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Bericht: Lesung von Nicola Denis („Die Tanten“) und Florian Werner („Der Stuttgart Komplex“) am Kultur Kiosk in Stuttgart

Weil Klett-Cotta bald gleich zwei Bücher rausbringt, die irgendwas mit Stuttgart zu tun haben, hat der Verlag zu einem kleinen Spaziergang durch die Stadt eingeladen, mit anschließenden Lesungen und Umtrunk.

Kennt ihr dieses Tourist in der eigenen Stadt sein? Ein bisschen fühlt sich dieser einstündige Spaziergang durch meine Nachbarschaft an. Ich bin hier jeden Tag unterwegs, aber Nicola Denis, Florian Werner und Tom Kraushaar, der Chefverleger von Klett-Cotta, laden diesen Alltag durch ihr Wissen und ihre Geschichten ganz neu auf. Bis wir im weiten Bogen am Kultur Kiosk am Züblin Parkhaus ankommen.

Nicola Denis redet mit ihrer Lektorin Corinna Kroker über ihr Buch „Die Tanten“ und liest daraus, danach reden Tom Kraushaar und Florian Werner über den „Stuttgart-Komplex„. Gespräche und Lesungen sind unterhaltsam und nur so lang, als dass sie viel mehr Lust auf die Bücher machen. Und danach tauchen wir ein in den Rest des Abends. Gespräche mit Buchhändler:innen, Verlagsmitarbeiter:innen und Kolleg:innen über Stuttgart, Bücher, Literatur, Kultur und den ganzen Rest.

Irgendwann spaziere ich nach Hause und zurück bleibt die Erinnerung an einen tollen Abend und die Spannung auf neue Bücher.

Danke an Klett-Cotta für die Einladung.

Illustrierter Roman: Das Labyrinth von Simon Stålenhag

Anfangs dachte man, es handele sich um ein kosmisches Problem.

Der erste Satz aus Das Labyrinth

Buch Vier von Simon Stålenhag und ich liebe es, dass Fischer Tor viel Liebe und Herzblut in diese deutschen Ausgaben steckt. Die Bücher haben ein tolles Großformat, fühlen sich gut an und die Bilder darin sind großartig. Nebeneinander im Regal ist das richtig schön. Da geht mein bibliophiles Herz auf.

Im Gegensatz zu Tales from the Loop und Things from the Flood – toll illustrierte Kurzgeschichtensammlungen – ist das Labyrinth tatsächlich wieder ein Roman und wie schon bei The Electric State ist es ziemlich cool, wie Stålenhag nicht nur seine Worte bebildert, sondern die Geschichte durch die Bilder erzählt und aufblühen lässt.

Das Labyrinth ist wieder eine Dystopie, nochmal düsterer als die anderen Bücher, in den Bildern und in der Geschichte. Die Geschichte hat den gleichen Sound, aber ist diesmal ein bisschen vorhersehbar. Wie eine Straße, die man schonmal gefahren ist, ein Film, den wir alle schon kennen. Aber Stålenhag reisst das durch seine Bilder raus. Jedes Mal kann ich in seine Welten eintauchen und für eine gute Zeit dort verweilen. Ich bin gespannt, wohin er mich als nächstes bringt.

Das Labyrinth von Simon Stålenhag wurde übersetzt von Stefan Pluschkat und erschien bei Fischer Tor. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Unaufgeforderte Einsendung von Penisbildern. Eine Antwort.

Ich habe das Glück sehr selten unaufgefordert Penisbilder zu erhalten. Leider geht es besonders Frauen oft anders. Sarah-Louise Jordan hatte irgendwann genug und folgende Antwort verfasst. Ich mag sie sehr, deshalb habe ich den Text (mit ihrer Erlaubnis) ins Deutsche übersetzt. Viel Spaß. Und nutzt ihn gern.

Sehr geehrter Herr,
vielen Dank für die unerwartete und unaufgeforderte Einsendung Ihres Penisporträts zu unserer Prüfung. Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass es unsere grundlegenden Standards der Qualitätskontrolle zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestanden hat.
Gegen eine geringe Gebühr können wir Ihnen jedoch einen Prüfbericht anbieten, der Ihnen helfen wird, dies zu ändern.
Der A4-Bericht, der Ihnen per Post zugestellt wird, enthält eine personalisierte Broschüre, die Folgendes enthält:

Warum Genitalien kein akzeptabler Gesprächseinstieg sind (eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Begrüßung)

Wie Sie den Eindruck erwecken, nicht von Wölfen aufgezogen worden zu sein; Bessere Möglichkeiten, mit Ihrer sexuellen Frustration umzugehen

Wie Sie Ihren Penis für die sozialen Medien anziehen (ein grober Leitfaden für Hosen)

Und:

Penislesen: eine neue Form der Handlesekunst, die Ihnen helfen kann, den Schlüssel zu Ihrer Zukunft zu entschlüsseln.

Wir werden auch Fragen beantworten, die Sie vielleicht haben, wie zum Beispiel:

Habe ich zu viel Zeit für mich?

Und:

Warum hat mein Penis die grundlegenden Standards der Qualitätskontrolle nicht bestanden? (Anmerkung: Der Hauptgrund dafür ist, dass er an einem Arschloch hängt).

Als Geste des guten Willens bieten wir Ihnen zwei kostenlose Proben für alle zukünftigen Penisporträts an: Eine originelle Kritik Ihres größten Stolzes und eine Überraschungsberatung mit Ihrem nächsten verfügbaren Familienmitglied über Ihr Portfolio.

Wir hoffen, dass Sie dieses aufregende Angebot annehmen und freuen uns darauf, in naher Zukunft mit Ihnen zusammenzuarbeiten.

