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Schlagwort: Buch (Seite 1 von 31)

Illustrierter Roman: The Electric State von Simon Stålenhag

Der Krieg war von Drohnenpiloten ausgetragen worden – von Männern und Frauen in Kontrollräumen fernab der Schlachtfelder, auf denen die Drohnen sieben Jahre lang in einem Strategiespiel gegeneinander antraten.

Der erste Satz aus The Electric State

Schon vor Jahren gingen die Bilder von Simon Stålenhag durchs Netz und ich dachte damals, geil, die Bilder erzählen schon so viel, daraus müsste man eine Geschichte machen. Dann verstehe ich, Stålenhag malt nicht nur, er musiziert und schreibt auch. Und die Bilder, die ich kenne, gehören tatsächlich zu einer existierenden Geschichte.

The Electric State ist sein dritter illustrierter Roman (ich liebe den Begriff und das Genre), aber der erste, der in Deutschland erscheint.

Ein junges Mädchen und ihr fast lebensgroßer Roboter streifen durch ein alternatives Amerika, in dem viele Sachen aussehen, wie wir es kennen, andere eben gar nicht.

Anfangs weiß ich kaum etwas und muss mir zusammensetzen, was passiert ist, welche Apokalypse in dieser Realität eingesetzt hat. Ich folge dem Mädchen und ihrem Roboter durch ein retrofuturistisches Amerika, nicht nur in Worten, mehr noch in den Bildern.

Das Buch ist ein dicker, wertiger Bildband, den man nicht im Rucksack hat, um ihn in der Bahn zu lesen. Ich muss mir die Zeit zuhause nehmen. Die Bilder dominieren, der Text ist klein, fast zweitrangig. Aber die Magie setzt tatsächlich erst ein, wenn man beides wirken lässt.

Denn The Electric State ist nicht nur eine Geschichte mit passenden Bildern, manches wird nur über die Bilder erzählt. Ich sehe Dinge, die im Text nicht erwähnt werden und gerade durch das Zusammenspiel beider Medien baut sich die Stimmung auf. Wer richtig eintauchen will, macht den von Stålenhag geschriebenen Soundtrack für das Buch an.

Literarisch ist Stålenhag nicht ganz so stark, wie seine Bilder es sind. Und trotzdem schafft er es, diese Geschichte so zu erzählen, dass ich eine Nacht lang darin versinke, immer mehr wissen will und am Ende berührt bin.

The Electric State ist ein wunderschön gemachtes Buch mit einer guten Geschichte, großartigen Bildern und einer fantastischen Welt.

The Electric State von Simon Stålenhag wurde übersetzt von Stefan Pluschkat und erschien bei Fischer Tor.

Buch: Wie man ein Auto baut von Adrian Newey

Ich wusste vorher nicht, wer Adrian Newey ist, ich bin auch kein Fan von Formel 1. Für mich sehen die Fahrzeuge jedes Jahr gleich aus und ich habe nie verstanden, wo der Spaß daran ist, anderen Menschen beim ewigen Rundenfahren zuzusehen.

Aber ich bin begeistert von Autos und Technik und will verstehen, wie Dinge funktionieren.

Schon im Vorwort wird klar, dass Newey einen ähnlichen Antrieb hat: Die Dinge verstehen und sie verbessern. Zu verstehen, wie Regeln funktionieren und wie man innerhalb derer das volle Potenzial schöpfen kann. Also erzählt er anhand der Autos, die er im Laufe seines Lebens konstruiert hat, sein Leben.

Manchmal waren mir technische Dinge ohne die passende Zeichnung zu komplex und ich weiß nicht, ob ich gern mit Newey arbeiten würde, aber die Geschichte, die er erzählt, ist gut geschrieben und sie unterhält mich nicht nur, sie bringt mir noch einige neue Sachen bei. So lese ich auch gerne 420 große Seiten.

Klar, für jemanden mit Wissen und Begeisterung für Formel 1 funktioniert das Buch wahrscheinlich noch besser. Aber selbst für mich und jeden anderen Menschen mit einem Grundinteresse für Technik und Verbesserung erzählt Newey (zusammen mit seinem Ghostwriter Andrew Holmes) Dinge, über die ich mich gefreut habe. Ohne etwas darüber sagen zu können, wie technisch sauber die erzählten Dinge sind.

Das Buch selbst sieht von außen leider am besten aus. Während das Cover wirklich schön gestaltet ist, kommen der Satz und das Design im Inneren da nicht ran. Und zumindest in der ersten Auflage auf Deutsch finden sich im Text, aber auch in den Zeichnungen ein paar Fehler, die ich sich hoffentlich mittlerweile ausgemerzt haben.

