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Schlagwort: Buch (Seite 1 von 30)

Buch: Boy Erased von Garrard Conley

John Smid stand aufrecht, Schultern breit, strahlender Blick durch eine dünn geränderte Drahtgestellbrille, am Leib die Kakihosen und das gestreifte Button-down-Hemd, die zur Standarduniform für evangelikale Männer im ganzen Land geworden sind.

Der erste Satz aus Boy Erased

Die autobiografische Erzählung von Garrard Conley, schwuler Sohn eines Baptistenpredigers, der von seinem Vater in ein religiöses Ex-Gay-Programm geschickt wird, eine sogenannte Reparativtherapie.

Die Verfilmung hat mir den Magen umgedreht und mich auf Menschen wütend gemacht, die im Namen eines Gottes, einer Religion, einer Bibel andere Menschen einschränken und unterdrücken.

Das Buch ist ungeordneter, weniger dramaturgisch aufbereitet, als der Film, manche Geschehnisse aus dem Film fehlen auch, dafür öffnet Conley sich komplett und lässt mich 330 Seiten lang ganz nah mitfühlen, wie es ihm geht. Das ist nicht so spannend aufgebaut, wie es der Film schafft, dafür kann ich nicht nur ihn besser nachvollziehen, sondern auch seinen Vater. Dessen Reise und Vergangenheit ist auch keine einfache. Das ist keine Entschuldigung für nichts, aber es macht ihn als Mensch greifbarer. Manchmal musste ich mich durch die Seiten quälen. Weil ich schon längst verstanden habe, Conley aber den Schmerz, die Unsicherheit, die Irritation, die Scham vollkommen auskostet und es mich wirklich verstehen lassen will.

Dazu das Buch selbst. Ich glaube, in einer Welt, die so voller Inhalte und Medien ist, wie die unsere, können Bücher nur dadurch gewinnen, dass sie nicht nur Überbringer von Geschichten und Kunst sind, sondern selbst auch Kunstwerke. Die Bücher des Secession Verlag sind dabei ganz vorne mit dabei. Das ist nicht nur ein Hardcoverbuch. Das ist ein mit Liebe gemachtes Werk, vom Papier über die Bindung, bis hin zur minimalistischen und extrem haptischen Gestaltung. Ich liebe es, dieses Buch in der Hand zu halten, es zu öffnen, in ihm zu lesen.

Boy Erased ist kein literarisches Meisterwerk. Aber es ist ein wichtiges und auf manche Weise auch wunderschönes Buch.

Boy Erased von Garrard Conley wurde übersetzt von André Hansen und erschien im Secession Verlag. Ich habe ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen.

Hörbuch: Der Outsider von Stephen King, gelesen von David Nathan

Das Zivilfahrzeug war ein unauffälliger, schon etwas älterer PKW, aber die breiten schwarzen Reifen und die drei Insassen verrieten, worum es sich handelte.

Der erste Satz aus der Outsider

Ein vergewaltigter und ermordeter Junge, ein Tatort voller Fingerabdrücke und DNA und eine ganze Menge Zeugen. Aus der Sicht der Polizisten ein ganz klarer Fall. Aber wir erleben diese Geschichte auch aus der Sicht des Verdächtigen und wissen, dass er es nicht war. Er kann es sogar beweisen.

Achtung, ab hier mögliche Spoiler.

Stephen King beginnt die Geschichte wie einen Krimi und mischt im Laufe des Buches das Kingesque immer weiter dazu. Eigentlich ja plump. Ich folge der Geschichte, weil ich wissen will, wie das bitte sein kann, dass der Verdächtige scheinbar an zwei Orten gleichzeitig war und nichts von der Tat weiß. Dass die Lösung etwas Übernatürliches beinhaltet, würde ich vielen anderen Autor*innen nicht verzeihen, würde mir dabei ausgetrickst vorkommen.

Aber es ist Stephen King und ich wusste, worauf ich mich einlasse. Und es funktioniert. Nicht nur, weil es Stephen King ist, sondern auch, weil in der Geschichten Protagonisten vorkommen, die noch ungläubiger sind als ich und ich spätestens mit ihnen langsam an das Übernatürliche heran tasten kann. Nicht, dass ich es brauche, aber ich könnte.

Regelmäßig habe ich bei Stephen King das Gefühl, dass er seine Sonderposition (Stephen King zu sein) nutzt, um Dinge auszuprobieren, die man als ’normaler‘ schreibender Mensch niemals bei einem Verlag durchkriegen würde. In diesem Roman spielt King mit den Erzählperspektiven. Nicht zum ersten Mal, beispielsweise hatte Der Buick mehrere Ich-Erzähler, die teilweise innerhalb eines Satzes wechselten. Diesmal schafft King es gerade durch die wechselnden Perspektiven, dass ich sowohl dem Polizisten, als auch dem Verdächtigen glaube, obwohl es gleichzeitig nicht sein kann.