Mit freundlichen Grüßen,
Sarah-Louise

Bericht: Ein Wochenende in der Künstlerstadt Kalbe

Schon länger war mir Kalbe im Ohr, weil mehrere Freund:innen und Kolleg:innen dort und immer begeistert waren. Als die Kunstlotterie dieses Jahr ausgerufen wurde, dachte ich mir, schönes Ding, ich bewerbe mich mal. Und wurde genommen. Das bedeutet, zwei Lose aus dieser Lotterie haben einen Auftritt von mir gewonnen, beide an einem Wochenende. Deshalb packe ich Bücher, Texte und Schreibmaschine ins Auto und fahre in diese Stadt, knapp sieben Stunden von Stuttgart entfernt.

Als ich ankomme, wird mir klar, warum ich mit der Bahn richtig oft hätte umsteigen müssen. Kalbe an der Milde ist zwar eine Stadt, aber hat nur ein Fünftel der Einwohner, die das Dorf hat, in dem ich groß geworden bin. Mit dem Ortsschild hört der Asphalt auf und das Kopfsteinpflaster zieht sich durch den gesamten Kern. Aber auch direkt nach dem Ortsschild hebt die erste Person, die mir auf dem Fahrrad die Hand und grüßt. Was in Stuttgart nur passiert, wenn ich die Walgrenze überschreite.

Das Orgateam samt Hund begrüßt mich und drückt mir den Schlüssel für meine Bleibe übers Wochenende in die Hand. Ein Zimmer in der alten Post. Sowieso werden viele Gebäude lange nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form genutzt. Deshalb finden auch Dinge im Gericht statt, oder eben in der alten Post.

Ein einfach eingerichtetes Zimmer, mit allem Wichtigem, bis auf Internet. Das, und ich habe das Ladegerät meines Computers vergessen. Mein Buch (ich habe immer eines dabei) habe ich bis Freitagmittag ausgelesen und es gibt in Kalbe keinen Bücherschrank. Ein Glück habe ich am Nachmittag meine erste Lesung.

Prinzip der Kunstlotterie ist, Kultur und Kunst an Orte zu bringen, wo sie sonst nicht vorkommt. Ich lese in einer Intensiv-Plegeeinrichtung, in der 5 Männer leben. Aus der Terrasse wird eine Bühne und mein Leseort, neben den Männern, fast alle im Rollstuhl, sind Angehörige und die Pfleger:innen da. Bei einer „normalen“ Lesung weiß ich in etwa, wie ein Publikum reagiert, welche Witze angebracht sind und worüber ich so reden kann.

Diesmal ist das ein bisschen anders. Und mitten im Satz fällt mir ein, dass so eine Pflegeeinrichtung nicht der beste Ort ist, um über ein Hospiz zu reden. Und Reaktionen sind auch eher spärlich. Also suche ich mir die freundlichen Gesichter und erzähle und lese knapp 90 Minuten. Und tatsächlich ist es das, was sich das Team der Künstlerstadt bei diesem Konzept gedacht hat: Ein kleines Fenster in eine ganz andere Welt, direkt im Alltag. Es funktioniert erstaunlich gut.

Während ich im Pflegeheim lese, geht in Kalbe der Tag der Nachbarschaft los, und wir fahren von der Lesung direkt dort hin. Im Hof eines ehemaligen Bauernhofes mitten im Stadtkern hängen Lampions, Nachbar:innen haben Kuchen gebacken und irgendjemand macht immer Musik. Es riecht nach Grill, Kinder und Jugendliche rennen durch die Gegend und alle, auf die ich treffe, wissen sofort, dass ich nicht von hier bin und sind offen und interessiert. Irgendwann kommt der Regen runter und meine Migräne gibt mir Bescheid, dass für mich der Abend zu Ende ist.

Am nächsten Abend sitze ich im großen Saal des Kunsthaus Salzwedel, vor dem Gebäude sind Poster von mir an einer Litfaßsäule und all das ist ein ziemlicher Kontrast zur Lesung am Tag davor. Aber irgendwie auch nicht, und wieder lese und erzähle ich rund 90 Minuten, diesmal aber mit ein bisschen mehr Lachen und Nicken und Fragen.

Und als wir im Auto zurück nach Kalbe sitzen, eröffnet mir Corinna, die „Leiterin“ der Künstlerstadt, die mich das ganze Wochenende begleitet hat, dass jetzt noch ein Geburtstag gefeiert wird, im Unordnungsamt, und ich wirklich herzlich mitkommen soll. Also gehen wir dorthin. Eine kurze Nacht später bin ich noch zum Frühstück eingeladen, danach setze ich mich ins Auto und verlasse diese urige Kleinststadt.

In den knapp zehn Jahren, die es das Konzept der Künstlerstadt schon gibt, haben sich 10 Künstler:innen von überall her entschlossen, dauerhaft in Kalbe zu bleiben. Und wenn ich mir die Menschen, die Mentalität und die Energie ansehe, mit der dieses kleine Team Kunst und Kultur in den Alltag verschiedenster Menschen bringt, kann ich das gut verstehen.

Wenn ihr also die Chance habt, Kalbe einen Besuch abzustatten – besonders als Künstler:in – macht das. Es lohnt sich. Sehr.

Was übrig bleibt: „Richard weiß, dass er zu den wenigen Menschen auf dieser Welt gehört, die sich die Wirklichkeit, in…“

“Richard weiß, dass er zu den wenigen Menschen auf dieser Welt gehört, die sich die Wirklichkeit, in der sie mitspielen wollen, aussuchen können.”

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Originalpost auf „was übrig bleibt“, eine Sammlung unterstrichener Sätze, gefundener Worte & liegengebliebener Gedanken aus Büchern, die wir lesen und lieben.