Wie man ein Auto baut von Adrian Newey und Andrew Holmes wurde übersetzt von Martin Bayer und erschien bei Pantauro. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Miami Punk von Juan S. Guse

Erleuchtet sind die Straßenzüge der einsamen Stadt, gewaltsam errichtet auf tropischem Sumpf.

der erste Satz aus Miami Punk

Als ich das Cover sah und den Klappentext las, dachte ich, will ich lesen. Besonders ohne Schutzumschlag strahlt das Buch samt Titel etwas sehr verführerisches aus.

Das Meer zieht sich von Miami zurück und die Stadt liegt auf dem Trockenen. Ein halbes Dutzend Protagonisten kämpfen sich durch ihre eigene Version der Realität und Guse schreibt sie nieder. Manchmal ineinander verzweigt, manchmal fragmentarisch und unabhängig. Juan S. Guse macht es mir nicht leicht und obwohl ich das Buch in knapp einer Woche am Stück lese, muss ich zurückblättern und gucken, ob ich irgendwas überlesen habe, weil manche Dinge ganz komisch zum ersten Mal auftauchen.

Ich muss an David Foster Wallace denken und an Joshua Cohen und was für die beiden gilt, greift auch hier: Es ist ein anstrengendes Buch und nicht immer weiß ich, wo ich bin oder was ich davon halten soll, aber ich werde belohnt: Mit Unterhaltung, mit Ideen, mit Schmunzeln und Trauer und mit neuem Wissen. Wobei ich immer wieder nachschlagen muss, was so auch bei Wikipedia steht und was Guse sich ausgedacht hat. (Was nicht bedeutet, dass diese Sachen ein und dasselbe sein könnten.) Ich bin sehr gerne in dieser Welt.

Ich bin ziemlich froh, dass Verlage wie S. Fischer heute noch solche Bücher machen, die garantiert kein großes Publikum erreichen. Aber die es erreicht, die sind dankbar drum.

Leider nur, mal abgesehen vom Design, wird Haptik des Buches nicht dem Inhalt gerecht. Der Einband und auch die Klebebindung fühlen sich an wie die Club Bertelsmann Lizenzausgaben von vor 20 Jahren. Das ist schade. Ich hätte dem Buch mehr gegönnt.

Miami Punk von Juan S. Guse erschien bei S. Fischer. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Sachbuch: Tiere essen von Jonathan Safran Foer

Als ich klein war, verbrachte ich das Wochenende oft bei meiner Großmutter.

Der erste Satz aus Tiere Essen.
Eine Anekdote: Ein befreundetes Ehepaar, etwa zwei Jahrzehnte älter, erzählt vor kurzem, dass sie nun Vegetarisch leben. Jahrelang hatten wir Gespräche über dieses Thema gehabt und ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Ich frage überrascht, wie es kommt und sie erklären, dass sie auf Netflix eine Doku gesehen haben und das nicht mehr verantworten können. (Leider konnte ich nicht rekonstruieren, welche genau.)
Beim nächsten Besuch erzählen sie, dass sie nun auch keine Milch mehr trinken und auf Hafer umgestiegen sind. Ich frage, warum und sie sagen, dass sie eine Doku gesehen haben. Ich nicke und lächele und frage, was als nächstes passiert und sie sagen: "Nichts. Wir gucken keine Dokus mehr."

Als Tiere essen vor 9 Jahren veröffentlicht wurde, habe ich das zwar mitbekommen, hatte aber bis dahin nichts von Jonathan Safran Foer gelesen. Und ich dachte, nicht noch mehr Kritik an Fleischkonsum. Die Ironie ist: Zwei Monate nach Veröffentlichung des Buches wurde ich Vegetarier. Und damit hatte sich die Lektüre dieses Buches auch irgendwie erledigt.

Vor ein paar Monaten landete das Buch dann doch in unserem Haushalt und wurde mir von meiner Freundin immer wieder und verstärkt ans Herz gelegt. Mittlerweile kenne ich ein paar Werke von Foer, Hier bin ich hat einen wirren, aber doch bleibenden Eindruck hinterlassen.

Und dann ist dieses Buch doch ganz anders, als erwartet. Kein Roman, aber auch kein Sachbuch, wie ich Sachbücher kenne. Mehr eine Art Biographie eines bestimmten Lebensaspektes: Als Jonathan Safran Foer Vater wird, fragt er sich, was für eine Welt er hinterlassen will und nach welchen Werten er seine Kinder erziehen will.

Diese Frage und all seine Recherchen zum Thema Tiere essen erzählt er, als würden wir gemeinsam am Tisch sitzen. Foer ist mir nah und menschlich, mit all seinen Fragen und Zweifeln, aber auch mit seinen Versuchen und seinem Scheitern auf dem Weg zu diesem Buch.