Dazu kommen auch solche Sachen dazu, dass King einen Hauptprotagonisten in der erste Hälfte des Romans sterben lässt und in der zweiten Hälfte dafür eine Hauptprotagonistin einführt.

Ich habe nicht nur eine tolle Geschichte, ich werde in meiner Erwartung immer wieder gebrochen, auf verspielte und schöne Art. Und ich kriege es von David Nathan vorgelesen, was sich sowieso fast immer lohnt.

Eine Sache, die mich in der sonst sauberen Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt gestört hat ist der fast schon penetrante Verzicht des Genitivs. Ich kann verstehen, dass Protagonisten nicht zwingend einen Genitiv nutzen, aber in diesem Roman tut das auch der Erzähler. Wenn ich Herrn Kleinschmidt begegne, frage ich ihn, ob das Absicht war.

Ich lese nicht alle Bücher von Stephen King, einerseits aus Zeitmangel, andererseits, weil mich nicht alle Themen interessieren. Dieses hier ist großartig und funktioniert auch für Menschen, die noch nie Stephen King gelesen haben. Sofern sie mit Übernatürlichem leben können.

Der Outsider von Stephen King wurde übersetzt von Bernhard Kleinschmidt, gesprochen von David Nathan und erschien bei Random House Audio. Der Roman erschien bei Heyne.

Buch: Dodgers von Bill Beverly

Die Jungs kannten nur The Boxes, für sie gab es nichts anderes.

Der erste Satz aus Dodgers

Vor einem Jahr las ich zum ersten Mal über dieses Buch, über die vier Jungs, die ihr Viertel in Los Angeles noch nie verlassen hatten und nun auf einen Road Trip durch die USA aufbrachen, um einen Auftrag zu erledigen. Der Plot explodierte in meinem Kopf. Geile Idee und so viele Möglichkeiten, an die allein ich dachte. Ich war ziemlich gespannt und freute mich darauf, das Buch endlich in die Hände zu bekommen.

Jetzt ist es da, das Cover ganz anders als sonst auf der Welt, und ich bin nach dem Lesen enttäuscht. Weil, ja, es geht um diese vier Jungs und ihren Trip. Und es ist auch leicht zu lesen. Aber Bill Beverly kommt vollkommen ohne Emotionalität aus, was dem ganzen Roman eine kühle Distanz verleiht, die mich auch immer wieder fragen lässt, wie es den Protagonisten eigentlich geht.

Zusätzlich habe ich das Gefühl, dass Beverly mit seiner Idee unglaublich viele Dinge hätte machen können. Er aber kaum was damit macht. Dafür, dass die Jungs noch nie aus L.A. draußen waren, interessiert oder verwundert sie kaum etwas, als sie unterwegs sind. Sie reagieren kaum auf die Welt, was die ganze Reise irgendwie unnötig macht. Und dann baut der deutsche Klappentext auch noch Erwartungen auf, die eigentlich als Twist im letzten Drittel gedacht waren.

Dodgers ist kein schlechtes Buch. Ganz viele andere finden es sogar großartig. Ich habe es schnell lesen können und ich war auch in einer Realität, die karg und düster und ganz weit weg von meiner ist, glücklicherweise. Aber es ist nicht das Buch, die Road Novel, die Coming Of Age Geschichte, auf die ich mich gefreut habe. Schade.

Dodgers von Bill Beverly wurde übersetzt von Hans M. Herzog und erschien bei Diogenes. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Buch: Der Fall von Gondolin von J.R.R. Tolkien, herausgegeben von Christopher Tolkien

Endlich wieder Mittelerde! Und dann auch noch Illustriert von Alan Lee. „Der Fall von Gondolin“ ist das wahrscheinlich letzte von Christopher Tolkien herausgebrachte Werk seines Vaters, der Mann ist mittlerweile 94 Jahre alt, und erzählt die Geschichte des Menschen Tuor auf seiner Suche nach der geheimen Elbenstadt Gondolin.

Bekannt ist dieses Epos schon aus dem „Silmarillion“ und den „Nachrichten aus Mittelerde“, jedoch werden uns im vorliegenden Band alle Fassungen der Geschichte präsentiert, kommentiert und in Tolkiens Lebensgeschichte eingeordnet.

Die Idee ist nicht neu, Christopher Tolkien hat schon bei „Die Kinder Húrins“ und „Beren und Lúthien“ diese Art der Veröffentlichung angewandt. Sie funktioniert. Wissenschaftlich fundiert und liebevoll werden die unterschiedlichen Texte in ihren  Mittelerdekontext eingeordnet und ergeben in ganz unterschiedlicher Sprachqualität ein detailliertes Bild von Tolkiens Arbeit und dessen schriftstellerischer Entwicklung.

