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Buch: Die Geschichte der Bäume von Kevin Hobbs und David West, illustriert von Thibaud Hérem

Diese fundierte Geschichte der Bäume ähnelt Treffen mit alten Freunden: Sie führt uns Freunde vor Augen, die wir kennen, überrascht zugleich mit Informationen und Geschichten, die uns kaum oder gar nicht bekannt sind.

Der erste Satz aus Die Geschichte der Bäume.

Wann besser über dieses Buch schreiben als am Tag des Baumes?

Stell dir vor, ein Freund geht mit dir durch den Wald, bleibt immer mal wieder an Bäumen stehen und erzählt dir Anekdoten: Wie lange Menschen diesen Baum schon kultivieren, wie und wo er wächst und was an ihm kurios ist. Dieses Buch ist so ein Freund.

Mehr als 100 Bäume inklusive Illustrationen von Thibaud Hérem auf rund 200 Seiten in einem schweren Band, der sich sehr schön produziert ist. Andererseits ist es dadurch nicht das Buch, das man einfach in der Tasche mit sich rumträgt, was irgendwie schade ist, denn dann könnte ich damit wirklich durch den Wald und die Bäume suchen, seine eigenen Anmerkungen machen und es erweitern.

Aber auch so: Ich lerne viele neue Dinge über Bäume und wie sie mit dem Menschen verbunden sind und schon beim nächsten Baum bleibe ich stehen und schaue ihn bewusster an, als ich es schon lange getan habe.

Die Geschichte der Bäume ist kein Buch, dass man von vorne nach hinten durchliest. Es ist eine Sammlung kleiner Geschichten. Erst lese ich die meiner liebsten Bäume, dann die der kuriosen Bäume und entdecke danach erst all die anderen.

Ein Museumsführer durch die Umwelt, der Spaß macht und mit viel Liebe gestaltet ist. Aber durch sein Format leider eher ein Coffee Table Book als ein wirklicher Führer, den ich zerfleddert immer im Rucksack liegen habe und immer wieder heraushole. Das könnte ja noch kommen.

Die Geschichte der Bäume von Kevin Hobbs und David West, illustriert von Thibaud Hérem, wurde übersetzt von Bettina Eschenhagen und erschien bei Laurence King. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Illustrierter Roman: Tales From The Loop von Simon Stålenhag

Tief unter der Erde lag der Loop.

Der erste Satz aus Tales from the Loop.

Der Loop ist ein riesiges unterirdisches Forschungslabor in Schweden in den 1980ern. Und der Loop verändert das Leben, das sich über ihm abspielt. Tales from the Loop erzählt Anekdoten aus diesem Leben. Dinge, die in dieser Realität geschehen.

Wie auch schon bei The Electric State verbindet Stålenhag wunderschöne Bilder mit Texten und lässt gerade durch die Verschränkungen und Leerstellen Geschichten entstehen. Und auch hier gibt es Extramaterial, diesmal ein Rollenspiel in der Welt des Loops.

Aber leider merkt man auch hier, dass Stålenhag erst die fantastischen Bilder gemalt hat. Die Texte sind nicht schlecht, manchmal sogar fantastisch, aber im Großen und Ganzen kommen sie nicht an die Bilder ran.

Und was leider eine Lüge ist, ist die Bezeichnung „Roman“ auf der deutschen Ausgabe. Stålenhag selbst sagt im Vorwort, dass er einzelne Geschichten (Erinnerungen) erzählt. Das ist vollkommen in Ordnung und an manchen Stellen lässt er dadurch meine Fantasie größer überborden, als The Electric State es konnte. Aber alle, die eine zusammenhängende Geschichte erwarten, werden enttäuscht. Und das „in die Geschichte gezogen werden“ fand ich hier ein wenig schwächer, als beim ersten in Deutschland erschienenen Buch von Stålenhag.

Trotzdem: Tolle Bilder, fantastische Fantasie und Vorlage für die mittlerweile auf Amazon Prime verfügbare Serie. Da bin ich ziemlich gespannt drauf.

Tales from the Loop von Simon Stålenhag wurde übersetzt von Stefan Pluschkat und erschien bei Fischer Tor. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Illustrierter Roman: The Electric State von Simon Stålenhag

Der Krieg war von Drohnenpiloten ausgetragen worden – von Männern und Frauen in Kontrollräumen fernab der Schlachtfelder, auf denen die Drohnen sieben Jahre lang in einem Strategiespiel gegeneinander antraten.

Der erste Satz aus The Electric State

Schon vor Jahren gingen die Bilder von Simon Stålenhag durchs Netz und ich dachte damals, geil, die Bilder erzählen schon so viel, daraus müsste man eine Geschichte machen. Dann verstehe ich, Stålenhag malt nicht nur, er musiziert und schreibt auch. Und die Bilder, die ich kenne, gehören tatsächlich zu einer existierenden Geschichte.

The Electric State ist sein dritter illustrierter Roman (ich liebe den Begriff und das Genre), aber der erste, der in Deutschland erscheint.

Ein junges Mädchen und ihr fast lebensgroßer Roboter streifen durch ein alternatives Amerika, in dem viele Sachen aussehen, wie wir es kennen, andere eben gar nicht.

Anfangs weiß ich kaum etwas und muss mir zusammensetzen, was passiert ist, welche Apokalypse in dieser Realität eingesetzt hat. Ich folge dem Mädchen und ihrem Roboter durch ein retrofuturistisches Amerika, nicht nur in Worten, mehr noch in den Bildern.