Er beginnt die Geschichte mit seiner jüdischen Großmutter, die aus Deutschland fliehen musste und fast verhungert wäre und die auf seine Frage, warum sie selbst damals kein Schweinefleisch gegessen hat, antwortet: Wenn nichts mehr heilig ist, wofür lohnt es sich zu leben?

Dann beschreibt Foer 400 Seiten lang sehr anschaulich, was es heutzutage für die Umwelt, für uns Menschen, aber vor allem für die Tiere bedeutet, wenn wir Tiere essen. So anschaulich, dass mir Stellenweise übel wird. Sehr eindrücklich und anhand vieler eigener Beispiele (und Quellen, die mir aber gar nicht so wichtig sind) macht er deutlich, dass der Verzehr von Tier nach den üblichen Produktionsarten heutzutage weder gesundheitlich, moralisch und auch nicht ökologisch zu vertreten ist. Fleischgenuss ist keine Frage des Müssens. Es ist eine Frage des Wollens. Purer Luxus. Aber darf Luxus diesen Preis haben, fragt Foer. Denn, wenn nichts mehr heilig ist, wofür lohnt es sich zu leben?

Für mich war das Buch eine eindrückliche Bestätigung und ein weiterer Schritt Richtung Veganismus. Gleichzeitig ist für mich hier aber auch das Problem. Ich glaube, viele können dieses Buch als Bestätigung ihrer Sichtweise nehmen. Aber die Menschen, bei denen Bücher (und Dokus) wie dieses die größte Veränderung und Bereicherung bringen könnten, werden sich wohl hüten, es zu lesen.

Tiere essen ist ein großartiges und wichtiges und sehr aktuelles Buch, nur weiß ich nicht, wie ich die richtigen Leute dazu bringe, es zu lesen.

Tiere essen von Jonathan Safran Foer wurde übersetzt von Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit und erschien bei KiWi.

Buch: Frontal von John Scalzi

Fast hätte ich den Tod von Duane Chapman verpasst.

Der erste Satz aus Frontal.

Was Fischer Tor auf ihrer eigenen Seite komplett verschweigt und auf Amazon nur im vorletzten Halbsatz streift: Frontal ist das Sequel zu Das Syndrom, in Deutschland bei Heyne erschienen.

Stellt euch vor, ein Grippevirus sperrt die Bewusstseine eines signifikanten Anteils der Menschheit in ihre Körper, sodass sie sich nicht mehr bewegen können: Das Locked-in-Syndrom. Wenn das genügend wichtige Leute betrifft, wird auch etwas dagegen gemacht. In Scalzis Version wird den eingesperrten Menschen, die Haden genannt werden, ein Roboter zur Verfügung gestellt, den sie anstatt ihres Körpers verwenden, um Teil der Gesellschaft zu sein. Chris ist ein Haden und beim FBI.

Im ersten Band beginnt Chris ganz neu beim FBI und muss sich nicht nur mit dem ersten Fall, sondern auch mit seiner Kollegin beschäftigen, die anfangs (natürlich) nichts mit ihm anfangen kann. Ich mochte das Buch, diesen Krimi in der Zukunft und habe mich gefreut, als es ein Sequel gab.

In Frontal spinnt Scalzi die Welt, die er in Das Syndrom aufbaut, weiter. Wie ist eine Welt, die sich langsam daran gewöhnt, dass Menschen, die nicht anders an der Weilt teilnehmen können, Roboteranzüge haben? Welche Sportarten entwickeln sich neu? Welche Proteste könnte es gegen Menschen in Roboterkörpern geben? Und wann wollen die ersten Menschen solche Körper, einfach, weil sie besser sind, als Fleisch und Blut?

All das spielt Scalzi in Frontal durch, schickt Chris und seine Kollegin Vann in einen neuen Fall, neue Verschwörungen, neue Probleme.

Ich mag Scalzis leichte Art, mag, wie die Welt immer größer wird und trotzdem in ganz vielen Belangen unserer gleich bleibt. Was mich, ähnlich zum ersten Band, stört, ist der „Zeitungsartikel“, der dem Roman vorgestellt ist und den Leserïnnen die Welt erklären soll. Brauchte es schon beim ersten Buch nicht, braucht es auch hier nicht. Man muss auch nicht den ersten Band lesen, aber die Größe und Vielfalt dieser Welt geht auf, wenn man ihn kennt.

Scalzi hat ganz viele Erzählwelten, ich hoffe, er bleibt dieser noch eine Weile treu. Das ist keine große Literatur, aber es ist mehr als nur Unterhaltung und ich bin gern dort.

Frontal von John Scalzi wurde übersetzt von Bernhard Kempen und erschien bei Fischer Tor. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.