Kann man dieses Buch als Mittelerdeneuling genießen? Nein! 

Durchgängige Querverweise auf weitere Werke des Autors, selbstverständliches Erwähnen von etablierten Charakteren und die selbe Geschichte in acht Fassungen und ihren unterschiedlichen Enden sind nur für Tolkienfans ein Genuss.

Für alle, die Spaß am „Silmarillion“ hatten und die sich gern mit Literaturanalyse beschäftigen, ist „Der Fall von Gondolin“ aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Gerade durch die unterschiedlichen Fassungen taucht man in Tolkiens Phantasie ein und fühlt, wie sehr ihm die Figuren mit jeder Version mehr ans Herz wachsen.

Solltet ihr nur durch das Schauen der Herr der Ringe Filme bewogen worden sein, das Buch zu kaufen, dann probiert euch aus, lasst euch anlocken von Tolkiens Welt und freut euch, dass Legolas einen kurzen, aber typischen Auftritt hinlegen wird.

Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien, herausgebracht von Christopher Tolkien, illustriert von Alan Lee und übersetzt von Helmut W. Pesch, erschien bei der Hobbit Presse von Klett-Cotta. Der Verlag hat ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Gastrezension von Felix Heller, Dauerbahnfahrer und dadurch Vielleser. In völligem Größenwahn gründete ein Orchester und singt nun Pop und Schlager auf japanisch oder türkisch. Hauptberuflich bringt er Opernsängerinnen und -sängern Bühnendeutsch bei, spielt Musicals und moderiert sich durch die Republik. 

Roman: Carter von Ally Klein

„Seit wann bist du zurück?“

Der erste Satz aus Carter

Da ist ein namenloses, geschlechtsloses, fast körperloses Ich. Und da ist Carter, das Gegenteil. Körperlich, offen für alles, süchtig nach der Berührung, nach dem Spaß. Die Beiden treffen aufeinander und der Ich-Erzähler kommt ins Straucheln.

Ally Klein geht es nicht um die Geschichte, ihr geht es um die Atmosphäre, um das Erkunden des Gefühls und blinden Tasten nach dem eigenen Sein. Die Geschichte selbst ist für sie dabei nur Mittel, schmuckloses Beiwerk. Ich strebe aber nach Geschichten. Ich will wissen, was passiert, wie es passiert, warum es passiert. Dieses Ich macht es mir schwer, aber nachdem ich über die ersten paar Seiten bin, nachdem ich mich auf ihn (oder sie) eingestellt habe, bin ich drin.

Ich mag die Sprache, das Suchen der Worte, die Art, Dinge zu beschreiben. In meinem ersten Roman gibt es einen bisschen sonderbaren Charakter, der kaum mit Leuten spricht, aber extrem viel liest und ganz anders mit der Sprache umgeht:

Ich konnte zwar Deutsch sprechen, doch Alex spielte mit den Worten. Er wählte jedes seiner Worte bewusst aus, er war wie ein Mönch der Worte. Machte lange Pausen, nur um unter zehn möglichen das einzig wirklich passende herauszupicken. Nahm sie zurück, wenn sie nicht passten, und spuckte ein weiteres aus. Er ließ sie durch seine Finger gleiten, wie Stoff, den man auf seine Qualität hin überprüft. Er ließ keine unbewusste Zweideutigkeit in seinen Redewendungen aufkeimen.

aus ‚Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen‘

Daran musste ich denken, als ich Carter las. Und obwohl ich mehr auf Story, als auf Atmosphäre stehe, konnte ich hier beides genießen. Ich kam mir manchmal vor wie auf einem Trip und war die ganze Zeit auf der Suche nach Hinweisen, Konkretem. Wollte wissen, was wirklich passiert und was nur in seinem Kopf (für mich ist es eindeutig ein Er). Und dass ich am Ende wieder am Anfang bin, hat mich erst geärgert und dann sehr gefreut.

Transparenz: Ally und ich sind befreundet. Ich kannte frühere Ausschnitte aus Carter, sie kennt Rohversionen meiner Texte. Gerade deshalb bin ich überrascht. Weil ich ‚weiß‘, dass wir ganz unterschiedlich arbeiten, ganz unterschiedlich lesen. Ich dachte, ich lese ihren Roman mit der zugewandten Haltung eines Freundes. Ich war aber unvoreingenommener, gefangener Leser. Dafür: Danke!

Carter ist ein dichtes Buch, ein fast absatzloser Trip voller Eindrücke, der viel Platz für die eigene Interpretation lässt. Viel Platz zum Nachdenken.

Carter von Ally Klein erschien bei Droschl. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.