Das Buch ist ein dicker, wertiger Bildband, den man nicht im Rucksack hat, um ihn in der Bahn zu lesen. Ich muss mir die Zeit zuhause nehmen. Die Bilder dominieren, der Text ist klein, fast zweitrangig. Aber die Magie setzt tatsächlich erst ein, wenn man beides wirken lässt.

Denn The Electric State ist nicht nur eine Geschichte mit passenden Bildern, manches wird nur über die Bilder erzählt. Ich sehe Dinge, die im Text nicht erwähnt werden und gerade durch das Zusammenspiel beider Medien baut sich die Stimmung auf. Wer richtig eintauchen will, macht den von Stålenhag geschriebenen Soundtrack für das Buch an.

Literarisch ist Stålenhag nicht ganz so stark, wie seine Bilder es sind. Und trotzdem schafft er es, diese Geschichte so zu erzählen, dass ich eine Nacht lang darin versinke, immer mehr wissen will und am Ende berührt bin.

The Electric State ist ein wunderschön gemachtes Buch mit einer guten Geschichte, großartigen Bildern und einer fantastischen Welt.

The Electric State von Simon Stålenhag wurde übersetzt von Stefan Pluschkat und erschien bei Fischer Tor.

Buch: Wie man ein Auto baut von Adrian Newey

Ich wusste vorher nicht, wer Adrian Newey ist, ich bin auch kein Fan von Formel 1. Für mich sehen die Fahrzeuge jedes Jahr gleich aus und ich habe nie verstanden, wo der Spaß daran ist, anderen Menschen beim ewigen Rundenfahren zuzusehen.

Aber ich bin begeistert von Autos und Technik und will verstehen, wie Dinge funktionieren.

Schon im Vorwort wird klar, dass Newey einen ähnlichen Antrieb hat: Die Dinge verstehen und sie verbessern. Zu verstehen, wie Regeln funktionieren und wie man innerhalb derer das volle Potenzial schöpfen kann. Also erzählt er anhand der Autos, die er im Laufe seines Lebens konstruiert hat, sein Leben.

Manchmal waren mir technische Dinge ohne die passende Zeichnung zu komplex und ich weiß nicht, ob ich gern mit Newey arbeiten würde, aber die Geschichte, die er erzählt, ist gut geschrieben und sie unterhält mich nicht nur, sie bringt mir noch einige neue Sachen bei. So lese ich auch gerne 420 große Seiten.

Klar, für jemanden mit Wissen und Begeisterung für Formel 1 funktioniert das Buch wahrscheinlich noch besser. Aber selbst für mich und jeden anderen Menschen mit einem Grundinteresse für Technik und Verbesserung erzählt Newey (zusammen mit seinem Ghostwriter Andrew Holmes) Dinge, über die ich mich gefreut habe. Ohne etwas darüber sagen zu können, wie technisch sauber die erzählten Dinge sind.

Das Buch selbst sieht von außen leider am besten aus. Während das Cover wirklich schön gestaltet ist, kommen der Satz und das Design im Inneren da nicht ran. Und zumindest in der ersten Auflage auf Deutsch finden sich im Text, aber auch in den Zeichnungen ein paar Fehler, die ich sich hoffentlich mittlerweile ausgemerzt haben.

Wie man ein Auto baut von Adrian Newey und Andrew Holmes wurde übersetzt von Martin Bayer und erschien bei Pantauro. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Roman: Miami Punk von Juan S. Guse

Erleuchtet sind die Straßenzüge der einsamen Stadt, gewaltsam errichtet auf tropischem Sumpf.

der erste Satz aus Miami Punk

Als ich das Cover sah und den Klappentext las, dachte ich, will ich lesen. Besonders ohne Schutzumschlag strahlt das Buch samt Titel etwas sehr verführerisches aus.

Das Meer zieht sich von Miami zurück und die Stadt liegt auf dem Trockenen. Ein halbes Dutzend Protagonisten kämpfen sich durch ihre eigene Version der Realität und Guse schreibt sie nieder. Manchmal ineinander verzweigt, manchmal fragmentarisch und unabhängig. Juan S. Guse macht es mir nicht leicht und obwohl ich das Buch in knapp einer Woche am Stück lese, muss ich zurückblättern und gucken, ob ich irgendwas überlesen habe, weil manche Dinge ganz komisch zum ersten Mal auftauchen.

Ich muss an David Foster Wallace denken und an Joshua Cohen und was für die beiden gilt, greift auch hier: Es ist ein anstrengendes Buch und nicht immer weiß ich, wo ich bin oder was ich davon halten soll, aber ich werde belohnt: Mit Unterhaltung, mit Ideen, mit Schmunzeln und Trauer und mit neuem Wissen. Wobei ich immer wieder nachschlagen muss, was so auch bei Wikipedia steht und was Guse sich ausgedacht hat. (Was nicht bedeutet, dass diese Sachen ein und dasselbe sein könnten.) Ich bin sehr gerne in dieser Welt.

Ich bin ziemlich froh, dass Verlage wie S. Fischer heute noch solche Bücher machen, die garantiert kein großes Publikum erreichen. Aber die es erreicht, die sind dankbar drum.

Leider nur, mal abgesehen vom Design, wird Haptik des Buches nicht dem Inhalt gerecht. Der Einband und auch die Klebebindung fühlen sich an wie die Club Bertelsmann Lizenzausgaben von vor 20 Jahren. Das ist schade. Ich hätte dem Buch mehr gegönnt.

Miami Punk von Juan S. Guse erschien bei S. Fischer. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.