dass es Vampire/Zeitreisen/den Teufel/Zombies/was auch immer gibt. Oft gehe ich ja mit der Prämisse in die Geschichte und meine Fähigkeit, meinen Unglauben willentlich auszusetzen, ermöglicht mir, den Fakt „Vampire/Zeitreisen/Teufel/Zombies/was auch immer“ als gegeben anzusehen. Und da es in der Geschichte darum geht, werden auch die Protagonisten irgendwann daran glauben. Warum muss ich mir dann mehrere Seiten/Minuten durchlesen/anhören/ansehen, bis sie auch irgendwann dran glauben.

In meiner Rezension zu Lovecraft Country habe ich diesen Absatz über die Überwindung des Unglaubens drin. Da ich regelmäßig an diesen Punkt komme, wollte ich ihn gesondert im Blog haben. Weil es eben sehr oft vorkommt, dass ich durch den Klappentext / Trailer schon viel weiter bin, als die Protagonist:innen selbst.

Buch: Du hast mir den Kopf fairtrade von Rolf Rugenwälder

Liebe Leseperson (m/w/d), schön, dass du da bist!

Der erste Satz aus Du hast mir den Kopf Fairtrade.

Junger Mann trifft auf das tollste Mädchen und will sie für sich gewinnen, also wird er öko. Oder versucht es zumindest.

Rolf (beziehungsweise das Autorenduo hinter dem Pseudonym) schreibt also Tagebuch und erzählt, von all seinen Versuchen und seinem Scheitern, am Leben, an dem Mädchen und an einem nachhaltigen Leben.

Das Buch ist dünn und die Schrift ist relativ groß, eine recht kurze Unterhaltung, die mich immer wieder hat grinsen lassen und manchmal sogar laut auflachen. Ich muss immer wieder an Berts Katastrophen denken, die ich als Kind sehr gern gelesen habe. Viel Slapstick und Übertreibung, die Spaß machen.

Aber vom ersten Satz an habe ich mich immer wieder gefragt, für wen das Buch eigentlich gedacht ist. Die Leseprobe auf der Rückseite des Buches macht sich über Upcycling lustig, der Text drunter versucht aber, dieses Buch als Hilfestellung für Menschen anzupreisen, die öko ja gut finden, aber irgendwie überfordert sind. Dieses Gefühl hat sich für mich durch das ganze Buch gezogen: Es ist durchweg quatschig und machst sich über alles lustig, will aber gleichzeitig alles ernst nehmen. Das hat für mich nicht funktioniert. Trotz des Spaßes und des Lachens blieb es bis zum Ende nur okay. Und ich wüsste auch nicht, wem ich das Buch nun geben sollte. Meine Öko-Freund*innen fühlen sich im besten Fall in ihrer Ansicht bestätigt und können vielleicht ein bisschen über sich selbst lachen, aber irgendwas Neues werden sie nicht mitnehmen. Meine anderen Freund*innen würden es wahrscheinlich gar nicht erst anfangen, weil es zu sehr nach öko schreit.

Eine quatschige grüne Slapstickgeschichte also, die immer wieder lustig ist, aber leider nicht mehr.

Du hast mir den Kopf fairtrade von Rolf Rugenwälder erschien bei riva. „Rolf“ hat mir ein Exemplar zukommen lassen. Transparenz: Ich kenne beide Menschen hinter diesem Pseudonym. Im besten Fall bin ich dadurch ehrlicher und unbarmherziger.